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In der Liebe ist die Hölle los

Zu diesem Buch

Die Familie Morgenstern besitzt die teuersten Häuser, fährt die schnellsten Autos, trägt die extravagantesten Kleider – und trotzdem will Catalea Morgenstern nur eins: nicht dazugehören und ein ganz normales Leben führen. Leider unmöglich, denn ihr Vater ist der Teufel und die Hölle seine Firma. Und das Geschäft boomt in Zeiten von Katastrophen und Wirtschaftskrisen, sodass ihr Vater im Wettstreit der sieben Häuser um den Vorsitz in der Unterwelt jede Unterstützung braucht. Als Cataleas Beziehung zu ihrem Freund wegen ihrer Geheimniskrämerei ein mehr als tragisches Ende nimmt, weiß auch sie, dass es so nicht weitergehen kann. Ohne Job, ohne Mann und ohne Hoffnung auf Glück in der irdischen Welt bleibt ihr nichts Anderes übrig, als in das florierende Familienunternehmen einzusteigen. Doch schon bei ihrem ersten Auftrag geht alles schief: Der Erbe eines der konkurrierenden Höllenhäuser wird vor ihren Augen ermordet und Catalea als Tatverdächtige festgenommen. Augenblicklich ist die halbe Hölle hinter ihr her. Ihre einzige Rettung: der teuflisch gut aussehende Totenanwalt Timur Vargas, den die Dunkelheit umgibt wie keinen Zweiten. Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht, doch sie geraten zwischen die Fronten eines schrecklichen Machtkampfes, bei dem weit mehr als Cataleas Leben in Gefahr gerät …

Für Andreas

1

Der Cappuccino schmeckte wie ein Cappuccino nun einmal schmeckte, wenn er aus abgestandenem Filterkaffee und Milchschaum, der wie billiger Styropor aussah, zusammengebastelt worden war. Daran änderten auch das andauernde Umrühren und die mittlerweile drei Tütchen Zucker nicht mehr viel. Vielleicht hätte ein ordentlicher Schuss Alkohol geholfen, aber dann hätte ich mich nicht länger so gut zusammenreißen können.

Einmal abgesehen von der miserablen Kaffeequalität war dieser Abend ohnehin nicht gerade das, was ich mir unter einem romantischen Abendessen vorgestellt hatte. Wieder einmal klafften Wunschdenken und Realität weit auseinander.

Jan hatte sich mit mir treffen wollen. Jan, der Typ, von dem ich ehrlich sagen konnte, dass er der erste Mann war, mit dem ich eine echte Beziehung gehabt hatte, mit dem ich also länger als drei Dates zusammen gewesen war, der mich so genommen hatte, wie ich war, mit allen Ecken und Kanten – und das waren zugegebenermaßen verdammt kantige Kanten.

Aber genau hier lag ja auch schon das eigentliche Problem: nicht bei den Kanten, sondern dass ich mit ihm zusammen gewesen war – Vergangenheit. Gesagt hatte Jan zwar, dass er die Probleme in unserer Beziehung aus dem Weg schaffen wolle, tatsächlich wollte er aber wohl eher mich aus dem Weg schaffen.

»Ich mag dich wirklich, aber ist dir eigentlich klar, was in den letzten Monaten mit mir passiert ist?«, fragte er um Fassung bemüht und strich sich die braunen Haare aus der Stirn. Er sah mich unverwandt an, mit diesen wundervollen dunklen Augen, in die ich mich verliebt hatte. Jan war anders als die belanglosen Typen, die ich bisher immer getroffen hatte. Er war kein gewöhnlicher Mann, und manchmal glaubte ich sogar, dass er mit diesen außergewöhnlichen Augen hinter die Wand blicken konnte, die ich um mich herum errichtet hatte und die niemals verschwinden würde.

Außerdem sah er einfach viel zu fantastisch aus. Er war viel zu groß, viel zu gut gebaut und hatte viel zu schöne Augen – und der Sex war einfach sagenhaft.

Natürlich wusste ich, was er in den letzten Wochen durchgemacht hatte. Es war einfach nur das passiert, was immer mit Männern passierte, die mir zu nahekamen. Meine Familie hatte sich eingemischt, hatte deutlich gemacht, dass sie unzufrieden mit meiner Partnerwahl war und dass diese Beziehung gefälligst zu enden hatte. Und trotzdem war ich mit dem festen Vorsatz hergekommen, ein Ende dieses Mal nicht einfach so hinzunehmen.

»Ich weiß, dass das alles nicht leicht ist, aber …« Weiter kam ich erst gar nicht, weil Jan mir wieder ins Wort fiel, und dieses Mal schien er die Fassung an den Zorn verloren zu haben.

»Nicht leicht? Kapierst du eigentlich, dass dieser Typ mir damit gedroht hat, mich umzubringen?!«

Ich seufzte innerlich. Manchmal schoss Augusto ein winziges bisschen übers Ziel hinaus. Er hatte sicher nicht wirklich versucht Jan umzubringen, sondern höchstens damit gedroht, und das war bei ihm schon ein gewaltiger Unterschied. Wenn Augusto tatsächlich kurzen Prozess machen wollte, schnippte er nur mit dem Finger, und wenn er Spaß an der Sache hatte, griff er tief in die Trickkiste der Grausamkeiten, über die ich lieber nicht nachdenken wollte. Aber eine einfache Warnung war wirklich nichts, worüber man sich ernsthaft Gedanken machen müsste – zumindest dann nicht, wenn man wusste, wer Augusto war.

»Also weißt du …« Ok, ich musste mir meine Wortwahl genau überlegen. »Ich glaube nicht, dass er wirklich etwas getan hätte, er wäre nur …« Wieder das gleiche Spiel – Jan unterbrach mich schneller, als ich meinen Gedanken überhaupt zu Ende bringen konnte. Das war wirklich ziemlich anstrengend.

»Er hat gesagt, dass er mir erst meine Eier und dann meinen Kopf abschneiden würde. Und er hatte ein ziemlich langes Messer dabei! Ein verdammtes Messer? In meiner Wohnung, im Schlafzimmer, als ich nach Hause kam.« Jetzt brüllte er sogar. Mittlerweile drehten sich einige der anderen Gäste zu uns um.

Ich musterte eine Gruppe reicher Kids, die sich eine Flasche Chardonnay nach der anderen kommen ließen und sich offensichtlich alle mit Chanel Nº 5 eingenebelt hatten. Eine von ihnen trug eine pinke und mit Nieten besetzte Uniformjacke in Camouflageoptik, die sie mit einem ledernen Minirock kombiniert hatte – das hätte nicht einmal Lady Gaga angezogen. Abgesehen davon hätte ich in diesem Moment absolut alles für ein Glas Chardonnay getan.

»Was ist mit deiner Familie eigentlich los?!« Ich riss mich von der Clueless-Clique los und konzentrierte mich wieder auf Jans aufgebrachtes, aber immer noch atemberaubend schönes Gesicht.

Seine Frage brachte uns zurück zum Kern des Problems: Das Problem war mein Leben, das Leben, das durch und durch von meiner Familie bestimmt wurde. Ein goldener Käfig wäre noch das kleinste Übel gewesen, aber meine Familie hatte noch mehr in die Vollen gelangt und eine goldene Burg um mich herumgebaut – nur eben nicht aus Gold.

»Ist das irgendeine kranke Mafiascheiße?«, fragte er, und ich konnte sehen, wie seine Lider zuckten. Eigentlich war es kein Zorn, keine Wut, kein Hass – es war die pure Verunsicherung, die sich in ihm breitmachte. Er wusste nicht, woran er war, und ich würde das auch nicht ändern können.

Mit der Mafia lag er schließlich gar nicht so falsch. Die Tatsache, dass die Mitglieder meiner Familie ausschließlich in den teuersten Gegenden der Welt wohnten, die schnellsten Autos fuhren und die edelsten Kleider trugen – und das alles, ohne jemals einen Job gehabt zu haben –, war sicherlich ein Indiz dafür, dass bei uns irgendetwas nicht in ganz geregelten Bahnen verlief.

»Jan, hör zu …« Ich versuchte es mit Vernunft. »Ich kann dir wirklich nicht erklären, was …«

»Ich habe eine andere kennengelernt.«

Die Unsicherheit war verflogen, und er sah mich aus kalten Augen an. Die Erkenntnis brauchte eine ganze Weile, um sich in mein Bewusstsein vorzukämpfen. Natürlich hatte ich ihn gleich verstanden, aber nicht begriffen, was das bedeutete.

»Hör zu, Catalea. Ich habe die Zeit mit dir wirklich sehr genossen, aber im letzten Monat hast du es mir alles andere als leicht gemacht. Ehrlich gesagt war es sogar echt schlimm. Letzte Woche habe ich dann Laura bei dem Workshop in Bonn kennengelernt.«

Ich antwortete nicht, starrte ihn nur an. Im Gegensatz zu meinem Freund – sorry, Exfreund – war ich hierhergekommen, um unsere Beziehung zu kitten. Jan hingegen hatte das alles nur inszeniert, um mit mir Schluss zu machen. Er demütigte mich gerade in aller Öffentlichkeit und führte mich vor.

»Laura …«, sagte ich langsam. Jan griff über den Tisch nach meinen Händen.

»Catalea, es tut mir ehrlich leid, aber du musst verstehen, dass ich so nicht weitermachen kann. Ich habe dich sicher nicht betrogen, deshalb beende ich das hier jetzt, bevor ich mit Laura weitergehe. Ich wünsche dir wirklich, dass du glücklich wirst.«

Ich entriss ihm meine Hände.

In diesem Moment fragte ich mich, ob er anders reagiert hätte, wenn er gewusst hätte, mit wem er es zu tun hatte, mit wem er hier gerade Schluss machte. Ich konnte es ihm nicht vorwerfen, immerhin hatte ich ihn ja selbst im Dunkeln gelassen – jetzt stellte sich heraus, dass das wohl auch besser so gewesen war. Wieder einmal hatte mein Bruder mit seinen Warnungen recht behalten, und dafür hasste ich ihn in diesem Augenblick noch ein bisschen mehr.

»Verschwinde.« Mehr brachte ich zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen nicht heraus. Ich fand es erstaunlich, dass ich mehr oder minder gefasst klang, wenn man bedachte, wie sehr es in mir brodelte.

Jan sah mich einen langen Moment an, dann seufzte er resigniert, zahlte die Rechnung und blieb noch für einige Sekunden an unserem Tisch stehen, nachdem er sich erhoben hatte. Ich sah nicht auf, sondern richtete meinen Blick stur geradeaus.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte er.

»Ja, mir auch.«

Andere Frauen hätten wahrscheinlich schon jetzt Tränen in den Augen gehabt, aber mein Vater hatte mir einmal eindrucksvoll demonstriert, dass Tränen meines Standes nicht würdig waren. Damals war ich vielleicht sechs oder sieben Jahre alt gewesen, genau wusste ich das nicht mehr, und er noch hin und wieder ein Teil meines Lebens. Ich hatte geweint, weil ich hingefallen und mit aufgeschürften Knien zurück nach Hause gekommen war. Er hatte mich nur eine Weile angestarrt, mich dann am Kragen gepackt und mir eine Handvoll Ohrfeigen verpasst.

»Tränen sind nur ein Zeichen von Schwäche, und Schwäche ist der Untergang deiner Familie«, hatte er gesagt und war gegangen. Er hatte mich mit dieser Aussage alleingelassen, und ich konnte ihre Bedeutung damals noch gar nicht verstehen. Heute wusste ich, dass eine Schwäche ihn tatsächlich zu Fall bringen könnte, aber ich hatte damit wenig zu tun. Ich war ihm mittlerweile nur noch eine Last, für die er allerdings selbst verantwortlich war.

Ich stand auf, zog meinen Mantel über und verließ das Restaurant. Der Trubel der bunten Aachener Straße umfing mich sofort, aber trotzdem fanden meine Blicke Jans Hinterkopf innerhalb weniger Sekunden. Er bahnte sich seinen Weg durch die vielen Menschen, durch Tische und Stühle, die vor Restaurants und Bars standen, und ich folgte ihm, hinein in die Seitenstraßen des Viertels.

Als er gerade vom Bordstein trat und eine der schmaleren Straßen überqueren wollte, rief ich seinen Namen, obwohl ich genau wusste, welche Kettenreaktion das in Gang setzen würde. Ich tat es im Bewusstsein der Konsequenzen und genoss es.

»Jan …« Ich stand mindestens fünfzig Meter von ihm entfernt, sah aber dennoch, wie er innehielt und sich langsam zu mir umdrehte. In seinen Augen lag Unverständnis, in meinen Gewissheit.

Als der Lieferwagen in der nächsten Sekunde für die schmalen Straßen viel zu schnell heranrauschte, hörte ich zunächst nur das Quietschen der Bremsen. Dann folgte der Aufprall des Körpers auf Blech und schließlich das Bersten der Windschutzscheibe. Das Brechen von Knochen war ein unverwechselbares Geräusch, das man niemals vergaß, wenn man es einmal gehört hatte – jetzt ging es allerdings in dem allgemeinen Dröhnen des Unfalls unter.

Kaum dass der Fahrer gebremst hatte, sprang er schreiend aus dem Wagen, hielt sich beide Hände an den Kopf und starrte auf das viele Blut und den leblosen Körper, der gekrümmt auf dem Boden lag.

Ich beobachtete die Szene noch einen Augenblick, dann drehte ich mich unbeeindruckt um und ging mit einem Lächeln auf den Lippen zurück in das Kneipenviertel – in der Gewissheit, dass ich Jan eines Tages auf der anderen Seite wiedersehen würde.

2

Kapitel 1 – Neuanfang

Bitte haben Sie keine Angst. Eine repräsentative Erhebung hat ergeben, dass 94 % aller Menschen in Ihrer Situation Angst haben. Dazu besteht jedoch keinerlei Veranlassung. Sie haben soeben Ihre Augen geöffnet und dieses Buch gefunden. Es gehört von nun an Ihnen. Eine repräsentative Erhebung hat ergeben, dass 82 % aller Menschen in Ihrer Situation ein solches Buch hilfreich finden. Bitte beachten Sie, dass bei Verlust dieses Buches eine erneute Schutzgebühr fällig wird.

Sie sind in das Dunkel eingegangen, Ihre Seele hat Ihren vadumantischen Körper und das Diesseits verlassen und wurde von einem Todeshändler des Hauses (Name des Hauses bitte einfügen) in das Jenseits transferiert. Dieser Seelenhandel hat Ihre Erdgebundenheit automatisch aufgelöst, weshalb Sie nun den Weg in diese Welt gefunden haben und von allen irdischen Pflichten entbunden sind. Einsprüche gegen eine etwaige Fehltransferierung können nach Ablauf der siebentägigen Erstaufnahmezeit beim Haus (Name des Hauses bitte einfügen) eingereicht werden. Ein Register aller Totenanwälte ist beim entsprechenden Haus zu erfragen. Weitere Informationen dazu, Kontaktadressen sowie ausführliche Wegbeschreibungen sind Kapitel 13.6 »Einspruch und Berufung« zu entnehmen. Fragen Sie auch nach unseren neuen Audioguides.

Bitte informieren Sie sich nun über alle weiteren Abläufe in Ihrer Erstaufnahmezeit.

Sollten Sie einer heidnischen Erdreligion angehören, lesen Sie bitte hier weiter. Buddhisten, Hinduisten und andere asiatisch geprägte Religionsströmungen finden den Folgetext in den Unterpunkten ab Kapitel 2. Muslime blättern direkt zu Kapitel 3, und alle christlichen Strömungen orientieren sich in Kapitel 4 bei den jeweiligen Unterpunkten. Radikal evangelische Freikirchen warten bitte auf den Totenarbeiter.

Kapitel 4.1 – Katholizismus

Lieber Katholik, bitte erschrecken Sie nicht. Eine repräsentative Erhebung hat ergeben, dass 89 % aller Menschen in Ihrer Situation bei den folgenden Informationen erschrecken. Sie befinden sich im Dunkel – in Ihrem Fall auch als »die Hölle« bekannt. Nach dem letzten ganzheitlichen Relaunch sind klassische Höllenqualen zwar weiter möglich, aber nicht verpflichtend. Das Dunkel passt sich dem aktuell gültigen Lebensstandard des Erdkreises an. (Weitere Informationen zum Dasein im Dunkel entnehmen Sie bitte der beiliegenden und attraktiv bebilderten Sonderbroschüre.)

Nach dem postparadiesischen Kreationisten-Abkommen von 4920 v. Chr. haben Sie sich nicht für das Licht qualifiziert und entsprechend Ihrer Taten einen Platz im Dunkel zugewiesen bekommen. Ihr Status errechnet sich anhand der von Ihnen begangenen Sünden nach § 7645 Abs. 13.9 Altes Testament/Bibel. Eine vollständige Auflistung können Sie beim Sündenportal einsehen oder durch Ihren Totenarbeiter beantragen.

Nach Ihrem Tod (17.21 Uhr, Rüttenscheiderstr. 12 in Essen – Torstadt: Köln) wurden Sie von einem Ihnen zugewiesenen Todeshändler ordnungsgemäß transferiert. Ihre Seele ist vollständig eingetroffen. Entsprechend Ihres irdischen Glaubens wurde eine Seelenausrichtung vorgenommen: Sie befinden sich nun im katholischen Teil des Dunkels, in dem die Gegebenheiten den Vorstellungen Ihrer vadumantischen Religion angepasst wurden.

Bevor Sie sich den weiteren Detailerklärungen widmen, blättern Sie nun bitte zur letzten Seite. Dort finden Sie die Kontaktdaten Ihres persönlichen Totenarbeiters, der Ihnen in den nächsten Tagen zur Seite stehen wird. Eine repräsentative Erhebung hat ergeben, dass 100 % aller Menschen, die diesen Abschnitt gelesen haben, eine fachkundige Ansprechperson wünschen.

Aus: Ratgeber für die Toten. 783. Auflage

Verlag der Finsternis

Das Haus lag im äußersten Süden der Stadt, eingebettet in eine prachtvolle Parkanlage mit uralten Eichen, die dort wahrscheinlich länger standen, als es die Stadt gab. Umgeben von einem hohen schmiedeeisernen Zaun und rund um die Uhr von Sicherheitspersonal bewacht, machte man es Gästen nicht gerade leicht, das Anwesen zu betreten. Selbst ich musste vor dem Tor warten und starrte nun in das rot blinkende Kameraauge hoch oben auf der Zaunkrone.

»Und Sie haben Ihren Passierschein wirklich nicht dabei?«, fragte einer der Wachen zum mittlerweile dritten Mal. Sein schwarzer Anzug war nicht irgendein Modell von der Stange, sondern eines, für das ein ganz normaler Mensch einen Monat arbeiten ging.

»Nein, verdammt.« Ich versuchte wirklich, ruhig zu bleiben, allerdings fiel mir das mittlerweile mehr als schwer. »Ich komme jeden Tag. Absolut jeden Tag, sieben Tage die Woche. Sie kennen mich doch. Ich habe meinen Passierschein nicht dabei. Wo ist das Problem? Warum brauche ich überhaupt einen Passierschein?«

Am Ende hatte ich zugegebenermaßen schon erheblich aufgebrachter geklungen, als ich es beabsichtigt hatte. Das passierte mir in letzter Zeit leider immer häufiger, und ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass die Schuld daran nicht einmal im Ansatz bei mir lag. Seit ich Tag für Tag das Haus aufsuchen musste, hatte ich mich immer mehr dem hingegeben, was ich war, aber nicht sein wollte. Neue Aufträge wurden unglücklicherweise nur hier ausgegeben, sodass es zwingend erforderlich war, vor Ort aufzuschlagen und sich mit meinesgleichen auszutauschen. Aber dazu später mehr.

»Sie müssen das verstehen. Unsere Sicherheitsrichtlinien sehen in diesem Fall eine persönliche Freigabe des Verwalters vor.«

Noch immer durchbohrte mich die Überwachungskamera mit ihrem roten Licht und blinkte mich aggressiv an. Der Verwalter war eine Ausgeburt der Hölle, die an Arroganz und Inkompetenz nicht zu übertreffen war. Er war einfach ein Arsch.

»Und wie lange will der Verwalter mich noch anstarren, bis Sie das Tor öffnen?«, fragte ich und deutete mit einem übertrieben breiten Lächeln auf die Kamera.

In dem Augenblick, als ich darüber nachdachte, wie ich möglichst beiläufig meinen Vater ins Spiel bringen konnte, erklang ein metallisches Klacken, die Riegel lösten sich, und das schwere Tor glitt mit einem lauten Ächzen zur Seite – gerade noch mal Glück gehabt.

Die meisten anderen Gäste des Hauses kamen standesgemäß in eleganten Luxuskarossen und fuhren die Anhöhe bis zum Vorplatz hinauf. Ich allerdings war mit der U-Bahn bis zur Endhaltestelle gefahren und lief die Einfahrt deshalb zu Fuß hinauf – ebenfalls standesgemäß. Leider blieben meine Absätze alle paar Meter in irgendwelchen Löchern und Unebenheiten stecken, und ich dachte darüber nach, irgendwann doch den Limousinenservice in Anspruch zu nehmen. Wahrscheinlich gab es keine andere Frau auf der Welt, die hochhackige Schuhe so sehr hasste wie ich. Es war ziemlich paradox, denn natürlich fand ich schöne Pumps ganz wunderbar, allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich sie anzog. Dann schaltete sich augenblicklich mein Verstand ein und meldete die schmerzhafte Verstümmelung meiner Füße.

Sobald ich das Anwesen betreten hatte, schloss sich das Tor hinter mir und schottete das Gelände wieder von der Außenwelt ab. Der Verwalter legte nicht nur viel Wert auf Sicherheit, sondern auch auf absolute Diskretion im Hinblick auf die vadumantische Welt vor dem Zaun. Niemand wusste, was hier Tag für Tag und Nacht für Nacht geschah, und das sollte auch so bleiben, dafür wurde gesorgt.

Mia, meine jüngere Schwester, hatte mir erst vor Kurzem unter Lachtränen erzählt, einige Leute in der Nachbarschaft glaubten, dass sich im Haus ein exklusiver Swingerklub befände und wir deshalb ein solches Geheimnis daraus machten, was sich hinter den dicken Mauern des Hauses abspielte. In gewisser Weise hatten sie ja auch recht: Es wurde häufig ziemlich schmutzig und manchmal auch sehr eklig, aber ein Swingerklub war es nun nicht, der mich beinahe jede Nacht herzog.

Das Haus selbst war ein aus mittlerweile dunkel gewordenen Sandsteinen kunstvoll erbautes Anwesen mit einem Mittelschiff, dessen Vordach von acht gewaltigen Säulen getragen wurde, und zwei lang gestreckten klassizistischen Seitenflügeln. Es wirkte wahnsinnig nobel und elegant mit seinen pompösen Erkern und Giebeln, die man in der Renaissance einfach an das Haus angebaut hatte, um eine noch protzigere Wirkung zu erzielen.

Auf dem geschotterten Vorplatz reihten sich Sportwagen an Sportwagen, Edelcoupé an Edelcoupé und Limousine an Limousine. Dazwischen standen mannshohe Eisenschalen mit glühenden Kohlen, die den Platz in ein unheimliches Licht tauchten. Es sah aus, als wäre ich auf dem Schlossvorplatz irgendeines stinkreichen arabischen Scheichs gelandet, die ja dafür bekannt waren, ihr gesamtes Geld zu verprassen, ähnlich wie die Leute, die hier ein und aus gingen – mit Ausnahme von meiner Person natürlich.

Das Vordach des Haupttraktes war zu beiden Seiten von einem schweren Vorhang aus Samt, der in Leder eingefasst war, versehen und machte es so verdammt schwer, einen Blick in das Innere des Gebäudes zu werfen, denn abgesehen von der gläsernen Eingangstür gab es nicht ein einziges Fenster im gesamten Gebäude. Anstelle der Fenster waren goldene Rahmen in die Fassade eingelassen, die prunkvolle Wandmalereien umschlossen. Ich musste es ja zugeben, das Haus war wirklich ziemlich schön, nur, dass ich es eben dennoch einfach nicht ausstehen konnte.

Als ich die Stufen zum Eingang erreichte, schüttelte ich noch einmal mein widerspenstiges Haar zurecht und stieg dann die kleine Empore hinauf. Gleich zwei Männer in leuchtend ultramarinblauen Uniformen mit goldenen Revers und Knöpfen öffneten die doppelflügelige Tür mit einer schnellen Verbeugung und gaben den Blick ins Haus frei.

Das Innere des Gebäudes war tatsächlich noch ausladender gestaltet als seine Fassade: italienischer Marmor zu meinen Füßen, venezianische Spiegel an den Wänden und prunkvolle, kitschige Kronleuchter an der Decke, in denen Hunderte Kerzen brannten – keine Glühbirnen, sondern echte Kerzen. Ein weiterer Mann in blauer Uniform trat hinter einem Vorhang hervor, nahm mir meinen Mantel so elegant ab, dass ich kaum eine Berührung spürte, und verschwand dann so schnell wieder, wie er gekommen war.

»Principessa, welch wunderbaren Anblick Ihr wieder abgebt.«

Auf einem wackligen Stuhl saß mitten in der Eingangshalle ein alter Mann mit einem schwarzen Rollkragenpullover, der seine besten Tage lange hinter sich hatte – das galt für Stuhl und Mann. Sein Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen, das graue Haar aber akkurat mit Pomade gescheitelt und glatt gestrichen. Er strahlte trotz seines gebrechlichen Aussehens Strenge und Dominanz aus, während mich seine so vertrauten dunklen Augen hinter der schmalen Brille herzlich anlächelten.

»Ach, Domenico, wenn ich nur zwei- bis fünfhundert Jahre älter wäre. Immer nur Komplimente von Ihnen«, sagte ich schmunzelnd.

»Es fällt mir nicht schwer.« Der alte Mann lächelte zurück.

Man sah es ihm zwar nicht an, aber Domenico war die letzte Hürde, um ins Haus zu gelangen. Er war von den Sieben zu einem der Torwächter gemacht worden, und das schon vor sehr, sehr langer Zeit. Er war nicht nur der Herr über die Tür dieses Hauses, sondern auch der Herr über das Tor ins Dunkel. Jede einzelne eingesammelte Seele in einem weiten Umkreis musste von ihm akzeptiert werden, damit sie passieren konnte. Ohne ihn war das Torhaus kein Torhaus.

»Und? Wie ist die Stimmung heute?«, fragte ich, während ich in einem der goldenen Wandspiegel noch einmal mein Äußeres kontrollierte. Ich sah dunkelbraune, beinahe schwarze Locken bis über die Schultern und ein Gesicht, das mehr dem eines Rehs als dem einer italienischen Rasselady glich. Ich war wirklich nicht hässlich und wollte mich nicht beschweren, aber ich hatte das Gefühl, dass alle um mich herum – besonders hier im Haus – hundertmal schöner, langbeiniger, vollbusiger und vor allem stilvoller waren.

»Wie jede Nacht, Principessa.«

»Unausstehlich? Abgehoben? Ekelhaft?«, fragte ich und wandte mich ihm wieder zu.

»Noch schlimmer«, antwortete er und starrte mit seinen trüben Augen durch mich hindurch.

Ich lachte leise auf. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass er der Einzige war, der mich ansatzweise verstand, aber wahrscheinlich saß er einfach nur schon zu lange auf diesem Stuhl und hatte sehr viele von uns kommen und gehen sehen.

»Dann machen Sie sich zumindest einen netten Abend, Domenico.«

»Wie jeden Abend, Principessa«, antwortete er, bevor ich mich wieder in Bewegung setzte und auf die Treppe zuhielt, die am Ende des Atriums in die Tiefe und damit in die Welt führte, die ich in den letzten Monaten abgrundtief zu hassen gelernt hatte.

Ich stieg die Treppenstufen hinab, und es dauerte eine ganze Weile, bis sich der schmale Schacht auf halber Strecke in die Breite öffnete und nahtlos in einen kreisrunden Saal überging, der sich wie ein Amphitheater weiter hinab erstreckte. Die Stufen der Treppe wurden breiter und breiter, bis sie schließlich zu großen Terrassen wurden. Im Zentrum und zugleich der untersten Ebene des Amphitheaters standen Dutzende Schreibtische, an denen Männer und Frauen in eleganter Businesskleidung saßen. Nur einige wenige Tische waren verwaist.

Dort unten befand sich die gesamte Administration der Torstadt, die wie die kirchlichen Diözesen Dreh- und Angelpunkt einer ganzen Region war. In unserem Fall war das Torhaus in Köln für die gleiche Region zuständig, die auch das Erzbistum Köln abdeckte, und das bedeutete manchmal wirklich unerträglich weite Wege, um irgendeine dahergelaufene Seele einzusammeln, die zu dämlich gewesen war, den heranrasenden Bus zu bemerken.

Smartphone, Straße, Bus, tot – so schnell konnte das gehen. Und dann kamen wir ins Spiel, fuhren zu jenen hinaus, die zum Zeitpunkt ihres Todes zu viele schlechte Taten auf dem Konto hatten, sammelten ihre Seelen ein und überführten sie in das Dunkel.

Allerdings wurde im Haus nicht nur gearbeitet, denn auf allen anderen Ebenen oberhalb der Administration waren elegante Sitzgruppen aus tiefroten Ohrensesseln, Stühlen aus den unterschiedlichsten Epochen der letzten Jahrhunderte und Biedermeiersofas geschmackvoll arrangiert worden. Der Boden bestand aus poliertem, beinahe schwarzem Ebenholz, und die Wände waren mit purpurfarbenem Samt verkleidet, sodass das Theater mit seinem schummrigen Licht und einem drückenden Parfümduft einer absolut seltsamen Mischung aus englischem Club, Moulin Rouge und Zirkuszelt glich.

»Catalea.«

Es war eine junge Frau, die mich zuerst entdeckte und natürlich sofort reagierte. Ich glaube, sie hieß Emile oder Carla oder vielleicht auch Geraldine. Wie auch immer ihr Name war, sie deutete einen Knicks an, während ich versuchte, möglichst stilvoll einige Ebenen herabzusteigen. Natürlich scheiterte ich – was auch sonst?

Ich setzte ein unverbindliches Lächeln auf, nickte nur freundlich und rauschte an ihr vorbei. Aber es passierte natürlich, was passieren musste: Obwohl aus dem großen goldenen Grammofon auf der untersten Ebene verzerrte klassische Musik das gesamte Theater beschallte, verbreitete sich mein Name wie ein Lauffeuer unter den anwesenden Personen. Immer mehr Augenpaare richteten sich auf mich, die Anwesenden hielten in der Bewegung inne, musterten mich kurz, nickten mir zu oder hoben die Hand zum Gruß.

»Catalea.«

»Hallo, guten Abend, Catalea!«

»Catalea ist da.«

Einige von den Augenpaaren, die mich anstarrten, kannte ich, andere hatte ich noch nie gesehen: Männer in eleganten und unbezahlbaren Designeranzügen, Frauen in wunderschönen Kleidern und Röcken und auf Absätzen, die selbst Supermodels das Fürchten gelehrt hätten, und ein paar Gestalten, die außerhalb der Skala rangierten. Sie alle hatten die Eleganz von der Pike auf eingeprügelt bekommen und lebten sie jetzt in absoluter Perfektion. Jedes Lächeln war glamourös, die gesamte Körperhaltung aufrecht und jede Bewegung kontrolliert.

Auch ich war mein ganzes Leben lang darauf vorbereitet worden. Ich hatte immer gewusst, dass Augenblicke wie diese auf mich zukommen würden, aber schon als ich diesen Ort zum ersten Mal betreten hatte, war mir sofort klar gewesen, dass es sich hier um eine ganz andere Liga handelte. Selbst die Royals dieser Welt kämen sich in dieser Umgebung underdressed und unkultiviert vor. Und obwohl ich beinahe täglich hier war, lösten diese Situationen noch immer Unbehagen in mir aus.

Aus diesem Grund hasste ich es, hier sein zu müssen. Ich hasste es, die Tochter meines Vaters zu sein, die Tochter des Vorstandes, der die Geschicke der Firma seit langer Zeit lenkte, der Herr über alle hier Anwesenden war und der über jeden hier verfügen konnte, wie es ihm passte. Ich hasste es, die Tochter des Mannes zu sein, der Häuser wie dieses auf der ganzen Welt gebaut hatte, der sie mit Prunk und Protz bis unter die Decke vollgestopft hatte, der dafür gesorgt hatte, dass der Klerus sich nicht in diesen Teil der Stadt wagte, sondern sich von uns fernhielt. Ich war die Tochter des Mannes, der mehr Tote gesehen hatte als alle Bestatter der Welt zusammen.

Der Preis, den ich zahlte, war, dass ich nicht normal sein durfte, dass ich wusste, dass es mehr gab als diese eine Welt. Das war mein Tribut: die Gewissheit meiner Herkunft, einfach nur zu wissen, wer ich war.

Die Tochter des Teufels.

3

»Haben Sie einen Wunsch, Principessa?« Ich schrie auf und zuckte so heftig zusammen, dass die blonde Kellnerin, die plötzlich neben mir auftauchte, den Kopf erschrocken einzog. Im Gegensatz zu offenbar allen anderen Gästen des Hauses waren meine Antennen für das Unerwartete grauenvoll schlecht – jeder konnte sich an mich anschleichen, ohne dass ich es merkte.

»Himmel, verdammter! Warum müsst ihr eigentlich immer aus dem Nichts auftauchen?« Ich fasste mir an die Brust und atmete wohl ziemlich ungalant tief durch, denn sie verzog kurz das Gesicht zu einer mitleidigen Miene.

Es war immer das Gleiche: Während die anderen Anwesenden an ihrem Stolz und ihrer Eleganz erstickten, verhielt ich mich wie ein Proletenmädchen, das man aus Versehen in zu teure Klamotten gesteckt hatte. Wobei das ja auch mehr oder weniger der Wahrheit entsprach.

»Verzeihen Sie bitte, Principessa«, antwortete die Blondine kleinlaut und trat noch einen weiteren Schritt zurück. Sie hatte ihre Haare zu einem straffen Zopf gebunden und trug über der hochgeschlossenen schwarzen Bluse eine leuchtend blaue Weste, ähnlich der Uniform, die auch die Männer im Atrium trugen. Sie alle waren Vadumanten im Dienste der Allgemeinheit, die genau wussten, für wen sie arbeiteten. Sie wurden in langen Auswahlprozessen für ihre Tätigkeiten ausgesucht und fürstlich dafür bezahlt, dass sie ihrer Arbeit nicht nur mit dem erforderlichen Elan nachgingen, sondern auch unter keinen Umständen und mit absolut niemandem darüber sprachen. Ich war mir allerdings sicher, dass auch noch andere Sicherheitsvorkehrungen getroffen und sie mit irgendwelchen Bannen belegt wurden.

»Also dann … irgendeinen Rotwein.«

»Wir haben …«

»Mir egal. Irgendeinen, der wenig nach Rotwein schmeckt, bitte.«

Ich hasste Rotwein. Aber hier tranken nun einmal alle Rotwein – immerzu. Rotwein und Absinth – noch ein Getränk, das absolut niemandem auf der ganzen Welt, weder im Diesseits noch im Jenseits, schmecken konnte. Man hatte mir anfangs deutlich zu verstehen gegeben, dass es ratsam war, sich nicht zu sehr von der Masse abzuheben und vorerst nicht anzuecken. Ich hatte mir das zu Herzen genommen, denn ich wollte möglichst unsichtbar bleiben und in der Masse verschwinden.

Ich hätte natürlich einfach ganz auf den Wein verzichten können, hatte aber irgendwann gemerkt, dass das ein oder andere Glas Wein einen Abend im Haus durchaus erträglicher machte.

Ich wurde in eine Welt geboren, die ihr vielleicht nicht versteht, die ihr zwar kennt, von der ihr aber nicht wusstet, dass sie tatsächlich existiert. Mein Name ist Catalea Morgenstern, und mein Vater ist der Teufel. Und das sage ich nicht, weil er ein mieses Arschloch ist – obwohl das natürlich stimmt. Nein, er ist der verdammte Teufel himself.

Warum gingen Menschen in Kirchen und glaubten an Gott, kamen aber nicht einmal auf die Idee, dass es außerhalb des Lichts auch noch Schatten geben könnte? Wie viele Menschen sagten, dass sie zwar an etwas Göttliches glaubten, der Teufel aber nun wirklich zu viel des Guten war?

Ich sage es euch: Es gibt da draußen einen extrem großen Schatten, in dessen Dunkelheit verdammt viel passiert.

Mein Vater ist einer von sieben, die vor langer Zeit das Licht verlassen haben und in das Dunkel gegangen sind. Nun ist der Tod der Menschen unser Geschäft. Früher nannten wir es Fegefeuer, Unterwelt, Schattenreich, Inferno oder einfach nur Hölle, heute nennen wir es »die Firma«. Das Business ist allerdings das Gleiche geblieben: Wir holen uns die Seelen der Verstorbenen.

Ihr kennt die Geschichte doch – die guten Jungs gehen in das Licht, die bösen in das Dunkel. Die Kirche kümmert sich um die eine Hälfte, die Firma um die andere. Schließlich müssen alle Seelen das Diesseits verlassen, nur die Richtung kann unterschiedlich sein. Entweder gibt es eine Fahrkarte nach oben oder zu uns, nach unten.

Bei mittlerweile fast acht Milliarden Menschen auf der Welt hat sich dieses Geschäft zu einer ziemlichen Mammutaufgabe entwickelt – besonders weil die Mehrheit nicht mehr ins Licht geht. Es ist voll geworden im Dunkel in Zeiten von Kriegen, Flüchtlingskrisen, Fremdenhass und geldgierigen Investmentbankern. Letztere landen übrigens besonders häufig auf unseren Schreibtischen, weil sie sich gern das Leben nehmen, und das sind die wirklich verdammt ekligen Fälle – ganz abgesehen davon, dass Selbstmord natürlich eine Todsünde ist.

Jede Familie hat ihre Leiche im Keller, aber im Keller meiner abgefuckten Familie sah es schlimmer aus als in jedem Massengrab.

Zwar gab es am Eingang eine Klingel, deren Knopf man einmal um die eigene Achse drehen musste, aber er würde den Teufel tun, sie zu benutzen. Ihm wurde die Tür wie selbstverständlich vom Doorman geöffnet, dessen Cutaway, ein dunkler Frack, immer makellos glänzte und nicht eine einzige Falte besaß. Das schätzte er an diesem Laden: die gnadenlos akkurate und bis ins Detail durchdachte Präzision in jederlei Hinsicht.

Kaum, dass sich die Tür geöffnet hatte, wurde er von einer trotz ihrer einfachen Natur bezaubernden Bardame, die ein dunkles Kostüm mit einer eleganten Brosche trug, in Empfang genommen und an seinen Platz geführt einem mit feinstem Leder gepolsterten Barstuhl am äußersten linken Rand der Bar. Das schwere Mahagoniholz des Tresens erstreckte sich in einem leichten Bogen von der Eingangstür bis hin zu seinem Platz, wo ein kunstvoll geschnitzter Sockel den Abschluss bildete.

Der Barraum selbst war bis in die letzte Ecke mit edlen Stoffen ausstaffiert. Die Fenster waren mit schweren Vorhängen verhangen, rote Lampenschirme dämpften das Licht, und im gesamten Raum hing der schwere Duft von Moschus und üppigen Blumensträußen, die in großen Vasen in jeder Ecke des Raumes standen und sich scheinbar gegenseitig zu übertrumpfen versuchten.

Es war nicht allzu viel los an diesem Abend. Doch selbst wenn – sein Platz wäre frei gewesen, denn er war immer frei, wenn er kam, ebenso wie der daneben, das war ein Gesetz.

Die anderen Gäste ließen ihn in Ruhe und wurden von der Bardame falls nötig mit ihrer lieblichen Stimme freundlich, aber bestimmt drauf hingewiesen, ihn nicht zu belästigen. Er schätzte diesen Service und die Diskretion außerordentlich, allerdings bezahlte er schließlich mehr als ein kleines Vermögen dafür.

Aber auch wenn er das nicht getan hätte, der Service nur halb so gut gewesen wäre und die Bardame ihn nicht hofiert hätte, wagten die meisten Gäste es ohnehin nicht, ihn anzusehen oder ihm gar in die Augen zu blicken. Selbst so plumpe Wesen wie diese einfachen Vadumanten besaßen einen Hauch von Überlebensinstinkt und würden auch einem Jaguar nicht zu nahe kommen, weil er einen im nächsten Augenblick zerfleischen könnte.

Er nahm völlig lautlos Platz. Während die anderen Stühle laut ächzten und regelmäßig von ihrem Alter erzählten, gab seiner nie ein Geräusch von sich. Seinen dunklen Wollmantel zog er niemals aus, nur seinen Hut nahm er nun vom Kopf und platzierte ihn auf dem Stuhl neben sich.

Es dauerte nicht lange, bis der Bartender eine kleine, fein bemalte Keramikfliese vor ihn legte und ein Kristallglas darauf abstellte. Die Flüssigkeit in seinem Inneren war pechschwarz – ein wunderbar samtenes Nachtschwarz, das im Glas noch in Bewegung war. Der Rapscallion war ein für menschliche Verhältnisse recht alter Drink, für den er seine Vorliebe vor vielleicht siebzig oder achtzig Jahren entdeckt hatte. Während andere schnell begannen zu husten, wenn sie sich die hochprozentige Mischung aus Absinth, Whiskey und Sherry in die Kehle gossen, war dies einer der wenigen Drinks, die er überhaupt noch schmecken konnte.

Dieser Abend war etwas ganz Besonderes, denn zum ersten Mal würde er heute eine andere Person neben sich dulden.

Ein kurzer Blick auf seine goldene Taschenuhr verriet ihm, dass er noch eine halbe Stunde Zeit hatte, bis sein Gast eintreffen würde – ausreichend Zeit, um eine kubanische Zigarre zu rauchen.

Es war erstaunlich, aber wenn man ein Glas Rotwein in einem Zug leerte, schmeckte es gar nicht mehr so schlecht.

»Catalea.« Beim Klang der süßlichen Stimme erstarrte ich und blieb stocksteif stehen. Rotwein und Absinth waren die eine Sache, die blasierten Todeshändler in ihren Designerkleidern eine andere, aber die Person, der diese Stimme gehörte, war der Super-GAU eines jeden Abends. »Wie wundervoll, dich zu sehen, meine Liebste.«

Ich drehte mich nur langsam um und schraubte dabei ein gezwungenes Lächeln in mein Gesicht, von dem ich hoffte, dass es ansatzweise ernst gemeint wirkte.

Und da stand sie direkt vor mir, die bezaubernde Evangelista Scaletto, ein Wesen, das nur aus Beinen und Dekolleté zu bestehen schien, unnatürlich schön mit dem Charme einer Königin. Sie trug ein Cocktailkleid von irgendeinem Designerlabel, das mehr wie ein Schal aussah, den sie sich notdürftig um den Körper geschlungen hatte. An ihrem Hals trug sie an einer Kette den wahrscheinlich größten Edelstein, den ich jemals gesehen hatte. Sie stellte ihn ständig und überall zur Schau und erzählte jedem Hunderte Male, wie absolut sündhaft teuer und unbezahlbar dieser Brillant gewesen sei. Er sei so teuer, dass ausschließlich ihre Familie dazu imstande sei, ihn zu kaufen, und sonst absolut niemand. Ihre blonden Haare waren reichlich mit Extensions unterfüttert. Das stritt sie zwar ab, aber mir war mal eine Klebestelle aufgefallen, die alles verraten hatte. Diese Frau war eben doch nur ein zusammengebasteltes Kunstwerk, immer darauf bedacht, die Perfektion in Person zu sein.

Ihre winzig kleinen, zierlichen und perfekten Füße steckten in noch perfekteren Schuhen von Salvatore Ferragamo, die ebenfalls ein Vermögen gekostet hatten. Das wusste ich, weil ich sie mir ungefähr zweiundsiebzigmal beim Onlinehändler meines Vertrauens angeguckt, geseufzt und sie dann wieder weggeklickt hatte. Wie gesagt, es war eine Sache, sie zu besitzen, darauf zu laufen eine völlig andere.

»Evangelista …« Mehr brachte ich nicht heraus, denn mir fiel nichts anderes ein als »Wie unschön dich zu sehen«. Ich war schon immer eine grauenvolle Lügnerin gewesen.

Wie üblich hatte Evangelista ihr Gefolge dabei: eine pummlige und eine abgemagerte Freundin, die ich in Gedanken nur ein einziges Mal »Dick und Doof« genannt hatte. Seitdem kam ich aber nicht mehr davon weg.

»Man erzählt sich, dass du noch immer Schwierigkeiten mit deiner Arbeit hast«, säuselte sie und legte den Kopf auf die Seite, während sie mich musterte. »Du bist eben einfach noch sehr ungeübt. Falls du Hilfe benötigst, bin ich selbstverständlich bereit, dir ein paar Tipps zu geben. Mein Haus gilt gerade schließlich als das erfolgreichste.«

»Ach, wie liebenswürdig. Das ist wirklich ganz reizend von dir, Evangelista. Mein Haus ist übrigens das, welches die Firma leitet«, antwortete ich und hoffte inständig, dass die Botschaft bei ihr ankam: Halt bitte deine Klappe, dreh dich um und verschwinde.

Doch sie lächelte einfach weiter und legte den Kopf auf die andere Seite. »Valeria kann dir gern noch mal die Grundlagen erklären«, sagte sie jetzt und deutete auf Doof, die unter ihren mit Kajal nachgezogenen Augenbrauen gerade die »Arrogant schauen in drei Schritten«-Prüfung ablegte.

»Vielen Dank, aber mein Bruder hat mir bereits alles erklärt, und sollte ich noch Fragen haben, werde ich mich einfach wieder an ihn wenden. Ihr wisst ja bestimmt, dass ich Augusto meine«, schwadronierte ich, mittlerweile aber ebenfalls mit einem zuckersüßen Lächeln. Wahrscheinlich war es der schönste Moment des Abends, als Evangelistas Augenlid bedrohlich zu zucken begann.

Auch wenn sie natürlich so tat, als wäre es nicht so, so wusste ich doch, dass sie unsterblich in meinen Bruder Augusto verknallt war. Wahrscheinlich hatte sie in ihrem Tagebuch seinen Namen mit Herzchen eingekringelt und Bilder von ihm zu kitschigen Collagen zusammengeklebt. Das alles höchstwahrscheinlich nicht nur, weil er genau ihr Typ war, sondern vielmehr, weil er der Erbe des Hauses Morgenstern war. Bei einer Heirat würden sich die Chancen auf die Führungsrolle des Hauses Scaletto auf einen Schlag verdoppeln, und Evangelista würde innerhalb kürzester Zeit in der Thronfolge aufsteigen.

Ich unterstellte Augusto allerdings so viel Intellekt, dass er das selbstverständlich erkennen und sie niemals an sich heranlassen würde. Falls doch, würde ich sie einfach um die Ecke bringen – das würde mich nicht viel Überwindung kosten.

»Wie schön«, presste sie jetzt hervor, lächelte aber weiterhin freundlich. »Ich wünsche dir noch einen wunderbaren Abend. Vielleicht schaffst du es ja heute, eine Seele fehlerfrei zu transferieren«, zischte sie und machte auf dem Absatz kehrt. Mit Dick und Doof im Schlepptau stakste sie auf den Schuhen, die eigentlich mir gehören sollten, davon.

Leider war es tatsächlich so, dass meine Fähigkeiten nicht gerade ausufernde Bewunderung auslösten. Ich war Anfängerin in meinem Job, machte ihn erst seit Kurzem, und hin und wieder passierten mir eben noch Fehler.

»Darf ich servieren?« Schon wieder hatte die vadumantische Kellnerin sich angeschlichen und stand nun direkt neben mir. Dieses Mal hatte sie aber etwas Abstand gehalten und reichte mir ein mit Rotwein gefülltes Glas.

»Ja, vielen Dank.« Ich nahm das Glas entgegen und stellte es auf einem der Beistelltische ab, während ich mich auf einem dunkelroten Sofa niederließ.

»Du hasst Rotwein.« Ich hatte wirklich Mühe, ein erneutes Kreischen zu unterdrücken, angesichts der Tatsache, dass schon wieder eine Stimme direkt neben meinem Ohr aus dem Nichts gekommen war.

Die dazugehörige Person war mindestens genauso schön wie Evangelista Scaletto, hatte mindestens genauso lange Beine und genauso wunderschönes Haar, war aber um das Hundertfache intelligenter. Mia gab definitiv die bessere Frau ab, hatte dafür aber ein kleines Defizit in Sachen Eleganz, Kultiviertheit und grundsätzlichen Umgangsformen. Sie war ganz offensichtlich meine Schwester.

»Du sollst damit aufhören, du Wahnsinnige! Irgendwann wird jemand dich versehentlich umbringen, weil du das immer machst«, fauchte ich.

»Wenn mich jemand in diesem Haus umbringt, dann sicher nicht versehentlich.« Sie lächelte.

Mia umrundete das Sofa und warf sich absolut stilbefreit neben mich, legte die Beine über die Armlehne und ließ sie baumeln, während eine kleine Staubwolke aus den Polstern aufwirbelte.

»Gott, ich liebe es hier. Das Haus, die Leute, einfach alles ist so cool. Warum genau noch mal sind wir früher nie hergekommen?«

»Weil wir beide uns darauf geeinigt hatten, unser Leben möglichst normal zu leben, ohne den Einfluss unseres Vaters?«

»Dann waren wir wirklich unglaublich dämlich. Das hier ist der beste Ort der Welt. Ich liebe unseren neuen Job. Wir können diese Klamotten tragen, wir arbeiten für den Teufel, und wir bekommen unfassbar viel Kohle dafür!«, schwärmte sie großkotzig. »Und gleich will irgendein Typ aus Milea ein paar Vadumanten was einflüstern. Da müssen wir hin!«

Das Einflüstern oder die Okkupation, wie es eigentlich hieß, war eine Fähigkeit der oberen Kasten. Dabei beeinflusste ein Dunkler Teile des Stammhirns und des Scheitellappens eines Vadumanten und blockierte so das Entscheidungszentrum, und wenn der Mensch keine Entscheidungen mehr treffen konnte, ließ er sich absolut alles einflüstern und jeden Willen diktieren. Leider funktionierte das aber nur bei Menschen und nicht bei anderen Dunklen, sonst hätte ich Evangelista schon einige Mal vor einen Güterzug laufen lassen – mal davon abgesehen, dass ich diese Fähigkeit natürlich nicht besaß. Eigentlich besaß ich so gut wie keine Fähigkeit, denn schließlich hatte ich diese Dinge niemals von irgendjemandem gelernt.

Die Tatsache, dass meine Schwester diese Spielchen und das Haus tatsächlich mochte, ließ mich immer wieder verzweifeln. Früher waren wir stets einer Meinung gewesen, bis dieser eine Moment gekommen war, in dem Mia sich anders entschieden hatte als ich. Plötzlich hatte sie es ziemlich cool gefunden, die Tochter des Teufels zu sein. Sie war nur drei Jahre jünger als ich, benahm sich aber manchmal so, als wäre sie gerade in die Pubertät gekommen.

»Ich verstehe nicht, wozu das gut sein soll«, sagte ich.

»Es macht Spaß!«

»Menschen zu unterwerfen?«, fragte ich.

»Wir machen ja nichts Schlimmes«, rechtfertigte sich Mia.

»Wir?«, fragte ich und erntete ein Augenrollen. »Dein Vater …«

»Er ist auch dein Vater. Und ihn interessiert überhaupt nicht, was hier passiert.«

Da hatte sie tatsächlich recht. Würde mein Vater sich auch noch damit beschäftigen, was in den vielen Hundert Zweigstellen im Diesseits los war, könnte er sich kaum noch um die Belange der Firma im Jenseits kümmern – wo sie wohlgemerkt um ein Vielfaches größer war als hier auf der Erde. Wir Todeshändler waren nur winzig kleine Funken innerhalb des gewaltigen Feuers.

Dieses Feuer, dem mein Vater vorstand, die Firma, gliederte sich in sieben konkurrierende Häuser, die den Führungsanspruch des Hauses Morgenstern, also meines Hauses, bedingungslos anerkannten. Die anderen Häuser, mehr oder weniger scharf auf die Führungsrolle und mehr oder weniger mächtig innerhalb der Firma, unterstanden jeweils einem weiteren Direktor, der seine Todeshändler in Schach hielt und dafür sorgte, dass jeder seine Aufgabe erledigte.

Diese Direktoren waren die Fürsten der Häuser und bildeten das Rückgrat der Firma und somit der Hölle. Ich hatte die meisten nie persönlich kennengelernt. Einzig Castor, den Herren des Hauses Tirani, kannte ich schon mein ganzes Leben lang. Als Kind hatte ich ihn immer »Onkel Castor« genannt und war schließlich dabei geblieben. Er war der wohl engste Vertraute meines Vaters, ganz sicher war ich mir aber nicht, denn das letzte Mal hatte ich meinen Vater vor vierzehn Jahren, drei Monaten und sieben Tagen gesehen. Seitdem ließ er unsere »Korrespondenz«, wie er es nannte, über meinen Bruder Augusto oder eben Onkel Castor laufen. Castor war eben seine rechte Hand und das galt auch für seine Töchter. Wie gesagt, er hatte wirklich Wichtigeres zu tun, als sich die Blöße zu geben, den Kontakt zu seiner Halbbluttochter aufrechtzuerhalten, die den niederen Dienst einer Todeshändlerin verrichtete.

Die Stimmung im Theater veränderte sich, und es wurde unruhiger. Einige Ebenen unter uns brach eine Gruppe, die es sich in einer der eleganten Sitzgruppen ebenso elegant bequem gemacht hatte, in lautes Gelächter aus. Einer von ihnen, ein Typ mit langen schwarzen Haaren, musste etwas verdammt Lustiges erzählt haben, so wie sie sich gerade aufführten. Ich kannte ihn nicht, wusste aber, dass er dem Haus Vargas angehörte.

Seit drei Monaten ging ich hier mittlerweile ein und aus, kannte aber nicht einmal die Hälfte der Administranten und Todeshändler persönlich. Allerdings hatte ich es mir ziemlich schnell angeeignet, die Zugehörigkeit der Häuser zu erkennen, was auch nicht sonderlich schwer war. Die Mitglieder des Hauses Morgenstern hatten grundsätzlich die besten Jobs, die besten Plätze und tranken den besten Wein. Die Scaletto-Anhänger waren allesamt so teuer gekleidet und führten sich so dekadent auf, dass man sie kilometerweit erkennen konnte. Das Haus Vargas war in unserem Torhaus nur sehr wenig vertreten, aber seine Mitglieder umgab immer etwas seltsam Unnahbares.

Den Todeshändlern, die in den Diensten des Hauses Morgenstern standen, wurde tatsächlich mehr Respekt entgegengebracht als allen anderen. Während das im Grunde jeder genoss, war es für mich einfach nur entsetzlich unangenehm. Ich hasste es, im Mittelpunkt zu stehen, hatte mich aber notgedrungen damit abgefunden, ständig mit »Principessa« oder »Prinzessin« angesprochen zu werden. Selbstverständlich verachtete ich all diejenigen zutiefst, die das taten.

Im Gegensatz zu mir wünschten sich die allermeisten Dunklen genau diese Aufmerksamkeit und Anerkennung und versuchten deshalb, sich auf freie Positionen im Haus meines Vaters zu bewerben.

Augusto schmetterte im Auftrag meines Vaters den Großteil der Bewerber nach tagelangen Tests als unwürdig ab und ließ sie dann ein Jahr später wieder antreten, nur um ihnen die gleiche Absage noch einmal zu erteilen.

Das Problem daran war allerdings, dass die Anwärter bei ihren Häusern in Ungnade fielen, sobald sie versuchten, das Haus zu wechseln, egal ob sie in das Haus Morgenstern, Scaletto oder Vargas wechseln wollten. Wer ein anderes Haus seinem eigenen vorzog, dann aber scheiterte, hatte verloren. Zwar war es erheblich leichter, in eines der anderen Häuser aufgenommen zu werden als in das Haus Morgenstern, aber dennoch scheiterten immer wieder Dunkle an den Aufnahmeprüfungen. Das wiederum hatte den Nebeneffekt, dass es immer mehr Todeshändler, Totenarbeiter oder Administranten ohne Häuserzugehörigkeit gab. Es war nicht so, dass sie auf der Straße landeten, denn das konnten sich die Häuser nicht leisten, bei dem immer größer werdenden Berg an Arbeit, die der Tod mit sich brachte. Diese Gefallenen arbeiteten auch weiterhin in den Diensten der Firma, mussten aber auf die Vorteile verzichten, die eine Häuserzugehörigkeit mit sich brachte.

»Da ist Matteo. Er hat mich gestern gefragt, ob ich mich nicht zu ihm setzen will«, kommentierte Mia das Gelächter der Gruppe unter uns und deutete mit einem Kopfnicken auf einen der Männer, die lauthals lachten.

»Und das hast du ja wohl nicht getan«, antwortete ich.

Matteo war irgendein Scaletto-Typ, der mir bei einem meiner ersten Besuche im Haus seine Aufwartung gemacht hatte. Nachdem er sich mit einem Handkuss vorgestellt und mich darum gebeten hatte, einmal mit ihm bei Vollmondschein tanzen zu gehen, hatte ich mühevoll meinen Brechreiz bekämpft, nett gelächelt und abgelehnt. Als er dann auch noch von Evangelista zurückgepfiffen worden war, war sämtlicher Wannabe-Zauber verflogen, der seiner Ansicht nach hätte entstehen können.

»Natürlich habe ich abgelehnt. Er hat mal mit dieser hässlichen Pudelfrau gevögelt, die jetzt auf Augusto steht.«

»Evangelista?« Pudelfrau – warum war mir das nicht eingefallen? Mit noch einem bisschen mehr Haarspray hätte man ihre Extensions prima zu einer adretten Pudelfrisur umtoupieren können.

»Sag’ ich doch.« Sie griff nach meinem Rotweinglas und trank einen großen Schluck daraus.

»Schmeckt’s?«

»Ganz köstlich, Schwesterherz.« Sie lächelte süffisant und trank einen weiteren Schluck. »Wie geht es dir eigentlich?«, fragte sie völlig unvermittelt und klang mit einem Mal ernster. »Ich meine, das mit Jan ist jetzt drei Monate her, und wir haben länger nicht …«

»Ich will nicht darüber reden.«

Das wollte ich wirklich nicht. Ich hatte seinen Namen gerufen, obwohl ich das Auto gesehen hatte. Ich hatte ihn geliebt. Jan war der Mann gewesen, den ich gewollt hatte, mit dem ich mein Leben verbracht hätte, wenn er nicht alles kaputtgemacht hätte. Ich hatte dafür gesorgt, dass er stehen geblieben war, obwohl ich gewusst hatte, was geschehen würde. Ich hatte ihn umgebracht und es in diesem Moment ungeheuer genossen. Und genau dafür hasste ich mich, auch wenn mein Herr Vater stolz auf mich gewesen wäre. Ich war eben doch seine Tochter und konnte nicht verleugnen, dass die Dunkelheit tief in mir lauerte und wie ein wildes Tier an der Oberfläche kratzte, um endlich freigelassen zu werden.

»Dann eben nicht. Aber irgendwann wirst du darüber sprechen müssen«, entgegnete Mia und stand leichtfüßig auf.

»Komm jetzt, wir gucken uns an, was der Milea-Typ mit den Vadumanten macht«, sagte sie und deutete auf eine der untersten Ebenen des Theaters, wo sich mittlerweile eine erstaunliche Menge an Todeshändlern versammelt hatte.

Mit einem Seufzen stand ich auf und tat das, was in meinem Leben zu trauriger Gewohnheit geworden war: Ich ergab mich meinem Schicksal.

4

Kapitel 34.5

Rechte und Pflichten

Sie haben sich nun an den Gedanken gewöhnt, aus dem Leben geschieden zu sein. Das ist eine hervorragende Entwicklung, wir möchten Sie dazu herzlichst beglückwünschen. Eine repräsentative Erhebung hat ergeben, dass 78 % aller Seelen jedoch noch einige Jahre damit hadern, nicht in das Licht eingegangen zu sein. Sollten Sie das Bedürfnis nach psychologischer Hilfe verspüren, wenden Sie sich bitte an Ihren Totenarbeiter, der Ihnen ein Kontaktverzeichnis mit den entsprechenden Seelsorgern vermitteln wird. Eine weitere Informationsmöglichkeit sind die Informationszentren im Fegefeuer sowie dem Limbus. Dort ist allerdings mitunter mit längeren Wartezeiten zu rechnen, da aufgrund organisatorischer Engpässe eine personelle Unterbesetzung nicht zu vermeiden ist.

Als neu in das Dunkel eingegangene Seele haben Sie nun Rechte und Pflichten. Diese werden wir in den kommenden 93 Kapiteln mit farbigen Illustrationen erläutern. Eine repräsentative Erhebung hat ergeben, dass bildungsferne Seelen dies hilfreich finden. Sollten Sie eine unbebilderte Version wünschen, können Sie diese in digitaler Form ebenfalls in einem der Informationszentren abrufen.

Als Seele im Dunkel stehen Ihnen nun verschiedene Wege offen – wichtig ist jedoch: Bei jedem dieser Wege müssen Sie Buße tun. Sie können sich natürlich selbst entscheiden, auf welche Art und Weise dies geschehen soll, zum Beispiel durch klassische Höllenqualen oder einen geregelten Arbeitsvertrag in einem der Häuser. Genaue Erläuterungen zu ihren Arbeitsmarktoptionen folgen in den kommenden Abschnitten. Für »Höllenqualen« lesen Sie bitte unmittelbar in Kapitel 143 weiter, welches ebenfalls attraktiv bebildert ist. Eine repräsentative Erhebung hat ergeben, dass 99,5 % aller Leser des »Höllenqualen«-Kapitels im Anschluss psychologische Beratung wünschen (s. o.).

Aus: Ratgeber für die Toten. 783. Auflage

Verlag der Finsternis

Mein Leben war mehr oder weniger normal gewesen. Okay, ich hatte schon immer gewusst, dass mein Vater der Teufel war, die Beziehung zu meiner Mutter war mehr als kompliziert gewesen und auch sonst war es nicht so richtig gut gelaufen – aber ich hatte mein Ding gemacht und alles war okay – bis zu diesem einen verhängnisvollen Tag. Von diesem Tag an hatte sich alles geändert und mein Leben hatte eine satte Kehrtwende hingelegt.

»Es wird sich etwas ändern. Die Zeit ist reif dafür. Du bist jetzt …« Er machte eine Pause. »Wie alt bist du?«

»Ich bin vierundzwanzig. Schön, dass du dir das merken kannst«, antwortete ich spitz.

»Vierundzwanzig. Das ist ohnehin viel zu spät.«

Mein Vater war sich wieder einmal zu fein gewesen, selbst ins Diesseits zu kommen, um mit mir zu sprechen. Warum sollte er diesen Aufwand auch auf sich nehmen? Im Grunde war er nur irgendein Phantom, das über mein Leben herrschte und mich nach seinem Belieben in Ketten legte.

Castor war nicht mehr als sein Handlanger, der tat, was mein Vater von ihm verlangte. Natürlich, in meiner Welt war Castor ein hoch angesehener Mann, einer der Sieben, die über die Firma herrschten, aber wenn man wie ich hinter die Fassade blicken konnte, dann war schnell zu erkennen, dass er lediglich die Marionette des Teufels war – zumindest wenn es um mich ging.

»Ich habe mich dazu entschlossen, dass ich normal leben will. Und Mia auch. Wag es nicht, sie auch noch da mit reinzuziehen«, schnauzte ich ihn mit erhobenem Finger an.

»Catalea, die Firma hat es nicht mehr so leicht wie noch vor ein paar hundert Jahren. Die Menschen vermehren sich immer schneller, und dein Vater ist auf jeden Dunklen angewiesen, der fähig ist, seinen Dienst zu verrichten. Wir brauchen dringend neue Todeshändler«, erklärte er und hob beschwichtigend die Hände.

Ich wusste nicht genau, wann sie den Begriff Dämon gestrichen und sich dafür entschieden hatten, Dunkle zu uns zu sagen. Ich wusste auch nicht, wann sie schwarze Schwingen gegen schwarze Anzüge getauscht hatten, aber ich war mir sicher, dass mein Vater nicht dazu gezwungen war, Anzeigen zu schalten, sondern so viele Dämonen erschaffen konnte, wie er wollte.

Wann auch immer sich diese Dinge geändert hatten: Vor erheblich längerer Zeit hatte man sich mit der anderen Seite, also dem Licht, darauf geeinigt, dass man sich gemeinsam um die Toten kümmern würde, sie aufteilte und ein Teil ins Licht ging und der andere in das Dunkel. So weit, so gut. An diesen Vertrag, das postparadiesische Kreationisten-Abkommen, hielt man sich noch immer, auch wenn es hier und da kleinere Reibereien gab.

Wer starb und sich in seinem Leben nicht sonderlich gut benommen hatte, verließ das Diesseits und ging hinüber in das Dunkel – eigentlich ein ziemlich einfacher Prozess, der allerdings nicht automatisiert vonstattenging, sondern von einem Todeshändler an Ort und Stelle vollzogen werden musste. Das musste man sich mal vorstellen. Allein der bürokratische Aufwand dafür war gigantisch. Wenn ich der Boss des ganzen Haufens wäre, hätte ich längst auf Automatisierung gesetzt und die ganzen Snobs auf die Straße gesetzt. Das würde natürlich nie passieren, weil alle ganz versessen auf die Quoten waren.

Wenn ein Haus mehr Seelen in das Dunkel überführte als ein anderes, wuchs sein Einfluss innerhalb der Firma. Das einfache Prinzip von Leistung und entsprechender Honorierung bestimmte also sogar das Leben in der verdammten Hölle.

Leider hatte ich von betriebswirtschaftlichen Prozessen so viel Ahnung wie mein Vater von meinem Leben – gar keine. Ich studierte an der Universität Köln Medienkommunikation und Journalismus. Dieser Studiengang brachte mir allerdings rein gar nichts, seit ich gezwungenermaßen in das Familienbusiness eingestiegen war, denn leider hatte die Hölle keine PR-Abteilung und erst recht keinen Pressesprecher.

Je mehr Einfluss ein Haus also durch eine bessere Quote gewann, desto eher konnte es einen Führungsanspruch geltend machen. Seit Gründung der Firma durch die sieben Fürsten hatte das Haus Morgenstern mehr Seelen in das Dunkel überführt als jedes andere. In den letzten Jahren war das Haus Scaletto dem meines Vaters allerdings immer dichter auf den Fersen. Mit einigem Abstand folgte dann das Haus Vargas, während Tirani, Cabianca, Alba noch schlechtere Quoten hatten. Das Haus Milea war am weitesten abgeschlagen. Die Häuser standen so in einem ständigen Wettstreit um die Machtpositionen innerhalb der Firma.

»Du solltest deine einfältige Haltung überdenken, Catalea. Dein Vater braucht dich, dein Haus braucht dich«, erklärte Castor und faltete die Hände vor dem Körper.

Ich hatte einige Mühe, mich auf ihn zu konzentrieren. Man sah ihm sein unglaublich hohes Alter nicht einmal im Ansatz an. Auch wenn die Erinnerung an meinen Vater im Laufe der letzten Jahre immer mehr verblasst war, wusste ich doch, dass er und Castor etwas gemeinsam hatten: Sie sahen vielleicht aus wie Menschen, aber ihre Aura strahlte ungeheure Macht aus.

Castor trug einen Anzug aus edelsten Stoffen und einen halblangen Mantel darüber, der mit Gold und Seidenbrokat besetzt war – eines Königs würdig und wahrscheinlich ein halbes Vermögen wert. Der Siegelring an seinem Finger war gewaltiger als jeder Damenklunker, den ich jemals gesehen hatte, und die Lackschuhe glänzten, als ginge er zu einem Staatsbankett.

»Ich habe meinen Vater auch gebraucht. Ist er gekommen? Nein.«

»Dein Vater ist ein beschäftigter Mann, Catalea.«

»Mein Vater ist der verdammte Teufel. Er hätte es mit Sicherheit möglich machen können.«

»Deine Mutter war für dich verantwortlich.«

»Meine Mutter ist daran zerbrochen, dass mein Vater sie verlassen hat, und abgehauen, als ich vierzehn war.« Wollte er mich verarschen?

Die Tatsache, dass ich im Gegensatz zu den meisten anderen höherrangigen Dunkeln im Diesseits und nicht im Jenseits zu Hause war, hatte natürlich einen Grund. Viele Dunkle hatten im Laufe der Zeit auch menschliche Partner gehabt und mit ihnen Kinder gezeugt.

Selbst mein Vater hatte vor fünfundzwanzig Jahren eine Frau kennengelernt, mit der er ein Kind bekommen hatte, und einige Zeit später sogar noch ein zweites. Es war ja nicht so, als hätte er nicht schon einen Erben gehabt – nein, er musste natürlich noch zwei weitere Halbdämonen in die Welt setzen.

Also waren Mia und ich bei einer Frau aufgewachsen, die es einfach nicht verkraftet hatte, dass dieser unmenschlich anziehende Mann, den sie geglaubt hatte zu lieben, urplötzlich verschwunden und nie wiederaufgetaucht war. Sie hatte sich mehr und mehr in sich selbst zurückgezogen, war kaum noch für uns da gewesen und verließ uns irgendwann genauso wie schon unser Vater – ohne gewusst zu haben, dass sie die Mutter zweier Antichristen war. Sie ging einfach fort, und ich hatte nie nach ihr gesucht, weil ich sie viel zu sehr dafür verachtet hatte, dass sie ihre Kinder im Stich gelassen hatte.

»Ich weiß, dass es bestimmt nicht immer leicht für dich war, aber du solltest jetzt auf dein Innerstes hören. Du hast hier und jetzt die Möglichkeit, dein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Catalea. Willst du weiter in diesem Loch hausen, das einer deines Standes nicht würdig ist, und warten, dass sich dir der Sinn deines Daseins erschließt? Hier hast du ihn. Ja, du hast deine Existenz so vielleicht nicht gewählt, aber du hast jetzt die Möglichkeit, mehr daraus zu machen. Dir wurde bei der Geburt etwas mitgegeben, wofür andere morden. Du bist in die mächtigsten Familien der Geschichte hineingeboren worden.«

Er seufzte resignierend und lief dann einige Schritte durch mein Wohnzimmer, in eben der Wohnung, die er so unwürdig fand. Tatsächlich war sie nicht besonders groß. Mia hatte ein Zimmer, ich hatte eines, dann gab es noch das kleine Wohnzimmer und eine noch viel kleinere Küche mit einem alten Tisch, den wir vom Sperrmüll hatten. Als Studentin in Köln mit einem Hang zu teurem Chardonnay musste man eben auf andere Dinge verzichten. Wo war die Flasche überhaupt, die ich vorhin gekauft hatte? Ich sehnte mich gerade ungeheuer nach einem Glas.

»Du bist keine Vadumantin und deine Schwester genauso wenig. Es ist an der Zeit, sich das endlich einzugestehen.«

»Ich bin vadumantischer als du und mein ach so toller Vater.« Unsere Diskussion drehte sich im Kreis. Er wusste das, ich wusste es, und er wusste, dass ich es wusste.

»Und dennoch schlägt das Herz deines Vaters in deiner Brust und nicht das deiner vadumantischen Mutter.«

Castor war ein Dunkler, genau wie mein Vater und mein Bruder Augusto. Sie alle entstammten einer anderen Welt.

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