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In Stücke gerissen

Miklós Bánffy

In Stücke gerissen

Roman

Aus dem Ungarischen
und mit einem Nachwort
von Andreas Oplatka

Paul Zsolnay Verlag

… Und die feurige Menschenhand holte

weiter aus, und der Finger schrieb einen dritten

Satz auf die getünchte Wand des Palastes:

»In Stücke wirst du gerissen!«

Doch dies sah keiner von den Menschen am

Gelage, denn sie waren betrunken, und sie

verschleuderten die von ihren Ahnen erworbenen

goldenen und silbernen Gefäße und stritten

sich wegen ihrer aus Holz, Stein und Lehm

verfertigten falschen Götter, bis sich ihre Kräfte

erschöpften …

Das Heer der Perser aber stand schon vor den

Toren der Stadt, und sie alle wurden in derselben

Nacht getötet …

I.

Bálint Abády betrat leise die dunkle Loge. Ihre Familienloge war die dritte rechts. Es galt nämlich in Klausenburg als eine alte Tradition, dass jeder, der sich dies erlauben konnte, einen Platz – stets den gleichen – mietete.

Tastend hängte er seinen Mantel auf, ging, vom Bühnenlicht leicht geblendet, nach vorne und setzte sich. Er nahm den mittleren Platz der Bühne gegenüber ein, denn die Mutter war in Dénestornya geblieben. Bálint hatte den Weg von dort mit dem Auto gemacht, gerade nur, um der Vorstellung beizuwohnen, da dies ein großer, festlicher Abend war: die Premiere der »Madame Butterfly«. Die Titelrolle sang keine Geringere als Yvonne de Tréville, die berühmte Sopranistin der Opéra Comique, die damals in Klausenburg oft auftrat. Er hatte sich ein wenig verspätet. Die Vorstellung war schon fortgeschritten. Eben begann das letzte, große Duett im ersten Akt – eine von Leidenschaft pulsierende Melodie, ein wild sehnsüchtiger Zwiegesang der Liebe. Die Violinisten und Bratschisten beugten sich weit vor, sie übernahmen so den pochenden Sechs-Viertel-Rhythmus, und über ihnen stieg, süß wie Honig, die Stimme der Pariser Künstlerin empor. Doch kaum hatte sich Bálint der Musik überlassen, als er von einem Gefühl wundersamer Unruhe ergriffen wurde, einer Unruhe, als gebe es in seiner Nähe irgendeine gewaltige Kraft. Etwas, das mächtiger war als diese mächtige Musik. Etwas, das seine Nerven durchströmte. Wie von einem Magneten gezogen, musste er sich jäh umdrehen. Unmittelbar hinter ihm saß Adrienne Milóth.

Unerwartet, dass sie sich hier befand. Es hatte geheißen, sie sei nicht in der Stadt, sondern weile mit ihrer Tochter in der Schweiz. Unerwartet, dass sie schon zurückgekehrt war, und ein Zufall, dass sie und ihre Schwester, die kleine Margit, als Gäste der guten, alten Adelma in der benachbarten Gyalakuthy-Loge saßen. Sie hatte ihren Platz ganz nahe bei ihm, und doch wirkte sie unwahrscheinlich, wie eine Vision. Nur der Mondschein, den die Kulissen zurückwarfen, beleuchtete ihre dünne, kaum gebogene Nase, ihre Wangen und vollen Lippen und die matte Haut am Hals und an den Schultern über dem tief ausgeschnittenen, silbernen Kleid. Alles andere ertrank in der Dunkelheit des Zuschauerraums. Sie blickte bewegungslos vor sich hin. Starr. Der Bühnen-Mondschein überzog mit smaragdgrünem Schmelz die Iris ihrer weit geöffneten Augen. Wie eine Statue, so regungslos verblieb sie. Dabei gab es keinen Zweifel, dass sie Bálint bereits bemerkt haben musste, als er so vorsichtig eingetreten war, denn sie saß ihm zugewandt, während der Blick vom Lehnstuhl auf dem mittleren Platz, den der Mann schleichend eingenommen hatte, direkt auf die Bühne ging. Und nun befanden sie sich einander so nahe, dass ihre Arme sich mit der kleinsten Bewegung hätten berühren können. Unmöglich, länger hierzubleiben! Unmöglich, so nebeneinander zu sitzen, als wären sie einander fremd. Zusammen diese leidenschaftliche Musik voller verzweifelter Sehnsucht, Liebe und Begierde zu hören. Nein! Hier durfte er nicht bleiben! Er brächte es auch nicht fertig.

Die Vergangenheit ihrer Liebe brach über Bálint mit solcher Wucht herein, dass ein Zittern über seinen ganzen Leib lief. Lautlos erhob er sich; in Eile und beinahe torkelnd verließ er die Loge. Doch er schaffte es nicht, gleich wegzugehen. Er stieg die Treppe hinunter, begab sich auf die andere Parterreseite, und so, im Mantel, betrat er durch eine der Türen den Saal. Hier, unter den Balkonlogen, im tiefschwarzen Schatten, würde ihn niemand bemerken. Hier wollte er den Aktschluss abwarten; ins Freie flüchten würde er erst müssen, bevor sich der Kronleuchter erhellte. Adrienne, die er seit mehr als einem Jahr nicht mehr getroffen, nur einmal von weitem erblickt hatte, durfte er von hier betrachten.

Sie hatte sich nicht verändert, ihr Gesicht nur mochte ein wenig schmaler sein, und vielleicht gab es auch einen bitteren Zug um ihre Mundwinkel. Doch sie wirkte ebenso königlich wunderbar wie damals, als sie noch ihm angehört hatte, Lebensgefährtin seiner Seele und seines Leibs, die von ihm zur Gattin erwählte Frau gewesen war, bevor das Geschick sie auseinandertrieb. Seine Einbildungskraft riss von ihr das wie ein Harnisch glänzende Kleid, und er sah sie so vor sich wie einst in Venedig – es war nun viereinhalb Jahre her – und dann in der Waldhütte oder hier in der Stadt in der Villa Uzdy oder auf dem Land in Mezővarjas und einige Male auch in Budapest – überall, wo ihre heimatlose Liebe eine Bleibe hatte finden können. Und Bitterkeit ergriff sein Herz. Auf diese Frau hatte er verzichten müssen! Auf ihren Befehl hätte er eine andere, die kleine Lili Illésváry, heiraten sollen. Addy selber hatte sie für ihn bestimmt. Ohne diese Ehe sollten sie sich nicht mehr treffen dürfen. Dies hatte Adrienne damals verfügt, und er war nicht imstande, die Bedingung zu erfüllen. Deshalb hatte er ihr seither nicht begegnen können.

Das Duett tönte fort. Die stürmische Melodie der Liebessehnsucht entfaltete sich immer mächtiger. Aus der Tiefe des Orchesters erklang dazwischen etwa zweimal dunkel das Fluchmotiv des schintoistischen Oberpriesters, es unterbrach das honigsüße Lied. Bálint schien, die Musik verkörpere ihr Schicksal, sie beschwöre ihre Vergangenheit. Doch auf der Bühne erhob sich nun wieder der Gesang der Sehnsucht, alles überflügelnd, fordernd und triumphierend – Frühling, Mondschein, blühende Bäume und eine erhabene Melodie –, die Stimmen rauschten tosend, und in der spannungsgeladenen Flut des Ensembles riss die Macht der Sinne stürmisch alles mit sich. Ja! Diese Musik kündete von ihrer Vergangenheit, von der versunkenen Vergangenheit …

Der Vorhang fiel, von einem Orkan des Applauses begleitet. Bálint glitt zur Tür hinaus. Draußen empfing ihn eine kühle Oktobernacht. Der Himmel war klar, doch die Gehsteige glänzten, weil es am Nachmittag genieselt hatte. Er machte sich durch die dunkle Stadt auf den Weg, gerade nur, um sich beim Gehen ein wenig Bewegung zu verschaffen. Um allein zu sein. Allein mit all dem, was an diesem Abend so plötzlich über ihn hereingebrochen war. Unwillkürlich blickte er doch auf die Uhr. Viertel nach neun. Denn nach der Vorstellung war er zum Obergespan1 bestellt, der – als Intendant des Klausenburger Theaters – ihn zu einem Abendessen zu Ehren der französischen Künstlerin geladen hatte. Doch das würde erst gegen Mitternacht sein … Bis dahin konnte er marschieren. Er musste es tun. So vielleicht würde er die Bitterkeit meistern, die durch Adriennes Anblick in ihm aufgebrochen war. Langsam und ziellos, aufs Geratewohl schritt er dahin. Nur so, immer geradeaus.

Seine Erinnerungen fielen über ihn her, sobald er sich draußen in der menschenleeren, abendlichen Straße befand. Sie meldeten sich in wirrem Durcheinander, ohne jede Reihenfolge. Er aber lief, als wolle er vor ihnen flüchten. Denn er musste sich verziehen! Sich verstecken! So wie im letzten Sommer, als er Adrienne erblickt hatte – ein einziges Mal seit jener Zeit! Er war aus der Klinik herausgetreten, wo er einen seiner Pferdeknechte von Dénestornya untergebracht hatte. Durch die eisernen Stäbe des Zauns sah er plötzlich Addy auf der anderen Seite. Sie ging mit ihren gleichförmigen, langen Schritten die Straße aufwärts. Bálint duckte sich jäh hinter der Torsäule, damit sie ihn nicht erblicke, und folgte mit den Augen der Frau, die vorbeizog. Sie schaute weder rechts noch links, einzig vor sich hin und hob dabei ein wenig das Kinn. Gewiss war sie unterwegs zum sogenannten grün gedeckten Haus, zur Nervenheilanstalt, die weiter oben am Berghang stand. Sie besucht ihren Mann, der dort eingesperrt ist, dachte Bálint. Den Wahnsinnigen, den sie nie geliebt und der sie nie geliebt hat!

Sein Herz hatte sich mit Bitternis gefüllt – einem Verbannten gleich, der irgendwo aus der Ferne die Grenzhügel seines Geburtslandes erblickt. Und jetzt musste er laufen, im Theater Reißaus nehmen, sich in der dunklen Stadt ziellos herumtreiben! Seine Schritte führten ihn unwillkürlich zum Hauptplatz. Eine ungewohnte Willenlosigkeit beherrschte ihn, wie wenn der jähe Entschluss, sich von Adriennes Nähe loszureißen, seine ganze Kraft verbraucht hätte. Er ließ sich treiben und sah kaum, wo er vorbeikam. An der Ecke des Marktplatzes blieb er stehen, weil er beinahe in den Kessel des Maronibraters hineingelaufen war. Er schämte sich ein wenig. Folglich kaufte er die Maroni in der trichterförmigen Tüte, die ihm die Marktfrau dienstfertig reichte. Er übernahm das Paket, zog weiter und begann mechanisch, es zu öffnen. Als er aber die Hand hineinstreckte, fiel ihm die Einladung zur Soiree ein und dass die Maroni seine Finger verrußen würden. Er steckte die Tüte in seine Manteltasche. Er würde wohl einem Kind begegnen und sie ihm schenken. Gewiss begegnete er etlichen, denn auf seinem Weg jenseits der eisernen Brücke vertraten sich vor dem Kino einige Halbwüchsige die Beine. Doch als er an ihnen vorbeiging, hatte er schon längst vergessen, was er in der Tasche trug.

Ja! Lili Illésváry hätte er heiraten sollen. Dann wäre alles anders. Dann dürfte er sich jetzt mit Adrienne treffen, sie würden sich über ihre Erinnerungen unterhalten, sie hinter verhüllten Worten verstecken, sie sprächen wenigstens als gute Freunde, wenn es halt anders unmöglich war. Er könnte sie zumindest sehen, ihre Hand ergreifen, die biegsamen Finger küssen … Und er hätte auch ein Zuhause, eine Familie und triebe sich nicht heimatlos in der Welt herum. Ja! Dies hätte er tun sollen. Doch er hatte auch das weggeworfen, das halbe Glück der Fügsamkeit, als welches er diese Lösung betrachtete. Und nun hatte er nichts, keine Liebe, keine Familie, nichts!

Dabei war es nur an ihm gelegen. Einzig an ihm. Mitte Dezember in Jablánka, damals hatte er alles versäumt. Die Gastgeberfamilie, Antal Szent-Györgyi und seine Söhne, hatte ihn bei seiner Ankunft mit einer gewissen erwartungsvollen Freude begrüßt. Ihre Gefühle dämpften sie natürlich sehr, und sie mieden jedes Aufsehen, wie dies zum Stil von Jablánka gehörte. Magda Szent-Györgyi immerhin ließ ein bisschen mehr erkennen, sie begrüßte ihn mit einem schelmischen Lächeln und drückte seine Hand ein wenig stärker als gewöhnlich; Tante Élize, Szent-Györgyis Gattin, empfing ihn ihrerseits mit noch größerer, streichelnder Wärme als sonst, und obwohl sie mit keinem Wort auf den Heiratsplan anspielte, den offensichtlich jedermann ahnte, so zeigten doch der leicht ermunternde Blick, mit dem sie ihn ansah, ihre liebkosende Hand und der bemutternde Ton, kurz, alles, dass sie die Absichten ihres Neffen freudigen Herzens und leicht gerührt verfolgte. Auch Pfaffulus sah man an, dass er ganz im Bilde war. Mit Worten gab er natürlich nichts zu erkennen, doch seine dichten Augenbrauen bewegten sich bedeutungsvoll wie die Fühler des Bockkäfers, als er Abádys Hand schüttelte. Pfaffulus, das heißt Stiftsherr Czibulka, hielt sich schon seit mehreren Tagen in Jablánka auf, denn die große Jagd wurde dieses Jahr ungewöhnlich spät zur Adventszeit abgehalten. Er war von Tyrnau herübergekommen und las in der Schlosskapelle täglich die Messe. Bálint hatte das Gefühl, jedermann sei sich hier über seine Heiratsabsicht im Klaren und alle stimmten ihr zu.

Lili traf er, als sich schon viele zum Abendessen im anderthalbstöckigen Stuckatur-Saal versammelt hatten, dem einstigen Refektorium der Paulaner Mönche, das jetzt als Großer Salon diente. Sie war durch die gegenüberliegende Tür von der Bibliothek her eingetreten. Bálint hatte sie schon von weitem erkannt.

In ihrem weißen Tüllkleid schien sie so leicht, als glitte sie gewichtlos über den glänzenden Parkettboden. Sie schritt mit der ruhigen Sicherheit von Mädchen aus der eleganten Welt, nickte jenen zu, denen sie zuvor bereits begegnet war, und begrüßte zwei aus Wien neu angelangte Jagdgäste. Abády zollte der vollendeten Weise, wie sie sich bewegte, abermals Bewunderung. Die ganze Umgebung, der riesige weiße Saal, die rot und golden verzierten Möbel, die gewaltigen, in verschnörkeltem Rahmen steckenden Porträts, die ganze Pracht entsprach ihr, sie bildete den Kreis, in dem dieses schneeweiße Mädchen, als sie sich mit der Leichtigkeit eines Schmetterlings näherte, beinahe zerbrechlich schien und in welchem sie doch auch ihr Herkommen, ihre stahlharte Art spüren ließ. Wäre also dies die Frau, die er heiraten würde?

Er, der aus der Zucht vieler Generationen hervorgegangene Nachkomme von Ahnen, die, reich und selbständig, niemals ein hässliches Weibsstück um der Mitgift willen oder eine Zweitrangige aus Knechtschaft geehelicht hatten. Doch Lili näherte sich schon Abády. Ihr Gang beschleunigte sich nicht, auch ihre Haltung blieb unverändert, in der Bewegung aber, wie sie ihm die Hand reichte, gab es eine hingebungsvolle Weichheit, und Freude leuchtete in ihren vergissmeinnichtblauen Augen auf.

Ja! So hatte es sich zugetragen. Das hatte er wahrgenommen, sich in der Minute des ersten Wiedersehens eingeprägt und im Gedächtnis bewahrt. Dann der erste, der zweite und der dritte Tag der Jagd. Lili hielt sich öfters bei ihm auf, so auch am Tag des großen Streifzugs, wo sie beide wieder an der rechten Ecke gingen. Stundenlang waren sie beieinander. An den Nachmittagen machten sie auch Spaziergänge, natürlich nicht mehr zu zweit, sondern zusammen mit dem übrigen Jungvolk, die anderen ließen ihn und Lili aber oft allein, indem sie zwanzig bis dreißig Schritte zurückblieben. Das sonst redselige Mädchen verstummte in solchen Augenblicken immer wieder, als wolle sie es dem Mann überlassen, ein Thema anzuschneiden. Sie erwartete offenbar, dass er um sie anhielt. Damals hätte er es tun sollen. Dort in der langen Hagebuchen-Allee, die zum Aussichtsturm führte. Oder auf dem Rückweg, nachdem sie die Vollblutstuten besichtigt hatten.

Eine dünne, feine Schneedecke lag auf der gefrorenen Erde, sie knirschte leise unter ihren Tritten. Die anderen waren erst beim Zaun des Paddocks angelangt. Ja! Damals hätte er reden müssen. Dort hätte er die paar banalen Sprüche, die Formel, mit der man um das Jawort bittet, vielleicht aussprechen können. Er tat es nicht. Wie töricht, es nicht getan zu haben! Doch in der winterlichen Landschaft war ihm die eigene Stimme kalt, sachlich, schwunglos, ja beinahe geschäftlich vorgekommen. Dabei wäre dies wohl kein Hindernis gewesen, wo doch das Mädchen nur auf das eine Wort wartete.

Er überquerte die Brücke am Mühlengraben und blieb stehen. Ihm ging durch den Sinn, dass es richtig wäre, den Weg zur Promenade zu nehmen, der Park würde zu dieser nächtlichen Zeit menschenleer sein. Dort hielt sich zu solcher Stunde sicher niemand auf. Er machte aber nur einige Schritte in die Richtung und hielt wieder inne. Nein, das war ungut. Er hätte die Landstraße kreuzen und dabei seine Lackschuhe beschmutzen müssen. Um halb zwölf war er zum Gastmahl geladen. Nein! Er musste sich an die asphaltierten, vom Nachmittagsgewitter kaum nassen Gehsteige halten. Die paar Tropfen dort würden keine Spuren hinterlassen. So machte er sich weiter auf den Weg, hinaus zur Eisenbahn.

Es war jetzt ein Jahr her. Ja, vor einem Jahr hatte er den Herbst in der Hauptstadt verbracht. Auch damals unternahm er während langer Stunden Spaziergänge, ziellos und nur um des Gehens willen, um seine wachsende Unruhe zu mildern. Er wartete auf Adriennes Brief, auf die entscheidende Mitteilung, dass sie bereit sei, die Scheidung zu erzwingen. Und stets kamen nur aufschiebende Worte – »jetzt geht es noch nicht … warte … jetzt noch nicht« –, ja, Derartiges schrieb ihm die Frau, und Bálint verstand damals noch nicht, vor welch schrecklichem Dilemma Addy zu jener Zeit stand: Sie sah, wie sich ihr Mann langsam dem Wahnsinn näherte, der schließlich alles zerstörte, was sie geplant hatten. Adrienne! Welchen Gedanken hing sie jetzt wohl nach? Ob sie noch in der Oper saß? Oder war auch sie weggegangen? Was sie wohl gefühlt hatte, als sie an diesem Abend so zufällig nebeneinander geraten waren? Das grausame Spiel, welches das Schicksal mit ihnen trieb, hatte gewiss auch sie aufgewühlt.

So etwas durfte nicht wieder geschehen. »Morgen früh verreise ich gleich«, beschloss er. »Hätte ich zu diesem dämlichen Abendessen nicht zugesagt, ich ginge noch in dieser Nacht …«

Zurück nach Dénestornya zur Mutter. Das alte Zuhause gewährte als einziger Ort einige Ruhe. Seine Schönheit, sein jahrhundertealter Zauber. Das Heim. Freilich umschwebte ihn auch dort stets eine leise Traurigkeit, nur sie beide bewohnten das riesige Haus: er und seine alte Mutter. Immer nur sie beide. Nichts anderes gab es, kein junges Leben, keine Zukunft. Hätte er dort in Jablánka um Lili angehalten, dann gäbe es zumindest das, die Hoffnung darauf. Welche Verrücktheit, dass er es nicht getan hatte. Dabei war es offensichtlich, dass die Familie des Mädchens ihm auf ihre verschwiegene Weise jedes Hindernis aus dem Weg geräumt hatte. Sie hatten selbst den konfessionellen Unterschied bedacht, Bálint beruhigt: Die Tatsache, dass er reformiert sei, bereite keine Schwierigkeit. Feinfühlig gaben sie ihm dies zu verstehen. Diese Erinnerung stellte sich mit besonderer Schärfe ein, denn die Art, wie es geschehen war, wirkte höchst überraschend.

Am Nachmittag des zweiten Jagdtags – Bálint hatte sich gerade umgezogen und ging nun von seinem Zimmer zum Großen Saal – kam ihm im Korridor Pfaffulus entgegen. Abády hatte unwillkürlich den Eindruck, der andere habe auf ihn gewartet.

»Hätten Sie nicht Lust, die Kapelle zu besichtigen, mein junger Freund?«, sprach ihn Stiftsherr Czibulka mit seinem leicht slowakischen Akzent an. »Es lohnt sich wirklich, denn sie ist sehr schön.«

Folglich kehrten sie um und spazierten zum hinteren Flügel, der gegenüber dem Haupteingang den Hof des einstigen Klosters abschloss. Hier befand sich das gewaltige Tor der Kapelle. Seine schraubenförmigen Simse sprangen aus den schwungvollen Verzierungen der Portalsäulen breit hervor. Auch die Türflügel hatte man, aus dem leicht übertriebenen Reichtum des kirchlichen Barocks schöpfend, mit vielen teuren Hölzern ausgelegt. Das Schloss öffnete sich lautlos. Sie traten ein. Es war eine ziemlich geräumige Kirche. Fenster umgaben den Altar, der Halbkreis des Chors ragte offenbar über die Fassade hinaus und stützte sich auf den Berghang. Milder Dämmerschein herrschte noch an dieser Stelle, obwohl draußen schon Dunkelheit hereingebrochen war. Stimmungsvoll, wie sich das Säulenzelt des Chors vor dem Abendgrau schwarz abzeichnete. Doch Pfaffulus knipste das elektrische Licht an, und die Kapelle füllte sich mit Glanz. Sie war tatsächlich wunderbar. Den Wänden nach standen die geschnitzten Bänke der Paulaner Brüder, hinter ihnen zog sich, von vielen Säulen unterbrochen, eine hohe Holzverschalung hin, sie stützte einen mächtig vorspringenden Sims, der, indem er immer wieder vorstieß und zurückwich, sich beinahe in musikalischem Takt dem Altar näherte. Geflügelte Engelbüsten schmückten seinen Rand sowie der Symbolvogel der Paulaner, der Brot tragende Rabe. Wie goldene Ausrufezeichen, so erhoben sie sich über der kunstvoll bearbeiteten, kastanienbraunen Täfelung. Ein Baldachin, von den Strichen geschnitzter goldener Quasten umgeben, lag im Chor weich auf gedrehten Säulen. Darunter, in der Mitte eines goldenen Strahlenkranzes, ein kleines Marienbild, und rechts und links in goldenem und himmelblauem Kleid je ein kniender, erwachsener Engel mit goldenen Flügeln und Gliedern in der leicht aufgesetzten Haltung barocker Frömmigkeit. Ein reich geblümter Teppich bedeckte den Steinboden.

»Schön, nicht wahr?«, fragte Pfaffulus, und nun führte er Bálint herum, während er ihm die Reliefs in den Medaillen erklärte, die über jeder zweiten Bank die Wundertaten des heiligen Paulus darstellten, des Eremiten und Schutzheiligen des Ordens. Nach einem raschen Kniefall ging er am Altar vorbei und führte auf der rechten Seite den Thron des Abts und die hernach folgenden Heiligenbilder vor. Sie alle stammten in der Tat von hervorragenden Meistern. Die beiden waren beinahe wieder bei der Tür angelangt, als Stiftsherr Czibulka stehen blieb und sich in der äußersten Bank hinsetzte. Er dachte nach. Das Lächeln der Erinnerung lag auf seinem feinen, klugen Gesicht. Bálints anerkennende Worte quittierte er, indem er wiederholt nickte, und dann, als vermochte er sich der über ihn hereinbrechenden Gefühle nicht mehr zu erwehren, ergriff er plötzlich Abádys Arm, zog den anderen neben sich zum benachbarten Sitz nieder und begann zu erzählen: »Wissen Sie, was diese Kapelle für mich bedeutet? Ich liebe sie, wie wenn sie ein Lebewesen wäre. Nicht nur darum, weil sie so wundervoll ist, sondern auch, weil ich darin so vieles erlebt habe.«

Mit ein paar Worten skizzierte er, dass er hier seine Seelsorger-Laufbahn als Erzieher von Graf Antal begonnen hatte. Später sei er aus Rom hierher zurückgekehrt und habe während einiger Jahre als hauseigener Priester im Schloss von Jablánka gewirkt. Er nahm keine Gemeinde an, obwohl der alte Szent-Györgyi, Patronatsherr in zahlreichen Dörfern, ihm sein reichstes Benefizium anbot. Er zog es vor, dazubleiben und in aller Stille an seinen kirchenrechtlichen Werken zu arbeiten.

Jetzt lächelte er breit: »Und ich habe auch eine andere, eine sehr liebe Erinnerung. Hier habe ich Graf Antons zweite Schwester, Comtesse Charlotte, getraut, die einen schwedischen Grafen, Olaf Loewenstierna, geheiratet hat.« Die spitze Nase des Pfaffulus schien bei diesen Worten in die Länge zu gehen, und seine dichten Augenbrauen setzten sich auf der Stirn in Bewegung. »Das nun bedeutete eine große Kühnheit, denn der Bräutigam war natürlich protestantischen Glaubens, und ich hätte ohne Revers nicht handeln dürfen. Aber der alte Graf Szent-Györgyi hatte mir als Befehl mitgeteilt, dass man von einem Loewenstierna so etwas nicht verlangen könne. Diese Leute stammten von einem General Gustav Adolfs ab, und Szent-Györgyi selber würde den jungen Mann verachten, wenn dieser mit seiner Familientradition brechen sollte. Wenn nun aber er selbst als Vater und guter Katholik auf den Wunsch verzichte, dann solle das auch mir genügen. Folglich also tat ich es.«

An dieser Stelle nun beugte sich der kleine, dickliche Stiftsherr in betont vertraulicher Manier zu Bálint.

»Ja, das ist ein großer Fehler, eine Sünde, ja, aber nur meine Sünde, denn in solchen Fällen liegt der Fehler beim Priester allein. Ich suchte denn auch gleich hernach den Primas2 auf. Simor war damals der Primas. Ich kniete vor ihm nieder und beichtete meine Sünde. Er tadelte mich hart und verurteilte mich zu strenger Buße. Trotzdem lud er mich zum Mittagessen ein. Nach dem Mahl aber sagte er: ›Du hast klug daran getan, mein Sohn, niemanden zu fragen, denn sonst hätten wir ein Verbot ausgesprochen. Ja. Klug von dir. Diese Szent-Györgyis taten und tun seit Jahrhunderten so viel für die katholische Kirche, dass sie einer ganz anderen Beurteilung unterliegen. Die römische Kurie würde das genauso sehen …‹«

Czibulka verstummte. Während einiger Minuten blickte er vor sich hin, als betrachte er die eigenen Erinnerungen, dann erhob er sich jäh und sagte wie jemand, der um Nachsicht bittet dafür, dass er Abády mit so persönlichen Erinnerungen belastet habe: »Verzeihen Sie, mein junger Freund, dass ich ins Schwatzen gekommen bin und Sie so lange zurückgehalten habe. Diese Kapelle aber, nicht wahr, bedeutet für mich so viel …«

Mit einem raschen Kniefall in Richtung des Altars bückte er sich nun erneut, dann löschte er das Licht und begleitete Abády hinaus auf den Korridor. Sie begaben sich zurück zum Tee in den Großen Salon.

Für alles hatten sie gesorgt, ihn wegen aller Umstände beruhigt. Es war an ihm gelegen, einzig an ihm. Damals, an jenem letzten Abend, da stieß er das Glück zurück, das sich anbot. Es hätte wohl keine Liebesleidenschaft bedeutet, ihm aber eine liebe Frau, eine Familie und ein Zuhause gebracht. Damals, am letzten Abend, hatte er es versäumt …

Bálint hatte sich zum Abendessen früh umgezogen. Als er den Großen Salon betrat, fand er niemanden vor. Die beiden Türflügel der benachbarten Bibliothek standen weit offen, und drüben erblickte er Lili. Sie war, bestimmt absichtlich, noch früher fertig geworden als Abády. Sie stützte sich am langen, mittleren Tisch auf ihre nackten Arme. Auf einem Stuhl kniend, blätterte sie mit langsamen Bewegungen in einem Album. Es schien, als wäre sie vertieft und achtete auf nichts anderes als auf das Bild, das gerade vor ihr lag. Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte Bálint trotzdem die Gewissheit, dass sie sich einzig seinetwegen hier aufhielt, dass sie ihn in der Bibliothek erwartete und sich darum so früh eingestellt hatte, um ihm eine Gelegenheit zu geben, eine letzte Gelegenheit an diesem letzten Abend.

»Kennen Sie dieses Album?«, fragte Lili, als sich Bálint neben ihr auf den Tisch stützte. »Es ist ziemlich selten. Es handelt von der Ägyptenreise eines ungarischen Herrn, eines Grafen Forray. Es sind sehr schöne, farbige Bilder. Schauen Sie dies da! Wunderbar, nicht wahr?« Und mit ihren weit geöffneten veilchenblauen Augen sah sie ihn forschend an, als frage sie ihn gar nicht nach dem Bild, sondern nach ihren Augen. Langsam blätterten sie die Seiten um. Ihre Arme berührten sich leicht, manchmal auch ihre Finger. Leise verloren sie hin und wieder ein Wort: »Das hier ist Malta … Das ist ein Kameltreiber … Dies da ist das Palais des Khediven …« Träge, nichtssagende Worte, die gerade nur dazu dienten, das Schweigen zu unterbrechen.

Jetzt müsste ich sprechen, dachte Bálint mehrmals. Ihre Hand ergreifen und die paar kurzen Sätze sagen, die sie erwartet. Damit beginnt ein neues Zeitalter in meinem Leben, das vergangene würde ich abschließen … Auch Adrienne will es, sie wünscht es von mir … Doch das benötigte Wort meldete sich nicht, ein anderes trat an dessen Stelle, immer ein anderes, immer nur über die Bilder: »Das sind die Karnak-Tempel … welch gewaltige Steine, aus denen man sie erbaut hat …«, während er darüber grübelte, ob er nun »Ich liebe Sie« sagen müsste, was eine Lüge wäre, oder ob auch ein »Wollen Sie meine Frau werden?« ausreichen würde. Und die teuren Minuten flohen, viele Menschen hatten sich im Großen Saal schon versammelt, lange konnten sie hier nicht mehr bleiben, auch sie mussten sich zu den anderen gesellen.

Lili stieg nun vom Stuhl und streckte sich. Vielleicht meinte sie, dass sich der Mann gehemmt fühlte unter dem blendenden Kronleuchter, hier beim Tisch, der durch die weit geöffnete Tür von jedermann beobachtet werden konnte. Sie ließ also vom Album ab und ging hinüber zu einer Fensternische. Da sollten sie beide durch die dicke Mauer verdeckt sein. Sie stellte sich also hierher, ganze nahe zur Fensterscheibe. Und sie sagte, um einen Vorwand zu haben: »Schauen Sie, wie viele Eisblumen es da gibt!« Und sie blickte zurück.

Doch Bálint folgte ihr nur bis zur Ecke der Nische und blieb dort stehen. Sein Blick glitt über die Bibliothek. Gewaltige Schränke mit wild geschlängelten, goldenen Schnörkeln standen die Wände entlang, aus teuren Hölzern zusammengefügte Säulen, glänzende Erzmuscheln an den oberen Krümmungen, goldene Putten, die mit goldenen Schildern fuchtelten, und über all dem lag die Stuckdecke mit den Schleifen des Wiener Barocks; ihr verschwenderischer Reichtum verdeckte alles. Und während Lilis feine Mädchengestalt die paar Schritte vom Tisch bis zum Fenster zurücklegte, als sie über den eingelegten Parkettboden glitt, stieg in ihm plötzlich ein Gefühl auf: Diese Frau ist hier zu Hause, diese Umgebung, in der sie geboren ist, sie entspricht ihr, dieser österreichische, ein wenig fremde Luxus, der ihm, seiner Siebenbürger Seele eine unvertraute Welt bedeutete. Wie könnte er sie nach Siebenbürgen mitnehmen? Sosehr das Mädchen ihn auch liebte, sie wäre dort doch verbannt, sie würde nicht hinpassen, mochte auch Dénestornya noch so großzügig sein, denn auch dieser Sitz war so anders, so ungarisch, um so viel einfacher – auf ähnliche Art, wie sich das Leben dort von dieser westlichen Gesellschaft, von Lilis Kreis abhob.

Es war nur der Eindruck eines Augenblicks, wie wenn ein frostiger Windhauch unser Gesicht berührt. Zu allen bisherigen bedeutete es aber ein Hemmnis mehr.

»Es muss draußen sehr kalt sein …«

»Ja, schon bei Dämmerung waren es minus sechs Grad … Dabei scheint der Mond …«

»Umso eher, denn der Himmel hat sich aufgeklärt …«

Solche Worte wechselten sie, leere Sätze, von lang wirkenden Pausen unterbrochen. Nach der letzten Pause drehte sich Lili vor dem Fenster um. Für einen einzigen Augenblick sah sie Abády ins Gesicht. Dann kehrte sie mit ihren gewohnten, leicht gleitenden Schritten leise in den Großen Saal zurück. Bálint folgte ihr langsam. Er wusste, dass er dieses Mädchen jetzt verloren hatte. Traurigkeit erfüllte sein Herz. Eine milde Traurigkeit, die ein ergebenes Lächeln erhellt, wenn wir auf eine Hoffnung verzichten, an die wir in Wirklichkeit nie geglaubt haben.

Welcher Wahnsinn, dies alles vergeudet zu haben! Bálint stampfte ärgerlich mit dem Fuß beim Gedanken an das Geschehene. In seinem Zorn beschleunigte er die Schritte. Nach einigen Minuten langte er auf dem Platz vor dem Bahnhof an. Hier herrschte große Betriebsamkeit. Der Schnellzug aus Budapest war gerade angekommen. Zahlreiche Wagen, mit Reisegepäck beladen, fuhren nun in Richtung der im Dunkel liegenden Stadt. Dieser Verkehr, der sich vor ihm regte, ließ ihn am Rand des asphaltierten Gehsteigs innehalten. Er zögerte. Der Granitbelag der Straße war kotig, auch das Trottoir, das vor den Lagerhäusern weiterführte. Besser, da den Weg nicht fortzusetzen.

Zeitungsjungen mit den hauptstädtischen Mittagsblättern liefen ihm entgegen. Bálint hielt einen von ihnen an. Man muss diese Selbstquälerei loswerden, dachte er zornig. Er drückte dem Jungen eine Zwanzig-Fillér-Münze in die Hand, stopfte sich die Zeitung in die Tasche und wandte sich um, ohne abzuwarten, dass das Kind ihm herausgab. Ich gehe in ein Kaffeehaus, das Lesen wird mich irgendwie schon zerstreuen … Er machte sich erneut auf den Weg in die Stadt. Doch kaum losgezogen, hatte er sein Vorhaben schon vergessen.

Auch bei jenem letzten Abendessen hatte man sich über die Angelegenheiten unterhalten, die Kroatien betrafen. Der Friedjung-Prozess vor dem Wiener Geschworenengericht war schon seit Anfang Dezember im Gange. Die Blätter aus der Kaiserstadt waren am Nachmittag angekommen. Sie enthielten Berichte über den Fall. Es waren schlechte, unangenehme Nachrichten. Professor Friedjung hatte anlässlich der letzten Wendung der bosnischen Annexionskrise Ende März 1909 in der Neuen Freien Presse einen angriffigen Artikel veröffentlicht. Von mehr als fünfzig mit Namen genannten kroatischen Politikern behauptete er, sie stünden mit serbischen irredentistischen Organisationen, ja sogar mit der serbischen Regierung in Verbindung. Es galt als sicher, dass Friedjung auf eine Aufforderung hin vor die Öffentlichkeit getreten war. Die Materie für die Anklage hatte er wohl vom Ballhausplatz bekommen. Diese durch die Presse in die Welt gesetzte Anklage durfte ein Nebentrieb der Entscheidung sein, gemäß der die Monarchie Belgrad ein Ultimatum übergeben und hernach, falls Serbien nicht nachgibt, den Krieg erklären sollte.

Die diplomatische Vorbereitung hatte dies möglich gemacht. Seitdem Deutschland erklärt hatte, dass es mit unverbrüchlicher Treue zum Bündnis stand, war offensichtlich, dass Russland sich trotz allem Widerwillen nicht rühren würde. Die Großmächte waren inzwischen bei der Belgrader Regierung wiederholt im gleichen Sinn vorstellig geworden und hatten sie zur Nachgiebigkeit ermahnt. Serbien konnte somit nirgends auf Hilfe zählen.

Der Artikel der Neuen Freien Presse war am 25. März 1909 erschienen, und das Ultimatum gedachte man zu gleicher Zeit in die Wege zu leiten. Zu dem Ultimatum kam es trotzdem nicht, denn Georg Karadjordjević, der Thronfolger und Anführer der Kriegspartei, dankte ab, und einige Tage später akzeptierte Serbien alle Bedingungen. Der Artikel indessen war schon erschienen. Vielleicht wäre er auch sonst erschienen, denn nach kaum einem Monat strengte der Staatsanwalt in Zagreb einen Landesverratsprozess gegen 54 andere Angeklagte an. Vorbereitet hatte ihn Baron Rauch, der letzte von der Koalitionsregierung3 eingesetzte Banus in Kroatien4. Offensichtlich ging es darum, aufgrund der Erfahrungen aus der Annexionskrise die serbische Irredenta sowohl in Wien als auch in Zagreb zu zerschmettern. Der Zagreber Prozess dauerte fünf Monate und ging im Oktober mit der Verurteilung von 31 Angeklagten zu Ende. Die Verteidiger legten Berufung ein und brachten die Angelegenheit vor die Septemviraltafel – juristisch zweifellos stichhaltig, denn die rechtliche Seite der Anklage hatte man ziemlich schwach begründet. Sie sahen also mit Gewissheit voraus, dass die Tafel den Gerichtsentscheid nicht gutheißen würde. Im Ausland machte der Zagreber Fall einen sehr schlechten Eindruck. Man war dort auf die wirren, durch die Verhandlung offenbar gewordenen Zustände aufmerksam geworden. Die französische Presse sprach sogar von einem Justizmord. Das ausländische Echo und die Erfahrungen von Zagreb verliehen nun denjenigen Mut, die Friedjung in seinem Artikel an den Pranger gestellt hatte. Sie zogen ihn wegen Verleumdung zur Verantwortung.

Dieser Prozess wurde im Dezember in Wien geführt. Friedjung erklärte sich bereit, für die Wahrheit Beweise vorzulegen. Er präsentierte Dokumente, Unterlagen, die der Ballhausplatz mithilfe seiner Spione gesammelt und vertraulich dem namhaften Historiker zugeleitet hatte. Und jetzt, in der zweiten Prozesswoche, nahm die Angelegenheit eine schlechte Wendung. Das eine oder andere Schriftstück erwies sich als falsch.

Darüber war in Jablánka schon seit Tagen die Rede. Friedjung, so sagte man, habe grundsätzlich recht, die von ihm Beschuldigten, in erster Linie Supilo5, der Verfasser der Resolution von Fiume6, seien tatsächlich Agenten Belgrads, doch habe es das Außenministerium auf ziemlich leichtfertige Art versäumt, die Angaben der Spione zu überprüfen. Nicht wenige Irrtümer oder irreführende Informationen fanden sich unter der Materie, Dinge, die offensichtlich falsch waren. Geschehen war das, was sich im Fall bezahlter Spione gewöhnlich ereignet. Leute dieser Art arbeiten für beide Seiten, für die einen und für die anderen, und da sich jetzt unter ihnen auch Serben befanden, ließen diese wohl absichtlich und mit Wissen der Belgrader Behörden unserer Botschaft solche Angaben zukommen, die nachweisbar Erfindungen waren.

Ja! Davon war in Jablánka während dreier Jagdtage die Rede. Man handelte das Thema auf die allseitig wohlinformierte, doch immer gedämpfte, auch aus halben Wörtern verständliche Art ab, die den herkömmlichen Stil des Schlosses Szent-Györgyi bildete. Das Gleiche lieferte den Gesprächsgegenstand auch an jenem letzten Abend. Bálint fühlte sich in diesem Jahr durch das, was er zu hören bekam, kaum gefesselt; in seinem aufgewühlten Gemütszustand nahm er die Dinge bloß stumm zur Kenntnis, aber ein inneres Echo in sich verspürte er nicht. Jetzt, am letzten Abend, vermochte er aber nicht in der Gruppe zu bleiben, die beim Cheminée politisierte, sondern ging gleich nach dem schwarzen Kaffee hinüber zu seiner Tante. Es ziemte sich, von ihr Abschied zu nehmen, da er doch bei Tagesanbruch in die Hauptstadt zurückzureisen gedachte. Seine Eile erklärte sich aber damit, dass er es unerträglich fand, im gleichen Raum zu bleiben wie Lili, die er so sehr verletzt hatte. Auf dem Weg zu Frau Szent-Györgyi musste er die Bibliothek durchqueren. Das Forray-Album lag immer noch auf dem Tisch – ein wenig schief, so wie Lili es zur Seite geschoben hatte, als sie zum Fenster gegangen war. Der große, rot-goldene Einband glänzte grell im Licht des Kronleuchters, als wolle er anklagen; es war ein Beweisstück, zeugte handgreiflich von seiner Untat, davon, wie er sich am eigenen Ich und an dem lieben Mädchen versündigt hatte. Sein Herz verkrampfte sich ein wenig, als er daran vorbeiging.

Er betrat den kleinen Salon seiner Tante. Frau Szent-Györgyi saß auf ihrem gewohnten Platz vor den gläsernen Paravents, ihr gegenüber zwei Damen, Gäste aus Wien. Sie mochten bisher eine nichtssagende, vornehme Konversation geführt haben, die aber jetzt unterbrochen wurde, denn Gräfin Élize bat mit einer Geste den Neffen zu sich, und indem sie mit ihrer kleinen Patschhand seine Rechte ergriff, nötigte sie ihn, sich neben ihr auf das gepolsterte Kanapee zu setzen. Bálint blieb stumm; auch die Tante legte für einige Augenblicke eine Pause ein. Die beiden Österreicherinnen verspürten mit dem Sinn der Wohlerzogenheit, dass die Hausherrin mit Abády allein zu bleiben wünschte. Folglich wechselten sie mit ihr noch zwei bis drei Sätze, da man doch alles ohne Aufsehen tun muss, und zwar so, als geschehe es durch Zufall. Es hätte sich nicht geziemt, sich gleich zu entfernen. Das würde unterstreichen, dass sie etwas bemerkt hatten. Doch nach den drei Sätzen standen sie auf, erklärten unter Bedauern, dass sie zum Bridgespiel zugesagt hätten, und verzogen sich.

»Lieb von dir, dass du mich so früh besuchst«, sagte Élize Gyerőffy, und ihre großen braunen Augen glitten über Bálints Gesicht. »Ich mag es so sehr, mich mit dir zu unterhalten. Bist du bei mir, dann kommt es mir vor, als wäre ich ein bisschen auch in Siebenbürgen.«

Sie lächelte und legte die Hand auf Bálints Arm. Dieser hob die Hand hoch und küsste sie. Während einiger Minuten schwiegen sie. Dann stellte Frau Szent-Györgyi Fragen. Als Erstes erkundigte sie sich natürlich nach Bálints Mutter, dann nach anderen, nach alten Bekannten, mehreren Altersgenossen, die sie seit über zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte. Über die einen oder anderen erzählte sie kleine Anekdoten, Begebenheiten aus ihrer Mädchenzeit, die sich auf Dorfbällen, bei Maifesten oder gemeinsamen Kutschenfahrten nach Radna zugetragen hatten. Sie fragte nach dem Vater der Alvinczy-Jungen, der ihr Tänzer und ein sehr schöner Mann gewesen war – ihr, dem Backfisch, hatte er sehr gefallen –, sowie nach dem alten Onkel Dani Kendy, der schon damals getrunken habe, den aber die kleinen Mädchen sehr bewundert hätten. Denn es hieß, er habe einst zum Kreis um Kaiserin Eugénie7 gehört und sei, wiewohl älter, doch sehr elegant gewesen, der erste Weltmann, den die Mädchen zu Gesicht bekommen hätten.

So erzählte sie über ihr Geburtsland und ließ sich darüber erzählen, über die Bekannten und die Verhältnisse dort, und sie machte immer eine kleine Pause, bevor sie einen neuen Namen nannte. Die Pausen verlängerten sich immer mehr. Bálint hatte das Gefühl, als umkreise sie neben ihrem echten und keineswegs vorgetäuschten Interesse ein Thema, das sie wohl zur Sprache bringen wolle, dies zu tun aber vorerst noch zögere. Er glaubte, sie werde das Gespräch zuletzt auf László Gyerőffy lenken. Aber Frau Szent-Györgyi hatte das diesmal nicht im Sinn.

So ging es lange. Dann blickte Frau Élize ein wenig in träumerischer Stimmung vor sich hin. Und plötzlich sagte sie: »Wie schön, von all dem zu hören!« Sie wandte sich wieder dem Neffen zu, ergriff seine Hand und gab sie nicht mehr frei, hielt sie gefangen. Ihr Blick ging in die Ferne. »Denn weißt du«, fuhr sie jetzt leise fort, als vertraue sie ihm ein sehr, sehr streng gehütetes Geheimnis an, »weißt du, mir ist, dass ich in Wirklichkeit selbst heute noch nicht hier, sondern in Siebenbürgen zu Hause bin. Die Menschen dort, die sind von meiner Art. Die Hiesigen bleiben für mich irgendwie doch fremd, so wie die Wiener. Oh, missverstehe mich nicht! Ich bin sehr glücklich und hatte an Antals Seite ein sehr glückliches Leben. Doch das kam davon, dass ich ihn sehr liebte. Ich hatte ihn aus Liebe geheiratet und hätte es getan, ja, täte es auch heute, gleichgültig, ob er arm und wie sonst sein Schicksal wäre. Doch das alles hier …«, und ihre leicht in die Runde fahrende Hand zeigte nun klar, als würde sie es aufzählen: das Schloss, das Gut, die Position und die Gesellschaft, »das hier ist mir alles fremd geblieben. Diese Welt ist nie wirklich meine Welt geworden. Und wenn ich heute zurückblicke, dann sehe ich deutlich, dass es einzig die Liebe war, die meine Ehe möglich und sogar wunderbar gemacht hat. Nicht nur meine große Liebe, sondern auch diejenige meines Mannes. Sie allein hat die Harmonie geschaffen, in der ich lebe … Ja! Eigentlich hilft mir einzig sie durch alles hindurch und löst die Gegensätze … Anders hätte es vielleicht für uns beide nur Reibungen und Bitternis gegeben …«

Nun schwieg sie eine Weile, dann lachte sie leicht auf. Mit der flachen Hand streichelte sie Bálints Gesicht: »Siehst du, was deine alte Tante an ungereimtem Zeug alles redet? Das kommt davon, dass wir uns in die alten Geschichten so sehr vertieft haben …« Darauf also hatte sie sich vorbereitet, das hatte sie sagen wollen. Sie sagte es, um ihm zu helfen, ihn zu beruhigen, denn bestimmt war ihr auf den ersten Blick klar geworden, dass er nicht um Lilis Hand angehalten hatte und dass er sich deswegen anklagte. Und sie begriff die Gründe besser als er selber: Vor allem war er immer noch in eine andere verliebt, nicht in dieses Mädchen, und es fiel ein wenig auch ins Gewicht, dass er sie als fremd empfand, als das Kind einer anderen Welt. Ihre Güte ihm gegenüber tat Bálint äußerst wohl. Er benötigte sie in dieser bitteren Stunde sehr. Er war umso dankbarer, als er wohl wusste, dass ihm Frau Szent-Györgyi über sich selbst Dinge erzählt hatte, die sie vor anderen gewiss niemals enthüllen würde, und sie hatte es getan, um ihm beizustehen.

Sie blieben noch lange beisammen. Die weiche, gepolsterte Einrichtung des kleinen Ecksalons umgab sie. Der hohe, unter dem Tritt nachgebende Teppich, die gewölbten, keinem klassischen Stil verpflichteten Möbel, die mit matt-dunklem Stoff bezogenen Wände, alles bildete hier einen deutlichen Gegensatz zu den übrigen weißen oder weiß-goldenen, sehr großzügigen und vollkommenen, aber ein wenig abweisenden Schlosssälen und ihrer barocken Möblierung. Die zahllosen kleineren und größeren Bilder in der Runde beschworen hier lauter alte Siebenbürger Erinnerungen: Zwei kleine Ölgemälde zeigten Szamoskozárd wohl im einstigen Zustand vor dem Umbau; Aquarelle mit dem Bildnis der Gyerőffy-Eltern, der Großeltern und der Kinder hingen da, auf den Tischen, den Gestellen, überall standen winzige Gegenstände, Fotografien und Miniaturen von Verwandten aus vergangenen Zeiten – all dies sprach nun klar zu Bálint von der Anhänglichkeit, die Frau Élize mit dem Land ihrer Geburt verband, und es sprach auch von der seelischen Schranke, die sie von der westlichen Welt, wo sie schon seit so vielen Jahren lebte, selbst heute noch trennte. Bálint begriff erst an diesem Abend die beinahe symbolische Bedeutung des Zimmers.

Jetzt, im Nieselregen auf der kalten, nächtlichen Straße, als Bálint sich die letzte in Jablánka verbrachte Stunde vergegenwärtigte, sah und durchlebte er alles von neuem. Er sah sie beide in dem leicht überheizten Zimmer, das von sämtlichen anderen Räumen im Haus so abstach. Wie eine Insel – fiel ihm plötzlich ein –, welche die Flut des Schicksals von der anderen, nicht viel größeren Insel, von Siebenbürgen, abgerissen und auf ein anderes Meer getrieben hat. Ob seine Tante wohl recht hatte? Jetzt, hier auf der nassen Straße schien ihm: nein! Ihm schien, er habe alles vergeudet, was ihm doch Ruhe gewährt hätte. Er wäre nicht so allein, nicht so elend allein! Lili hatte ihn geliebt. Diese Liebe, wäre sie auch einseitig gewesen, hätte sein zerbrochenes Leben vielleicht doch vergoldet. So nun gab es nichts außer Trauer und Reue.

Nichts von alledem, was er bei diesem langen Spaziergang an sich vorbeiziehen ließ, brachte seiner Seele Linderung. Bittere Gedanken erfüllten ihn, einer schlimmer als der andere. Er empfand es als ein Unding, in dieser Stimmung an einer vornehmen Soiree teilzunehmen. So nahm er sich vor, diesem heutigen Abendessen fernzubleiben. Er würde ausrichten lassen, dass er Kopfweh bekommen habe. Oder sonst irgendeine beliebige Lüge auftischen. Aber wie? Dem Portier des Obergespans durfte er nichts sagen, denn der Mann würde ja melden, dass er persönlich vorbeigekommen sei. Aus einem Café einen Kellner rasch hinüberbeordern? Da würde es sich herausstellen, dass er selber ihn beauftragt hatte. Oder sollte er nach Hause gehen und dort seinen Diener anweisen, eine Visitenkarte hinüberzubringen …?

Er nahm seine Uhr hervor. Halb zwölf! Seine Bediensteten schliefen schon, viel Zeit verginge, bis er sie wecken und jemanden losschicken würde; er hielte die ganze Gesellschaft auf, auch die gefeierte Primadonna, sie müssten warten. Wegen seiner guten Französischkenntnisse wird man ihm bestimmt einen Platz in der Nähe der Sängerin zugewiesen haben, er bliebe leer, wenn die anderen das Warten sattbekämen und sich zum Abendessen an der Tafel niederließen. Tatsächlich eine schreckliche Unartigkeit, so in der letzten Minute wegzubleiben! Hierüber grübelte er, während seine Beine ihn unwillkürlich in die Richtung der Residenz des Obergespans trugen.

Die Opernvorstellung war bereits vor längerer Zeit zu Ende gegangen. Die Kaleschen, welche die Eingeladenen vom Theater zum Gastmahl brachten, waren an ihm längst vorbeigefahren. Stille herrschte nun in den Gassen. Die Gäste hatten sich wohl alle versammelt. Bálint beschleunigte seine Schritte. Er musste hin, wie auch immer, so schwer ihm dies auch fiel.

Die erleuchteten Fenster am Sitz des Obergespans glänzten. Der Weg war leer und dunkel. Einzig eine Mietkutsche stand vor dem Haus – nicht unmittelbar bei der Zufahrtsrampe, sondern etwas weiter seitwärts; das Pferd wandte seinen Kopf dem Tor zu. Abády ging gerade daran vorbei, als der großgewachsene Ádám Alvinczy, Margitkas Mann, aus der Kutsche sprang, ihm nachlief und ihn jäh am Arm ergriff.

»Auf dich habe ich gewartet«, sagte er aufgeregt. »Margit hat mich hergeschickt, um dich abzufangen.«

Bálint war keineswegs überrascht, als hätte er gefühlt, dass die zufällige Begegnung mit Addy nicht ohne Folgen bleiben könnte.

»So? So?«, erwiderte er.

»Ja. Wir wussten, dass du hier eingeladen bist. Margit bittet dich, unverzüglich zu kommen. Irgendein Unglück – darum hat sie mich geschickt. Komm schnell!«

Sie bestiegen das Gefährt. »Zurück zur Villa Uzdy!«, rief Ádám dem Kutscher zu. Sie fuhren los.

Etwas schnürte Bálint die Kehle zu. Er vermochte kaum zu fragen: »Was ist geschehen?«

»Ich weiß nur so viel«, antwortete sein Begleiter, »dass Adrienne, nachdem man sie nach Hause gebracht hatte, sich gleich einschloss. Margit blieb im Badezimmer, sie wagt nicht fortzugehen. Sie ist sehr besorgt.«

Mehr sprachen sie nicht. Die Pferdehufe knatterten gleichmäßig auf dem Steinpflaster. Es schien sehr lange zu dauern, bis sie endlich die Villa erreichten, dabei hatten sie kaum fünf Minuten gebraucht. Bálint vermochte unterwegs an nichts anderes als jenen kleinen Revolver zu denken. Es war ein winziger Browning, aber ein ernsthaftes Werkzeug. Auch damals, als Addy ihm befahl, die Waffe zu kaufen, hatte sie an Selbstmord gedacht. Und auch später, dort in Venedig, am Ende des kurzen Monats, als sie sich zum ersten Mal getrennt und geglaubt hatten, der Schritt sei endgültig. Die schreckliche Lösung geisterte immer in der unnachgiebigen Seele der Frau. Und nun befand sie sich wieder gefährlich nahe daran. Vielleicht war es schon geschehen. Vielleicht würde er zu spät kommen. Zu spät, um sie zu retten.

Die Mietkutsche hielt. Mit dem Schlüssel, den er mitgebracht hatte, öffnete Ádám das Gittertor des Vorgartens. »Warten Sie!«, sprach er zurück zum Kutscher, und dann eilten die beiden hinein. Sie zogen am dunklen Haus vorbei, weiter zum hinteren Hof, wo der halbstöckige Flügel des Gebäudes beinahe bis zum Szamos-Graben reichte; hier lag Adriennes Wohnung. Sie durchquerten den verglasten Korridor. Ádám wandte sich aber nicht dem Salon zu, sondern ging zur Tür des Badezimmers. Sie traten wortlos ein. Margitka saß in gekrümmter Stellung auf der Seite des schmalen Sofas. Das Ohr hatte sie an die Spalte der inneren Tür gelegt. Mit allen Sinnen horchte sie. So geduckt, sah sie noch kleiner aus, man hätte sie fast für ein Kind halten können, wäre ihre vorgerückte Schwangerschaft kein Beweis gewesen, dass sie eine Frau war. Sie drehte sich gleich um, als die beiden erschienen. Sie zog Bálint neben sich. Sehr leise, aber entschieden sprach sie.

»Ich danke, dass Sie gekommen sind. Bleiben Sie da. Oh, ich weiß, Sie werden zum Abendessen erwartet, bleiben Sie trotzdem. Ádám wird hingehen und erklären, dass Sie sich unwohl fühlten, er übernimmt Ihren Platz. Das fällt nicht auf, jedermann hat ja bemerkt, dass Sie aus dem Theater fortgegangen sind, und es ist zuvorkommend, wenn Sie einen Stellvertreter schicken. So verursachen Sie keine Störung.« Nun wandte sie sich an ihren Mann. »Die Kutsche hast du zurückgehalten, nicht wahr? Gut. Geh also und erledige die Dinge gescheit. Und schick den Mietkutscher wieder zurück, möglich, dass wir ihn brauchen, sag ihm zu warten. Übergib ihm auch den Schlüssel zum Tor.«

So klug traf die kleine Margit ihre Verfügungen, denn so groß ihre Besorgnis sein mochte, mit ihrem Verstand durchdrang sie doch immer alles. Nachdem sich Ádám gleich entfernt hatte, erzählte sie nun hastig und beinahe flüsternd, aber sehr klar, was sich begeben hatte. Adrienne war an diesem Morgen aus Lausanne angekommen, wo sie ihre Tochter in einem Institut untergebracht hatte. Die gute Frau Gyalakuthy erfuhr von ihrer Ankunft und lud auch sie ein … »Mir gefiel diese Idee schon damals nicht, diese Oper ist wirklich nichts für sie. Aber wir glaubten, Sie seien in Dénestornya …«

»Von dort bin ich heute Abend hergekommen.«

»Ja, aber das wussten wir nicht. Doch das alles ist nun schon nebensächlich. Ich saß in der Loge neben ihr. Ich sah ihr Gesicht. Ich allein kenne sie, sonst hat niemand etwas bemerkt. Ich hatte fürchterliche Angst, aber ich war machtlos. Weggehen konnten wir nicht, sie hätte auch nicht wollen. Schließlich war dann die Oper zu Ende. Man konnte aufbrechen. Wir brachten sie mit unserem Wagen heim. Sie sprach kein Wort. Wir begleiteten sie ins Haus, obwohl sie nicht einmal das mehr wollte. Als wir hier anlangten, wollte sie uns fortschicken. Ádám wartete im Korridor, ich aber wich nicht von ihrer Seite. Ihr Blick war entsetzlich. Ich hatte sie einige Male schon ähnlich gesehen … aber so noch nie. Ich fürchtete mich fast vor ihr. Ihre Augen wirkten wie aus Glas, ihre Hände griffen ins Leere. Ich brachte es fertig, bei ihr zu bleiben, bis sie sich entkleidete. Dann aber drängte sie mich fast gewaltsam hierher zurück und schloss die Tür ab. Darum beauftragte ich Ádám, Sie zu suchen, weil ich nichts mehr unternehmen kann. Ich weiß nicht, was sie getan hat, was sie tut. Etwa zweimal tappte sie herum, ich hörte etwas, wie wenn kleinere Gegenstände zu Boden gefallen wären. Dann wurde es still. Und so ist es seit langem. Ich klopfe vergebens, sie antwortet nicht, dabei ist sie wach. Ach, bestimmt ist sie wach … Sie allein können da helfen!«

Sie legte eine kleine Pause ein und fügte dann hinzu: »Wenn es nicht zu spät ist … denn ich weiß, dass sie auch Veronal bei sich hat …«

Bálint erhob sich. Er trat an die innere Tür. Mit hartem Finger klopfte er zweimal. Er sagte recht laut: »Ich bin’s, BA. Bitte, lassen Sie mich hinein.«

Sie warteten einige Augenblicke, kaum zwanzig Sekunden, die eine Ewigkeit schienen. Kein Laut war zu vernehmen, weder ein Wort noch Schritte. Nichts. Dann plötzlich klirrte der Schlüssel zweimal. Abády drückte die Klinke nieder. Die Tür gab nach. Er trat hinein. Die Tür zog er langsam hinter sich zu. Das Zimmer war stockdunkel, aber er brauchte kein Licht. Er kannte das Gemach, kannte hier alles, auch den warmen Duft, der dem Geruch von Blütenblättern oder Nelken glich und kein Parfüm, nichts Künstliches an sich hatte und auch nicht stark, aber trotzdem berauschend war wie geheimes Gift: der intime Duft seiner Liebe. Nur zwei Schritte, und er war beim Bett; er setzte sich an den Rand.

»Bist du es?«, fragte eine Stimme von tief unten in den Kissen. »Ich bin’s.« Seine Finger suchten die Schulter der Frau. Er streichelte sie dem aufgelösten Haar entlang. Dann redete er wieder. Gedehnt und sehr langsam sprach er die Worte aus: »Das hat doch keinen Sinn … gar keinen Sinn …«

Während einiger Augenblicke gab es keine Antwort. Auf einmal umfingen ihn die Arme der Frau, sie drückte ihn mächtig an sich wie eine Ertrinkende den Lebensretter, und ihre Lippen verschmolzen in einem langen, unendlichen Kuss. Der Plastron des Frackhemds knackte leise zwischen ihnen.

Bálint wollte das Licht anzünden, doch die Frau protestierte entsetzt: »Margit wartet draußen, ich muss zu ihr hinaus«, erklärte der Mann, »ich sollte nachsehen, ob mein Haar in Ordnung, ob meine Krawatte nicht verrutscht ist … Dazu brauche ich doch etwas Licht!«

»Nein, nein! Keineswegs! Du kannst ja auch so, mit der Hand abtasten … Im Übrigen ist es so gleichgültig …«

»Aber Margit will vielleicht hereinkommen, da ist es doch besser, wenn das Licht brennt …«

»Nein, sie soll nicht kommen! Sag ihr, dass sie nach Hause gehen kann, und komm dann zurück, aber ich will nicht, dass es hier hell wird.«

Er hatte keine Wahl. Bálint fuhr sich tastend über das Haar und den Kragen, er fand ihren Zustand einigermaßen annehmbar. Er ging hinaus ins Badezimmer. Die kleine Margit lag auf dem engen Sofa. Ihren weichen Arm gebrauchte sie als Kissen und schlief sanft – wie ein treuer Wachhund, wenn die Gefahr vorbei ist. So sanft schlief sie, dass es beinahe einer Grausamkeit gleichkam, sie zu wecken.

»Nun gut, nun gut«, wiederholte sie schläfrig, nachdem sie erwacht war.

Bálint brauchte nichts zu sagen, denn sie erklärte von sich aus: »Ich gehe jetzt nach Hause.« Sie gähnte herzhaft mit dem winzigen Mund, nahm den Pelzmantel, der zu ihrer Abendgarderobe gehörte, schlüpfte schnell hinein, fragte nach nichts, grüßte kaum und war schon verschwunden. Wie Abády weggehen sollte, wenn sie draußen das Gitter schließen und den Schlüssel mitnehmen würde, darüber verlor sie kein Wort. Mag sein deshalb, weil sie vom Schlaf benommen war … oder vielleicht aus einem anderen Grund. Sie führte nie überflüssige Reden. Bálint löschte das Licht im Badezimmer und kehrte zurück in das dunkle Schlafgemach.

Das Uhrwerk der Kirche von Monostor nebenan schlug dreimal. Der Schall durchdrang das tiefe Dunkel. Bei der nächtlichen Stille schien es, als sei die Glocke im Inneren des Zimmers ertönt. Darauf erwachten sie. Sie waren mit ineinander geflochtenen Gliedern eingeschlafen, gefügt nach alter Gewohnheit, wie die Panther- und Pumapaare in größter Bequemlichkeit zusammen zu schlummern pflegen. Adrienne, am vertrauten Ort, auf Bálints Schulter gestützt, ihr gekraustes Haar kitzelte die Lippen und die Nase des Mannes, doch er war noch tiefer eingeschlafen und ließ sich vom üppigen Geflecht nicht stören, als wären die sich wild schlängelnden Locken Glieder der Zauberkette, die sie schon seit so vielen Jahren unsichtbar aneinanderband. Alles hatten sie ineinander gefunden, jede bekannte und doch stets neue Regung ihrer Liebe, die vertrauensvolle Ruhe und das Gefühl ewiger Zusammengehörigkeit im Sturm der Erfüllung, alles auf solche Art, als hätten sie einander erst gestern in den Armen gehalten und umschlungen.

»Drei Uhr, ich müsste etwas anziehen«, sagte Bálint leise unter Addys Haardickicht.

»Frierst du?«, fragte die Frau, rührte sich aber noch nicht.

»Nein, jetzt nicht. Aber so darf ich doch nicht bleiben. Und auch ein wenig Licht müsste man anzünden.«

»Meinetwegen. Aber versprich mir, dass du dich nicht umschaust. Du versprichst es, nicht wahr?«

»Versprochen.«

Das kleine Nachtlicht neben dem Bett ging an. Adrienne suchte einen ihrer Schlafröcke und ließ ihn den anderen anziehen. Bálint hielt zwar sein Versprechen, doch während er in den seidenen Morgenmantel schlüpfte, nahm er ungewollt wahr, dass der gewisse kleine Browning auf dem Tisch lag und dass etwas weiter entfernt zahlreiche Kugeln den Fußboden bedeckten, von Kupfermänteln eingefasste winzige Patronen, die zur Waffe gehörten; auch ihre gelbe Schachtel befand sich auf dem Parkett. Bestimmt hatte die Frau ihren Revolver laden wollen, die Schachtel aber mit nervöser Hand fallen lassen. Vielleicht hatte sie dieser Zufall allein gerettet und dem Leben erhalten … Doch Adrienne bemerkte, wie Bálints Gesicht sich verdüsterte. Jäh drehte sie seinen Kopf gegen sich, küsste mit ihren vollen Lippen seine Lider und ließ ihn nicht los, sondern sank mit ihm zurück in die Kissen, während sie ihn auf solche Art gefangen hielt. Später, als sie einander wieder ins Auge blickten, lag eine stille Bitte um Verzeihung in der Miene der Frau und ein kleines, beschämtes Lächeln. Doch sie sprachen darüber nicht.

Sie sprachen über anderes. Über die prosaische Frage, dass sie beide sehr hungrig waren.

»Und nichts ist zum Essen da, denn wir hatten abgemacht, am Abend bei Margit zu speisen … wirklich schlimm!«, sagte Addy in scherzhaft klagendem Ton.

Bálint fielen die Maroni ein, die er bei seinem Spaziergang grundlos gekauft hatte. Er erhob sich. Unter seinen Kleidern, die auf der Teppichvorlage um das Bett zerstreut lagen, suchte er seinen Mantel und das Kastanienpäckchen in dessen Tasche. Dabei stieß er auch auf die Abendzeitung.

»Ich hätte diese Maroni da, aber sie sind natürlich ganz kalt. Wenn wir sie aufwärmen könnten …«

»Oh, das würde lang dauern, das Feuer ist längst ausgegangen«, sagte Adrienne und fügte lachend hinzu: »Bei meinem furchtbaren Hunger werden sie auch so ausgezeichnet schmecken.«

In der Mitte des breiten, diwanartigen Betts breiteten sie die Zeitung als Tischtuch aus, damit sich die angerußten Kastanienschalen nicht verstreuten. Sie legten sich auf beiden Seiten daneben und teilten die Beute. Gutgelaunt schmausten sie. Bálint berichtete witzig, wie er die Maroni gekauft hatte, nachdem er in die Marktfrau beinahe hineingelaufen wäre. Und auch die Zeitung, wie dämlich er sie weggesteckt hatte. Dies alles schien jetzt unwirklich und so weit entfernt, als ob es sich vor sehr, sehr langer Zeit oder vielleicht gar nie zugetragen hätte.

Fern war auch ihre Trennung. Das lange, anderthalb Jahre dauernde Leiden, der Schmerz und die Bitterkeit, die vielen qualvollen Kämpfe, die sie Monat für Monat ausgetragen hatten, zuletzt dann der Schicksalsschlag, als Uzdy dem Wahnsinn verfallen war, Adriennes Verzicht und Befehl, Tage und Nächte der Verzweiflung, Selbstanklage, Reue und die lange Reihe von Vorwürfen gegen sich selber – all dies hatte sich nun wie Dunst aufgelöst. Es bedeutete für die beiden nicht einmal mehr eine Erinnerung. Auch daran, dass sie die Marterqualen vergeblich auf sich genommen hatten, dachten sie nicht. Der Gedanke blieb ihnen fern, denn nun gab es nichts mehr vom früheren Leid, sie waren beisammen, im anderen geborgen, sie gehörten zusammen als ein echtes Paar, Mann und Frau der gleichen Art, und alles außer ihnen beiden schien nur noch ein Phantom zu sein.

Die Frau in ihrem leicht zerrissenen Hemd, das ihr immer wieder von der Schulter rutschte, der Mann in einem seidenen Damen-Morgenmantel, sie aßen auf dem breiten, zerwühlten Bett mit Appetit die kalten und ein wenig rußigen Maroni.

»Wie gut, dass du sie gekauft hast. Wirklich ein Glück!«, sagte Addy.

II.

Als Károly Khuen-Héderváry8 im Januar 1910 seine Regierung bildete, glaubte kaum jemand an den Erfolg dieses Unternehmens. Jene vor allem zweifelten, die im Zauberkreis der Koalitionspolitik lebten. Sie glaubten, dass sich das Schicksal des Kabinetts Fejérváry9 wiederholen werde, da doch die Regierung Khuen ebenso aus Persönlichkeiten von außerhalb des Parlaments zusammengestellt worden war wie diejenige Fejérvárys fünf Jahre zuvor. Folglich empfingen sie die Regierung auf gleiche Art; in einer Abstimmung entzogen sie ihr alsbald das Vertrauen, und als Khuen die Parlamentssession vertagte, protestierten sie nicht anders als damals. Es gab kaum einen, der gefühlt hätte, wie anders die Stimmung des Landes jetzt war.

Seinerzeit, im Jahr 1905, hatten die Menschen geglaubt, in den vielen wohlklingenden Sprüchen, mit denen das oppositionelle Bündnis die Wahlen gewann – selbständiges Zollgebiet, eigene Armee –, gehe es um Güter, deren Gewinn unmittelbar bevorstehe, die »böse Kamarilla« vermöge es nur noch für eine kurze Weile zu verhindern, das goldene Zeitalter werde aber gleich anbrechen, sobald die Anführer der Koalition an die Macht kämen.

Das breite Publikum bedachte nicht, dass sich die verbündeten Parteien untereinander nicht über eine einzige Frage einig waren, dass sie den faulen Zauber wohl vorgeführt hatten zum Zweck, den Sturz der Regierung zu bewirken, dabei aber selbst nicht daran geglaubt hatten, die Mehrheit zu erlangen. Man beachtete nicht, dass es im Leben der Staaten außer der Wirkung der Paragrafen auch andere Kräfte und andere große Interessen gibt – die der Landwirtschaft, des Handels, der Industrie und der Staatssicherheit, dass auch mit der Sozial- und der Nationalitätenfrage zu rechnen war sowie mit den Grundsätzen, auf denen die Existenz und die Großmachtposition der Doppelmonarchie beruhten. Welchen Vorteil die Großmachtqualität jedem einzelnen Bürger brachte, diese Überlegung hatte im Bewusstsein der Menschen erst recht keinen Platz.

Unter der Regierung Fejérváry erkannten die Anführer der Koalition erst allmählich die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes. So kam der Pakt10 zwischen ihnen und dem Herrscher zustande. Und da begingen sie den ersten Fehler. Sie hatten klein beigegeben, erklärten aber ihr Zurückweichen für einen Sieg. Diese Lüge aber, der Erbsünde ähnlich, griff während ihrer viereinhalb Jahre dauernden Herrschaft um sich, bis dann die Mitglieder der Koalition, über jede Frage zerstritten, in Gruppen zerrissen und durch gegenseitige Manöver zur Untätigkeit verurteilt, gänzlich scheiterten. Schließlich wurde dies auch der Öffentlichkeit klar, sie wandte sich von ihnen ab, und Khuen-Héderváry nutzte weise die veränderte Stimmung.

Sein Programm nahm sich klug-farblos aus: Es enthielt kaum mehr als allgemeine Aussagen, mit der einen Ausnahme der Wahlrechtsreform. Selbst dieses Vorhaben wurde aber nur in Umrissen vorgestellt. So konnten die Anhänger aller Richtungen, ob Konservative oder Radikale, im Programm ihre eigenen Gesichtspunkte erkennen. Der Ministerpräsident begann gleich mit der Korrektur der auffälligsten Fehler. Den Banus von Kroatien, Rauch, setzte er ab, ließ das in Zagreb gefällte Urteil aufheben und stellte die zahlreichen, wegen Aufwiegelung gegen Mitglieder der Nationalitäten geführten Prozesse unverzüglich ein. Das Land atmete auf angesichts des eher schematisch grauen, aber immer weisen Verhaltens und konnte die Wahlen kaum mehr erwarten. In dieser Atmosphäre löste der Regierungschef das Parlament auf.

Einzig die Leute in der Unabhängigkeitspartei nahmen die Veränderung nicht wahr. Sie erfanden für sich selbst eine wunderbare Theorie; sie verkündeten, dass sie vom Volk gewählt worden seien und dass man sich nicht wieder an das Volk wenden dürfe, solange es keinen gebilligten Staatshaushalt gebe. Als Khuen die Auflösung des Parlaments begründen wollte, schlugen sie gewaltigen Lärm, damit ja niemand imstande sei, auch nur ein Wort des Ministerpräsidenten zu hören.

Khuen stand lange wartend neben seinem Tisch. Das Geschrei erhob sich aber immer dann, wenn er zu sprechen anhob. Schließlich sah er ein, dass die Aktion kein Ende nehmen werde, und beschloss, sich in die Nähe der Stenografen zu begeben. Sie zumindest sollten vernehmen, was er sagte. Kaum aber hatte er seinen Tisch verlassen, als aus den Bänken der äußersten Linken mehrere heraussprangen und mit allem, was ihnen unter die Hand geriet – Bücher, Tintenfässer, Papiermesser –, ihn zu bombardieren begannen. Ein schweres Tintenfass traf ihn an der Stirn. Blut floss ihm über das Gesicht. Er blieb jedoch ruhig und beinahe heiter, wie auch sonst zu jeder Zeit.

Über diese skandalöse Attacke empörte sich die ganze öffentliche Meinung. Jedermann, selbst ihre eigene Führung, verurteilte die Angreifer, die Gegenstände geschleudert hatten, und ihre Selbstrechtfertigung am nächsten Tag – sie hätten geglaubt, Khuen wolle sie insultieren – wurde von niemandem akzeptiert. Es war in der Tat eine armselige Ausrede, so etwas zu behaupten. Zusammen mit den Hunderten ihrer Parteigänger, die alle in den engen Bankreihen saßen, hatten sie kaum annehmen können, dass der kleine, ältliche Mann gegen sie Gewalt anwenden wolle. Als am 13. Dezember 1904 ungefähr die gleichen Leute die Saaldiener mit Ohrfeigen vertrieben und dies hernach als eine große Heldentat gefeiert hatten, schluckte die Außenwelt dieses Märchen bereitwillig, denn sie wusste nicht oder weigerte sich zur Kenntnis zu nehmen, dass es den Dienern verboten war zurückzuschlagen. Jetzt jedoch konnte keiner den Helden spielen. Besser als der Rechtfertigungsversuch wäre es gewesen, mannhaft einzugestehen, dass sie sich von den Leidenschaften hatten hinreißen lassen. Das wäre zumindest aufrichtig und halbwegs entschuldbar gewesen. Doch so hörte ihnen die Öffentlichkeit nur verachtungsvoll zu, und der Zwischenfall verstärkte noch die Stimmung, die bei den nächsten Wahlen zur Ablehnung der gesamten Politik der Koalition führte. Kaum hundert Vertreter der drei früheren Regierungsparteien schafften den Einzug ins neue Parlament. Das Kabinett gewann eine erdrückende Mehrheit. Es konnte folglich, so nahmen damals alle an, mit der kreativen Arbeit beginnen.

Beginnen, freilich! Doch ob es die Arbeit auch zu Ende führen würde, das war eine andere Frage. Denn noch immer war mit dem Krebsübel des ungarischen Parlaments zu rechnen, mit der Obstruktion, die seit einem Jahrzehnt alle Tätigkeit lähmte und von den unbändigen Elementen der Linksparteien unverantwortlich, manchmal sogar gegen die eigenen Führer erfolgreich benutzt wurde. Diese Möglichkeit bestand weiterhin. Mit einem beliebigen populären Wahlspruch konnte sie jederzeit Wirklichkeit werden und bei jenem Teil der Presse Unterstützung finden, in dem die chauvinistischen Phrasen bisher schon die Tonlage bestimmt hatten. Und es gab einen weiteren Umstand, der eine Schwächung bedeuten konnte; er war minder offensichtlich, jedoch unterschwellig innerhalb wie außerhalb der parlamentarischen Parteigrenzen wohl vorhanden.

Die Regierung hatte die Wahlrechtsreform als ihr erstes Ziel bezeichnet, aber das Vorhaben nur skizzenhaft umschrieben. Folglich vermochte sich dem Plan jedermann anzuschließen, ob er nun an eine radikale oder gemäßigte Reform dachte. Hinter dem Kabinett konnte sich auf solche Weise eine gewaltige Mehrheit versammeln, und dennoch blieb lange ungewiss, welcher Standpunkt innerhalb der Regierungspartei die stärkere Unterstützung genoss. Offenkundig war einzig die Spaltung der Unabhängigen. Kossuths11 Anhänger bildeten hier das Lager der Gemäßigten, während Jusths Gefolgschaft dermaßen nach links zog, dass sie sich nach einigen Monaten mit den Sozialisten verband. So kam es überraschend zu dem Zustand, dass Tisza12 und Kossuth den gleichen Standort einnahmen, während der andere, auf Widerstand setzende Flügel der Regierungspartei, der László Lukács13 als seinen Führer ansah, bei Justh14 und dessen Genossen Unterstützung suchte.

Vom wahltaktischen Standpunkt aus war es zweifellos klug, diese große Frage im Ungewissen zu belassen. Ebenso unterlag es keinem Zweifel, dass Khuen in der ersten Stunde seines Unterfangens kaum ein anderes Programm vorlegen konnte als eines, das sich auch mit Tiszas Auffassung deckte, denn er wäre ohne Unterstützung aus dem Lager der einstigen Freisinnigen Partei oder gar bei deren Widerstand auf jeden Fall gestürzt. Da Khuens Hauptziel darin bestand, die Harmonie zwischen dem König und dem Parlament, diesen beiden bedeutendsten Faktoren der Verfassung, wiederherzustellen, ordnete er alles diesem Vorhaben unter, und es war ihm jeder willkommen, der, mochte er auch nicht sein Anhänger sein, doch nach demselben Ziel strebte. So entstand das Parlament von 1910, das erste, in dem nicht nur 67-er-15 und 48-er16-Losungen maßgeblich waren, sondern – vorerst noch versteckt – auch weltanschauliche Unterschiede.

Das traditionelle Programm der Parteien stimmte mit der Auffassung recht vieler Kandidaten nicht mehr überein. Gewiss kam dies daher, dass parteilose Abgeordnete im jetzigen Parlament so dicht gesät waren – 31 Kreise hatten Parteilose gewählt – eine so große Anzahl wie nie zuvor; und selbst jene, die als Mitglieder dieser oder jener Partei angehörten, standen in den wichtigsten Fragen den Gegnern näher als den anders ausgerichteten Gruppen im eigenen Lager. All dies kam in der Angelegenheit der Wahlrechtsreform zum Ausdruck.

Die Vertreter der konservativen Richtung hielten in der Redoute eine Großversammlung ab, wo István Tisza und Mihály Károlyi17 vom äußersten Flügel der 48-er ihre übereinstimmende Auffassung vortrugen. Gleichen Tags wiederum trafen sich im Stadthaus Dezső Bánffy, einstiger Ministerpräsident und Führergestalt der Reformierten, Pál Sándor und Gyula Lánczy, tragende Säulen der Regierungspartei, ferner der christlich-soziale Abt Giesswein und die Demokraten Vázsonyi und Jászi18, um die Werbung für das radikale Wahlrecht zu organisieren. Und es gab in dieser Zeit noch ein weiteres Gefüge, das über die Parteigrenzen hinausreichte: die Siebenbürger Bewegung.

Sie hatte ihren Ursprung im Gefühl und in der Erkenntnis, die sich im Verlauf der Jahre sozusagen in jedem Siebenbürger Politiker herausgebildet hatten, dass die Zentralregierung den Geist und die besonderen Verhältnisse Siebenbürgens in Wirklichkeit nicht verstand, das Land für eine zweitklassige Provinz hielt, von deren Reichtum kaum etwas an den Ursprungsort zurückkehrte. Die Hauptstadt zog allmählich alles Wertvolle an sich, oder sie ließ es verkümmern, und wenn sie manchmal in die so heiklen, so viel Kenntnis und Sachverstand voraussetzenden Fragen Siebenbürgens eingriff, dann verursachte ihre gutgemeinte, aber brutale Einmischung eher Schaden, als dass sie Nutzen gebracht hätte.

Bálint Abády war einer der Initiatoren der Bewegung. Er arbeitete ein Programm aus. Noch damals im März nahm er deswegen viele Laufereien auf sich, er besprach sich mit zahlreichen Siebenbürgern und führte in Budapest eine Unterredung mit Tisza. Er versuchte, über Aurel Timişan auch mit den Vertretern der rumänischen Nationalität in Verbindung zu treten. Er glaubte, mit all dem eine Pflicht zu erfüllen, doch diente die Vielzahl von Bürden, die er sowohl in der Siebenbürger Politik als auch bei der zunehmend schwierigen und sich erweiternden genossenschaftlichen Arbeit auf sich nahm, gewiss auch als Drogen, mit denen er seine selbstquälerische Trauer unterdrückte.

Tisza hielt die Grundsätze zwar für richtig, verbot aber seinen nächsten Anhängern, sich an dieser Bewegung zu beteiligen, da er darin Partikularismus sah. Timişan wiederum hörte Bálint mit seinem verhalten spöttischen Lächeln zu, nannte den Plan interessant, verweigerte aber jede Teilnahme.

Bálint hatte das damals tief erbittert, und obwohl er weiterhin tätig blieb, arbeitete er doch ohne Freude und Hoffnung. Dabei ließ sich die Gründerversammlung recht bedeutend nennen. Eine Vorbesprechung fand am 12. März in Vásárhely in einem Raum des Hotels statt.

Die Initianten der Zusammenkunft, István Bethlen19, Miklós Bánffy, Bálint Abády, Zoltán Désy, Győző Issekutz, waren zugegen sowie noch einige, die sich zwar einstellten, aber die Ausrichtung der Bewegung zuvor noch nicht gekannt hatten. Unter ihnen gab es solche, die nicht aus Siebenbürgen gebürtig waren, doch in der fiebrigen Hitze der Koalitionswahlen hier einen Kreis gewonnen hatten. Abády hatte ein ausführliches Programm mitgebracht. Sein Anliegen gruppierte er um drei Hauptpunkte: die bevorstehende Wahlrechtsreform, Siebenbürgens wirtschaftliche Interessen und die Nationalitätenfrage.

Gegen die beiden ersten Punkte gab es keinen Einwand. Beim dritten jedoch herrschte keine Einmütigkeit mehr. Bálint wünschte in seinem Programm die Forderung nach Anwendung des Nationalitätengesetzes festzuhalten. Hier widersetzten sich einige unter den Széklern, noch mehr aber jene, die von Budapest oder der Tiefebene stammten und die man wegen ihrer hier gewonnenen Mandate eingeladen hatte. Dies führte zu einer langen Diskussion, die, weil Abády auf seinem Standpunkt beharrte, nach und nach auszuarten begann. Bethlen, der den Vorsitz innehatte, hielt es zuletzt für angezeigt, die Verhandlung zu unterbrechen und Abády zur Seite zu nehmen. Er hatte den umstrittenen Punkt zuvor schon gekannt und gebilligt, doch da er nun die Stimmung der Widersacher sah, machte er einen Vorschlag: Bálint möchte auf die ausdrückliche Erwähnung des Gesetzes verzichten, denn man müsse befürchten, dass es die versammelte Gesellschaft sprenge, was gleichbedeutend wäre mit dem Scheitern der ganzen Aktion. Blieben die allgemeinen Sätze in Abádys Text stehen, dann enthielten sie ohnehin die Anwendung des Gesetzesartikels 1868: XLIV,20 und später, wenn die Bewegung erstarke, bestünde die Möglichkeit, sich darauf zu berufen und sogar offene Forderungen zu stellen.

Abády strich den Passus ungern, anderes blieb ihm aber nicht übrig. So kam der Appell zustande, den er am nächsten Tag auf einer Großversammlung im Komitatsgebäude vorlas und den im Beisein einer gewaltigen Zuhörerschaft mehr als dreißig ehemalige Staatssekretäre, Obergespane und Abgeordnete einstimmig annahmen.

Alles Wesentliche blieb erhalten in der Entschließung, die den Titel »An Siebenbürgens Öffentlichkeit« trug. Abády stellte den Text vor. Nach einer kurzen Einleitung, die sich auf die bevorstehenden Wahlen bezog, hielt die Schrift fest, »dass die Zeit gekommen ist, da wir, von den Einschränkungen durch die Parteien unabhängig, endlich gemeinsam agieren in jenen Fragen, die unser Geburtsland unmittelbar betreffen und unser friedliches Zusammenleben sowie die wirkungsvolle Entwicklung beeinflussen. Die Zeit ist für uns gekommen, dem widersinnigen Zustand ein Ende zu setzen, in dem über uns, aber ohne uns entschieden wird. Wir bitten nicht, sondern fordern: Man soll in der Gesetzgebung endlich unsere besonderen Verhältnisse berücksichtigen und uns selber in unseren eigenen Angelegenheiten anhören.

Diese Forderung ist nicht unbillig. Siebenbürgen hat bei der Annahme der Union21 auf seine eigenständige Staatlichkeit selbstlos, ohne Gegenleistung verzichtet, desgleichen auf alle materiellen und persönlichen Vorteile, die sich aus seiner Sonderstellung auf natürliche Weise ergeben hatten. Diese patriotische Selbstlosigkeit geht aber mit der sittlichen Bedingung einher, dass die zentrale Regierung und die Legislative unsere besonderen Angelegenheiten auf gleiche Weise, mit solcher Liebe, solchem Eifer und Verständnis behandeln, wie wir sie selber behandelt hätten. Was eingetreten ist, spricht leider nicht hierfür. Wir haben leider die Erfahrung machen müssen, dass wir – mit wenigen Ausnahmen – als Stiefkinder betrachtet werden, um die sich niemand kümmert. Oder wenn man sich mit uns und unseren verwickelten gesellschaftlichen und nationalen Problemen gelegentlich doch befasst, dann versteht man sie nicht, ja möglicherweise meint man gar, sie seien nicht wert, verstanden zu werden. Wir sind es, die für diesen Mangel an Gerechtigkeit und Verständnis bezahlen, die darunter leiden. Wir leiden, weil unsere Nationalitätenverhältnisse vergiftet werden, weil unser Mittelstand zugrunde geht, weil unsere Industrie und unser Handel stagnieren.

Eine ignorante, mit den wirklichen Zuständen unvertraute und sie außer Acht lassende Nationalitätenpolitik führt zur Radikalisierung der Nationalitäten, verleiht dieser Haltung scheinbar Berechtigung und damit auch einige Stärke. Wir aber dürfen mit Bestimmtheit erklären, dass Siebenbürgens ungarische Gesellschaft, gestützt auf das jahrhundertealte Zusammenleben und Verständnis, das Zeug hat, die innere Welt und das wirkliche Dasein der mit ihr lebenden Nationalitäten auszudrücken, und dies viel eher als diejenigen, die mit ihren gekünstelten Parolen fremden Ursprungs danach streben, unsere öffentlichen Zustände zu vergiften. In voller Kenntnis unserer Nationalitätenverhältnisse halten wir es auch im Interesse der ungarischen Gesellschaft für notwendig, die trennenden Mauern niederzureißen, die in sprachlicher und konfessioneller Hinsicht voneinander abgesonderte, einander entfremdete Teile schaffen, und ebenso halten wir es für nötig, das Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten möglichst nah und unmittelbar zu gestalten, damit jedermann, der in diesem Vaterland zu Hause ist und zu Hause sein will, sich auch heimisch fühlen kann, da der gesellschaftliche und nationale Frieden im Rahmen der bestehenden Institutionen auf der Grundlage der gegenseitigen Gerechtigkeit verwirklicht wird.

Indem wir dies betonen und fordern, reichen wir all denen freundschaftlich die Hand, die ohne Rücksicht auf sprachliche und konfessionelle Unterschiede an der friedlichen Entwicklung unseres Geburtslandes mitzuarbeiten wünschen.«

So viel bezog sich auf die Nationalitätenfrage. Das Folgende galt der Wirtschaftslage:

»Gemäß dem moralischen Recht, das aus der Union erwächst, fordern wir von der zentralen Landesregierung, vom gesamten geistigen und finanziellen Kapital des Landes den uns gebührenden Teil für den kulturellen und materiellen Aufschwung dieses Landesteils zu verwenden. Für die Wirtschaft unserer Heimat ist in den letzten Jahrzehnten kaum etwas unternommen worden; eine löbliche Ausnahme hierin bilden einzig die Außenvertretungen im Széklerland und im inneren Siebenbürgen. Doch die künstliche Aufteilung des öffentlichen Lebens in diesem Landesteil hat auf wirtschaftlichem Gebiet zur völligen Untätigkeit geführt. Unsere reichen Bergwerke, unsere Wasserkraft und die weiteren Bodenschätze, unser ansteigender Steuerertrag dienen dem ganzen Land, tragen aber zum Wohlergehen der hiesigen Bevölkerung kaum bei. Es ist also höchste Zeit, mit den Bittgängen und fruchtlosen Klagen der letzten Jahre aufzuhören und zu fordern, dass zur Rettung der mittleren Besitzerklasse und zur Schaffung eines neuen, kraftvollen Mittelstands Institutionen ins Leben gerufen werden, denn wir sind der Ansicht, dass dies ohne jeden Klassen-, Rassen- und Konfessionsunterschied unser gemeinsames Interesse ist; die gesellschaftliche Ordnung und der kulturelle Fortschritt hängen von der Lebensfähigkeit des mittleren Besitzes ab, ...

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