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In Neapel verlor ich mein Herz

Lucy Gordon

In Neapel verlor ich mein Herz

1. KAPITEL

Als Carlo Rinucci an einem warmen Sommertag seiner schönen Braut Della in einer der ältesten Kirchen von Neapel versprach, ihr in guten und schlechten Zeiten treu zu sein und sie sein Leben lang zu lieben und zu ehren, und ihr dabei tief in die Augen sah, waren alle zu Tränen gerührt.

Für seinen Zwillingsbruder Ruggiero, der als Trauzeuge neben ihm stand, bedeutete Carlos Hochzeit eine einschneidende Veränderung, galt es doch, Abschied zu nehmen von den gemeinsamen Unternehmungen. Mit ihren einunddreißig Jahren hatten die beiden attraktiven Junggesellen so gelebt, als wäre das Leben ein einziger großer Spaß.

Nach der Trauung nahm Ruggiero zusammen mit den anderen Gästen an dem Empfang in der Villa Rinucci teil. Er flirtete nach Herzenslust und schien sich glänzend zu unterhalten.

Sein gutes Aussehen und sein Charme bewirkten, dass sich alle nach ihm umdrehten. Man behauptete, er könne jede Frau haben, die er haben wolle. Obwohl er darüber lachte, wusste er, dass es stimmte. Er konnte wirklich jede Frau haben – außer der einen, auf die es ihm ankam.

„Jetzt seid nur noch du und Francesco übrig“, stellte sein Bruder Luke fest. „Wahrscheinlich überlegt deine Mutter schon, mit wem sie dich verkuppeln kann.“

„Keine Chance, ich werde nie heiraten“, antwortete Ruggiero lachend.

„Das sagst du auf jeder Hochzeit.“

Du hast es auf jeder gesagt“, erinnerte Ruggiero ihn. „Und im Gegensatz zu dir bin ich noch ledig.“

Luke winkte seiner Frau Minnie zu, mit der er seit zwei Jahren verheiratet war. Sie hielt ein Glas Champagner in der Hand und winkte zurück.

„Wenn du nicht aufpasst, wachst du eines Tages auf und musst dir eingestehen, dass du ein einsamer alter Mann geworden bist“, entgegnete Luke.

Ruggiero lächelte. Auf solchen Festen wurden immer derartige Bemerkungen gemacht.

Schließlich wurden die Reden gehalten, und Ruggiero war mit den Worten, die er dem Brautpaar mit auf den Weg gab, sehr zufrieden. Von Carlo und Della erntete er dankbare Blicke, während seine Mutter ihn liebevoll anlächelte.

„Du hast deine Sache gut gemacht“, lobte sie ihn später.

„Das hast du mir nicht zugetraut, stimmt’s?“, fragte er scherzhaft.

„Doch, doch. Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass du heute keine Begleiterin mitgebracht hast, irgend so ein junges Ding, das die ganze Zeit wie eine Klette an dir hängt.“

„Ich wollte mich auf meine Aufgabe als Trauzeuge konzentrieren und mich nicht ablenken lassen“, erwiderte er.

„Ah ja, ich verstehe.“

„Sei nicht so zynisch, mamma.“

„Bei sechs Söhnen kann man das leicht werden.“

Schweigend lächelte er sie an und wandte sich dann einer seiner Großtanten zu, während seine Mutter ein Gespräch mit ihrer Schwiegertochter Evie begann, der Frau ihres ältesten Sohns Justin.

„Das war nicht fair“, meinte Evie, die vor ihrer Heirat so etwas wie eine Rebellin und begeisterte Motorradfahrerin gewesen war. Doch die glückliche Ehe mit Justin und die Geburt der Zwillinge hatten sie verändert. Sie war jetzt ruhiger und ausgeglichener. Das humorvolle Glitzern in ihren Augen hatte sie allerdings nicht verloren. „Es ist doch vernünftig, dass er sich auf seine Aufgabe konzentriert.“

„Wann war Ruggiero jemals vernünftig? Er ist arbeitswütig, viel zu trinkfreudig, und dann erst seine zahlreichen Affären mit irgendwelchen leichtfertigen jungen Dingern …“

„Nicht alle seine Begleiterinnen waren so, oder?“

„Doch, davon gehe ich aus, denn er hat mir nur sehr selten einmal eine dieser Damen vorgestellt.“ Hope seufzte. „Du hättest gut zu ihm gepasst. Du bist genauso ein Motorradfreak wie er.“

„Stimmt es, dass er jetzt an einem Unternehmen beteiligt ist, das Motorräder herstellt?“

„Ja.“

„Wie interessant“, meinte Evie und nahm sich vor, mit ihm darüber zu reden.

Die Gelegenheit dazu ergab sich für Evie jedoch erst am Abend. Nachdem die meisten Gäste sich verabschiedet hatten, saßen alle, die in der Villa übernachteten, zusammen. Justin war in ein Gespräch mit seiner Mutter vertieft, und Evie gesellte sich zu Ruggiero, der ganz allein auf der Terrasse stand und den Blick über die Stadt mit den vielen funkelnden Lichtern gleiten ließ. Sie nahm in einem Sessel Platz und seufzte erleichtert, während sie die Schuhe abstreifte.

„Hochzeiten können wirklich anstrengend sein“, stellte sie fest.

Er nickte. „Stimmt. Morgen Abend findet schon wieder eine Party statt. Meine Mutter liebt es über alles, ihre Familie um sich zu haben. Doch am Vormittag teste ich erst einmal den Prototyp unseres neuen Motorrads.“

„Ah ja. Wie bist du eigentlich dazu gekommen, dich an der Firma zu beteiligen?“

Er schenkte ihr ein Glas Wein ein und setzte sich ihr gegenüber auf die niedrige Mauer. „Ich kannte Piero Fantone flüchtig, und als er vor zwei Jahren kurz vor dem Bankrott stand, bin ich als Teilhaber eingestiegen. Seitdem geht es stetig aufwärts. Wir stellen in erster Linie ganz normale Fahrzeuge her, bieten aber auch Rennmaschinen an. Wir haben damit sogar schon Rennen gewonnen. Die neue Maschine, die ich morgen fahre, soll bald auf den Markt kommen.“

„Wahrscheinlich ist es die heißeste und schnellste, die in ganz Italien produziert wird“, zog sie ihn auf.

„Ich bitte dich“, antwortete er genauso scherzhaft, „auf der ganzen Welt.“

„Warum riskierst du Kopf und Kragen? Habt ihr keine Testfahrer? Ach, natürlich …“ Sie unterbrach sich und fasste sich an die Stirn. „Du liebst das Risiko. Wo bliebe sonst der Spaß?“

„Richtig.“ Er lächelte sie an. „Evie, du bist die einzige Frau, die mich versteht. Komm doch morgen mit, und schau zu.“

„Ich hätte schon Lust dazu.“ Sie trank einen Schluck Wein. „Man hat heute viel über dich geredet.“

„Ich weiß. Junggesellen geben immer einen interessanten Gesprächsstoff ab. ‚Er ist der Nächste, ihr werdet sehen‘, so oder so ähnlich wird doch meistens spekuliert.“

„Und deshalb hast du diesmal keine Freundin mitgebracht, oder?“, fragte sie lachend.

„Das war einer der Gründe. Die jungen Damen, die ich meiner Mutter bisher vorgestellt habe, haben ihr nicht gefallen. Bringe ich jedoch keine mit, gefällt ihr das auch nicht.“

„Ich nehme an, deine Bekanntschaften entsprechen nicht ihrem Geschmack“, erwiderte sie belustigt und fügte ernst hinzu: „So eine Frau wie Della zu finden, ist sicher so etwas wie ein Lottogewinn.“

„Da kann ich dir nur zustimmen. Carlo ist genauso ein Glückspilz wie Justin, denn eine Partnerin wie dich zu finden, ist auch nicht leicht.“

Schweigend sah sie ihn an.

„Danke, dass du nicht gesagt hast, früher oder später würde ich auch die Richtige finden.“

Die Traurigkeit, die in seiner Stimme mitschwang, verblüffte Evie. „Glaubst du nicht daran?“

„Ja und nein. Ich war der Meinung, ich hätte sie gefunden, doch sie ist aus meinem Leben verschwunden“, erwiderte er.

Evie war überrascht. Schon immer hatte sie vermutet, dass ihr Schwager nicht so oberflächlich war, wie er sich gab, sondern ein ganz empfindsamer Mensch. Jetzt schien es sich zu bestätigen.

„Bist du sicher, dass sie nicht mehr wiederkommt?“, fragte sie behutsam.

„Ja, absolut. Ich weiß nicht viel über sie, nur dass sie Sapphire heißt und Engländerin ist. Wir waren zwei Wochen zusammen, das ist alles.“

Sie spürte, dass das noch längst nicht alles war. In den vierzehn Tagen musste etwas geschehen sein, das ihm keine Ruhe ließ.

„Möchtest du darüber reden?“

„Vor zweieinhalb Jahren habe ich sie in London kennengelernt, als ich Freunde besuchte“, begann er nach kurzem Zögern. „Sie hatten jedoch eigene Probleme und keine Zeit, deshalb habe ich die Stadt auf eigene Faust erforscht. In der Bar meines Hotels bin ich mit der jungen Frau ins Gespräch gekommen. Sie war mit einem Freund verabredet, der nicht auftauchte. Wir haben geredet und geredet, und so fing es an.“

„Wie war sie?“

„Wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Sie wirkte so zerbrechlich, dass ich beinah Angst hatte, sie zu berühren. Nach zwei Wochen verschwand sie einfach.“

„Ohne dir zu sagen weshalb und wohin?“

„Ja. Ich habe sie nie wiedergesehen. Vielleicht war das alles nur ein wunderschöner Traum.“

So hatte Evie ihren Schwager noch nie reden gehört. Er blickte in die Ferne und schien in seine Gedanken versunken zu sein, und sie wartete atemlos darauf, dass er weitererzählte.

Doch plötzlich lachte er rau auf. „Aber was soll’s? So etwas passiert immer wieder. Man begegnet sich und trennt sich wieder.“

„Ich glaube nicht, dass es so einfach ist“, entgegnete Evie. „Ich spüre doch, dass sie dir viel bedeutet hat.“

Er zuckte die Schultern. „Es war nur eine Urlaubsbekanntschaft. Was bedeuten solche Romanzen schon?“

„Ruggiero …“

„Kommst du morgen mit oder nicht?“, wechselte er unvermittelt das Thema.

„Natürlich.“

„Okay, dann sei bitte ganz früh fertig.“ Schnell wünschte er ihr eine gute Nacht und eilte ins Haus. Er ärgerte sich über sich selbst, denn es war nicht seine Art, feige davonzulaufen. Doch über die Frau zu reden, nach der er sich immer noch sehnte, tat zu weh.

Wenig später stellte er sich unter die Dusche in der Hoffnung, alles, was ihn bedrückte, abwaschen zu können. Aber die Gedanken, mit denen er sich den ganzen Tag herumgequält hatte, ließen sich nicht vertreiben.

Es hatte ihm einen Stich gegeben, seinen Zwillingsbruder Carlo vor Glück und Freude strahlen zu sehen. Der Anblick hatte ihn daran erinnert, dass Sapphire einmal gesagt hatte: „Vergiss den Rest der Welt, wir haben uns. Was brauchen wir sonst noch?“

Als er jetzt die Augen schloss, sah er sie in dem eleganten roten Kleid vor sich, in dem er sie kennengelernt hatte. Der tiefe Ausschnitt ließ ihre wunderschönen Brüste ahnen. Mit ihrer perfekten Figur und den langen Beinen zog sie die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich, was sie sichtlich genoss.

Innerhalb weniger Stunden hielt er sie nackt in den Armen. Ihr herrlicher Körper, ihre verführerische Stimme und ihr Lachen hatten ihm beinah den Atem geraubt.

Andere Visionen stiegen vor ihm auf. Auf einem Jahrmarkt hatten sie sich wie Kinder amüsiert und schließlich eng umschlungen vor einem Fotoautomaten posiert, aus dem kurz darauf zwei Bilder herausgekommen waren, für jeden eins.

„Sapphire“, flüsterte er jetzt. Ihren Familiennamen hatte sie ihm nicht verraten.

Er war ihrem Zauber erlegen. Mit ihrer erotischen Ausstrahlung hatte sie ihn betört und zu einem anderen Menschen gemacht. Sie war eine einfallsreiche Geliebte, die nicht geduldig darauf gewartet hatte, dass er zu ihr ins Bett kam. Stattdessen war sie ihm unter die Dusche gefolgt, hatte die Arme um ihn gelegt und ihn verführt.

Eines Abends hatte sie ihn mit dem Versprechen verlassen, am nächsten Morgen zurückzukommen. Er hatte die ganze Nacht nicht schlafen können und sich vorgenommen, am nächsten Tag eine Entscheidung herbeizuführen.

Doch sie war nicht wieder aufgetaucht. Er hatte den ganzen Tag gewartet, dann noch einen weiteren und noch einen – er hatte sie nie wiedergesehen.

Nach seiner Rückkehr aus London war er nicht mehr derselbe Mensch, auch wenn er nach außen hin so tat, als wäre alles in Ordnung. Dass seine Fröhlichkeit oft nur aufgesetzt war, schien niemandem aufzufallen. Über sein Geheimnis sprach er nie und auch nicht über seine Gefühle, die er sowieso nach Möglichkeit verdrängte. Dass er sich Evie anvertraut hatte, war die große Ausnahme.

An diesem Tag hatte er deutlich gespürt, dass sich für Carlo eine Tür geöffnet hatte, die ihm selbst verschlossen war. Damals hatte sie sich auch für ihn halb aufgetan, ehe sie ihm brutal vor der Nase zugeschlagen worden war und ihn in tiefe Verzweiflung gestürzt hatte.

In der Stille um ihn herum fühlte Ruggiero sich jetzt noch einsamer als jemals zuvor, obwohl die Villa voller Menschen war.

Da der Abflug sich verzögerte, musste Polly in London stundenlang warten. Als sie endlich in Neapel landete, war sie völlig erschöpft. Während der Wartezeit und des Flugs hatte sie noch einmal gründlich über alles nachgedacht und bereute jetzt ihren Schritt.

In der Schlange vor der Passkontrolle warf sie einen Blick in den großen Spiegel an der Wand neben ihr und wünschte, sie hätte es nicht getan, denn sie war mit ihrem Aussehen alles andere als zufrieden.

Irgendwie fand sie es ungerecht, dass sie trotz der relativ großen Ähnlichkeit mit ihrer Cousine Freda weniger Aufmerksamkeit erregte. Wie sie war Polly groß und schlank und hatte ebenfalls langes blondes Haar. Fredas Schönheit wurde noch durch ihre geschmeidigen, anmutigen Bewegungen unterstrichen, während sie selbst eher forsch und zielstrebig wirkte.

„Ich bin Krankenschwester und muss ständig hin- und herlaufen, weil ich immer woanders gebraucht werde. Die Patienten, die nach mir klingeln, warten nicht. Und wenn ich müde nach Hause komme, bin ich nicht in der Stimmung, mich dekorativ auf einem Sofa zu rekeln, sondern falle erschöpft ins Bett“, hatte sie einmal zu Freda gesagt, als sie über das Thema sprachen.

Freda hatte belustigt zugehört. „Du kannst das so herrlich beschreiben, Liebes, und bist einfach wunderbar. Was sollte ich ohne dich nur machen?“

So war Freda. Sie fand immer die richtigen Worte, auch wenn es nur Phrasen waren. Mit ihrem verführerischen Lächeln brachte sie die Männer um den Verstand, und sie spielte gern die Rätselhafte, Geheimnisvolle, die sie eigentlich gar nicht war.

Mit allem, was Freda sagte und tat, wollte sie ihre Zuhörer beeindrucken, was ihr auch gelang. Sie hatte zahlreiche Bewunderer und einen reichen Mann gehabt.

Während Polly sich in der Schlange langsam vorwärts bewegte, dachte sie über ihr Äußeres nach und kam zu demselben niederschmetternden Ergebnis wie immer. Ich sehe aus, als hätte mich jemand im Regen stehen lassen, doch das ist nach allem, was ich im letzten Jahr erlebt habe, nicht verwunderlich.

Nachdem sie die Passkontrolle passiert und ihr weniges Gepäck abgeholt hatte, fuhr sie mit einem Taxi zu dem einfachen Hotel, in dem sie online ein Zimmer gebucht hatte. Immerhin war es sauber und ordentlich, und die Leute begegneten ihr freundlich. Da es zu spät war, um mit der Suche zu beginnen, setzte sie sich in das kleine Gartenrestaurant und ließ sich die besten Spaghetti ihres Lebens schmecken. Anschließend duschte sie, streckte sich auf dem Bett aus und betrachtete das Bild, das sie mitgenommen hatte.

Es war ein Automatenfoto, und Freda sah darauf wunderschön aus. Sie lehnte sich an einen jungen Mann von ungefähr Ende zwanzig. Er hatte dunkles, leicht gelocktes Haar, ein schmales Gesicht und einen energischen Zug um den Mund. Besitzergreifend hatte er den Arm um Freda gelegt, während sein Kinn auf ihrem Kopf ruhte.

Er lächelte in die Kamera, wirkte froh und glücklich, und seine entschlossene Miene schien auszudrücken, dass Freda zu ihm gehörte und er seinen Besitzanspruch bis zum letzten Atemzug verteidigen würde.

Als Ruggiero am nächsten Morgen mit Evie auf der Rennstrecke am Stadtrand von Neapel ankam, überreichte er ihr Unterlagen mit technischen Einzelheiten über das Motorrad, das er testen wollte. Dann zeigte er ihr, von welchem Platz aus sie den besten Überblick hatte.

„Falls ich mir jemals das Genick breche, dann da drüben, wo die vielen Leute stehen“, prophezeite er lächelnd und wies auf die Mechaniker am Rand der scharfen Kurve. „Unsere Mitarbeiter befinden sich immer an derselben Stelle – in der Hoffnung, dass etwas Spektakuläres passiert.“ Grinsend drehte er sich um und eilte davon.

Evie blickte hinter ihm her. In dem schwarzen Lederanzug, der seine große, muskulöse Gestalt betonte, sah er ungemein männlich aus.

Schließlich setzte sie sich in die erste Reihe der Tribüne und bemerkte sofort die schlanke junge Frau mit dem langen blonden Haar, die seltsam nervös wirkte und unsicher lächelte, während sie ebenfalls Platz nahm.

„Sind Sie auch eine Mitarbeiterin?“, fragte Evie sie freundlich.

„Nein. Und Sie?“

„Auch nicht. Ruggiero ist mein Schwager.“

Sie wechselten noch einige belanglose Worte, dann schwieg die Fremde, und Evie vertiefte sich in die Unterlagen. Wenig später fiel ihr auf, dass die junge Frau wie versteinert dasaß und die Rennstrecke fixierte, als hätte das Ganze für sie eine besondere Bedeutung.

Unterdessen ging Ruggiero auf die beiden Mechaniker zu, die neben dem Motorrad standen. Sein aufgesetztes Lächeln kam ihm vor wie eine Maske, hinter der er sich versteckte. Die Gedanken an Sapphire hatten ihm die ganze Nacht keine Ruhe gelassen. Nachdem er die Vergangenheit heraufbeschworen hatte, ließen sich die Erinnerungen nicht mehr verdrängen und quälten ihn stundenlang, bis er in einen unruhigen Schlaf fiel, aus dem er immer wieder aufgeschreckt war. Dadurch war er jetzt unausgeschlafen und seltsam deprimiert.

Am besten hätte er die Testfahrt auf einen anderen Tag verschoben. Er wollte sich jedoch nicht eingestehen, dass er nicht fit war. Außerdem hoffte er, die Gedanken an Sapphire loszuwerden, wenn er sich ablenkte und sich auf das Nächstliegende konzentrierte.

Er setzte den schwarzen Helm auf, der Kopf und fast das ganze Gesicht bedeckte und ihn aussehen ließ wie einen Astronauten, und setzte sich auf das Motorrad. Ein Kick genügte, und die Maschine fing an zu dröhnen. Die Fahrt konnte beginnen.

Die erste Runde legte er in mäßigem Tempo zurück. Dann legte er sich so tief in die scharfe Kurve, dass er mit dem Knie beinah den Boden streifte. Er schoss vorwärts und wurde immer schneller, bis er die Höchstgeschwindigkeit erreichte, für die die Maschine ausgelegt war. Er wusste jedoch, dass es immer noch einen gewissen Spielraum gab. Also drehte er weiter auf in der Hoffnung, die Geister der Vergangenheit abschütteln zu können.

Doch Sapphire war noch immer in seinen Gedanken und schien ihm zu sagen, sie würde immer bei ihm bleiben. Plötzlich glaubte er, sie vor sich auf der Strecke zu sehen. Ihr langes blondes Haar wehte ihm Wind.

Instinktiv versuchte er, der Erscheinung, von der nicht wusste, ob sie Wirklichkeit oder Fantasie war, auszuweichen. Dabei verlor er die Gewalt über das Fahrzeug. Er flog durch die Luft und schlug so heftig auf den Boden auf, dass es ihm den Atem raubte und alles um ihn herum schwarz wurde.

2. KAPITEL

Freda hatte nur gewusst, dass Ruggiero und seine Familie in Neapel in der Villa Rinucci lebten. Polly hatte sich vorgenommen, am Morgen nach ihrer Ankunft dorthin zu fahren, doch als sie an der Rezeption ihres Hotels in der aufgeschlagenen Zeitung sein Foto entdeckte, bat sie den Empfangschef, ihr den Artikel zu übersetzen. Er handelte von der Hochzeit seines Bruders Carlo, von den Familienmitgliedern und von ihren beruflichen Aktivitäten. Auch der Name von Ruggieros Firma wurde erwähnt. Kurz entschlossen änderte sie ihre Pläne und nahm ein Taxi, das sie dorthin brachte.

Da sie kein Italienisch sprach, begriff sie erst nach vielen Missverständnissen, dass Ruggiero an diesem Tag auf der Rennstrecke war. Froh über die Chance, ihn unbemerkt beobachten zu können, ließ sie sich dort von einem anderen Fahrer absetzen. Für die Öffentlichkeit war die Anlage natürlich geschlossen, doch Polly schaffte es, mit einigen Mitarbeitern des Unternehmens unbemerkt durch die Absperrung zu gelangen.

Als sie wenig später die Tribüne betrat, entdeckte sie ihn sogleich. Er zeigte einer jungen Frau einen Platz in der ersten Reihe. Polly überlegte, welche Rolle die Unbekannte wohl in seinem Leben spielte. Sein Lächeln wirkte so aufgesetzt, dass sie eine Gänsehaut bekam. Schließlich verschwand er, und Polly setzte sich. Die junge Frau lächelte sie freundlich an und wechselte einige Worte mit ihr. Dadurch erfuhr Polly, dass Ruggiero ihr Schwager war und sie Evie hieß.

„Ist er mit Ihrer Schwester verheiratet?“, fragte Polly alarmiert.

„Nein, ich bin die Frau seines Bruders“, erwiderte Evie lachend. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ruggiero sich jemals fest bindet. Dafür genießt er das Junggesellendasein viel zu sehr.“

Polly atmete erleichtert auf. Die Sache wäre sonst außerordentlich kompliziert geworden. Sie verfolgte, wie er sich auf das Motorrad schwang und einer Rakete gleich davonschoss.

Runde um Runde drehte er auf der Maschine und wurde immer schneller. Polly bewunderte seine Souveränität angesichts der Gefahr, in die er sich begab.

Auf dem Streckenabschnitt kurz vor der Kurve, wo sie auf der Tribüne saß, fuhr er, wie es Polly schien, sekundenlang direkt auf sie zu. Dann wechselte er wieder in die extreme Schräglage und verschwand.

Plötzlich passierte etwas Seltsames und Unerklärliches. Ohne ersichtlichen Grund stieg Angst in ihr auf. Sie war aufs Höchste alarmiert und hatte das Gefühl, irgendetwas sei ganz und gar nicht in Ordnung. Mit Motorrädern kannte sie sich nicht aus, dafür umso besser mit seelischen Problemen. Ihr Instinkt sagte ihr, dass dieser Mann unerträglich litt und die Grenzen dessen, was er ertragen konnte, erreicht hatte.

Polly erhob sich, lehnte sich an das Geländer und runzelte die Stirn, während sie sich fragte, warum sie auf solche Gedanken kam.

Und dann ging alles ganz schnell. Vielleicht hatte er einen winzigen Fehler gemacht, jedenfalls geriet die Maschine ins Schleudern, und Ruggiero flog in hohem Bogen durch die Luft.

Alle um sie herum schrien entsetzt auf und standen wie gelähmt da, nur Polly reagierte, ohne zu zögern. Sie kletterte über die Absperrung, lief auf die Rennstrecke, wich den sich drehenden Rädern des Motorrads aus, das umgekippt war, und kniete sich neben Ruggiero.

„Bleiben Sie ganz ruhig liegen“, forderte sie ihn auf, ohne zu wissen, ob er es hörte.

„Moment mal!“ Ein Mann kam angelaufen und wollte sie wegziehen.

„Ich bin Krankenschwester“, antwortete sie auf Englisch und befreite sich aus seinem Griff. „Rufen Sie sofort einen Krankenwagen!“

Gott sei Dank verstand der Mann sie. „Einen Krankenwagen, schnell!“, rief er seinen Mitarbeitern zu und wandte sich wieder an Polly.

In dem Moment stöhnte Ruggiero auf und bewegte sich. Unter dem dunklen Plastikvisier öffnete er die Augen, sah Polly sekundenlang mit ungläubigem Erstaunen an und schloss dann die Lider wieder.

„Ist er schwer verletzt?“, wollte der Mann wissen. „Ich bin übrigens Piero Fantone. Und wer sind Sie?“

„Polly Hanson“, murmelte sie, während sie Ruggiero flüchtig untersuchte. „Ich glaube nicht“, beantwortete sie dann die Frage. „Das kann ich erst genauer sagen, wenn wir ihm die Lederkluft ausgezogen haben. Wir müssen ihn unbedingt in die Kabine bringen.“

„Ich lasse so schnell wie möglich eine Trage kommen.“

Unter dem Helm sagte Ruggiero etwas, das Polly nicht verstand. Piero hingegen schien es zu begreifen und ...

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