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Im fernen Westen

Marg. Lenk

Im fernen Westen

Deutsche Ansiedler in Nordamerika





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

1. Auf dem Meere

Es war ein düsterer, stürmischer Märzabend. Das große Auswandererschiff bahnte sich kräftig den Weg durch die wild brausenden Wellen des Atlantischen Ozeans. Nur selten ward es einen Augenblick vom Mondlicht bestrahlt, bald lagerte sich rings wieder dichte, unheimliche Finsternis. Nur unten in der großen Kajüte war es warm und hell; das hätte man durch die kleinen, runden Fenster sehen können, die wie Sterne in der Dunkelheit blinkten. Auf dem Verdeck war’s still und öde; nur ein Knabe stand an die Brustwehr gelehnt, bald hinausschauend in die jagenden Wolken, bald hinunter in das brausende, seltsam leuchtende Wasser.

Er hat so lange da gestanden, dass er vor Kälte zittert, und doch mag er nicht hinuntergehen, denn ein wüster Lärm tönt von da herauf, Geschrei und Zank, wildes Gelächter und leichtfertige Lieder. Eine Schar Männer sitzt um den langen Tisch, nur mühsam sich auf den Bänken festhaltend und doch vertieft ins Kartenspiel. Doch der Sturm wird heftiger, hoch auf spritzen die Wellen; der Knabe muss sich festklammern, um nicht zu fallen, und endlich steigt er mit zögerndem Schritt die schmale Treppe hinunter ins Innere des Schiffs. Scheu drängt er sich durch die Gesellschaft bis in den äußersten Winkel des großen Raumes. Ja, da ist eine Oase in der Wüste, da sitzen seine lieben Eltern still beisammen; die Mutter hält den kleinen dreijährigen Hans auf dem Schoß, das achtjährige Lenchen schmiegt sich zärtlich an den Vater.

„Ich wollte dich eben suchen, Martin“, sprach dieser; „du darfst nicht so lange oben bleiben, es ist zu kalt und stürmisch. Lasst uns jetzt das Abendgebet halten, denn die Kleinen sind müde.“

„Wir wollen auch singen“, bat Lenchen, „nur ganz leise; der liebe Gott hört es doch.“

So singen die zarten Kinderstimmen ihr gewohntes Abendlied:


„Müde bin ich, geh zur Ruh,

Schließe meine Äuglein zu.

Vater, lass die Augen dein

Über meinem Bette sein!“

Und bald liegen die beiden friedlich schlummernd auf dem harten Lager, unbekümmert um das wilde Wetter draußen und den wüsten Lärm drinnen. Martin aber lehnt den blonden Lockenkopf an des Vaters Schulter und fragt:

„Darf ich dir wieder einmal eine Geschichte erzählen, Vater, wie sonst oft zu Hause? Ich habe oben eine sehr schöne erlebt.“

„Ei, was hast du denn erlebt, mein kleiner Denker? Du warst ja ganz allein da oben im Finstern.“

„Ja, siehst du, Vater, ich erlebte es in Gedanken! Als ich so lange in die schwarzen Wolken schaute, da hörte ich, wie die wilden Sturmgeister in der Luft um das Schiff herflatterten und einander zuriefen: ‚Hui, hui! Blast stärker, blast, was ihr könnt; dies Schiff ist unser! Hört ihr nicht den wilden Gesang da unten und die bösen, gottlosen Worte? Dies Schiff ist uns preisgegeben, wir dürfen es zerstören. Blast nur mit Macht, bis es zerbricht!‘ – Und unten in den brausenden Wellen, da hörte ich auch die Stimmen der Meergeister: ‚Lasst uns den Reigen schlingen um dieses Schiff. Immer höher lasst uns brausen, immer kräftiger rütteln und stoßen, bis wir es hinunterziehen in unsere schwarze Tiefe; denn es ist unbeschützt, die Engel haben es verlassen!‘ – Und sie warfen den weißen Schaum in die Höhe, dass er mir ins Gesicht spritzte und ich hinuntergehen musste. Aber als Hänschen und Lenchen sangen, da stiegen die leisen Töne durch all den Lärm hinauf zum lieben Gott, und er gebot den Engeln, dass sie das Schiff behüten sollten. Da kamen sie eilig geflogen, und das Wehen ihrer hellen Flügel zerstreute die Wolken und beruhigte die Wellen. Und nun komm, lass uns hinaussehen, ob meine Geschichte nicht wahr geworden ist. Merkst du nicht, dass der Sturm nachgelassen hat?“

Beide traten hinaus. Ja, wirklich, da strahlte der sternbesäte Himmel friedlich über ihnen, und die weißen Segel des Schiffes glänzten im Mondlicht wie Engelsflügel.

Martins Vater, Arnold Werner, war ein wohlhabender Gutsbesitzer gewesen, hatte aber durch Krieg, Missernten und mancherlei Unglücksfälle den größten Teil seines Vermögens verloren. Mit dem Reste desselben zog er nun hinaus, um im fernen Westen ein Stück Land anzukaufen, das ihn und die Seinen ernähre und das er einst seinen Kindern als sicheres Besitztum hinterlassen könne. Doch war sein Herz oft von schweren Sorgen erfüllt. Im Vaterlande war er wohl ein tätiger Mann, seine Frau eine rüstige Hausmutter gewesen, aber Knechte und Mägde hatten doch allezeit willig die harte Arbeit verrichtet und Tagelöhner waren stets zur Hand gewesen. Nun aber sollten sie allein, ganz allein, mit ihren zarten, nur an Spiel und leichte Handreichung gewöhnten Kindern sich eine neue Heimat gründen.

Schon die Reise war beschwerlich, denn das Wetter war rau und das enge Zusammenleben im Schiffsraum besonders für die zarte, an Ordnung und Sauberkeit gewöhnte Frau eine große Plage. Die Kinder jedoch empfanden davon nichts, sie freuten sich der Veränderung und fanden täglich etwas Neues zu sehen und zu bewundern. Martin konnte stundenlang in die Ferne schauen und die brausenden Wellen beobachten, den Matrosen bei ihrer Arbeit zusehen oder beim Steuermann stehen und sich von ihm über den Lauf des Schiffes belehren lassen. Lenchen hatte schnell Freundschaft geschlossen mit einigen anderen kleinen Mädchen. Sie fanden immer ein stilles Winkelchen in all dem Gewühl, wo sie den Korb aufstellen konnten, in dem ihre große Puppe mit ihren sämtlichen Kleidern die weite Reise mitmachte, und vergaßen im eifrigen Spiel das Heulen des Windes und das Brausen der Wogen. Am wohlsten aber fühlte sich der kleine Hans. Jetzt hatte ja die Mama gar nichts zu tun und konnte ihn stundenlang auf dem Schoß halten und ihm schöne Geschichten erzählen, wozu früher so selten Zeit gewesen war, und der Papa malte ihm die schönsten Pferde und Soldaten auf seine Tafel. Noch besser war’s bei gutem Wetter, wenn er hinauf aufs Verdeck durfte. Alle hatten den lieben, kleinen Blondkopf gern, der sich durch Artigkeit und saubere Kleidung vor seinen Mitreisenden auszeichnete, und niemand wehrte es ihm, wenn er sich bis auf das Verdeck wagte, wo sich die Kajütenpassagiere aufhielten. Dort ging er von einem zum andern, ließ sich liebkosen und ausfragen und kehrte meist mit Obst und Naschwerk beladen zu seinen Geschwistern zurück.

Endlich aber wurden auch die Kinder des einförmigen Lebens müde, besonders da sich heftiges Regenwetter einstellte, das den Aufenthalt im Freien unmöglich machte. Das waren lange, düstere Tage in dem niedrigen, mit lärmenden Menschen angefüllten Raum, und Frau Werner dachte mit Sehnsucht an die freundliche Heimat zurück, die sie verlassen musste.

„Ach, lieber Mann“, sprach sie eines Tages, „mir ist der Mut recht gesunken. So düster wie in diesem Raume sieht es auch in meinem Herzen aus. Wenn wir nur recht getan haben, mit unseren Kindern in eine so ungewisse Zukunft zu ziehen. Wie viel Schlechtes und Hässliches haben sie schon hier auf dem Schiffe gesehen und gehört, wovor wir sie zu Hause so ängstlich bewahrt haben! Werden wir sie auch gut erziehen können im fremden Lande? Und werden wir Brot und Obdach für sie finden?“

Freundlich schlang Herr Werner seinen Arm um die zagende Frau und wollte ihr Trost zusprechen, da kam Martin, der sich hinausgewagt hatte, in freudigen Sprüngen die Schiffstreppe herunter.

„Vater, Mutter, o kommt doch schnell hinauf, es ist etwas ganz Wunderschönes zu sehen! Kommt, Lenchen und Hänschen, schnell, schnell, ehe es verschwindet!“

Sie stiegen herauf, und ein herrliches Bild zeigte sich ihren Blicken. Die Wolken waren zerrissen und die Sonne brach hervor, aber hoch über das Schiff wölbte sich ein prachtvoll strahlender Regenbogen, so voll und farbenreich, wie sie ihn noch nie gesehen. Seine beiden Enden reichten bis in die Wellen und spiegelten sich in dem grün schimmernden Wasser. Lange betrachteten sie still das herrliche Schauspiel, und als die Farben endlich erblassten, schaute Herr Werner seiner Frau in die Augen und sprach:

„Ich brauche dich nicht mehr zu trösten; Gott selbst hat es getan, und ich weiß, du hast seine Sprache verstanden.“

Martin aber fasste die Mutter um den Hals und rief fröhlich: „Nun darfst du gar nicht mehr weinen, Mama. Das war das Friedenstor, durch das wir in das neue Land einfahren. Gewiss wird es dort sehr schön sein, und wir werden wieder sehr glücklich werden.“

Noch zwei sonnige, hoffnungsreiche Tage verlebten sie auf dem Schiffe, dann lag der wunderschöne Hafen von New York vor ihnen mit seinen Inseln, die schon anfingen im ersten Frühlingsgrün zu prangen, mit den zahllosen Schiffen und der Riesenstadt im Hintergrund, die ihnen wie eine ganze kleine Welt erschien. Etwas zagend und ängstlich, aber doch mit herzlichem Vertrauen auf Gottes Hilfe betraten sie endlich das Land, das von nun an ihre Heimat sein sollte, und hatten große Mühe, sich in dem unbeschreiblichen Gedränge und Gewühl, das nun entstand, einigermaßen zurechtzufinden, bis sie endlich in dem deutschen Gasthof anlangten, der ihnen als eine sichere Zuflucht empfohlen war.

2. Die Farm

In einer fruchtbaren Gegend im westlichen Missouri finden wir unsere Freunde wieder. Es ist Anfang Oktober, ein goldener, prachtvoller Herbsttag neigt sich zu Ende. Das freundliche Bretterhäuschen, das Werners jetzt bewohnen, ist nicht neu. Ein Franzose hatte es gebaut und einige Jahre den umliegenden Boden nachlässig bearbeitet; dann war er, der Einsamkeit müde, nach einer Stadt gezogen und hatte die Farm billig an Werner verkauft, der sich durch den schlechten Zustand der Felder und Gebäude nicht abschrecken ließ. Aber wie nett und sauber sah jetzt alles aus!

Da mussten wohl fleißige Hände geschafft haben: Das Häuschen war weiß angestrichen und nahm sich mit den grünen Fensterläden und der breiten, luftigen Veranda, auf der man im Sommer gern alle häuslichen Geschäfte verrichtete, gar freundlich aus. Der große Hof war zur Hälfte teils vom Hause, teils von Scheunen und niedrigen Stallgebäuden begrenzt, übrigens aber offen, ohne Zaun oder Mauer, und gewährte freien Ausblick auf grünes Weideland und abgeerntete Weizenfelder, hinter denen der dichte Laubwald einen Rahmen um das freundliche Gemälde zog. Mitten im Hofe stand ein Ziehbrunnen, von einem großen Apfelbaum beschattet, dessen Äste sich unter der L

st der reifenden Früchte zur Erde niederbeugten. Hinter dem Hause befand sich auf einer Seite der große Obstgarten, auf der anderen ein wohlgepflegtes Gemüsegärtchen, dessen Beete mit schmalen Blumenrabatten eingesetzt waren, die jetzt noch im Schmuck der heimischen Astern und Georginen prangten.

Eben deckt Lenchen auf der Veranda den Tisch zum Abendbrot. Sie hat viel Arbeit, denn sie muss zugleich auf all das Zischen und Prasseln achten, das aus der offenen Küchentür tönt; sie darf ja den Kaffee und die Milch nicht überkochen lassen und muss fleißig die duftenden Maiskuchen umwenden, dass sie auf der heißen Platte nicht verbrennen.

Das Kind ist in dem halben Jahre sehr gewachsen, die blonden Locken sind in Zöpfe geflochten und das sorglose Kindergesichtchen hat einen ernsteren Ausdruck bekommen. Sie ist aber auch eine wichtige Person. Denn wie sollte die Mutter ohne ihre kleine Magd, wie sie sie oft scherzend nennt, wohl durchkommen? Ihre zarten Händchen sind rot und hart geworden, denn sie muss täglich den Ofen besorgen, Frühstück und Abendessen bereiten, das Geschirr waschen und am Sonnabend tüchtig beim Putzen und Scheuern helfen. Aber jetzt ist sie fertig und blickt noch einmal befriedigt über ihren Tisch. Dann lässt sie lustig ein Glöckchen erklingen, das an einem Ast des Apfelbaums befestigt ist und die Familie zur Mahlzeit ruft.

,Bis sie kommen, denkt Lenchen, ,könnte ich meine Mally ein bisschen nehmen; ich habe sie ja so lange nicht gesehen.‘

Ja, Lenchen ist doch ein Kind geblieben. Denn da bringt sie die liebe deutsche Puppe heraus, der die Reise gar nichts geschadet, die auch trotz der amerikanischen Sonnenglut ihre weiße Haut und die strahlend roten Bäckchen behalten hat, und setzt sich, sie zärtlich an sich drückend, auf die Stufen der Veranda.

„Lene, Lene, komm und hilf uns tragen“, tönt ein helles Stimmchen aus dem Obstgarten. Da kommt Hänschen gesprungen, kräftig und gebräunt, beladen mit der großen Wäscheleine und dem Säckchen voll Klammern; hinter ihm langsam und mit müden Schritten die liebe Mutter mit einem großen Korb trockener Wäsche. Während ihr Lenchen eilig zu Hilfe springt, hört man von der anderen Seite munteres Bellen. Fido, der treue Hofhund, eilt seinen beiden Herren entgegen, die von der Feldarbeit heimkommen. Es ist die Zeit der Maisernte, und Martin hat dem Vater fleißig geholfen, diese für Menschen und Vieh so wertvolle Frucht einzusammeln. Bald sitzen alle fröhlich beisammen und tun der Mahlzeit alle Ehre an, zur Freude der lieben kleinen Köchin, die manches Lob einerntet.

„Vater“, hob Martin schüchtern an, „was haben wir dann noch zu tun, ehe der Winter kommt, wenn wir mit dem Mais fertig sind?“

„Dann kommt die Kartoffelernte; da müssen wir alle, auch Mama und Lenchen, mehrere Tage aufs Feld fahren und Kartoffeln ausnehmen. Wir nehmen dann das Essen für den ganzen Tag mit hinaus, auch ein Fässchen mit Wasser. Dann zünden wir mittags ein Feuer an, kochen Kaffee und braten Kartoffeln. Wird das nicht schön werden?“

„Ja, das ist wohl schön“, antwortete Martin. „Aber wenn das vorbei ist, dann darf ich wohl in die Schule gehen?“

„Ach, liebes Kind, mach mir doch das Herz nicht schwer! Ich ließe dich ja so gerne gehen, aber für diesen Winter wirst du noch darauf verzichten müssen. Bedenke doch, wir müssen ja pflügen und den Winterweizen säen. Dann wird es Zeit sein, die Schweine zu schlachten und das Fleisch für den Winter zurechtzumachen. Und selbst dann können wir nicht ruhen, sondern müssen fleißig Bäume umhauen und Holz spalten, denn unser Vorrat wird schon recht knapp. Auch wird es eine große Menge Äpfel geben, die ihr Kinder schälen und zum Trocknen aufreihen müsst.“

„Aber dann, Papa, nach Weihnachten vielleicht, wenn das alles fertig ist?“

„Sorge nicht für die Zukunft, mein Sohn“, sagte der Vater ernst. „Du weißt, ich halte dich keinen Tag länger vom Lernen ab, als unbedingt nötig ist; verspreche dir auch, in den Winterabenden fleißig mit dir zu studieren. Lerne du nur für jetzt Ausdauer, Geduld und Selbstüberwindung und lass Gott für die Zukunft sorgen.“

Martin schwieg und zerdrückte still eine Träne. Lernen, ach lernen, das war von jeher seine Lust gewesen, Bücher seine liebsten Freunde, lesen und nachdenken seine beste Erholung! Aber er war ein frommes Kind und sah wohl ein, dass es jetzt Gottes Wille sei, dem allen zu entsagen. Darum war er eifrig und fröhlich bei der ungewohnten Arbeit und ersetzte dem Vater einen Knecht, den dieser wohl brauchen, aber nicht bezahlen konnte. Erst nach längerer Zeit konnte Herr Werner hoffen, wieder einiges Vermögen zu erwerben durch den Verkauf der Feldfrüchte und des jungen Viehes.

Bald kamen die versprochenen Kartoffeltage, wie sie die Kinder nannten. Mit Sonnenaufgang spannte Martin die zwei frischen Gäule Jack und Jim vor den großen Wagen, und die ganze Familie fuhr nach den vom Hause ziemlich ferngelegenen Kartoffelfeldern, den treuen Fido mit strenger Weisung zurücklassend. Wohl kamen sie des Abends recht müde zurück, Hänschen meist in des Bruders Armen schlafend, aber dafür füllte sich auch der Keller mit der nahrhaften Winterfrucht. Und schon mehrmals war der Vater mit einem vollen Wagen davon in die zehn Meilen entfernte Stadt gefahren und hatte vom Erlös vielerlei mitgebracht, was im Hause noch fehlte.

„Heute ist der letzte Kartoffeltag, Mama“, sagte Lenchen eines Morgens. „Ich bin froh für dich, du siehst so müde aus. Dann musst du recht ausruhen und mich die Wirtschaft besorgen lassen; Hänschen kann mir ja schon helfen.“

„Ja, ich helfe viel!“, versicherte der Kleine. „Ich kann Holz tragen und Eier suchen und Hühner füttern. Ich kann auch Tassen und Teller abtrocknen; nicht wahr, Lene?“

„Freilich, und auch Tassen hinwerfen und zerbrechen; nicht wahr, Hänschen?“, wandte die Mutter lächelnd ein.

„O nein! Ich bin jetzt groß, ich bin ja nun vier Jahre alt; da bin ich ganz klug und mache nichts mehr entzwei.“

„Ihr seid meine lieben fleißigen Kinder“, sagte die Mutter freundlich. „Es ist wahr, ich bin müde und bedarf etwas Ruhe. Ich werde den Vater bitten, wenn er das nächste Mal in die Stadt fährt, unterwegs bei Frau Miller vorzusprechen. Vielleicht erlaubt sie, dass Lilly mir einige Tage hilft; ich werde die Wäsche diesmal kaum allein fertig bringen. Aber kommt nun, Kinder, der Wagen ist bereit; Vater und Martin warten schon auf uns.“

Noch wenige Minuten, und alles war still auf der Farm. Im Grase weideten friedlich die sechs blanken Kühe, unter den Apfelbäumen taten sich mehrere Schweine gütlich an der Menge der herabgefallenen Früchte, und das zahlreiche Hühnervolk hatte sich schon mit Sonnenaufgang über das nächste Stoppelfeld zerstreut. Nur Fido wich nicht aus der Nähe des Hauses, denn er wusste wohl, dass ihm alles anvertraut war. Mit klugen Augen und gespitzten Ohren machte er langsam die Runde, guckte in die Stalltüren, jagte zuweilen ein vorwitziges Huhn aus dem Gemüsegarten und streckte sich zuletzt dicht vor der Küchentür zu wohlverdienter Ruhe nieder, fest entschlossen, keinen Augenblick zu schlafen. Aber die Sonne schien so warm, alles war so still, und es war so langweilig ohne seinen steten Spielgefährten, den kleinen Hans. So konnte es geschehen, dass der sonst so treue Wächter zuletzt fest einschlief und nicht bemerkte, dass ein leiser, langsamer Schritt dem Hause näher und näher kam und endlich ein bleicher, junger Mann auf den Hof trat in rauer Jägertracht, eine kurze Flinte über der Schulter und eine lederne Reisetasche auf dem Rücken. Aber wie krank und elend sah der Arme aus! Mühsam schleppte er sich zum Brunnen, ergriff den dort hängenden Becher und versuchte aus dem gefüllten Eimer zu schöpfen. Da versagten ihm plötzlich die Kräfte und mit einem schweren Seufzer sank er auf den Boden nieder.

Jetzt fuhr Fido erschreckt in die Höhe und stürzte mit wildem Gebell auf den Fremden los. Doch plötzlich stand er still; denn er merkte wohl, dass er es mit keinem Feinde zu tun hatte, sondern dass hier Hilfe not tat. Aber was sollte er tun? Er beschnupperte die regungslose Gestalt, zupfte an den Kleidern und leckte das bleiche Gesicht und die kalten Hände. Endlich aber jagte er in großen Sprüngen zum Hof hinaus durch den Grasgarten dem Walde zu. Eine halbe Stunde verging, und nur ein schwaches Stöhnen verriet von Zeit zu Zeit, dass es kein Toter war, der dort am Brunnen lag.

Endlich kam Fido zurückgesprungen, nicht weit hinter ihm Herr Werner und Martin. Das kluge Tier war aufs Feld hinausgelaufen und hatte nicht nachgelassen mit Bellen, Zerren und Hinundherlaufen, bis man es verstand und ihm nachfolgte. Bald gelang es, den Ohnmächtigen zum Bewusstsein zurückzurufen; er versuchte zu sprechen, konnte aber nur wenige Worte hervorbringen:

„Erbarmt euch mein um Gottes willen; ich bin sehr krank! Ich bin kein Landläufer; seht in meiner Tasche nach.“

Vorsichtig und sanft trugen Vater und Sohn den armen Jüngling ins Haus und brachten ihn in Martins Kämmerchen zu Bett, wo er bald abwechselnd von Fieberschauern geschüttelt und von glühender Hitze überfallen wurde. Bald aber tat die gute Arznei, die ihm der Vater aus der Hausapotheke reichte, ihre Wirkung, und als Martin den Wagen mit Mutter und Geschwistern heimgeholt hatte, lag der fremde Gast in etwas ruhigerem Schlummer.

Nun erst öffnete der Vater die Tasche; sie enthielt neben einiger Wäsche und einem netten Sonntagsanzug eine kleine Bibel und eine Brieftasche mit allerhand Papieren, aus denen hervorging, dass der Fremde Ernst Kuntze hieß und vor vier Jahren aus Norddeutschland ausgewandert war. Auch ein ziemlich schwerer Geldbeutel fand sich, den Herr Werner sogleich uneröffnet in seinem Schrank aufbewahrte.

Hänschen, dem man den Zutritt zu dem Kranken verwehrt hatte, trieb sich indes im Obstgarten umher, seinen Hunger an Äpfeln stillend, da es heute mit dem Abendbrot gar so lang dauerte. Jetzt kam er in großen Sprüngen herangestürmt.

„Vater, Mutter, kommt doch schnell und seht, was da ist! Ein wunderschönes Pferdchen ist im Garten angebunden. Das schickt uns gewiss das Christkindchen, dass Martin in die Schule reiten soll.“

Alle liefen hinaus, und wirklich, da stand am äußersten Ende des Obstgartens ein schmuckes braunes Pony angebunden, offenbar recht müde und durstig, unruhig an der Leine zerrend und den Grasboden stampfend. Martin löste es sorgfältig ab und führte es auf den Hof, wo es am Brunnen seinen Durst reichlich stillte, sich geduldig den Sattel abnehmen und in den Stall bringen ließ. Die Kinder umstanden es mit Entzücken, während es der Vater vom Staube reinigte und mit Futter versorgte. O, wenn sie so ein Pferdchen hätten, wie wollten sie es pflegen und liebkosen! Wie leicht würden ihnen dann die weiten Wege werden, die sie jetzt zu Fuß machen mussten! Das hübsche Tierchen war ganz braun, nur vorn an der Stirn und einem Vorderfuß hatte es weiße Flecken. Der Kopf war etwas groß im Verhältnis zum Körper und die Mähne nicht so glatt wie bei anderen Pferden, aber der Vater sagte, dass diese kleinen Ponys an Kraft und Ausdauer oft die großen Pferde noch überträfen. An einer Ecke des Sattels waren mit dem Messer die Buchstaben E. K. eingeschnitten. So war das Tier also das Eigentum des Kranken, der es nur draußen gelassen hatte, um erst im Hause Hilfe zu suchen.

„Nun, liebe Frau“, sagte Herr Werner, „ich denke, wir behalten beide, den jungen Mann und das hübsche Pferdchen, so lange bei uns, bis sie gesund und kräftig weiterziehen können. Das Gesicht des Jünglings gefällt mir sehr; es ist offenbar kein roher Mensch, und die Bibel im Reisesack spricht auch zu seinen Gunsten. Aber Hilfe musst du haben, wenn du einen Kranken zu pflegen hast; du siehst selbst krank und müde aus. Darum soll Martin gleich morgen früh zu Millers laufen und Lilly auf einige Zeit herholen. Das Mädchen ist fleißig und willig und kommt nur zu gern zu dir, wo sie’s besser hat als zu Hause. Nun wollen wir eilen, dass du bald zur Ruhe kommst. Ich darf den Kranken nicht verlassen, darum wollen wir für mich einen Strohsack neben sein Bett auf die Erde legen.“

3. Die Nachbarn

Am anderen Morgen machte sich Martin zeitig auf den Weg, um seinen Auftrag bei Millers auszurichten. Er müsste kein Knabe gewesen sein, wenn er nicht lieber in der Morgenfrische durch Feld und Wald gelaufen wäre, statt langsam hinter dem Pflug herzugehen oder mühselig im Garten zu hacken und zu jäten. So sprang er denn leichtfüßig dahin, ein Liedchen nach dem andern in die klare Luft hinaussingend.

„Hallo, green Dutchman! (grüner Deutscher; eigentlich Holländer.) Wohin so eilig?“, rief plötzlich eine helle Stimme hinter ihm.

Ein munteres Pferdchen trabte heran, das einen hübschen Jungen in Martins Alter trug. Zierlich und straff saß der kleine Reiter, mit einem feinen grünen Jagdanzug bekleidet, einen breiten weißen Strohhut auf dem dunklen Haar, im Gürtel ein Jagdmesser mit schön geschnitztem Griff, auf der Schulter eine kurze Flinte. So stach er freilich vorteilhaft ab gegen Martins blaue Bluse und seine alten, im Kartoffelfeld recht abgenutzten Höschen.

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