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Im Ordnungsamt

Bodo Wontoschka

Im Ordnungsamt

Drei Gemeinheiten gegen den Kulturbegriff





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Im Ordnungsamt



Im Ordnungsamt




Es gibt Leute, die behaupten, man könne sich die Vorgänge im Ordnungsamt von Wallbach an der Priesack nicht vorstellen, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.

Wenn man es trotzdem versucht, kann man sich höchstens aus den Fingern saugen, in jenen Korridoren röche es nach abgestandenem Zigarettenrauch, altem Linoleum und Insektenvertilgungsmitteln. Man könne nur “einzeln eintreten”, wie es handgeschriebene Blockbuchstaben auf bräunlichen Pappschildern verordnen, und nie, ohne anzuklopfen. Über einen knarrenden und streng riechend gewachsten Dielenboden täte man vor Ehrfurcht steifbeinig noch fünf Schritte, bis hin vor einen grauen, abgestoßenen Thresen, hinter dem eine alterslose, gedrungene Gestalt sich über Dokumente beugt, und sich minutenlang weigert, uns zur Kenntnis zu nehmen.

Erst, wenn unsere Zuversicht, unser Antrag möge, trotz allem, Gnade finden, auf null gesunken sei, würden sich für einen Moment ein paar vergrämte, wässrige Augen und ein amtlicher Schnurrbart auf uns richten, und barsch nach unserem Begehr fragen. Im kraftlosen Gestammel unserer Anfrage, sei, wie ein Echo der Resignation, die abschlägige Antwort schon enthalten, und tatsächlich fühlten wir unversehens die wacklige Türklinke wieder in der Hand, schlurften müde in den Gang hinaus, an dessen Ende und ein rumpelnder Paternoster wieder zurücknähme in die Tiefe, aus der wir gekommen seien.

Das heißt, wenn wir, aus einem Grundtenor von Verdruss und Aufbegehren den Weg in eine Amtsstube beschreiben wollten, dann würde eine Vorstellung wie die obige etwa dem entsprechen, was man gemeinhin erwartet: eine kafkaeske Vision vom bleichen, ausgemergelten Normalbürger in der Mühle der strengen, anonymen Obrigkeit der fünfziger Jahre.

In Wirklichkeit ist alles ganz anders. In einer Europastadt wie Wallbach an der Priesack buhlen selbst die Ämter um die Gunst der Kundschaft, auch das Ordnungsamt, als habe die Ordnung Konkurrenz bekommen, und müsse im Wettbewerb mithalten. Die parfümierte Klimaanlage umweht uns mit einem Hauch von Südseezauber, ein Schilderkatalog am Eingang informiert uns, dass Pizza, Speiseeis, Hunde, Skateboards, Inliner, Handys und Zigaretten draußen bleiben müssen, dafür empfängt uns der Infostand mit einem Espresso, einem gleißenden Lächeln, und einem Haufen Broschüren, unter dem ein Kiosk zusammenbrechen würde.

Das Orchideengewucher vor der Panoramascheibe im vierten Stock wird verstohlen begrabbelt, und erweist sich als echt. Sensorgesteuerte Schwingtüren weichen surrend vor uns zurück, und der mediterran geflieste Steinboden gibt unserem Schritt einen transparenten, musikalischen Klang.

Es scheint eher, dass Zimmer 412 zu uns gekommen ist, als dass wir dort hingegangen sind, denn auf einmal stehen wir in dem lichten Saal, in dem Menschen mit Leichtigkeit und gefassten Gesichtern kommen und gehen, oder in einem der zahlreichen Schalensessel sitzen, die in modischen Pastellfarben aufeinander abgestimmt sind.
Da kann man sich zurücklehnen, die Beine übereinanderschlagen und mit den Fußspitzen wippen, oder sich verspielt hin und her drehen, während uns gegenüber eine lächelnde Amtshostess in rasanten Klamotten und Miniplifrisur am schimmernden Bildschirm nach den Angaben mit abgeklärtem Blick ihre Eingaben macht. Da geht es “hallo” und “tschüß”, und: “ Aber natürlich, das geht voll in Ordnung,” vielleicht, damit man nicht vergißt, dass man auf dem Ordnungsamt ist.
Genau gesagt, in Zimmer 412:
Straßenfeste
Demonstrationen
Umzüge
Straßenmusik
Haustierlizenzen
Bettelkarten

 

An jenem Tag waren vier der Kundensessel in Zimmer 412 unbesetzt, und die Sachbearbeiter hinter dem Thresen, zwei junge Azubis, eine Dame mittleren Alters und eine sanfte Schönheit mit blonden Locken, bemühten sich um die Wette, ihr einladenstes Gesicht aufzusetzen, um die Frau mit der Pagenfrisur und dem schwarzen Lackmantel, die sich mit festem Schritt in ihre Richtung bewegte, an ihren Platz zu locken. Sie setzte sich vor Jochen hin, und schlug die Beine übereinander.

Während Jochens Aufmerksamkeit noch von dem Schönheitspflästerchen neben ihrem linken Nasenflügel gefesselt war, fragte sie mit einer wohltönenden, leisen Altstimme:

“Haben sie meinen Antrag bearbeitet?”

Erst jetzt erkannte er sie wieder. Eine Woche zuvor war sie bereits einmal dagewesen. Blond und kurzgeschoren, in einem knallroten Kunstledermantel, und hatte einen Antrag eingereicht auf Genehmigung einer Demo Ende August. Mit der schwarzen Pagenfrisur wirkte sie völlig verändert. Mit den hohen Backenknochen, und dem grausamen, sinnlichen Mund erinnerte sie an eine sowjetische Kommissarin aus einem James Bond Film. Ihre stahlblauen Augen aber waren dieselben geblieben, und ihre Stimme hatte immer noch etwas vom Schnurren einer Katze.

Jochen stellte sich eben vor, dass sie eigentlich spielerisch mit einer Reitpeitsche hantieren müßte, während sie mit ihm sprach, da erinnerte sie ihn an ihr Anliegen:

“THE WHIP, Sado-Maso International, mein Name ist Duchêsne. Es müßte eine Empfehlung vom Kulturdezernat vorliegen, wir planen eine gemeinsame Aktion.”

Jochen wandte sich dem Bildschirm zu.

“Ja, natürlich, ich erinnere mich. Stellen sie ihren Antrag als Einzelperson, oder im Namen ihrer, äh, Organisation?”

“The Whip,” wiederholte sie mit Nachdruck, “ich arbeite für unser Wallbacher PR Büro. Wir sind viele, mehr, als sie denken. Es besteht ein enormes Interesse der Öffentlichkeit, uns näher kennenzulernen.”

Jochens Finger gingen über die Tastatur. “......so, da, ich habs...und ich kann ihnen sagen, warum ihr Antrag noch nicht beantwortet wurde....es gab eine eingehende polizeiliche Prüfung....da muß mal was vorgefallen sein....in London? Wissen sie, hier in Wallbach haben wir noch keine Erfahrung mit Sado-Maso, außerdem, kurz vorher ist der Christopher - Street Umzug, da haben wir ein Terminproblem, wegen der Ähnlichkeit der, äh, Inhalte. Genauer gesagt, vor dem ersten Oktober ist mit Sicherheit nichts drin.

Sehen sie, im September ist eine Infoveranstaltung zur Spanner- und Schuhschnüffleremanzipation.....
Dann kommen kurz hintereinander die Umzüge der Amputationsfetischisten, und dann die immer etwas anstrengenden Nekrophilen Koprophagen und die Koprophilen Nekrophagen, das legen wir immer zusammen, danach haben wir dann zwei Wochen zu, weil sich die meisten erst mal krank melden, und eine Weile gelüftet werden muß. Außerdem liegt, glaube ich, für Anfang Oktober ein vorläufiger Antrag vor von Angelfood Inc...was ist das noch...ach, hier stehts:

'...im Rahmen einer Europawahlveranstaltung der holländischen Pädopartei in Zusammenarbeit mit den Grünen.  'Gemeinsam gegen Vorurteile - Kinder sind unsere Gegenwart' ...Ich halte es allerdings für unwahrscheinlich, dass die bei uns einen Termin kriegen...Es gibt zwar Ansätze zu einer neuen Akzeptanz, aber Wallbach ist da einfach Provinz, zumindest was Moralvorstellungen angeht.” 

Er lächelte, und zuckte mit den Schultern, als sei es seine Schuld.

“Ach, wissen sie, die Moral basiert schon lange nicht mehr auf Erkenntnissen,” sagte sie nachsichtig, ”man hat sie uns beigebracht, das hat den Vorteil, dass wir nicht verstehen müssen, wozu sie dient. Ist doch alles nur Geschmackssache.”

Er nickte dankbar.

“Wenn sie sich für einen Termin später im Herbst entscheiden könnten, sähe ich gute Chancen für eine Genehmigung.”

Jochen wandte sich der Kundin zu, die ihn durch halbgeschlossene Lider anblinzelte, und schwieg. Dann sagte sie leise:

“Werfen sie uns nicht mit Gay Lib in einen Topf. Der Schmerz ist unsere Herrin, die Strafe unser Lohn. Daß auch der edelste sich krümme wie ein Hund, und das Herz sich weite in der Lust der Hörigkeit. Geben sie mir den ersten Samstag im Oktober. Aber es m u ß ein Samstag sein, damit man uns sieht.”

Jochen, der sie mit offenem Mund angestarrt hatte, kam zu sich.

“Das wäre der sechste. Ich will sehen, was ich machen kann, Frau....”

“Und kommen sie auch. Damit sie ihren Horizont erweitern. Sie sind doch gegen Diskriminierung, oder?”

“Ja, ja, natürlich. Wir sind sowieso dabei, um zu sehen ob alles nach dem Reglement abläuft, das heißt, ich, als zuständiger Sachbearbeiter, und Herr Borowski vom Planungsstab für Notfalleinsätze, der koordiniert mit der Polizei und den Sanis. Die Gebühr ist allerdings beträchtlich, sie enthält die Kosten für die Müllentsorgung. Bei den erwarteten zweitausend Teilnehmern kommt da schon einiges zusammen.” 

Jochen schwitzte jetzt etwas, und richtete sich in seinem Sessel auf, wobei er tief durchatmete.

“Die Finanzierung ist kein Thema,” sagte sie verächtlich, “wenn sie wüssten, wer uns alles Geld zusteckt in dieser Stadt, dann würden sie die Ohren anlegen.”

Jochen lächelte ratlos. Er hatte wirklich keine Ahnung. Aber vor seinem inneren Auge sah er den gesamten Vorstand der Wallbacher Zementwerke, in fleischfarbene Mieder und schwarze Zorromasken gekleidet, mit Reitpeitschen und Fahrradketten aufeinander einschlagen, irre Schreie der Lust ausstoßend, keiner unter sechzig. 

“Wir rufen sie an,” sagte er, und nickte ihr entschlossen zu. Sie erhob sich, warf ihm einen harten Blick zu, und ging mit knallenden Absätzen hinaus.

Der Sommer ging ins Land. Eines Morgens, als Jochen mit dem “Priesack Boten” in der Hand in der Kantine beim Frühstück saß, fiel ihm im Lokalteil eine Überschrift auf:

SADO-MASO FÜR ALLE

The Whip stellt sich vor

Darunter ein wohlbekanntes Frauengesicht, das mit kaltem Blick die Kamera fixierte.

In dem nachfolgenden Interview äußerte Frau Duchêsne Ihr Befremden über den Mangel an Entgegenkommen seitens des Wallbacher Ordnungsamtes.

Duchêsne: “Christopher-Street Day kriegt immer einen Sommertermin. Dabei ist das ein Kindergeburtstag, verglichen mit dem, was wir zu bieten haben. Auch bei uns gibt es historische Vorlagen. Sie sind zwar weniger bekannt, man muß halt ein wenig recherchieren...”

“Priesack-Bote”: “An was dächten sie da?”

Duchêsne: “Es gibt zwei Bereiche, die sind wahre Fundgruben für historische Daten, auf ...

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