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Im Netz der Schwarzen Witwe

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Suzanne Brockmann

Im Netz der Schwarzen Witwe

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Christian Trautmann

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PROLOG

S ie mischte Opium in seinen Kaffee. Eigentlich sollte er so spät abends keinen Kaffee mehr trinken. Der Arzt hatte es ihm verboten.

Doch sie wusste, wie viel Vergnügen es ihm bereitete, ab und zu gegen die Vorschriften des Doktors zu verstoßen.

Er lächelte, als sie ihm den Becher brachte, und sein Lächeln wurde noch breiter, als er einen Schluck trank. Er mochte den Kaffee süß.

Das Opium würde ihn nicht umbringen. Es war Teil des Rituals, Teil des Spiels. Sie hatte ihm genug gegeben, um ihn zu verwirren, seinen Verstand zu lähmen, ihn willenlos zu machen und vollkommen unter ihre Kontrolle zu bringen, während sie sich auf ihr Schachmatt vorbereitete.

Sie küsste ihn aufs schütter werdende Haar, und er seufzte zufrieden – der König, der sich nach einem harten Arbeitstag entspannte, in der Sicherheit seiner Burg, an der Seite seiner wunderschönen Königin.

Heute Nacht würde dieser König sterben.

Tony atmete gepresst, seine Stimme war heiser. John Miller konnte es deutlich über sein Funk-Headset hören, und er wusste, dass Tony Angst hatte.

„Ja, das ist richtig, ich gehöre zum FBI“, sagte Tony gerade und gab damit seine Tarnung auf. Miller war klar, dass sein Partner und bester Freund in echten Schwierigkeiten steckte. „Und wenn Sie so schlau sind, wie Ihr Ruf behauptet, Domino, dann befehlen Sie Ihren Gorillas, die Waffen hinzulegen und sich mir zu ergeben.“

Domino lachte. „Ich habe Sie von zwanzig Leuten umzingeln lassen, und da glauben Sie, ich würde mich ergeben?“

„Ich habe über zwanzig Mann Verstärkung“, log Tony, während John die Funktaste drückte.

„Ach ja? Und wo ist diese Verstärkung?“

Johns für gewöhnlich unerschütterliche Selbstbeherrschung drohte ihn zu verlassen. Er hatte den Befehl, draußen vor dem Lagerhaus still abzuwarten, bis die Hubschrauber eintrafen, eine Demonstration von Stärke. Aber er konnte nicht mehr länger warten. Er würde einfach nicht mehr warten.

„Mann, John, hast du es nicht mitbekommen?“, meldete sich Freds kratzige Stimme über Funk. „Die Hubschrauber wurden zu einem neuen Zielort dirigiert – es gab einen Attentatsversuch auf den Gouverneur. Es herrscht Code Red, oberste Priorität. Du bist auf dich allein gestellt.“

Keine Hubschrauber. Keine Verstärkung. Nur Tony drinnen im Lagerhaus, kurz davor, von Alfonse Domino hingerichtet zu werden. Und John Miller hier draußen.

Ein solches Szenario hatte John nicht auf der Rechnung gehabt. Darauf war er nicht vorbereitet.

Er schnappte sich die Maschinenpistole vom Boden des Vans und rannte auf das Lagerhaus zu. Er brauchte ein Wunder, doch er vergeudete keine Zeit mit Beten. Er wusste sehr gut, dass das nichts nützen würde und sie ohnehin kaum eine Chance hatten.

„Ich kündige.“

Die Vorstandsmitglieder schauten sie verblüfft schweigend an.

Marie Carver sah in die vertrauten, plötzlich geschockten Gesichter und wusste, dass diese zwei kleinen Worte ihr die Freiheit brachten. Es war ganz einfach. Sie kündigte.

„Ich habe bereits für einen Ersatz gesorgt“, erklärte sie den Anwesenden, wobei sie sich zusammenreißen musste, um nicht ausgelassen loszulachen. Sie kündigte. Morgen würde sie nicht durch den Haupteingang gehen und den Fahrstuhl nach oben zu ihrem Vorstandsbüro in der Penthouse-Etage nehmen. Morgen würde sie an einem anderen Ort sein. In einer anderen Stadt, in einem anderen Bundesstaat. Vielleicht sogar in einem anderen Land. Sie gab die Einstellungsberichte herum, die ihre Sekretärin getippt und mit einem fröhlichen gelben Einband versehen hatte. „Ich habe sämtliche Bewerbungsgespräche geführt und die Auswahl auf drei Kandidaten eingegrenzt. Jedem von ihnen würde ich als neuem Präsidenten von Carver Software mein vollstes Vertrauen aussprechen.“

Alle zwölf Vorstandsmitglieder fingen gleichzeitig an zu reden.

Marie hob die Hand. „Sollten Sie sich dazu entschließen, jemand anderen einzustellen, brauchen Sie selbstverständlich meine Zustimmung, da ich nach wie vor die Mehrheitsanteile der Firma halte. Aber ich glaube, Sie werden beeindruckt sein von der Auswahl, die ich Ihnen hier präsentiere.“ Sie klopfte mit den Fingerknöcheln auf den gelben Einband. „Ich möchte Sie bitten, mit Ihren Fragen zu warten, bis Sie die Berichte gelesen haben. Sollten danach Ihre Bedenken nicht ausgeräumt sein, können Sie mich bis sechs Uhr heute Abend zu Hause erreichen. Danach werde ich in Kontakt mit meiner Sekretärin bleiben, die ich zur Vorstandsassistentin befördert habe.“ Lächelnd fügte sie hinzu: „Ich bedanke mich für Ihr Verständnis und werde Sie alle bei der nächsten jährlichen Aktionärsversammlung sehen.“

Sie nahm ihren Aktenkoffer und verließ zügig den Raum.

Das Opium wirkte.

Seine Pupillen waren beinah nur noch stecknadelkopfgroß, und er sabberte ein wenig. Benommen blinzelnd beobachtete er, wie sie tanzte.

Diesen Teil mochte sie. Damit zeigte sie ihm, dass er nie mehr die Gelegenheit bekommen würde, etwas zu empfinden oder jemanden zu verletzen.

Sicher, dieser hier war sanftmütig gewesen. Er hatte sie mit seinen alten weichen Händen nie geschlagen. Stets hatte er darauf geachtet, ihr nicht wehzutun. Er hatte ihr teure Geschenke gemacht. Doch der Akt an sich blieb immer ein Akt der Gewalt, immer ekelhaft, und er verlangte grundsätzlich nach einer Strafe.

Der Todesstrafe.

Ihr Kleid fiel zu Boden und bildete einen See aus Seide zu ihren Füßen. Geschickt stieg sie heraus. Seine Augen waren glasig, doch die Begierde, die ihr Anblick in ihm weckte, war darin zu sehen. Er streckte die Hand nach ihr aus, doch besaß er nicht mehr genügend Kraft, um sie zu erreichen.

Und sie tanzte immer noch weiter, zum Rhythmus, mit dem das Blut durch ihre Adern gepumpt wurde, in Erwartung des Momentes, in dem er ihr in die Augen blicken und begreifen würde, dass er ein toter Mann war.

Freiheit.

Das Bewusstsein traf sie wie die kalte Luft, die ihr durch die offene Tür am Ende des Ganges entgegenwehte. Sie erschien ihr frisch und rein, wie jene Frühlingsbrise, die Hoffnung, Lebendigkeit und Erneuerung brachte. Durch die geöffnete Tür konnte sie ihr Auto auf dem Parkplatz sehen, das für ihre Flucht bereitstand.

„Mariah.“

Es gab nur eine Person im Vorstand, die ihren Aufbruch verhindern konnte, zumindest vorübergehend. Susan Kane. Tante Susan. Marie drehte sich um, wobei sie rückwärts weiter den Flur entlangging.

Susan folgte ihr, und ihr langes Kleid mit Batikmuster wehte im Wind. In ihren blaugrauen Augen lag ein Ausdruck von Missbilligung. „Mariah“, rief sie Marie ein weiteres Mal bei dem Kosenamen aus ihrer Kindheit. „Anscheinend hast du das schon seit einiger Zeit geplant.“

Marie schüttelte den Kopf. „Erst seit zwei Wochen.“

„Ich wünschte, du hättest es mir erzählt.“

Jetzt blieb Marie stehen und begegnete dem strengen Blick der älteren Frau. „Das konnte ich nicht“, sagte sie. „Ich habe es selbst den meisten meiner Mitarbeiter erst heute Morgen erzählt.“

„Warum?“

„Die Firma braucht mich nicht mehr“, erklärte Marie. „Die letzten Entlassungen liegen drei Jahre zurück. Wir haben es geschafft, Sue. Die Profite steigen kontinuierlich, wir sind erfolgreich. Du kennst die Zahlen doch genauso gut wie ich.“

„Dann nimm dir Urlaub und entspann dich für eine Weile.“

Marie lächelte reumütig. „Das ist ja ein Teil meines Problems“, gestand sie. „Ich kann mich nicht entspannen.“

Susans Miene wurde sanfter, ein Ausdruck von Besorgnis trat in ihre Augen. „Macht dir dein Magen immer noch zu schaffen?“

„Unter anderem.“ Es gab noch so viele andere Gründe. Sie war zweiunddreißig Jahre alt und hatte seit ihrer Scheidung vor vier Jahren kein Privatleben mehr. Nach wie vor machte sie unzählige Überstunden, um den Profit zu erhöhen, um zu expandieren, um noch mehr Leute einzustellen. Dabei zählte die marode Computersoftwarefirma, die ihr Vater ihr nach seinem tödlichen Herzinfarkt hinterlassen hatte, längst zu den fünfhundert erfolgreichsten Unternehmen. Jeden Morgen, wenn sie das neue Bürogebäude betrat, fragte sie sich, was sie hier eigentlich tat. Wozu war es gut, dass sie sich mit der Leitung des Unternehmens so viel Stress antat, dass sie davon Magengeschwüre bekam?

Wenn sie so weitermachte, würde sie mit sechzig noch in ihrem Büro sitzen, viel zu spät Feierabend machen und in ihre trostlose Eigentumswohnung zurückkehren. Sie würde nach wie vor aus Kartons leben, weil sie es immer noch nicht geschafft hätte, ihre Habseligkeiten auszupacken.

Sie würde auf ihr Leben zurückblicken, auf diese sinnlos verschwendeten Jahre.

Denn die Wahrheit lautete, dass sie dieses Unternehmen nie führen wollte, obwohl sie auf Wunsch ihres Vaters Betriebswirtschaft studiert hatte.

Zugegeben, es hatte Jahre gedauert, bis sie in der Lage war, es sich selbst einzugestehen. Dabei hatte sie bis heute noch keine Ahnung, was sie wirklich tun wollte.

Eines aber wusste Marie genau. Sie wollte nicht nur ein Multimillionen-Dollar-Unternehmen leiten, sondern das Gefühl haben, für ein höheres Ziel zu kämpfen. Eines Tages wollte sie auf ihr Leben zurückblicken und stolz sein. Sie wollte das Gefühl haben, wirklich etwas erreicht zu haben.

Marie überlegte, ob sie für ein politisches Amt kandidieren sollte. Sie zog außerdem in Erwägung, zur Heilsarmee zu gehen. Inzwischen besaß sie eine ellenlange Liste von Wohltätigkeitsorganisationen, die verzweifelt Leute suchten – von Buchhaltern für die Heilsarmee bis zu praktisch veranlagten, Hammer schwingenden Handwerkern für das Familienhilfsprojekt „Foundation for Families“.

Doch bevor sie irgendetwas tun konnte, musste sie ihren Stress in den Griff bekommen.

Schritt eins bestand darin, sich von diesem Unternehmen zu lösen. Diese Besessenheit von ihrem Job musste aufhören, ebenso die Fixierung der Mitarbeiter auf sie. Sie würde schlicht einen kalten Entzug machen.

Die Firma könnte es überstehen. Jeder ihrer drei Job-Kandidaten würde die Aufgabe mit einer Frische und Vitalität angehen, die ihr seit fast zwei Jahren fehlte. Ob Marie die Trennung ebenso leicht überstehen würde, war eine andere Frage …

„Wohin gehst du?“, wollte Susan wissen.

„Das weiß ich nicht“, gestand Marie. „Ich werde mir meine Kamera schnappen und mich einfach auf den Weg machen. In einem Buch über Stressabbau habe ich gelesen, dass man sich ein paar Monate freinehmen und alles hinter sich lassen soll, einschließlich seines Namens. Dieses Buch empfiehlt mir, vorübergehend sogar eine neue Identität anzunehmen. Angeblich soll mir das helfen, mich von allem zu lösen, was meine Magengeschwüre verursacht hat.“ Sie lächelte. „Ich werde Marie Carver in meiner Wohnung einschließen, zusammen mit allen Zweifeln an meinem Verstand und mit meiner Angst, Carver Software könnte den Bach runtergehen, sobald ich die Stadt verlassen habe.“

Susan umarmte sie kurz, eine für sie ungewöhnliche Zuneigungsbekundung. „Der Job gehört dir, wenn du zurückkommst“, flüsterte die ältere Frau. „Dafür werde ich sorgen.“

Marie löste sich von ihr und brachte kein Wort heraus. Ginge es nach ihr, würde sie nie mehr zurückkehren. Dann könnten Marie Carver und ihre verdammten Magengeschwüre für immer verschwinden.

Sie benutzte ein Messer, um ihm eine Locke seines Haars abzuschneiden.

Er besaß nicht mehr viele, weshalb sie sich mit einer dünnen Strähne grauer Haare von seinem Hinterkopf begnügen musste. Aber das war egal. Es war das Einzige, was sie behalten würde.

Abgesehen vom Geld.

Sie hatte ihm nun Handschellen angelegt, er ließ es bereitwillig geschehen. Offenbar vermutete er ein neues Sexspiel und hegte nicht den geringsten Verdacht, dass er nur noch wenige Augenblicke zu leben hatte.

Doch als sie das Stilett zückte, las sie eine gewisse Bestürzung in seinen durch die Wirkung der Droge glasigen Augen.

„Was hast du vor?“, fragte er.

Sie brachte ihn mit einem Kuss zum Schweigen. Er durfte nicht sprechen. Es war ihm nicht gestattet zu sprechen.

Nur kannte er die Regeln nicht. „Clarise?“, beschwor er sie, und trotz des Opiums schlich sich Furcht in seine Stimme, ließ sie beben, als Clarise ihm die Messerspitze auf die Brust setzte.

Für einen kurzen Moment empfand sie Bedauern.

Clarise. Den Namen mochte sie sehr. Es war eine Schande, dass sie nur noch wenige Augenblicke Clarise sein würde. Danach konnte sie den Namen nicht mehr benutzen. Sie war zu schlau, um einen solchen Fehler zu begehen.

„Du bist jetzt weit genug gegangen“, sagte er, indem er versuchte, seine Angst hinter Autorität zu verstecken. „Binde mich los, Clarise.“

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht lehnte sie sich auf die hauchdünne Klinge, die tief in sein Herz drang und ihn für immer erlöste.

„Tötet ihn.“

Dominos Befehl kam, ehe John Miller die Tür des Lagerhauses erreicht hatte. Die Schüsse, vier rasch aufeinanderfolgende, wurden durch das Headset ohrenbetäubend verstärkt.

Tony.

Tony war tot.

John wusste es. Er hatte keine Chance, seinen Freund zu retten.

Zwar besaß er das Band, auf dem zu hören war, wie Domino den Befehl zur Tötung eines Bundesagenten gab. Er hatte außerdem genug Beweise, um Domino in den Todestrakt zu befördern. Wenn er jetzt durch die Tür des Lagerhauses stürmte, würde er damit allerdings nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen, selbst getötet zu werden.

Das sagte ihm sein Verstand. Doch die Wut war stärker, und sein unbändiger Zorn auf diesen Killer schärfte seine Sinne.

Tony war tot, und der Dreckskerl, der dafür verantwortlich war, sollte nicht in einem Schnellboot entkommen. Er würde nicht irgendwo in Südamerika untertauchen, wo das FBI nicht mehr an ihn herankam. Nein, Alfonse Domino würde in der Hölle schmoren.

John warf sich in vollem Lauf gegen die Tür des Lagerhauses, hob die Waffe in Hüfthöhe und brüllte beim Anblick von Tonys Leiche, die in einer Blutlache auf dem kalten Betonboden lag, seinen ganzen Schmerz und seinen Zorn heraus. Dann schoss er auf den verblüfften Domino und seine Männer.

Sie hielt ihr Flugticket bereit, das auf einen falschen Namen ausgestellt war. Einen vorübergehenden Namen.

Jane Riley. Schlicht und unauffällig. Plain Jane. Plane Jane. Der Gedanke amüsierte sie. Aber nur kurz, da sie wusste, dass ihr Lächeln auffiel. Und momentan hatte sie nicht das geringste Interesse daran, irgendwem aufzufallen.

Sie trug zu diesem Anlass ein Kopftuch und eine einfache sandfarbene Jacke, die sie in einem Secondhandshop in der Stadt gekauft hatte.

Sie nahm nichts von Clarise mit. Nichts außer dem Geld und ihrer Sammlung. Neun Haarlocken.

Sie reiste mit leichtem Gepäck und bestieg das Flugzeug nach Atlanta lediglich mit einer Tragetasche. In der befanden sich mehrere Romane, die sie im Flughafenshop gekauft hatte, sowie zweitausend Dollar in bar. Der Rest des Geldes wartete bereits auf ihrem Schweizer Bankkonto.

In Atlanta wollte sie den Zug nehmen. Wohin, wusste sie noch nicht. Vielleicht nach New York. Oder nach Philadelphia.

Sie würde sich ein oder zwei Kinobesuche gönnen und sich Zeit lassen bei der Entscheidung, wer sie sein wollte. Dann würde sie sich die Haare schneiden und färben lassen, sich passend zu ihrer neuen Identität einkleiden, sich eine neue Stadt in einem neuen Bundesstaat aussuchen und ihr Spiel von vorn beginnen.

Damit sie die zehnte Locke bekam.

1. KAPITEL

J ohn Miller schlug das Herz bis zum Hals, und sein Mund war trocken, als er aus dem Schlaf hochschreckte. Er sprang auf und versuchte, sich zu orientieren, wobei er automatisch nach seiner Waffe griff.

„John, alles in Ordnung?“

Verdammt, er befand sich in seinem Büro. Er war an seinem Schreibtisch eingeschlafen, und nun stand er mit gezückter Waffe und zitternden Händen in seinem Büro.

Daniel Tonaka stand im Türrahmen und beobachtete ihn. Wie so oft blieb Daniels Miene ausdruckslos. Allerdings war sein Blick demonstrativ auf die Pistole in Johns Hand gerichtet.

John steckte sie wieder ins Halfter und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Ja“, sagte er. „Alles in Ordnung. Ich bin bloß für einen kurzen Moment eingeschlafen.“

„Vielleicht solltest du lieber nach Hause fahren und dich ins Bett legen.“

Ins Bett. Klar. In einem anderen Leben vielleicht.

„Du siehst übel aus, Mann“, bemerkte Daniel.

John fühlte sich auch mies. Er brauchte dringend einen Fall, an dem er arbeiten konnte. Solange er arbeitete, waren die Träume nicht so schlimm. Die Zeit zwischen den Fällen war unerträglich. „Ich brauche einfach noch mehr Kaffee.“

Daniel sagte nichts. Er sah John nur an.

Tonaka war relativ neu und noch sehr jung, kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Er hatte ein junges attraktives Gesicht mit hohen Wangenknochen und dunkelbraunen, exotisch geformten Augen, die seine zum Teil asiatische Herkunft verrieten. In diesen Augen lag jedoch eine Weisheit, die seinem Alter voraus war. Und deshalb wusste dieser junge Kollege auch genau, wann es besser war, den Mund zu halten. John schätzte diese Eigenschaft an ihm.

Daniel Tonaka konnte mit seinem Schweigen und einer leicht angehobenen Braue mehr sagen als zwanzig Männer, die den ganzen Tag redeten.

Seit Tony hatte John ein halbes Dutzend neuer Partner gehabt, aber Daniel war der erste bisher, der geblieben war. Nächste Woche würden es wie viele Monate sein? Sieben? Dafür verdiente er glatt einen Orden.

John kannte seinen Ruf sehr wohl. Man nannte ihn den Roboter. Er war eine Maschine, ein Automat, der sich durch nichts und niemanden von einer Ermittlung abbringen ließ. Er war imstande, alle um sich herum mit einem laserscharfen Blick erstarren zu lassen. Schon vor Tonys Tod hatte er sich seine Gefühle nicht anmerken lassen, und er musste zugeben, dass er sich in den vergangenen Jahren noch weniger in die Karten schauen ließ.

Er war sich durchaus der Spekulationen darüber bewusst, dass er keine engen Freunde beim FBI hatte. Er kannte das Getuschel über seine angebliche Unfähigkeit, Mitgefühl und Emotionen zu zeigen. Das war nur logisch, denn ein Mann, der so offenkundig kein Herz hatte, konnte schließlich auch nichts empfinden.

Einige der jüngeren Agenten gingen ihm wohlweislich aus dem Weg. Und einige der älteren auch. Man respektierte ihn wegen seiner Verhaftungs- und Ermittlungsquote. Gemocht aber wurde er nicht.

Was einen Roboter allerdings nicht interessierte.

Daniel betrat Johns Büro. „Arbeitest du am Fall der Schwarzen Witwe?“

John nickte und schaute auf die aufgeschlagene Akte auf seinem Schreibtisch. Bevor er eingeschlafen war, hatte er die Fotos und Informationen vom letzten Mord einer ganzen Serie studiert.

Und wieder einmal von Tony geträumt.

Er setzte sich wieder in seinen Bürosessel und verzog das Gesicht wegen seiner verspannten Muskeln. Alles tat ihm weh. Er brauchte dringend Schlaf. Doch die Vorstellung, nach Hause zu gehen, sich in seiner Wohnung ins Bett zu legen und die Augen zuzumachen, war unerträglich. In dem Moment, in dem er die Augen schloss, war er wieder draußen vor dem Lagerhaus. Er würde von jener Nacht träumen, in der Tony starb, und sie immer wieder vor sich sehen. Und zum tausendsten Mal träfen die Hubschrauber nicht ein, käme John zu spät. Zum tausendsten Mal würde es nichts mehr ändern, dass er Domino zur Hölle schickte. Tony würde trotzdem in seinem Blut auf dem Zementboden des Lagerhauses liegen.

John quälten die Schuldgefühle, und er versuchte verzweifelt, sie zu verdrängen, irgendwo tief in sich zu vergraben, wo sie nie mehr herauskonnten. Er versuchte, Abstand zu diesem Schmerz und diesen negativen Gefühlen zu gewinnen. Er konnte es schaffen. Und er würde es schaffen. Schließlich war er der Roboter.

John trank einen Schluck von seinem inzwischen kalten Kaffee und versuchte, die Tatsache zu ignorieren, dass seine Hände nach wie vor zitterten. „Die Mörderin hat ihr letztes Opfer vor drei Monaten umgebracht.“ Der Kaffee schmeckte wie eine üble Brühe vom Stallfußboden, aber er half wenigstens gegen den trockenen Mund. „Das bedeutet, sie bereitet sich wahrscheinlich auf das nächste Opfer vor. Sie ist irgendwo dort draußen auf der Jagd nach Ehemann Nummer acht. Zumindest glauben wir, dass es Nummer acht ist. Möglicherweise gibt es noch mehr, von denen wir nichts wissen.“

„Und wenn sie beschlossen hat, dass sie nun reich genug ist?“, wandte Daniel ein.

„Sie tötet nicht des Geldes wegen.“ John betrachtete das Foto von Randolph Powers, der am Esszimmertisch saß und in dessen Brust ein Messer steckte. „Sie tötet, weil es ihr Spaß macht.“ Und sie bereitete sich darauf vor, es wieder zu tun. Davon war John überzeugt.

„Ich hatte noch keine Gelegenheit, mir die Akte anzusehen“, gestand Daniel, setzte sich auf die andere Seite des Schreibtisches und zog den Bericht zu sich heran. „Sind wir sicher, dass es sich um dieselbe Frau handelt?“

„Die Vorgehensweise ist identisch. Das Opfer wurde im Esszimmer gefunden, mit Handschellen an den Stuhl gefesselt, die Reste des Essens standen noch auf dem Tisch.“ John fuhr sich durch die Haare. Er hatte schlimme Kopfschmerzen. „Bei der Autopsie wurde Opium nachgewiesen. Das gesamte Haus wurde von Fingerabdrücken gereinigt. Das einzige Foto war ein Hochzeitsbild, auf dem das Gesicht der Braut hinter einem Schleier verborgen ist. Ja, es ist immer dieselbe.“

Daniel überflog den Bericht. „Laut Akte hat Powers eine Frau namens Clarise Harris geheiratet, und zwar zweieinhalb Wochen vor seinem Tod.“ Er sah zu John. „Die Flitterwochen waren gerade vorbei. Wartet sie nicht für gewöhnlich zwei oder drei Monate?“

John nickte und kramte in seiner Schreibtischschublade nach einer Packung Aspirin. „Sie wird ungeduldig.“ Treffer. John drehte den Deckel des Plastikfläschchens ab. Es war leer. „Verdammt, Tonaka. Hast du Aspirin in deinem Schreibtisch?“

„Du brauchst kein Aspirin, sondern Schlaf. Geh nach Hause und leg dich ins Bett.“

„Wenn ich einen kostenlosen Rat bräuchte, hätte ich dich darum gebeten. Ich glaube, ich habe nach einem Aspirin gefragt.“

Der tödliche Blick, mit dem er Daniel bedachte, hätte jeden anderen erstarren lassen.

Aber Daniel lächelte, als er aufstand. „Weißt du, ich hoffe wirklich, dass wir für eine lange Zeit Partner sind, John. Denn bis jetzt schaffe ich es beim besten Willen nicht, diesen Blick zu imitieren. Jeden Abend übe ich vorm Badezimmerspiegel, aber ich kriege es einfach nicht hin. Du hast da wirklich ein von Gott gegebenes Talent. Bis später.“

Daniel schloss die Tür hinter sich. John schaute ihm hinterher und wünschte … ja, was?

Wenn es nicht der Junge, sondern Tony gewesen wäre, hätte er ihm wohl von den Albträumen erzählt und davon, dass er viel zu viel Angst hatte, um einzuschlafen. Wenn es Tony gewesen wäre, dann hätte er ihm vermutlich auch erzählt, dass er heute Morgen auf der Badezimmerwaage festgestellt hatte, dass er zwanzig Pfund Gewicht verloren hatte. Zwanzig Pfund, einfach so.

Aber Daniel Tonaka war nicht Tony.

Tony war tot. Schon seit Jahren.

John griff nach dem Telefonhörer. „John Miller hier. Verbinden Sie mich bitte mit Captain Blake.“

Es wurde Zeit, sich ernsthaft diesem Fall der Schwarzen Witwe zu widmen. Vielleicht konnte er danach endlich schlafen.

Garden Isle, Georgia, war ein echter Geheimtipp unter den Angehörigen des Jetsets. Weicher weißer Sandstrand. Blauer Himmel und ein sauberes, wenn auch wegen der mineralischen Ablagerungen trübes Meer. Die Stadt selbst war idyllisch, mit Kopfsteinpflasterstraßen, charmanten Backsteinhäusern und Blumenkästen voller bunt blühender Blumen vor den Fenstern. Es gab überwiegend exklusive Boutiquen, angesagte und sehr teure Viersternerestaurants. Man musste nur wissen, wohin man am besten ging.

Nach zwei Monaten auf Garden Isle wusste Mariah Robinson genau, wo man einen Bogen um die Touristen machen konnte. Sie lud ihre Kamera und ihre Strandtasche in den Lenkerkorb an ihrem Fahrrad und machte sich auf den Weg zum Strand.

Nicht zu dem ruhigen, allerdings windigen Strandabschnitt, der nur wenige Hundert Meter von ihrem Ferienhaus entfernt war. Stattdessen schlug sie den Weg ein zum meistens vollen, belebten Strand neben dem Fünfsternehotel.

Meistens genoss sie die Einsamkeit, die beinah alle Geräusche übertönende Brandung und die Möwenschreie. Heute war ihr jedoch danach, sich unter die Leute zu mischen. Heute sehnte sie sich nach Gesellschaft. Und aus einer Laune heraus wollte sie unbedingt ihre Kamera zum Einsatz bringen und Menschen fotografieren.

Sie traf sich mit ihrer Freundin Serena zum Lunch in einem dieser exklusiven Restaurants.

Doch sie war über eine Stunde zu früh. Mariah nahm ihr Fahrrad mit an den Strand, legte es vorsichtig auf die Seite und breitete daneben ihre Decke aus. Eine Reggae-Band spielte im Zelt neben der Hotelbar, obwohl es noch früher Vormittag war, und die Klänge der Musik drifteten über den Strand.

Sie setzte sich in die Sonne und beobachtete die Leute um sich herum.

Einige der Sonnenanbeter lagen auf Liegestühlen und hatten die Nasen in Bücher gesteckt. Andere unterhielten sich oder flirteten in größeren und kleineren Gruppen. Männer und Frauen in Sportkleidung joggten am kilometerlangen Strand nah am Wasser. Weniger Sportbegeisterte wanderten oder gingen spazieren. Wieder andere flanierten und zeigten ihre gebräunten, trainierten Körper in knappen Designer-Badeanzügen.

Mariah nahm ihre Kamera aus dem Korb. Sie liebte es, auf traditionelle Art zu fotografieren, genoss das schwere Klicken des Auslösers und das Surren, wenn der Film in der Kamera weitertransportiert wurde. Deshalb hatte sie sich bisher noch keine Digitalkamera gekauft, sondern fotografierte mit einer alten Spiegelreflexkamera und entwickelte die Fotos in ihrem eigenen kleinen Labor. Jetzt richtete sie das Objektiv auf einen Golden Retriever, der neben einem muskulösen Mann in einer neongrünen Laufhose hertrottete. Sie liebte Hunde. Jetzt, da sie nicht mehr von morgens bis abends im Büro sein musste, dachte sie sogar darüber nach, sich einen anzuschaffen …

„Sieh mal an, dass ich dich so früh hier treffe.“

Mariah sah auf. Sie schaute direkt in die grelle Sonne und konnte das Gesicht ihrer Freundin nicht erkennen. Doch das spielte keine Rolle, denn der britische Akzent war unverwechselbar.

„Hallo“, sagte Mariah lächelnd, während Serena sich neben ihr auf die Decke setzte.

„Ich dachte, du hättest dem Hotelstrand abgeschworen“, meinte Serena und sah Mariah über den Rand ihrer teuren Sonnenbrille an.

Serena Westford war älter, als Mariah bei ihrer ersten Begegnung angenommen hatte. Mittlerweile schätzte sie die Freundin auf Ende dreißig. Aber ihr Lächeln war jung, spontan und charmant und ließ ihre perfekten weißen Zähne sehen. Unter dem Strohhut, den sie immer trug, schauten Strähnen ihrer blonden Haare hervor. Außerdem besaß sie den trainierten Körper einer Frau Mitte zwanzig.

Ihre Lässigkeit und ihr Selbstbewusstsein entsprachen ihrer Schönheit. Sie war all das, was Mariah auch gern verkörpert hätte. Nein, nicht Mariah, sondern Marie Carver, verbesserte sie sich. Doch Marie Carver war in Phoenix, Arizona, geblieben. Hier in Georgia gab es nur Mariah Robinson, und die war zufrieden mit ihrem Leben. Sie ließ sich ganz entspannt treiben. Keine Sorgen, keine Probleme. Kein Stress. Keine Eifersucht.

Serena trug einen schwarzen Tanga, darüber einen durchscheinenden schwarzen, knappen Umhang, der ihren Po und ihre Oberschenkel umwehte und fast nichts mehr der Fantasie überließ. Obwohl Serena Westford bei Weitem kein Teenager mehr war, gehörte sie zu den wenigen Menschen, die in einem knappen Bikini wirklich gut aussahen.

Mariah hasste ihre Freundin – wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Was machte es denn schon, dass sie selbst wohl niemals einen solchen Bikini würde tragen können? Ihre Figur war das Gegenteil der zierlichen, schlanken Serena. Mariah war knapp einen Meter achtzig groß, breitschultrig, athletisch gebaut und hatte üppige Brüste. Ihre Locken waren von einem unauffälligen Braun. Und wen störte es, dass ihre Augen hellbraun waren und nicht katzenhaft grün wie Serenas?

Mariah hätte wetten können, dass sich hinter Serena Westfords selbstbewusster Fassade auch eine Menge Ängste verbargen. Wahrscheinlich trainierte sie zwei Stunden täglich, um sich ihre jugendliche Figur zu bewahren. Und vermutlich wandte sie genauso viel Zeit für ihre Haare und ihr Make-up auf. Die Ärmste wurde sicher geplagt von Sorgen und Stress.

„Ich bin hergekommen, um mit meiner Kamera die Persönlichkeitsrechte ahnungsloser Strandbesucher zu verletzen“, erklärte Mariah ihrer Freundin und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Die beiden Frauen hatten sich kennengelernt, als Mariah Fotos von Serena am Hotelstrand machte. Das passte Serena überhaupt nicht, weshalb sie die Herausgabe des Films verlangte. Die drohende Feindschaft wandelte sich rasch in gegenseitigen Respekt, als Serena erklärte, sie habe mit der Heilsarmee viel Zeit bei verschiedenen Stämmen Afrikas verbracht. Und die Mitglieder dieser Stämme glaubten, es käme der Entführung ihrer Seelen gleich, wenn sie fotografiert wurden.

Mariah hatte ihr den Film ausgehändigt und den ganzen Nachmittag damit verbracht, Serenas faszinierenden Geschichten über ihre Reisen als freiwillige Helferin rund um die Welt zu lauschen.

Sie sprachen auch über Mariahs Arbeit für die Foundation for Families, eine Initiative, die mit ehrenamtlichen Helfern erschwingliche Häuser für einkommensschwache Familien baute. Drei bis vier Tage pro Woche brachte Mariah mit einem Hammer in der Hand zu, und sie liebte sowohl die Arbeit als auch das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

„Übrigens, ich habe eine Nachricht von der Post erhalten, dass ein Paket für mich angekommen ist“, sagte Mariah. „Ich glaube, das ist mein Dunkelkammerzubehör. Meinst du, ich könnte dich dazu überreden, es für mich vom Postamt abzuholen?“

„Wenn du einen Wagen hättest, könntest du es selbst abholen.“

„Wenn ich einen Wagen hätte, würde ich ihn einmal im Monat benutzen. Nämlich immer dann, wenn ich ein großes Paket vom Postamt abholen müsste.“

„Und du müsstest nicht mehr auf den schrecklichen Baustellen-Van warten, der dich viermal pro Woche aufs Festland bringt“, konterte Serena.

Mariah lächelte. „Ich nehme aber gern den Van.“

Serena musterte sie prüfend. „Na ja, der Fahrer sieht echt klasse aus.“

„Der Fahrer ist glücklich verheiratet mit einer der Vorarbeiterinnen.“

„Zu schade.“

Serena seufzte so dramatisch, dass Mariah lachen musste. „Nicht jede Frau ist auf der Jagd nach einem Ehemann. Ich bin allein auch ganz zufrieden.“

„Jagd nach einem Ehemann“, wiederholte Serena amüsiert. „Das Bild gefällt mir. Ich frage mich, welches Kaliber ich brauche, um einen zur Strecke zu bringen …“

Mariah sammelte ihre Sachen ein. „Komm, gehen wir essen.“ Sie würde es wissen, wenn sie ihn sah. Doch bis jetzt hatte sie ihn noch nicht entdeckt. Er müsste Geld haben. Viel Geld. Genug, um ihr die Anzahlung für ein Haus zu geben, wenn sie ihn darum bat. Genug, um ihr ein Konto auf ihren Namen einzurichten – ein Konto, das sie umgehend plündern würde. Das Geld würde sie auf Scheinkonten außerhalb des Landes transferieren.

Ihr System war so ausgeklügelt, dass niemand die Spur des Geldes verfolgen konnte. Eine oder zwei Wochen würde sie das Bargeld behalten, um es dann auf ihre Schweizer Bankkonten zu verteilen.

Drei Millionen Dollar. Drei Millionen amerikanische Dollar hatte sie bereits in der Schweiz.

Drei Millionen Dollar und neun Locken.

Ja, sie würde ihn erkennen, wenn sie ihn sah.

„Garden Isle, Georgia“, sagte der Agent namens Taylor und sah dabei erst Daniel Tonaka an, dann Pat Blake, Chef der FBI-Einheit, und schließlich John Miller. „Sie ist es. Die Schwarze Witwe. Sie muss es sein.“

Er schob den anderen mehrere Schwarz-Weiß-Fotos über den Konferenztisch zu. John lehnte sich nach vorn, nahm eines der Fotos und hielt es ins Licht. Seine Hände zitterten leicht, deshalb legte er es schnell wieder hin.

„Ihr jetziger Name ist Serena Westford“, erklärte der junge Agent. „Sie ist aus dem Nichts aufgetaucht. Angeblich verbrachte sie die letzten sieben Jahre in Europa, in Paris. Aber dort scheint niemand sie zu kennen. Falls sie wirklich dort gelebt hat, hat sie zumindest keine Steuern gezahlt.“

Auf dem Foto war eine Frau zu sehen, die eiligen Schrittes einen Parkplatz überquerte. Sie trug Hut und Sonnenbrille, ihr Gesicht war verschwommen.

John schaute auf. „Wie war Ihr Name doch gleich?“

Der junge Mann begegnete nur kurz seinem Blick. „Taylor. Steven Taylor.“

„Konnten Sie kein besseres Foto als dieses bekommen, Taylor?“

„Nein, Sir“, antwortete der Agent. „Wir sind froh, dass wir dieses geschossen haben. Es wurde mit einem Teleobjektiv von einem Hotelzimmer aus aufgenommen. Es ist das beste von ungefähr zwanzig Bildern, die ich zu dem Zeitpunkt machen konnte. Bei jedem anderen Versuch schien sie genau zu wissen, dass irgendwo eine Kamera lauert, und verhüllte sich beinah vollständig. Ich habe fast fünfhundert perfekte Fotos, auf denen ihr Gesicht durch eine riesige Sonnenbrille oder ihren Hut verdeckt ist. Weitere fünfhundert gute Aufnahmen habe ich von ihrem Hinterkopf.“

„Trotzdem sind Sie sicher, dass es sich bei der Frau um unsere Schwarze Witwe handelt?“ John machte keinen Hehl aus seinen Zweifeln.

Daniel meldete sich zu Wort. „Ich glaube, dass sie es ist. Hör dir weiter an, was er zu berichten hat.“

Für gewöhnlich war Johns Gespür bei der Einschätzung von Menschen untrüglich. Zum Beispiel wusste er, dass Patrick Blake ihn trotz seiner Verhaftungsquote nicht leiden konnte. Und er wusste auch, dass Steven Taylor eingeschüchtert war von ihm. Natürlich verhielt er sich höflich und respektvoll, doch Taylors ganze Haltung verriet, dass er wegen Johns Beteiligung an dem Fall darum bitten würde, davon abgezogen zu werden.

Daniel Tonaka allerdings war immer schon schwieriger zu deuten gewesen, was an seiner scheinbaren Unerschütterlichkeit lag. Er besaß einen schrägen Sinn für Humor, der in völlig unerwarteten Momenten aufblitzte. Soweit John es beurteilen konnte, begegnete Tonaka jedem mit gleicher Höflichkeit und Freundlichkeit. Allen, vom Obdachlosen auf der Straße bis zur Ehefrau des Gouverneurs, brachte er den gleichen Respekt und die gleiche Aufmerksamkeit entgegen.

Tonaka hatte bisher nur selten eine Ahnung oder einen Verdacht zu einem Fall oder mutmaßlichen Täter geäußert, aber jedes Mal lag er richtig. Diesmal jedoch formulierte er es mit noch mehr Nachdruck, indem er sagte, er glaube, dass Serena Westford die Schwarze Witwe sei.

John sah erwartungsvoll zu Steven Taylor, damit dieser fortfuhr.

Taylor räusperte sich. „Ich, äh, habe per Computer die Orte in Erfahrung gebracht, an denen sie am wahrscheinlichsten ihr nächstes Opfer suchen wird. Sie bevorzugt Kleinstädte mit höchstens einem oder zwei Hotels in der Nähe. Ich habe den Computer darauf programmiert, alle Städte außer Acht zu lassen, die innerhalb eines 200-Meilen-Umkreises der Orte liegen, an denen sie entweder ihre bisherigen Opfer kennengelernt oder mit ihnen zusammengelebt hat. Dadurch schrumpfte die Liste auf hundertdreiundzwanzig mögliche Orte. Dann nahm ich mir die Hotellisten vor und befragte telefonisch das Hotelpersonal. Ich erkundigte mich nach einem weiblichen Gast, knapp über einen Meter sechzig groß, allein reisend, lange Hotelaufenthalte.“

Er lehnte sich zurück, ehe er fortfuhr. „Ehrlich gesagt war eine Menge Glück dabei im Spiel, dass ich Serena Westford gefunden habe. Sie war erst zwei Tage vor unserem Anruf im Garden Isle Hotel eingetroffen. Als deutlich wurde, dass sie unter einem Decknamen reist, machte ich mich selbst auf den Weg nach Georgia, um die Verdächtige zweifelsfrei zu identifizieren.“ Taylor schüttelte zerknirscht den Kopf. „Wie Sie sehen können, ist auf keinem einzigen Foto der Schwarzen Witwe ihr Gesicht deutlich genug zu erkennen.“

„Ihre Beine schon“, bemerkte Daniel. „Von Serena Westfords Beinen hat Steve jede Menge Fotos gemacht.“

„Ihre Beine sind auf einigen der Bilder zu sehen, die wir in den Häusern der Opfer gefunden haben“, erklärte Taylor. „Wir haben keine Fotos vom Gesicht der Schwarzen Witwe, aber dafür viele von ihren Beinen.“ Er sah grinsend zu Daniel. „Tonaka hatte die Idee, die Fotos aus den Häusern und meine Fotos einer Vergleichsanalyse per Computer zu unterziehen. Und danach liegt die Wahrscheinlichkeit bei achtundneunzig Prozent, dass die Beine der Schwarzen Witwe mit denen von Serena Westford identisch sind.“

John sah zu Daniel. Verdammt, der Junge war gut darin, kreative Lösungen zu finden. „Ein Computervergleich von Frauenbeinen wird leider vor Gericht keine Beweiskraft haben“, gab er zu bedenken.

„Was Sie nicht sagen“, meinte Taylor und fügte rasch hinzu: „Sir. Aber es reicht, um mich davon zu überzeugen, dass wir dringend weiterermitteln sollten.“

John reichte die Fotos an Captain Blake, und erneut zitterten ihm die Hände. Der ältere Vorgesetzte beobachtete ihn mit leicht gerunzelter Stirn.

John wandte sich an Taylor. „Erzählen Sie mehr“, forderte er ihn auf.

„Als Serena dort eingetroffen ist, waren Spuren von Blutergüssen unter ihren Augen erkennbar“, berichtete Taylor. „Ich wage zu spekulieren, dass diese Blutergüsse auf eine kürzlich durchgeführte Gesichtsoperation zurückzuführen sind. Wahrscheinlich eine Nasenoperation, um ihr Aussehen zu verändern.“

„Wir haben die Möglichkeit in Erwägung gezogen, die frühere Haushälterin von Opfer Nummer sieben nach Garden Isle zu fliegen“, unterbrach Pat Blake den jungen Agenten. „Aber wenn sich die Schwarze Witwe tatsächlich hat operieren lassen, wird die Haushälterin sie kaum zweifelsfrei identifizieren. Und ich will absolut sicher sein. Sie soll uns nicht entkommen.“

John nickte. Sie würden die Mörderin auf frischer Tat ertappen müssen.

„Im Augenblick hat sie ein Strandhaus auf Garden Isle gemietet“, fuhr Taylor fort. „Das lässt ziemlich eindeutig darauf schließen, dass sie bleiben will. Obwohl ich nicht glaube, dass sie sich bereits ihr nächstes Opfer ausgesucht hat. Ich habe eine Liste zusammengestellt mit allen Leuten – Männer und Frauen –, mit denen unsere Verdächtige in den letzten Wochen Kontakt hatte. Von den siebenundvierzig Personen haben seitdem achtundzwanzig die Insel wieder verlassen. Sie haben dort lediglich ihren Urlaub verbracht und sind nach Hause zurückgekehrt. Von den übrigen neunzehn fällt eine Person besonders auf.“

Taylor nahm eine Reihe neuer Fotos aus seiner Aktenmappe und breitete sie auf dem Tisch aus.

„Mariah Robinson“, erklärte er. „So nennt sie sich zumindest. Nach unseren Recherchen existiert niemand dieses Namens. Wir haben sie als Marie Carver identifiziert, ehemalige Vorstandsvorsitzende von Carver Software in Phoenix, Arizona.“

John warf einen Blick auf die Fotos. Eines zeigte eine große junge Frau mit schulterlangem, dunklem Haar. Sie trug ein Bikinioberteil und Shorts und saß auf einem Strandtuch. Eine andere Frau im Bikini, deren Gesicht durch einen großen Strohhut verdeckt war, saß neben ihr.

Die Frau mit dem Hut musste Serena Westford sein. Ihr äußerst knapper Bikini war dazu geschaffen, den Blutdruck der Männer ansteigen zu lassen. Doch es war die Frau neben ihr, die Johns Aufmerksamkeit fesselte.

„Marie Carver – oder Mariah Robinson, wie sie sich nennt – lebt allein in einem gemieteten Haus auf der Insel“, erklärte Taylor. „Den Großteil ihrer Zeit verbringt sie an einem Privatstrand und macht Naturfotos. In ihrem Strandhaus hat sie eine Dunkelkammer. Alle paar Tage fährt sie aufs Festland. Wohin, weiß ich nicht. Ich hatte noch keine Gelegenheit, ihr zu folgen. Sie und Serena scheinen sich jedoch recht nahezustehen.“

Mariah Robinson war sehr groß und glich einer Amazone oder einer Göttin. Vermutlich war sie nur wenige Zentimeter kleiner als John, und er war immerhin einen Meter sechsundachtzig groß. Demnach hatte sie die Größe eines Mannes, obwohl ihre Figur sehr feminin war. Ihre Brüste waren so voll und wohlproportioniert, genau wie der Rest ihres Körpers. Die entsprechend breiten Hüften nagten wahrscheinlich an ihrem Selbstbewusstsein, was der Grund für die Shorts sein dürfte. Ihre Beine waren unglaublich lang und muskulös.

Auf einem anderen Foto sah man sie auf einem alten Fahrrad. Sie fuhr einen sanften Hügel hinauf, im Wiegetritt, was ihre Oberschenkelmuskeln hervorhob. Die Form ihrer Brüste zeichnete sich deutlich unter ihrem engen Baumwoll-T-Shirt ab.

Wow, was für ein üppiger, sinnlicher Körper!

Serena Westford war die mutmaßliche Schwarze Witwe. Angeblich hatte sie sieben Männer mit ihrer betörenden erotischen Ausstrahlung in den Tod gelockt.

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