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Im Namen des Vaters

Kurt Jahn-Nottebohm

Im Namen des Vaters

Frank Wallerts zweiter Fall





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Im Namen des Vaters

Frank Wallerts zweiter Fall

Kurt Jahn-Nottebohm

Krimi

Zitat


»Ein heiratsfähiges Mädchen bzw. eine Frau darf sich vermählen oder sich von ihrem Vormund bzw. Vertreter vermählen lassen. … Man darf eine Jungfrau nicht zwingen zu heiraten. Der Vormund soll die Zustimmung des Mädchens erlangen, um die Trauung zu vollziehen. Wenn das Mädchen keine Antwort gibt oder lacht oder leise weint, versteht sich, dass sie ihre Zustimmung gibt.«

Quelle: http://www.hakikatkitabevi.com/deutsch/sitte15.htm

Montag 16. Juli 2001

Die Luft flimmerte in der Mittagshitze. Kemal Kahraman lief langsam durch den gelblichen Staub abseits der kleinen Straße, die sein Heimatdorf Akbayιr mit Elbistan verband. Um seinen Kopf hatte er sich, als er zu dem Spaziergang aufgebrochen war, ein angefeuchtetes Leinentuch gewickelt. Die dürftige Vegetation in dieser Gegend spendete kaum Schatten, einzig ein paar Ziegen standen in etwa zwanzig Metern Entfernung nahezu regungslos im Schatten eines Busches.

Nie hätte er gedacht, dass er Akbayιr noch einmal wiedersehen würde. Vor genau 75 Jahren und 2 Monaten war er hier geboren worden – zu einer Zeit, als es noch nicht einmal eine Straße gab, die zu dem kleinen Ort hinführte. Als Kind war dies seine Welt gewesen – es gab nichts anderes. Sein Vater, ein strenger und gläubiger Mann, war Mitte der Zwanziger-Jahre aus dem Osten der Türkei gekommen und hatte sich hier niedergelassen. Hier hatte er seine Frau Sevilay geheiratet, die Tochter eines Großgrundbesitzers.

Ihn verbanden kaum Erinnerungen mit seiner Kindheit – es lag ja auch schon so lange zurück! Er erinnerte sich an seine Mutter: eine junge Frau, die oft weinte, einen unnahbaren, gestrengen, viel älteren Mann - seinen Vater, der plötzlich nicht mehr nach Hause kam, als Kemal ungefähr zehn Jahre alt war. Den Grund dafür hatte er nie erfahren. Täglich war Kemal den staubigen Weg entlang gelaufen, über den sein Vater in den Jahren zuvor abends nach Hause zurückgekehrt war. Oft stellte er seiner Mutter Fragen nach dem Verbleib seines Vaters, doch sie brach dann in heftiges Weinen aus – also fragte er nicht mehr. Schnell wuchs er in die Rolle des Familienoberhauptes hinein. In seinen jungen Jahren musste er den Lebensunterhalt für seine Mutter und seine drei Geschwister verdienen. Er half auf den Feldern, bei dem Vieh der benachbarten Familien und musste - als er vierzehn war - mit ansehen, wie seine kleine Schwester in einen Brunnen stürzte und ertrank.

Mit neunzehn heiratete er. Fatma war eine gute Frau, starb aber bei der Geburt seines ersten Sohnes, der auch nur drei Monate überlebte. Danach wollte er nicht mehr heiraten. »Ich habe dafür keine Zeit«, sagte er immer – schließlich brauchte seine Mutter ihn. Auch seine beiden Geschwister waren noch klein und konnten nicht für seine Mutter sorgen. Als er fünfundzwanzig war, sprach sein ältester Onkel ein Machtwort. Ihm wurde seine neue Frau vorgestellt – Feyza, die Tochter eines wohlhabenden Bauern aus Bakιş, einem Nachbardorf von Akbayιr. Sie war erst zwölf. Als er zwanzig Jahre später mit ihr nach Deutschland ging, hatte sie ihm immer noch keinen Sohn geboren.

Kemal Kahraman setzte sich auf einen Felsen, der aus der kargen Landschaft aufgetaucht war. Er schaute sich um. Es sieht noch genauso aus wie vor vierzig Jahren, dachte er. Er erhob sich und ging langsam zurück. Nach einer halben Stunde drangen die ersten Geräusche durch die flirrende Luft zu ihm – Kinderlachen, das aufbrüllende Gelächter der Männer und vereinzeltes Hundebellen. In der Ferne konnte er das bunte Treiben bereits sehen. Heute begann die Hochzeit seiner Enkelin Hülya.

Mittwoch 29. Dezember 2004

Frank schaute an sich herab. Dann griff er zu seiner Brille, die auf dem Fensterbrett neben ihm lag, und setzte sie auf. Die Waage, auf der er stand, konnte er nun klar und deutlich sehen – ebenso den Wert, den sie anzeigte. Naja, mit Brille, dachte er und musste lachen. Er stieg von der Waage.

Die Vorweihnachtszeit und Weihnachten selbst hatten bei Frank Wallert, einem 1,87 m großen und einundvierzig Jahre alten Hauptkommissar bei der Mülheimer Kriminalpolizei, Spuren hinterlassen. Nicht dass die siebenundachtzig Kilo ihm ernsthaft Sorgen bereiteten, aber sein Standardgewicht, das die dreiundachtzig Kilo selten übertraf, war dahin. Wieder einmal überlegte er – alle Jahre wieder – ob das nun an der Gans lag, die er zusammen mit Ina, Sabine, Malte und Bea am ersten Feiertag verspeist hatte, oder an den vielen Dominosteinen und gefüllten Lebkuchenherzen, auf die er sich Jahr für Jahr schon im Herbst freute, die es im Hause Wallert aber erst ab dem ersten Advent gab – dann allerdings reichlich.

Frank zuckte mit den Schultern. Morgen würde er wieder ins Präsidium müssen, denn sein Weihnachtsurlaub endete heute. In diesem Jahr hatte er tatsächlich am Heilgen Abend gegen dreizehn Uhr das Präsidium verlassen. Seitdem war offensichtlich nichts vorgefallen, was seine Anwesenheit oder Mitarbeit erfordert hätte. In der Regel war das anders. Traditionell hatten sie sich am ersten Feiertag getroffen, diesmal auf Einladung von Bea und Malte Frenzen. Malte war Franks Kollege und im Laufe der Jahre ein guter Freund geworden. Er hatte mit seiner Frau Bea einen vierzehnjährigen Sohn, der erstmals das Weihnachtsfest nicht zu Hause verbrachte. Er war mit einer Freundin und deren Eltern in die Alpen in den Schnee gefahren. Sabine war eine gemeinsame Freundin von der Spurensicherung, die es einst ernsthaft auf Frank abgesehen hatte, bevor Ina und Frank sich kennenlernten.

Bei dem Gedanken an Ina veränderte sich Franks Stimmung. Er war mittlerweile angezogen, verließ das Badezimmer und setzte sich in seinen Fernsehsessel, ohne jedoch den Fernseher einzuschalten. Er nahm sich eine Zigarette und zündete sie an. Ina und er hatten wohl eine ernsthafte Krise zu meistern, die schon seit fast anderthalb Jahren andauerte. Damals hatte er aus dem Nichts heraus festgestellt, dass er sich zu einer jungen Kollegin – Maren Dieckmann – hingezogen fühlte. Zur selben Zeit kam es zu einem Riesenkrach zwischen Ina und Frank. Dieser Konflikt wurde nicht endgültig ausgeräumt. Während der Ermittlungen in einem Doppelmordfall, bei dem es um Kinderpornographie ging, mussten Ina und Frank über eine längere Phase zusammenarbeiten, ohne dass sie merkten, wie der Konflikt weiter in ihnen schwelte. Zwischen Maren und Frank spielte sich nie etwas ab – außer einigen von der Atmosphäre her sehr »kribbeligen« Situationen. Ina aber begann eine Affäre mit einem Lehrer, was erst Wochen nach Abschluss des Falls herauskam. Die Affäre war kurzlebig, trotzdem einigten sich beide darauf, die gemeinsame Wohnung aufzugeben und sich »aus der Distanz« einander wieder anzunähern. Die beiden trafen sich oft – sie schliefen auch ab und zu miteinander – trotzdem wollte sich eine wirkliche Nähe zwischen beiden nicht einstellen. Stattdessen ging das »Kribbeln« zwischen Maren und Frank weiter.

Durch das Läuten des Telefons wurde Frank aus seinen Gedanken gerissen. Er holte das Handgerät aus der Küche und meldete sich.

»Wallert.«

»Hi, mein Süßer.« Es war Sabine.

»Was gibt’s?«, fragte Frank und schaute auf die Uhr. Es war kurz nach eins.

»Nichts Besonderes«, kam die schnelle Antwort. »Dieser Anruf ist rein privat. Hast du auch seit unserem großen Fressen am Samstag nichts mehr gegessen?«

Frank lachte. »Doch«, sagte er. »Aber heute noch nicht. Soll das eine Verabredung werden?«

»Warum nicht? Ich bin ausgehungert und dachte, wir könnten doch unseren letzten Urlaubsabend feiern. Malte und Maren habe ich auch schon angerufen. Die beiden sind gegen sieben im LOKal.«

»Gute Idee. Ich werde auch da sein.«

»Schön«, säuselte Sabine. »Ich freue mich. Bis dann!«

Sie legte auf, und Frank tat es ihr nach. Eine Viertelstunde später ging er zur Garderobe, nahm seine Winterjacke vom Haken und zog sie an. Er hatte sich zu einem Spaziergang entschlossen. Er schloss die Tür hinter sich und drehte seinen Schlüssel zweimal im Schloss. Dann trat er hinaus auf die Goethestraße und bewegte sich gemütlichen Schrittes Richtung MüGa-Gelände.

***

Die junge Frau hielt in ihrer rechten Hand einen vollen Müllbeutel. Mit ihren Füßen schlüpfte sie in ein Paar Schlappen, die neben der Wohnungstür standen. Sie öffnete die Tür und ging die Treppen hinunter. Sie wurde verfolgt von den Geräuschen aus dem Wohnzimmer, wo ihr Vater saß und sich eine Fernsehsendung ansah. Ihre Mutter arbeitete in der Küche und hatte ihr kurz, aber bestimmt, den Auftrag gegeben, den Müll nach unten zu bringen. Seit vorgestern war kein Wort mehr zwischen ihren Eltern und ihr gewechselt worden – es sei denn, man zählte die Anweisungen mit, die ihr nüchtern und sachlich gegeben worden waren. Nichts deutete darauf hin, dass ihren Eltern an einem weiteren Gespräch mit ihr gelegen war.

Im Laufe des Streits am Montagabend waren schlimme Sätze gewechselt worden. Am Ende hatte ihr Vater sie ins Gesicht geschlagen, ihr in die langen schwarzen Haare gegriffen und sie vor die Wohnungstür gezerrt. Das war gar nicht mal das Schlimmste gewesen, aber er hatte ihr – bevor er zurück in die Wohnung ging – leise ins Gesicht gezischt: »Du bist eine deutsche Hure!«

Mit vom Weinen und vom Schlag geschwollenem Gesicht hatte sie auf der Treppe gekauert, bis ihr Bruder Cengiz gegen Mitternacht nach Hause gekommen war. Er war an ihr vorbeigelaufen und in die Wohnung gegangen, ohne sich um sie zu kümmern. Etwa eine Stunde später war er zu ihr nach draußen gekommen, hatte sie am Kragen gepackt und wortlos in die Wohnung gezogen. Er hatte die Tür zu ihrem Zimmer geöffnet und sie auf das Bett geschleudert. Heute Vormittag war ihre Mutter in ihr Zimmer gekommen und hatte sie in die Küche zitiert, wo sie bis jetzt helfen musste.

Die junge Frau öffnete die Haustür und schob die Fußmatte zwischen Tür und Rahmen, um bei ihrer Rückkehr nicht schellen zu müssen. Sie betrat die Eppinghofer Straße, wandte sich nach links und verschwand in einer Zufahrt, die zu einem Hinterhof führte, in dem die Mülltonnen standen. Sie öffnete den Deckel einer Tonne, warf den Müllsack hinein, ließ den Deckel fallen und wandte sich um. Sie erschrak. Im Lichtschein einer schwachen Lampe über der Ausfahrt stand ein Mann, den sie aber beim zweiten Blick erkannte.

»Du?«, fragte sie.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sich langsam auf ihn zu bewegte.

»Bleib stehen!«, rief er.

Der Ton in seiner Stimme irritierte sie und ihr Lächeln erstarb. Trotzdem tat sie, was er ihr befohlen hatte. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Sie sah, wie er sich in Bewegung setzte und sich ihr näherte. Seine rechte Hand glitt in seine Jacke und förderte ein Klappmesser zutage, das er aufspringen ließ und am ausgestreckten Arm vor sich hin hielt. Als er vor ihr stand und sie ihm ins Gesicht sehen konnte, bekam sie Angst.

»Das kannst du nicht tun«, flüsterte sie.

Sie blickte auf das Messer, das er angehoben hatte. Er nickte. Die linke Hand legte er ihr in den Nacken. Die Messerspitze setzte er neben ihre linke Brust. Er zog ihren Kopf sanft zu sich heran, und während er ihr einen Kuss auf den Mund gab, stieß er das Messer mit großer Kraft in ihr Herz. Sofort sackte sie in sich zusammen, unfähig einen Laut von sich zu geben. Er hielt das Messer fest in seiner Hand und fing ihren Körper auf. Dann spürte sie die Kälte des Asphalts an ihrem Rücken und die Wärme ihres Blutes auf ihrem Bauch. Unverwandt hielt sie den Blick auf die Augen in dem bekannten Gesicht gerichtet. Als er das Messer aus ihr herauszog, stöhnte sie leise auf. Sie spürte keinen Schmerz, wohl aber, dass er sie erneut küsste. Die Umrisse seines Gesichts verblassten und mit ihnen alle anderen Wahrnehmungen.

Sie warten nicht auf mich, dachte sie und starb.

Im gleichen Moment wurde oben im Haus die Wohnungstür geschlossen.

Etwa fünf Minuten später – gegen 23:45 Uhr – erhob sich der junge Mann, knöpfte sein Sakko über dem blutigen Hemd zu und trat aus der Zufahrt auf die Eppinghofer Straße. Er lief zur Haustür, schob die Fußmatte mit dem Fuß nach innen und schloss die Tür. Dann überquerte er die Straße, schloss eine Haustür auf und verschwand.

***

Im LOKal im Ringlokschuppen saßen Maren, Sabine, Malte und Frank an einem Tisch und waren guter Stimmung. Frank hatte in Erinnerung an sein Wiegen von heute Mittag auf ein schweres Essen verzichtet und sich einen Salat mit Putenbruststreifen schmecken lassen. Allerdings hatte er sein viertes Pils vor sich stehen und überlegte soeben, ob er sich noch eins gönnen sollte, da sein Glas schon fast leer war. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, indem Malte in einem Anflug von Großzügigkeit eine Runde bestellte.

»Dann ist aber Schluss!«, sagte Sabine mit einem Blick auf die Uhr.

Als hätte sie ein Signal gegeben, starrten nun die anderen drei auf ihre Uhren und stellten übereinstimmend fest, dass es schon halb eins war. Frank nickte.

»Das war ein schöner Abend«, sagte er. »Wir sollten öfter sowas machen – so eine Art Stammtisch.«

»Ach! Du weißt wohl plötzlich mit deiner Zeit nichts mehr anzufangen, wie?«, frotzelte Malte, der sofort einen gespielt bösen Blick von Frank erntete.

»Ruf an, wenn du dich einsam fühlst!«, lud ihn Sabine mit einem schelmischen Lächeln ein. Nur Maren verhielt sich still, grinste aber über das ganze Gesicht.

»War das eigentlich in Ordnung am Samstag mit Ina?«, fragte Malte ernsthaft nach.

»Klar!«, erwiderte Frank. »Ich habe mich sehr wohl gefühlt.«

»Kam sie dir nicht auch ab und zu ein wenig weggetreten vor?«, erkundigte sich Sabine.

Frank zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung. Ich habe sie ja nicht den ganzen Tag beobachtet. Das ist ihre Sache – ich bin kein Hellseher. Wenn sie etwas hat, worüber sie mit mir reden will, dann muss sie es halt tun.«

Malte sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

»Das hört sich nicht so an, als ob ihr euch gerade wieder näher kommt.«

»Das mag sein.« Frank leerte sein Glas, da die Runde gerade geliefert wurde. »Das ist ja auch kein ›Muss‹!«

Malte hob sein Glas und prostete den anderen zu. Eine Weile herrschte Schweigen. Dann wechselten sie das Thema. Maren war gestern im Präsidium gewesen und hatte dort bestätigt bekommen, dass über die Feiertage tatsächlich in Mülheim an der Ruhr nichts geschehen war, was ihre Abteilung in irgendeiner Form über Gebühr in Anspruch genommen hätte. So spekulierten sie darüber, dass morgen, wenn sie ihre Plätze nach dem Kurzurlaub wieder eingenommen haben würden, das Chaos losbrechen und Mülheim in Gewalttaten ersticken würde. Ganz so schlimm sollte es nicht kommen, aber die Vier würden sich in den nächsten Wochen oft an diese von Gelächter geprägte Szene im LOKal erinnern.

»Wir wollen jetzt Schluss machen!«, tönte es von der Theke her.

Die vier Kollegen tranken aus und erhoben sich. Sie nahmen ihre Jacken von der Stuhllehne und begaben sich zur Kasse an der Theke, wo sie zahlten und eine gute Nacht wünschten. Vor dem LOKal an der Drehscheibe sogen sie die kalte Nachtluft ein.

»Wir sehen uns«, sagte Malte und tätschelte Frank die Schulter.

Sabine drückte ihm einen Kuss auf die Wange, und ehe sich Frank versah, stand er mit Maren alleine da, während Sabine und Malte sich quer durch den Park Richtung Schloss Broich begaben, wo sie ihre Wagen abgestellt hatten.

»Soll ich dich fahren?«, fragte Maren, die genau vor ihm stand.

Frank nahm sie in den Arm und drückte sie an sich.

»Nichts wünsche ich mir im Augenblick mehr.«

Er hob ihren Kopf und küsste sie.

»Bleibst du dann bei mir?«

»Das glaube ich eher nicht – du musst um sechs Uhr raus! Der Urlaub ist vorbei!«

Trotzdem funkelten ihre Augen schelmisch.

»Dann möchte ich lieber laufen«, erwiderte Frank, woraufhin Maren ihm nun einen Kuss gab.

»Bis nachher«, sagte sie, drehte sich um und ging zum Parkplatz.

Frank erreichte seine Wohnung um Viertel nach zwei. Fünf Minuten später lag er im Bett. Den Versuch, noch ein paar Seiten zu lesen, gab er schnell auf. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen und ließen sich nicht einfangen. Sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war Maren.

Donnerstag 30.Dezember 2004

Martin Fleischmann verstaute seinen Kulturbeutel in der Reisetasche und zog den Reißverschluss zu. Er war um vier Uhr aufgestanden, hatte kurz gefrühstückt und musste nun zum Flughafen nach Düsseldorf fahren, von wo aus er nach Berlin fliegen wollte. Er konnte sich wahrhaftig Dinge vorstellen, die er jetzt lieber gemacht hätte – angefangen beim Bett, in dem seine Frau noch lag, über ein gemeinsames Frühstück, bis hin zu den Vorbereitungen für die Silvester-Fete, die sie morgen mit Nachbarn und Freunden auszurichten gedachten.

Die Firma, bei der er angestellt war und die sich mit der Einrichtung und Wartung von Computer-Netzwerken beschäftigte, hatte ihn mit der Reise beauftragt, um die letzten Verhandlungen mit einer Versicherungsgesellschaft zu führen. Es ging um einen Großauftrag, der die komplett neue Einrichtung des Netzwerkes dieser Gesellschaft und ihrer Zweigstellen umfasste – ein Projekt im Wert eines zweistelligen Millionen-Betrages. Eine Beförderung war ihm von Herrn Freiwald, seinem Chef, in Aussicht gestellt worden. Dabei konnte es sich nur um die Projektleitung handeln. Für vierzehn Uhr war er mit Herrn Meichel und Frau Söder zum Arbeitsessen in Berlin verabredet. Morgen Vormittag würde er zurückfliegen.

Er spürte, wie die Nervosität in ihm aufstieg. Viertel nach fünf. Er musste los. Er zog den Mantel an, nahm seine Reisetasche und den Autoschlüssel von der Konsole im Flur und verließ die Wohnung. Als er die Straße betrat, spürte er die schneidende Kälte, die ein kräftiger Nordwind ins Ruhrgebiet getragen hatte. Eine dünne Schneeschicht bedeckte die Stadt. Bald darauf bog er nach links in die Toreinfahrt ein, die zu den Garagen führte. Er blieb abrupt stehen. Etwa fünf Meter von ihm entfernt lag jemand auf dem Boden.

Scheiße, dachte er.

Langsam ging er auf den Körper zu. Er registrierte die große Blutlache, in der die junge Frau lag.

»Mein Gott!«, entfuhr es ihm.

Er ging in die Hocke und legte drei Finger an den Hals der jungen Frau. Der Körper war eiskalt. Sie war tot. Er sprang auf. Seine Hand fuhr in die Manteltasche und förderte sein Handy zu Tage. Plötzlich hielt er inne und drehte sich nach allen Seiten um. Wenn er jetzt die Polizei anrief, konnte er seinen Flug vergessen, ebenso den Auftrag und seine Beförderung. Er steckte das Handy wieder ein und bewegte sich rückwärts von der Leiche weg.

Sie ist tot, dachte er, jemand anders wird die Polizei verständigen.

Entschlossen wandte er sich ab, lief zur Garage, setzte sich in seinen Wagen und ließ ihn an. Langsam fuhr er um den Körper herum. Als er auf der Eppinghofer Straße war, gab er Gas.

Orhan Gök wunderte sich über den Wagen, der so schnell aus der Einfahrt schoss. Er sah, wie sich das Heck nach einem kurzen Rutscher auf der schneeglatten Straße stabilisierte und der Wagen schnell Fahrt aufnahm. Er setzte den Blinker und fuhr in die Einfahrt. Orhan bremste scharf, als er im Scheinwerferlicht die Tote sah.

***

Der Radiowecker hatte seine Arbeit längst aufgenommen, als Frank sich noch einmal im Bett umdrehte. Er war längst wach, genoss diese Phase des Aufstehens aber jeden Tag aufs Neue. Begleitet von Musik seines Geschmacks und den in der Regel angenehmen Stimmen der Moderatorinnen und Moderatoren von WDR 2 tauchte er langsam aus dem Schlaf auf, registrierte die Wärme seines Bettes und wusste, dass er noch nicht sofort aufstehen musste. Heute war es anders. Zwar blieb er noch eine Weile liegen, aber nur so lange, bis sich das Rufen des Telefons durch einen Song von Phil Collins und David Crosby in sein Bewusstsein schieben konnte. Seufzend stand er auf. Im Flur nahm er das Handgerät von der Station und meldete sich.

»Wallert.«

»Guten Morgen, Herr Wallert. Reichelt hier. Ich muss Sie leider vor Dienstantritt schon stören.«

»Schon gut. Was gibt es so Wichtiges?«

»Etwas sehr Unerfreuliches. Eine weibliche Leiche in der Eppinghofer Straße. Wurde eben gemeldet. Herr Frenzen ist schon da.«

Der Beamte nannte die Hausnummer und erklärte Frank, dass die Leiche in einer Hofzufahrt gefunden worden sei.

»Ich bin sozusagen unterwegs.«

Er legte auf und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Habe ich es nicht gesagt?, dachte er, sich an den vorherigen Abend im LOKal erinnernd. Er ging in die Küche und bereitete sich sein Standardfrühstück zu: Jogurt, Kaffee und ein Brot mit Quark und Marmelade. Dann holte er die Zeitung aus dem Hausflur, die er anschließend achtlos auf den Küchentisch warf. Gut gerüstet für seinen ersten nachweihnachtlichen Arbeitstag verließ er fünfzehn Minuten später das Haus, stieg in den Wagen und fuhr über die schneeglatte Goethestraße und Bruchstraße in die Eppinghofer Straße, auf der er von Weitem schon zuckendes Blaulicht sah, so dass er sich nicht um die Hausnummern kümmern musste, um zum Ziel zu gelangen.

Die Eppinghofer Straße hatte in den letzten zehn Jahren ihr Gesicht völlig verändert. Einige Mülheimer sahen das nicht gerne, aber Frank gefiel es. Auf der Straße gab es viele ausländische – zumeist türkische – Läden: Frisörsalons, afrikanische »markets«, türkische Lebensmittelgeschäfte mit sehr gutem Angebot, auch eine türkische Bäckerei, einige wirklich gute türkische, griechische und italienische Schnellimbisse, ausschließlich von türkischen Männern frequentierte Teestuben und die scheinbar obligatorischen Handy-Geschäfte und Wettbüros. Das alles gab der Straße einen ganz eigenen Charakter. Auch Reisebüros und Second-hand-Läden fanden sich auf beiden Seiten der Straße.

Frank parkte seinen Wagen in der zweiten Reihe neben einem Polizeifahrzeug und stieg aus. Die Atmosphäre, die ihn erwartete, war eigenartig. Scheinbar sprach niemand mit niemandem. Eine kleine Traube von fünf Menschen stand rechts neben der Hofzufahrt, die durch zwei extrem helle Scheinwerfer komplett ausgeleuchtet wurde. Zu diesen fünf Menschen zählte auch Malte Frenzen, sein langjähriger Freund und Kollege. Frank näherte sich der Gruppe. Als Malte ihn erkannte, sagte er kurz etwas zu einem jungen Mann, mit dem er mit gedämpfter Stimme geredet hatte, und kam auf Frank zu.

»Morgen«, sagte er.

Frank beantwortete den Gruß in gleicher Weise. Malte deutete mit der Hand, in der er einen Notizblock hielt, auf die hell erleuchtete Szene in der Einfahrt.

»Sowas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Das musst du dir anschauen.«

Frank schaute auf die von den Scheinwerfern ausgeleuchtete Fläche und näherte sich einer unwirklichen Szenerie. Sabine, der Gerichtsmediziner Dr. Jüssen und ein Kollege von Sabine standen vor der Toten. Als Frank Sabine erreichte, legte er ihr die Hand um die Hüfte. Sie schaute ihn von der Seite an und schüttelte den Kopf. Kein Wort fiel. Es war wirklich ein in gewisser Weise traumhaftes Bild. Vor ihm lag eine junge Frau in einer recht großen Blutlache. Ihre weiße Bluse war blutdurchtränkt, ebenso der obere Teil ihres blauen Rockes. Ihr Gesicht wirkte völlig entspannt. Beide Augen waren geschlossen und ihr langes schwarzes Haar rahmte ihr Gesicht ein. Ihre Hände lagen auf ihrer Brust und zwischen ihnen ragte eine weiße Rose hervor.

»Was ist das?«, stieß Frank flüsternd hervor.

Er bemerkte, wie Sabine schlucken musste, und traute sich selbst kaum zu atmen.

»Frag mich nicht!«, gab Sabine flüsternd zurück.

Hinter Frank war ein weiterer Kollege zu den vieren herangetreten. Es war Michael Drexler, der Polizeifotograf.

»Was ist denn hier los gewesen?«

Seine Verblüffung konnte man in seiner Stimme hören. Frank löste sich als Erster aus der Szenerie.

»Mach deine Bilder!«, sagte er zu Michael. »Ein Portraitfoto und den Rest wie sonst. Danach könnt ihr loslegen«, schob er zu Sabine und Dr. Jüssen gewandt nach.

Malte war in der Zwischenzeit wieder zu dem jungen Mann getreten, mit dem er jetzt allein und in ein Gespräch vertieft vor der Hofzufahrt stand, als Frank zu den beiden trat. Frank stellte sich dem jungen Mann vor und reichte ihm die Hand.

»Das ist Herr Orhan Gök. Er hat uns angerufen, als er die Leiche gefunden hatte«, erläuterte Malte.

»Und … kennen Sie die Frau? Wer ist das?«, fragte Frank und bemerkte, dass er sich zwingen musste, ruhig zu bleiben und die Sachlichkeit an den Tag zu legen, die ihm ansonsten eigen war. Malte blickte ihn verwundert an.

»Nein, ich kenne sie nicht«, antwortete der junge Mann in akzentfreiem Deutsch.

»Wohnen Sie in der Nähe?«, schoss Frank seine nächste Frage ab.

»Ich wohne auf der Aktienstraße – wenn das für Sie ›Nähe‹ ist, dann ja.«

»Was wollten Sie dann hier?«

Jetzt wurde es Malte zu bunt.

»Warten Sie«, sagte er zu dem jungen Türken, griff Frank am Unterarm und zog ihn ein paar Meter fort. »Kannst du mir mal verraten, was das werden soll? Dieser Mann ist ein Zeuge! Du quetscht den in einem Ton aus, als wäre er der Täter!«

»Vielleicht ist er das ja auch«, gab Frank etwas trotzig zurück. Er schaute Malte an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Du hast recht. Was hast du erfahren?«

»Herr Gök hat hier eine Garage gemietet. Zu der war er unterwegs. Als er in die Einfahrt einbiegen wollte, kam ein dunkler Wagen, ein BMW 320i, herausgeschossen und fuhr recht schnell die Eppinghofer Straße hinunter. Dann bog Herr Gök in die Einfahrt und fand die Leiche.«

Malte sprach nicht weiter, so dass Frank davon ausgehen musste, dass er alle Informationen weiter gegeben hatte. Beide traten wieder auf Herrn Gök zu.

»Entschuldigen Sie bitte«, begann Frank. »Der Anblick ist auch für uns ungewohnt, und wir haben schon einiges gesehen.«

Der junge Mann nickte.

»Sie haben den Wagen genau erkannt, der Ihnen da entgegen kam?«, fragte Frank – jetzt wesentlich freundlicher.

»Ja, ich habe Ihrem Kollegen schon gesagt, dass es ein BMW 320i war. Der Wagen gehört Herrn Fleischmann. Der wohnt zwei Häuser weiter links.«

Dienstag 17. Juli 2001

Als Hülya Kahraman erwachte, fiel ihr Blick auf die alte Frau, die am Fußende ihres Bettes stand. In ihrem Gesicht spiegelten sich gleichzeitig Freundlichkeit und Härte. Hülya kannte die Frau nicht. Das war wohl auch der Grund dafür, dass sie erstmal sehr skeptisch dreinschaute.

»Ich weiß, du kennst mich nicht«, begann die Frau. »Aber ich werde dir schon nichts tun. Wenn du so willst, bin ich eine deiner Tanten aus Bakιş. Allah gefällt es, dass ich dich heute zu deiner Hochzeits-Waschung führen darf. Deshalb schau mich nicht so grimmig an, sondern steh endlich auf. Alle Frauen sind schon fertig und warten auf uns.«

Hülya wollte nicht grimmig ausschauen, es gelang ihr aber wohl nicht, zu dieser frühen Stunde – es war etwa sieben Uhr – auf freundlich und glücklich umzuschalten, denn die Frau brummte etwas vor sich hin, während sich ihr Gesichtsausdruck verfinsterte.

»Beeil dich!«, stieß sie hervor, drehte sich um und verließ den Raum, nicht ohne die schwere Holztür von außen zu verriegeln.

Dies war der zweite Tag von Hülyas Hochzeit. Gestern waren die Gäste aller möglichen Verwandtschaftsgrade angereist, viele Menschen, die sie in ihrem Leben noch nicht gesehen hatte – einige würden heute und morgen noch kommen. Die Eltern von Emre, ihrem Verlobten, waren schon seit einer Woche da. Seitdem durfte sie nirgendwo alleine hingehen. Emres Mutter war immer in ihrer Nähe. Erst als ihre Cousinen aus Nurhak eintrafen, lockerte sich die Stimmung etwas. Sie waren etwa in ihrem Alter und ziemlich lustig. Ständig stritten sie sich um Kleinigkeiten, was oft zu Situationen führte, in denen sie herzlich lachen mussten.

Emre war vor einem Monat 19 Jahre alt geworden. Sie kannte ihn, seit sie klein war. Ihre Eltern waren seit den frühen Jahren von Hülyas Kindheit befreundet gewesen. Hülya war in Deutschland geboren worden. Als sie fünf war, zogen ihre Eltern mit ihr in die Türkei. Sie hatte von diesen Plänen ihrer Eltern nichts gewusst und war die ersten Monate in Akbayιr sehr traurig gewesen. Als sie dann die Nachbarn – Vater, Mutter und Emre Aksoy – kennengelernt hatte, ging es ihr besser. Sie spielte oft mit Emre und seinen Schwestern, passte manchmal auf seine kleinen Brüder auf und vergaß nach und nach Deutschland und ihre dortigen Freundinnen.

Hülya war aus dem Bett gestiegen und an das Fenster getreten. Heute würde wieder ein heißer Tag werden. Die Luft lag schon zu dieser Tageszeit schwer über der Landschaft. Sie horchte in sich hinein. Freute sie sich? War sie gespannt darauf, wie es jetzt weitergehen würde? Heute war der Tag der Rituellen Reinigung. Die Waschung selbst würde natürlich nur in Anwesenheit der Frauen stattfinden. Zwischendurch würde viel erzählt und gelacht, gegessen und getanzt, während die Männer – auch Emre – auf der anderen Seite des Hauses ebenfalls erzählten, lachten, aßen und tanzten. Bei Einbruch der Dunkelheit würde eine ihrer Tanten Hülya wieder auf ihr Zimmer bringen. Für den nächsten Tag hatte man den Henna-Abend geplant. Am Donnerstag sollte der Ehevertrag auf dem Standesamt in Elbistan unterzeichnet werden, anschließend die Hochzeit in der Moschee stattfinden. Die abschließende »gemütliche Feier« würde voraussichtlich bis Freitagnacht andauern.

Ja, sie freute sich mittlerweile darauf. Es würde ein wunderschönes Fest werden. Sie hatte in den letzten beiden Jahren immer wieder Angst davor gehabt. Im Frühjahr 1999 teilten ihr ihre Eltern mit, dass sie Emre heiraten würde – man habe sich mit seinen Eltern geeinigt. Emre sei ein guter Mann und die Familie Aksoy eine sehr gute Familie. Von diesem Zeitpunkt an hatte sie Emre nicht mehr alleine treffen dürfen. Sie erinnerte sich an viele einsame Stunden des Weinens. Ein paar Monate später hatte sie ihre Mutter angesprochen, als ihr Vater geschäftlich verreist war.

»Warum kommt Emre nicht mehr, wenn seine Eltern zu uns kommen?«

 

»Er ist dein Verlobter!«, antwortete ihre Mutter nahezu entrüstet.

 

»Ich habe Angst …«, brachte Hülya unter leisen Tränen hervor.

 

Ihre Mutter hielt in ihrer Handarbeit inne und schaute auf. Hülyas Tränen versiegten unter ihrem Blick.

 

»Wovor willst du Angst haben? Du kennst Emre seit Jahren und magst ihn.«

 

Hülya schwieg.

 

»Es war Emres Idee. Er hat seine Eltern gefragt, ob er dich heiraten könne. Dann hat sein Vater deinen Vater gefragt.«

 

Hülya schaute ihre Mutter an, die ihre Stickarbeit wieder aufgenommen hatte.

 

»Sie sind sich schnell einig geworden. Und du hast auch nicht widersprochen. Wovor solltest du also Angst haben?«

 

»Ich weiß nicht«, brachte Hülya zögernd hervor. »Ich will Emre nicht heiraten.«

 

Ihre Mutter legte die Handarbeit in ihren Schoß und wandte sich ihrer Tochter zu. Ihr Blick war voller Unverständnis.

 

»Das kommt ein bisschen spät, Hülya. Findest du nicht? Willst du uns ins Unglück stürzen? Du kennst und magst Emre, er dich auch!«

 

Sie hob drohend ihre Hand.

 

»Du wirst uns keine Schande machen! Du bekommst einen sehr guten Ehemann, der dich sehr gut behandeln wird.«

 

»Aber …«

 

»Hör jetzt auf mit deinem ›Aber‹!«, schrie ihre Mutter auf. »Lass deinen Vater nicht hören, was du eben gesagt hast!«

 

Ihre Mutter war aufgesprungen und stützte sich mit beiden Händen auf der Tischplatte ab. Eindringlich schaute sie Hülya ins Gesicht.

 

»Denk an die Ehre deines Vaters und mach uns keine Schande!«

 

Hülya senkte ihren Blick und traute sich nicht, etwas zu erwidern. Wortlos stand sie auf, verließ das Haus und setzte sich auf die Holzbank neben der Eingangstür.

Heute dachte Hülya anders darüber. In den letzten beiden Jahren hatte sie bemerkt, dass sie Emre sehr vermisste. Bald würde sie seine Frau sein. Sie lächelte vor sich hin, als sie aus dem Nachbarraum eine ungeduldige Stimme vernahm.

»Wirst du jetzt wohl bald kommen, oder müssen wir dich holen?«

Hülya machte auf der Ferse kehrt, trat an die Tür ihres Zimmers und klopfte dagegen. Die Tür wurde von außen entriegelt und geöffnet. Die Siebzehnjährige trat in den Wohnraum, wo ihre Mutter und drei andere Frauen ihr entgegen lächelten.

Freitag 31. Dezember 2004

 

Es war wärmer geworden. Jetzt lag genau die Atmosphäre über Mülheim an der Ruhr, die für das Silvesterfest in dieser Gegend so typisch war und die Frank im Grunde seines Herzens hasste wie die Pest. Hatte er gestern noch darauf gehofft, dass der Anflug von Schnee darauf hindeutete, dass es kalt werden und schneien würde, sah er sich heute in seiner Hoffnung getäuscht. Es waren plus neun Grad, der Wind blies stark und es hatte heute Morgen bereits geregnet, was das Zeug hielt. Entsprechend war seine Laune und nichts deutete darauf hin, dass sich das – solange er Dienst hatte – ändern würde.

 

Gestern Abend war er erst spät nach Hause gekommen. Man hatte sich – nach der Untersuchung des Tatortes – erst mal darum gekümmert, die Identität der Toten zu klären. Dabei hatten Malte und er einen ersten Hinweis darauf bekommen, dass es sich nicht um einen alltäglichen Fall handelte, denn niemand – buchstäblich niemand – erkannte oder kannte die junge Frau! Dabei hatten Malte und Frank beinahe die ganze Eppinghofer Straße abgeklappert, auf beiden Straßenseiten immer wieder auf die Klingeln gedrückt, waren Treppen rauf und runter gelaufen, hatten Dutzende von Gesprächen geführt – nichts! Um die Mittagszeit war Maren zu ihnen gestoßen. Frank hatte sie telefonisch über alles Wichtige unterrichtet und sie beauftragt, Martin Fleischmann aufzutreiben. Von seiner Frau, die aus allen Wolken gefallen war, als sie bei ihr auftauchten, erfuhren sie, dass er nach Düsseldorf zum Flughafen gefahren war, um von dort aus nach Berlin zu fliegen. Die Drähte wurden zum Glühen gebracht, der Wagen gegen elf auf einem Parkdeck des Flughafens gefunden.

 

Martin Fleischmann wurde von der Berliner Polizei während eines Mittagessens aus einem Berliner Nobelrestaurant geholt, was zu chaotischen Szenen führte. Er selbst flippte fast aus, seine Geschäftspartner schauten sich das Ganze mit skeptischen Mienen an, erhoben sich aber, als die Beamten darauf drängten, dass Herr Fleischmann mit ihnen kommen solle, und verließen mit vielsagendem Blick unter flehenden Rufen Fleischmanns das Restaurant. Später sagte Herr Fleischmann aus, dass er morgens die Leiche zwar gefunden, wegen seines dringenden Fluges aber nicht gemeldet hatte. Nein, eine weiße Rose habe er in den Händen der Leiche nicht gesehen. Nein, er habe ihr auch keine weiße Rose zwischen die Hände gesteckt. Ja, es sei richtig, er habe in ziemlicher Panik den Ort verlassen und es tue ihm leid. Man hatte ihnen den Bericht des Gesprächs nach Mülheim gefaxt und Fleischmann mit der Aufforderung wieder laufen lassen, sich am nächsten Tag – also heute – umgehend mit der Mülheimer Kripo in Verbindung zu setzen.

 

Frank schaute auf seine Uhr. In etwa zwei Stunden könnte man mit Fleischmann rechnen, vorausgesetzt er meldete sich wirklich umgehend bei ihnen. Ein forsches Klopfen ertönte an der Tür, und fast im gleichen Augenblick trat Maren ein. Sie warf ihre Fäustlinge in die Ecke, riss sich die Pudelmütze von ihren kurzen schwarzen Haaren und schüttelte sich.

 

»Ist das ein Ekelwetter«, sagte sie an Frank gewandt.

 

Der musste grinsen.

 

»Entschuldige bitte«, antwortete er.

 

»Schon gut«, spielte sie mit. »Gib mir dafür einen Kaffee!«

 

Während Frank ihrem Wunsch nachkam, zog sie ihren Dufflecoat aus und hängte ihn an die Garderobe. Mit einem dampfenden Kaffeebecher in der Hand trat Frank vor sie hin. Er nahm ihr den Schal ab und hängte ihn zu ihrem Mantel.

 

»Ich habe mir was überlegt«, platzte sie heraus und setzte sich auf den Besucherstuhl. Sie schlug die Beine übereinander und schaute ihn erwartungsvoll an.

 

»Und was hast du dir überlegt?«, fragte Frank in Erfüllung ihrer Erwartung endlich nach.

 

»Das Mädchen ist ja wohl eindeutig an Ort und Stelle erstochen worden. Jemand muss sie kennen – wenn sie nicht sogar in der Straße wohnt.«

 

»Ja, das denke ich auch.«

 

»Wenn das so ist, dann haben eine Menge Leute gestern geschwindelt. Wir müssen nochmal ›Klinken putzen‹ – diesmal nehmen wir aber unsere Kollegin Derya mit. Möglicherweise haben gestern nicht alle verstanden, was ihr von ihnen wolltet – oder umgekehrt.«

 

Frank, der sich auf die Kante seines Schreibtisches vor sie gesetzt hatte, nickte zustimmend.

 

»Das ist eine gute Idee. Die Frage ist nur, ob wir das heute machen sollen. Dieser Fleischmann kommt nachher …«

 

Weiter kam er nicht. Maren war aufgestanden und schaute ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

 

»Wann willst du das denn machen? Morgen ist Feiertag, dann ist Sonntag. Willst du am Montag erst wieder einsteigen … wie ein guter Beamter? Bis dahin ist wertvolle Zeit verstrichen!«

 

Frank musste ihr recht geben. Sein Einwand war ihm schon peinlich.

 

»Du hast ja recht«, sagte er, worauf sich das Mienenspiel von Maren sofort entspannte.

 

»Ich kann das ja mit Derya übernehmen. Malte und du macht das Arschloch von Fleischmann fertig und schreibt die Berichte von gestern. Bis heute Mittag sind Derya und ich durch. Wir müssen ja nur zu den Türken.«

 

»Nur? Hast du eine Ahnung, wie viele Türken auf der Eppinghofer Straße wohnen?«, wagte sich Frank wieder einzuwenden.

 

»Wenn schon. Ihr habt gestern die ganze Straße geschafft, dann schaffen wir das heute mit halb so vielen Gesprächen erst recht. Du wirst schon sehen.«

 

»Na gut«, stimmte Frank zu.

 

Sofort stand Maren auf, griff um ihn herum zum Telefon und rief Derya an. Sie hatte schnell zugestimmt, und die beiden verabredeten sich für eine Viertelstunde später in der Cafeteria des Präsidiums.

 

»Weißt du, was mir nicht in den Kopf will?«, fragte Frank und Maren verneinte. »Irgendjemand muss sie doch vermissen! Laut Dr. Jüssen ist die Frau in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag erstochen worden. Bis heute hat sie niemand als vermisst gemeldet.«

 

»Ja, das ist seltsam«, gab Maren ihm recht.

 

»Außerdem war sie barfuß und in Schlappen unterwegs. Es war schweinekalt. Es muss einfach so sein, dass sie in der Nähe oder sogar auf der Eppinghofer Straße wohnt.«

 

In der Zwischenzeit hatte Maren sich wieder ihren Schal um den Hals gewickelt, den Mantel angezogen und ihre Mütze aufgesetzt. Jetzt suchte sie ihre Handschuhe. Frank bückte sich, hob sie auf und reichte sie ihr.

 

»Heute Mittag werden wir klüger sein«, schob sie hinterher und wollte zur Tür hinaus, wo sie fast mit Malte zusammenstieß.

 

»Guten Morgen und tschüss!«, rief sie und war verschwunden.

 

***

 

»Du bist ein Unmensch!«, schleuderte Karin Fleischmann ihrem Mann entgegen. Der hatte vor etwa einer halben Stunde die Wohnung betreten und war in einer Stimmung, wie sie sie bei ihm in den fünf Jahren ihrer Ehe noch nicht erlebt hatte. Er hatte sie kaum gegrüßt, war an ihr vorbei in sein Arbeitszimmer gestürmt, hatte dort geräuschvoll seinen Aktenkoffer abgestellt und war laut fluchend in die Küche zurückgekehrt, wo sie am Tisch saß.

 

»Nur weil jemand da so irgendeine Schlampe abgestochen hat, werde ich wahrscheinlich meinen Job verlieren! Ganz toll! Gerade war ich dabei, mit Meichel und Söder die letzten Einzelheiten zu klären – die waren sogar bereit, sofort zu unterschreiben – da kommen diese Bullen an unseren Tisch und bringen mich in so eine Situation! Meichel und Söder können das doch gar nicht einordnen! Für die muss das so ausgesehen haben, als wäre ich in einen Mordfall verwickelt.«

 

»Wem willst du das denn vorwerfen?«, fragte sie nüchtern nach. »Ein Zeuge hat ausgesagt, du hättest fluchtartig den Tatort verlassen!«

 

»Die war tot!«, schrie er sie an. »Hätte ich die Polizei gerufen, hätte ich warten müssen! Mein Flugzeug wäre ohne mich gestartet ...«

 

»Du hättest die Firma informieren können«, unterbrach sie ihn. »Söder und Meichel wären unterrichtet worden. Es gibt Telefone, Martin!«

 

Er warf seinen vollen Kaffeebecher in die Spüle und schaute sie an, als wollte er sich auf sie stürzen. Sie zuckte zusammen.

 

»Hätte, hätte, hätte! Sonst fällt dir nichts dazu ein? 15 Millionen Auftragsvolumen! Projektleitung! Wir hätten ausgesorgt gehabt!«, spuckte er ihr entgegen.

 

»Ich erkenne dich nicht wieder. Was ist nur mit dir geschehen? Du tust gerade so, als sei dir etwas Schreckliches geschehen. Eine junge Frau ist erstochen worden und das lässt dich völlig kalt?«

 

»Warum soll ich mich darüber aufregen?«, entgegnete er und streckte beide Arme in einer entschuldigenden Geste aus. »Sie war tot. Ich hätte ihr nicht mehr helfen können. Hätte ich den Wagen auf der Straße stehen gehabt, hätte ich sie gar nicht gefunden!«

 

»Du bist unmöglich!«, fuhr sie ihn an. »Meinst du, deine Ignoranz und Kaltherzigkeit hätten dich weitergebracht? Du wirst dem Freiwald erklären müssen, was geschehen ist, ebenso Meichel und Söder. Meinst du, das lässt dich in einem besseren Licht dastehen, als wenn du die Polizei gerufen hättest und ihr den Vertragsabschluss auf das neue Jahr verschoben hättet?«

 

»Du verstehst nichts! Ab-so-lut nichts!«, brüllte er auf. »Ich muss jetzt zur Polizei! Danach muss ich in die Firma zu Freiwald. Mach dich schon mal darauf gefasst, dass ich als Arbeitsloser nach Hause zurückkommen werde!«

 

Er drehte sich um und ging Richtung Wohnungstür, wo er zögerte. Er kam die paar Schritte zurück und streckte ihr den Zeigefinger entgegen.

 

»Die Silvesterfete können wir ja wohl vergessen. Kümmerst du dich darum?«

 

»Das glaubst aber auch nur du!«, entgegnete sie mit einem bitteren Lachen. »Meinst du, ich will heute Abend und zum Jahreswechsel mit dir allein sein?«

 

Er verließ ohne ein weiteres Wort und kopfschüttelnd die Wohnung.

 

***

 

Frank und Malte waren dabei, das zu erledigen, was Maren vorgeschlagen hatte: Sie schrieben Berichte, vielmehr schrieb Malte, der hinter Franks Computer saß. Frank redete ständig auf ihn ein, weshalb Malte schon mehrfach begonnene Sätze immer wieder korrigieren musste, weil er in seiner Konzentration abgelenkt war. Gerade wieder verdrehte er die Augen und hörte auf zu schreiben. Er drehte den Stuhl so, dass er Frank ansehen konnte.

 

»Oder stimmt das nicht?«, fragte Frank, der Maltes Blick als Skepsis deutete.

 

»Mag sein, dass das stimmt. Aber du musst dich jetzt schon entscheiden. Entweder ich schreibe die Berichte und du liest mit und sagst nur dann etwas, wenn du mit einer Sache nicht einverstanden bist, oder wir machen eine Besprechung. So ist es nicht möglich, Berichte zu schreiben.«

 

»Gut, lass uns den Gedanken schnell zu Ende führen – dann machen wir mit den Berichten weiter, und ich bin auch ganz brav.«

 

»Also«, seufzte Malte, »welchen von den knapp 747 Gedanken meinst du?«

 

»Na, alles. Es fängt damit an, dass die Frau in Schlappen und barfuß und auch sonst nicht wintergemäß gekleidet in dem Hinterhof war. Dort ist sie nicht etwa brutal abgeschlachtet worden, sondern ein einziger gezielter Stich ins Herz hat ihren Tod herbeigeführt. Einen solchen Stich kannst du nicht ausführen, wenn sich jemand wehrt. Sie muss ihrem Mörder in die Augen gesehen haben. Dann denk mal an die Art und Weise, wie sie da praktisch aufgebahrt lag.«

 

»Da hast du recht«, nickte Malte. »Ein Serienkiller macht sowas nicht.«

 

»Und niemand in der Straße will das Opfer kennen! Das kann nicht sein!«

 

»Außerdem behauptet dieser komische Fleischmann steif und fest, dass da keine Rose war, als er sie gefunden hat. Wenn der Täter die Rose nicht auf sie gelegt hat, dann muss es der Türke gewesen sein, der uns angerufen hat. Schließlich ist er unmittelbar nach Herrn Fleischmann auf den Hinterhof gekommen.«

 

»Das glaube ich nicht. Fleischmann war in Panik, weil er glaubte, er erwischt seinen Flug nicht – der hat gar nicht genau hingeguckt. Wo bleibt er eigentlich?«, unterbrach Frank sich selbst und schaute auf die Uhr. »Müsste der nicht schon längst wieder da sein?«

 

Kaum hatte er ausgesprochen, klopfte es und ein Mann trat ein, der Frank auf Anhieb unsympathisch war. Sein Gesicht glänzte von einer dünnen Schweißschicht. Weder die Außentemperatur noch die Temperatur im Präsidium waren eigentlich zum Schwitzen geeignet. Seine Körperhaltung war eine einzige zur Schau getragene Entschuldigung. Der um die 1,85 Meter große Mann hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen und begann mit ausgebreiteten Armen zu sprechen.

 

»Es tut mir leid!«

 

Seine Stimme war für Franks Geschmack zu hoch, doch das mochte an der Nervosität liegen.

 

»Herr Fleischmann?«, erkundigte sich Frank.

 

»Entschuldigen Sie, dass ich mich nicht sofort vorgestellt habe. Martin Fleischmann.«

 

Er schien sich nicht zu trauen, näher zu treten.

 

»Kommen Sie herein und schließen Sie bitte die Tür. Wir haben Sie erwartet.«

 

Während Fleischmann tat, wozu Frank ihn aufgefordert hatte, redete Frank weiter.

 

»Mein Name ist Wallert und dies ist mein Kollege Herr Frenzen. Nehmen Sie bitte Platz.«

 

Frank wies auf den Besucherstuhl, stand auf und trug seinen Stuhl, mit dem er hinter Malte am Computer gesessen hatte, nach vorne. Dann setzte er sich zu Fleischmann an den kleinen Tisch. Der saß bereits mit aufrechtem Oberkörper, zusammengepressten Knien und seine wahrscheinlich feuchten Hände ringend auf dem Stuhl und schaute Frank abwartend an.

 

»Herr Fleischmann«, begann Frank. »Wenn ich alles richtig verstanden habe und uns alles korrekt aus Berlin übermittelt wurde, haben Sie die Tote gefunden?«

 

Fleischmann nickte und senkte seinen Blick zu Boden.

 

»Können Sie uns das erklären?«, insistierte Frank. Malte saß mit offenem Mund hinter dem Schreibtisch und beobachtete die merkwürdige Szene.

 

»Nun, Sie wissen ja wahrscheinlich schon, dass ich gestern einen wichtigen Termin in Berlin hatte …«

 

»Der muss wirklich sehr wichtig gewesen sein«, unterbrach ihn Frank.

 

Martin Fleischmann blickte auf und Frank direkt ins Gesicht.

 

»Ja«, stimmte er zu, ohne den Sarkasmus in Franks Stimme bemerkt zu haben. »Es ging um einen Termin, der um die fünfzehn Millionen wert war.«

 

»Eine Menge Holz! Das interessiert mich aber gar nicht so sehr. Ich möchte einige für Sie wahrscheinlich unwichtige Kleinigkeiten wissen.«

 

Frank musste sich zur Sachlichkeit zwingen, konnte aber die Anflüge von Sarkasmus nicht vermeiden.

 

»Bitte sehr. Ich bin gerne bereit, Ihnen zu helfen, wenn ich kann.«

 

Malte atmete scharf aus und schüttelte den Kopf.

 

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Können Sie mir bitte zuerst sagen, wann Sie die Leiche gefunden haben?«, fuhr Frank fort.

 

»Das muss so gegen zwanzig nach fünf gewesen sein.«

 

In der Folge schilderte er flüssig und mit steigender Aufregung die Geschehnisse vom Donnerstagmorgen. Frank bemerkte, dass Fleischmann im Laufe seiner Erzählung seine Stimme immer wieder anhob und mit seiner Gestik und Mimik um Verständnis warb. Trotzdem glaubte der Kripobeamte dem Mann sein schlechtes Gewissen nicht. Fleischmann erzählte den beiden nichts Neues.

 

»Herr Fleischmann, ich hoffe, Sie wissen trotz allem, dass Sie nicht richtig gehandelt haben. Es hätte sein können, dass der Mord erst Stunden später gemeldet worden wäre. Dann hätten wir womöglich wichtige Spuren gar nicht mehr finden können. Ich rede aber nicht mit Ihnen, damit Sie sich von Ihrer Schuld freisprechen können. Das müssen Sie mit sich selbst ausmachen, warum Ihnen dieses Verbrechen an der jungen Frau weniger wichtig ist als ein Millionengeschäft – ganz abgesehen davon, dass Sie Ihr Dilemma auch sicher anders hätten lösen können. Mich interessiert eine Sache. Denken Sie genau nach: Haben Sie gesehen, dass die junge Frau eine weiße Rose zwischen den Händen hielt?«

 

»Nein. Da war mit absoluter Sicherheit keine Rose. Das hätte ich gesehen. Das habe ich auch den Polizisten in Berlin schon gesagt. Ich habe mich neben die Frau gehockt und am Hals ihren Puls kontrollieren wollen. Aber da war nichts mehr zu machen. Sie war eiskalt.«

 

»Ja, sie hatte keine Wahl!«, warf Malte ein. »Sie schon!«

 

Jetzt schaute Fleischmann zornig zu Malte hinüber.

 

»Was wollen Sie! Ich denke, ich habe Ihnen deutlich gemacht …«

 

»Ja, haben Sie! Mehr als deutlich«, unterbrach Frank. »Wann haben Sie den Tatort verlassen?«

 

»Sofort. Ich habe den Wagen aus der Garage geholt und bin zum Flughafen gefahren.«

 

»Unser Zeuge hat Sie vom Tatort fliehen sehen.«

 

»Quatsch, ich hatte es eilig. Warum hätte ich fliehen sollen?«

 

»Wo waren Sie am Mittwochabend?«, fragte Frank und durchbohrte Fleischmann fast mit seinem Blick.

 

Fleischmanns Unterkiefer klappte nach unten, seine Augen weiteten sich, und er schien in Atemnot zu geraten.

 

»Sie … Sie … wollen wissen …«, stammelte er.

 

»Ja, das will ich!«, entgegnete Frank, der seinen Blick immer noch starr auf Fleischmann gerichtet hielt.

 

»Sie glauben doch nicht …«, platzte es jetzt laut aus ihm heraus.

 

»Warum nicht? Ein hübsches junges Mädchen, ein erfolgreicher verheirateter Geschäftsmann, nicht enden wollende Forderungen des Mädchens – das hat es alles schon gegeben!«

 

Fleischmann lächelte ein unsicheres, gekünsteltes Lächeln.

 

»Das meinen Sie nicht ernst.«

 

Das war der Augenblick, in dem Frank ausflippte. Er sprang von seinem Stuhl auf und brüllte los.

 

»Glauben Sie, dass es hier in diesem Raum außer Ihnen jemanden gibt, dem es im Zusammenhang mit einem Mord zum Scherzen zumute ist?«

 

Fleischmann wich sämtliche Farbe aus dem Gesicht, als er sich langsam erhob, bis er in etwa fünf Zentimeter Entfernung Frank auf Augenhöhe gegenüberstand. Er durchlief eine überraschende Wandlung.

 

»Jetzt passen Sie mal auf, Herr Polizist!«, zischte er Frank ins Gesicht. »Kümmern Sie sich um Mörder und anderes Gesocks, aber lassen Sie unbescholtene Geschäftsleute in Frieden! Wenn Sie diesen Ansatz weiter verfolgen wollen, dann können Sie gerne Adresse und Telefonnummer meines Anwalts haben. Meine Zeit ist knapp. Ich werde in der Firma erwartet.«

 

Damit drehte er sich um und verließ Franks Büro. Auf beiden Seiten der Tür sagten drei Männer fast gleichzeitig: »Arschloch!«

 

***

 

Maren saß – tief in die Polster eines Sofas gesunken – neben Derya im Wohnzimmer der Familie Dikbaş auf der Eppinghofer Straße. Ein kräftiger, etwa um die 55 Jahre alter, grauhaariger Mann saß ihnen gegenüber auf einem Küchenstuhl. Links und rechts neben ihm hatte sich der Rest seiner Familie aufgebaut. Seine etwa zehn Jahre jüngere Frau trug ein Kopftuch und lächelte die beiden Beamtinnen ständig an. Die beiden zwölf- und vierzehnjährigen Söhne standen zur Rechten ihres Vaters. Sie lächelten verlegen, und auch Maren war nicht wohl in ihrer Haut. Eben hatte Frau Dikbaş zwei Tassen mit schwarzem Tee auf den mit einem kunstvollen Teppich geschmückten Sofatisch gestellt. Derya führte ihre Tasse zum Mund und nahm einen Schluck. In fließendem Türkisch sprach sie das Familienoberhaupt an.

 

»Sie können ruhig Deutsch sprechen!«, entgegnete er mit sonorer Stimme. »Ich bin lange genug in Deutschland.«

 

»Aber vielleicht will Ihre Frau auch verstehen, was ich sage und frage«, wandte Derya ein.

 

»Das will sie nicht, glauben Sie mir«, war die bestimmte Antwort des Mannes, worauf sowohl Derya als auch Maren ihn verblüfft ansahen.

 

»Es könnte aber wichtig sein. Vielleicht kann Ihre Frau uns helfen …«, versuchte es Maren.

 

»Wenn ich Ihnen nicht helfen kann, dann kann es meine Frau auch nicht«, unterbrach Herr Dikbaş sie. Mit einer knappen Handbewegung in Richtung seiner Frau und seiner Söhne veranlasste er die drei, zu gehen und ihn mit den Beamtinnen allein zu lassen.

 

»Nun gut«, begann Maren. »Wissen Sie, was Mittwochnacht auf dieser Straße geschehen ist?«

 

»Wie ich gehört habe, ist am Donnerstag eine Leiche gefunden worden.«

 

»Das ist richtig. Für uns ist natürlich wichtig zu wissen, wer die junge Frau war, die erstochen worden ist.«

 

»Und wie kann ich Ihnen da helfen?«

 

M

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