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Im Nachtclub des Schicksals - im Rhythmus der Leidenschaft

Natalie Anderson, Cathy Williams, Ally Blake, Yvonne Lindsay, Alison Kent

Im Nachtclub des Schicksals - im Rhythmus der Leidenschaft

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1. KAPITEL

Sie planen stets vorausschauend.

Neue Situationen stellen eine Herausforderung für Sie dar.
Sie sind voller Energie und Tatendrang.
Sie sind sehr ausgeglichen.
Sie fragen gern andere um Rat.
Sie verlassen sich lieber auf ihre Vernunft als auf Ihre Intuition.
Intensive Gefühle haben einen starken Einfluss auf ihr Verhalten.
Sie treffen Ihre Entscheidungen spontan.
Sie haben gern das letzte Wort.

Lucy blickte starr auf den mehrere Seiten umfassenden Fragebogen. Was würde es wohl über sie aussagen, wenn sie alle Fragen mit Ja beantwortete? Oder abwechselnd mit Ja und Nein? Oder …

Warum wirfst du diesen Blödsinn nicht einfach in den Papierkorb und verschwindest von hier? Schließlich bewirbst du dich nicht um einen Posten beim britischen Geheimdienst, sondern nur um einen Aushilfsjob im Gastronomiebereich.

Einen Moment lang war Lucy ernsthaft versucht, ihrer inneren Stimme zu folgen. Aber dies war die dritte Agentur, die sie an diesem Tag aufsuchte, und es war schon halb vier. Zu einer weiteren würde sie es heute nicht mehr schaffen, und sie brauchte dringend Geld.

Nervös trommelte sie mit ihrem Kugelschreiber auf das Klemmbrett mit den Bewerbungsunterlagen, was ihr prompt einen strafenden Blick der Empfangsdame eintrug.

„Bei Ihnen scheint es ja noch länger zu dauern“, stellte sie säuerlich fest. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, bringe ich kurz einige Unterlagen nach nebenan.“

Mit einem Stapel Akten bewaffnet, kam sie hinter ihrem Tresen hervor und deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf einen Klingelknopf. „Läuten Sie, wenn Sie fertig sind, dann wird sich einer unserer Sachbearbeiter um Sie kümmern.“

„Mach ich“, versprach Lucy betont freundlich und widerstand dem heftigen Drang, ihr die Zunge herauszustrecken.

Sobald die Frau in einem der Nebenräume verschwunden war, wandte Lucy sich wieder ihrem Fragebogen zu. Da sie Zwänge nicht ausstehen konnte, gern Spaß hatte und einen unkonventionellen Lebensstil bevorzugte, gehörte sie eindeutig zu Kategorie D. Aus strategischen Gründen beschloss sie jedoch, Antworten des Typs A anzukreuzen: Ihre Persönlichkeit wurde dadurch als ehrgeizig, perfektionistisch und leistungsorientiert gekennzeichnet.

Leise vor sich hinsummend setzte sie ihre Kreuze in die leeren Kästchen, als ein diskretes Hüsteln sie aufblicken ließ.

Wenige Meter entfernt von ihr stand die vollendete Verkörperung von Typ A: dunkler Geschäftsanzug. Weißes Hemd und Krawatte. Erstklassig geschnittenes braunes Haar.

Schade, war Lucys erster Gedanke. Ohne diesen verbissenen Gesichtsausdruck könnte er richtig gut aussehen.

Umwerfend gut, um genau zu sein.

Seine klar geschnittenen, markanten Züge wirkten überaus männlich, und der breite, sinnliche Mund hatte vermutlich schon zahllosen Frauen vor ihr die Knie weich werden lassen.

Er blickte sie unverwandt an, was Lucy in Alarmbereitschaft versetzte. Und das lag nicht allein an seinem Blick aus goldgesprenkelten braunen Augen, der bis in ihre Seele vorzudringen schien. Seine ganze Aura schien allem, was ihn umgab, ihren Stempel aufdrücken zu wollen – einschließlich ihrer Person.

Keine Frage, dieser Mann wusste, was er wollte, und war daran gewöhnt, es auch zu bekommen.

Typen wie er waren ein rotes Tuch für Lucy.

Umso absurder war es, dass sie sich für einen Moment vorstellte, wie es wohl wäre, von ihm verführt zu werden …

Energisch verdrängte sie die aufreizenden Bilder, die vor ihrem geistigen Auge auftauchten, und überlegte stattdessen, was dieser geschniegelte Anzugträger bei einer Arbeitsvermittlung für Gastronomiepersonal verloren hatte. Wie ein Barkeeper oder Kellner sah er definitiv nicht aus, aber heutzutage wusste man ja nie.

Das Schweigen zwischen ihnen wurde langsam peinlich, sodass Lucy sich schließlich gezwungen sah, seine unausgesprochene Frage zu beantworten.

„Der Empfang ist momentan nicht besetzt, aber die Bewerbungsformulare liegen dort auf dem Tresen“, informierte sie ihn. „Am Besten, Sie fangen schon mal mit dem Persönlichkeitstest an. Der ist zwar ellenlang, aber wenn man einmal den Dreh heraushat, ist er ein echtes Kinderspiel.“

Ihr scherzhafter Tonfall kam bei Mr. A-Typ offenbar nicht an. Ohne eine Miene zu verziehen, nahm er sich wortlos ein Exemplar und setzte sich Lucy gegenüber. Während er flüchtig die diversen Formulare überflog, musterte sie ihn verärgert. Anscheinend hatte dieser Mensch noch nie etwas von Solidarität unter Zeitarbeitern gehört.

Als er endlich den Mund aufmachte, klang seine Stimme genauso überheblich und befehlsgewohnt, wie Lucy es erwartet hatte.

„Ich vermute, bei der Frage ‚Sie verlassen sich mehr auf Improvisation als auf sorgfältige Planung‘ haben Sie Ja angekreuzt und Nein bei ‚Sie übernehmen gern Verantwortung‘.

Lucy hob kampflustig das Kinn. „Und Ihre Antwort auf ‚Ihr Schreibtisch ist stets sauber und aufgeräumt‘ lautet garantiert Ja.“

Ihre Schlagfertigkeit entlockte ihm ein flüchtiges Lächeln, was ihn für einen Augenblick beinah sympathisch wirken ließ. Doch bevor Lucy sich zu ihrem Etappensieg beglückwünschen konnte, eröffnete er ihr, dass er keinen Job suche, sondern eine Aushilfskraft.

Sie hätte es wissen müssen!

Arbeitslose Kellner trugen keine Maßanzüge und traten auch nicht mit der Selbstherrlichkeit eines griechischen Gottes auf. Aber egal, dies war ihre Chance, und Lucy beschloss, sie beim Schopf zu packen.

„Was für eine Kraft suchen Sie denn genau?“, erkundigte sie sich in beiläufigem Tonfall.

„Einen Clubmanager.“

Lucy überlegte nicht lange und straffte die Schultern. „Sie brauchen nicht länger zu suchen“, behauptete sie kühn. „Die perfekte Kandidatin steht bereits vor Ihnen.“

„Tatsächlich?“ Er zog skeptisch die Brauen hoch. „Sie wissen ja nicht einmal, worum es bei dem Job geht.“

„Sie sagten, Sie suchen einen Clubmanager, und ich kann einen Club managen.“

Mit zusammengekniffenen Augen ließ er den Blick über Lucys schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Born to be wild“ und die abgewetzten Jeans schweifen. „Ich suche jemanden mit Erfahrung“, unterrichtete er sie kühl. „Jemanden, der Verantwortung übernehmen kann.“

Lucy ließ sich durch seinen herablassenden Tonfall nicht entmutigen und versicherte ihm, dass sie dazu absolut in der Lage sei.

Er lächelte ironisch. „Vor zwei Minuten haben Sie noch gesagt, dass Sie diese Frage mit Nein beantwortet hätten.“

„Das haben Sie gesagt“, korrigierte sie ihn freundlich. „Ich habe es weder verneint noch bestätigt.“

Sekundenlang maßen sie einander mit Blicken wie Cowboys in einem Western.

„Zeigen Sie mir Ihren Lebenslauf“, forderte er Lucy schließlich auf.

„Gern. Sobald Sie mir gesagt haben, um was für einen Club es sich handelt“, hielt sie dagegen.

Er hielt alle Trümpfe in der Hand, aber Lucy war Weltmeisterin im Bluffen. Während das Schweigen zwischen ihnen mit jeder Sekunde an Spannung zunahm, sah sie ihm herausfordernd in die Augen. Instinktiv wusste sie, dass er dieses Spiel nicht lange durchhalten würde. Dazu war er viel zu kontrolliert und … wohlerzogen.

Als er schließlich zu einer Antwort ansetzte, konnte sie ein triumphierendes Lächeln nicht unterdrücken.

„Der Club heißt Principesa“, informierte er sie kurz angebunden. „Er ist klein, aber gut besucht, und mir ist daran gelegen, dass das auch so bleibt.“

„Und Sie sind der Besitzer?“ Lucy konnte ihn sich beim besten Willen nicht hinter dem Tresen einer Bar vorstellen. Sie wäre jede Wette eingegangen, dass er Banker oder Anwalt war.

„Das Lokal gehört meiner Cousine, Lara Graydon“, stellte er leicht gereizt klar. „Sie ist letzte Woche nach Kalifornien gereist und hat mich gebeten, bis zu ihrer Rückkehr ein Auge auf den Geschäftsführer zu haben.“

„Und was ist mit ihm?“

Seine Miene wurde noch verdrießlicher. „Ich nehme an, er schläft gerade seinen Rausch aus. Jemand hat letzte Nacht die Polizei verständigt, weil bis weit über die Sperrstunde hinaus dröhnende Musik aus dem Club drang. Als ich nach einem Anruf vom Ordnungsamt heute Morgen hinfuhr, fand ich den Club in einem Zustand vor, als hätte dort ein mehrtägiges Zechgelage stattgefunden. Der Manager lag völlig betrunken hinterm Tresen.“

Bei der Erinnerung verzog er angewidert die Lippen. „Sobald es mir halbwegs gelungen war, ihn aus dem Koma zu holen, habe ich ihm mitgeteilt, dass er fristlos entlassen ist.“

Lucy, die gespannt seinem Bericht gelauscht hatte, nickte langsam. „Und jetzt brauchen Sie umgehend einen Ersatz für ihn.“

„So ist es.“ Es war ihm deutlich anzumerken, wie lästig ihm die ganze Angelegenheit war. „Ich kann es notfalls vertreten, den Club für ein oder zwei Abende zu schließen, bis das Chaos dort beseitigt ist und die Vorräte wieder aufgestockt sind, aber spätestens Freitag muss er wieder öffnen. Mit anderen Worten, ich muss noch heute jemanden finden, der in der Lage ist, alles Nötige in die Hand zu nehmen.“

„Wann wird Ihre Cousine denn wieder zurück sein?“

Er zuckte die Schultern. „Das wüsste ich selbst gern. Sie sagte, in etwa drei Wochen, wollte sich aber nicht auf den Tag genau festlegen.“

In dem erneut einsetzenden Schweigen überschlugen sich Lucys Gedanken. Als Managerin eines Clubs würde sie in drei Wochen mehr verdienen als sonst in zwei Monaten. Sie hatte bisher zwar nur als Kellnerin und als Barfrau hinterm Tresen gearbeitet, fühlte sich der Aufgabe jedoch durchaus gewachsen.

Problematisch war nur die elektrisierende Wirkung, die dieser Mann auf sie hatte. Es reizte sie ungemein, ein wenig an seiner konservativen Fassade zu kratzen, hinter der sie mit weiblicher Intuition eine geballte Ladung Sinnlichkeit vermutete.

Aber dies war eindeutig der falsche Zeitpunkt für Experimente. Sie war völlig abgebrannt und brauchte dringend einen Job.

Kurz entschlossen öffnete Lucy ihre ausgebeulte Schultertasche und nahm eine Kopie ihres Lebenslaufs heraus. Um ihre plötzliche Nervosität zu kaschieren, überreichte sie ihm das Papier mit einer betont selbstbewussten Geste.

Er brauchte nur wenige Sekunden, um es durchzulesen. Als er fertig war, schien er wenig beeindruckt, was Lucy nicht weiter überraschte. Sie wusste ja selbst, dass dort nichts Weltbewegendes stand.

„Offenbar halten Sie nicht viel von Verpflichtungen“, stellte er trocken fest. „Wie ich sehe, hatten Sie keinen Job länger als drei Monate.“

„Ich bin bis vergangenen Herbst zur Uni gegangen, und Semesterferien dauern nun mal nur drei Monate.“

„Und dieses Jahr?“

Lucy zuckte vage die Schultern. „Ich bin viel herumgereist.“

„Warum haben Sie Ihren letzten Job aufgegeben?“

Aus demselben Grund, aus dem sie auch alle anderen aufgegeben hatte. Aus Langeweile. Wegen ihrer inneren Rastlosigkeit. Wegen dieses ständig nagenden Gefühls, nicht wirklich am richtigen Platz zu sein.

„Sie können sich gern bei meinen früheren Arbeitgebern nach mir erkundigen“, schlug Lucy ihm vor. „Ich bin nie wegen Krankheit ausgefallen und war immer bereit, Doppelschichten zu übernehmen. Rufen Sie sie an, und ich garantiere Ihnen, dass sie nur Gutes von mir berichten werden.“

„Sie scheinen ja sehr von sich überzeugt zu sein.“

Unter seinem prüfenden Blick stieg Lucy das Blut in die Wangen. Ohne es zu ahnen, hatte er mit seinem Kommentar ihre Achillesferse getroffen. Sie hatte zwar immer zufriedenstellende Arbeit geleistet, aber es gab keinen Bereich, in dem sie je geglänzt hätte. Allerdings hatte sie es auch nie ernsthaft versucht. Warum, hätte sie selbst nicht sagen können. Vermutlich aus der Angst heraus, einmal wirklich ihr Bestes zu geben, nur um dann festzustellen, dass es dennoch nur Mittelmaß gewesen war.

„Ich habe jahrelang in Bars und Restaurants gearbeitet“, betonte sie und versuchte, sich ihre innere Anspannung nicht anmerken zu lassen. Der Empfangsdrachen konnte jeden Augenblick wieder auftauchen, und dann wäre jede Aussicht auf den Job dahin.

„Ich weiß aus dem Effeff, wie ein Gastronomiebetrieb läuft und kenne die besten Lieferanten“, fügte sie eindringlich hinzu. „Außerdem weiß ich, wie man schwierige Gäste behandeln muss und das Personal motiviert. Glauben Sie mir, wenn Sie die Principesa in guten Händen wissen wollen, dann wollen sie mich.“

2. KAPITEL

Daniel Graydon lehnte sich in seinem Stuhl zurück und dachte über ihre letzten Worte nach.

… dann wollen Sie mich …

Er gab es nur ungern zu, aber genauso war es. Aus einem unerfindlichen Grund übte diese Frau einen seltsamen Reiz auf ihn aus, obwohl ihre ganze Erscheinung nicht im geringsten seinem Geschmack entsprach.

Er stand auf gepflegte, kultivierte Frauen, wohingegen sie wie eine etwas ausgeflippte Aussteigerin aussah. Ihre tiefe Sonnenbräune ließ darauf schließen, dass sie den größten Teil des Tages am Strand verbrachte, wo sie vermutlich den lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Das lange nussbraune Haar fiel ihr in ungebändigten Wellen über die Schultern und die großen Flicken auf ihrer zerschlissenen Jeans wurden nur noch von wenigen Fäden zusammengehalten. Beim Anblick ihrer spitzen, braunen Cowboystiefel mit den schrägen Absätzen und dem aufgeprägten Adlermotiv konnte Daniel nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie wohl auch die dazu passenden Sporen und eine Peitsche besaß …

Um seine Gedanken wieder auf das Wesentliche zu lenken, überflog er noch einmal ihren Lebenslauf, der trotz seiner Knappheit hinreichend ihren unsteten Lebensstil dokumentierte. Er kannte diesen Typ. Solange alles eitel Sonnenschein war, würde sie bleiben, aber sobald sich auch nur das kleinste Wölkchen am Himmel zeigte, wäre sie wieder verschwunden.

Unter normalen Umständen hätte Daniel sie keine Sekunde als ernsthafte Bewerberin in Betracht gezogen, aber in seiner derzeitigen Notlage konnte er es sich nicht erlauben, allzu wählerisch zu sein. Stirnrunzelnd warf er einen Blick auf den verwaisten Empfangstresen. Es sah nicht so aus, als würde sich vor Geschäftsschluss noch ein Mitarbeiter der Agentur blicken lassen.

Ihre grünen Augen bohrten sich förmlich in seine. Er sah darin Leidenschaft, Trotz und den fast verzweifelten Wunsch, eine Chance zu bekommen. Als Anwalt hatte er diesen Blick schon oft gesehen. Er war es, der ihn immer wieder dazu brachte, Klienten anzunehmen, für die er eigentlich keine Kapazität mehr hatte. Sehr zum Missfallen seiner Seniorpartner übernahm er diese Fälle meist auch noch, ohne ein Honorar dafür zu verlangen.

Immerhin hat sie Kneipenerfahrung, sagte Daniel sich und ignorierte die warnende Stimme in seinem Kopf, die ihm sagte, dass er im Begriff war, einen schweren Fehler zu begehen. Er wollte diese leidige Angelegenheit endlich vom Tisch haben, und letzten Endes ging es ja nur darum, die drei Wochen bis zu Laras Rückkehr zu überbrücken.

„Also schön“, meinte er schließlich und reichte ihr ihren Lebenslauf zurück. „Gehen wir am besten gleich in den Club, damit ich Ihnen alles zeigen kann.“

Lucy schenkte ihm ein so umwerfendes Lächeln, dass es ihm unmöglich war, es nicht zu erwidern. Doch angesichts der Achtlosigkeit, mit der sie ihren Lebenslauf in ihre Tasche zurückstopfte, verfinsterte Daniels Miene sich erneut. Wenn sie bei allem, was sie tat, so wenig Sorgfalt an den Tag legte, würde sie ihn schneller wieder benötigen, als sie ahnte.

Auf dem Weg zum Club, der sich nur einen kurzen Fußweg von der Agentur entfernt befand, deutete Daniel auf den Geigenkasten, den seine neue Clubmanagerin bei sich trug.

„Ist da tatsächlich eine Geige drin, oder sind Sie vielleicht von der Mafia?“

„Sie glauben, ich verberge darin eine gefährliche Waffe?“

Ihr herausforderndes Lächeln ließ Daniels Adrenalinspiegel augenblicklich ansteigen. Eigentlich hielt er sie für eine gefährliche Waffe, aber das behielt er wohlweislich für sich.

„Ihnen ist hoffentlich bewusst, dass Sie geradezu sträflich vertrauensselig sind“, bemerkte er stattdessen. „Sie lassen sich von mir an einen unbekannten Ort führen und kennen nicht einmal meinen Namen.“

Er kannte ihren. Lucy Elizabeth Delaney. Außerdem wusste er, dass sie vierundzwanzig Jahre alt war, ein renommiertes Privatinternat besucht und anschließend Musik studiert hatte. Erstaunlicherweise hatte sie ihr Studium sogar beendet, wenn auch nur mit einem mittelmäßigen Abschluss. Danach war sie monatelang durch die Gegend gereist und hatte sich mit allen möglichen Jobs durchgeschlagen.

„Sie sehen nicht besonders gefährlich aus“, meinte Lucy unbekümmert. „Aber Ihren Namen würde ich trotzdem gern erfahren.“

Daniel warf ihr einen pikierten Seitenblick zu. Nicht besonders gefährlich schien für sie gleichbedeutend mit langweilig zu sein, was seinem Ego einen unangenehmen Stich versetzte.

„Ich heiße Daniel Graydon“, informierte er sie steif. „Und was die Frage meiner Gefährlichkeit betrifft, sollten Sie sich besser nicht zu sehr auf den äußeren Eindruck verlassen.“

Als er kurz darauf vor dem Club stehen blieb, überkamen ihn erneut schwere Zweifel. Konnte er die Principesa wirklich einer Frau anvertrauen, die er noch nicht einmal eine Stunde kannte?

Was hatte Lara ihm da nur aufgehalst!

Einmal mehr verwünschte Daniel seine kapriziöse Cousine, die es sich jetzt vermutlich in irgendeinem Beachclub in

L.A. gut gehen ließ. Sie kannte seinen ausgeprägten Sinn für Verantwortung und wusste genau, dass er ihren Club nicht einfach sich selbst überlassen würde.

Was für ihn bedeutete, dass er seine neue Angestellte zumindest in der ersten Zeit wachsam im Auge behalten musste.

Vorerst ruhte Daniels wachsames Auge jedoch auf Lucys wohlgeformtem Po. Während sie dicht vor ihm die steile Treppe hinaufstieg, die zum Gästeraum führte, kribbelte es ihn förmlich in den Fingern, die verführerische Rundung ausgiebig zu erkunden.

Verdammt! Hatte er sich etwa zum ersten Mal in seinem Leben bei einer geschäftlichen Entscheidung von seiner Libido leiten lassen und nicht von seinem Verstand?

Als er das Licht einschaltete, verschlug es Lucy sekundenlang die Sprache.

„Wann, sagten Sie, wollen Sie wieder aufmachen?“, fragte sie ihn endlich.

„Freitagabend.“

Sie schluckte und ließ langsam den Blick durch den verwahrlosten Raum schweifen. „Dann haben wir eine Menge zu tun“, stellte sie trocken fest.

„Nein“, korrigierte Daniel sie. „Sie haben eine Menge zu tun. Auf mich wartet meine eigene Arbeit.“

Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn neugierig an. „Was machen Sie überhaupt beruflich?“

„Ich bin Anwalt. Und zwar ein hart arbeitender.“

Lucy enthielt sich jeden Kommentars, aber ihr Gesichtsausdruck ließ vermuten, dass er soeben ihren schlimmsten Verdacht bestätigt hatte. „Gibt es hier irgendwo eine Liste mit den Telefonnummern des Personals?“, wollte sie wissen.

„Ja, im Büro.“ Daniel öffnete die Tür zu einem kleinen Hinterzimmer, in dem ähnlich chaotische Zustände herrschten wie in der Bar. „Die Liste liegt irgendwo auf dem Schreibtisch“, teilte er ihr mit. „Ich habe heute Vormittag schon eine Anrufaktion gestartet und alle informiert, dass der Club für einige Tage geschlossen bleibt und der neue Manager sich mit ihnen in Verbindung setzen würde.“

„Okay, dann erledige ich das gleich als Erstes.“ Lucy nahm einen unappetitlich verfleckten Korkuntersetzer von einem der Tische und betrachtete ihn schaudernd. „Der könnte auch eine kleine Auffrischung gebrauchen“, murmelte sie.

„Tun Sie, was immer Sie für nötig halten, solange es nichts allzu Drastisches ist.“

Das Lächeln, mit dem Lucy seine Bemerkung quittierte, gefiel Daniel gar nicht. Er warf einen angespannten Blick auf seine Uhr. In der Kanzlei wartete ein Berg von Arbeit auf ihn, aber er hatte kein gutes Gefühl dabei, diese Frau hier allein zu lassen. Jedenfalls nicht, bevor er sie etwas besser einschätzen konnte.

„Ich fahre schnell in mein Büro und hole meine Akten“, teilte er ihr kurzentschlossen mit. Als er ihren verblüfften Blick sah, fügte er rasch hinzu: „Ich habe einige dringende Sachen aufzuarbeiten und dachte mir, wenn ich es hier tue, bin ich gleich zur Hand, falls Sie irgendwelche Fragen haben.“

Er traute ihr nicht, das war nicht zu übersehen.

Lucy schluckte die Kränkung herunter und setzte ein unbekümmertes Lächeln auf. „Tun Sie das. In der Zwischenzeit bringe ich schon mal die Mitarbeiter auf den neuesten Stand.“

Daniel nickte, stand aber immer noch unschlüssig da.

„Keine Angst“, fügte sie sarkastisch hinzu. „Ich habe nicht die Absicht, während Ihrer Abwesenheit das gesamte Inventar davonzutragen.“

Er lachte, als hätte sie einen äußerst gelungenen Scherz gemacht, aber sein ganzes Verhalten verriet Lucy deutlich, dass er genau das befürchtete. Vermutlich bereute er es schon heftig, dass er sie überhaupt engagiert hatte.

Zum Teufel mit seinen Vorurteilen!

Sein selbstgerechter Gesichtsausdruck machte sie rasend. Aber es war nicht nur sein offensichtliches Misstrauen, das diese stürmischen Gefühle in ihr auslöste.

Dieser Mann zog sie mit einer Intensität an, die Lucy selbst kaum fassen konnte. Am liebsten hätte sie ihn zu Boden geworfen und ihm den makellosen Anzug vom Leib gerissen, um dann genüsslich zu beobachten, wie sein eisiger Blick langsam in Flammen aufging.

Daniel, der von ihren Gedanken zum Glück nichts ahnte, zog eine Geschäftskarte aus der Innentasche seines Jacketts und reichte sie ihr. „Für den Fall, dass es ein Problem gibt. In spätestens einer Stunde bin ich wieder zurück.“

„Alles klar“, sagte Lucy und nahm die Karte mit einer Gelassenheit entgegen, von der sie weit entfernt war. Erst als das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe verklang und sie die Tür hinter ihm zufallen hörte, entließ sie hörbar den angehaltenen Atem.

Ein erneuter Blick durch den Raum brachte sie umgehend wieder in die Realität zurück. Die Aufgabe, die vor ihr lag, war eine einzige Herausforderung, aber sie war fest entschlossen, sie zu meistern. Und zwar mit Bravour! Denn das war das Letzte, was dieser arrogante Daniel Graydon von ihr erwartete. Drei Wochen Zeit waren genug, um ihm zu beweisen, wie gründlich er sich in ihr getäuscht hatte.

Und danach würde sie sich einen ausgiebigen Urlaub mit allem Drum und Dran gönnen.

Wäre es nur darum gegangen, hier Ordnung zu schaffen und sich später um die Gäste zu kümmern, wäre das Ganze ein Kinderspiel gewesen. Aber heutzutage liefen Lagerverwaltung und Lohnabrechnung über Computer, und davon hatte Lucy nicht den blassesten Schimmer.

Kurzentschlossen griff sie zum Telefon und rief ihre Schwester an, die als IT-Spezialistin für ein großes Softwarehaus arbeitete. Zum Glück war sie gleich am Apparat.

„Gut, dass ich dich erreiche, Emma. Hör zu, ich brauche dringend deine Hilfe …“

Als Lucy eine halbe Stunde später ein zweites Mal ihr neues Wirkungsfeld in Augenschein nahm, fühlte sie sich schon bedeutend zuversichtlicher. Emma hatte versprochen, ihr per Kurier eine CD mit den nötigen Softwareprogrammen samt ausführlicher Anleitung zu schicken. Somit war sie ihrer größten Sorge enthoben und konnte sich ganz darauf konzentrieren, hier alles auf Vordermann zu bringen.

An einer Seite des Raums gab es eine kleine Tanzfläche, und an der gegenüberliegenden Wand stand ein großer Billardtisch. Witzig gestylte Nischen und bequeme Sitzgelegenheiten sorgten für eine coole und zugleich intime Atmosphäre. Das ganze Ambiente zielte auf ein junges, urbanes Publikum ab, das sie im Geiste bereits vor sich sah – Modedesigner, Künstler, Filmschaffende, die sich mit ehrgeizigen Aufsteigern aus Wirtschaft und Politik mischten.

Und ich werde dafür sorgen, dass sie alle auf ihre Kosten kommen!

Aber bis dahin gab es noch viel zu tun. Zurück in dem kleinen Büro, fand Lucy in dem Chaos aus Papierbergen und leeren Flaschen schließlich die Personalliste und begann zu telefonieren. Nach einer Stunde hatte sie alle erreicht. Bis auf den Türsteher, den inzwischen schon ein anderer Club abgeworben hatte, waren alle begierig darauf, wieder anzufangen. Und für den Türsteher wusste Lucy auch schon den perfekten Ersatz. Sie war zwar seit über einem Jahr nicht mehr in Wellington gewesen, hatte aber immer noch viele Freunde in der Szene.

Ihr neuer Arbeitgeber sorgte für höchste Motivation. Lucy wusste zwar nicht, warum er ihr diese Chance gegeben hatte, aber sie würde dafür sorgen, dass er seine Entscheidung nicht würde bereuen müssen.

Und ihr erotisches Interesse an ihm bekam sie sicher auch noch in den Griff.

3. KAPITEL

„Bitte bringen Sie mir alle Akten zum Simmons-Fall. Ich werde heute und vielleicht auch in den nächsten Tagen außerhalb arbeiten.“

„Außerhalb?“, wiederholte Sarah fassungslos.

„Sehr richtig“, bestätigte Daniel gereizt, obwohl die Reaktion seiner Juniorpartnerin keineswegs unverständlich war. Er saß meistens noch in seinem Büro, wenn alle anderen schon längst bei ihren Familien waren. Häufig arbeitete er auch noch am Wochenende und hielt außerdem regelmäßig Gastvorlesungen an der Uni. Aber Daniel hatte noch nie den Wunsch verspürt, sich darüber zu beklagen. Schon vor Jahren hatte er die Entscheidung getroffen, sich voll und ganz auf seine Karriere zu konzentrieren.

Während Sarah die gewünschten Unterlagen zusammenstellte, überprüfte er rasch, ob auf seinem Laptop alle benötigten Dateien waren.

„Soll ich Sie nicht lieber begleiten?“ Nicht zum ersten Mal bot der Ausdruck in Sarahs großen braunen Augen ihm mehr an, als nur juristische Unterstützung.

Daniel schüttelte den Kopf und lächelte unverbindlich. „Danke für das Angebot, aber das ist wirklich nicht nötig.“

Er brauchte keine Frau an seiner Seite. Nicht, dass er wie ein Mönch lebte, ganz im Gegenteil, aber er hatte nicht das geringste Bedürfnis, eine feste Bindung einzugehen. Seine Eltern hatten ihm nachhaltig demonstriert, dass Begriffe wie Liebe oder ewige Treue nichts weiter als leere Worte waren.

„Falls ich irgendwelche Rückfragen habe, schicke ich Ihnen eine E-Mail.“ Er packte die Akten ein, die Sarah ihm reichte, zog sich sein Jackett über und nickte ihr noch einmal flüchtig zu. Dann war er verschwunden.

Als Daniel den Club betrat, war Lucy gerade dabei, das Glasregal hinter der Bar mit einem Scheuerschwamm zu bearbeiten. Aus dem Eimer zu ihren Füßen stieg der Geruch eines nach Zitrone duftenden Reinigungsmittels auf.

„Brauchen Sie Hilfe?“, erkundigte er sich, als er seinen schweren Aktenkoffer auf den Tresen hievte.

Ihr erstaunter Blick verriet ihm, dass sie seine Frage missverstanden hatte. „Ich dachte, dass Sie in dem Fall einen der Barkeeper herbestellen könnten, damit er Ihnen hilft“, stellte er klar.

Lucy schüttelte den Kopf. „So viel Arbeit ist es auch nicht, und wenn ich es selbst erledige, weiß ich wenigstens, dass es auch tatsächlich gemacht ist.“

„Eine gute Führungskraft sollte delegieren können.“

„Eine gute Führungskraft sollte mit gutem Beispiel vorangehen.“ Sie warf einen Blick auf die Akten, die Daniel gerade auspackte. „Womit befassen Sie sich eigentlich hauptsächlich?“, wollte sie wissen. „Mit Wirtschaftsdelikten oder mit Strafrecht?“

„Mit Strafrecht.“

„Anklage oder Verteidigung?“

„Verteidigung.“

„Aha, ein Idealist also“, bemerkte Lucy. „Sind Sie so eine Art Atticus Finch von Wellington?“

Das überraschte Aufblitzen in Daniels Augen machte ihr erneut klar, was er von ihr hielt.

„‚Wer die Nachtigall stört‘ gehörte in der Schule zu meinen Lieblingsbüchern“, informierte sie ihn. „Wundert es Sie, dass ich lesen kann?“

Daniel zuckte die Schultern. „Warum sollte es? Sie haben immerhin einen Universitätsabschluss. Ob Sie Ihr Wissen auch sinnvoll anwenden können, ist allerdings eine andere Frage.“

Lucy beschloss, diesen schulmeisterlichen Kommentar mit Nichtachtung zu strafen, und wandte sich wieder dem verschmutzten Regal zu. In der Absicht, das oberste Bord leerzuräumen, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und streckte die Arme nach den Flaschen aus, die dort standen. Doch trotz aller Bemühungen kam sie nicht an sie heran.

Daniel, der ihre Anstrengungen interessiert verfolgte, stellte insgeheim fest, dass Lucys weibliche Rundungen genau an den richtigen Stellen saßen. Und in dieser Haltung kamen Sie besonders reizvoll zur Geltung. Die wilde Haarmähne, die ihr fast bis zur Taille reichte, verstärkte noch die erotische Wirkung.

Eine Weile genoss er den Anblick, dann konnte er es nicht länger mitansehen.

„Warten Sie, ich hole das für Sie herunter.“

Sie wandte den Kopf und warf ihm einen überraschten Blick zu, sagte aber nichts.

Mühelos erreichte Daniel die Flaschen und stellte sie nacheinander auf dem Tresen ab, während Lucy eins der unteren Regalbretter blank polierte. Als sie sich unvermittelt zu ihm umdrehte, fiel sein Blick genau auf ihre vollen, straffen Brüste. Er blinzelte und schaffte es mit einiger Mühe, sich von dem verführerischen Anblick loszureißen und sich stattdessen auf ihr Gesicht zu konzentrieren.

„Sie glauben immer noch, dass ich diesem Job nicht gewachsen bin, stimmt’s?“

Unter Lucys offenem Blick fühlte Daniel sich seltsam unbehaglich. Hatte sie den heftigen Anflug von Begehren bemerkt, der ihn gerade überkommen hatte? „Warum hätte ich Sie dann engagieren sollen?“, gab er die Frage zurück.

„Sagen Sie es mir.“

Als Daniel dämmerte, worauf Lucy hinauswollte, verzog er die Lippen zu einem herablassenden Lächeln. „Sie bilden sich doch nicht etwa ein, dass ich auf Sie stehe?“

Er stand wie verrückt auf sie, aber das durfte sie auf keinen Fall merken.

„Tut mir leid, wenn ich Sie enttäusche, aber Sie sind wirklich nicht mein Typ.“

„Ach ja?“

Sie hob herausfordernd das Kinn, was Daniels Aufmerksamkeit automatisch auf ihren schlanken Hals lenkte. Die samtig schimmernde Haut lud förmlich dazu ein, geküsst zu werden …

„Ich bevorzuge Frauen, die etwas mehr Wert auf ihr Äußeres legen.“ Das entsprach durchaus der Wahrheit. Wenigstens bis jetzt. Die Frauen, mit denen Daniel sich traf, waren ausnahmslos attraktiv und perfekt gestylt, wenn auch in den meisten Fällen nicht gerade Intelligenzbestien.

„Mit anderen Worten Barbiepuppen“, stellte Lucy sachlich fest.

„Haben Sie damit ein Problem?“ Daniel versuchte nicht einmal, sich zu rechtfertigen. Sollte sie doch glauben, was sie wollte, solange sie nicht mitbekam, wie es wirklich in ihm aussah.

„Absolut nicht“, versicherte Lucy ihm mit einem liebenswürdigen Lächeln. „Sie sind nämlich auch nicht mein Typ.“

„Tatsächlich?“ Unwillkürlich wuchs Daniels Anspannung.

„Ich bevorzuge unkonventionelle, aufregende Männer.“ Sie warf einen vielsagenden Blick auf seine dezent gemusterte Seidenkrawatte und fügte hinzu: „Mit langweiligen Spießern kann ich nichts anfangen.“

Nach dieser Feststellung drehte sie ihm den Rücken zu und machte sich wieder an die Arbeit.

Mit finsterer Miene verfolgte Daniel jede ihrer Bewegungen. Hält sie mich wirklich für einen langweiligen Spießer? Nur, weil ich Anwalt bin, und einen Anzug trage? Verdammt, sie sollte besser lernen, ein Buch nicht nach seinem Einband zu beurteilen.

Sobald Lucy mit dem Regal fertig war, sprühte sie Glasreiniger auf den verstaubten Spiegel dahinter und verteilte die schaumige Flüssigkeit mit einem Tuch.

Als sich irgendwann ihre Blicke im Spiegel trafen, schien sich die Luft plötzlich mit Elektrizität aufzuladen. Sekundenlang sahen sie einander wie hypnotisiert in die Augen, als hätte eine unsichtbare Macht vorübergehend die Zeit stillstehen lassen. In diesem Moment hätte Daniel ihr liebend gern bewiesen, dass er alles andere als ein Spießer war.

Lucy musste seine Gedanken erraten haben, denn plötzlich riss sie sich aus ihrer Erstarrung und begann, den Spiegel zu bearbeiten, als hinge ihr Leben davon ab.

„Ich dachte, Sie hätten zu arbeiten“, erinnerte sie Daniel, wobei sie es sorgfältig vermied, erneut seinem Blick zu begegnen.“

Welch wahre Worte!

Entschlossen, sich nicht länger von dieser aufreizenden Strandschönheit ablenken zu lassen, ging Daniel um den Tresen herum, setzte sich auf einen der Barhocker und zog seine Akten zu sich heran.

Wenige Minuten später war er tief in seinen Fall versunken.

Lucy fand heraus, dass das Reinigen der Kühlvitrine die perfekte Methode war, um die überschüssige Energie loszuwerden, die sich in ihr angestaut hatte.

In den letzten vierzig Minuten hatte Daniel nicht ein einziges Mal von seinen Papieren aufgeblickt. Offensichtlich verfügte er über eine beneidenswerte Konzentrationsfähigkeit, was sie von sich leider nicht behaupten konnte. Ständig musste sie an den Ausdruck in seinen Augen denken, als ihre Blicke sich im Spiegel begegnet waren. Wie bei einer Raubkatze, die kurz davor war, sich auf ihre Beute zu stürzen …

Bei der Erinnerung überlief Lucy erneut ein erregender Schauer. Hätte sie sich in diesem Moment zu ihm umgedreht, wären sie unweigerlich …

Denk nicht einmal daran!, befahl sie sich energisch. Er ist nichts weiter als ein arroganter Anzugträger, der dich für eine unzuverlässige Niete hält. Und außerdem hat er deutlich klargestellt, dass er dich als Frau absolut reizlos findet.

Allerdings hatte sein Blick vorhin ihr etwas ganz anderes zu verstehen gegeben …

Plötzlich hielt Lucy das Schweigen nicht länger aus. „Sie scheinen ja an einem schwierigen Fall zu sitzen“, bemerkte sie in beiläufigem Tonfall.

„Mhm …“

„Und wie sieht es aus? Werden sie Ihren Klienten herausboxen?“

„Ich werde mein Bestes tun“, murmelte Daniel, ohne aufzublicken.

Lucy verdrehte die Augen und gab es auf. Genauso gut hätte sie versuchen können, sich geheime Informationen aus dem Kreml zu beschaffen.

Vier Stunden später räumte sie die Putzutensilien weg und checkte noch einmal den Getränkebestand. Es war ein langer, anstrengender Tag gewesen, und sie war hundemüde. Außerdem starb sie fast vor Hunger, aber Daniel schien sich auf einen langen Abend über seinen Akten eingerichtet zu haben. Erwartete er von ihr, dass sie ebenfalls eine Nachtschicht einlegte?

„Ich habe für morgen Nachmittag eine Mitarbeiterbesprechung organisiert“, teilte sie ihm mit, um ihn mit ihrer Effizienz zu beeindrucken. „Möchten Sie auch dabei sein?“

Diesmal hob er den Kopf und sah sie aufmerksam an. „Um welche Uhrzeit genau?“

„Um drei. Bis dahin habe ich vielleicht schon einen Ersatz für den Türsteher gefunden. Ich kenne jemanden, der perfekt für den Job geeignet wäre.“

Daniel runzelte die Stirn. „Ist er auch qualifiziert?“, erkundigte er sich skeptisch.

„Selbstverständlich.“ Lucy konnte es kaum abwarten, sein Gesicht zu sehen, wenn er ihren neuen Rausschmeißer erblickte.

„Und wie steht es mit den Getränkevorräten?“

„Ich habe eine Bestandsaufnahme gemacht und gebe morgen früh die Bestellungen auf.“

„Was ist mit den Feuerlöschern und dem Notausgang? Ich möchte nicht, dass es bei einer Überprüfung zu Beanstandungen kommt.“

„Ich checke das.“

„Gut. Und weisen Sie das Personal noch einmal darauf hin, dass während der Arbeitszeit sämtliche Sicherheitsvorschriften zu beachten sind. Ein Unfall mit anschließender Schadensersatzklage wäre das Letzte, was ich im Moment gebrauchen kann.“

„Wird gemacht, Boss.“ Beinah hätte Lucy die Hacken zusammengeschlagen und salutiert.

Nach kurzem Zögern nahm Daniel einen Umschlag aus seiner Aktentasche und legte ihn auf den Tresen. „Hier ist der Schlüssel und ein Zettel mit dem Code für die Alarmanlage.“

Lucy zog die Brauen hoch. „Sind Sie auch wirklich sicher, dass ich dieser Verantwortung gewachsen bin?“

In seinen Augen blitzte es kurz auf, aber sein Tonfall blieb völlig neutral. „Irgendwie müssen Sie ja schließlich weitermachen können. Ich habe morgen eine wichtige Besprechung und weiß noch nicht, wann ich hier sein kann.“

Als Lucy ins Büro ging, um ihre Tasche und den Geigenkasten zu holen, stand er auf und ließ einige Male die Schultern kreisen, um seine verspannten Muskeln zu lockern.

„Wissen Sie, wie Sie nach Hause kommen?“, erkundigte er sich, als sie wieder zurückkam.

Nach Hause? Beinah hätte sie laut aufgelacht. „Ja sicher, kein Problem.“

„Na schön. Dann bis morgen.“

Ein kleines Wort der Anerkennung wäre vielleicht angebracht gewesen, dachte Lucy frustriert, als sie die Treppe hinunterstieg.

Andererseits war es ausgesprochen naiv, so viel Sensibilität von einem Workaholic zu erwarten, der praktisch nur aus Paragrafen und Vorschriften bestand. Als sie ging, war er bereits wieder tief in seine Arbeit versunken gewesen. Wahrscheinlich hatte er schon vergessen, dass sie überhaupt existierte.

Sie wollte gerade auf die Straße hinaustreten, als sie ihn von oben ihren Namen rufen hörte. Widerstrebend blieb Lucy stehen und blickte zu ihm auf. Bestimmt wollte er sie auf irgendeine Pflichtvergessenheit aufmerksam machen, die er soeben entdeckt hatte.

„Ja?“

„Sie haben heute gute Arbeit geleistet Lucy. Danke dafür und … kommen Sie gut nach Hause.“

In der darauf folgenden Stille fragte Daniel sich schon, ob er irgendetwas Falsches gesagt hatte. Dann konnte er im Halbdunkeln die Andeutung eines wunderschönen Lächelns entdecken.

„Das werde ich bestimmt. Und danke für den Job.“

„Keine Ursache.“

Er wartete, bis sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, und kehrte dann wieder zu seiner Arbeit zurück. Eigentlich hatte er vorgehabt, noch mindestens zwei Stunden weiterzumachen, aber schon nach wenigen Minuten war ihm klar, dass es mit seiner Konzentration vorbei war.

Schuld daran war Lucys Lächeln. Nicht das coole, spöttische, mit dem sie ihm zu verstehen gab, dass sie ihn für einen langweiligen Spießer hielt. Das Lächeln, das er meinte, war natürlich, offen und so strahlend wie ein Sommertag am Meer.

Er hatte es heute zwei Mal gesehen – zuletzt vor ungefähr zehn Minuten –, und beide Male hatte es ihn tief berührt.

Reiß dich zusammen, Daniel Graydon!, rief er sich zur Ordnung, als er seine Akten zusammenpackte. In wenigen Tagen begann der Simmons-Prozess, für den er seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit brauchte. Er durfte sich jetzt auf keinen Fall irgendwelche Schwächen erlauben.

Aber zum Glück bestand in dieser Richtung kaum eine Gefahr. Denn Lucy Delaney war, wie gesagt, absolut nicht sein Typ.

4. KAPITEL

Wieder einmal hatte Lucy die ganze Nacht über kaum ein Auge zubekommen.

Schon seit ihrer Internatszeit hasste sie es, mit anderen Menschen in einem Raum zu schlafen. Sie brauchte Stille und einen geschützten Raum für sich, um zur Ruhe zu kommen, doch die Jugendherberge im Zentrum von Wellington bot weder das eine noch das andere.

Lucy fühlte sich wie zerschlagen, als sie sich aus dem schmalen Bett quälte, und wünschte, sie könnte zu dem fantastischen Traum zurückkehren, den sie irgendwann in der Nacht gehabt hatte. Sie hatte in den Armen eines starken, aufregenden Mannes gelegen, dessen Züge sich nach und nach in die ihres neuen Arbeitgebers verwandelt hatten. Doch gerade, als sie zur Sache kommen wollten, hatte die lautstarke Ankunft von drei jungen Engländerinnen den Traum abrupt beendet.

Was letztendlich nur gut war, denn erotische Träume mit Daniel Graydon in der Hauptrolle waren unerwünscht!

Dennoch zog Lucy es bei Weitem vor, von ihm zu träumen, als von jener schemenhaften Gestalt, die sie noch immer in regelmäßigen Abständen bis in den Schlaf verfolgte.

Beim Anblick der vor dem Bad wartenden Schlange beschloss sie, auf eine Dusche zu verzichten und stattdessen ins Schwimmbad zu gehen.

Lucy verstaute ihren Rucksack unter einer der hinteren Bänke der Zuschauertribüne und trat ans Schwimmbecken. In dem Bereich, der für die Sportschwimmer vorgesehen war, zogen einige Männer in rasantem Tempo ihre Bahnen. Sie boten einen spektakulären Anblick, wie sie mit ihren muskulösen Armen scheinbar ohne Anstrengung das Wasser durchpflügten, die Gesichter verborgen hinter den eng anliegenden Schwimmbrillen und dem aufspritzenden Wasser.

Während Lucy ihnen bewundernd zusah, flocht sie ihr langes Haar zu einem Zopf. Dann schlenderte sie zu dem Poolabschnitt, in dem es etwas gemächlicher zuging, und sprang mit einem sauberen Kopfsprung vom Startblock.

Das kalte Wasser brachte sofort ihren Kreislauf in Gang und vertrieb das dumpfe Gefühl aus ihrem Kopf. Gut so, dachte sie zufrieden. Sie war schon viele Male nach einer schlaflos verbrachten Nacht wie benommen zur Arbeit gegangen, aber heute war es anders. Heute wollte sie ihren Job nicht irgendwie machen, sondern glänzend.

Während sie mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen durchs Wasser glitt, ging sie im Geist noch einmal die Aufgaben durch, die an diesem Tag anstanden. Doch zwischen den Gedanken an Getränkebestellungen und Dienstpläne tauchte immer wieder das Bild von samtbraunen Augen auf, in denen goldene Funken tanzten.

Verflixt! Wenn sie nicht auf der Hut war, würden diese Augen noch ihr Verderben werden.

Lucy beschleunigte ihr Tempo und versuchte erneut, sich auf den vor ihr liegenden Arbeitstag einzustimmen, aber es funktionierte einfach nicht. Schließlich zog sie sich am Beckenrand hoch und blieb dort sitzen, bis sich ihr Atem wieder beruhigt hatte und das Wasser an ihr abgeperlt war. Dann stand sie auf und ließ den Blick noch einmal über den Pool schweifen. Von den superschnellen Schwimmern war nur noch einer im Wasser. Mit scheinbar grenzenloser Energie machte er unbeirrt weiter und bewegte sich unaufhaltsam in ihre Richtung. Sie wollte sich gerade abwenden, um ihren Rucksack zu holen, als der Schwimmer das Ende der Bahn erreichte und sich mit einer kraftvollen Bewegung aus dem Pool schwang.

Wie gebannt blieb Lucy stehen und beobachtete, wie er sich das Handtuch, das er auf dem Beckenrand abgelegt hatte, um die schmalen Hüften schlang. Was für ein Körper, dachte sie bewundernd. Mit den breiten, kräftigen Schultern und dem hollywoodreifen Waschbrettbauch hätte er jeden Actionstar vor Neid erblassen lassen.

In diesem Moment nahm er die Schwimmbrille ab, und sie begegnete dem Blick seiner dunklen, goldgesprenkelten Augen.

Daniel!

Lucy blinzelte ungläubig und fragte sich einen Moment lang, ob sie halluzinierte.

Doch er war es tatsächlich. Ein heftiges Prickeln breitete sich in ihrem Körper aus. Auf einmal war ihr überdeutlich bewusst, dass der winzige, geblümte Bikini, den sie trug, mehr preisgab, als er verhüllte. Aber leider befand sich ihr Handtuch außerhalb ihrer Reichweite.

„Hi“, begrüßte sie ihn lässig, als würden sie sich hier mindestens dreimal die Woche begegnen. Ihr Lächeln fiel jedoch etwas verkrampft aus.

„Was tun Sie denn hier?“, erkundigte Daniel sich schroff.

„Denken Sie mal scharf nach“, schlug sie ironisch vor. „Ich bin sicher, Sie kommen noch darauf.“

„Okay, die Frage war ziemlich dumm“, gab er zu. „Ich hatte nur nicht erwartet, dass Sie schwimmen, um sich fit zu halten.“

„Ich schwimme, weil es mir Spaß macht“, korrigierte Lucy ihn schärfer als beabsichtigt. Es war unglaublich, wie schnell dieser Mann sie auf die Palme bringen konnte. Und wie sie gerade feststellte, besaß er außerdem noch die Fähigkeit, innerhalb von Sekunden ihren Körper in Flammen zu setzen. Aber welche Frau hätte der Anblick von so viel geballter Männlichkeit schon kalt gelassen?

Fasziniert beobachtete Lucy die glitzernden Wassertropfen, die langsam über die durchtrainierten Muskeln ihres Arbeitgebers liefen und unter dem Handtuch verschwanden, um dann …

Energisch riss sie ihren Blick von seiner Körpermitte los und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. „Sie scheinen die Sache ja etwas ernster zu nehmen“, bemerkte sie leicht atemlos. „Bei dem Tempo, das Sie und Ihre Mitschwimmer gerade vorgelegt haben, hätte man glauben können, dass Sie für eine Meisterschaft trainieren.“

„Einige von ihnen tun es auch“, bestätigte Daniel. „Deswegen komme ich jeden Morgen hierher. Die Konkurrenz spornt mich an.“

Ein leistungsorientierter Schwimmer. Ein leistungsorientierter Anwalt. Keine Frage, dieser Mann war davon besessen, bei allem, was er tat, zu glänzen.

„Sie lieben wohl das schöne Leben auf der Überholspur, stimmt’s?“

Erwartungsgemäß nickte Daniel. „Und Sie?“

Lucy zuckte die Schultern. „Ach, Sie wissen ja. Ich mag es lieber etwas gemütlicher.“

Sie verkauft sich unter Wert, dachte Daniel. Der knappe Bikini mit den leuchtend roten Hibiskusblüten hatte sofort seine Aufmerksamkeit erregt, und er hatte festgestellt, dass die Frau, die darin steckte, eine gute Technik hatte.

Und noch dazu eine sensationelle Figur.

Eigentlich hätte ihn die Entdeckung, dass es sich dabei um Lucy handelte, nicht überraschen sollen. Er hatte ja schon gestern kaum den Blick von ihren aufregenden Kurven losreißen können. In diesem sexy Nichts von Bikini waren ihre Reize allerdings unübersehbar.

„Ich muss jetzt ins Büro“, sagte er unvermittelt und unterdrückte rigoros den unerwünschten Anflug von Erregung. „Wir sehen uns dann später im Club.“

„Sie gehen jetzt schon zur Arbeit? Es ist doch noch nicht einmal sieben Uhr.“

„Nein, ich trinke vorher noch einen Kaffee in meinem Stammbistro, das auf halbem Weg dorthin liegt“, klärte er Lucy auf und fügte spontan hinzu: „Warum kommen Sie nicht mit und verraten mir ihren heutigen Schlachtplan?“

Wieso habe ich das getan?, fragte Daniel sich im nächsten Augenblick. Er musste mit dem Simmons-Fall vorankommen und hatte keine Zeit zu vertrödeln. Aber nun konnte er keinen Rückzieher mehr machen.

Und ehrlich gesagt wollte er es auch nicht.

„Ich erwarte Sie in zwanzig Minuten vor dem Eingang“, sagte er und war schon auf dem Weg in die Umkleidekabine, als ihm auffiel, dass er Lucy gar keine Zeit gelassen hatte, auf seine Einladung zu antworten.

Als Daniel sie auf die Straße treten sah, fiel ihr das immer noch feuchte Haar in ungebändigten Locken über den Rücken. Mochte seine Behauptung, er würde gestylte Frauen bevorzugen, gestern noch der Wahrheit entsprochen haben – heute wäre es eine Lüge gewesen. Er musste sich mehr als zusammenreißen, um seine Finger nicht durch die wilde Mähne gleiten zu lassen.

Hatte sie gerade noch verunsichert gewirkt, lag jetzt wieder dieser kämpferische Ausdruck in ihren Augen, der ihm zu sagen schien: Versuch nur, mich zu ärgern, dann wirst du schon dein blaues Wunder erleben.

Daniel hatte nichts dagegen, es darauf ankommen zu lassen, denn ihr bisheriges Kräftemessen war ausgesprochen anregend gewesen.

Auf dem Weg zum Café legte er sein übliches zügiges Tempo vor und beobachtete sie dabei aus den Augenwinkeln. „Ich bin doch nicht zu schnell für Sie, oder?“, erkundigte er sich mit Unschuldsmiene.

„Kein Problem“, erwiderte sie erwartungsgemäß. „Normalerweise ziehe ich zwar eine etwas entspanntere Gangartvor, aberich nehmean, dassSie heutenochvielzutun haben.“

„Zeit ist Geld“, meinte er. „Meistens habe ich mein Diktiergerät dabei und arbeite, während ich mich von A nach B bewege.“

„Ein Mann, der mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen kann“, gab sie zurück. „Sie versetzen mich in Erstaunen.“

Daniel lächelte. „Ich habe viele Talente.“

„Da bin ich mir sicher.“

Es war ein klarer, windstiller Morgen. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser, als sie am Hafen entlanggingen. Daniel atmete tief die frische, salzige Luft ein. Nach dem Schwimmen fühlte er sich energiegeladen und voller Tatendrang.

Als sie das Café erreichten, hielt er Lucy galant die Tür auf. Sie rauschte hocherhobenen Hauptes an ihm vorbei, als hätte sie nichts anderes erwartet, was Daniel ein amüsiertes Lächeln entlockte.

„Wie trinken Sie Ihren Kaffee?“, erkundigte er sich.

„Schwarz bitte. Mit drei Stückchen Zucker.“

Er ging an den Tresen, um die Bestellung aufzugeben. Als er kurz darauf mit den Getränken in der Hand nach Lucy Ausschau hielt, entdeckte er sie an einem Fenstertisch. Sie blickte auf die Straße und tat so, als ob sie sein Kommen nicht bemerkte, aber Daniel, der ein scharfer Beobachter war, sah, wie ihre Schultern sich unmerklich anspannten, als sie in der Fensterscheibe sein Spiegelbild sah.

Er stellte die Tassen auf den Tisch und setzte sich ihr gegenüber.

„Erzählen Sie“, forderte er sie auf. „Was steht heute auf dem Plan?“

„Ich treffe mich gleich mit verschiedenen Lieferanten, und am Nachmittag findet wie gesagt das Mitarbeitertreffen statt. Danach kann die Crew den Rest des Saubermachens erledigen. Sobald die Getränke geliefert sind, können wir im Prinzip loslegen. Der Rest ist eine Frage der Publicity.“

Daniel runzelte die Stirn. „Für Publicity bleibt Ihnen aber nicht viel Zeit.“

„Das Wichtigste ist Mund-zu-Mund-Propaganda“, klärte Lucy ihn auf. „Man muss nur an den richtigen Stellen die richtigen Worte fallen lassen, dann läuft praktisch alles von allein.“

Die Falte zwischen Daniels Brauen vertiefte sich. „Und Sie wissen, wie das geht?“

Sie lächelte. Langsam und sehr selbstbewusst. „Aber sicher weiß ich das.“

5. KAPITEL

Es war bereits später Nachmittag, als Daniel sich auf den Weg zum Club machte. Er hatte eigentlich schon längst dort sein wollen, aber dieser Tag war wie verhext gewesen. Eine Besprechung hatte die nächste gejagt, und dann war auch noch unangemeldet ein wichtiger Klient aufgetaucht, den er unmöglich abwimmeln konnte, sodass er sich erst jetzt aus dem Büro kam.

Als er die Tür zum Club öffnete, konnte er schon auf der Treppe Lucys Stimme hören.

„… und vor allem erwarte ich absolute Professionalität. Seit Laras Abreise ist es hier ziemlich nachlässig zugegangen, aber das wird sich ab sofort ändern.“

Bewusst verlangsamte Daniel den Schritt, um ihrer Ansprache noch eine Weile zu lauschen, bevor sie seine Anwesenheit bemerkte.

„Alle tragen bei der Arbeit Schwarz. Das hat Stil und passt zum Image des Clubs. Die Sachen dürfen ruhig sexy aussehen, aber übertreibt es nicht, schließlich ist die Principesa kein Striplokal. Tretet selbstbewusst auf, ohne dabei unfreundlich zu wirken. Wir wollen ja, dass unsere Gäste sich willkommen fühlen und sie nicht mit mürrischen Gesichtern verprellen. Ein bisschen Flirten ist okay, solange ihr wisst, wo die Grenze ist. Dies ist eine Bar, und die Leute kommen her, um sich zu amüsieren und etwas zu erleben. Aber vergesst dabei nicht, dass wir hier sind, um Umsatz zu machen. Sorgt also dafür, dass jeder möglichst schnell seinen Drink bekommt, damit wir am Ende des Abends wissen, wofür wir gearbeitet haben.“

In der darauf folgenden Stille nahm Daniel die letzten Stufen und betrat den Clubraum.

Auf dem Tresen war eine Auswahl verschiedener Getränke aufgereiht, dahinter standen vier Mitarbeiter. Lucy hatte an der Gästeseite der Bar Aufstellung genommen. Die Hände in die Hüften gestemmt, die Beine leicht gespreizt, erinnerte sie Daniel unwillkürlich an einen Feldwebel. Nur ihre aufregenden Kurven passten nicht ganz ins Bild. Wie es aussah, wurde die Crew gerade einer Prüfung auf Herz und Nieren unterzogen.

„Kommen wir jetzt zu den alkoholfreien Getränken“, verkündete Lucy. „Bitter Lemon, Gingerale und Tonicwater.“

Als alle gleichzeitig zu den Flaschenöffnern griffen, gebot Lucy ihnen mit einer Handbewegung Einhalt. „Fragt immer zuerst, ob der Gast seinen Drink aus dem Glas oder lieber aus der Flasche trinken möchte“, betonte sie nachdrücklich. „Viele Frauen wollen heutzutage sehen, dass der Verschluss unversehrt ist, und dann den Kronkorken behalten.“

Daniel spitzte die Ohren. Im Zusammenhang mit seinem derzeitigen Fall war das ein interessanter Aspekt.

In diesem Augenblick ließ einer der Mitarbeiter – ein machohafter Typ mit einem Bizeps wie Arnold Schwarzenegger – sein Glas fallen.

„T…tut mir leid, Lucy“, stammelte das Muskelpaket mit hochrotem Kopf und bückte sich eilig, um die Scherben aufzuheben.

Daniel konnte sich nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen. Offensichtlich flößte die neue Chefin dem Mann einen Heidenrespekt ein.

In diesem Moment war Lucy auf Daniel aufmerksam geworden und zwinkerte ihm komplizenhaft zu. Daniel antwortete ihr mit einem kleinen Lächeln. Nach ihren bisherigen Verbalschlachten war es ein überraschend gutes Gefühl, diesen kleinen Moment geheimen Einverständnisses mit ihr zu teilen.

„Kein Problem, Corey“, wandte Lucy sich wieder dem zerknirschten Barmann zu. „Das bekommst du alles schnell in den Griff.“

Wo hat sie nur ihre Augen, fragte Daniel sich verstimmt. Dieser Corey konnte ja nicht einmal einen zusammenhängenden Satz zustande bringen. Außerdem störte ihn das verzückte Lächeln, mit dem er Lucy ansah, und das diese völlig unnötigerweise auch noch erwiderte.

„Hört zu, Leute, das ist Daniel Graydon“, verkündete sie jetzt. „Er hat hier das Sagen, und wenn wir nicht wollen, dass es uns genauso ergeht wie meinem Vorgänger, sollten wir nett zu ihm sein und einen guten Job machen.“

Vier Augenpaare richteten sich misstrauisch auf Daniel, was ihn jedoch nicht im Mindesten aus der Ruhe brachte. Er hatte vor Gericht schon weit bedrohlicheren Blicken standhalten müssen.

Während Lucy der Crew noch einige letzte Anweisungen erteilte, nutzte er die Gelegenheit, um das Ergebnis ihrer bisherigen Arbeit zu begutachten. Er musste zugeben, dass er beeindruckt war. Vor zwei Tagen hatte es hier noch ausgesehen wie in einer heruntergekommenen Spelunke. Jetzt strahlte der Raum förmlich vor Sauberkeit, und auch die Atmosphäre hatte sich verändert. Daniel wusste nicht, wie sie es angestellt hatte, aber plötzlich fühlte er sich hier richtig wohl.

Er ging zu einer der strategisch platzierten Aromalampen und schnupperte daran. Ja, das war ihr Duft. Warm und würzig mit einer exotischen Note. Er hatte ihn in ihrem Haar und auf ihrer Haut wahrgenommen, als er gestern nah bei ihr gestanden hatte. Ob wohl alles, was sie besaß, so betörend duftete …?

Als das Meeting schließlich beendet war, fiel Daniel auf, dass die Mitarbeiter beim Hinausgehen sorgfältig jeden Blickkontakt mit ihm vermieden.

„Vielen Dank für die warmen Worte, mit denen Sie mich vorgestellt haben“, sagte er ironisch, sobald er mit Lucy allein war.

Sie grinste und zuckte die Schultern. „Irgendeiner muss ja schließlich den bösen Cop spielen.“

„Ich hätte vermutet, dass Sie liebend gern diese Rolle übernehmen würden.“

„O nein. Ich bin immer der gute Cop.“

Daniel verzichtete auf einen Kommentar und fragte stattdessen: „Glauben Sie wirklich, dass dieser tollpatschige Muskelprotz dem Job gewachsen ist?“

„Unbedingt“, erklärte sie überzeugt. „Seine Feinmotorik lässt vielleicht zu wünschen übrig, aber er mixt fantastische Cocktails, kann schwere Kisten tragen und sieht außerdem noch gut aus.“

„Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters“, entgegnete Daniel gereizt und deutete auf die abenteuerliche Getränkesammlung, die noch immer auf dem Tresen stand. „Was soll jetzt damit passieren?“

„Falls Sie nichts davon trinken wollen, wandert alles in den Ausguss.“

„Und was ist mit Ihnen?“

Lucy schüttelte entschieden den Kopf. „Ich trinke keinen Alkohol.“

„Nie?“ Daniel konnte seine Überraschung nicht verbergen.

„Jedenfalls nicht bei der Arbeit. Und auch nicht in öffentlichen Lokalen. Manchmal trinke ich mit Leuten, denen ich vertraue, ein Glas Wein.“

Mit Leuten, denen sie vertraute? Er hätte gern erfahren, was sie damit meinte, aber er hatte keine Gelegenheit mehr, sie danach zu fragen. Von der Treppe her ertönte das eilige Klappern hoher Absätze, und kurz darauf stürmte eine beeindruckend große Frau herein.

„Tut mir leid, dass ich so spät komme, Lucy“, stieß sie atemlos hervor, „aber der Verkehr war einfach mörderisch.“

Mit gemischten Gefühlen beobachtete Daniel, wie die beiden Frauen sich überschwänglich umarmten. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, bis Lucy sich endlich von der schönen Fremden löste und ihm ihr strahlendes Gesicht zuwandte.

„Daniel, das ist Sinead, unsere neue Türsteherin.“

Ein weiblicher Rausschmeißer? Das darf doch nicht wahr sein!

Daniel sah Sinead direkt ins Gesicht, was ihn ziemlich irritierte. Die meisten Frauen, die er kannte, waren deutlich kleiner als er. Mit den ausdrucksvollen, leicht schräg stehenden Augen, dem langen, blonden Haar, das sie zu einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden hatte, und dem hautengen schwarzen Stretchoverall sah sie aus wie Catwoman persönlich.

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass Lucy ihn gespannt beobachtete. Falls sie hoffte, ihn schockiert zu haben, musste er sie enttäuschen. Er war schließlich kein Sexist, der glaubte, dass bestimmte Berufe Männern vorbehalten waren. Allerdings konnte er nicht leugnen, dass ihm die Art, wie die beiden einander um den Hals gefallen waren, nicht gefallen hatte.

Genau genommen wollte er Lucy überhaupt nicht in den Armen einer anderen Person sehen, sei sie nun männlich oder weiblich.

Plötzlich ging Daniel auf, dass seine Gedanken soeben eine bedenkliche Richtung eingeschlagen hatten. Solche besitzergreifenden Anwandlungen mussten im Keim erstickt werden. Schließlich war er ein kein Neandertaler, der wutschnaubend sein Territorium verteidigte.

Und als moderner, aufgeklärter Mann beschloss er, zum gegebenen Zeitpunkt seine Lust zu befriedigen und in vollen Zügen Lucys sinnlichen Körper zu genießen. Er begehrte sie, er würde sie sich nehmen, und sobald sein Verlangen gestillt war, würden sie in aller Freundschaft auseinandergehen.

Nichts sprach dagegen. Schließlich waren sie beide erwachsen, und sie schien ebenso wenig wie er eine feste Beziehung anzustreben. Die Tatsache, dass er Lucy heftiger begehrte als jede andere Frau bisher, bedeutete keineswegs, dass sich an den Grundregeln etwas ändern würde.

Das Ergebnis seiner Überlegungen befriedigte Daniel so sehr, dass er Sinead ein gewinnendes Lächeln schenkte. „Ich bin sicher, Sie werden Ihre Sache großartig machen. Andernfalls hätte Lucy Sie sicher nicht engagiert.“

Belustigt registrierte Daniel, dass Lucy ihn völlig entgeistert anstarrte.

„Beherrschen Sie irgendeine Art von Kampfsport, Sinead?“, erkundigte er sich interessiert.

„Allerdings“, bestätigte sie. „Ich habe den schwarzen Gürtel in Karate und war letztes Jahr Landesmeisterin im Thaiboxen. Lucy hat vor einigen Jahren einen Grundkurs in Selbstverteidigung bei mir belegt. So haben wir uns überhaupt kennengelernt.“

Daniels Neugier wuchs. Warum hatte Lucy Selbstverteidigung gelernt? Warum trank sie nur mit Leuten, denen sie vertraute?

„Sinead und ich haben noch einiges zu besprechen, Daniel“, erklärte Lucy, die sich plötzlich unbehaglich zu fühlen schien. „Ich weiß ja nicht, wie lange Sie vorhaben zu bleiben, aber …“

„Kein Problem“, unterbrach er sie lässig. „Ich habe ohnehin noch zu arbeiten.“

Während Lucy und Sinead sich an einen der hinteren Tische zurückzogen, richtete er sich mit seinem Laptop und den Unterlagen, die er mitgebracht hatte, am Ende des Tresens ein, wo er schon am Vortag gesessen hatte. Von hier aus konnte er bequem den ganzen Raum überblicken und vor allem Lucy im Auge behalten.

„Sind Sie jetzt enttäuscht, weil Sinead und ich keinen zünftigen Frauenkampf hingelegt haben?“

Daniel, der gerade sein Eröffnungsplädoyer vorbereitete, hob ruckartig den Kopf, als Lucy sich leicht über seine Schulter beugte. Ihr unverwechselbarer Duft stieg ihm in die Nase, und als er den Blick durch den Raum schweifen ließ, stellte er fest, dass Sinead nicht mehr da war. Unwillkürlich beschleunigte sich sein Puls.

„Ich würde gern in Ruhe weiterarbeiten“, sagte er schroff, obwohl ihm in diesem Augenblick nach etwas ganz anderem zumute war.

Lucy verdrehte die Augen. „Kommen Sie schon, Daniel, blödeln Sie nie mal einfach so herum?“

„Nicht in der Zeit, die ich meinen Klienten in Rechnung stelle.“

„Hört, hört, der aufrechte Anwalt hat gesprochen“, zog sie ihn auf. „Wahrscheinlich sollten wirklich Sie der gute Cop sein.“

„Sie meinen, diese Rolle passt besser zu einem langweiligen Spießer wie mir?“

„Ich wollte damit eigentlich nur sagen, dass ich von Ihrer Rechtschaffenheit beeindruckt bin.“

Daniel zog die Brauen hoch. „Die Anwaltskammer sollte Sie als PR-Managerin engagieren. Die meisten halten uns für geldgierige Halsabschneider.“

Darauf lächelte Lucy nur und sagte: „Es ist schon fast halb sieben. Wollen Sie nicht langsam Feierabend machen?“

„Ich bin daran gewöhnt, lange zu arbeiten.“

„Den Eindruck habe ich auch.“

Was wollte sie damit andeuten? Dass sie ihn für einen Mann ohne Privatleben hielt, nur weil er gerne arbeitete? Sie hatte wirklich keine Ahnung von seinem Leben. Er drehte sich auf seinem Barhocker herum, um sie anzusehen und stellte fest, dass sie ihm erfreulich nah war. Als er sah, dass sie einen Schritt zurücktreten wollte, umfasste er rasch ihr Handgelenk, um sie daran zu hindern.

Lucy kam ihm nicht entgegen, leistete aber auch keinen Widerstand. Ihre Haut fühlte sich gut an, genauso weich und samtig, wie er es vermutet hatte. Er konnte es kaum erwarten, ihr zu beweisen, dass er alles andere als langweilig war. Aber noch war der richtige Zeitpunkt nicht gekommen.

„Haben Sie noch nie einen Job gemacht, den Sie wirklich lieben?“, fragte er sie leise.

„Nicht für längere Zeit.“

„Und was heißt das?“

Sie zuckte die Schultern und entzog ihm ihre Hand. „Die Liebe hat eben nie lange gehalten.“

Ihre Worte trafen Daniel genau an seinem wunden Punkt. Zum Glück hatte sie ihm rechtzeitig eine Warnung gegeben und ihm bestätigt, dass sein erster Eindruck von ihr richtig gewesen war. Sie verkörperte genau das, was er an Frauen am meisten verachtete – Unbeständigkeit. Sein Begehren kühlte augenblicklich ab.

„Alles klar für morgen?“, fragte er kurz angebunden.

Sie nickte. „Es wird alles bereit sein.“

„Gut.“ Er schob seine Papiere zusammen und packte sie in seine Tasche. „Ich sitze morgen den ganzen Tag in Besprechungen, also werde ich nicht hier sein, wenn Sie aufmachen.“

„Sie werden nicht da sein …?“

Die Enttäuschung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben, was Daniel mit einer gewissen Genugtuung erfüllte.

„Ich werde später vorbeikommen und mich vergewissern, dass alles in Ordnung ist.“

„Aber …“

„Falls irgendetwas ist, können Sie mich auf meinem Handy erreichen.“

Er sah sie mit unbewegter Miene an. Sie blickte starr zurück.

„Ich gehe aber davon aus, dass Sie ausgezeichnet allein zurechtkommen.“

Lucy schluckte. Nein, das werde ich nicht! Ich brauche dich!

Aber das hatte nichts mit der Arbeit zu tun. Sie liebte es einfach, wenn Daniel in ihrer Nähe war. Liebte es, wenn er über seinen Akten brütete und sich vor lauter Konzentration diese hinreißende Falte auf seiner Stirn bildete.

Als Sinead vor über einer Stunde gegangen war, hatte sie eigentlich vorgehabt, ins Büro zu gehen und sich mit dem Lohnabrechnungsprogramm vertraut zu machen, das ihre Schwester ihr geschickt hatte. Aber dann hatte sie immer wieder einen Grund gefunden, sich in der Bar zu beschäftigen, sodass sie wenigstens ab und zu einen verstohlenen Blick auf ihn werfen konnte.

Er ist nicht dein Typ, Lucy, rief sie sich energisch in Erinnerung. Und du bist nicht seiner.

Dennoch gab es zwischen ihnen dieses erregende Knistern, das plötzlich in der Luft lag, wenn ihre Blicke sich unerwartet trafen. Doch wie es aussah, war keiner von ihnen bereit, es zuzugeben und den entscheidenden Schritt zu wagen.

„Ja sicher, das werde ich bestimmt.“

Und das würde sie auch. Der Club würde öffnen, die Musik für eine coole Stimmung sorgen, und die Gäste würden sich auf der Tanzfläche drängen.

Und sie, Lucy, würde als uneingeschränkte Herrscherin ihres kleinen Reichs hinter der Bar stehen, über die Schar gut gelaunter Gäste wachen und dafür sorgen, dass sie eine richtig gute Zeit hatten.

Aber das Ganze würde nur halb so viel wert sein, wenn Daniel nicht dabei war, um ihren Triumph mitzuerleben. Er sollte sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass sie keine Niete war. Dass sie mehr war als eine verkrachte Musikstudentin, die ziellos von Job zu Job flatterte. Er sollte sehen, dass sie in der Lage war, diesen Club zu führen, ja, mehr noch – dass sie ihn neu zum Leben erwecken konnte.

Bisher hatte Lucy den Wert ihrer Arbeit selbst ziemlich gering eingeschätzt und warf sich insgeheim oft vor, nichts aus ihrem Leben gemacht zu haben. Aber jetzt sah sie eine echte Chance für sich, das Ruder doch noch herumzureißen.

Sie hatte den halben Vormittag damit verbracht, in den angesagten Modegeschäften, Friseursalons und Cafés ihre Runde zu machen, hatte hin und wieder beiläufig ein Wort über die Principesa fallen lassen und beim Hinausgehen einige von den Werbekarten hinterlassen, die sie beim Aufräumen des Büros entdeckt hatte.

Sie hatte lange genug in Szenekneipen gearbeitet, um zu wissen, dass die Frage, ob ein Laden „in“ war oder nicht, fast ausschließlich durch persönliche Kontakte entschieden wurde. Und darin war Lucy gut.

Die Bühne für die große Party war bereit. Nun mussten nur noch die Darsteller kommen.

Wie angekündigt, war Daniel zu ihrem großen Augenblick nicht da. Als die Hälfte des Abends verstrichen war, hatte er sich immer noch nicht blicken lassen.

Lucy sagte sich, dass es keine Rolle spielte, denn alles andere war perfekt. Sie konnte selbst kaum glauben, dass es ihr tatsächlich gelungen war, einen solchen Erfolg zu landen.

Sinead stand unten am Eingang und zog als Türsteherin jede Menge Aufmerksamkeit auf sich. Sie selbst arbeitete mit Corey und Isabel an der Bar, während Gina und Carolyn an den Tischen bedienten.

Auf der Tanzfläche vergnügte sich eine Gruppe ausgelassener junger Frauen. Sie schienen jede Menge Spaß zu haben und steckten alle anderen mit ihrer guten Laune an. Lucy beobachtete sie amüsiert, doch als ihr Blick auf die beiden Männer fiel, die die Mädchen förmlich mit Blicken verschlangen, bekam ihr Lächeln eine angespannte Note.

Daniel mochte sich über Feuerlöscher und Notfallvorschriften Gedanken machen, aber sie wusste aus eigener Erfahrung, dass es noch andere, heimtückischere Bedrohungen gab, die die Sicherheit der Gäste gefährden konnten. Insbesondere die der weiblichen.

Daher hatte sie Sinead gebeten, die Ausweise der sehr jungen Frauen besonders sorgfältig zu kontrollieren. Dem Bedienungspersonal hatte sie eingeschärft, immer wieder die Fensterbänke und anderen Freiflächen abzuräumen, um zu verhindern, dass die Gäste ihre Drinks unbeaufsichtigt herumstehen ließen. Außerdem hatte sie dafür gesorgt, dass die Toiletten und Waschräume gut beleuchtet waren.

Wäre Lucy für längere Zeit hier beschäftigt gewesen, hätte sie auf der Installation einer Überwachungskamera bestanden. Auch wenn es unmöglich war, die ganze Zeit über den Monitor im Auge zu behalten, hätten sie auf jeden Fall die Bänder gehabt – und somit im Ernstfall einen Beweis.

Das war damals ihr Problem gewesen: Mangel an Beweisen. Man hatte sie einfach als schwierigen Teenager mit einer blühenden Fantasie abgestempelt und ihr nicht geglaubt. Am Schlimmsten war es für sie gewesen, dass sie selbst nicht gewusst hatte, was genau passiert war. Durch den chemischen Cocktail, den man ihr untergejubelt hatte, hatte sie einen totalen Blackout gehabt.

Lucy schüttelte die unerfreulichen Erinnerungen ab und nahm die entspannte Partystimmung in sich auf. Solche üblen Dinge würden hier nicht geschehen. Befriedigt ließ sie den Blick schweifen. Es war hier genau so, wie sie es sich erträumt hatte – jedenfalls fast.

Als sie sich dabei ertappte, wie sie zum x-ten Mal auf ihre Armbanduhr schaute, schnalzte sie verärgert mit der Zunge. Warum lag ihr nur so viel daran, dass Daniel hier war? Der Mann war ein arbeitssüchtiger Ignorant, der keine Ahnung hatte, wie man sich amüsierte. Sie dagegen wusste, wie man Spaß in einem Club hatte. Während sie pausenlos Getränke einschenkte, machte sie Small Talk mit den Gästen, lächelte und flirtete ein wenig, wobei sie jedoch nie die Grenzen der Professionalität überschritt.

Sie lachte gerade mit Isabel über Coreys zweites zerbrochenes Glas an diesem Abend, als sie Daniel am anderen Ende des Tresens entdeckte.

Endlich!

Lucys Herz machte einen Satz, und ein strahlendes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sie zu ihm ging. „Was möchten Sie trinken?“, fragte sie ihn munter und fügte augenzwinkernd hinzu: „Das geht natürlich aufs Haus.“

Ihr war plötzlich nach Singen und Tanzen zumute – und danach, ein Risiko einzugehen …

„Nur ein Bier. Ich bleibe nicht lange.“

Lucy kämpfte die Enttäuschung nieder und holte ihm eine Flasche von der besten Sorte. „Das sollten Sie aber“, riet sie ihm. „Die Stimmung hier ist unglaublich.“

„Ja, das sehe ich“, bestätigte er trocken und blickte sich missmutig um. „Allerdings wüsste ich nicht, wobei ich Ihnen hier behilflich sein könnte.“

Seine griesgrämige Miene wirkte wie eine kalte Dusche auf Lucy. „Du liebe Güte, Daniel, macht es Ihnen denn gar keine Freude, sich mal ein bisschen zu amüsieren?“, fragte sie ihn kopfschüttelnd.

„Doch, durchaus“, stellte er klar. „Nur ziehe ich dabei eine Umgebung vor, in der man sich nicht fühlt wie in einem überfüllten Bus.“

In der festen Absicht, sich ihre gute Laune nicht verderben zu lassen, beschloss Lucy, ihn ein wenig aufzuziehen. „Also, ich finde es ziemlich aufregend, sich in einer Menschenmenge nah zu sein und dabei zu wissen, dass man sich nicht so nah sein kann, wie man eigentlich möchte.“

Daniel verzog keine Miene. „Mit anderen Worten, Sie stehen auf anonyme erotische Begegnungen zwischen Tür und Angel.“ Er trank bedächtig einen Schluck von seinem Bier, bevor er ironisch hinzufügte: „Was ja auch nicht anders zu erwarten war.“

Sein wohlgezielter Schlag unter die Gürtellinie traf Lucy bis ins Mark und erweckte das heftige Bedürfnis in ihr, ihm ins Gesicht zu schlagen. Zu seinem Glück verlangte in diesem Moment ein ungeduldiger Gast nach seinem Drink. Sie wirbelte herum, um ihn zu bedienen, und da sich noch weitere Bestellungen anschlossen, kam sie eine Weile nicht mehr dazu, sich zu Daniel umzudrehen. Als sie es schließlich tat, war er verschwunden.

Lucy arbeitete weiter, als wäre nichts geschehen, doch ihr Hochgefühl war verflogen. Warum war Daniel so schnell wieder gegangen? Und warum hatte er sich so kränkend verhalten?

Sie hatte das Aufblitzen von Begehren in seinen Augen gesehen, das sie schon mehrere Male davor bemerkt hatte – zum Beispiel gestern, als sie den Spiegel hinterm Tresen geputzt hatte oder im Schwimmbad und danach im Café. Sie hatte es sich ganz bestimmt nicht eingebildet, aber aus einem unerfindlichen Grund hatte er sich plötzlich wieder in diesen humorlosen Miesepeter verwandelt, dem sie in der Agentur begegnet war.

Verflixt, warum war dieser Mann nur so schwer zu durchschauen? Während ihrer amüsanten Wortgefechte hatte er immer wieder unter Beweis gestellt, dass er durchaus Witz hatte, ja, sogar charmant sein konnte, aber von dem, was ihn wirklich ausmachte, gab er nichts preis.

Als schließlich der letzte Gast gegangen war, machten sie und die anderen grob Ordnung. Den Rest würde morgen der Reinigungstrupp erledigen. Lucy stellte die Musik leise und druckte die Abrechnung aus der Computerkasse aus.

Es war harte Arbeit gewesen, aber sie hatte es geschafft und ihre Sache richtig gut gemacht! Und noch dazu war der Abend ein Riesenspaß gewesen – bis Daniel aufgetaucht und sang- und klanglos wieder verschwunden war.

Nachdem Corey, der als Letzter ging, sich verabschiedet hatte, durchsuchte sie ihre CD-Box nach ihrem Allheilmittel gegen schweren Frust. Als sie die CD gefunden hatte, legte sie sie ein und drehte die Anlage so laut auf, wie sie es in Anbetracht der Uhrzeit verantworten konnte.

Dann begann Lucy zu tanzen und genoss das Gefühl von Freiheit, das sie immer empfand, wenn sie mit sich und der Musik allein war.

Daniel schwenkte sein halb volles Whiskyglas in der Hand, als er in der warmen Brise auf seiner Terrasse saß und die nächtlichen Lichter des Hafens betrachtete.

Er hatte einen harten Tag hinter sich, war aber nicht im Geringsten müde. Der Club dürfte inzwischen geschlossen haben, und Lucy war vermutlich schon zu Hause. Vielleicht sollte er sie kurz auf ihrem Handy anrufen. Nur um sicherzugehen, dass alles gut gelaufen war und sie ordnungsgemäß abgeschlossen hatte.

Als in diesem Augenblick das Telefon klingelte, beschleunigte sich sein Puls. Gab es tatsächlich so etwas wie Gedankenübertragung?

Am anderen Ende meldete sich eine weibliche Stimme, doch zu seiner Enttäuschung war es nicht Lucy, sondern Lara.

„Na, wie macht sich der neue Manager?“, fragte sie munter.

„Ganz gut.“

„Und wie ist es heute gelaufen? Waren viele von meinen Freunden da?“

Es war brechend voll gewesen, aber ehrlich gesagt war Lucy die Einzige, die Daniel wirklich wahrgenommen hatte. Schon bei seinem Eintritt war sein Blick wie magisch von ihrem flammendroten Oberteil angezogen worden.

Typisch für sie, dass sie zuerst eine Kleiderordnung aufstellte und sich dann selbst nicht daran hielt. Fairerweise musste er jedoch zugeben, dass sie verdammt anziehend darin ausgesehen hatte. Sie hatte ihn nicht gleich bemerkt, sodass er auf dem Weg zur Bar ungestört beobachten konnte, wie sie mit diesem minderbemittelten Corey herumalberte.

„Erde an Daniel!“, spottete Lara. „Bist du noch auf Empfang?“

Daniel räusperte sich und versuchte, sich an ihre Frage zu erinnern. „Doch … ja, es war ziemlich voll.“

„Sag mal, ist irgendetwas? Du klingst so merkwürdig.“

„Das muss wohl an der Verbindung liegen.“

In den schwarzen Outfits hatte die Crew ein beeindruckendes Bild abgegeben, aber Lucy hatte sie alle überstrahlt. Ihr fantastisches Lächeln war so ansteckend, dass alle Gäste, Männer wie Frauen, es erwidert hatten.

Wieso gönnte sie ihm dieses Lächeln nur so selten?

„Hör zu, Daniel, es kann sein, dass sich mein Aufenthalt hier noch etwas hinzieht.“ Lara klang nicht im Mindesten schuldbewusst. „Kannst du noch eine Weile die Stellung halten?“

„Kein Problem, ich habe alles im Griff.“

Angesichts seines zunehmenden Verlangens nach Lucy war das eine gewagte Aussage. Diese vorlaute kleine Hexe mit der scharfen Zunge war ihm mehr unter die Haut gegangen, als gut für ihn war.

Und auch sie war nicht immun gegen ihn, mochte sie ihn auch noch so oft als lustfeindlichen Spießer titulieren. Er hatte das begehrliche Leuchten in ihren grünen Augen gesehen, wenn sie einander körperlich nah waren. Und er würde erst dann wieder zur Ruhe kommen, wenn er dieses Verlangen – und auch sein eigenes – befriedigt hatte.

„Du bist ein Engel, Daniel“, flötete Lara. „Ich wusste, dass du mich nicht enttäuschen würdest.“

Nachdem Daniel aufgelegt hatte, betrachtete er eine Weile starr den Aktenstapel zu seinen Füßen, dann stand er entschlossen auf. Seine Konzentration war dahin. Ein Spaziergang würde ihm wieder einen klaren Kopf verschaffen und ihm die nötige Bettschwere verleihen.

Es war ein warmer Abend, und außer einigen Nachtschwärmern waren die Straßen menschenleer. Als Daniel sich der Principesa näherte, hörte er Musik – falls man Countrymusik diese Bezeichnung zugestehen wollte. Er presste die Lippen zusammen und beschleunigte den Schritt. Die Tür zum Club war verschlossen, aber hinter den Fenstern sah er Licht brennen.

„Was zum Teufel geht hier vor?“, murmelte er verärgert.

Er zog die Schlüssel aus der Tasche und beschloss, Lucy die Hölle heiß zu machen.

6. KAPITEL

Lucy wirbelte mit ausgebreiteten Armen über die Tanzfläche, als sie die Schritte auf der Treppe hörte. Sie erstarrte mitten in der Bewegung und fragte sich entsetzt, was sie jetzt tun sollte.

In ihrer Panik stürzte sie zum Tresen und ging dahinter in Deckung, doch im nächsten Moment verwünschte sie sich schon für ihre Dummheit. Wenn der Eindringling es auf den Inhalt der Kasse abgesehen hatte, würde er natürlich als Erstes hierherkommen.

In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie dachte an ihr Handy, aber das war in ihrer Tasche im Büro. Kalte Angst überkam sie, aber sie durfte sich jetzt auf keinen Fall davon lähmen lassen.

Komm schon, Lucy, befahl sie sich. Lass dir irgendetwas einfallen!

Die Schritte waren jetzt ganz nah. Jeden Moment konnte er hereinkommen.

Fieberhaft sah sie sich nach etwas um, das sie als Verteidigungswaffe benutzen konnte. Cocktailshaker, Flaschen, Gläser … nein, das war alles nicht das Richtige. Dann fiel ihr Blick auf den Sodamixer. Ja, das könnte funktionieren. Der Strahl war ziemlich kräftig, und wenn es ihr gelang, seine Augen damit zu treffen, würde sie Zeit gewinnen, um die Alarmanlage auszulösen.

Mit zitternden Fingern löste Lucy die Arretierung von der Spritzdüse, sprang hinterm Tresen hervor und positionierte sich direkt vor dem Eingang.

Eine Sekunde später wurde die Tür aufgerissen und eine große, breitschultrige Gestalt stürmte herein.

„Was, zum Teufel, tun Sie hier?“, riefen beide gleichzeitig.

Als Lucy erkannte, dass es Daniel war, schien ihr Herz nicht recht zu wissen, ob es stillstehen oder zerspringen sollte. Die Erleichterung war so ungeheuer, dass in ihrem Kopf sekundenlang völlige Leere herrschte.

„Sie haben mich beinah zu Tode erschreckt“, stieß sie heiser hervor, sobald sie ihrer Stimme wieder mächtig war.

„Was, in aller Welt, treiben Sie hier?“, wiederholte Daniel verärgert seine Frage. „Ist es Ihrem Gedächtnis entfallen, dass es so für etwas wie eine Sperrstunde gibt?“

Lucy, die sich inzwischen wieder gefasst hatte, verdrehte die Augen. „Keine Angst, es wird den Club schon nicht gleich die Lizenz kosten.“

Warum sieht er nur so gnadenlos gut aus, fragte sie sich im Stillen. Sein sonst so perfekt sitzendes Haar war leicht vom Wind zerzaust, was ihn um Jahre jünger und sehr sexy aussehen ließ. Da es ein warmer Abend war, trug er über der Anzughose nur sein übliches weißes Hemd. Es stand am Kragen offen, und die aufgekrempelten Ärmel gewährten ihr einen Blick auf seine kräftigen, gebräunten Unterarme.

„Wer redet von der Lizenz?“, riss Daniel sie aus ihrer Betrachtung. „Es ist gefährlich für Sie, um diese Zeit allein hier zu sein. Sie hätten mit den anderen gehen und mit einem Taxi nach Hause fahren sollen.“

„Ich wollte noch ein bisschen Ordnung in die Papiere bringen.“

„Verschieben Sie das auf morgen. Und stellen Sie um Himmels willen dieses Gejaule ab!“

„Sie mögen keine Countrymusik?“

„Ich kann sie nicht ausstehen. Aber es wundert mich nicht, dass Sie darauf stehen. Ihr Geschmack lässt ja ohnehin einiges zu wünschen …“

Er verstummte abrupt, als ihn ein eiskalter Strahl auf der Brust traf und in Sekundenschnelle sein Hemd durchweichte.

Lucy, die selbst kaum glauben konnte, was sie soeben getan hatte, konnte ihn nur wortlos anstarren. Durch die Nässe war das Hemd durchsichtig geworden und klebte wie eine zweite Haut an Daniels durchtrainiertem Oberkörper – was sofort den Wunsch in ihr auslöste, diese verführerischen Muskeln näher zu erkunden …

Daniel gab keinerlei Reaktion zu erkennen. Er stand einfach nur da und erwiderte ruhig ihren Blick, in dem er deutlich ihr Begehren lesen konnte.

Die knisternde Spannung, die plötzlich zwischen ihnen herrschte, war förmlich mit Händen zu greifen. Um ihre heftigen Emotionen wieder unter Kontrolle zu bringen, nahm Lucy zu ihrer altbewährten Schnoddrigkeit Zuflucht.

„Noch ein Wort über meinen Geschmack, und ich tue es noch einmal“, warnte sie ihn heiser.

Doch bevor sie ihre Drohung in die Tat umsetzen konnte, war Daniel bei ihr. Sanft, aber bestimmt nahm er ihr den Sodamixer aus der Hand und stellte ihn auf dem nächstbesten Tisch ab.

Einen Augenblick später fand Lucy sich in seinen Armen wieder.

Sein Kuss war verhalten und abwartend, als wollte er zuerst ihre Reaktion austesten, aber das Gefühl seiner warmen, festen Lippen auf ihren genügte, um ein wahres Erdbeben in Lucy auszulösen. Offenbar besaß Daniel die Geduld, es langsam anzugehen – sie nicht!

Bereitwillig öffnete sie ihm ihre Lippen, während sie mit bebenden Fingern an seinen Hemdknöpfen herumnestelte. Aber wegen der Feuchtigkeit bekam sie sie einfach nicht zu fassen. Vor lauter Ungeduld zerrte sie immer heftiger an dem feinen Stoff, bis er schließlich mit einem hässlichen Geräusch zerriss.

Lucy nahm es gar nicht wahr. Begehrlich ließ sie die Hände über die warme, glatte Haut gleiten. Daniels leises Aufstöhnen entfachte ihre Erregung noch mehr, sodass sie sich instinktiv noch enger an ihn presste.

Nun kam auch Daniel in Fahrt. Zielstrebig schob er Lucy vor sich her, bis sie den Rand des Billardtischs erreichten. Mit beiden Händen umfasste er ihre schmale Taille, hob sie auf den Tisch und schob ihre Knie auseinander.

Dann küsste er sie wieder, dieses Mal jedoch fordernd und voller Leidenschaft. Lucy hatte bereits vermutet, dass unerwartete Fähigkeiten in ihm schlummerten, aber dass er sie schon mit einem einzigen Kuss in eine willenlose Sklavin ihrer Gefühle verwandeln konnte, hatte sie nicht erwartet.

Während Daniel auf unglaublich erotische Weise mit der Zunge das Innere ihres Mundes eroberte, machte Lucy einen weiteren vergeblichen Versuch, ihm das Hemd auszuziehen. Schließlich hatte Daniel ein Einsehen und löste sich kurz von ihr, um es sich mit einer entschlossenen Bewegung abzustreifen.

Fasziniert betrachtete Lucy seinen hinreißend gebauten Oberkörper. Sie wollte sich gerade vorbeugen, um ihn mit ihren Lippen zu erforschen, als Daniel ihr den Rock bis zu den Hüften hochschob. Seine Finger hinterließen brennende Spuren auf ihrer Haut, während er spielerisch über die empfindsame Innenseite ihrer Oberschenkel strich.

Ein zufriedenes Lächeln umspielte Daniels Lippen, als Lucy unter seiner Berührung scharf die Luft einzog. Offensichtlich fand sie ihn ganz und gar nicht mehr spießig. Um ihr zu demonstrieren, dass er sich keineswegs nur mit dem Gesetz auskannte, streifte er ihr mit einer einzigen geschickten Bewegung das rote Oberteil über den Kopf und warf es zu seinem ruinierten Hemd auf den Boden. Als Nächstes folgte der Rock. Jetzt trug sie nur noch ihren Slip, den BH und ihre Cowboystiefel.

Der Anblick erregte Daniel so heftig, dass er seine gesamte Willenskraft aufbieten musste, um sie nicht auf der Stelle zu nehmen. Stattdessen bedeckte er Lucys Hals, ihr Schlüsselbein, den Ansatz ihrer Brüste mit winzigen, erregenden Küssen, während seine Hände sich unaufhaltsam an ihren Schenkeln nach oben arbeiteten.

Kurz bevor sie ihr Ziel erreichten, versteifte Lucy sich unvermittelt. Ihr ganzer Körper schrie förmlich nach Daniel, aber ihr Verstand kam nicht mit. Sie brauchte wenigstens die Illusion, die Situation halbwegs im Griff zu haben.

„Eigentlich bist du ja immer noch nicht mein Typ“, bemerkte sie neckisch und hätte sich im selben Moment am liebsten auf die Zunge gebissen. Sie hörte sich an wie ein albernes Schulmädchen, aber etwas Geistreicheres war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen.

„Und du nicht meiner“, erwiderte Daniel trocken, „aber wir tun es trotzdem.“ Dabei hakte er den Verschluss ihres BHs auf und streifte die Träger über ihre Schultern. Beim Anblick ihrer herrlichen Brüste loderte ein dunkles Feuer in seinen Augen auf.

„Aber …“, murmelte er. „Ich habe kein …“

„Schon gut“, unterbrach Lucy ihn heiser. „Ich nehme die Pille.“

Sekunden später hatte Daniel seine Hose abgestreift und kickte seine italienischen Designerschuhe achtlos von sich. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder ganz Lucy zu. Bewundernd ließ er den Blick über ihre sinnlichen Kurven gleiten und dann auf ihrem winzigen Slip ruhen.

Als er sich über sie beugte und begann, durch das dünne Material hindurch ihre empfindsamste Stelle zu küssen, musste Lucy sich auf die Lippen beißen, um nicht vor Lust laut aufzuschreien.

Daniel hob den Kopf und sah sie herausfordernd an. „Ich bin doch hoffentlich nicht zu schnell für dich?“

Zu schnell? Das sollte wohl ein Scherz sein!

Sie verzehrte sich danach, das Gefühl seiner Lippen und seiner Zunge zu genießen, und zwar ohne diesen störenden Stoff dazwischen.

„Ich denke, ich kann mithalten“, brachte sie atemlos hervor und machte Anstalten, sich selbst von dem lästigen Kleidungsstück zu befreien.

Rasch umfasste Daniel ihre Handgelenke, um sie daran zu hindern. „Ich packe meine Geschenke gern langsam aus“, teilte er ihr mit samtweicher Stimme mit.

„Und ich reiße das Papier immer gleich herunter, um möglichst schnell an den Inhalt zu kommen.“

Unvermittelt verhärteten sich Daniels Züge. „Vergiss es, Lucy“, sagte er rau. „Ich bin kein Spielzeug, das du kurz mal ausprobieren und dann gleich wieder vergessen kannst.“

Bei seinen Worten durchrieselte sie ein kühler Schauer. Vielleicht ist das alles ja doch keine so gute Idee, schoss es ihr durch den Kopf, doch als Daniel sich wieder über sie neigte und provozierend die Zungenspitze um ihren Bauchnabel kreisen ließ, wurde sie von einer Hitzewelle erfasst, die im Nu die Stimme der Vernunft zum Schweigen brachte.

Als sie spürte, wie er ihr den Slip herunterzog – Zentimeter um Zentimeter und qualvoll langsam – hob sie ungeduldig die Hüften, um ihm zu helfen.

Nun konnte sie ihn endlich richtig spüren. Daniels Berührungen fühlten sich so wundervoll an, dass sie wünschte, er würde niemals damit aufhören. Genüsslich schloss Lucy die Augen und bog vor Lust den Rücken durch, doch als sie kurz vor dem Höhepunkt war, hielt er unvermittelt inne.

„Daniel …!“, protestierte sie, hin- und hergerissen zwischen Lust und Qual.

Wieder hob er kurz den Kopf und sah sie lächelnd an. „Ich langweile dich doch nicht, oder?“

Ihre Augen schossen grüne Blitze auf ihn ab, worauf sein Lächeln sich vertiefte. Doch bevor er da weitermachen konnte, wo er gerade aufgehört hatte, zog Lucy sich ein Stück von ihm zurück und stützte sich auf den Ellenbogen ab.

Dieser Mann erregte sie, provozierte sie, weckte ihre Leidenschaft, wie sie es sich nie hätte träumen lassen. Aber jetzt war es an der Zeit, dass zur Abwechslung einmal sie das Ruder in die Hand nahm.

„Komm her“, befahl sie ihm mit gespielt strenger Miene.

Zu ihrer Überraschung kam Daniel ihrer Aufforderung ohne zu zögern nach und streckte sich neben ihr auf dem Billardtisch aus.

„Bilde dir nicht ein, du könntest dich mit mir anlegen, Daniel Graydon.“

„Was willst du denn dagegen tun?“

„Das wirst du gleich erleben, mein Freund“, verkündete sie mit einem honigsüßen Lächeln und drückte mit sanfter Gewalt gegen seine Schultern, um ihn in eine liegende Position zu bringen. Dann schob sie seine Beine auseinander, um ihm die süße Folter, der er sie soeben unterzogen hatte, mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Mit einem tiefen Aufstöhnen ließ Daniel sie gewähren … bis er es nicht mehr aushielt. Wenn sie noch zwei Sekunden so weitermachte, würde alles vorbei sein. Er umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen zog sie entschlossen zu sich hoch.

„Sag mir, was du von mir willst“, forderte er sie heiser auf.

Das unverhüllte Verlangen in seinen Augen raubte Lucy den Atem. „Alles, was du anzubieten hast“, antwortete sie ohne nachzudenken. Erst als die Worte heraus waren, wurde ihr klar, dass es in mehr als nur einer Hinsicht die Wahrheit war.

„Und was habe ich dafür als Gegenleistung zu erwarten?“

„Alles was ich anzubieten habe.“ Langsam und beinah andächtig strich sie mit den Handflächen über die Konturen seiner perfekt gebauten Schultern. „Du hast einen unglaublich schönen Körper …“

Daniel setzte eine gekränkte Miene auf. „Heißt das, dass du nur an meinem Körper interessiert bist und nicht an meinem Geist?“

Lucy runzelte die Stirn. „Ich denke, wir sollten unseren Geist da rauslassen.“ Sie wollte nicht mehr reden, wollte nur noch spüren, ihn berühren, seinen verführerisch männlichen Duft wahrnehmen. „Keine Erklärungen und keine Analysen, okay?“

„Und keine Reue“, ergänzte er. Er berührte sanft ihre Wange, bevor er sie erneut in seine Arme zog. „Nur dieses eine Mal …“, murmelte er dicht an ihren Lippen.

Sein dezenter Hinweis darauf, dass er nicht an einer längerfristigen Bindung interessiert war, entging Lucy nicht. Aber da ihr ebenso wenig an einer emotionalen Verstrickung gelegen war, sollte es ihr nur recht sein. Ganz abgesehen davon würde angesichts ihrer unvereinbaren Gegensätze eine Beziehung zwischen ihnen ohnehin nie funktionieren.

Zum Zeichen ihres Einverständnisses küsste sie ihn lange und ausgiebig. Ein Mal war absolut in Ordnung – solange es jetzt war …

Unter Daniels kundigen Händen erlebte Lucy nie gekannte Wonnen. Immer stärker werdende Wellen der Lust bauten sich in ihr auf und ließen sie jede Vorsicht vergessen. Ohne sich darum zu kümmern, was er über sie denken könnte, warf sie selbstvergessen den Kopf hin und her und rief dabei immer wieder seinen Namen. Jedes Bestreben, ihre abgeklärte, sarkastische Fassade aufrechtzuerhalten, war vergessen. Das Einzige, was in diesem Moment ihren Kopf und ihren Körper beherrschte, war ihr grenzenloses Verlangen, mit Daniel eins zu werden.

Um ihm zu signalisieren, wie bereit sie für ihn war, bewegte Lucy drängend ihre Hüften an seinen und öffnete einladend ihre Beine. Denk nicht einmal daran, jetzt aufzuhören, flehte sie im Stillen und wartete mit wild klopfendem Herzen auf den Moment, in dem er sie endlich ganz ausfüllen würde.

Daniel sah den fiebrigen Glanz in ihren Augen, ihre glühenden Wangen, und tat endlich, wonach Lucy sich mit jeder Faser ihres Körpers sehnte. Als er in sie eindrang, klammerte sie sich an seine Schultern und schrie laut auf vor Lust. Daniel stieß wieder zu, und dann noch einmal … dann entlud sich Lucys Erregung in einem ekstatischen Feuerwerk, das sie direkt ins Paradies katapultierte.

Als sie nach einer Ewigkeit wieder in die Realität zurückkehrte und langsam die Augen öffnete, begegnete sie Daniels Blick, der ihr deutlich verriet, wie zufrieden er mit dem Ergebnis seiner Liebeskünste war.

Die Nachwirkungen des überwältigenden Höhepunkts, den sie soeben erlebt hatte, hatten Lucy in einen wohligen Zustand lasziver Trägheit versetzt, doch der Anblick seiner machohaften Selbstgefälligkeit ließ augenblicklich die Tigerin in ihr wach werden.

Daniel war zweifellos ein erstklassiger Liebhaber, und sie hatte es überaus genossen, sich ganz den himmlischen Wonnen hinzugeben, die er ihr bereitet hatte. Aber nun stellte sie fest, dass ihr das nicht genügte. Sie wollte sehen, wie dieser Ausdruck, mit der er der Welt mitteilte, dass er alles im Griff hatte, aus seinem Gesicht verschwand. Ein erregendes Prickeln durchrieselte sie, als sie sich vorstellte, wie er in ihren Armen die Kontrolle verlor.

Mit einem aufreizenden Lächeln umfasste sie seine knackigen Pobacken und zog ihn noch näher zu sich. Dabei verwöhnte sie jeden erreichbaren Zentimeter seiner Haut mit Lippen, Zunge und Zähnen.

Daniels tiefes Aufstöhnen verriet ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war. Gleichzeitig spürte sie jedoch, wie er sich unmerklich anspannte, um der Herausforderung standzuhalten.

„Mhm, wie ich sehe, gefällt dir das …“ Langsam ließ Lucy ihre Hand abwärts gleiten, um ihn zu umfassen. Sanft zuerst, dann immer fester, zwang sie Daniel mit Autorität ihren Rhythmus auf. Wie gebannt beobachtete sie, wie seine Atemzüge heftiger wurden und sein Blick sich allmählich vor Lust verschleierte. Schließlich konnte er dem geballten Angriff auf seine Sinne nicht länger widerstehen. Ein Zittern durchlief seinen Körper, bevor er sich aufbäumte und mit einem rauen, unkontrollierten Schrei ebenfalls den Gipfel der Lust erreichte.

7. KAPITEL

Als Lucy im Morgengrauen aus dem Schlaf hochschreckte, hatte sie zuerst keine Ahnung, wo sie war. Sie nahm nur den abgestandenen Geruch von Bier wahr – und das Gewicht von jemandem auf ihr. Panisch versuchte sie, die unbekannte Gestalt von sich zu schieben, als plötzlich die Erinnerung wieder einsetzte.

Sie befand sich in der Principesa, und der Mann neben ihr war Daniel, nicht der schemenhafte Fremde, der ihr immer wieder Albträume bescherte. Erleichtert atmete sie auf und entspannte sich wieder.

Bis sie erneut hochfuhr.

Sie hatte tatsächlich geschlafen!

„Was …?“ Durch ihre unvermittelte Bewegung aufgeschreckt, hob Daniel ruckartig den Kopf. Er blinzelte und sah ihr in die Augen. Für einen Moment erschien dieselbe Verwirrung auf seinen Zügen, die auch Lucy soeben empfunden hatte. Dann nahm seine Miene einen neutralen Ausdruck an, während sie einander stumm ansahen.

Keiner von beiden war bereit, etwas von seinen Gefühlen preiszugeben.

Was Lucy betraf, so wäre sie am liebsten so schnell wie möglich der ungewohnt intimen Situation entkommen. Sie war noch nie mit einem Liebhaber eingeschlafen. Natürlich war Sex an sich bereits etwas sehr Intimes, aber sie hatte sich nie gestattet, danach quasi das Bewusstsein zu verlieren. Das hätte sie verletzbar gemacht, und Verletzbarkeit konnte Lucy nicht ertragen. Nie würde sie jemandem erlauben, über ihr Herz, ihren Verstand oder ihren Körper die Kontrolle zu übernehmen.

Und nun war sie so leichtsinnig gewesen, Daniel dazu Gelegenheit zu geben. Hatte sich ihm praktisch auf dem Silbertablett dargeboten. Unwillkürlich schlang sie die Arme um sich und rückte ein Stück von ihm ab. Höchste Zeit, dass sie sich wieder in Sicherheit brachte.

„Ist dir kalt?“, erkundigte Daniel sich kurz angebunden. Er setzte sich auf und schwang die Beine vom Billardtisch. „Tut mir leid, ich habe gar nicht gemerkt, dass ich eingeschlafen bin.“

Offenbar bin ich nicht die Einzige, die jetzt Distanz braucht, stellte Lucy im Stillen fest. Sie wusste selbst nicht, warum diese Entdeckung ihr einen schmerzlichen Stich versetzte. Schließlich hatten sie sich klar darauf geeinigt, dass der gestrige Vorfall ein einmaliges Ereignis sein sollte.

Dennoch tat sein sichtlicher Wunsch, Abstand zwischen sie zu bringen, ihr weh. Wahrscheinlich überlegte er gerade fieberhaft, wie er sich möglichst elegant aus dem Staub machen konnte. Nun, sie würde bestimmt keine aufdringliche Klette sein.

Um ihr Gesicht zu wahren, sagte sie lässig: „Ich nehme an, wir haben das jetzt ein für alle Mal aus der Welt geschafft.“

Daniel betrachtete sie stirnrunzelnd. „Könntest du etwas deutlicher werden?“

Lucy setzte sich ebenfalls auf und unterdrückte ein Stöhnen, als sie feststellte, dass sie noch immer ihre Cowboystiefel trug. „Na ja, wir waren neugierig aufeinander, und jetzt haben wir diese Neugier befriedigt“, erklärte sie, während sie weiter starr auf ihre Schuhe blickte.

Daniel umfasste ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Was genau willst du mir eigentlich sagen, Lucy Delaney?“

„Nichts weiter, Daniel Graydon. Nur, dass es Spaß gemacht hat.“

Er fuhr fort, sie prüfend zu mustern, erwiderte jedoch nichts.

„Es war wirklich nett“, fügte sie in gönnerhaftem Tonfall hinzu. „Aber es war, wie gesagt, eine einmalige Sache.“

Daniel schwieg noch immer.

„Alles andere würde nur unnötige Komplikationen nach sich ziehen.“ Geistesabwesend strich Lucy mit den Fingerspitzen über den grünen Filz. Als sie dabei die feuchten Flecken bemerkte, stieg ihr brennende Röte in die Wangen.

Der sichtbare Beweis ihrer Leidenschaft.

Sie musste sofort kündigen.

Eine Welle von Frustration übermannte sie. Sie wollte nicht kündigen! Zum ersten Mal hatte sie echtes Herzblut in einen Job gesteckt, und nun hatte sie alles vermasselt, weil sie unbedingt mit ihrem Boss schlafen musste.

Unvermittelt verwandelte sich ihre Frustration in Kampflust. Sie war es leid, immer wieder von vorn anzufangen. Sie hatte gestern einen ersten Vorgeschmack davon bekommen, wie gut sich Erfolg anfühlen konnte. Jetzt hatte sie Blut geleckt und wollte mehr.

Außerdem brauchte sie das Geld.

Sie versuchte, einen versöhnlicheren Tonfall anzuschlagen. „Sieh mal, Daniel, ich bin deine Angestellte, und es ist nie gut, Privates und Berufliches zu vermischen. Schieb von mir aus die Schuld auf mich. Wie gesagt, ich war neugierig, und wahrscheinlich ist mir der Erfolg der Wiedereröffnung zu Kopf gestiegen. Aber lass uns wieder zu unserer Geschäftsbeziehung zurückkehren, okay?“

Die ganze Zeit über hatte Daniel ihr schweigend zugehört. Als er sich jetzt vom Billardtisch schwang und sich nach seinem zerrissenen Hemd bückte, sagte er immer noch kein Wort.

Lucy beobachtete das Spiel seiner kräftigen Rückenmuskeln und versuchte vergeblich, den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken.

Sobald er sich wieder aufgerichtet hatte, sah er ihr erneut eindringlich in die Augen. „Nie wieder, also?“, fragte er sachlich.

„Genau.“

„Wir haben unsere Neugier befriedigt und das war’s?“

Lucy nickte heftig, hatte jedoch zunehmend Schwierigkeiten, seinem Blick standzuhalten.

Daniel trat dicht an sie heran und ließ spielerisch die Hand von ihrem Nacken zu ihren Brüsten gleiten. Als die rosigen Knospen sich unter seiner Berührung sofort aufrichteten, erschien ein leises Lächeln auf seinen Lippen, als hätte er die Bestätigung für etwas erhalten, das er bereits vermutet hatte. Dann verschwand das Lächeln wieder. Die gleichgültige Maske, die an seine Stelle trat, war weit überzeugender als die von Lucy.

Wahrscheinlich, weil sie echt war.

Als er in seine Boxershorts schlüpfte, empfand Lucy unwillkürlich ein Gefühl des Verlustes. Vermutlich würde sie diesen hinreißenden Männerkörper nie wieder in seiner ganzen Pracht zu sehen bekommen. Aber was hatte sie erwartet? Dass er sagen würde: Bitte nicht, Baby, es war so unglaublich, dass wir das unbedingt wiederholen müssen? Oder ihr wenigstens einen winzigen Einblick in seine Gedanken gewährte? Eine reichlich naive Hoffnung. Dieser Mann war verschlossener als eine Auster.

Ohne Eile zog Daniel seine Hose und die Schuhe an. Das zerrissene, immer noch feuchte Hemd behielt er in der Hand. „Mach dich fertig und lass uns gehen“, forderte er sie auf. „Am besten, wir teilen uns ein Taxi.“

„Nein, schon okay“, wehrte Lucy eilig ab. „Ich kann zu Fuß gehen.“

„Keine Widerrede“, entgegnete er bestimmt. „Du bist müde, und ich habe kein gutes Gefühl dabei, dich allein durch die dunklen Straßen laufen zu lassen. Ich hole schon mal deine Tasche, während du dich anziehst.“

Wieso will er ausgerechnet jetzt unbedingt den Gentleman spielen?, fragte Lucy sich verzweifelt. „Es ist doch schon fast hell, und ein kleiner Spaziergang wird mir guttun“, beschwor sie ihn. „Ehrlich, Daniel, ich komme schon klar.“

Er zögerte einen Moment, dann ging er mit ausgreifenden Schritten auf die geschlossene Bürotür zu.

„Nein, Daniel, warte!“

Hastig sprang Lucy vom Billardtisch und stürzte ihm hinterher. Sie wusste, dass sie die längste Zeit Clubmanagerin gewesen wäre, wenn er dort hineinging.

Doch sie war nicht schnell genug. Daniel hatte die Tür bereits geöffnet und blickte ungläubig auf ihren Rucksack, den Geigenkasten und den ausgerollten Schlafsack auf dem zweisitzigen Sofa. Langsam drehte er sich zu Lucy um. „Darf ich fragen, was das zu bedeuten hat?“, erkundigte er sich scharf.

Dass ich ganz tief in der Tinte sitze, dachte Lucy düster. Sie hatte kein Geld, kein Zuhause und von jetzt an vermutlich auch keinen Job mehr. Aber war das nicht typisch für sie? Sobald in ihrem Leben einmal etwas gut lief, schaffte sie es garantiert, sich durch irgendeine Dummheit wieder alles zu verderben.

„Wo wohnst du, Lucy?“

Sie sah den mühsam zurückgehaltenen Zorn in seinen Augen und hob beschwichtigend die Hände. „Daniel, ich …“

„Die Straße und die Hausnummer bitte. Jetzt.

Nun wurde auch Lucy wütend. Okay, sie hatte einen Fehler gemacht, aber das gab ihm noch lange nicht das Recht, sie wie eine Kriminelle zu behandeln.

„Ich bin erst am Montag nach Wellington gekommen und hatte noch keine Zeit, mir eine Wohnung zu suchen“, verteidigte sie sich. „Die letzten Nächte habe ich in einer Jugendherberge verbracht, aber mit so vielen Leuten im Zimmer bekomme ich einfach kein Auge zu.“ Energisch blinzelte sie die aufsteigenden Tränen zurück, bevor sie leise hinzufügte: „Ich leide schon seit Jahren unter massiven Schlafstörungen.“

Daniel zog überrascht die Brauen hoch. „Immerhin etwas, das wir gemeinsam haben“, stellte er fest. „Ich nämlich auch.“ Trotz dieses Zugeständnisses klang seine Stimme hart und unversöhnlich.

In der Hoffnung, ihn etwas milder zu stimmen, schenkte Lucy ihm ein mitfühlendes Lächeln, doch der Eisblock weigerte sich zu schmelzen.

„Nach dieser Eskapade halte ich es ehrlich gesagt für das Beste, dieses Arbeitsverhältnis zu beenden“, eröffnete er ihr ungerührt.

Entnervt sah Lucy ihn an. „Meine Güte, Daniel, du tust ja so, als hätte ich ein Schwerverbrechen begangen. Ich dachte einfach, ich könnte hier unterschlüpfen, bis ich …“

„Da hast du falsch gedacht“, unterbrach er sie kalt. „Du kannst hier unmöglich schlafen.“

„Aber es wäre doch nur für ein oder zwei Nächte.“

„Tut mir leid, aber dieses Lokal wurde als Gewerberaum vermietet.“

Darauf schüttelte Lucy ungläubig den Kopf. „Du kennst wirklich nur Regeln und Verordnungen, oder?“

Daniel presste die Lippen zusammen. „Du wirst nicht hier schlafen, Lucy, das ist mein letztes Wort.“

Na schön, dann eben nicht!

Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, rauschte Lucy an ihm vorbei und begann, ihre Sachen zusammenzuräumen.

„Lucy …“

„Was?“, stieß sie ungehalten hervor, während sie mit grimmiger Miene ihren Schlafsack zusammenrollte.

„Dürfte ich dir vorschlagen, zuerst etwas anzuziehen?“

Verflixt, daran hatte sie gar nicht gedacht! Mit nichts am Leib außer ihren Cowboystiefeln gab sie in ihrer gebückten Haltung vermutlich ein höchst lächerliches Bild ab.

„Kein Problem.“

Hoch erhobenen Hauptes stolzierte Lucy zurück in die Bar und zog sich ihr Top und den Rock über. Mit ihrer Unterwäsche gab sie sich gar nicht erst ab. Als sie wenige Sekunden später wieder zurückkam, hängte Daniel sich gerade ihren fertig gepackten Rucksack über die Schulter. Den zusammengerollten Schlafsack hatte er sich unter den Arm geklemmt, und der Geigenkasten stand neben seinen Füßen.

„Können wir?“, fragte er kurz angebunden und hielt ihr ihre Jacke hin.

Sie blieb reglos in der Tür stehen. „Was soll das heißen?“

„Du kommst mit zu mir.“

Lucy blickte ihn ungläubig an.

„Sieh mich nicht an, als wäre ich ein Geist“, sagte er gereizt. „Es ist fast sechs Uhr, und ich habe noch jede Menge Arbeit vor mir. Also lass uns nicht länger hier herumstehen und meine kostbare Zeit mit fruchtlosen Diskussionen vertrödeln. Ich habe ein großes Gästezimmer, das du weder mit irgendwelchen Fremden noch mit mir teilen musst. Also können wir jetzt endlich gehen?“

Daniels Apartment war genauso exklusiv und unpersönlich, wie Lucy es erwartet hatte. Durch die riesigen Panoramafenster hatte man einen fantastischen Blick über den Hafen. Die hypermoderne Einrichtung war teuer, elegant und extrem minimalistisch – das typische Domizil eines allein lebenden Workaholics.

„Das hier ist dein Zimmer.“

Am Ende ihres raschen Rundgangs durch die Wohnung öffnete Daniel die Tür zu einem ganz in Weiß gehaltenen Raum, in dem sich nichts als ein breites Bett, ein Nachttisch und ein verspiegelter Kleiderschrank befanden.

„Danke“, murmelte Lucy und hoffte inständig, er möge sie so schnell wie möglich allein lassen.

„Schon gut. Du kannst hierbleiben, solange du willst.“

„Es wird nur für ein paar Nächte sein.“

Er zuckte desinteressiert die Schultern und deutete auf eine angrenzende Tür. „Dein Bad“, informierte er sie knapp, bevor er sich ohne ein weiteres Wort zurückzog.

Endlich allein, atmete Lucy erleichtert auf und ging direkt ins Badezimmer. Sie zog sich aus und genoss noch einen Moment lang Daniels männlichen Duft auf ihrer Haut. Dann stellte sie sich unter die Dusche und drehte rasch den Wasserhahn auf.

Erst als Lucy sicher war, dass Daniel die Wohnung verlassen hatte, wagte sie sich aus ihrem Zimmer heraus. Sie ging durch den Flur in den großzügig angelegten Wohnbereich. Diesmal nahm sie sich die Zeit, alles genauer zu begutachten. Jeder einzelne Gegenstand war von ausgesucht gutem Geschmack, aber trotzdem war der Gesamteindruck … ja, wie eigentlich? Nach längerem Überlegen kam Lucy zu dem Schluss, dass langweilig die einzig treffende Bezeichnung war. Anstatt etwas von der Persönlichkeit seines Bewohners zu vermitteln, wirkte das ganze Apartment wie ein Ausstellungsobjekt in einem feudalen Einrichtungshaus.

Unwillkürlich fröstelte Lucy. Sie liebte kräftige Farben, Chaos und Lebendigkeit, aber davon fehlte hier jede Spur. Selbst in den wohl gefüllten Bücherregalen herrschte peinliche Ordnung. Die in kostbares Leder gebundenen Bände – vor allem Gesetzbücher und Fachliteratur – sahen aus, als würde man ein ganzes Leben brauchen, um sie durchzuarbeiten.

Dann entdeckte sie in einer Lücke zwischen den Büchern ein Foto in einem schlichten, dunklen Holzrahmen. Es zeigte Daniel und einen älteren Mann, der ihm so ähnlich sah, dass es nur sein Vater sein konnte. Beide waren im vollen Ornat – inklusive Perücke und Talar.

Bei einem genaueren Vergleich ihrer Gesichter stellte Lucy fest, dass es trotz der frappierenden Ähnlichkeit einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden gab. Während die Augen seines Vaters einfach nur braun waren, besaßen die von Daniel jene bernsteinfarbenen Lichter, die auf Wärme, Humor und Leidenschaft hindeuteten – all die Eigenschaften, die er so entschlossen zu verbergen versuchte. Sein Gesichtsausdruck dagegen war kühl und unpersönlich.

Lucy runzelte die Stirn. Genau wie sein Apartment, dachte sie.

Daniel, der sich mit einem Kaffee und dem Entwurf eines Schriftsatzes auf die Terrasse gesetzt hatte, beobachtete sie durch den hauchdünnen Vorhang, der vor der halb geöffneten Glastür hing.

Er hätte daran denken sollen, dieses verdammte Foto wegzuräumen. Je länger Lucy es betrachtete, umso größer wurde sein Unbehagen. Seine Privatsphäre war ihm heilig, deswegen lud er normalerweise nie Frauen hierher ein. Wenn er gerade eine Geliebte hatte, fand er es weitaus unkomplizierter, bei ihr zu übernachten und sich am nächsten Morgen in aller Frühe wieder zu verabschieden. Auf diese Weise kam es gar nicht erst zu einem gemeinsamen gemütlichen Frühstück oder ähnlichen Situationen, die die betreffende Dame veranlassen könnte, auf eine feste Beziehung zu spekulieren.

Mit Lucy lag der Fall anders. Sie hatten zwar miteinander geschlafen, doch Daniel betrachtete sie keinesfalls als seine Geliebte. Auch wenn er zugeben musste, dass er den Sex mit ihr überaus genossen hatte. Es war in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Erlebnis gewesen, aber am erstaunlichsten war die Tatsache, dass er danach auf dem harten, rauen Filz so sanft geschlummert hatte wie in einem frisch bezogenen Bett mit weichen Daunendecken.

Da er schon seit Jahren unter chronischem Schlafmangel litt, hätte die Entdeckung, dass Lucy diesen Effekt auf ihn hatte, ihn eigentlich freuen müssen. Seltsamerweise war das genaue Gegenteil der Fall. Es machte ihn angespannt und misstrauisch, und obwohl seine niederen Instinkte heftig danach verlangten, ihren fantastischen Körper erneut zu besitzen, stand er wie unter einem inneren Zwang, sich von ihr abzugrenzen.

Warum es ihn so störte, dass es Lucy offenbar genauso ging, würde er ein anderes Mal ergründen. Jetzt musste er sie erst einmal davon abhalten, weiter in seinen Sachen herumzuschnüffeln.

Als er plötzlich durch die Terrassentür trat, stieß sie vor Schreck einen kleinen Schrei aus.

„Ich … ich dachte, du hättest schon längst das Haus verlassen“, stammelte sie verwirrt.

„Das sehe ich.“

Daniel blickte vielsagend auf das Foto, das sie immer noch in der Hand hielt. Besondere Schuldgefühle schien sie jedoch nicht zu haben.

„Ist das dein Vater?“, erkundigte sie sich neugierig.

Daniel presste die Lippen zusammen und nickte bestätigend.

„Bei welchem Anlass ist das Foto denn gemacht worden?“

„Es war die Feier meiner Gerichtszulassung.“

Lucy betrachtete die Aufnahme erneut und zog die Stirn kraus. „War deine Mutter nicht dabei?“

„Doch.“ Sie hatte in der letzten Reihe gesessen, weil sie zu spät gekommen war und keinen anderen Platz mehr gefunden hatte.

Langsam ließ Lucy den Blick über die Regale schweifen. „Hast du sonst keine Familienfotos?“

„Nein.“ Daniel hielt sich eisern an die Devise, die er immer seinen Klienten einschärfte: Gib nie mehr preis, als man dich fragt.

„Was ist mit deiner Mutter?“

Anscheinend konnte nichts diese Frau aufhalten …

„Sie hat sich von meinem Vater scheiden lassen, als ich dreizehn war. Jetzt ist sie wieder verheiratet und hat mit ihrem zweiten Mann zwei Kinder.“

Eine nüchterne Zusammenfassung der Tatsachen. Daniel hatte jedoch nie verstanden, warum sie seinen Vater wegen eines anderen Mannes verlassen hatte. Rupert Graydon war attraktiv und vermögend. Er hatte nie eine andere Frau angesehen und seine Karriere unerbittlich vorangetrieben, um seiner Familie ein Leben in Luxus und Sorglosigkeit zu ermöglichen. Aber sie hatte es vorgezogen, ihm alles vor die Füße zu werfen, um mit einem mittelmäßigen Bildhauer zusammenzuleben.

„Bist du nach der Scheidung mit deiner Mutter mitgegangen?“

Für einen flüchtigen Moment sah Daniel seine Mutter vor sich, wie sie an der Tür stand und seinen Namen rief. Er war wie gelähmt gewesen vor Wut und Verletztheit, weil sie seine perfekte kleine Welt aus den Angeln gehoben hatte. Als er ihre unausgesprochene Frage mit einem stummen Kopfschütteln beantwortete, hatte sie sich umgedreht und war gegangen. Hatte nicht einmal versucht, um ihn zu kämpfen.

„Nein, ich bin bei meinem Vater geblieben.“

„Aber er musste doch arbeiten und hatte sicher kaum Zeit für dich.“

Daniel hatte genug von Lucys Fragen und ärgerte sich, dass er überhaupt darauf eingegangen war. Und dieser mitleidige Ausdruck auf ihrem Gesicht war definitiv unangebracht. Er und sein Vater hatten ein gutes Leben geführt. Dad hatte eine Haushälterin engagiert und sich noch tiefer in seine Arbeit gestürzt. Im Laufe der Jahre hatte Daniel gelernt, es ihm gleichzutun. Seine Leistungen in der Schule und später beim Studium waren hervorragend, und mit der Zeit war ihm auch das persönliche Motto seines Vaters in Fleisch und Blut übergegangen: Traue niemals einer Frau!

„Wir sind ganz gut zurechtgekommen.“ Daniel nahm Lucy das Foto aus der Hand und stellte es ins Regal zurück. „Was ist mit dir?“, fragte er sie unvermittelt. „Haben sich deine Eltern auch getrennt?“ Alle Paare schienen das zu tun. Wenn auch nicht räumlich, so doch emotional.

„Nein, sie sind immer noch glücklich verheiratet.“ Lucy schnitt ein Gesicht und setzte hinzu: „Als Eltern waren sie allerdings eine Katastrophe. Sie sind ziemlich bürgerlich und haben ständig versucht, mir und meiner Schwester ihren konservativen Lebensstil aufzuzwingen.“

„Ehe und Kinder führen fast immer zu einem Desaster“, stellte Daniel mit harter Stimme fest. „Und ich will weder das eine noch das andere.“

Als Lucy seinem eisigen Blick begegnete, überlief sie unwillkürlich ein Schauer. Zweifellos meinte er ernst, was er sagte, und seltsamerweise tat er ihr leid. Sie wünschte sich durchaus eine Familie. Aber das setzte voraus, dass sie dem richtigen Mann begegnete. Einem Mann, der sie wirklich liebte. Der trotz ihrer Fehler und Schwächen an sie glaubte …

Entschlossen schüttelte sie die sentimentale Regung ab.

„Ich muss jetzt in den Club“, sagte sie und ging zur Tür, bevor Daniel etwas erwidern konnte. Sie wollte jetzt nicht eingestehen, wie anziehend sie ihn fand. „Danke für das Zimmer“, fügte sie noch hinzu, bevor sie hinausging. „Ich versuche, so schnell wie möglich etwas anderes zu finden.“

In der Principesa angekommen, begann Lucy sogleich, alles für den zweiten Abend unter ihrer Regie vorzubereiten. Doch trotz ihrer intensiven Bemühungen, Daniel aus ihren Gedanken zu verbannen, ging ihr unentwegt das letzte Gespräch mit ihm durch den Kopf.

Obwohl sie ihm die wenigen Informationen förmlich aus der Nase ziehen musste, hatte sie doch genug erfahren, um sich ein grobes Bild von seiner Vergangenheit zu machen. Als seine Mutter ihren Mann – und somit auch ihren Sohn – verlassen hatte, war Daniel erst dreizehn gewesen. Lucy wusste noch sehr gut, wie unsicher und verletzbar sie in diesem Alter gewesen war. Die Trennung von seiner Mutter musste Daniel völlig aus der Bahn geworfen haben. Und die verächtliche Art, mit der er sich über Kinder und Familie geäußert hatte, ließ vermuten, dass er bei seinem Vater nicht die Wärme und Geborgenheit gefunden hatte, die er damals gebraucht hätte. Kein Wunder, dass er heute solche Schwierigkeiten hatte, Gefühle zuzulassen.

Aber damit musste er selbst fertig werden. Sie hatte genug eigene Probleme zu bewältigen. Noch immer fielen die Dämonen der Vergangenheit über sie her, wenn sie am wenigsten damit rechnete. Und noch immer litt sie unter dem Gefühl, dumm und wertlos zu sein und keinen Platz zu haben, an den sie gehörte.

Dennoch konnte Lucy trotz aller rationalen Analysen nicht verhindern, dass ihr Körper sich unvermindert nach Daniel sehnte. Jedes Mal, wenn ihr Blick auf den Billardtisch fiel, durchzuckte sie die Erinnerung an letzte Nacht wie eine heiße Flamme.

Endlich erschienen die ersten Gäste, und eine Stunde später war es so voll, dass sie keine Gelegenheit mehr zum Grübeln hatte. Den ganzen Abend ließ Daniel sich nicht blicken, worüber Lucy heilfroh war.

Als sie schließlich in sein Apartment zurückkehrte, war es schon kurz nach vier. Sie ging direkt in ihr Zimmer, zog sich bis auf den Slip aus und streifte sich eins ihrer alten T-Shirts über. Nachdem sie auch an diesem Abend praktisch ununterbrochen im Einsatz gewesen war, hatte sie gehofft, dass die körperliche Erschöpfung ihr wenigstens zu ein paar Stunden Schlaf verhelfen würde. Nun stellte sie jedoch fest, dass sie viel zu aufgedreht war, um ein Auge zuzubekommen.

In der Annahme, dass Daniel längst schlief, verzichtete Lucy darauf, sich noch einmal in ihre Jeans zu quälen, und tappte barfuß in die Küche, um sich ein Glas Milch heiß zu machen. Sie stand gerade vor der geöffneten Kühlschranktür, als sie hörte, wie die Eingangstür aufgeschlossen wurde. Da sonst niemand hier wohnte, konnte es nur Daniel sein.

Mit angehaltenem Atem stand sie reglos da und hoffte inständig, dass er gleich in sein Schlafzimmer gehen würde. Leider tat er es nicht. Als er die Küche betrat, setzte Lucys Herz einen Schlag lang aus, dann begann es, wie verrückt zu pochen.

Der maßgeschneiderte Smoking, den er trug, brachte seine breiten Schultern beeindruckend zur Geltung, und die leichten Bartschatten auf Kinn und Wangen ließen ihn noch männlicher wirken als sonst. Hätte er in diesem Moment gesagt: „Hallo, mein Name ist James Bond“, wäre sie nicht im Mindesten überrascht gewesen.

Als Lucy merkte, dass sie ihn wie eine überirdische Erscheinung anstarrte, riss sie sich von seinem Anblick los und nahm die Milch aus dem Kühlschrank. „Ich konnte nicht schlafen und wollte mir gerade einen Schlummertrunk machen“, teilte sie ihm mit, sobald sie ihrer Stimme wieder traute.

Daniel musterte sie einen Augenblick lang mit ausdrucksloser Miene, dann nickte er. „Mach mir gleich einen mit, wenn es dir nichts ausmacht. Ich glaube, ich brauche auch einen.“

Während Lucy die Milch in ein Kännchen goss und in die Mikrowelle stellte, war sie sich überdeutlich bewusst, wie unattraktiv sie in ihrem ausgeleierten T-Shirt neben ihm wirken musste.

„Hattest du einen schönen Abend?“, erkundigte sie sich beiläufig, um ihren inneren Aufruhr in den Griff zu bekommen.

„Ja, danke.“

„Wie schön.“

Ende der Konversation.

Und der Beginn verstohlener Blicke.

Jedes Mal, wenn Lucy aus den Augenwinkeln zu ihm hinübersah, stellte sie fest, dass auch Daniel sie gerade beobachtete. Ihr Stresspegel stieg unaufhaltsam. Ihre Körpertemperatur ebenfalls. Als endlich die Mikrowelle klingelte, war sie mit den Nerven am Ende. Sie füllte die dampfende Milch in zwei Becher, nahm sich einen davon und floh mit einem undeutlich gemurmelten „Gute Nacht“ aus der Küche.

Sie brauchte fast zwei Stunden, um sich von dieser Begegnung zu erholen.

Auch an den folgenden Abenden arbeitete Lucy hart und schlief wenig. Doch obwohl ihr die Müdigkeit anzusehen war und ihr sämtliche Knochen wehtaten, trieb sie sich immer weiter an, wild entschlossen, Daniel zu zeigen, was alles in ihr steckte.

Wenn sie der Crew Glauben schenken konnte, war die Principesa noch nie so gut gelaufen wie jetzt. Von Isabel hatte sie erfahren, dass Lara Graydon, die aus einem reichen Elternhaus stammte, den Club im Grunde nie als ernsthafte Einkommensquelle betrachtet hatte, sondern eher als einen Ort, an dem sie mit ihrer Clique herumhängen konnte. Alles Geschäftliche hatte sie ihrem völlig nutzlosen Manager überlassen.

Das Ausmaß seiner Inkompetenz offenbarte sich vor allem in dem desolaten Zustand der „Geschäftsbücher“, die genau genommen aus einem wilden Haufen ungeordneter Papiere bestanden.

Lucy krempelte die Ärmel hoch und machte sich daran, Ordnung in das Chaos zu bringen. Dabei stellte sie fest, dass sie anscheinend mehr von den Buchhaltergenen ihres Vaters geerbt hatte, als ihr klar gewesen war. Früher war ihr der Umgang mit Zahlen ein Gräuel gewesen, doch nun empfand sie diese Arbeit sogar als ausgesprochen befriedigend.

Sie arbeitete bis in die Morgenstunden, und wenn sie in Daniels Wohnung kam, verschanzte sie sich sofort in ihrem Zimmer, bis sie sicher war, dass er das Haus verlassen hatte. Sobald sie ihren ersten Gehaltsscheck bekam, würde sie sich eine neue Bleibe suchen, aber bis dahin blieb ihr nichts anderes übrig, als zu bleiben, wo sie war.

Bis zum Ende der Woche bekam sie Daniel nicht zu Gesicht. Als sie jedoch Freitagnacht von der Arbeit zurückkehrte, kam es zu einer erneuten Begegnung in der Küche. Allerdings mit vertauschten Rollen, denn diesmal war es Daniel, der viel zu spärlich bekleidet vor der geöffneten Kühlschranktür stand.

„Auch etwas warme Milch?“, erkundigte er sich trocken, als er Lucy im Türrahmen stehen sah.

Lucy schüttelte stumm den Kopf. Sie hatte geglaubt, ihre Schwäche für ihn überwunden zu haben, aber ein einziger Blick auf Daniels überwältigend männlichen Körper genügte, um ihr diese Illusion zu rauben. Ihr Puls begann zu rasen, während sie gegen den übermächtigen Drang ankämpfte, sich auf ihn zu stürzen und ihm die seidenen Boxershorts vom Leib zu reißen.

Mit aufreizender Gelassenheit erwiderte Daniel ihren Blick. Das wissende Lächeln, das dabei seine Lippen umspielte, verriet Lucy, dass er genau wusste, was in ihr vorging.

Wieder fochten sie ihr stummes Duell aus, doch den Sieg trug diesmal Daniel davon.

Am folgenden Abend überließ Lucy es Isabel und Corey, den Club zu schließen. Sie hatte eingesehen, dass sie dringend eine kleine Ruhepause einlegen musste, wenn sie nicht vor Erschöpfung zusammenbrechen wollte. Als sie gegen elf Uhr Daniels Apartment betrat, war er nicht zu Hause. Um Mitternacht war er immer noch nicht aufgetaucht, was Lucy in eine seltsam gereizte Stimmung versetzte.

Ruhelos tigerte sie zwischen ihrem Zimmer und dem offenen Wohnbereich hin und her und spürte, wie die sterile Atmosphäre ihre Stimmung immer mehr herunterzog. Dagegen half nur eins! Sie lief in ihr Zimmer, suchte ihre geliebte CD heraus und legte sie in Daniels Anlage ein.

Als die Musik losdröhnte, ging ein breites Lächeln über Lucys Gesicht. Sie schloss die Augen und gab sich ganz dem mitreißenden Rhythmus hin. Tanzen war ihr Weg, sich von allem zu befreien, was sie bedrückte. Das war schon immer so gewesen. Sie ging nicht tanzen, um irgendwelche Typen aufzureißen, sondern um frei zu sein. Aus diesem Grund liebte sie ihren Job auch so sehr. Er gab ihr die Möglichkeit, für andere ein Ambiente zu schaffen, in dem sie für eine Weile ihre Probleme vergessen und dasselbe tun konnten.

Plötzlich verstummte die Musik.

Lucy wirbelte herum und sah Daniel neben der Anlage stehen. Er war wie üblich makellos gekleidet und betrachtete sie mit einem seltsamen Gesichtsausdruck.

„Du tust wohl immer, wonach dir gerade ist, egal, wo du dich befindest, oder?“ Obwohl er es als Frage formuliert hatte, klang es eher wie eine Feststellung.

„Nein“, entgegnete Lucy wahrheitsgemäß. Denn wenn es so wäre, läge sie jetzt schon in seinen Armen.

„Der Gedanke, dass meine Nachbarn bei der Lautstärke aus dem Bett fallen könnten, ist dir aber anscheinend nicht gekommen.“

„Es könnte sogar noch schlimmer kommen“, ergänzte sie sarkastisch. „Sie könnten glauben, dass du Spaß hast, was der Himmel verhüten möge.“

Daniel presste die Lippen zusammen. „Es ist unmöglich, bei Countrymusik Spaß zu haben, Lucy.“

„Findest du?“ Sie warf betont lässig ihre Haarmähne zurück und erwiderte trotzig seinen Blick. „Vielleicht änderst du deine Meinung ja, wenn du dich einmal richtig darauf einlässt.“

„Wohl kaum.“ Offenbar empfand er schon die bloße Vorstellung als Zumutung.

Plötzlich wurde Lucy wütend. „Deine Intoleranz ist wirklich kaum zu überbieten“, warf sie ihm an den Kopf. „Aber vermutlich hältst du das in deiner Arroganz noch für eine Stärke.“

„Ich bin ein hart arbeitender Mann, der es gern ruhig und friedlich hat, wenn er nach einem anstrengenden Tag nach Hause kommt“, informierte er sie kühl. „Aber das hältst du in deiner Arroganz vermutlich für stinklangweilig.“

„Irrtum, Daniel! Vor hart arbeitenden Menschen habe ich großen Respekt, aber ich bin Individualistin und lasse mir von niemandem vorschreiben, was ich gut finden darf und was nicht.“

„Du bist also eine Individualistin?“ Langsam kam Daniel auf sie zu, ohne das zornige Funkeln in ihren grünen Augen zu beachten. „Du hältst dich für unglaublich cool, was? Du würdest dich nie dazu herablassen, einer ganz normalen Arbeit nachzugehen und für irgendetwas Verantwortung zu übernehmen. Das könnte dich ja in den schrecklichen Verdacht bringen, wie alle anderen zu sein.“ Er kam noch etwas näher, bevor er mit sichtlichem Genuss hinzufügte: „Aber leider hast du übersehen, dass Countrymusik absolut uncool ist.“

Lucy schluckte hart. Falls es sein Ziel gewesen war, sie zu verletzen, dann war es ihm gründlich gelungen. „Du hast wirklich nichts begriffen, Daniel“, sagte sie leise. „Was ich meinte, hat mit Countrymusik genauso wenig zu tun wie mit Bach oder Beethoven. Ich habe von der Sehnsucht gesprochen, sein zu dürfen, wie man wirklich ist, ohne dafür abgeurteilt oder verspottet zu werden. Aber um das zu verstehen, bist du ja viel zu kontrolliert.“

Mit finsterer Miene sah Daniel ihr nach, bis sie im Flur verschwunden war.

Als er ihre Zimmertür zufallen hörte, stieß er langsam die Luft aus und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Kontrolliert? Von wegen! Jedes Zusammentreffen mit dieser Frau war wie ein Tanz auf dem Vulkan. In den letzten zehn Minuten hatte er sich ungefähr zwanzig Mal davon abhalten müssen, sie in die Arme zu reißen und bis zur Besinnungslosigkeit zu küssen.

Was hatte sie nur an sich, dass sie immer wieder diese Reaktion in ihm auslöste? Daniel gefiel weder ihre Weltanschauung noch ihre Garderobe. Zugegebenermaßen besaß sie einen wunderschönen Körper, aber das traf auch auf alle anderen Frauen zu, mit denen er ins Bett gegangen war.

Er setzte sich aufs Sofa und griff geistesabwesend nach der aufgeschlagenen Zeitschrift, die Lucy dort liegen gelassen hatte. Als ihm die Überschrift „Zehn Methoden, um ihn wild zu machen“ ins Auge sprang, hätte er beinah laut aufgelacht. Lucy Delaney brauchte diesen Artikel nicht. Sie könnte in einer halben Stunde das ultimative Buch zu diesem Thema schreiben.

Daniel war überzeugt gewesen, dass ein Mal mit ihr genug sein würde, aber wie es aussah, hatte er sich gründlich verrechnet. Sein unvermindertes Verlangen nach Lucy bedrohte zunehmend seinen Seelenfrieden und letztlich auch seine Arbeit.

Er musste sie noch einmal haben.

Nur noch ein letztes Mal. Dann würde er dieses leidige Kapitel endgültig abschließen.

8. KAPITEL

„Steh auf Lucy, wir fahren an den Strand.“

Lucy schreckte aus ihrem Dämmerschlaf hoch, als Daniel in T-Shirt und Bermudashorts ihr Zimmer betrat. Das Erste, was sie in ihrem benommenen Zustand registrierte, war der Anblick seiner gebräunten, muskulösen Beine.

Das muss ein Traum sein, sagte sie sich. Doch als Daniel entschlossen den Vorhang aufzog und strahlendes Sonnenlicht sie blendete, begriff sie, dass sie keineswegs ein Trugbild vor sich sah.

„Lass mich in Ruhe“, sagte sie und vergrub das Gesicht in den Kissen.

„Wann hast du zuletzt die Sonne gesehen?“

„Geh weg …“ Lucy konnte spüren, wie dicht er an ihrem Bett stand, was augenblicklich ein sehnsüchtiges Ziehen in ihrem Körper auslöste.

„Du verwandelst dich langsam in einen Zombie“, fuhr Daniel fort, als sie sich nicht rührte. „Der Club läuft inzwischen fast von allein, aber du arbeitest immer noch wie eine Verrückte. Tut mir leid, wenn ich es so offen sage, aber du siehst schrecklich aus. Und deswegen ordne ich an, dass du dir heute freinimmst.“

Darauf öffnete Lucy endlich die Augen. „Heißt das, du verbietest mir, zur Arbeit zu gehen?“, fragte sie empört.

Er erwiderte mit unbewegter Miene ihren Blick. „Wenn du in den nächsten vierundzwanzig Stunden den Club betrittst, bist du gefeuert.“

„Das kannst du nicht machen!“

„Und ob ich das kann. Ich bin nämlich dein Boss, falls du es vergessen hast.“

Lucy schloss wieder die Augen. „Na schön, ich gehe nicht hin. Und jetzt lass mich allein.“

„Vergiss es. Ich werde nicht eher hier weggehen, bis du dich einverstanden erklärt hast, den Tag an der frischen Luft zu verbringen.“

„Daniel, bitte …“

„Wäre es dir lieber, wenn ich mich zu dir legen würde?“

Blitzartig setzte Lucy sich auf und presste sich das Laken vor die Brust, was Daniel ein zufriedenes Lächeln entlockte.

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