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Im Bann des Schicksals

Im Bann des Schicksals (Siegel des Olymp)

 

Band 1

 

 

 

 

 

Der Ziellose erleidet sein Schicksal - der Zielbewusste gestaltet es.

Immanuel Kant

 

 

 

 

 

 

2016 © Romana Kessner

Prolog

Das Schicksal ist bestimmend ... unberechenbar ... unabwendbar. Wer sich ihm dennoch widersetzt, wird selbst im Tod keinen Frieden finden.

Am Anfang regierte die Dunkelheit, das Nichts – Chaos. Aus diesem gingen die ersten Urgottheiten hervor, deren Tyrannenherrschaft durch ihre eigenen Kinder – den Titanen – ein tödliches Ende fand. So hatte es das Schicksal vorherbestimmt.

Der Widerstand wurde von Kronos angeführt, der seinen Vater stürzte, um seinen Platz einzunehmen und fortan selbst über die Welt zu herrschen.

Ein goldenes Zeitalter begann. Ein Zeitalter des Wohlstandes. Ein Zeitalter des Friedens. Ein Zeitalter, dessen Schicksal jedoch in Blut geschrieben wurde: Auch die Titanen sollten durch die Hände ihrer eigenen Kinder fallen.

Von Angst getrieben verschlang Kronos sein eigen Fleisch und Blut, um das Schicksal abzuwenden. Seine Gemahlin Rhea konnte es allerdings nicht ertragen, auch ihren letztgeborenen Zeus zu verlieren. Ein in Felle gewickelter Stein sollte den verängstigten Titanen deshalb täuschen. Und während er sich in Sicherheit wog, wuchs der Neugeborene auf einer entfernten Insel zu einem starken Mann heran.

Die Zeit nährte seinen Zorn. Und die Entschlossenheit, seine Geschwister zu retten, beschwor einen Krieg zwischen seinesgleichen und den Titanen herauf, der die Welt erneut ins Chaos stürzte.

Viele Jahre der Finsternis brachen über sie herein. Ganze Landstriche wurden verwüstet, Familienbande zerstört und unzählige Leben ausgelöscht. Wie von den schicksalsweisenden Moiren prophezeit, fand die Herrschaft der Titanen jedoch ein vernichtendes Ende. Die Niederlage war den Schicksalsschwestern allerdings längst nicht mehr genug. Ihre Torheit sollte bestraft werden. Und so ließen sie die gestürzten Herrscher in die entlegenste Ecke der Unterwelt verbannen. An einen Ort, den das Licht der Sonne nie berührt hatte. Dort sollten sie ihre Unsterblichkeit mit nicht enden wollenden Qualen fristen. Dies war die Strafe für den Glauben, sie könnten das Schicksal überlisten.

Die Sieger des erbarmungslosen Krieges nannten sich fortan Götter und unter der Führung des Zeus und seiner Brüder Poseidon und Hades unterwarfen sie die Welt nunmehr ihrer Herrschaft. Poseidon herrschte fortan über die Meere. Hades über die Unterwelt und Zeus über den Himmel und die Erde.

Auf der Spitze eines riesigen Berges errichteten sie einen gewaltigen Palast aus feinstem Marmor und purem Gold – den Olymp. Dies wurde die Heimat der Götter, von wo aus sie ein goldenes Zeitalter schmiedeten. Ein Zeitalter des Wohlstandes. Ein Zeitalter der Hoffnung. Ein Zeitalter des Friedens.

Die Geschichte vom Sturz der Titanen und dem Aufstieg der Götter war jedem bekannt. Es war jedoch eine Geschichte, die Geheimnisse verbarg. Geheimnisse, die über Jahrtausende hinweg verborgen wurden. Aus Angst weggeschlossen, weil das Chaos erneut über die Welt hereinbrechen könnte, um sie zu verschlingen.

Ich hatte eines dieser Geheimnisse entdeckt.

Um zu schützen, was mir lieb war, stellte ich mich selbst gegen das Schicksal und musste dafür teuer bezahlen …

Der Wolf im Schafspelz

Athen, 483 v. Chr.

»Haltet den Dieb, er hat die Äpfel nicht bezahlt!«, schrie ein älterer Mann und deutete auf eine vermummte Person, die über den überfüllten Marktplatz der griechischen Stadt flüchtete.

Ein bewaffnetes Heer stürmte daraufhin das Gelände. Auf ihren Schilden und Rüstungen prunkte der Kopf der Göttin Athene – Tochter des Zeus, Schutzpatronin der Polis und Göttin der Weisheit. In ihrem Namen kämpften sie und sollten die Stadt und deren Bewohner schützen. Rücksichtslos stießen sie eben diese und sämtliche Verkaufstische auf ihrem Weg durch die Menge jedoch einfach um. Ein Verhalten, das noch immer von der Tyrannei zeugte, die hinter der Stadt lag. Eine Schreckensherrschaft, die durch den Einzug der Demokratie nie wieder Fuß fassen sollte. Da die Gesetze und Bestrafungen des letzten Königs der Vergangenheit angehörten, wuchs die Kriminalitätsrate jedoch stetig.

Seit Monaten verfolgten sie nun den unverschämten Dieb im schwarzen Kapuzenumhang, der tagtäglich die Geschäfte der Polis bedrohte. Bisher jedoch ohne Erfolg. Und auch dieses Mal konnte er mitsamt der Beute in der dichten Menschenmenge untertauchen.

Ein kräftiger dunkelhaariger Mann in einer silbernen Rüstung überquerte kurze Zeit später den verwüsteten Marktplatz. Einen Helm unter seinem Arm tragend, betrachtete er gewissenlos das Chaos, das von den Wachen angerichtet wurde, während die Bürger ihn mit Blicken des Verachtens straften.

»Hauptmann Arkios!« Eine vergleichsweise schmächtige Wache blieb hinter dem Mann stehen und rang nach Luft. »Der Dieb, er … ist entkommen«, stammelte er.

Der Hauptmann wandte sich abrupt zu ihm um und trat so nah an ihn heran, dass zwischen ihre Brustpanzer nicht einmal mehr ein seidener Faden gepasst hätte. Seine dunklen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und seine Hände ballten sich zu zitternden Fäusten.

Er sehnte sich schon lange nach dem Augenblick, wenn er endlich in das verwahrloste Gesicht des bärtigen Diebes blicken und den Klang von Peitschenhieben und schmerzerfüllten Schreien hören konnte. Erneut wurde ihm dieser Wunsch jedoch verwehrt.

»Ich will, dass Ihr ihn findet«, zischte er wütend. Seine Zähne blitzten dabei unter seinem braunen Vollbart hervor. »Egal wie! Haben wir uns verstanden?«

Die ehrfürchtige Wache nickte heftig und verschwand daraufhin wieder in der aufgebrachten Menschenmenge.

Unweit des Marktplatzes versteckte sich währenddessen eine Gestalt im Schutze eines heruntergekommenen Gebäudes. An die geschlossene Holztür gelehnt, lauschte sie den Schreien der Wachen, bis diese in der Ferne versiegten. Erleichtert zog sie sich dann in eine finstere Ecke zurück und entzündete eine Kerze auf einer umgedrehten Holzkiste. Diese warf ihr Licht in die Dunkelheit und spiegelte sich in verblichenem Eisen wider. Es war ein alter Kessel, gefüllt mit dem Regenwasser der letzten Wochen und einigen Schmiedeharken darin.

Dieses Gebäude war vor vielen Jahren als Schmiede genutzt worden. Sie hatte mutige Krieger mit Schilden und Schwertern versorgt. Nun diente sie nur noch als Unterschlupf für Ungeziefer ... und einen Dieb.

Mit Schwung warf er seine Beute auf die Holzkiste und lauschte dem Plätschern der Regentropfen, die von der maroden Holzdecke fielen und eine Wasserlache auf dem erdigen Untergrund gebildet hatten. Diese zeugte von den heftigen Gewitterstürmen, die seit Wochen über das Land fegten und für erhebliche Schäden sorgten. So auch in der vergangenen Nacht.

Die schwarze Kutte hob sich plötzlich. Aus zwei Löchern kamen zierliche Hände zum Vorschein, die die Kapuze nach hinten schoben und somit das Gesicht freigaben.

Die Kerzenflamme spiegelte sich in den goldbraunen Augen eines jungen Mädchens wider, die sich der Kutte endgültig entledigte. Lediglich ein paar dünne Leinenfetzen bedeckten ihren ausgemergelten Körper, dessen blasse Haut in einem starken Kontrast zu ihren langen dunklen Haaren stand. Trotz ihrer kläglichen Gestalt war sie es jedoch, die das ruhige Erscheinungsbild der Polis aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

Ihr Blick im Bann der Flamme gefangen, schien sich das Mädchen zu sammeln, ehe sie in den Leinensack griff und einen roten Apfel herausnahm. Ihre zaghaften Hände umklammerten ihn, als sie gierig hineinbiss und sich den Geschmack auf der Zunge zergehen ließ. Nicht einmal der faulende Gestank verdorbener Essensreste, der aus den Nebengassen des Marktplatzes zu ihr herüberwehte, konnte sie davon abhalten, diesen Apfel zu genießen.

Ein leises Stöhnen entfloh ihren Lippen. Ihre letzte Mahlzeit lag Tage zurück. Selbst ein einfacher Apfel war für sie daher ein Genusserlebnis, den ihr knurrender Magen mit einem Moment der Ruhe belohnte. In diesem Augenblick dachte sie nicht einmal daran, dass sie in einer Ruine zusammen mit Ungeziefer lebte oder daran, dass man sie hinter den dicken Eisengittern des Kerkers sehen wollte. So weit sollte es jedoch nie kommen. Sie war nicht grundlos immer noch auf freiem Fuß.

Als die Diebin den Apfel verspeist hatte, hielt sie inne und lauschte – nur das leise Plätschern der Regentropfen war zu vernehmen. Keine Schreie aufgeregter Bürger, kein Bellen aufgescheuchter Straßenhunde. Die Wachen hatte ihre Suche wohl aufgegeben.

Ohne einen weiteren Augenblick zu zögern, erhob sie sich und schlich zu dem Kessel. Mit dem darin angesammelten Regenwasser wusch sie sich den Dreck vom Körper, ehe sie eine dunkle Ecke des Gemäuers aufsuchte. Dicke Felle bedeckten den Boden, die ihr in der Nacht Wärme spenden sollten. Unter ihnen holte sie einen braunen Ledersack hervor, aus dem sie einen hellen Satinstoff herauszog. Es war ein edles cremefarbenes Gewand mit goldenen Symbolen darauf. Zweifellos hatte sie dieses auf die gleiche Weise erstanden wie die Äpfel.

Rasch zog sie sich das Gewand über den Kopf und zupfte es an ihrem Körper zurecht. Sorgfältig strich sie ihre Haare dann zu einem Zopf zusammen und fixierte sie am Hinterkopf mit einem schwarzen Seidenband. Nichts ließ mehr erahnen, dass hinter der Fassade ein Straßenkind steckte. Aus der vermummten Gestalt war eine wunderschöne junge Bewohnerin der höheren Gesellschaft geworden.

Sie versteckte den Sack mit den Äpfeln unter dem langen Stoff und blies die Kerze aus, ehe sie zur Holztür lief und durch einen schmalen Spalt nach draußen spähte. Als sie sich sicher war, dass niemand sah, wie sie die Schmiede verließ, schob sie die Tür auf und schritt hinaus.

Ein unbehagliches Gefühl überkam sie in dem Moment, als sie die Sicherheit der Schmiede hinter sich ließ. Diese konnte ihr nun keinen Schutz mehr bieten. Sie musste sich verstellen. Sie musste eine von ihnen werden – eine vornehme Athenerin – die mit erhobenem Haupt durch die Polis stolzierte.

Als sie sich gefasst hatte, holte sie tief Luft und schritt selbstbewusst durch die Menschenmenge in den Straßen. Nicht einmal senkte sie ihren Kopf, geriet aus der Rolle, die sie über Jahre mühselig eingeübt hatte. Sie kannte jede Geste, jeden Blick und jedes gehobene Wort der Adeligen dieser Stadt. Ebenso wie die Verhaltensweisen der Bewohner hatte die Diebin auch die der Wachen studiert. Es war ein Mittel zum Zweck, um sich unauffällig in der Polis fortbewegen zu können. Und es gelang ihr, denn niemand wusste, wer sie war, woher sie kam, geschweige denn wohin sie wieder verschwand. Und dies machte sich mit jedem vollen Sack Essen bezahlt.

Je weiter sie in das Innere Athens vordrang, desto angespannter wurde sie. Nichts war hier wie in den ärmlichen Bezirken am Stadtrand. Die Straßen wurden leerer, die Gebäude größer und der faulige Gestank aus den Gassen schwächer. Hier war es ruhig und es gab kaum Möglichkeiten sich zu verstecken oder schnell zu fliehen. Hier ... war sie leichte Beute für den Hauptmann und seine Wachen.

Als das Mädchen einen großen Platz erreicht hatte, der von allen Seiten mit Steinhäusern zugebaut war, hielt sie inne und sah sich um. Einige Häuser trugen tiefe Risse in den Fassaden – die Stürme hatten selbst die standfesten Gebäude der Mittelschicht beschädigt. Viele wirkten nunmehr wie die Unterkünfte ärmlicher Bauernfamilien.

Eine große Wasserlache inmitten des Platzes spiegelte die Sonne am Himmel wider. Daneben stand ein alter Pferdekarren, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Büsche vor einem der Häuser verbargen kleine Vögel in ihrem Geäst. Deren Zwitschern ließ die Atmosphäre harmonisch wirken, doch die Diebin ließ sich davon nicht beirren. Die Vögel, die munter ihr Lied sangen, wollten sie glauben lassen, dass niemand hier war. Sie hatte allerdings gelernt, sich ihrer Umgebung anzupassen. Warum dann nicht auch andere?

Plötzlich vernahm sie Kindergelächter, das aus einer Gasse zu ihr hallte und sie schließlich aufmerksam werden ließ. Das helle Gold in ihren Augen funkelte und ein bedrohlich wirkender Rotton war zu sehen, als sie ihr Umfeld beobachtete.

Zwei kleine Schatten huschten an der Hausmauer gegenüber vorbei. Das Lied der heimischen Vögel erstarb abrupt. Nur das unheimliche Heulen des Windes, der sich den Weg zwischen den Steinmauern hindurch bahnte, war noch zu hören.

Langsam holte sie den Sack unter ihrem Gewand hervor und ließ ihn auf den Boden fallen. Der Leinensack öffnete sich und das leuchtende Rot der Äpfel kam im gleißenden Licht der Sonne zum Vorschein.

Nur wenige Augenblicke später erschienen zu den schwarzen Silhouetten an den Hausmauern und dem Lachen in den Gassen die dazugehörigen Gesichter. Auch aus den Büschen kamen kleine Gestalten geschlichen und näherten sich ihr.

Es waren Kinder. Einige waren noch im Kleinkindalter. Die Leiber waren ausgemergelt und mit Prellungen übersät. Ihre Haare waren zerzaust und ihre Kleidung aus Leinentüchern zusammengeflickt. Obdachlose Waisenkinder.

Ihresgleichen, würden die vornehmen Bewohner und auch die Wachen nun sagen. Der Dreck der Polis lebte auf den Straßen und ernährte sich von dem, was sie fanden. Dass auch sie Menschen waren, sahen sie nicht, denn das Äußere unterschied sie – das Offensichtliche, das sie zu Außenseitern werden ließ.

Das Mädchen ging auf ihre Knie und übergab jedem Kind einen Apfel. Ein leichtes Lächeln überkam sie dabei, als sie all die glücklichen Gesichter sah. Sie freuten sich, lachten und tanzten, als gäbe es nichts Schöneres. Es war nur ein Apfel, doch für sie bedeutete es, nicht verhungern zu müssen. Noch nicht.

In der Ferne sah sie einen kleinen Jungen, der auf sie zukam. Seinen Kopf hielt er gesenkt, als er vor ihr stehen blieb, sodass seine braunen Haare sein Gesicht verdeckten. Die blauen Flecken und Kratzer konnte er jedoch unmöglich verbergen. Es schien ihm unangenehm zu sein, ebenso wie ihr, denn sie wusste, woher diese Verletzungen stammen.

Erneut griff sie in den Leinensack und holte einen letzten roten Apfel heraus. Ohne ein Wort über die Verletzungen zu verlieren, reichte sie diesen dem Jungen, doch er regte sich nicht. Er sah den Apfel nicht einmal an.

»Du warst die letzten Tage nicht hier. Ich dachte, die Blechmänner hätten dich geholt«, flüsterte er erschöpft.

Erschüttert ließ das Mädchen ihre Hand wieder sinken. »Sieh mich an, Lisias!«, forderte sie ihn daraufhin auf und stützte sein Kinn mit ihrer rechten Hand ab, sodass er ihr direkt in die Augen blickte. »Es ist alles in Ordnung.« Um ihrer Aussage Kraft zu verleihen, lächelte sie wieder. Es wirkte beruhigend auf ihn, das wusste sie.

Lisias versuchte stark zu sein und die anderen zu beschützen. Aus diesem Grund schlich er sich oft auf den Markt, um Essen zu stehlen, auch wenn sie ihm jedes Mal davon abriet. Wie alle Waisenkinder hatte er jedoch keine Wahl, wenn er nicht verhungern wollte.

Vorsichtig begutachtete sie sein blaues Auge, das ihr unter einigen Strähnen aufgefallen war. Auch die Prellungen und Schürfwunden an Armen und Beinen waren höchstens einen Tag alt. Er hatte es also wieder getan, obwohl sie ihn gewarnt hatte.

»Wie viele waren es?«, wollte sie wissen, als sie ein Stück ihres Gewandes abriss und damit sein Gesicht säuberte.

»Vier oder fünf. Einer von ihnen war dieser bärtige Mann«, erwiderte er zögernd. »Er hat gelacht, als sie auf mich einschlugen, dann ließen sie mich liegen.«

Das Mädchen versuchte, ruhig zu bleiben. Sie konnte nicht in Worte fassen, was in diesem Moment in ihr vorging. Trauer. Abscheu. Wut. Er war ein Kind. Er kämpfte um sein Leben, versuchte doch nur den verdammten Tag zu überstehen und dies sollte die Art sein, ihn zu bestrafen? – Ihn fast totzuschlagen? Ihn im Dreck liegen zu lassen und darauf zu hoffen, dass der nächste Regen sein Blut von der Straße spülen würde?

Für sie war dieses Verhalten Beweis genug dafür, dass sich der Hauptmann wieder nach einem strengen Herrscher sehnte, der diese Stadt regierte – einen Tyrannen, wie er selbst einer war. Die Volksherrschaft war für ihn und seine Gefolgsleute nur ein schlechter Witz.

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, als der Hass sie überkam. Auf die Gunst der Götter hoffte sie schon lange nicht mehr, für Gerechtigkeit musste sie selbst kämpfen. Und der Tag würde kommen, an dem er seine gerechte Strafe erhielt. Sie würde ihm ein Messer ins Herz rammen und zusehen, wie sein jämmerliches Leben dahinschied.

Lisias' besorgte Stimme riss sie plötzlich aus ihren Gedanken. Ihre Hände kribbelten unangenehm – ein Gefühl, das immer mit den berauschenden Rachegedanken auftrat.

Sie erstickte ihre Wut, so wie sie es immer tat, und lächelte nun wieder. Eine Fassade, hinter der sie all ihre Emotionen versteckte. Auch Lisias lächelte nun. Er strahlte sogar, als sie ihm wieder den Apfel reichte und er gierig hineinbiss. Für einen Moment vergaß er völlig, zu welch einem erbärmlichen Leben er verurteilt wurde.

Es war die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die Lisias und die anderen Waisenkinder noch am Leben hielt. Dies hatte sie bis hierher gebracht, nicht die Götter. Sie alle wurden von ihnen verlassen, als sie sie gebraucht hatten.

Lisias war erst fünf Jahre alt, als er das Schicksal zum ersten Mal verfluchte. Er kam aus dem Wald seines Heimatdorfes zurück, um seinem kranken Vater den Speer zu zeigen, den er aus einem langen Stock geschnitzt hatte. Doch als er das dunkle Dickicht hinter sich ließ, war ein Schlachtfeld alles, was er vorfand. Die hölzernen Häuser waren niedergerissen worden oder brannten lichterloh. Einige Dorfbewohner lagen regungslos auf dem Erdboden. Seine Eltern waren spurlos verschwunden. Dennoch blieb er in den Ruinen sitzen. Er wartete in der verzweifelten Hoffnung, sie würden kommen und ihn holen. Vergeblich. Die Athener Wachen, die wenige Tage später ins Dorf einmarschierten, brachten ihn dann in die Polis.

Seit diesem schwarzen Tag waren nun fast zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre, in denen er gelernt hatte, dass das Leben ungerecht und hart war. Zwei Jahre, in denen er lernen musste, zu kämpfen und sich zu wehren, um zu überleben. Er teilte dieses Leben mit vielen anderen Waisenkindern, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten oder deren Eltern an einer Krankheit dahingeschieden waren.

»Serena! Ich habe geglaubt, dir sei etwas zugestoßen«, ertönte plötzlich eine erleichterte Stimme.

Aus ihren Gedanken gerissen, drehte sich das Mädchen um und schaute zu einem der umstehenden Häuser. Ein älterer Mann mit dunkelgrauen kurzen Haaren stand in der Holztür und winkte sie hektisch zu sich rüber.

Sie sah sich noch einmal nach Lisias und den anderen um und ging dann auf den alten Mann zu.

»Verzeih Hermokrates, die Unwetter haben meine Arbeit erschwert«, erwiderte sie reumütig und sah zu ihm auf.

Ruckartig zog er sie plötzlich an sich und schloss sie in seine Arme. Der starke Geruche von Minze, den sein Gewand verströmte, umgab sie und ließ sie die Nase rümpfen. Doch Serena blieb steif. Die Umarmung war eine Geste, die ihr fremd geworden war. Sie fühlte sich unwohl, doch ihm zuliebe ließ sie es über sich ergehen. Umso größer war allerdings die Erleichterung, als er wieder von ihr abließ und zurücktrat.

»Ich habe zu den Göttern gebetet, dass sie dich auf all deinen Wegen beschützen mögen, ebenso wie dein Vater es immer tat.«

Serena verschränkte ihre Arme vor der Brust, senkte ihren Kopf und nickte leicht. Seine einfühlsamen Worte ließ sie jedoch nicht an sich heran, denn ebenso wie die anderen Kinder hatte auch sie ihren Glauben in die Götter verloren.

Als sie ihre Eltern verlor, war sie nicht einmal sieben Jahre alt – unschuldig und hilflos. Ein kleines Mädchen, das plötzlich alleine war. Damals hatte man sie ins Athener Waisenhaus gebracht, doch die Welt war kalt, sodass diese Zeit sie geprägt hatte.

Die Betreuer züchtigten die Kinder. Schläge und Hunger leiden standen als Bestrafung für Ungehorsam an der Tagesordnung, sodass sie Reißaus nahm. Auf der Straße begann sie zu betteln ... dann zu stehlen. Schließlich wurde sie sogar gewalttätig, um an Nahrung zu kommen. Getötet hatte sie bisher niemanden, doch das unschuldige Mädchen von damals existierte nicht mehr.

Hermokrates hatte sie oft beobachtet, wenn sie durch die Gassen schlich und nach Essen suchte. Er hatte ihr geholfen, tagsüber nicht zu verhungern und nachts nicht zu erfrieren. Ihre Zukunft musste sie jedoch selbst gestalten, das Beste aus dem Schicksal machen, das ihr die Moiren zugeteilt hatten. Diebstahl, Gewalt und Obdachlosigkeit waren allerdings nicht das, was er sich für sie gewünscht hatte.

»Wen hast du diesmal überfallen?«, wollte Hermokrates wissen und verschränkte seine Arme vor der Brust, als wolle er sie einschüchtern.

Serena blickte zu Lisias, der mit einigen anderen Kindern in der großen Wasserpfütze tanzte. Sie tat es für ihn. Für das kurz andauernde Lächeln eines kleinen Jungen, dem sie sich angenommen hatte.

»Ein Mann aus der oberen Gesellschaft. Er glaubte wohl, dass man ihn unter einer alten Kutte nicht erkennen würde, aber ich habe ihn beobachtet«, zischte sie abschätzig. »Diese Menschen wissen nicht mehr, was sie sich mit ihrem Geld kaufen sollen. Für ihn war es Spaß, um seine Langeweile zu vertreiben. Er hat es verdient!«

»Niemand hat so etwas verdient, Serena!“

»Niemand hat es verdient, unter solchen Umständen leben zu müssen«, raunte sie wütend und deutete auf die brüchige Hausfassade hinter ihm. »In dieser Welt ist kein Platz für Schwächlinge, Hermokrates. Auf die Gunst der Götter können wir uns nicht verlassen. Wir müssen selbst handeln, um zu überleben. Ich werde tun, was ich für richtig halte, das erfordert nun einmal Opfer.«

Hermokrates schüttelte den Kopf. Ihre Stimme klang so kaltherzig, dass es ihm die Sprache verschlagen hatte.

»Täglich sterben obdachlose Kinder, die ein anständiges Leben führen, wie du es dir für sie wünschst«, fuhr sie verständnislos fort. »Das Leben ist ungerecht. Nimm keine Rücksicht, denn du wirst auch keine erhalten!«

Seine Hände in die Hüfte gestemmt, atmete Hermokrates tief durch. »Du handelst für das Wohl der Waisenkinder, das weiß ich. Die Wachen und der Hauptmann kennen dich jedoch nicht. Sie sehen nur deine Taten und werden dich für diese bestrafen. Sie sehen lediglich den Dieb, der Menschen für einen Apfel verletzt. Aus diesem Grund halten sie dich für ein kaltes Biest.«

Serena zuckte nur unbekümmert mit den Schultern. Seine Worte prallten an ihr ab wie an einer Mauer. Sie hatte vor langer Zeit aufgehört sich darum zu sorgen, was andere über sie dachten.

Resigniert senkte Hermokrates seinen Blick. Er sah in ihr noch immer das kleine Mädchen von früher – bevor das Schicksal ihre Welt zertrümmerte. Damals war sie ein aufgewecktes Kind mit Hoffnungen, Träumen und Erwartungen an die Zukunft. Niemals hätte er auch nur zu denken vermocht, dass aus ihr so ein mitfühlender und zugleich kaltherziger Mensch werden könnte. Eine einzige Nacht hatte ihn jedoch eines Besseren belehrt.

Sie trug viele Namen – diese Nacht, in der den Menschen der helle Schein des Mondes verwehrt blieb. Serena nannte sie nur die kalte Finsternis, weil sie in jener Nacht nur die eisige Kälte der Realität verspüren konnte, als sie in der Dunkelheit verloren war.

Als Hermokrates sie nach ihrer Flucht aus dem Waisenhaus von der Straße geholt hatte, verkroch sie sich in einem kleinen Zimmer seines Hauses. Weder trank noch aß sie etwas. Sie verlor kein einziges Wort darüber, was sie durchlebt hatte, stattdessen saß sie Tag und Nacht mit angezogenen Knien unter einem Tisch und simulierte vor sich hin. Sie verschloss die Geschehnisse einfach in sich, ebenso wie ihr Lachen.

Auf eine Zeremonie, die einige Tage später auf dem Athener Stadtplatz stattfand, kam sie nur widerwillig mit. Die Sonne hatte sich lange nicht gezeigt und auch an diesem Tag war der Himmel von dunklen Wolken bedeckt. Ein anhaltender Regenschauer sorgte zudem für kühle Temperaturen.

Serena stand neben Hermokrates in der Menschenmasse, als ein Priester zum Gedenken an die Opfer eines blutigen Überfalls eine Rede hielt. Es war das erste Mal, dass die Bewohner Athens erfuhren, was in jener Nacht hinter den schützenden Mauern der Stadt vor sich gegangen war. Für Serena war es ein Rückblick, den sie mit aller Macht zu verdrängen versucht hatte.

Das schwarze Seidenband, das ihre Mutter ihr geschenkt hatte, zierte ihr Haar, das zu einem Zopf zusammengebunden war. Ihren Kopf hielt sie gesenkt, dennoch war zu sehen, dass sie nicht eine Miene verzog, als man über den Mord an ihren Eltern und unzähligen anderen Menschen sprach. Nicht einmal eine einzige Träne konnte das Mädchen, das von den Göttern verschont wurde, für die Verstorbenen erübrigen. Wie die Tage zuvor schien das traumatisierte Mädchen mit ihren Gedanken fern ab der Realität zu sein.

Zum Schluss der Zeremonie wurde der heilige Gong der Stätte geschlagen, um den Verstorbenen endlich ihren Frieden zu schenken. In diesem Augenblick geschah etwas mit dem in sich gekehrten Mädchen, was den Anwesenden alle Haare zu Berge stehen ließ.

Serenas Augen verströmten plötzlich eine ungeheure Kälte und ihr Körper erzitterte. All das, was sie die vergangenen Tage in ihrem Herzen verschlossen hatte, überkam sie nun wie ein Heer blutrünstiger Krieger.

Ein markerschütternder Schrei drang aus ihrer Kehle, als sie sich auf den Priester stürzte. In ihren Augen loderte das unheimliche Funkeln eines tobenden Feuers, beteuerte dieser, als sie ihn niederstieß und auf ihn einschlug. Zwei der stärksten Athener Wachen waren nötig, um sie wieder zu bändigen. Zwei – für ein einfaches kleines Mädchen, das den Mord an ihren Eltern nicht verkraftete.

Nicht bei Sinnen. Von den Göttern verflucht. Ein Monster.

Die Athener hatten viele Bezeichnungen für sie. Doch seit die Perser ihr kostbares Land bedrohten, war dieser Vorfall offenbar in Vergessenheit geraten, wie so vieles.

Serena hatte nie über diesen Tag gesprochen oder darüber, was sie in jener grausamen Nacht miterleben musste. Er wusste nur, dass sie nicht vergessen, geschweige denn verzeihen konnte. Es nagte an ihr. Es zerfraß sie regelrecht. Ebenso wie ihr fiel es jedoch auch ihm schwer, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Mit dem Tod ihres Vaters hatte er auch einen guten Freund verloren.

Hermokrates schaute wieder zu ihr auf. Wie gefesselt wirkte sie bei dem Anblick der spielenden Kinder. »Du weißt, dass du hier jederzeit willkommen bist. Es wäre wirklich besser, wenn du das alles hinter dir lassen würdest!«

Serena drehte sich zu ihm um. Völlig vergessen schien der Groll, den sie zuvor verspürt hatte. »So ist es für alle besser. Achte bitte einfach auf die anderen«, lächelte sie und wandte sich ab.

Sie verschwand wieder in eine der Gassen ohne ein Wort des Abschiedes. Sie verabschiedete sich nie, weder von Lisias noch von Hermokrates, der ihr besorgt nachschaute. Ein Wiedersehen würde eine Versicherung sein, dass sie zurückkam – ein Versprechen, das sie angesichts ihrer Taten nicht geben konnte.

Die Sonne stand bereits am höchsten Punkt. Der Himmel wurde nur vereinzelt von kleinen weißen Wolken getrübt, als Serena sich vorsichtig der alten Schmiede näherte. Sie war misstrauisch geworden, seitdem die Wachen immer öfter patrouillierten. Sie durfte nicht gesehen werden, wenn sie die Schmiede betrat. Zu groß war die Gefahr für sie und all jene, mit denen sie zu tun hatte. Bedacht lief sie deshalb auf die große Holztür zu und behielt dabei ihre Umgebung genau im Auge.

Erst als Serena die Schmiede betrat und die Tür hinter sich zuzog, löste sich das Unbehagen wieder. An diesem Tag würde sie die Schmiede sicherlich nicht wieder verlassen. Der Apfel, den sie gegessen hatte, musste reichen, egal wie sehr ihr Magen knurrte.

Erneut zündete sie die Kerze auf der Kiste an und betrachtete das ruhige Flackern der Flamme. Sie schien mit ihren Gedanken langsam zu entgleiten, in eine Welt, in die sie sich zurückziehen konnte. In solchen Momenten stellte sie sich oftmals die Frage, was ihr die Zukunft bringen würde oder was wäre, wenn ihre Vergangenheit anders verlaufen wäre.

Instinktiv erhob sie sich. Ihre Augen blickten auf das Bett aus Fellen hinab. Auf der Suche nach etwas Bestimmten wühlte sie sich durch diese hindurch. Erst als sie fündig wurde, atmete sie erleichtert auf.

Sie drückte ein altes Schwert an sich. Das anthrazitfarbene Metall war teilweise verblichen, doch die Klinge behielt noch immer ihre flammenartige Musterung, die sich bis zur Schwertspitze erstreckte. Im Griff erkannte man die Umrisse eines goldenen Sonnensiegels, in dem ein Greif mit gespannten Flügeln abgebildet war. An einer Klingenseite war eine kleine Einkerbung zu sehen, die Serena schlucken ließ, als ihre Finger zitternd darüber strichen.

Dies war das Schwert, das ihr Vater als Letztes in den Händen hielt. Die Waffe, mit der er sich in jener Nacht einen Kampf lieferte, der für ihn tödlich ausging. Diese Kerbe war die Stelle, an der die Waffe des Angreifers auf seine traf. Sie hatte es aus ihrem alten Dorf mitgenommen. Es war eine der wenigen Erinnerungen, die ihr geblieben waren – ebenso wie diese alte Schmiede, in die ihr Vater sie immer mitgenommen hatte, als sie noch klein war.

Ihre Augen glänzten verträumt, während ihre Finger über das Metall strichen, das im Kerzenschein eine feine Gravur aufwies. Es waren kunstvoll eingravierte Wörter, die ihr Vater wählte, sein Handwerk zierten und nicht nur seinen Namen auf ewig an jede einzelne Klinge banden. Sie spiegelten auch seinen Glauben wider, denn er wählte eine Sprache, die sie nicht verstand. Sie gab dem Schwertführer Kraft, davon war er stets überzeugt. Daran glauben konnte das Mädchen jedoch nicht.

Serena hatte immer zu ihm aufgesehen und war begeistert von seinem Handwerk. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie ihr Vater sie mit in die Schmiede nahm, um dieses Schwert fertigzustellen. Sie hatte oftmals den ganzen Tag mit ihm dort verbracht. Damals waren diese Wände noch von Wärme und Freude erfüllt. Manchmal, wenn sie lange genug dasaß, glaubte sie sogar, in der Ferne das Lachen ihres Vaters zu hören. Es schien so unglaublich real, dass sie sich daraufhin jedes Mal suchend umsah. Ihre Augen strahlten dann wie die Sterne. Wenn sie jedoch realisierte, dass es nur eine Einbildung war, verschwand dieses Strahlen sofort wieder.

Er hatte ihr versprochen, dass er eines Tages mit ihr hier ihr erstes Schwert schmieden würde. Sehnlichst hatte sie sich diesen Tag herbeigewünscht, kommen sollte er aber nie. Es blieb ein unerfüllter Wunsch und dennoch wollte Serena nicht vergessen. Es waren Erinnerungen, an denen sie festhielt, weil sie ihr versicherten, dass es eine Zeit gab, in der sie lachen konnte.

Irritiert blinzelte Serena. Die Schrift auf der Klinge verschwamm plötzlich vor ihren Augen. Die Flamme der Kerze zuckte heftig in eine Richtung, als würde ein nahender Sturm drohen, sie zu löschen.

Ihre Augen erstarten abrupt. Ein kühler Schauer jagte über ihren Rücken und ließ ihren Körper erzittern. Da war es wieder – dieses Gefühl, wenn sie die Sicherheit der Schmiede verließ. Angst.

Ihre rechte Hand griff an ihren Hals, wo sie ein kleines goldenes Amulett zu spüren bekam, als sie ihren Kopf zur Tür umwandte. Die Luft zum Atmen wurde dünn und sie hatte das Gefühl, ihr Herzschlag würde aussetzen. Durch den Türspalt erblickte sie einige Schatten, die über den Boden huschten. Noch ehe Serena reagieren konnte, riss das morsche Holz jedoch aus den Angeln und schlug auf dem nassen Boden auf.

Eine ganze Wachtruppe marschierte in ihre Richtung – die Schergen des Arkios. Man hatte ihr Versteck entdeckt.

Geistesgegenwärtig sprang Serena auf und stürzte die Kiste um, sodass das Kerzenlicht erlosch. Sie hatte bereits damit gerechnet, dass man ihr Versteck eines Tages ausfindig machen würde. Eine Situation, die Serena ebenso wie jeden Überfall mehrmals durchdacht hatte, schließlich stand ihr Leben und das vieler anderer auf dem Spiel.

Im Schutze der Dunkelheit stieß sie eine alte Amphore auf der anderen Seite der Schmiede um. Darunter kam ein schmales Loch im Erdboden zum Vorschein, durch das sie gerade so hindurchpasste. Die Wachen kamen nur langsam hinterher, während Serena durch das Loch verschwand und hinter der steinernen Mauer unter einer Holzkiste wieder herauskam.

Die Regenfälle der letzten Wochen hatten den Erdboden stark aufgeweicht, sodass sie sich nur mit Mühe aus dem schlammigen Gefängnis ziehen konnte. Gerade als sie ihre Füße befreien konnte, hatten die Wachen sie auch schon erspäht. Wahrscheinlich hatten sie die Schmiede über längere Zeit beobachtet, vielleicht sogar einen Hinweis gegen Geld bekommen. Nun wussten sie, wer der Dieb war und wie er aussah. Eine Frau. Sie würde niemals im Kerker enden. Diese Blöße konnte man sich nicht geben.

Von Dämonen besessen. Von den Göttern verflucht. Eine Hexe.

Irgendeine Bezeichnung würde der Hauptmann ganz sicher finden, wenn er sie in aller Öffentlichkeit hängen ließ, Demokratie hin oder her.

Serena zwang sich auf die Beine und flüchtete in eine Abzweigung. Einige Wachen schnitten ihr die verwinkelten Seitenwege ab, durch die sie verschwinden wollte, um sich einen Vorsprung zu verschaffen. Stattdessen musste sie durch die überschaubaren Hauptstraßen flüchten, sodass sie sich nirgends unbemerkt verstecken konnte.

In der Stadtmitte waren die meisten Gebäude zu hoch, um zu wissen, was hinter der nächsten Ecke auf sie lauerte. Die Straßen waren somit zu unsicher. Ein alter Pferdekarren, der an ein niedriges Gebäude gelehnt war, kam ihr da gerade recht.

Noch ehe die Wachen sie in die Finger bekommen konnten, stieg sie auf den Karren und zog sich auf das Dach. Leichtfüßig sprang sie von Haus zu Haus, geradewegs zur Akropolis – ein flacher Burgberg, der einst als Sitz der Könige diente. Nun war sie die Tempelstätte und das Herz der Stadt. Ein den Göttern geweihter Ort, der noch nicht von den Wachen geschändet wurde und für die junge Diebin war es ihre letzte Zuflucht. Dort konnte sie nach einem Ausweg suchen. Runter konnte sie nicht mehr. Wie Ungeziefer, das aus seinen Löchern kam, waren die bronzenen Rüstungen plötzlich überall. Sie kamen ihr auf die Dächer nach und wollten sie in die Enge treiben, während sie mit Pfeilen und Speeren am Boden ins Visier genommen wurde.

Dumpf vernahm sie plötzlich tiefes Grollen aus der Ferne, das durch den aufkommenden Wind zu ihr getragen wurde. Der Himmel über den brachliegenden Feldern färbte sich pechschwarz, sodass sie kaum noch den Horizont erkennen konnte. Blitze zuckten über den Wolken – die Vorboten eines weiteren Unwetters. Eines, das womöglich noch schlimmer werden würde als das der vergangenen Nacht.

Am Fuße der Akropolis hangelte sie sich von einem Hausdach hinab und eilte nach Luft ringend den schmalen Weg hinauf, der zum Tempel der Athene führte. Sie stieß dabei mit einigen Athenern zusammen, die ihr nicht schnell genug ausweichen konnten, sodass die Wachen aufholen konnten.

Die Luft kratzte in ihrem Hals und jeder Herzschlag war wie ein Tritt gegen ihre Brust. Sie konnte nicht anhalten. Doch ihr Körper kam allmählich an seine Grenzen. Lange würde sie ihnen nicht mehr davon laufen können. Sie musste einen Ausweg finden. Jetzt.

Als sie das gewaltige Gebilde erreicht hatte, sah sie sich suchend um und erblickte ein Holzgerüst, das am Tempel errichtet wurde. Die Schreie der aufgebrachten Wachen bereits hörend, kletterte sie mit letzter Kraft und trotz starkem Wind auf das wankende Gerüst. Sie sah nicht nach unten, wollte nicht wissen, wie nah ihre Verfolger ihr schon waren. Sie flehte innerlich einfach nur, dass sie verschwanden.

Ein lautes Grollen, das drohte, ihr das Gehör zu zerreißen, ließ sie plötzlich zusammenfahren. Die schwarzen Wolken, die vor wenigen Augenblicken noch über den durchnässten Feldern hingen, brachen plötzlich über die Stadt herein. Das Licht der Sonne verschwand hinter dem Schleier einer undurchdringlichen Wolkendecke und hüllte Athen in Finsternis.

Ein greller Blitz schnitt durch die Dunkelheit und schlug in das Holzgerüst ein, von dem aus Serena sich gerade noch rechtzeitig auf das Dach des Tempels ziehen konnte. Einige Wachen, die ihr folgen wollten, ließen sich fallen und wichen den herabstürzenden Trümmerteilen aus, während die verängstigten Athener die Flucht ergriffen.

Erst war es der Regen, der die Ernte ruinierte, dann die heftigen Winde, die Denkmäler und Häuser beschädigten. Nun waren es die Blitze, die das Leben der Menschen gefährdeten. Ein aus dem nichts auftretendes Gewitter, vor dem die Athener mehr Angst hatten als vor den Gewalttaten der Wachen.

Serenas rechte Hand zitternd auf ihrem Amulett ruhend, schaute sie in die Wolken, die sich über dem Tempel zu einem Trichter formten. Blitze zuckten im Inneren der unheimlichen Wolkenformation, Donnergrollen war jedoch nicht zu hören. Bis auf den heulenden Wind glich Athen einer Totenstadt. Die Ruhe vor dem Sturm.

Vergessen war die Gefahr, die von Arkios ausging, dass sie gerade eben noch geflüchtet war, um ihr Leben zu schützen. Vergessen war auch, dass dieses durch den nahenden Sturm noch immer in großer Gefahr war. Zu gefesselt war sie von diesem Naturschauspiel.

Verängstigt flüchteten einige Athener in ihre Häuser und verbarrikadierten sich, als Blitze durch die Wolkendecke brachen und die Finsternis durchschnitten. Andere warfen sich auf der Stelle in den Dreck und flehten ihre Schutzgöttin um Hilfe an. Nur Serenas Faszination war größer als die Furcht, doch dies machte sie blind.

Ihr Fuß trat plötzlich ins Nichts. Ehe sie reagieren konnte, hatte sie auch schon das Gleichgewicht verloren und fiel in ein Loch, das unweigerlich von einem Blitzeinschlag der vergangenen Gewitter stammte. Das Donnergrollen wurde vom schrillen Laut ihres Schreis übertönt und die Faszination in ihren Augen wich der erschreckenden Angst vor der Realität.

Serena begriff, dass sie diesen Tag nicht überleben würde. Nie wieder sollte sie das prickelnde Gefühl der Sonne auf ihrer Haut spüren, niemals wieder in den klaren blauen Himmel blicken und den Liedern der Vögel lauschen dürfen. Dies war allein den Lebenden vergönnt. Auf sie wartete bereits die Finsternis des Hades.

Sie wollte nicht sterben – nicht hier, nicht heute und auch nicht so. Dieser Gedanke wurde ihr jedoch entrissen, als sie auf der harten Wasseroberfläche des im Tempel befindlichen Beckens aufschlug.

Der Schmerz fuhr durch ihren Körper und lähmte ihn. Die Luft wich aus ihrer Lunge und jegliches Gefühl aus ihren Gliedern. Der Kopf der großen bronzenen Athene Statue, die vor dem Becken aufgestellt wurde, schien auf sie hinabzublicken, während sie regungslos auf den Boden sank. Es war, als würde sie ihr beim Sterben zuschauen. Das Mädchen, das aufgehört hatte, an die Götter zu glauben, wurde nun von ihnen bestraft.

Dumpf drangen verworrene Stimmen zu ihr hinab. Die Wachen waren in den Tempel eingedrungen und versammelten sich um das Wasserbecken. Sie konnte ihre verschwommenen Schatten sehen und ihr Gelächter hören. Dann wurde es schwarz und still um sie herum. Nichts von alle dem schien real zu sein. Weder das verblassende Licht über ihr, das kühle Nass des Wassers noch das schwächer werdende Klopfen ihres Herzens.

Serena erlag ihrer Sterblichkeit. Ihr Wille zu überleben wurde von ihrem eigenen Körper gebrochen. Sie konnte weder Lisias noch eines der anderen Waisenkinder schützen. Sie konnte nur hoffen, dass sie auch ohne ihre Hilfe zurechtkamen und sich nicht dem Schicksal aller obdachlosen Kinder beugten.

Als Serena ein letztes Mal die Augen öffnete, da sah sie es plötzlich – das weiße Licht. Ein heller Schimmer und eine schwarze Gestalt inmitten des Lichtes – ein muskulöser Mann. Sie hielt es für den Herrn der Unterwelt, der gekommen war, um sie zu holen. Und dennoch legte sich ein Gefühl der Geborgenheit auf ihre Seele, als alle Lichter erloschen und sie zum letzten Mal die Augen schloss.

»Du bist in Sicherheit, mein Kind!«, hörte sie eine sanfte Stimme flüstern, ehe sie das Bewusstsein verlor und ihr Verstand von der Dunkelheit verschlungen wurde.

Der Olymp

Der düstere Schleier der Nacht hatte sich über das Land gelegt und die göttlichen Kräfte von Morpheus, dem Gott der Träume, wirkten auf die friedlich schlafende Welt. Es war eine Nacht der Stille, aber diese war tödlich.

Der Mond verschwand im Schatten der Sonne. Der Sage nach fielen selbst die Götter auf dem Olymp zu dieser Zeit in einen tiefen Schlaf, sodass das Tor zur Unterwelt sich ungehindert öffnen konnte. Eine Nacht, in der Hypnos, der Gott des Schlafes, zusammen mit Morpheus über die Welt regierte – die kalte Finsternis.

Angst sorgte für Chaos im Dorf Aphidna, das im Schlund eines tobenden Feuers versank. Doch selbst das helle Flackern der Flammen konnte die Schattenwand um das Dorf herum nicht durchdringen. Die verzweifelten Gebete blieben unerhört und somit waren die aus dem Schlaf gerissenen Bewohner auf sich alleine gestellt.

Schwarze Gestalten brachen plötzlich wie ein Gewitter über sie herein. Schwerter und Speere trafen auf Fleisch. Blut färbte den trocknen Boden rot. Männer, Frauen, selbst Kinder fielen den unbarmherzigen Bestien zum Opfer.

Wimmernd versteckte sich während des Massakers ein kleines Mädchen unter ihrem Bett im Haus ihrer Eltern und lauschte den schmerzerfüllten Schreien, die der Wind zu ihr herübertrug. Der Angstschweiß lief über ihre blasse Stirn und ihre großen braunen Augen waren starr vor Schreck.

Plötzlich spürte sie Vibrationen im Boden, sodass sie kurz innehielt. Es waren Schritte, die schnell näherkamen. Ihre Atmung wurde unruhig und ihre Kehle zog sich allmählich zusammen, denn sie wusste, dass es nicht ihre Eltern waren. Die Schritte glichen mehr einem harten Trampeln in Kettenrüstung.

Jemand war in die Hütte eingedrungen.

Kaum hatte sie diesen Gedanken erfasst, verstummten die Schritte auch gleich wieder. Nicht ein einziger Schrei war mehr zu hören, selbst das Knistern des Feuers schien nun in weiter Ferne zu sein.

Lange harrte sie unter dem Holzbett aus und wartete hoffnungsvoll darauf, dass ihre Eltern durch die Tür kamen, um ihr zu sagen, dass alles in Ordnung war.

Kleine glasige Perlen rollten über ihre Wangen. Nur mit Mühe konnte sie ein aufgeregtes Schluchzen unterdrücken. Ihr Vater wollte sicherlich nicht, dass sie weinte. Nicht in so einem Moment.

Ein dumpfes Krachen ließ sie plötzlich zusammenfahren, ehe das Bild vor ihren Augen verschwamm ...

 

Nach Luft ringend schreckte Serena aus dem Schlaf, gedanklich noch immer in einer Welt, die sie töten wollte. Panisch blickten ihre weit aufgerissenen goldbraunen Augen umher, bis sie realisierte, dass es nur ein Traum war. Einer, der sie in Schweiß badete und Bettdecken in einem Todeskampf zerreißen ließ. Doch es war nichts Außergewöhnliches. Nicht zum ersten Mal rissen sie solche Albträume aus dem Schlaf.

Ihr Handrücken fuhr zitternd über ihre Stirn und strich einige Strähnen aus ihrem Gesicht, als die letzten verschwommenen Erinnerungen nach und nach zurückkehrten.

Sie fiel.

Noch immer spürte sie den stechenden Schmerz in ihren Gliedern, als sie auf der Wasseroberfläche des Beckens aufschlug, bevor die Finsternis über sie hereinbrach und sie aus dem Leben riss. Doch sie war nicht tot. Fragend sah sie sich deshalb um. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie nicht mehr in der alten Schmiede war.

Durch ein großes Fenster fiel das helle Licht der davorstehenden Sonne ein und strahlte die prunkvollen weißen Marmorwände an. Das Bett, in dem sie sich wiederfand, war groß und bequem und somit ganz anders als das Rattennest, in dem sie sonst schlief.

Verwirrt versuchte Serena, ihre Gedanken zu ordnen. Dabei erinnerte sie sich an eine große Gestalt – einen Mann. Waren diese Bilder real oder nur eine Einbildung? Doch wenn es nur eine Einbildung war, wo war sie dann? Wie kam sie hierher? Aber vor allem, wer brachte sie hierher? Fragen, die ihren angeschlagenen Verstand quälten und sie vor Erschöpfung wieder ins Kissen drängten.

Für einen Moment empfand sie ein angenehmes Gefühl der Ruhe, in der ihr alles gleichgültig schien. Lange war es her, dass sie alles um sich herum ausblenden konnte. Sie war es gewohnt, immer mit einem Ohr ihrer Umgebung zu lauschen. Wenn das Zwitschern der Nachtvögel und das Fiepen der Mäuse in der Schmiede erstarben, dann drohte Gefahr – Ruhe bedeutete Gefahr und somit war diese nur von kurzer Dauer.

Serena glaubte, den Fall möglicherweise überlebt zu haben. Vielleicht hatten die Wachen sie hergebracht und warteten darauf, dass sie wieder bei Bewusstsein war, um sie dann in der Öffentlichkeit erhängen zu können. Aufgeregt schob sie daher die samtweiche Decke von sich herunter und stand auf. Wie ein Kleinkind, das gerade erst laufen gelernt hatte, steuerte sie auf das große Fenster zu. Ihre Beine waren schwer wie Blei und kribbelten bei jedem Schritt, den sie vorankam.

Als sie endlich den von der Sonne aufgewärmten Marmor der Fensterbank unter ihren Händen spürte, atmete sie tief durch, ehe sie nach draußen spähte. Das gleißende Licht blendete Serena jedoch und ließ sie die Augen zusammenkneifen. Dennoch war es für sie ein schönes Empfinden, das warme Kribbeln des Himmelskörpers auf ihrer Haut zu spüren. Nie hätte sie gedacht, sich über so eine Kleinigkeit jemals so zu freuen.

Der wohltuende Duft frischer Blumen ließ sie abrupt innehalten. Es war einige Jahre her, dass sie diesen Geruch das letzte Mal wahrgenommen hatte, aber dennoch war er unverkennbar. In Athen würde man danach jedoch vergebens suchen.

Irritiert hielt sie ihre Hand vor die Sonne und versuchte, einen Blick zu erhaschen. So bekannt ihr der Geruch vorkam, so unbekannt schien ihr jedoch der Ausblick zu sein. Seit dem Tod ihrer Eltern vor über acht Jahren hatte sie die schützenden Mauern von Athen nicht mehr verlassen. Die einzigen grünen Pflanzen, die sie somit sah, waren die wenigen zurechtgestutzten Olivenbäume am Athener Tempel oder die Sträucher, die auf dem Marktplatz verkauft wurden. Umso überraschter war sie nun, als sie eine kleine mit Blumen bedeckte abfallende Wiese erspähte, hinter der das grüne Blätterkleid von Bäumen im Licht tanzte. Sie hatte nicht geglaubt, dass es überhaupt so viel Natur in Athen gab.

Völlig überwältigt bemerkte sie erst jetzt, dass ihr Fenster sich in luftiger Höhe befand und ihr eine Flucht deutlich erschwerte. Als sie sich hinauslehnte, betrachtete sie die weiße Marmormauer des Gebäudes, die einen großen Turm zu bilden schien. Dieser ragte weit über ihren Kopf hinweg.

Als sie hinabschaute, blickte sie auf eine große Freitreppe, die auf einen weitläufigen gepflasterten Platz führte. Es war, als würde sie erneut auf dem Dach des Tempels stehen und auf die kleinen Menschen hinabblicken. Doch dieses Gebilde war weitaus größer als das Heiligtum der Polis. Da kam ihr der Gedanke, dass sie unmöglich noch in Athen sein konnte. Dieser Ort war viel zu paradiesisch.

Ein plötzliches Klopfen ließ Serena zusammenfahren. Es kam von der großen Marmortür am Ende des Raumes. Jemand bat um Einlass, den Serena jedoch ungern gewähren mochte.

Es war gefährlich mit jemandem zu reden, den man nicht kannte, schoss es ihr durch den Kopf. Das hatte ihr Vater ihr immer eingebläut, als sie noch klein war, doch sie war kein Kleinkind mehr. Trotzdem zögerte sie und starrte gebannt zur Tür, als hoffe sie, sie würde dadurch eine Antwort erhalten.

Ein weiteres Mal hämmerte es an der Tür. Noch immer ließ Serena kein Wort verlauten, starrte wie gebannt auf die Tür, als hoffe sie, das Problem würde sich von selbst lösen. Kurz darauf klopfte es wieder, doch plötzlich schlug das Schloss um. Ohne ein Wort des Einlasses schob sich die Tür in den Raum hin auf.

Ein zierliches Gesicht lugte durch den leicht geöffneten Spalt herein und sah sich um, doch Serena war nicht mehr da.

Wenige Augenblicke verstrichen, bis erneut Bewegung aufkam. Die Tür ging weiter auf und zum Vorschein kam eine junge Frau in einem weißen langem Gewand, das sich an ihre schmale Figur schmiegte. Ihr goldbraunes Haar war am Hinterkopf mit Spangen fixiert, sodass man sofort auf ihre haselnussbraunen Augen aufmerksam wurde, die im Sonnenlicht leuchteten.

Sie schwebte elegant in den Raum, als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Auf ihren mit goldenem Schmuck behangenen Armen trug sie ein Tablett mit kleinen Tongefäßen und einer Wasserschüssel darauf.

Zielstrebig lief sie auf einen kleinen hölzernen Tisch neben dem Bett zu. Mit einem Lächeln auf den Lippen stellte sie das goldene Tablett darauf ab und öffnete geduldig die Gefäße, während Stille den Raum erfüllte.

»Willst du dich für den Rest deines Lebens hinter dem Bett verstecken und darüber nachdenken, ob du mir trauen kannst?«, ertönte ihre sanfte Stimme plötzlich, doch es blieb still.

Lachend schüttelte sie den Kopf und stemmte ihre Hände in die Hüfte. »Ich weiß, dass du dich hinter dem Bett versteckst, Serena. Ich werde dir nichts tun!«, versicherte die Fremde und blickte in ihre Richtung.

Nur wenige Augenblicke später kamen große funkelnde Perlen hinter dem Bett zum Vorschein. Es war Serena, deren Augen im hellen Zimmer geradezu rötlich schimmerten, als sie langsam hinter dem Bett hervorkam und sich den musternden Blicken der Frau aussetzte.

Serena kannte sie nicht und dennoch wurde sie das Gefühl nicht los, sie irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Allerdings brachte sie auch das Empfinden der Vertrautheit nicht dazu, sie an sich herantreten zu lassen. Ihr war wohler dabei, ein Hindernis zwischen ihr und der Frau zu wissen. Schließlich war sie eine Fremde und Serena hatte gelernt, Fremden nicht über den Weg zu trauen.

»Ein Glück, dass du wohlauf bist –«

»Wer seid Ihr?«, unterbrach Serena sie schroff.

Die junge Frau sah sie fragend an. Die Verwunderung über ihren Tonfall stand ihr ins Gesicht geschrieben, doch ebenso verwundert schien sie darüber zu sein, dass Serena sie nicht erkannte. Dennoch lächelte sie und setzte sich sogar auf das Bett. Für Serena war dies allerdings zu nah und so wich sie zurück, bis sie die Marmorfensterbank in ihrem Rücken spürte, die ihr vermittelte, dass sie in der Falle saß.

»Das fragst du mich, obwohl du mein Gesicht jeden Tag auf Amphoren und Schilden gesehen hast? Was ist mit der Statue in meinem Tempel, in den du dich immer heimlich geschlichen hast, um Schutz zu suchen. Weckt das deine Erinnerungen?«

Die Fremde konnte verfolgen, wie Serenas Gesicht entgleiste. Ihre Augen weiteten sich und ihre Hände verkrampften. Die Unsicherheit war ihr deutlich anzusehen. Unzählige Gedanken gingen ihr durch den Kopf, doch alle verwarf sie gleich wieder. Auch wenn sie es für einen Moment in Erwägung zog, dass diese Frau kein Mensch war, konnte es einfach nicht wahr sein. Es war ein Traum. Möglicherweise lag sie noch immer auf dem Grund des Wasserbeckens. Vielleicht schlug genau in diesem Moment ihre letzte Sekunde und ihr Leben erlosch wie die Flamme einer Kerze.

Vor den Augen der Frau zwickte Serena sich plötzlich in den linken Unterarm. Sie hoffte, dass sie dadurch aus diesem Szenario erwachen würde. Der Schmerz, der kurz darauf durch ihren Körper fuhr, ließ ihr jedoch bewusst werden, dass sie bereits in der Realität war. Einen Schmerzensschrei konnte sie sich verkneifen, dennoch entfuhr ihr ein unterdrücktes Zischen und auch die verwunderten Blicke ihres Gegenübers konnte sie dadurch nicht abwenden.

»Ich weiß, dass es seltsam klingt. Aber wenn du mich erklären lässt, dann wirst du es verstehen«, fuhr die Frau ruhig fort und faltete ihre Hände vor sich.

Wütend schüttelte Serena den Kopf und ihre Augen formten sich zu schmalen dunklen Schlitzen. »Habe ich Euch bestohlen? Ist das der Grund, weshalb ich hier bin? Wollt Ihr eine Entschuldigung, ehe ich an die Wachen ausgeliefert werde? Wenn dem so ist, solltet Ihr euch Eure kostbare Zeit sparen. Eine Entschuldigung werdet Ihr nicht erhalten.«

Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht der Frau. Doch trotz Serenas unverschämten Verhalten blieb sie ruhig. »Ich weiß, für wen du so viel auf dich genommen hast und dafür verurteile ich dich nicht«, erwiderte sie verständnisvoll.

»Warum wurde ich dann hier hergeholt?«, wollte das aufmüpfige Mädchen wissen. »Und wo bin ich?«

»Das weißt du noch immer nicht? Du bist hier am Olymp!«, lachte die Frau ungeniert.

Eine Weile blieb es ruhig, während Serena die Fremde ungläubig anstarrte. Sie wollte sie auslachen, doch sie wirkte so ernsthaft, dass sie es sich verkniff. Stattdessen wandte sie sich einfach nur ab und schüttelte erneut den Kopf.

»Du hast mit deiner Mutter in einem kleinen Dorf gewohnt. Nach ihrem Tod wurdest du nach Athen gebracht, hast Hunger und Krankheiten überstanden. Du bist sogar vom höchsten Gebäude der Stadt in die Tiefe gestürzt ... und hast überlebt … erstaunlich für eine gewöhnliche Sterbliche«, fuhr die Frau geduldig fort.

Einen Moment lang wirkte Serena ergriffen, doch dann verhärteten sich ihre Gesichtszüge wieder. »Ihr wollt mir also weismachen, dass Ihr Athene seid? Von einer Göttin hatte ich mir mehr erhofft. Ihr hättet euch besser informieren sollen, dann wüsstet Ihr auch, dass ich mit meiner Mutter in diesem Dorf nicht alleine gelebt habe. Mein Vater war auch dort und fand in derselben Nacht den Tod wie sie und viele andere!«

Serena ballte ihre Hände zu Fäusten. Sie war erleichtert darüber, diese Worte losgeworden zu sein, denn der Überzeugungsversuch ihres Gegenübers ließ sie wütend werden. Aus diesem Grund wollte sie das klägliche Scheitern der vermeintlichen Göttin in vollen Zügen genießen, doch diese wich ihrem Blick betroffen aus.

»Er war nicht dein Vater …«, flüsterte die Fremde zögernd.

Serenas Gesicht entgleiste plötzlich. Ihr Mund wurde staubtrocken und die Luft in ihrem Hals kratzte unangenehm. »W-Was habt Ihr gesagt?«, hakte sie mit heißerer Stimme nach.

»Er war nicht dein Vater und das weißt du!«, wiederholte sie deutlicher. »Tut mir leid«, fügte sie hinzu, ehe sie zum Fenster hinausblickte und Serena einen unbeobachteten Moment schenkte, in dem sie sich wieder fassen konnte. Doch es gelang ihr nicht. Ihre Fassade bröckelte.

Langsam wandte auch Serena sich zum Fenster um und blickte nach draußen. Ihre Stirn legte sich wieder in tiefe Falten. Sie konnte nicht verstehen, woher diese Frau wusste, dass der Mann, der sie jahrelang aufgezogen hatte, nicht ihr leiblicher Vater war. Nur Hermokrates wusste davon, schließlich war er ein enger Freund ihres Vaters. War also an ihren Worten vielleicht doch etwas dran? War sie hier wirklich an einem Ort, der für die meisten Menschen eine einfache Vorstellung bleiben würde?

»Ich weiß, dass es schwer zu glauben ist. Ich kann verstehen, dass dir das alles –«

»Nein, das könnt Ihr nicht!«, fiel Serena ihr prompt ins Wort und drehte sich aufgebracht zu ihr um. »In einem Moment bin ich in Athen, flüchte vor dutzenden Wachen, die mir nach dem Leben trachten und dann … Ich war der festen Überzeugung, ich würde sterben. Nun bin ich hier, auf dem Olymp, bei einer Frau, die mir Dinge erzählt, die niemand wissen kann ...«

Angespannt ließ Serena sich schließlich auf das Bett sinken und vergrub ihre schweißnassen zitternden Hände in ihrem Schoß.

Das Gesicht der Fremden hatte sich in ihrem Unterbewusstsein eingebrannt. Täglich hatte sie es in der Polis gesehen. Amphoren, Flaggen, selbst die unzähligen Statuen spiegelten es wider. Doch erst jetzt konnte sie allmählich glauben, dass sie die Göttin leibhaftig vor sich hatte – Athene, Göttin der Weisheit und Tochter des Zeus. Eine seltsame Wende, schließlich hatte sie sich vor langer Zeit von den Göttern abgewandt und sie als Hirngespenste der Gläubigen abgestempelt.

»Warum bin ich hier?«, wollte Serena wissen.

Athene zögerte und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Timaios hat dich wie seine eigene Tochter geliebt …«, erwiderte sie schließlich mitfühlend. »Das Amulett, das du um deinen Hals trägst, hat er geschmiedet und von uns segnen lassen. So konnten wir dich immer beobachten und schützen.«

»Wofür? Warum mich?«, hakte Serena verwirrt nach.

Athene lächelte leicht. »Hast du dich nie gefragt, wer dein richtiger Vater ist? Er hat dich hier hergebracht«, fuhr sie dann fort und wartete auf ihre Reaktion.

Gedankenversunken blickte Serena zu Boden. Sie hatte oft über diese Frage nachgedacht, doch als Kleinkind hatte es sie nicht interessiert, schließlich hatte sie einen Vater, der für sie da war. Und nach dem Tod ihrer Mutter und ihm konnte es ihr niemand mehr sagen.

Athenes Worte hallten in ihrem Verstand wider. Sie erinnerte sich an das verschwommene Abbild eines muskulösen Mannes und eine Stimme, kurz bevor sie im Athener Tempel das Bewusstsein verlor.

»Du bist in Sicherheit, mein Kind!«, flüsterte Serena verwirrt.

Athene erhob sich und lief zu dem goldenen Tablett. Mit einem watteartiges Tuch und der Wasserschüssel kam sie zurück, griff vorsichtig nach Serenas linker Hand und zog sie zu sich. Diese schien geistig völlig abwesend zu sein. Ihr wollten die Worte dieses Mannes, den sie für Hades hielt, nicht mehr aus dem Kopf gehen. Als ihr Arm jedoch anfing zu brennen, fuhr sie zusammen.

»Das hört gleich wieder auf!«, beruhigte die Göttin sie und wickelte ein dünnes Tuch um ihren Arm.

Ein tiefer Kratzer zog sich über ihren Unterarm. Serena hatte ihn nicht einmal bemerkt. Umso verwunderter war sie nun, da sie ihn zu Gesicht bekam und den Schmerz realisierte. Wahrscheinlich hatte sie sich verletzt, als sie durch das Loch im Athener Tempel fiel.

»Deine Haut ist eiskalt«, fuhr Athene verblüfft fort, als sie über ihren Arm strich. »Fühlst du dich nicht wohl?«

Serena schüttelte unmerklich den Kopf. Sie war mit wichtigeren Gedanken beschäftigt, als sich um die Temperatur ihrer Haut zu kümmern.

Athene richtete den Verband und zog ihn schließlich fest. Ihre Hand auf Serenas ruhend, sah sie dann wieder in ihr nachdenkliches Gesicht. »Der Mann, von dem du sprichst, ist Zeus. Er hat dich gerettet. Und er war es, der dich hierher gebracht hat.«

Serena sah fragend zu ihr auf. »Ihr meint, er …?« Ihre Stimme brach, noch bevor sie den Satz beenden konnte. Es war ein Gefühl der Machtlosigkeit, das in ihr hochkam. So sehr sie auch versuchte, gegen ihre Gefühle anzugehen, verfiel sie doch ihrer Menschlichkeit.

»Er ist dein Vater und somit bist du eine Halbgöttin«, erwiderte Athene nickend. »Zeus erschien deiner Mutter vor über 15 Jahren in menschlicher Gestalt. Er war fasziniert von ihr und sie ließ sich für einen einzigen Abend auf ihn ein. Kurze Zeit später lernte sie Timaios kennen. Zeus ließ dich bei ihnen, denn du gabst ihnen jeden Tag einen Grund zu lächeln. Doch dein richtiger Vater hatte stets ein Auge auf dich und mithilfe des Amuletts konnte er dich immer in Sicherheit wissen.«

Serena erhob sich, als Athene innehielt, und lief wieder ans Fenster. Mit einem Mal schien ihr sogar die Luft, die sie ein- und ausatmete fremd zu sein.

Sie – eine Halbgöttin? Ein schlechter Witz. Sie war normal, sterblich, wie all die anderen auch. Wie sollte sie also glauben, dass in ihren Adern das Blut eines mächtigen Gottes floss?

»Wieso hat er mich jetzt hierher gebracht? Warum nicht damals, als ich alleine war? In der brennenden Ruine meiner Heimat? Wieso jetzt?«, hakte Serena nach.

»Ich habe es für besser erachtet, wenn du unter Menschen aufwächst!«

Serena hielt inne und drehte sich langsam um. Auch Athene wandte ihren Blick zur Tür.

In einem edlen weißen Gewand gekleidet stand er dort. Sein weißes langes Haar umschloss mit dem gleichfarbigen langen Bart sein markantes Gesicht und ließ ihn streng wirken.

Die Göttin erhob sich vom Bett und verbeugte sich respektvoll, Serena erstarrte jedoch. Er war es, dessen verschwommenes Bild sie durch die Wasseroberfläche gesehen hatte – er war ihr Vater.

Zum ersten Mal in ihrem noch jungen Leben blickte sie in die Augen eines Fremden und fühlte dennoch diese Vertrautheit. Athene konnte nicht gelogen haben. Sie erzählte ihr die Wahrheit, dennoch wusste sie nicht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte. Umso unsicherer schien Serena nun, da sie noch immer regungslos dastand und in die braunen Augen des mächtigsten Mannes blickte, dem sie je begegnen würde.

Langsam schritt Zeus in den Raum, direkt auf Serena zu, während er sie euphorisch begutachtete. Er wirkte gefesselt, sodass er sogar Athene vergaß.

Als er vor der Halbgöttin zum Stehen kam, musste sie ihren Kopf in den Nacken legen, um seinen Blick zu erwidern, und wurde durch ein Stechen im Genick wieder an den Unfall erinnert. Doch es war ihr Stolz, der ihr verbot, sich die Schmerzen anmerken zu lassen.

»Sieh dich an. Du siehst aus wie deine Mutter!« Ein herzhaftes Lachen entfuhr dem olympischen Herrscher und ließ Serena zusammenfahren, sodass sie ihren Blick senkte.

»Zu verstehen fällt ihr noch schwer, aber ich bin mir sicher, dass sie es schon bald akzeptieren wird«, erklärte die Göttin der Weisheit und trat neben sie.

Das Amulett fest mit ihrer rechten Hand umklammert, sah Serena wieder zu Zeus auf und nahm all ihren Mut zusammen. »Verzeiht, i-ich kann nicht glauben –«

»Ich erwarte nicht, dass du mich sofort als Vater anerkennst oder du mir verzeihst, dass ich all die Jahre nicht an deiner Seite stand«, fuhr Zeus ihr sofort ins Wort. »Du hast alle Zeit, die du brauchst, um dich an diesen Ort und an uns zu gewöhnen. Ich möchte dich jedoch wissen lassen, dass ich dich nie aufgegeben habe. Ich hätte dich so gerne auf den Olymp geholt, aber …« Seine Stimme brach.

»Du bist eine Halbgöttin, Serena«, sprang Athene für den Herrscher erklärend ein. »Viele würden dein Blut als unrein ansehen, weder sterblich noch göttlich. Wir dachten daher, es wäre besser für dich, wenn du unter Sterblichen aufwächst. Doch nun …« Athene stockte und sah zu ihrem Vater auf.

»Ich habe gehofft, dass ich dir das nicht antun muss«, fuhr er leise fort.

Serena holte tief Luft. Noch immer hatte sie das Gefühl, es sei nur ein Traum, doch innerlich hoffte sie, dass dem nicht so war. »Was muss ich tun?«, fragte sie überraschend gefasst und hielt den angespannten Blicken der Götter stand.

Athene wollte ihr antworten, doch die Verwirrung über ihre Beherrschung war so groß, dass sie mit geweiteten Augen zu ihrem Vater schaute. Dieser strich sich mit seiner rechten Hand durch den Bart, während er kurz nachdachte.

»Du wirst in die Rolle einer olympischen Bediensteten schlüpfen müssen. Jedenfalls so lange, bis ich eine andere Lösung gefunden habe, die es dir erlaubt hierzubleiben.«

Serena runzelte fragend ihre Stirn. »Das bedeutet, niemand darf von mir wissen?«

»Die Olympier und enge Vertraute sind eingeweiht. Ansonsten weiß niemand von deiner wahren Identität und das sollte auch so bleiben. Wir bitten wir dich also, keinen engen Kontakt zu Außenstehenden aufzubauen. Außerdem ist es wichtig, dass du dich an unsere Anweisungen hältst, sodass niemand Verdacht schöpft«, erwiderte die Göttin nickend und wandte sich wieder zu ihrem Vater um.

Seine muskulösen Arme vor seiner Brust verschränkt, wirkte er nachdenklich. Ihn schien dieses Geheimnis sehr zu beschäftigen. Die anderen Götter anlügen zu müssen würde sicherlich keine leichte Aufgabe darstellen. Selbst für den Herrscher des Olymp war dies kein entspanntes Unterfangen, das war Serena bewusst, dennoch wollte sie sich ihre Unsicherheit nicht anmerken lassen, um bei ihrem Vater keine Bedenken auszulösen. Sie hatte ihn schließlich gerade erst kennengelernt.

 

In der einheitlichen Bekleidung eines Dienstmädchens, bestehend aus einer weißen langen Tunika, führte Athene sie bereits kurze Zeit später durch die großen Gänge und Räumlichkeiten des Göttersitzes. Riesige Marmorsäulen und Statuen, überwiegend die des Zeus, schmückten Durchgänge und Podeste. Prunkvolle goldene Kronleuchter, die bei Dämmerung selbst die dunkelsten Ecken ausleuchteten, ließen den weißen Marmorboden glänzen. Der Olymp glich keinem gewaltigen Schloss. Er war ein Palast. Kein Königreich der Welt konnte dem Zauber des Göttersitzes gleichgestellt werden. Dies bestätigte auch das strahlende Glitzern in Serenas Augen, als sie sprachlos durch die Gänge wanderte.

In einem seitlich offenen Korridor, in den das helle Sonnenlicht eindrang, erhaschte sie einen wohltuenden Blick nach draußen. Kein Dach, nicht einmal der stickige Qualm eines Ofens erschwerte ihr die Sicht. Nur die Baumwipfel, die sie auch aus ihrem Zimmer sah, streckten sich am Abhang wie Türme in die Höhe.

An der großen Freitreppe angekommen, die direkt zum Festplatz herunterführte, blieben sie stehen. Das alles war noch immer surreal für Serena und dies blieb auch Athene nicht verborgen.

»Wir alle wissen, was du durchgemacht hast und wie schwer das für dich sein muss.« Die Göttin griff nach ihrer Hand und hielt sie fest in ihren, während ein kleines Lächeln über ihre Lippen huschte. »Wichtig ist nur, und das sollst du wissen, wie froh wir sind, dass du hier bist, wenn auch nicht unter angemessenen Bedingungen. Wir werden dich unterstützen. Also mach dir keine Gedanken!«

Mühevoll brachte Serena ein kleines Lächeln über ihre Lippen. Wenngleich es ihr schwerfiel, den Worten der Göttin zu glauben, beruhigten sie sie ein wenig. Doch da war noch ein Gedanke, der ihr keine Ruhe ließ.

»Was ist mit den Menschen in Athen?« Sofort verschwand das Lächeln wieder und Serena runzelte niedergeschlagen die Stirn. »Ich meine, sie wissen nicht, dass ich fort bin.«

Athene blickte in die Ferne. Ihr Gesichtsausdruck machte Serena keinerlei Hoffnung. »Sie werden einfach weiterleben, Serena, dem Verlauf ihres Schicksals folgend, egal ob du da bist oder nicht. Es wird Zeit, dass du dich auf dein Leben konzentrierst.«

Auch wenn sie ihre Worte weise gewählt hatte, waren sie dennoch frustrierend für die junge Halbgöttin. Sie bedeuteten, dass sie die Menschen in Athen nie wiedersehen würde. Vielleicht war es jedoch auch besser so, denn so konnten der Hauptmann und die Wachen sie nicht für ihre Vergehen bestrafen.

Wieder blickte Serena zum Festplatz hinunter und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie frustriert war. Dabei fiel ihr der Wildwuchs aus Schlingpflanzen und hochgewachsenen Hecken auf, der sich auf der linken Seite abseits des Platzes befand.

Der Garten der Hera, schoss es ihr durch den Kopf.

Viele Geschichten hatte sie über ihn gehört. Es war ein riesiges Labyrinth aus Pflanzenarten, von deren Existenz die Menschen nicht einmal wussten. Bäume, die höher waren als jedes Götterabbild, das sie je für ihre Beschützer errichtet hatten. Und Heimat für Wesen, deren bloßer Anblick jeden Sterblichen in die Tiefen des Hades befördern würde. Es war für sie streng verboten, auch nur einen Fuß in das Reich von Zeus' göttlicher Gemahlin zu setzen, den Weg von der Welt der Sterblichen zum Olymp aufzusuchen. Die Wenigen, die es doch wagten, hatten die andere Seite niemals erreicht. Umso faszinierender wirkte dieses Labyrinth nun auf Serena.

»Komm nicht einmal auf die Idee!«, fauchte eine krächzende Stimme, die Serena und Athene sofort aufschrecken ließ. Eine Frau in einem edlen dunkelblauen Gewand kam stampfend auf sie zumarschiert. Ihr langes braunes Haar schlug sie mit ihrer Hand provokant nach hinten. Ihre Stirn in Falten gelegt, verströmten ihre schmalen blauen Augen die pure Verachtung. »Wie kannst du es wagen, dich hier einzunisten? Du gehörst nicht hierher!« Aufgebracht deutete die Frau auf Serena und ließ sie ihren Zorn deutlich in ihrer Stimme vernehmen. »Deinesgleichen zerstört alles!«

Serenas Augen wirkten ungerührt. Sie hatte in all den Jahren gelernt, nicht alles an sich heranzulassen, doch die harten Worte der Göttin wollten kein Ende finden.

»Ich wusste doch gleich, dass Zeus mich wieder mit einer Sterblichen betrogen hat und nun habe ich dich am Hals!«, zischte sie verachtungsvoll, während sie die jämmerlich dastehende Gestalt Serenas musterte.

Viele Geschichten hatte Timaios ihr als Kind über Hera, die Herrscherin des Olymp, erzählt. Nichts war ihr so heilig wie die Ehe und die damit verbundene Sexualität. In ihrer Stieftochter sah sie nun das Vergehen, das Zeus beging. Wenn sie für eines bekannt war, dann für ihre Eifersucht und ihre Rachefeldzüge gegen die unehelichen Kinder ihres Gatten.

Serena mochte es vor der wilden Furie nicht zugeben, doch diese Situation machte ihr trotz ihrer Selbstdisziplin schwer zu schaffen. Gerade hatte sie sich mit ihrem neuen Leben halbwegs abgefunden, wurden ihr schon die ersten Steine in den Weg gelegt und das von ihrer eigenen Stiefmutter. Sie würde ihr sicherlich das Leben zu Hölle machen. Das Paradies wurde mit einem Mal zu einer dunklen Schlucht, aus der es kein Entrinnen gab.

»Hört auf!«, donnerte Zeus' Stimme plötzlich zu ihnen herüber und ließ Hera zurückweichen.

Serena wandte sich leicht zu ihm um, senkte jedoch augenblicklich ihren Kopf, als er auf sie zu stampfte. Auch Athene flüchtete aus der Schussbahn des aufgebrachten Herrschers, der sich zwischen sie und Hera stellte.

»Hera, wenn du sauer bist, dann sei es auf mich«, schrie er sie an und bäumte sich schützend vor seinen Töchtern auf »Sie trifft keine Schuld!«.

Es war eine ungewohnte Situation, die Serena Magenschmerzen bereitete. Sie war sich sicher, dass sie Hera ein Dorn im Auge war. Dass Zeus sie jetzt auch noch vor ihr verteidigte, würde ihren Hass nur beflügeln.

»Es ist schlimm genug, dass du sie überhaupt gezeugt hast und jetzt musst du sie auch noch herbringen, um mich zu demütigen!«, entgegnete Hera ihm wutentbrannt und ballte ihre Hände zu Fäusten.

»Niemand hat vor, dich zu demütigen, aber mir blieb keine andere Wahl. Sie wäre sonst tot!«

»Würdest du nicht mit jeder dahergelaufenen Sterblichen schlafen, wäre es nie so weit gekommen!«, schrie sie ihren Gatten an.

Ein lautes Donnergrollen hallte durch die Luft. Es ließ nur erahnen, welche Mächte hier im Spiel waren.

Serena wusste, dass es besser war von hier zu verschwinden. Sie hatte genug gehört, genug gesehen und wandte sich schließlich ab. Nur Athene, die kopfschüttelnd zusah, wie Hera und Zeus sich verbal bekriegten, bekam ihren Rückzug mit. Schweigend folgte sie ihr ins Gemach zurück und schloss die Tür hinter sich, sodass nur noch das ferne Grollen über den Wolken zu hören war.

»Du darfst dir ihre Worte nicht so zu Herzen nehmen. Sie wird sich auch wieder beruhigen«, versicherte die Göttin ihr.

»Wie kannst du dir da so sicher sein? Hast du die Wut in ihren Augen gesehen? Das Verachten?« Serenas Stimme brach, als Athene vor ihr zum Stehen kam. »Eigentlich hat sie recht. Ich sollte nicht hier sein –«

»Das darfst du nicht einmal denken!«, fuhr Athene sie barsch an, als sie sich zu ihr setzte. »Du bist nicht die einzige Halbgöttin, die zum Olymp kam. Es gibt noch mehr und jeder hat seinen Platz gefunden und das wirst du auch. Du kennst doch bestimmt die Geschichten von Perseus und Herkules.« Als Athene in Serenas ratlose Augen blickte, stockte sie jedoch. »Du hast noch nie von den halbgöttlichen Söhnen des Zeus gehört, nicht einmal gelesen?«

Peinlich berührt schüttelte Serena den Kopf. Es war ihr unangenehm, dass sie nichts über ihre berühmten Halbgeschwister wusste und Athene dies nun auch noch herausgefunden hatte.

Athene dachte einen Augenblick nach und sprang dann auf. »Warte hier!«, sagte sie euphorisch und verließ eilig das Zimmer.

Die junge Halbgöttin blickte ihr verwundert nach. Und auch als die Göttin längst verschwunden war, starrte sie zu der geschlossenen Tür. Ein Gefühl der Einsamkeit überkam sie plötzlich.

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