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Idiotentest

Inhaltsübersicht

Prolog: Kinderschokolade

1. Fernbedienung

2. Behindertenparkplätze

3. Politesse

4. Dreißig Biere

5. Gemälde

6. Askie

7. Virus

8. Orakel

9. Taxi

10. Bedenkzeit

11. Kumpelli

12. Knebelvertrag

13. Strafzettel

14. Schweißmann

15. Pinneberg

16. Square Dance

17. Feste Freundin

18. Mahnschreiben

19. Bauchtrainer

20. Fifo

21. Überfall

22. Schnitzel

23. Asül

24. Verdächtig

25. Duftmarken

26. Blaulicht

27. Polen

28. Hotel

29. Würgeengel

30. Hölle

31. Tempotücher

32. Zwei Komma sieben

33. Pilze

34. Chor

35. Geschäftspartner

36. Amputation

37. Bruttoregistertonnen

38. Prozeß

39. Testament

Epilog: Idiotentest

Credits

 

Idiot: Von griechisch idiótis, Privatmann, einfacher Mensch. In der griechischen Antike ein Mensch, der sich weigerte, politisch aktiv zu werden.

 

Everybody knows what’s goin wrong with the world

But I don’t even know what’s goin on in myself.

Matt Johnson, »Slow Emotion Replay«

Prolog: Kinderschokolade

Vor fast dreißig Jahren

Mutter nannte mich Henni. Notwendig war die Verniedlichung meines Namens nicht; sie tat es trotzdem.

»Henni«, rief sie. »Henni, komm mal her!«

»Ja, Mama.« Ich legte den letzten weißen Sechser-Legostein auf seinen Stapel – von weißen Sechsern gab es nie genug, ich wollte eine Burg bauen – und stiefelte in die Küche. Meine Mutter war immer in der Küche.

»Henni, du mußt einkaufen gehen. Meine Beraterin kommt gleich, ich kann nicht aus dem Haus. Kriegst du das hin.«

Obwohl meine Mutter alle Fragen grundsätzlich wie Feststellungen aussprach, also kein Fragezeichen benutzte, nickte ich. Klar. Immerhin war ich schon sechs, fast sieben. Es war nicht das erste Mal, daß ich einkaufen gehen sollte. Der Butter-Beck-Laden befand sich an der Ecke zur großen Straße, die ich um Himmels willen niemals alleine überqueren durfte. Kurz nach dem Eingang kam der Obststand, dann die Wursttheke, unmittelbar dahinter die Regale mit den Süßigkeiten. Damals hatte die Kinderschokolade noch keine »Milchkammern«, sondern bestand aus zwei Quadern, auf die kleine Krönchen geprägt waren. Und schmeckte besser. Eigentlich gab es für mich nichts, das besser schmeckte. Aber für den albern grinsenden Jungen auf der Packung schämte ich mich ein bißchen.

Meine Mutter kramte in ihrem Portemonnaie.

»Wir brauchen Brot, Zucker und Maggi. Ein Kastenbrot, hörst du, Henni. Kein Toast-, ein Kastenbrot.«

Ich nickte wieder.

»Mmh. Ich habe nur noch einen Fünfzig-Mark-Schein.«

Sie zog den riesigen braunen Lappen aus der Geldbörse. Kramte weiter im Kleingeldfach. Nie zuvor hatte ich einen Geldschein in Händen gehabt, geschweige denn so eine irrsinnige Summe. Wie viele Packungen Kinderschokolade man davon wohl kaufen konnte? Sicher über tausend. Tausend war die größte Zahl von allen.

»Wart mal!«

Sie ging ins Schlafzimmer. Auf dem Küchentisch lag ihr Portemonnaie, daneben der Fünfziger. Ich berührte ihn erst vorsichtig mit dem Zeigefinger, nahm den Schein schließlich in die Hand. Fühlte sich an wie die Seiten der Micky Maus. Nur ein bißchen fester, gleichzeitig irgendwie weicher. Ich legte ihn wieder zurück, genau so, wie er dagelegen hatte. Wann immer ich etwas anfaßte, von dem ich mir nicht sicher war, daß meine Eltern es auch erlaubten, merkte ich mir die Position ganz genau. Das Risiko war zu groß.

»Henni, du mußt den Fünfziger nehmen«, sagte sie, als sie wieder in die Küche kam. »Achte gut auf das Wechselgeld! Laß dir einen Kassenbon geben! Hier, du nimmst den Brustbeutel!«

Das mit dem Brustbeutel war kompliziert. Ich trug nämlich Lederhosen, krachlederne kurze Hosen mit Trägern und einem Hirschgeweih auf dem Latz. Der Hosenstall ließ sich aufknöpfen und nach vorne klappen. Das war sehr fummelig, weil ich meinen Schnippedillrich, wie Mutter ihn nannte, dann auch noch rechts aus dem Laden meiner Feinripp-Unterhose zerren mußte, und ein-, zweimal waren mir ein paar Tropfen in die Hose gelaufen, weil ich das blöde Ding nicht rechtzeitig aufgekriegt hatte. Dadurch glänzte der Rand des Hosenstalls ein bißchen. Ich fand die Lederhosen und überhaupt kurze Hosen schon damals doof, mußte sie aber den ganzen Sommer über tragen, hauptsächlich natürlich, wenn wir im Allgäu waren, auf dem Bauernhof, der einer Tante gehörte und auf dem wir immer Urlaub machten. Später zog ich keine kurzen Hosen mehr an, nie wieder. Männer sollten so etwas grundsätzlich nicht tragen.

Mutter knöpfte die Hosenträger auf, dann mein kurzärmeliges, weißes Hemd und hängte mir den kleinen hellbraunen Wildlederbrustbeutel um. Sie betrachtete ihn skeptisch. Die Paketschnur, an der er hing, kratzte mich im Nacken. Das Kratzen verstärkte sich, als meine Mutter die Schnur löste, einen komplizierten Knoten um den Aufhänger im Kragen meines Hemdes machte und sie vorne wieder an den Beutel band. Jetzt hatte ich eine Paketschnurwulst im Nacken.

»Sicher ist sicher«, sagte sie. Und: »Brot, Zucker und Maggi, hörst du.«

Ich nickte abermals. Sie leckte über die drei mittleren Finger ihrer rechten Hand und strich mir über das Haar. Ich haßte das; ich haßte den süßlich-faulig-rauchigen Geruch ihrer Spucke und das klebrige Gefühl auf der Stirn. Aber ich wagte es nie, etwas zu sagen oder gar das Gesicht wegzuziehen.

»Wenn du das Geld verlierst, ist Polen offen.«

Ich nickte, natürlich.

Es war der Frühsommer 1972, das Jahr der Olympischen Spiele in München. Wir lebten in einem sechsstöckigen Mietshaus am Ende einer kleinen Straße, in der sonst Doppelhäuser standen, große Zweifamilienhäuser, die in der Mitte getrennt und in Hellgelb oder Rosa angestrichen waren. In diesen Häusern lebten Helmut, Siggi und Werner, meine Freunde. In unserem Mietshaus hatte ich keine Freunde. Da wohnten nur alte Leute und kinderlose Paare. Wir waren die einzigen Kinder, Kinder einer kinderreichen Familie: Ein Sohn und fünf Töchter. »Asoziale«, sagte der komische alte Mann von gegenüber, der seine Wohnung mit Tageszeitungen vollstopfte. Wie recht er hatte, begriff ich erst viel später.

Der Weg zu Butter-Beck war nicht weit, vielleicht siebzig Meter. Am Straßenrand wuchsen junge Kastanien, neben einer davon stand der eierschalenfarbene Ford 17M meiner Eltern, dem Vater vor zwei Wochen eine Beule in den Kotflügel gefahren hatte – seitdem sprachen meine Eltern nicht mehr miteinander. Die Beule hatte die Form eines auf der Seite liegenden Herzens, und das schmale Ende ging in einen Riß über, durch den man bis in den Radkasten sehen konnte.

Im Zweierrhythmus hüpfte ich über die Gehwegplatten und versuchte zu pfeifen. Es klang dünn, man hörte die Luft, aber selten einen Pfeiflaut. An das schrille, laute, durchdringende Pfeifen, das Werner hören ließ, zwei Finger von jeder Hand in die Mundwinkel geschoben, daran war im Traum nicht zu denken. Monika, meine älteste Schwester, sagte: »Henry, du bist jämmerlich«, wenn sie mich hörte. Und meine Mutter nickte, wenn sie das mitbekam. Sie ergänzte es sogar: »Und peinlich.« Sie hatte ein gutes Gefühl für Peinlichkeiten, für öffentliche Demütigungen. Zwei Jahre zuvor hatte ich – zum ersten Mal seit meiner Säuglingszeit, zum letzten Mal in meinem Leben – ins Bett gepinkelt, weil meine Eltern laut stritten und sich mit Dingen bewarfen, weshalb ich nicht wagte, aufs Klo zu gehen, mit drückender Blase einschlief und wenig später in einer feuchtwarmen Lache erwachte. Mutter schrieb »Bettnässer« auf ein Stück Pappe und klebte es mir mit Tesaband auf den Rücken. Fast eine Woche lang mußte ich das Schild tragen. Es schmerzte viel mehr als die Dresche meines Vaters, die ich darüber hinaus bekommen hatte.

Bei Butter-Beck war kaum Betrieb. Als ich die Tür aufdrückte, knatterte der Käfer der AVON-Beraterin hinter mir vorbei. Das Signal dafür, daß meine Mutter für Stunden beschäftigt sein würde. Nachdem ich den kühlen Laden betreten hatte, begann ich »Brot, Zucker, Maggi« vor mich hin zu flüstern. Ich legte ein Kastenbrot, eine Kilopackung Streuzucker und eine große Flasche Maggi in meinen Einkaufskorb. Manchmal trank ich heimlich ein paar Schlucke der salzigen, würzigen Flüssigkeit, kippte mir etwas auf die Hand und schleckte es ab.

Dann stellte ich mich eine kleine Weile vor das Regal, in dem sehr viele Packungen Kinderschokolade lagen, gestapelt in drei Kisten. Ich träumte davon, sie alle zu kaufen, überhaupt nie wieder im Leben etwas anderes zu mir zu nehmen außer gelegentlich mal eine Handfläche voll Maggi. Ich strich mit der Hand über eine Schachtel. Einmal eine ganze Packung für mich allein zu haben, das wäre traumhaft gewesen. Wir mußten teilen, alles, und es gab selten mehr als einen Riegel für mich. Zehn waren in jeder Packung. Daß sich zehn nicht durch sechs teilen ließ, das hatte ich schon lange vor meiner ersten Mathestunde gewußt.

An der Kasse saß eine Frau, die ich noch nie gesehen hatte. Sie trug einen hohen Dutt und einen sehr großen goldenen Ring am Mittelfinger.

»Na, Kleiner.«

»Guten Tag.«

Ich schob meine Hand unter den Latz der Lederhose und knüpperte einen Knopf meines Hemdes auf. Dann tastete ich auf meiner Brust herum. Aber ich fand nur eine Paketschnur, deren Enden lose um meinen Hals hingen. Wo die Knoten gewesen waren, wellte sich die rauhe Schnur. Im Nacken war noch deutlich die dicke Wulst zu spüren.

»Alles in Ordnung?« fragte die Verkäuferin.

Jetzt ist Polen offen, dachte ich. Ohne auf die Verkäuferin zu achten, knöpfte ich meinen Hosenlatz auf, das ganze Hemd, sogar die obersten zwei Knöpfe der Klappe, schob meine Hand vorne und hinten in die Hose. Aber da war kein Brustbeutel mehr. Ich rannte zurück, durch den Laden, folgte genau dem Weg, den ich gekommen war, Hemd und Hose immer noch offen, durch die Tür, im Zick-Zack bis zum Haus, die Treppe hoch, in den fünften Stock und bis vor unsere Wohnungstür. Dann zurück und wieder von vorn. Siebenmal.

Aber ich fand den Brustbeutel nicht. Ich ging den Weg gebückt, kniete mich neben jedes Auto, auch unseren 17M – Vater arbeitete als Busfahrer für die BVG und benutzte das Auto nur am Wochenende. Ich schielte in die beiden Gullydeckel. In die Vorgärten der Zweifamilienhäuser. Die fünfzig Mark blieben verschwunden. Wir würden verarmen, dachte ich. Nie wieder etwas essen. Geschweige denn neue Legosteine kaufen, die sowieso viel zu teuer waren, wie meine Mutter behauptete – sie versuchte ab und zu, mir die billigen Nachahmungen unterzujubeln, aber die Steine hielten einfach nicht aufeinander.

Mein Vater würde mir die Seele aus dem Leib prügeln. Das hätte er auch schon bei einer Mark getan, bei zwanzig Pfennig, einem Groschen, einem Sechser, wie das Fünfpfennigstück aus mir unerfindlichen Gründen genannt wurde.

»Was machst du denn hier?« fragte plötzlich Monika. Sie stand neben mir, ich kniete vor einem Mercedes und sah unter die Räder.

Jetzt ist Polen offen, dachte ich wieder und brach endlich in Tränen aus. Ich wußte nicht, wer oder was Polen war, aber wenn er oder es offen war, dann gnade einem Gott! Das war der zweite unheilverkündende Spruch meiner Mutter. Wenn sie das sagte, konnte man die Hose schon mal runterlassen.

Monika zog mich an den Haaren hoch. Sie zog mich immer an den Haaren, vor allem, wenn niemand hinsah. Monika war eine brutale große Schwester. Sie liebte es, mich mit einem nassen Geschirrtuch zu schlagen, in dessen Ende sie einen Knoten gemacht hatte.

»Ich hab … ich hab …«, heulte ich.

»Du solltest einkaufen gehen, nicht spielen«, erklärte Monika und zog ein bißchen fester, aber das merkte ich kaum.

»Fünfzig Mark«, antwortete ich, blinzelte, weil meine Augen tränennaß waren. Ich hielt ihr ein Ende der Paketschnur entgegen, das ich die ganze Zeit mit der rechten Hand umklammert hatte.

Meine Mutter wartete, bis die AVON-Beraterin aus dem Haus war. Sie konnte nichts kaufen, weil ich ihr Haushaltsgeld verloren hatte. Dann verpaßte sie mir zwei Backpfeifen, so kräftig, das es noch eine halbe Stunde später brannte. Aber das war nur die Ouvertüre, eine sanfte Vorahnung dessen, was auf mich zukam.

»Warte, bis Papa heimkommt«, sagte sie, zornrot angelaufen. Ich wurde in die Besenkammer gesperrt. Dann, Stunden später nach meinem Gefühl, aber dennoch viel zu schnell, hörte ich, wie mein Vater nach Hause kam, wie meine Mutter wieder mit ihm sprach, laut, hysterisch – weil ich etwas getan hatte, das schlimmer war als die Beule im fast neuen Ford. Die Tür der Besenkammer wurde aufgerissen. Ich zitterte und weinte.

»Ich werde dich lehren, auf unser Geld zu achten«, schrie mein Vater, so laut, daß es bis unten zu hören gewesen sein mußte. An der Schulter zog er mich ans Licht. In der rechten Hand hielt er den Teppichklopfer aus hartem Rohrgeflecht, mit einem Aluminiumstöpsel am Ende des Stiels, durch den die Schnur zum Aufhängen ging: Auch eine Paketschnur. Ich hielt die Schnur vom Brustbeutel noch immer mit der Hand fest. Mutter knöpfte meine Hosen auf. Sie weinte vor Wut. Ich weinte auch, immer noch und immer mehr, sagte aber keinen Ton. Es war sinnlos. Er prügelte mich vielleicht fünf Minuten lang, natürlich mit dem Stiel des Teppichklopfers und nicht mit der zu einem Kleeblattmuster geflochtenen Seite. Er schlug auf meinen Hintern, meine Oberschenkel, meinen Rücken.

»Dich werde ich lehren, auf Geld zu achten«, keuchte er dabei wieder und wieder, immer leiser werdend. Ich nahm es wahr, ich nahm wahr, daß er schwitzte vor Wut und Anstrengung. Und noch etwas anderes schwang mit, etwas, für das ich damals keine Worte, keine Erklärung hatte: Genugtuung. Und Lust.

So hatte er mich noch nie geschlagen. Mutter sagte: »Du verantwortungsloses, schlimmes Kind.« Aber sie versuchte nicht, ihn zu hindern, schaute nur zu, wie mir bald das Blut über die Oberschenkel rann.

Als er fertig war, ließ er erschöpft den Teppichklopfer fallen, sagte leise, aber bestimmt: »Dich werde ich Verantwortung lehren.« Ich bekam zusätzlich Stubenarrest, Fernsehverbot, Radioverbot. Und wochenlang keinen Nachtisch mehr. Von Kinderschokolade ganz zu schweigen. Ich durfte meinen Schwestern zusehen, wie sie genüßlich die Riegel auswickelten, in der Mitte brachen und schmatzend im Mund zergehen ließen – mit lustvoll-bösartigen Blicken, die auf mich gerichtet waren.

 

Am Morgen danach fand ich den Beutel unter dem Küchentisch. Ich nahm den Fünfziger heraus und versteckte ihn in meiner Legokiste, zwischen zwei breiten Grundplatten, die sich zusammenstecken ließen, ohne den Schein zu beschädigen. Als wir alle beim Frühstück saßen, ließ ich absichtlich mein Buttermesser fallen.

»Mama, guck mal«, sagte ich und hielt den Brustbeutel hoch.

Mutter war gerade dabei, meinem Vater Kaffee einzuschenken. Sie stellte die Kanne ab und feuerte mir eine. »Wie kannst du mich so erschrecken!« rief sie. Dann riß sie mir das Wildlederding aus der Hand.

»Wer hat das Geld!« brüllte sie in die Runde, ohne Fragezeichen; eine Feststellung – irgendeiner mußte das Geld ja haben. Sie sah mich nicht an; soviel Kaltschnäuzigkeit traute sie mir nicht zu, daß ich den Fünfziger nehmen und den leeren Beutel präsentieren würde. Meine Schwestern bekamen zwei Wochen Stubenarrest, alle zusammen – meine Strafe blieb bestehen. Mutter durchsuchte ihre Zimmer, auch meines, aber den Schein fand sie nicht.

Von dem Geld kaufte ich mir heimlich einmal pro Woche eine Packung Kinderschokolade, es waren letztendlich zwar keine tausend, aber es reichte fast ein ganzes Jahr. Ich hatte richtig gehandelt, glaubte ich. Die Prügel hätten sie nicht mehr zurücknehmen können. Und in den Augen meiner Mutter war ich ohnehin an der Sache schuld, so oder so.

Die erste Packung, die ich kaufte, an einem Kiosk, wo man mich nicht kannte, trug ich beidhändig wie eine Trophäe vor mir her. Ich entschied mich für mein Lieblingsversteck, eine große Trauerweide am Rand eines staubigen Platzes, etwa halb so groß wie ein Fußballfeld und eine Querstraße von unserer entfernt. Dort lagerten fast immer Zigeuner, weshalb es mir unter Strafe verboten war, auch nur in die Nähe dieser Stelle zu kommen. Diebe und Menschenräuber, sagte meine Mutter. Sie behauptete, daß sie Kinder (und natürlich alles, was nicht niet- und nagelfest war) stahlen und in Teppiche einrollten, um sie an schwarze Männer zu verkaufen. Was die schwarzen Männer mit den Kindern taten, das sagte sie nicht.

Tatsächlich gab es viele bunte Teppiche, die über Klopfstangen hingen, und es gab Kinder, ausgesprochen fröhliche, schwarzhaarige Kinder, die schrien und spielten, mit den Erwachsenen scherzten, für ihre selbstgebastelten Stoffpuppen Burgen bauten und manchmal seltsame, fremdsprachige Lieder sangen. Ich saß unter meinem Baum, beobachtete die Zigeuner, futterte Kinderschokolade und dachte daran, mich freiwillig in einen Teppich einwickeln zu lassen, um auf einem staubigen Platz irgendwo in der Welt spielen, singen und Zigeuner sein zu dürfen. Schwarze Männer sah ich nicht, nur schwarzhaarige, die vor den Wohnwagen saßen, Zigaretten rauchten und den Kindern lächelnd zuschauten. Sie sahen nicht aus wie Diebe.

 

Meine Eltern schickten mich erst wieder einkaufen, als ich fast zehn war – drei Jahre später. Ich nahm das Geld in die Hand und hielt es umklammert, aber nur, um keine Prügel zu bekommen: Seinen Wert hatte es für mich verloren. Es war bedeutungslos, unwichtig, weil es meinen Eltern so viel bedeutete – so viel mehr als ich. Vielleicht hätte mich mein dünner, schwitzender Vater sogar totgeprügelt, wäre ihm die Luft nicht ausgegangen. Er tat es bei Miriam, meiner kleinsten Schwester, als man sie beim Klauen erwischte. Sie stahl einen Lippenstift bei Woolworth, mit zwölf, da war ich dreizehn. Vater kam ins Gefängnis, ich sah ihn nie wieder, er starb im Knast an Prostatakrebs. Zwei Jahre später sagte Mutter zum letzten Mal Henni zu mir.

»Henni, geh mal Zigaretten holen«, befahl sie, auf dem staubigen Sofa liegend, in einer Qualmwolke, vor dem ewig flimmernden Fernseher und der halbleeren Flasche Mariacron. In der Küche war sie nur noch selten. »Lord Extra, vier Packungen.«

»Ich heiße Henry.«

»Du bist doch mein Henni.«

»Weißt du eigentlich, wie alt ich bin?«

Sie starrte mich an, hielt die qualmende Zigarette in der linken Hand, zwischen dem kleinen und dem Ringfinger, auf ganz seltsame Art, zittrig und schwach. Ihre Nägel waren unlackiert und brüchig; die AVON-Beraterin kam schon lange nicht mehr.

»Wenn du mich noch ein einziges Mal Henni nennst, bin ich weg. Dann kannst du sehen, wie du ohne Kindergeld und Halbwaisenrente deine Scheiß-Zigaretten bezahlst.«

Sie stutzte kurz. Und sagte dann:

»Henry, gehst du mir bitte Zigaretten holen?«

Als ich zur Tür schlurfte, hörte ich sie weinen. Es berührte mich nicht. Schließlich war ich ein verantwortungsloses, schlimmes Kind.

 

Meine Mutter. 1974 war ihr größtes Jahr, das einzige, in dem sie richtig lebte, schließlich verhinderten wir, ihre Bagage, ihre Brut, daß sie neben der vielen, vielen Arbeit, die größtenteils meine Schwestern und ich zu erledigen hatten, etwas von ihrer Zeit genießen konnte.

Sie wurden Kandidatinnen bei Am laufenden Band, der Straßenfeger-Quizsendung mit Rudi Carell – meine große Schwester Monika und sie. Mutter kam tatsächlich ins Finale der Show, die sie liebte, des Showmasters, den sie vergötterte; sie saß auf dem roten Sessel hinter dem Laufband, auf dem Toaster, Vasen, Transistorradios und Sonnenschirme an ihr vorbeizogen. Sie hatte ein fantastisches Gedächtnis für Gegenstände, konnte nach einem Besuch bei Nachbarn, Verwandten und Bekannten bis ins Detail schildern, was auf welcher Kommode, auf welchem Sideboard gestanden hatte. So auch hier: Sie war die einzige Kandidatin, die jemals alle Gegenstände nannte, die über das Laufband fuhren. Nur eines vergaß sie, ebenfalls als einzige.

Das Fragezeichen.

1. Fernbedienung

Heute

Dieses Erwachen war ein seltsamer Vorgang. Ich spürte, daß ich nicht mehr schlief. Einige körperliche Signale wiesen zwar darauf hin, meine Gedankenwelt aber schien einem ganz eigenen Paradigma zu gehorchen. Ich sah Andrea vor mir, nackt, ironisch lächelnd. Andrea hatte ich noch nie nackt gesehen. Das meinte ich ganz sicher zu wissen. Und feuchte Träume waren mir fremd. Mit geschlossenen Augen tastete ich nach der Fernbedienung für den Fernseher. Die Koordination klappte nur unzulänglich, ich war fahrig und kraftlos; einige Dinge, die auf meinem Nachttisch standen, polterten zu Boden. Trotzdem öffnete ich die Augen nicht. Die Tastreise ging weiter über den Fußboden rechts neben dem Bett. Ich griff in etwas Glitschiges, ein paar CD-Hüllen klapperten. Da war sie, handlich, zigarettenschachtelgroß, aus glattem Plastik. Fünf Knöpfe: Ein/Aus, Programm vor, Programm zurück, lauter, leiser. Ich hatte das Fernsehgerät danach ausgewählt. Es gibt Fernbedienungen, die gleichen den Schaltpulten in der NASA-Kommandozentrale, beidseitig mit Tasten bedeckt und einem erweiterten Tastenfeld in einer Schublade, plus Display, Barcodeleser und eingebauter Kaffeemaschine. Tatsächlich. Dabei braucht man nicht mehr als Ein/Aus, lauter, leiser, Programm vor, Programm zurück. So eine richtig gute, handschmeichelnde Zapperfernbedienung, die auch nicht weggelegt werden muß, wenn man mit der gleichen Hand eine Zigarette oder sogar ein Bier halten will.

Es gab ein kurzes, zischelndes Geräusch, als die Bildröhre das Signal bekam – um es kurz darauf in voller Helligkeit abzustrahlen. Ich öffnete vorsichtig die Augen. Mein Elektrowecker summte, er tat das, seitdem ich aufgewacht war – vermutlich sogar schon länger. Das machte mich stutzig. Ich stellte ihn so gut wie nie. Irgendwas lag an, aber meine Gedanken wälzten sich träge durch alkoholgetränkte Hirnwindungen und lieferten nicht die leiseste Erklärung. Ich hob den Daumen und ließ ihn einen Moment lang über der Programm-vor-Taste schweben. In diesem Moment klopfte es.

»Henry, bist du wach?« fragte Walter durch die Tür. Ich drückte die Taste. Der Bastelzombie Jean Pütz füllte mit seinem faltig-ledrigen Bartgesicht den Bildschirm.

»Mehr oder weniger.« Ich blinzelte. Und das tat ein bißchen weh.

»Beeilung! Wir müssen in zehn Minuten los. Und schalte endlich den verdammten Wecker aus!«

»Wohin?« fragte ich, mehr mich selbst, und tat, wie mir geheißen. Pütz hielt eine Schachtel feuchtes Toilettenpapier in die Kamera.

»Sals Beerdigung, Schwachkopf«, antwortete Walter, der Lautstärke nach zu urteilen bereits wieder auf dem Weg in die Küche.

Ich schob mich in die Sitzposition, zappte unbewußt weiter, sah eine langmähnige Blondine und einen trendfrisurigen Berufsjugendlichen, die gemeinsam eine billige Recyclingshow moderierten. Resteverwertung im Unterschichtenfernsehen: die Show, in der Ausschnitte anderer Shows, hauptsächlich Daily-Talks, gezeigt wurden. Ein grenzdebiles Format für grenzdebile Zuschauer. Die Worte Sals Beerdigung erreichten erst jetzt mein Großhirn. Heilige Scheiße, Sals Beerdigung. Natürlich. Wir mußten auf Sals Beerdigung.

Vergleichsweise zügig war ich auf den Beinen, umstolperte seltsame Gegenstände neben meinem Bett, etwa einen Kerzenständer, einen großen Kaffeetopf, den ich sicher noch nie benutzt hatte, ein Whiskeyglas, in dem noch etwas goldgelbe Flüssigkeit schwappte, als ich es mit dem rechten Ballen anstieß. Ein Whiskeyrest? In meinem Zimmer? Unmöglich. Ich zog mich an und dachte dabei über das originelle Stilleben auf meinem Fußboden nach. Ich erinnerte mich überhaupt nicht an die vergangene Nacht. Nur ein schwankender Pinkelversuch auf der Kneipentoilette kam mir noch in den Sinn. Gonzo hatte mich stützen müssen, ein Typ hatte neben mir gestanden, bei dem das Handy klingelte, während er pinkelte. Beim Versuch, es aus der Hosentasche zu fischen, pullerte er sich auf die Schuhe. Diese Leute werde ich nie verstehen. Wozu braucht man nachts um vier in der Kneipe ein Mobiltelefon? Die bestmögliche Kommunikationsform – bei lauter Musik, Bier und Zigaretten Unsinn quatschen – gegen die schlechtestmögliche eingetauscht: anonymes Brüllen in einen blinkenden Rasierapparat. Sicherlich hatte ich auch noch ins Klo gespuckt. Das tat ich immer, automatisch, wenn ich mich davor stellte und meinen Schnippedillrich herausfischte. Ich hatte mir geschworen, das Rauchen aufzugeben, wenn die Spucke erstmals rötliche Färbung aufweisen würde. Allerdings brauchte man im Wohnzimmer einen flinken Blick, um die Farbe des fallenden Sputums zu erkennen. Die originelle Ausgestaltung der Becken hatte verblüffende Effekte auf alles, was in sie ergossen wurde. Sie waren – innen wie außen – in Regenbogenfarben gestrichen.

Danach – Sendepause. Lallendes Gelächter wegen des handytragenden Schuhpinklers. Oder? Andrea war im Spiel. War das der Grund, weswegen ich beim Aufwachen an sie gedacht hatte? Aber Andrea sah ich sowieso fast jeden Abend.

2. Behindertenparkplätze

Gonzo und Walter saßen am Küchentisch, Kumpelli, der Kater, hatte sich wie immer auf Gonzos Schoß eingerollt. Vor Walter lag ein Stapel Musikzeitschriften, einige davon teilweise in der Butter, deren Oberfläche unterschiedliche Färbungen zeigte. Walter scherte sich nicht darum. Er las im Musikexpress. Seine Zeitschriften waren ihm egal, da kam es nur auf den Inhalt an – aber wenn jemand seine Platten anrührte, oho. Dann war Polen offen.

Er nickte kurz zur Begrüßung, grinste über einen Artikel, vielleicht auch über etwas anderes, las weiter. Ich nahm die Fünflitertubbe Orangensaft aus dem Kühlschrank und trank den letzten halben in einem Zug, direkt aus dem Kanister. Das fühlte sich ganz gut an. Ich stellte das leere Behältnis zu dem Berg Verpackungsmaterial, der sich neben dem Kühlschrank türmte. Wir trennten zwar unseren Müll, weil Walter darauf bestand, aber wir wußten nicht so richtig, wohin damit. Vor allem: Wann wohin damit. Und durch wen. Eine der vielen ungeklärten Kompetenzverteilungen in unserer WG. Meistens war es Walter selbst, der sich irgendwann aufopferte, unter lautstarkem, Tage andauerndem Protest: »Verflucht, ihr müßt diesen Verpackungskrempel doch nur in den gelben Container werfen. Das Papier in den blauen. Und das Glas je nach Farbe in eine der Tonnen. Das kann doch nicht so schwer sein.«

»Was passiert eigentlich, wenn man das braune Glas in die Tonne für weißes Glas schmeißt?« fragte Gonzo dann nur.

»Keine Ahnung. Was weiß ich. Sie trennen es wieder.«

»Wozu also überhaupt?«

Walter murmelte dann meist noch eine nicht verstehbare Antwort und zog mit den Tüten von dannen. Die Reinigung von Kumpellis Klo führte zu ähnlichen Auseinandersetzungen: »Leute. Ihr müßt diesen Sieblöffel nehmen und nur die Klumpen herausfischen. Nicht immer die ganze Streu wegkippen.«

»Sieblöffel? Sagt man das?« fragte Gonzo, die gelbe Schaufel betrachtend, die ein löchriges Rechteckmuster aufwies.

»Ist doch egal«, murrte Walter, nahm Gonzo das Ding aus der Hand und fischte die stinkenden Klumpen aus dem Katzenklo.

 

Gonzo fummelte gerade am Innenleben eines kleinen Computers herum, so ein Westentaschending. Ein Haufen fitzelkleiner Elektronikteile lag auf dem Tisch verstreut, einige davon auch in der Butter und auf unserem Wurstteller, auf dem sich eine Scheibe Mortadella neben einem Zipfel Salami wellte. Daneben lag der Deckel des Marmeladenglases, aber es stand kein Marmeladenglas auf dem Tisch.

»Hi«, sagte Gonzo, gleichzeitig gab es ein Klickgeräusch, und ein kleiner schwarzer Chip flog mir entgegen. Ich war viel zu träge, mich zu ducken oder gar den Versuch zu unternehmen, den Krabbelkäfer, wie Gonzo sie nannte, zu fangen – das hätte ich nicht einmal an einem guten Tag geschafft. Er blieb an meinem Hemd hängen. Gonzo sah mich an, auch er grinste.

»Na, gut geschlafen?«

»Weiß nicht«, brummte ich, gab ihm seinen Chip zurück. Hier lag irgendwas in der Luft, aber jetzt war wichtiger, wo sich mein Kaffeetopf befand. Er hing nicht an seinem angestammten Platz unter dem Küchenschrank. Er stand in der Spüle. Er war benutzt worden. Ich nahm den Pott aus dem Becken und hielt ihn den beiden entgegen.

»Wer hat aus meinem Kaffeetopf getrunken?« fragte ich, anklagend, unterstellend, so angsteinflößend wie möglich. Meine Stimme war noch nicht voll da.

»Du selbst«, sagte Walter. Er hob den Blick. Da war die Andeutung eines Grinsens, aber auch noch etwas anderes.

»Bist du jetzt mit Andrea zusammen?« fragte Gonzo.

»Nö, wieso?« fragte ich, reflexartig, drehte mich zur Spüle, öffnete den Heißwasserhahn, betrachtete die vom Geschirrspüler verblaßte Aufschrift meines Kaffeetopfes: »Größter Liebhaber der Welt«, überaus originell, aber ein ganz besonderes Geschenk – von Tina –, quasi ein Heiligtum.

Warum fragte Gonzo das? Ich drehte mich zu den beiden um, sie sahen sich an. Ich mit jemandem zusammen? Was für eine Frage. Genausogut hätte man den Papst fragen können, ob er eine Nebenrolle in einer Dolly-Buster-Produktion übernehmen wolle.

»Hatten wir nicht abgemacht, daß keiner von uns was mit jemandem aus dem Wohnzimmer anfängt? Und erst recht nicht mit Andrea? Andrea ist tabu.« Walter musterte mich, sein Gesicht war ernster geworden. »Oder besser: war tabu.«

Gonzo zog die Augenbrauen hoch. »Heißt das, sie ist es jetzt nicht mehr?«

»Idiot«, sagte Walter. Gonzo nahm irgendein elektronisches Bauteil aus der Butter und leckte es ab, betrachtete mich dabei.

»Wovon …«, begann ich. Und dann fiel es mir ein. Verfluchter Pfeffer. Der Nebelvorhang lüftete und meine alkoholverdrehten Hirnwindungen strafften sich. Ich warf einen Blick auf den leeren Orangensaftkanister. Plötzlich wußte ich wieder, was mit meinem Kaffeetopf geschehen war, woher der Kerzenständer kam, der Glibber auf meinem Fußboden. Ein Detail nach dem anderen stieg an die Oberfläche des Alkoholsumpfes. Heiliger Strohsack. In meinem Nacken kribbelte es kalt. Ich legte ein schiefes Grinsen auf, cool bleiben, schenkte mir Kaffee ein, meine Hand zitterte.

»Gleich halb elf«, sagte Walter und beendete damit das Gespräch, »wir müssen los!«

 

Fünf Minuten später standen wir unten vor der Tür und sahen uns nach meinem Wagen um. Ich bezweifelte, schon wieder fahrtüchtig zu sein, aber das Problem war nachrangig: Da ich keinen Schimmer mehr hatte, wo ich sie abgestellt hatte, mußten wir meine Taxe zuerst mal finden, bevor wir die Fahrerfrage klären konnten. Aber es gab sowieso nur eine Antwort. Walter besaß zwar angeblich einen Führerschein, hatte aber Angst vor dem Autofahren, weshalb er seit Jahren nicht mehr hinterm Steuer gesessen hatte, und Gonzos Führerschein faulte schon eine Ewigkeit auf irgendeiner Polizeiwache vor sich hin, weil er ihn vor Äonen hatte abgeben müssen, nach mehreren Dutzend massiver Geschwindigkeitsübertretungen und einem soliden Punktekonto in Flensburg. Gonzo vertrat den Standpunkt, Regeln seien nur als Richtlinien aufzufassen, insbesondere aber war er der festen Meinung, daß der Aufwand zur Wiedererlangung der Fahrerlaubnis unverhältnismäßig war und ihm nicht zugemutet werden könne. Er scheute grundsätzlich alles, was nicht sofort zu irgendeinem Erfolg führte. Erstaunlich genug, daß er den Lappen überhaupt gemacht hatte.

»Da ist er!« sagte Gonzo und wies in Richtung Hermannstraße.

Tatsächlich ragte ein Taxischild aus der Reihe der dicht geparkten Autos. Wir trabten los, aber schon nach ein paar Metern sahen wir, daß es sich nicht um meinen alten Daimler handelte.

»Scheiße«, erklärte Walter. »Henry, du mußt doch wissen, wo du die Karre abgestellt hast. Denk doch mal nach!«

Er sah auf die Uhr. Die Beerdigung war auf halb zwölf angesetzt – und wir mußten noch bis nach Weißensee. In diesem Moment wußte ich nicht einmal, in welcher Himmelsrichtung sich Scheiß-Weißensee befand.

»Mach das mal mit einem Hirn aus Knete«, brummte ich. Aber ich versuchte es wenigstens, was mich immerhin von Gedanken an den letzten Teil des vergangenen Abends ablenkte. Gegen acht hatte ich Feierabend gemacht, dann, wie üblich, eine gute Dreiviertelstunde nach einem Parkplatz gesucht – Standard in dieser Gegend. Dann hatte ich noch ein One-Way-Chili beim Mexikaner an der Hermannstraße gegessen. Das tat ich nur, wenn ich sowieso an dem Laden vorbeikam, weil es zwar besser schmeckte als Harrys Chili im Wohnzimmer, aber nicht so viel besser, daß sich dafür der Umweg lohnte.

»Wir könnten uns aufteilen«, schlug Gonzo vor.

Das war ein Vorschlag ganz nach seiner Art: verspielt, aber nutzlos. Er konnte Dinge basteln und reparieren, die kleiner waren als ein Ameisenspermium, aber auf die Fragen des täglichen Lebens fehlten ihm die Antworten. Walter schüttelte den Kopf und kickte gedankenlos einen fast golfballgroßen braunen Kieselstein. Nicht ungefährlich, denn in dieser Gegend handelte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um getrocknete Hundekacke. Der Stein prallte gegen einen Baum und dann lautstark an die Tür eines tiefer gelegten BMW. Wie auf Befehl gingen wir gleichzeitig in Habachtstellung. Walter sah sich vorsichtig um. Ich linste zu dem türkischen Café auf der anderen Straßenseite, dessen Innenraum auch tagsüber neonhell weiß ausgeleuchtet war, aber da tat sich nichts.

»Ich weiß es«, sagte ich, was nicht ganz stimmte. »Ich glaube, er steht in Richtung Rollberg-Kino.«

»Es ist zehn vor elf«, verkündete Walter, immer noch in alle Richtungen spähend. Doch weit und breit war kein Türke zu sehen, der ihn wegen des Steins versemmeln wollte. Günstigstenfalls, denn eigentlich stand auf so was die Todesstrafe.

Wir gingen etwas langsamer, weil ich langsamer ging – mir war einfach nicht nach Spurterei. Als wir am U-Bahnhof Boddinstraße vorbeikamen, sagte Walter: »Wir könnten auch U-Bahn fahren.« Gonzo und ich nickten. Klar, wir könnten. Aber wir würden es nicht tun, niemals. Ein etwas schmieriger Mittzwanziger in Bodyshirt und Bundeswehrhosen kam uns entgegen, ließ in der rechten Hand ein Springmesser auf- und zuklappen. Wir wichen ihm aus.

Mein beigefarbener Strich-Achter stand tatsächlich vor dem Kino, halbschräg, das Vorderteil auf dem Bürgersteig. Ein grüner Zettel im A6-Format zeigte an, daß eine Ordnungskraft von meiner unorthodoxen, eigentlich aber neuköllnkonformen Parkweise Kenntnis genommen hatte. Ich beließ das Knöllchen hinter dem Scheibenwischer und schob mich umständlich auf den Fahrersitz.

»Wo ist der Jüdische Friedhof?« fragte ich.

»Weißensee«, sagten Walter und Gonzo, fast gleichzeitig.

»Scheiße, Weißensee. Das ist ’ne tolle Ortsangabe.«

»Wer von uns ist der Taxifahrer?« fragte Gonzo.

Also kramte ich den Stadtplan heraus und fuhr uns prompt zum falschen Jüdischen Friedhof, dem an der Schönhauser Allee, der schon seit Jahren nicht mehr für Beerdigungen genutzt wurde, wie wir bald erfuhren.

»Ist doch alles eine Suppe«, sagte ich. »Scheiß-Osten!«

Fahren im Osten, das war für mich immer noch eine Odyssee durch weitgehend unbekanntes Terrain, über verdammte Straßenbahnschienen, vorbei an endlosen, deprimierenden Plattenbausiedlungen. Natürlich stimmte das nur für einen Teil des Ostens, aber mir war gerade nach haltlosen Verallgemeinerungen, prinzipiell und im speziellen.

»Gleich halb zwölf«, sagte Walter.

 

In der Indira-Gandhi-Straße gab es natürlich keinen freien Parkplatz, überhaupt gab es in ganz Berlin fast keine Parkplätze mehr, und es wurden immer weniger, weil die Straßenbauämter alle zwei Meter Linien neben die Fahrbahn malten und ein blaues Schild mit einem stilisierten weißen Rollstuhl aufstellten. Genau so ein Behindertenparkplatz war weit und breit die einzige ungenutzte Stellfläche.

»Hast du Parkausweis Nr. 39303?« fragte Gonzo, nur der Vollständigkeit halber, nachdem wir ausgestiegen waren.

»Natürlich«, sagte ich. Und zu Walter: »Wie lange dauert eine jüdische Beerdigung?«

»Keine Ahnung«, sagte Walter.

Wir trabten durch den Haupteingang, die beiden wachhabenden Polizisten musterten uns zwar, ließen uns aber in Ruhe; wir gingen auf das Rondell zu. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Gonzo und Walter blickten sich suchend um, ich legte meinen Kopf schief und betrachtete uns. Eine seltsame Gruppe. Ich selbst im 70er-Jahre-Kaschmir-Nadelstreifenanzug, der an den Ellenbogen und Oberschenkeln glänzte, recht ausladende Bell-Bottoms hatte und darüber hinaus im Schulterbereich eng geschnitten war. Der Schnitt war angesichts meiner Größe und Statur nicht gerade vorteilhaft, die Hosenbeine waren ein bißchen zu kurz, aber davon lenkte mein leuchtendblaues Polohemd ab. Dieses Outfit war mein einziges, das ich für halbwegs beerdigungstauglich befunden hatte. Ich fuhr mir mit den Fingern über die Stoppelei an meinem Kinn. Bartwuchs war faszinierend und enervierend zugleich.

Gonzo steckte in einem wabbeligen Samtsakko. Seine Mutter hatte zugeschlagen, sie tat es einfach, immer noch – und Gonzo trug das Zeug, stoisch.

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