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Ich vergesse dich niemals

Laura Broschat

Ich vergesse dich niemals


Dieses Buch widme ich meiner besten Freundin, mit der ich nicht nur den Vornamen gemein habe. Ich liebe dich über alles meine Maus.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

 
    Ich werde niemals den Tag vergessen, an dem ich diesen einen Anruf bekam. Ohne Vorwarnung hatte er mein Leben in tausende Scherben zerplatzen und mich tief in ein schwarzes Loch fallen lassen. Wie oft nur hatte ich mir gewünscht einfach nicht ran gegangen zu sein? Ich weiß es nicht. Wie oft hatte ich mir Gedanken gemacht wie ich es hätte verhindern können? Ich weiß es nicht. Wie oft hatte ich geweint in den letzten Tagen? Ich weiß es nicht. Wie oft hatte ich gehofft, dass alles wäre nur ein furchtbarer Albtraum, aus dem ich jeden Moment aufwachen würde? Ich weiß es wirklich nicht.

Die letzten Tage war mein Leben in Windeseile noch einmal an mir vorbei gezogen. Jeden Moment, auch wenn er noch so unbedeutend gewesen war, hatte ich wieder vor mir gesehen.

Das Leben war wirklich nicht fair. Es stahl einem einfach so ohne Vorwarnung das Wichtigste. Das was man am meisten liebte und ließ einen gebrochen und am Boden zerstört zurück.

Niemand konnte mir je wieder diesen Schmerz nehmen, der sich wie ein bodenloses kühles Loch in meiner Brust anfühlte und mir den Atem stahl. Womit hatte ich das verdient? Aber das Wichtigste war:

Womit hatte SIE das verdient?

Für immer von uns gegangen


- Neun Tage zuvor -


    Das von mir so langersehnte Klingeln der Schulglocke zauberte mir ein breites Grinsen ins Gesicht. Endlich Wochenende! Voller Vorfreude packte ich so schnell ich konnte meine Schulsachen zusammen und hüpfte förmlich aus dem Klassenzimmer.

„Warum ist Madame denn plötzlich so überschwänglich?“ Mein bester Freund Sam war mir mit schnellen Schritten nachgelaufen und grinste mich nun von oben herab so breit wie ein Honigkuchenpferd an. Aber wann hatte ich Sam je nicht grinsend gesehen? Er war wahrhaftig der ausgeglichenste und fröhlichste Mensch den ich kannte und wahrscheinlich auch jemals kennen lernen würde. Während er so auf mich kleinen Menschen herab sah, schob er sich seine Brille nach oben, so wie er es immer tat.

„Na warum wohl? Es ist Wochenende Sammy.“

„Stell dir vor, aber das ist mir durchaus bewusst, Little Miss Sunshine.“ Er zerwuschelte mir meine Haare und ich schlug ihm kichernd die Hand weg. Ich hasste es eigentlich wenn er das tat. Aber heute war ich so gut gelaunt, dass selbst zerwuschelte Haare meine Laune nicht trüben konnten.

„Warum fragst du dann?“ 

„Weil du sonst nicht solche Pirouetten drehst, wenn du ins Wochenende entlassen wirst.“

Ich schlug ihm leicht gegen den Oberarm und streckte ihm die Zunge heraus. „Ich dreh überhaupt keine Pirouetten. Aber wenn du es unbedingt wissen möchtest. Meine Mutter fliegt heute nach Chicago und besucht meine Oma und ich muss zum Glück nicht mit und kann zu Hause bleiben. Das heißt ich hab das ganze Wochenende sturmfrei.“ 

„Okay, aber du liebst es doch an deinen Wochenenden was mit deiner Mum zu machen, oder liege ich da falsch?“ 

„Nein quatsch, da liegst du goldrichtig du Genie, aber so kann ich das ganze Wochenende machen was ich will und lauthals durch unser Haus rennen und einfach singen, ohne das meine Mutter reingestürmt kommt und verkündet das sie von der Arbeit Migräne hat. Außerdem bin ich so meiner Oma und ihrem Geplapper entkommen.“ Sam und ich lachten, denn auch Sam kannte meine Oma und wusste, dass sie nicht länger als eine Stunde am Stück zu ertragen war. Meine geliebte Mutter tat mir furchtbar leid, aber trotzdem konnte ich mir mein schadenfrohes Grinsen in ihrer Nähe nicht unterdrücken. Wir hatten nämlich - wie schon so oft - gewettet. Das taten wir immer, wenn es darum ging etwas, das wir beide hassten, zu tun. In dem Fall ging es eben darum, ob ich mit zu Oma musste und meiner Mutter seelischen Beistand leistete oder allein zu Hause bleiben konnte. 

Meine Mutter hatte gewettet, dass ich es nicht schaffen würde eine große Hundebüchse aufzuessen, ohne etwas zu trinken. Es hatte mich zwar einiges an Überwindung gekostet, aber ich hatte mir einfach vorgestellt ich würde einen billigen Gulascheintopf aus dem Supermarkt essen. Ehrlich gesagt hatte es gar nicht so übel geschmeckt, auch wenn es viel zu flau gewesen war. Meine Mutter hatte sich am Ende vor mir verneigt und ihre Niederlage hingenommen.

Ich liebte es mit meiner Mutter solche komischen Sachen zu machen. Manchmal sagte Sam sogar, dass nicht er sondern meine Mutter höchst persönlich mein bester Freund war. Das war zwar so ziemlich das Merkwürdigste, was man sich vorstellen konnte, aber es entsprach vollkommen der Wahrheit.

Ich konnte mit meiner Mutter einfach über alles reden und wir unternahmen die verrücktesten Dinge zusammen. Das lag wahrscheinlich auch daran dass meine Mutter einfach über die ganze Jahre jung geblieben war und wir schon früh auf uns zwei allein gestellt waren. Denn mein Vater hatte meine Mutter, als ich drei Jahre alt gewesen war, verlassen. Zwar hatten sich die beiden im Guten getrennt, aber trotzdem kam mein Vater nur einmal im Jahr zu Besuch. Schon längst hatte er eine neue Frau und ich damit auch einen älteren Stiefbruder. Jedoch hatte ich Dads neue Frau und ihren Sohn noch nie zu Gesicht bekommen und war auch nicht äußerst scharf darauf. Ich brauchte meinen Vater nicht in meinem Leben, denn Mum und ich waren glücklich zu zweit. Auch wenn ich wusste, dass meine Mutter traurig war, dass sie nie wieder einen Mann fürs Leben gefunden hatte. Sie sagte immer: Dafür habe ich eben eine Tochter fürs Leben.

„Hallo Erde an Claire! Bist du noch anwesend oder habe ich dich schon verloren?!“ Sam schnippte mir gegen die Stirn und holte mich damit aus meinen Gedanken zurück.

„Aua! Hey was soll das?“ Sam und ich standen schon an der Bushaltestelle vor unserem Schulhof und gerade in dem Moment, als ich wütend zu meinem besten Freund aufsah, kam auch schon unser Bus angefahren.

„Ich hatte dir eine Frage gestellt du kleine Träumerin. Das ist los!“ Während wir in den Bus einstiegen und uns nebeneinander auf unsere Stammplätze setzten, sah ich ihn entschuldigend an.

„Sorry, das habe ich gar nicht mit bekommen. Ich war in Gedanken versunken.“

„Jop, das habe ich mitbekommen, Claire-Bär.“ Wieder zerwuschelte er meine Haare.

„Lass den Scheiß und nenn mich gefälligst nicht so. Du weißt das ich das hasse.“ 

„Genau deswegen sag ich es ja auch Claire-Bär.“ 

„Blödmann. Was war denn nun deine Frage?“ 

„Ach jetzt plötzlich interessiert es dich doch, oder was?“ 

„Mensch du bist vielleicht eine Zicke. Schlimmer als ein Mädchen!“ Sam sah mich mit gespielt entsetztem Blick an und ich prustete los.

„Ich hab meinen kleinen Claire-Bär gefragt, ob ich heute noch zu ihr kommen kann. Dann können wir zusammen die Bude unsicher machen.“

„Das hättest du wohl gerne.“ Ich lachte wieder über Sammys entsetzten Blick. „Aber nur wenn du Filmchen und Chips mitbringst. Unser Vorrat zu Hause ist derzeit etwas beschränkt.“

„Geht klar Chef. Was für Filme wären der Dame denn recht?“

„Wie wäre es mit bisschen Horrorfilmen. Bald ist immerhin Halloween und ich hab Bock auf eine Gruselnacht.“

„Genau, deshalb bist du meine beste Freundin Kleines.“ Wir beide lachten noch immer als unser Bus hielt. Ich musste aussteigen und gab Sammy noch einen Abschiedskuss auf die Wange. Das war für uns nichts Besonderes. Wir kannten uns schon seit dem Kindergarten und waren seither immer unzertrennlich gewesen. Dafür hatte ich jedoch keine richtige beste Freundin, aber damit konnte ich gut leben.

Von der Bushaltestelle bis zu mir nach Hause war es nicht weit. Ich musste gerade mal zwei Minuten laufen und schon war ich da. Nachdem ich die Post aus dem Briefkasten genommen hatte, schloss ich die Haustür auf und schmiss die Post - welche ausschließlich an meine Mutter adressiert war - auf den kleinen Tisch im Flur. Aus der Küche drangen klirrende Geräusche und ein traumhaft leckerer Duft zu mir und ich lief mit freudiger Erwartung dorthin.

Meine Mutter stand am Herd und rührte in einem der Töpfe herum. Ich trat von hinten an sie heran und gab ihr einen Kuss auf die Wange, währenddessen sah ich über ihre Schulter in die Töpfe. Es gab Schweinebraten mit Nudeln und Gemüse. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Denn meine Mutter war ohne Ausnahme die beste Köchin, die ich kannte und auch je kennen lernen würde. Da war ich mir sicher. Ich selber dagegen war nicht äußerst begabt, wenn es ums kochen oder backen ging.

Na ja, jeder hatte eben seine Leidenschaft oder Hobby. Bei mir war es die Musik und das singen und bei meiner Mutter kochen und backen. Mir war das ganz recht. So hatte ich jeden Tag eine grandios zubereitete Mahlzeit. „Wie war dein Tag Mäuschen?“

„Ziemlich langweilig. Mrs. Anderson ist mal wieder im Unterricht eingeschlafen, als wir gerade irgendeinen öden Text lesen sollten und wir haben die Mathearbeiten zurückbekommen. Aber sonst war nichts los."

„Was hast du denn für eine Note bekommen Schatz?“ Während sie mich das fragte, setzte ich mich auf meinen üblichen Platz am Esstisch und Mum begann damit unsere Teller mit Essen zu beladen.

„Ich hab leider nur ein B bekommen.“ Mit gespielter Entrüstung sah mich meine Mutter an. Ich musste lachen. Denn ich war ein ziemlich zielstrebiger Mensch und hatte immer gute Noten. Meistens waren es eben A´s. Aber meine Mutter war sowieso immer stolz auf mich.

„Oh nein, wie konnte das denn nur geschehen? Muss ich dir jetzt Hausarrest geben?“ Wir beide fingen an zu lachen und Mum stellt unsere voll beladenen Teller auf den Tisch. Sofort spießte ich die erste Nudel auf meine Gabel und genoss den köstlichen Geschmack. „Bitte nicht Mum. Sammy wollte heute noch vorbeikommen.“

„Na schön, ich lasse mich noch einmal erweichen. Was wollt ihr beiden Süßen denn so machen?“ Meine Mum sah mich wie üblich neugierig aus ihren freundlichen jadegrünen Augen an. Und schon wieder wünschte ich mir ebenfalls diese Augenfarbe. Aber ich hatte leider die meines Vaters geerbt. Mein Gesicht verzierten große schokoladenbraune Augen. Meine Mutter jedoch wollte am liebsten meine Augen haben. Sie sagte immer, dass sie sich in Dad hauptsächlich wegen seiner wundervollen Augen verliebt hatte. Das war der Grund warum wir beide immer aus Spaß sagten, dass wir unsere Augen einfach tauschen sollten.

„Wir wollen zusammen den ganzen Abend Gruselfilme schauen. Immerhin ist bald Halloween.“

Meine Mutter schüttelte sich. „Ich kann wirklich nicht verstehen, wie ihr euch so etwas ansehen könnt. Ich finde das furchtbar. Dazu würdest du mich nie überredet kriegen.“

„Gut zu wissen. Da hab ich ja schon eine gute Idee für die nächste Wette.“

„Das kannst du mir doch nicht antun, Claire!“ Ich sah wie Mum gleichzeitig entsetzt die Augen aufriss und es um ihre Mundwinkel zuckte.

„Ich kann grausam und erbarmungslos sein Mum, dass weißt du doch.“

„Womit habe ich das verdient?“

Grinsend schob ich mir die nächste Gabel in den Mund. „Du hast dich heute mal wieder selbst übertroffen Mum. Es schmeckt echt genial.“

„Danke für die Blumen. Ich muss mich aber langsam beeilen. Sonst verpasse ich noch meinen Flieger.“

„Komm gib es doch zu Mum. Du würdest eigentlich nichts lieber tun als diesen doofen Flieger nach Chicago zu verpassen.“ Ich kannte sie einfach viel zu gut. Sie konnte mir nie etwas vormachen. Aber trotzdem versuchte sie es immer wieder.

„Natürlich nicht. Ich freue mich meine Mutter zu besuchen.“ Ich konnte einfach nicht an mich halten und begann schallend zu lachen. Meine Mutter versuchte sich daran ihre ernste Miene aufrecht zu erhalten, scheiterte jedoch kläglich.

Nachdem wir uns wieder einigermaßen beruhigt hatten, sah meine Mutter mich bedrückt an. „Ich wünschte wirklich du würdest mit mir kommen Schatz. Oma wird mich bestimmt an den Rand des Wahnsinns treiben.“

„Tut mir echt Leid Mum, aber ich hab die Wette eben gewonnen.“

„Ich weiß, ich hab leider eine Wettkönigin als Tochter.“ Sie zwinkerte mir zu und stand dabei auf, um ihren leeren Teller in die Spüle zu stellen. „Kann meine tolle Tochter vielleicht nachher den Abwasch erledigen?“

„Die tolle Tochter wird es sich überlegen.“ Grinsend verließ meine Mutter die Küche und ging die Treppe hoch in ihre Schlafzimmer. Bestimmt musste sie noch die restlichen Sachen zusammen packen. Denn meine Mum tat immer alles erst kurz vor der Angst und sah alles echt locker für eine Erwachsene. Die meisten Mütter waren ja totale Kontrollfreaks und Perfektionisten, aber davon war meine Mum meilenweit entfernt und ich konnte gar nicht in Worte fassen wie froh ich darüber war. Das Leben konnte so unkompliziert sein. Einfach herrlich.

Nachdem auch ich fertig aufgegessen hatte - ich hatte mir noch etwas Nachschlag genommen - ging ich ebenfalls hoch in Mums Schlafzimmer und ließ mich auf ihr großes weiches Bett fallen und verschränkte die Arme hinter meinem Kopf.

Meine Mutter stopfte gerade zwei Paar Socken in ihren kleinen Rollkoffer. Dieser war bis oben hin mit Klamotten vollgepackt. Obwohl sie nur übers Wochenende in Chicago blieb. Darüber musste ich lächeln. Außerdem hatte sie sich schon wieder umgezogen und stand nun in einer modernen Bluejeans und einem tief ausgeschnitten und Figur umschmeichelndem grünen Pullover vor mir. Für ihr Alter hatte meine Mum schließlich einen fantastischen Körper und wusste diesen auch perfekt zur Geltung zu bringen. Außerdem betonte die grüne Farbe ihres Pullovers ihre strahlend jadegrünen Augen.

„Schatz sehe ich okay aus?“ Meine Mutter drehte sich einmal elegant vor mir und ich begann breit zu grinsen.

„Klar Mum mehr als okay ... Aber ich würde die Haare offen tragen. So sieht es noch viel besser aus.“ Eigentlich hätte sich meine Mutter die Frage auch sparen können. Meine Antwort war immer die Gleiche. Ich liebte die lange blonde Mähne meiner Mutter, welche ich zum Glück von ihr geerbt hatte. So mancher hatte schon zu meiner Mum und mir gesagt, dass wir Schwestern sein könnten. Wir hatten beide exakt dieselbe lange goldblonde Haarmähne. Allgemein ähnelten wir uns sehr stark, bis auf unsere Augenfarbe.

Meine Mutter folgte meinem Ratschlag und öffnete ihre Haare. Sofort flossen sie ihr in sanften Wellen bis zur Mitte des Rückens herab.

„Jep, so sieht es wirklich perfekt aus. Wann musst du eigentlich genau los?“

„In zwei Stunden geht mein Flieger.“

„Aber Mum du musst auch noch hinfahren. Du bist echt ganz schön spät dran.“

„Ach, das wird schon. Ich fahre ja schon los, Mama.“ Ich sprang vom Bett und begann meine Mum zu kitzeln. Diese kreischte erschrocken auf und schnappte sie ihren Koffer und rannte vor mir weg, die Treppe hinab. Ich folgte ihr laut lachend.

„Verschon mich, Claire! Ich fahre ja schon und dann hast du deine Ruhe!“ Grinsend schmiss ich ihr ihren braunen Mantel und ihr Tuch zu. Nachdem meine Mutter auch endlich in ihre Pumps geschlüpft war, nahm meine Mutter mich fest in die Arme und gab mir einen kurzen Kuss auf die Stirn.

„Ich werde dich vermissen meine Große.“

Ich reichte ihr ihren Koffer und drückte sie noch ein letztes Mal. „Ich werde dich auch vermissen Mum.“ Ich konnte sehen, wie die grünen Augen meiner Mutter glasig wurden. „Es ist ja nur für ein Wochenende Mum.“

Sie nickte schnell und lächelte über ihr Benehmen. „Ich weiß.“ Dann ging sie nach draußen und stieg in ihren schwarzen Audi A3 ein. Nach einem letzten Abschieds-Luftkuss, startete sie den Motor und fuhr davon.

„Wie wäre es mit Final Destination 1 am Anfang unseres Horrorabends?“ Sammy saß im Schneidersitz neben mir auf meiner bequemen Couch. Er hielt breit grinsend den Film in der Hand und wedelte damit vor meiner Nase herum.

„Von mir aus. Schieb rein was du willst. Ich schau mal nach der Nachosoße.“

Aus der Küche holte ich die heiß gemachte Käsesoße und eine Schale für die Nachos. Nachdem wir beide es uns bequem gemacht hatten, startete Sammy den Film. Nach einiger Zeit wurde mir klar, dass dies eindeutig der falsche Film war im Moment. Als das Flugzeug direkt nach dem Start abstürzte, bekam ich ein flaues Gefühl im Magen. Natürlich gab ich das nicht zu vor Sammy. Immerhin sahen wir uns nur einen dummen Horrorfilm an. Und meine Mutter war bestimmt schon im Moment bei meiner Oma und musste sich deren Getratsche anhören. Trotzdem verließ mich dieses unwohle Gefühl einfach nicht und ich spielte mit dem Gedanken bei meiner Oma anzurufen, um sicher zu gehen, dass meine Mum auch dort angekommen war. Doch das erledigte sich von selbst, als das Telefon auf einmal klingelte. Erschrocken zuckte ich zusammen und Sam begann zu lachen. Doch ich boxte ihn in die Seite und er schwieg und stellte den Film auf Pause. Dann nahm ich den Hörer ab. „Ja?“

„Claire? Bist du das?“

„Oma? ... Ja ich bin es, Claire.“ Mein schlechtes Gefühl wuchs immer mehr an und bereitete mir Bauchschmerzen. „Ist irgendwas passiert?“

„Ich weiß es nicht, aber deine Mutter sollte schon vor einer Stunde bei mir sein und sie ist noch immer nicht aufgetaucht. Langsam mache ich mir Sorgen. Hat sie denn ihr Flugzeug auch rechtzeitig erwischt?“

Ein Kloß in meinem Hals verhinderte mir einige Sekunden zu Antworten. „Ich weiß es nicht. Aber sie hat sich bei mir nicht gemeldet. Deswegen denke ich mal, dass sie ihren Flug noch rechtzeitig erwischt hat. Vielleicht hat sie so schnell kein Taxi gefunden oder steckt im Stau. Hast du mal versucht sie anzurufen?“

„Ja, natürlich habe ich das, aber da war irgendeine Computerstimme dran und hat was Komisches gesagt. Aber ich weiß gar nicht so recht was es war. Was mach ich denn jetzt, Claire?“

„Ich würde sagen warte am besten noch etwas auf Mum. Sie wird schon noch auftauchen. Bleib einfach ruhig. Und wenn sie bei dir aufgetaucht ist, ruf mich an. Okay?“

„Ja, das mache ich Claire ... Ich habe solche Angst.“

„Das brauchst du nicht Oma. Da bin ich mir ganz sicher. Alles wird gut gehen. Das wirst du schon sehen.“

„Ja, vermutlich hast du Recht, Claire. Ich mache mich sicherlich ohne Grund verrückt. Auf Wiedersehen meine Kleine.“ 

Ich legte langsam auf und schloss meine Augen. Ich war mir da nicht so sicher ob sich meine Oma ohne Grund verrückt machte. Schon allein der Film den Sam und ich schauten war doch ein Omen, oder? Verzweiflung machte sich in meinen Gedanken breit. Was war wenn meiner Mutter wirklich etwas zugestoßen war? Was war wenn …

„Claire Jane Mahonie! Wandelst du noch unter uns? Was ist denn passiert?“ Sam war direkt vor mich getreten und schüttelte mich sanft an der Schulter. Ich sah benommen zu ihm auf. Machte ich mich nur grundlos verrückt oder war wirklich etwas geschehen? Was sollte ich nur tun?

„Ich weiß es nicht. Meine Mutter ist noch nicht bei Oma angekommen und ihr Handy ist aus. Oma ist verzweifelt und wusste nicht was sie machen sollte und hat mich deshalb angerufen. Was soll ich denn jetzt machen, Sammy?“

„Erst mal ruhig bleiben. Das hat alles bestimmt eine simple Erklärung. Deiner Mutter geht es gut. Da bin ich mir ganz sicher. Komm setzt dich erst mal.“ Sam bugsierte mich behutsam auf meine Couch und ich schnappte mir eines meiner Kissen und presste es mir gegen die Brust. Vielleicht war ich ja auch einfach nur paranoid. Meiner Mutter geht es bestimmt gut. Sam hat Recht. Ich mache mich ohne Grund so fertig. Ich kannte schließlich meine Mutter. Bestimmt trödelt sie einfach nur wie üblich durch den Flughafen in Chicago oder hat noch wo anders angehalten, um Oma ein Geschenk zu kaufen. Außerdem war das Handy meiner Mutter meistens aus, da sie immer wieder vergaß es anzuschalten.

„Meinst du wirklich, dass es ihr gut geht, Sammy?“

„Klaro und jetzt beruhig dich ein bisschen. Das klärt sich alles auf. Ich wette deine Oma ruft spätestens in einer Stunde wieder an und sagt deine Mutter ist heil bei ihr eingetroffen.“

„Ja, ich mach mir ganz umsonst einen Kopf. Aber wäre es okay, wenn wir uns einen anderen Film anschauen. Diesen finde ich im Moment nicht mehr sonderlich passend.“

„Kann ich verstehen. Kein Problem, ich hab den sowieso schon drei Mal gesehen.“ Also schoben wir einen meiner Filme rein. Es war eine Komödie mit Adam Sandler und Jennifer Aniston. Denn die beiden waren meine Lieblingsschauspieler und sollten mich wieder etwas aufheitern und beruhigen. Was zum Glück auch eine Weile half. Doch als eine weitere Stunde vergangen war und sich meine Oma noch immer nicht gemeldet hatte, wurde ich unruhig.

Selbst Sam schien sich nun unwohl zu fühlen, versuchte es aber vor mir zu verbergen, bestimmt um mich nicht noch weiter zu verängstigen. Ich wusste nicht was ich machen sollte. Wenn ich bei Oma anrufen würde, dann würde ich sowieso nichts Neues hören und mich nur unnötig verrückt machen. Aber wo sollte ich sonst anrufen? Ich sah Sammy an. Dieser hatte seinen Arm um mich gelegt und strich mir beruhigend über den Arm.

„Können wir bitte Nachrichten schauen?“ Sam sah mich im ersten Moment mitleidig an, doch er riss sich schnell wieder zusammen.

„Bist du dir sicher? Die sind doch öde!“ Sein Aufheiterungsversuch misslang. Ich schaltete die Nachrichten an und lauschte angestrengt was so in den letzten Stunden in der Welt geschehen war. Bisher waren nur unwichtige Nachrichten gebracht wurden und mein Pulsschlag beherrschte sich wieder etwas. Gerade in dem Moment als der Nachrichtensprecher seinen gespielt freundlichen Gesichtsausdruck in eine Trauermiene veränderte, wollte Sam umschalten. Ich entriss ihm jedoch die Fernbedienung und schaltete den Fernseher lauter.

„Eine schreckliche Nachricht hat soeben unser Studio erreicht. In einer naheliegenden Kleinstadt von Chicago ist ein Flugzeug abgestürzt und hat damit mehrere hundert Menschen in den Tod gerissen. Das Flugzeug, welches heute Nachmittag im Bundesstaat Connecticut gestartet war, stürzte direkt in ein kleines Wohnviertel. Es zerstörte mehrere naheliegende Häuser und hinterließ ein Bild des Schreckens. Das Flugzeug explodierte direkt nach dem Aufprall. Wie viele Menschen bei diesem tragischen Unfall ums Leben kamen, ist noch unschlüssig und auch wie es zu diesem Absturz überhaupt kam. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt ob es sich um eine Unachtsamkeit des Kapitäns handelte oder um einen technischen Defekt. Natürlich werden wir sie weiterhin auf dem laufendem halten. Das war es vorerst mit den Nachrichten. Schalten sie doch heute Abend um …“

Ich schaltete wie in Trance den Fernseher aus. Das war doch alles ein schrecklicher Traum. Das konnte gar nicht wahr sein. Es war einfach nicht möglich. Doch als ich rüber zu Sammy sah und seine erstarrte Miene betrachtete wusste ich, dass ich mir das alles nicht nur einbildete. Es war wahr. Das Flugzeug  - in dem meine Mutter gesessen hatte - war abgestürzt und hatte alle mitfliegenden Passagiere in den Tod gerissen.

Einschließlich meiner über alles geliebten Mutter …

Die Beerdigung

Vor neun Tagen hatte ich die schreckliche Botschaft erhalten, dass meine Mutter bei einem Flugzeugabsturz - kurz vor ihrem Ziel Chicago - gestorben war. Direkt nachdem ich die Nachricht im Fernsehen verfolgt hatte, war ich in Sammys Armen zusammengebrochen. Noch heute, am Tag ihrer Beerdigung, wollte ich mir ihren Tod nicht eingestehen. Meine Mutter konnte einfach nicht tot sein. Sie war der fröhlichste, lebhafteste und liebenswerteste Mensch auf der ganzen Welt gewesen und nun sollte sie für immer fort sein? Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Nein, ich konnte an alles glauben, nur nicht daran.

Die letzten Tage waren an mir vorbeigezogen und erschienen mir so unwirklich. Zwei Tage nach dem Unfall, hatte die Polizei bei mir zu Hause angerufen. Ich hatte es kaum über mich gebracht den Hörer abzunehmen und nun bereute ich, dass ich es getan hatte.

Der Mann am Telefon hatte ganz förmlich zu mir gesprochen mit monotoner Stimme und hatte mir verkündet, dass die verkohlte Leiche meiner Mutter in den Trümmern geborgen und identifiziert werden konnte. Wie gern hätte ich auf diese Nachricht verzichtet. Wieso hatte der Mann nicht einfach sagen können: „Ich habe eine gute Nachricht für Sie. Wir konnten ihre Mutter als eine der wenigen lebenden Opfer in den Trümmern bergen. Sie befindet sich im Moment im Krankenhaus in Chicago. Aber es sieht gut aus. Sie erholt sich schon wieder langsam.“ Aber nein, alles war anders gekommen.

Der Flugzeugabsturz hatte allen Insassen das Leben gekostet und noch vielen weiteren Menschen, die in diesem Wohnviertel in der Vorstadt von Chicago gelebt hatten. Wieso nur geschah etwas so Schreckliches auf der Welt und riss so viele unschuldige Menschen in den Tod? Meine Mutter hatte das nicht verdient. Niemand hatte so einen Tod verdient. Es war grausam.

Ich wusste schon gar nicht mehr, wie oft ich in den letzten neun Tagen geweint hatte oder wie sehr ich jeden, der auf mich zukam und sein Beileid aussprach, verfluchte. Mir kam es so vor als hätte ich nie aufgehört zu weinen und als würde ich auch nie wieder damit aufhören.

Vor drei Tagen war mein Vater zu mir gereist und war bei mir geblieben. Er hatte bestimmt tausend Versuche unternommen mir meine Trauer zu nehmen, doch keiner hatte auch nur Ansatzweise gewirkt. Ich sprach kaum ein Wort mit ihm und aß auch ich viel. Ich musste mich zu beidem regelrecht zwingen.

Mein einziger Trost war Sammy. Er hatte mich die ganze Zeit im Arm gehalten, als ich die Nachricht erfahren hatte, dass meine Mutter gestorben war. Er war nie von meiner Seite gewichen und war ebenso wie ich nicht zur Schule gegangen. Abends saß er sogar so lange auf dem Boden vor meinem Bett und hielt meine Hand, bis ich eingeschlafen war. Dann erst legte er sich auf meine Couch und schlief ebenfalls ein. Ich wusste gar nicht wie ich ihm dafür danken sollte. Er spendete mir Trost wie kein anderer und gab mir die Kraft jeden Tag wieder aufzustehen und weiterzumachen.

Mein Dad hingegen wirkte völlig überfordert mit der ganzen Situation. Immerhin hatte nun er die Aufsichtspflicht über seine sechzehnjährige trauernde Tochter, die er sonst nur einmal im Jahr gesehen hatte. Seine Frau und mein Stiefbruder waren in New York geblieben. Dort wohnte mein Vater mit ihnen. Seine Frau Gabrielle war nämlich schwanger im fünften Monat und er wollte ihr keinen Stress zumuten und sein Stiefsohn Jason schien einfach keinen Bock gehabt zu haben. Ich verübelte es ihnen nicht. Immerhin kannten sie meine Mutter und mich nicht mal und ehrlich gesagt war ich auch froh das sie nicht hier waren. Ich wollte nicht, dass diese fremden Leute sich einmischten und so taten, als würden sie für einen ihnen unbekannte Frau trauern. Ich war mir nicht mal sicher, ob Dads Trauer ehrlich war. Aber ich glaubte schon, denn immerhin waren die beiden sechs Jahre ein Paar gewesen, bis sie sich getrennt hatten.

Obwohl es Dad gewesen war der Mum verlassen hatte. Er hatte sich damals in Gabrielle verliebt, eine Geschäftspartnerin von ihm und da er Mum nicht betrügen wollte und keinen Gefühle mehr für sie hatte, hatte er mich und Mum allein zurück gelassen. Meine Mutter hatte ihm das nie so richtig verziehen und trotzdem wusste ich, dass sie nie aufgehört hatte ihn zu lieben. Er war ihre erste und einzige große Liebe gewesen und seitdem hatte sie nie wieder jemanden so an sich heran gelassen wie ihn.

Nie wieder sollte ein Mann sie so verletzten wie es Dad getan hatte, dass hatte sie zu mir gesagt und außerdem war ich sowieso ihr größtes Geschenk. Ich hatte ihr das geglaubt, jedoch wusste ich, dass sie traurig und einsam war, obwohl sie es nie zeigte. Meine Mutter hatte für mich immer alles getan und sich nie beschwert über ihr Leben. Sie war eine grandiose und einzigartig gütige Frau, die auf immer und ewig in meinem Herzen bleiben würde. Nie würde ich den Tag vergessen, an dem sie mich zum Gesangsunterricht schickte und mir damit meinen größten Traum erfüllte. Sie hatte mich immer unterstützt, egal was es auch war. Durch sie wurde ich zu der, die ich heute bin und dafür werde ich ihr auf ewig dankbar sein.

Ich stand in eine schwarze Bluse und langen schwarzen Rock gehüllt vor meinem Spiegel und betrachtete mich. Trotz der vielen Schminke in meinem Gesicht, sah man das meine Augen verquollen waren und leer vor sich hinstarrten. Auch meine Haut wirkte fahl und totenbleich. Meine langen blonden Haare trug ich jedoch offen, sodass sie locker in Wellen bis zur Mitte meines Rückens fielen. Denn ich wusste das meine Mutter es, ebenso wie ich, am meisten geliebt hatte.

Nach einem letzten traurigen Blick in den Spiegel, ging ich die Treppen nach unten. Im Flur erwartete mich schon mein Vater. Er sah mich bewundernd an. „Du siehst wunderschön aus mein Engel.“

Ich versuchte dankend zu lächeln, doch es sah wohl er aus wie ein gequältes Lächeln. Mein Vater trug einen schwarzen Anzug und hatte seine hellbraunen Haare mit etwas Gel zurechtgezupft. Ich musste zugeben, dass auch er für sein Alter fabelhaft aussah und verstand was meine Mum immer so an ihm geliebt hatte.

„Wir nehmen auch gleich deine Oma mit. Sie müsste bald kommen.“ Ich nickte abwesend und schlüpfte in meine schwarzen Ballerinas und zog mir meinen langen schwarzen Mantel an. Da ich raus aus dem Haus wollte, da mich jeder noch so kleine Gegenstand an meine Mutter erinnerte, stieg ich schon mal in den BMW meines Vaters. Er musste wirklich viel Geld besitzen, wenn er sich so ein tolles Auto leisten konnte. Kein Wunder wenn man als Manager einer Firma in New York wohnte.

Bestimmt besaß er ein riesiges modernes Haus in Manhattan, oder so. Ich schnaufte als ich daran dachte, dass ich dort ebenfalls bald wohnen würde. Ich musste nicht nur die Zeit mit meiner Mutter hinter mir lassen, sondern auch meine Freunde und mein Zuhause. Noch nie hatte ich wo anders gewohnt als in Connecticut und eigentlich wollte ich es auch gar nicht.

Zuviel liebte ich und zu viele schöne Erinnerungen hielten mich hier. Aber ich hatte keine Wahl. Ich war schließlich gerade mal sechzehn und damit nicht volljährig und mein Vater würde niemals mit seiner geliebten Familie nach Connecticut ziehen. Ich konnte es ihm nicht verübeln, aber ich fürchtete mich vor New York. Ich wusste einfach, dass ich dort nicht hingehörte und mich auch bestimmt wie eine Außenseiterin in seiner Familie und an der neuen Schule fühlen würde. Ich fürchtete mich davor ohne Sammy zur Schule zu gehen und niemanden zu haben, mit dem ich einfach über alles reden konnte. Wieder einmal fragte ich mich wieso gerade ich? Wieso?

Dad und Oma kamen endlich nach etwa fünf Minuten ebenfalls nach draußen und stiegen ein. Ich saß allein auf der Rückbank des riesigen BMW´s und fühlte mich so fehl am Platz, wie es überhaupt nur möglich war. Meine Hände waren eiskalt und ich hatte am ganzen Körper eine Gänsehaut, obwohl mir nicht kalt war. Ich hatte solche Angst und zitterte wie verrückt. Mit jedem Meter, den wir fuhren, kamen wir dem Friedhof immer näher und mit jedem zurückgelegtem Meter, fühlte ich mich immer schlechter. In meinem Hals war ein dicker fetter Kloß, der mir fast den Atem stahl und mein ganzer Körper bebte, ohne ersichtliches Ende und das schon Tagelang.

Die Fahrt dauerte vielleicht einige Minuten, aber sie kam mir wie eine Ewigkeit vor. Im Auto hatte die ganze Fahrt über Totenstille geherrscht. Es schien so, als würden wir drei kaum atmen. Selbst meine Oma sagte mal kein Wort, was wirklich einem Weltwunder glich. Manchmal fragte ich mich, wie sie es Zuhause in Chicago überhaupt aushielt, seit Opa gestorben war. Immerhin hatte sie nun niemanden mehr und lebte völlig allein. Bestimmt lud sie sich jeden Tag eine ihrer tausend Tratschfreundinnen ein, um nicht irgendwelche Selbstgespräche zu führen.

Dad parkte direkt vor dem Friedhof, neben vielen weiteren Autos. Sein schwarzer BMW stach deutlich aus den anderen hervor. Ich konnte zwar verstehen warum er nicht mit dem Flugzeug von New York nach Connecticut geflogen war, aber trotzdem wirkte der BMW so fehl am Platz, wie ich es in New York tun würde. Ich atmete noch einmal tief durch, ehe ich die Autotür hinter mir zuschmiss und den ersten Schritt auf das Friedhofsgelände setzte.

Der Zeremonie in der Kirche war vorbei und ich den Tränen nahe. Sammy hatte neben mir gesessen und meine Hand die ganze Zeit fest gedrückt. Die förmlichen Worte des Pastors klangen mir noch immer in den Ohren. Er hatte meine Mutter nicht einmal gekannt und trotzdem erzählt sie sei eine wundervolle Frau gewesen. Er hatte irgendwelche Anekdoten, die er von Oma erzählt bekommen hatte, aus ihrem Leben erzählt und so gesprochen als würde er sie persönlich kennen. Außerdem hatte er davon gesprochen, dass sie nun an einem besseren Ort war und Gott sie mit Freuden wie einen alten Freund in Empfang genommen hatte. Das hat mich nicht glücklich sondern wütend gemacht. Meine Mutter war zwar getauft gewesen, hatte jedoch trotzdem nicht wirklich an einen Gott geglaubt. Und seit ihrem Tod war ich mir ganz sicher, dass es keinen Gott gab. Denn ein gütiger Herrscher unserer Welt würde es niemals zulassen, dass ein solch wunderbarer Mensch wie meine Mutter ihr Leben verlor. Und der Quatsch das es ihr dort oben im Himmel besser ging, war erstunken und erlogen. Das wurde den Leuten nur erzählt, damit sie nicht so langer trauerten und beruhigt waren. Aber es war völliger Humbug und das wusste auch jeder, wenn er es sich nur eingestehen würde. 

Nein, ich vergoss keine Träne während der kirchlichen Trauerfeier und hielt einfach nur Sammys Hand ganz fest in meiner. All diese Menschen - die mit mir zusammen in der Kirche saßen - kannten meine Mutter kaum. Außer ein paar Ausnahmen, wie ihre beste Freundin Miranda und Sammy. All die anderen Leute, die gekommen waren, hatte eigentlich keine Ahnung was meine Mutter für ein Mensch war. Sie kannten sie vielleicht flüchtig, weil sie im selben Dorf wohnten oder in die gleiche Klasse gegangen waren. Sogar Oma und mein Vater kannten Mum nicht richtig. Niemand kannte sie so wie ich und niemand tat es so weh wie mir das sie für immer fort war. Die ersten Tage war ich sogar sauer auf sie gewesen, da sie mich so allein in dieser großen kalten Welt zurückgelassen hat. Aber nun wünschte ich mir nur ein Zeichen von ihr. Denn ich wusste das sie noch hier war, um auf mich aufzupassen, so wie sie es immer getan hatte. Nachdem ein Mensch starb konnte doch nicht einfach alles so plötzlich vorbei sein. Die Welt drehte sich zwar weiter und alles ging seinen gewohnten Gang. Aber der Mensch kann doch nicht einfach tot sein und für immer fort. Ich konnte das einfach nicht glauben und wollte es auch nicht.

Nachdem die Trauergemeinde auf den Friedhof zum Grab meiner Mutter geschritten war, durfte jeder seine letzten Worte an meine Mutter richten. Ich war als erste an der Reihe und spürte mich die Blicke der anderen von hinten durchbohrten. Ich musterte einige Sekunden den großen weißen Steinsarg, in dem der tote Körper meiner Mutter lag. Mich kostete es so viel Überwindung wie noch nie zuvor ihr meinem Leben etwas zu ihr zu sagen. Ich sprach so leise, dass nur ich verstehen konnte was ich zu ihr sagte. „Mum… ich weiß wirklich nicht was ich dir sagen soll. Du kannst dir nicht vorstellen wie schwer das alles hier für mich ist. Ich wünschte ich hätte dich nicht dazu gedrängt rechtzeitig das Flugzeug zu erwischen…“ Ich holte tief Luft und drückte die weiße Rose in meiner Hand fest. Ich spürte wie die Dornen sich in meine Haut bohrten, aber es war mir egal. „Du warst die beste Mutter auf der ganzen Welt für mich und mein Leben wird ohne dich einfach leer sein. Durch dich habe ich angefangen zu singen und nun habe ich Angst, dass ich es nie wieder tun kann, weil es mich so schmerzlich an dich erinnert. Ich werde dich immer lieben Mum und niemals vergessen. Du warst nicht nur meine Mutter, sondern auch meine beste Freundin. Mein Herz hat dich für immer eingeschlossen und all die Erinnerungen die wir gemeinsam erlebt haben…“ Ich warf die weiße Rose auf den Sarg meiner Mum. Ich hatte mich für weiße Rosen entschieden, denn ich wusste, dass dies die Lieblingsblumen meiner Mutter waren. Ich war die Einzige. Alle anderen hielten rote Rosen in der Hand. Ich musste schmunzeln. Nur ich kannte meine Mutter wirklich und wahrhaftig. „Ich liebe dich“, flüsterte ich mit tränennassen Augen und wandte mich langsam vom Sarg ab. Sammy schmiss als nächster seine Rose auf den Sarg und verabschiedete sich mit einigen Worten, welche ich nicht verstand. Dann kam er zu mir und nahm mich in den Arm. Er sagte nichts, denn er kannte mich einfach zu gut und wusste, dass ich im Moment nicht reden wollte. Er war einfach der beste Freund den man sich nur wünschen konnte und bald schon wurde er mir auch noch genommen. Ich hatte jetzt schon riesige Angst davor.

Ich beobachtete all die Menschen die nacheinander an das Grab meiner Mutter traten und letzte Worte an sie richteten. Viele von ihnen weinten, obwohl mir davon die meisten unbekannt waren. Die Leute die nicht weinten, standen entweder still im Hintergrund oder tuschelten leise mit jemandem anderes. In mir keimte Wut auf über diese Menschen. Wieso kamen sie zu einer Beerdigung, wenn sie sie doch eigentlich nicht mal zu interessieren schien? Wieso kamen diese Menschen, obwohl sie meine Mutter nicht einmal richtig gekannt hatten? Es ging mir einfach nicht in den Kopf. Nun war ich einerseits froh von hier fortzuziehen, dachte ich einen Augenblick lang. Doch ich wusste, dass es eine Lüge war. Ich würde alles dafür tun das ich weiter hier leben konnte. New York. Das klang so furchtbar beängstigend und war mir so fremd. Ich war noch nie dort gewesen, geschweige denn in einer anderen so riesigen Stadt. Ich kannte nur einige Plätze durch das Fernsehen. Ehrlich gesagt reichte mir das auch schon. Ich sah auch optisch nicht mal aus wie ein typisches Stadtmädchen mit meinen stinknormalen Jeans und meinen einfachen Shirts und bestimmt würden mich alle anderen blöd von der Seite anschauen. Ich stellte mir sogar schon die schlimmsten Szenen in meinem Kopf vor. Natürlich war mir klar das mein Verhalten auf ein kleines ängstliches Kind zurückzuführen war, da New York vielleicht gerade mal 3 bis 4 Stunden Autofahrt von Connecticut entfernt lag, aber ich konnte einfach nicht anders. Meine Panik vor meinem neuen Leben war erdrückend. In zwei Tagen würde es schon losgehen. Dann würden Dad und ich in seinem großen BMW nach New York fahren. Dann begann mein Leben mit Dad und seiner Familie, in der ich ein Eindringling war.

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