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Ich bin Nummer Vier

Pittacus Lore

Ich bin Nummer Vier

Das Erbe von Lorien. Band Eins

Aus dem Amerikanischen von Irmela Brender

 

Aufbau-Verlag

 

Die Ereignisse in diesem Buch entsprechen der Wirklichkeit. Namen und Orte wurden geändert, um die sechs Loriener zu schützen, die weiter im Verborgenen leben.

Betrachtet dies als erste Warnung.

Andere Zivilisationen existieren.

 

Einige von ihnen trachten danach, euch zu zerstören.

Die Tür beginnt zu vibrieren, ein windschiefes Ding aus Bambustrieben, mit abgerissenen Schnüren zusammengebunden. Das kaum wahrnehmbare Zittern hört gleich wieder auf. Wachsam heben sie die Köpfe – ein vierzehnjähriger Junge und ein fünfzigjähriger Mann, den jeder für seinen Vater hält, der aber nahe einem anderen Dschungel auf einem anderen Planeten, Hunderte von Lichtjahren entfernt, geboren wurde. Mit nackten Oberkörpern liegen sie in einer Hütte einander gegenüber, jeder unter einem Moskitonetz. Sie hören ein fernes Knacken, ähnlich dem Geräusch, das Tiere beim Brechen eines Astes verursachen. In diesem Fall klingt es allerdings, als wäre der ganze Baum umgestürzt.

»Was war das?«, fragt der Junge.

»Psst!«

Insekten sirren. Ansonsten absolute Stille. Der Mann schiebt die Beine über den Rand seines Feldbetts, als das Vibrieren wieder beginnt. Ein längeres, stärkeres Wackeln und wieder ein Knacken, diesmal näher. Der Mann atmet tief ein, während er langsam die Hand zum Riegel schiebt. Der Junge setzt sich auf.

»Nein«, flüstert der Mann, und in diesem Moment stößt ein Schwert, lang und glänzend, aus einem Weißmetall, das nirgendwo auf der Erde zu finden ist, durch die Tür und sinkt tief in die Brust des Mannes. Es dringt durch den Rücken, ragt fünfzehn Zentimeter hervor, bevor es schnell wieder herausgezogen wird. Der Mann stöhnt. Der Junge ringt nach Luft. Der Mann macht einen letzten Atemzug und stößt nur ein Wort hervor: »Lauf!« Dann fällt er leblos zu Boden.

Der Junge springt von seinem Lager auf und stürzt durch die Rückwand. Er gibt sich nicht mit Tür oder Fenster ab, sondern läuft buchstäblich durch die Wand, die zerreißt wie Papier, obwohl sie aus kräftigem, hartem afrikanischem Mahagoni besteht.

Er rennt in die kongolesische Nacht, springt über Bäume, läuft mit einer Geschwindigkeit von etwa hundert Kilometern in der Stunde. Seine Sinne sind übermenschlich. Er weicht Baumgruppen aus, bricht durch ein Gewirr von Schlingpflanzen, springt mit nur einem Satz über Bäche. Schwere Schritte hinter ihm kommen mit jeder Sekunde näher. Auch seine Verfolger haben besondere Fähigkeiten. Und sie haben etwas bei sich, über das er nur Gerüchte gehört hat; etwas, das er nie auf der Erde zu sehen glaubte.

Das Krachen kommt näher. Der Junge hört ein tiefes, kräftiges Brüllen. Was auch immer hinter ihm ist, es wird schneller. Vor ihm öffnet sich der Dschungel, und eine gewaltige Schlucht tut sich auf, neunzig Meter breit und ebenso tief. Am Grund fließt ein Fluss. Am Ufer liegen riesige Felsblöcke; bei einem Sturz würde der Junge auf ihnen zerschellen. Die einzige Möglichkeit ist, die Schlucht zu überqueren. Es ist nur Platz für einen kurzen Anlauf. Eine einzige Chance, sein Leben zu retten. Selbst für ihn oder einen der anderen hier auf der Erde, die sind wie er, ist dieser Sprung fast unmöglich. Doch zurücklaufen, in den Abgrund fallen oder den Kampf wagen bedeutet den sicheren Tod. Es bleibt nur ein Ausweg.

Das Gebrüll hinter ihm ist ohrenbetäubend. Sie sind sechs, vielleicht neun Meter entfernt. Er läuft fünf Schritte zurück, rennt los – und direkt vor dem Rand springt er ab und fliegt über die Schlucht. Drei oder vier Sekunden lang ist er in der Luft. Er schreit und streckt die Arme vor. Jetzt kommt die Sicherheit oder das Ende.

Dann schlägt er auf dem Boden auf und stolpert vorwärts bis zum Stamm eines Mammutbaums. Er lacht. Er kann nicht glauben, dass er es geschafft, dass er überlebt hat. Er will sie nicht sehen. Er weiß, dass er weiterlaufen muss, aber noch bleibt er stehen und wendet sich zum Dschungel.

Plötzlich legt sich eine riesige Hand um seine Kehle. Er wird vom Boden gehoben, wehrt sich, tritt, versucht davonzukommen, aber er weiß, dass es vergeblich ist. Es ist vorbei. Er hätte wissen sollen, dass sie auf beiden Seiten sein würden. Wenn sie ihn einmal gefunden hatten, war keine Flucht mehr möglich.

Der Mogadori hebt ihn hoch, sodass er ihm auf die Brust sehen und das Amulett erkennen kann, das nur er und seinesgleichen tragen können. Der Mogadori reißt es ab und steckt es irgendwo in seinen langen schwarzen Umhang. Als seine Hand wieder aus dem Umhang herauskommt, trägt sie ein Schwert aus glänzendem weißem Metall.

Der Junge blickt dem anderen in die tiefen, gefühllos schwarzen Augen und spricht: »Die Erben leben. Sie werden einander finden, und wenn sie bereit sind, werden sie euch zerstören.«

Der Mogadori lässt ein scheußliches, höhnisches Lachen hören. Dann hebt er das Schwert, die einzige Waffe im Universum, die den Zauber brechen kann, der den Jungen bis heute schützte – und der immer noch die anderen schützt.

Die Klinge flammt silbrig auf, als sie zum Himmel deutet, so als würde sie lebendig, würde ihre Aufgabe spüren und sich erwartungsvoll strecken. Und als sie fällt, ein Lichtschweif im Schwarz des Dschungels, glaubt der Junge immer noch, dass ein Teil von ihm überleben und nach Hause finden wird. Er schließt die Augen. Das Schwert stößt zu.

Und dann ist es vorbei.

1

Am Anfang waren wir zu neunt. Wir reisten ab, als wir jung waren, fast zu jung, um uns zu erinnern.

Fast.

Man erzählte mir, dass die Erde bebte, dass Licht und Explosionen den Himmel erleuchteten. Es war in diesen zwei Wochen im Jahr, in denen beide Monde sich am Horizont gegenüberstehen, eine Zeit zum Feiern, und die Explosionen wurden zunächst irrtümlich für Feuerwerk gehalten. Es war warm und eine sanfte Brise wehte vom Wasser herüber. Immer wieder berichtete man mir, wie das Wetter war: Es war warm. Ein leichter Wind wehte. Ich habe nie verstanden, warum das wichtig sein soll.

Am besten ist mir in Erinnerung geblieben, wie meine Großmutter an jenem Tag aussah. Sie war außer sich und zugleich traurig. Tränen schimmerten in ihren Augen. Mein Großvater stand direkt hinter ihr. Ich erinnere mich, wie sich in seinen Brillengläsern das Tageslicht sammelte. Es gab Umarmungen. Jeder von ihnen sagte etwas. Ich weiß nicht mehr, was. Nichts quält mich mehr als das.

Es dauerte ein Jahr, bis wir hier waren. Ich war fünf Jahre alt, als wir ankamen. Bis wir nach Lorien zurückkehren konnten, weil das Leben dort wieder möglich war, sollten wir uns an diese Zivilisation anpassen. Wir neun sollten uns verteilen, jeder seiner eigenen Wege gehen. Wie lange, wusste niemand. Und wir wissen es immer noch nicht. Keiner von den anderen hat Kenntnis darüber, wo ich bin, und ich weiß nicht, wo sie sich befinden oder wie sie jetzt aussehen. So schützen wir uns, denn der Zauber, mit dem wir belegt wurden, als wir abreisten – dieser Zauber garantiert, dass wir nur in der Reihenfolge unserer Nummern getötet werden können, solange wir getrennt bleiben. Wenn wir zusammenkommen, wird der Zauber gebrochen.

An unserem linken Knöchel bildete sich, nachdem der lorienische Zauber gesprochen worden war, eine kleine Narbe in Form des Amuletts, das jeder von uns trägt. Und wenn einer von uns entdeckt und getötet wird, zieht sich eine runde Narbe um den rechten Fußknöchel derer, die noch leben. Diese Male sind ein anderer Teil des Zaubers: ein Warnsystem, das uns informiert, wie es um die anderen bestellt ist, und auch darüber, wann sie den Nächsten von uns suchen werden.

Die erste Narbe erschien, als ich neun Jahre alt war. Wir lebten in Arizona, in einer kleinen Grenzstadt in der Nähe von Mexiko. Mitten in der Nacht wachte ich schreiend vor Schmerz auf und beobachtete völlig verängstigt, wie sich die Narbe in mein Fleisch brannte. Es war das erste Zeichen dafür, dass die Mogadori uns schließlich auf der Erde gefunden hatten – und gleichzeitig die erste Warnung, dass wir in Gefahr waren. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich mich fast schon selbst davon überzeugt, dass ich mir meine Erinnerungen eingebildet hatte, dass das, was Henri mir erzählt hatte, falsch war. Ich wollte ein normales Kind mit einem normalen Leben sein. Aber plötzlich waren alle Zweifel weggewischt und jede Diskussion überflüssig: Ich war kein normales Kind.

Am nächsten Tag zogen wir nach Minnesota.

Die zweite Narbe trat auf, als ich in Colorado in der Schule gerade an einem Buchstabierwettbewerb teilnahm. Sowie der Schmerz anfing, wusste ich, was passiert war, was mit Nummer Zwei geschehen war. Der Schmerz war entsetzlich, aber diesmal erträglich. Ich wäre sogar auf der Bühne der Aula sitzen geblieben, doch die Hitze setzte meine Socke in Brand. Der Lehrer, der den Wettbewerb leitete, besprühte mich mit einem Löschgerät und brachte mich schleunigst ins Krankenhaus. Der Arzt in der Notaufnahme fand die Feuernarbe und rief die Polizei. Als Henri kam, drohten sie, ihn wegen Kindesmisshandlung zu verhaften. Aber weil er überhaupt nicht in meiner Nähe gewesen war, als sich die zweite Narbe bildete, ließen sie ihn gehen. Wir stiegen in den Wagen und fuhren davon, diesmal nach Maine. Alles, was wir besaßen, ließen wir zurück – außer dem lorienischen Kasten, den Henri bei jedem Umzug mitnahm. Bei allen einundzwanzig Umzügen bis heute.

Die dritte Narbe kam vor einer Stunde. Ich saß gerade in einem Pontonboot, das den Eltern des beliebtesten Jungen meiner Schule gehörte; er feierte darauf eine Party, von der sie nichts wussten. Noch nie zuvor war ich zu den Partys meiner Mitschüler eingeladen worden. Ich war immer für mich geblieben, weil ich wusste, dass wir jede Minute abreisen könnten. Aber zwei Jahre lang war es ruhig gewesen. Henri hatte in den Nachrichten nichts gefunden, was die Mogadori hätte zu einem von uns führen oder auf uns aufmerksam machen können. Also hatte ich mir ein paar Freunde gesucht. Und einer von ihnen machte mich mit dem Typ bekannt, der die Party organisierte. Alle trafen sich auf einem Dock. Drei Kühlboxen, Musik und Mädchen waren dabei – Mädchen, die ich von Weitem bewunderte, mich aber bisher nie getraut hatte anzusprechen.

Wir fuhren aus dem Dock und eine halbe Meile weit in den Golf von Mexiko hinein. Ich saß auf dem Rand des Pontons, ließ die Füße ins Wasser hängen und sprach gerade mit einem süßen, dunkelhaarigen Mädchen mit blauen Augen namens Tara, als ich es kommen spürte. Das Wasser um mein Bein begann zu kochen und Fuß und Wade leuchteten, als die Narbe sich ins Fleisch grub. Das dritte Loriensymbol, die dritte Warnung. Tara schrie und die anderen Kids drängten sich um mich. Ich wusste, dass ich es nicht erklären konnte. Und ich wusste, wir würden sofort abreisen müssen.

Jetzt stand mehr auf dem Spiel. Sie hatten Nummer Drei aufgesucht, wo immer er oder sie auch gewesen war, und Nummer Drei war tot. Ich beruhigte Tara, küsste sie scheu auf die Wange und sagte ihr, es sei schön gewesen, sie kennenzulernen, und dass ich hoffte, sie hätte ein langes, wunderbares Leben. Dann machte ich einen Kopfsprung vom Bootsrand und schwamm, so schnell ich konnte, die gesamte Strecke bis zum Ufer unter Wasser, bis auf einen einzigen Atemzug etwa auf halbem Weg. Dann rannte ich den Highway entlang, immer versteckt innerhalb der Baumlinie, mit der gleichen Geschwindigkeit wie die Autos neben mir.

Als ich nach Hause kam, saß Henri vor den Monitoren und Internetprogrammen, mit denen er Nachrichten aus aller Welt und die Polizeiaktivitäten in unserer Gegend recherchierte. Bevor ich auch nur ein Wort sagte, wusste er Bescheid; er zog dennoch kurz meine nasse Hose hoch, um die Narben zu sehen.

***

Neun von uns sind entkommen.

Drei sind schon tot.

Sechs von uns sind noch übrig.

Sie verfolgen uns, bis sie alle getötet haben.

Ich bin Nummer Vier.

Ich weiß, dass ich der Nächste bin.

2

Ich stehe mitten in der Auffahrt und starre zu dem Haus hinauf. Es ist in einem hellen Zuckerguss-Pink angemalt und steht auf Holzpfählen ungefähr dreißig Zentimeter über dem Boden. Davor wiegt sich eine Palme im Wind. Hinter dem Haus erstreckt sich ein Pier achtzehn Meter weit in den Golf von Mexiko. Wenn das Haus eine Meile weiter südlich stünde, wäre der Pier mitten im Atlantik.

Henri kommt aus dem Haus. Er trägt die letzte der Kisten, von denen einige nach unserem letzten Umzug gar nicht ausgepackt worden waren. Er schließt die Tür ab und wirft die Schlüssel in den Briefkasten daneben. Es ist zwei Uhr früh. Henri trägt Khakishorts und ein schwarzes Polohemd. Er ist braun gebrannt, sein unrasiertes Gesicht sieht niedergeschlagen aus. Auch ihm fällt der Abschied schwer. Er stellt die letzten Kisten hinten in den Truck zu unseren anderen Sachen.

»Das wär’s«, sagt er.

Ich nicke. Wir stehen da, schauen zum Haus hinauf und lauschen dem Wind in den Palmwedeln. Ich habe eine Tüte Sellerie in der Hand. »Dieses Haus wird mir fehlen, die Umgebung auch«, sage ich. »Noch mehr als die Orte davor.«

»Mir auch.«

»Zeit fürs Feuer?«

»Ja. Willst du oder soll ich?«

»Ich mache es.«

Henri wirft seine Brieftasche auf den Boden. Ich tue es ihm nach. Er geht zum Wagen, kommt zurück mit Pässen, Geburtsurkunden, Versicherungskarten, Scheckbüchern, Kredit- und Bankkarten und schmeißt alles auf den Boden. Alle Dokumente, alles, was mit unserer Identität hier zusammenhängt, ist gefälscht und nachgemacht. Ich hole aus dem Wagen einen kleinen Benzinkanister, den wir für Notfälle mitführen, und schütte das Benzin über den kleinen Haufen. Mein gegenwärtiger Name ist Daniel Jones, ich bin in Kalifornien aufgewachsen, der Job meines Vaters als Computerprogrammierer hat uns hierhergebracht. Daniel Jones verschwindet genau in diesem Augenblick. Ich zünde ein Streichholz an, lasse es fallen, das Häuflein brennt. Wieder wird eins meiner Leben ausgelöscht. Wie immer bleiben Henri und ich stehen und blicken ins Feuer. Tschüss, Daniel, war nett, dich zu kennen.

Als das Feuer erlischt, blickt Henri mich an. »Wir müssen gehen.«

»Ich weiß.«

»Diese Inseln waren nie sicher. Es ist zu schwierig, schnell wegzukommen, zu fliehen. Es war dumm von uns, hierherzukommen.«

Ich nicke. Er hat recht, ich weiß es. Aber es fällt mir immer noch schwer, zu gehen. Wir waren hergekommen, weil ich es mir gewünscht hatte; zum ersten Mal hatte Henri mich entscheiden lassen, wohin wir zogen. Neun Monate haben wir hier gelebt – die längste Zeit an einem Ort, seit wir Lorien verlassen haben. Die Sonne, die Wärme wird mir fehlen. Der Gecko, der mich jeden Morgen von der Wand aus beim Frühstück beobachtete. Obwohl es buchstäblich Millionen Geckos in Südflorida gibt, schwöre ich, dass dieser mir zur Schule folgte und überall zu sein schien, wo ich war. Ich werde die Gewitter vermissen, die aus dem Nichts kommen, die Stille in den frühen Morgenstunden, bevor die Seeschwalben fliegen. Die Delphine, die manchmal zum Fressen in Strandnähe kommen, wenn die Sonne untergeht. Sogar der Schwefelgeruch von den modernden Seealgen unten am Ufer, wie er ins Haus kriecht und nachts in unsere Träume dringt.

»Werde deinen Sellerie los, ich warte im Truck«, sagt Henri. »Es wird Zeit.«

In einem Baumdickicht rechts vom Truck warten schon drei Key-West-Rehe. Ich leere die Sellerietüte vor ihren Hufen aus, krieche vorsichtig an sie heran und streichle eins nach dem anderen. Das erlauben sie mir, sie sind längst nicht mehr so ängstlich. Eins hebt den Kopf und sieht mich mit seinen dunklen, glänzenden Augen an. Es ist fast, als würde sein Blick mich durchdringen, ein Schauder läuft mir über den Rücken. Dann senkt es den Kopf und frisst weiter.

»Macht’s gut, ihr kleinen Freunde«, verabschiede ich mich, dann gehe ich zum Wagen und klettere auf den Beifahrersitz.

Wir beobachten in den Seitenspiegeln, wie das Haus kleiner wird, bis Henri auf die Hauptstraße biegt und es ganz aus unserem Blickfeld verschwindet. Es ist Samstag. Wie wohl die Party ohne mich weitergegangen ist? Was erzählen sie sich über die Art, wie ich verschwunden bin, was werden sie am Montag sagen, wenn ich nicht in die Schule komme? Ich wollte, ich hätte mich verabschiedet. Ich werde keinen, den ich hier gekannt habe, je wiedersehen, nie wieder mit einem von ihnen sprechen. Und sie werden nie erfahren, wer ich bin und warum ich gegangen bin. Nach ein paar Monaten, vielleicht schon nach ein paar Wochen wird vermutlich keiner mehr an mich denken.

Bevor wir zum Highway kommen, hält Henri zum Tanken. Ich blättere inzwischen in dem Atlas, den er neben dem Sitz aufbewahrt. Den Atlas haben wir seit unserer Ankunft auf diesem Planeten. Darin sind Linien zu und von jedem Ort gezogen, an dem wir gelebt haben. Inzwischen kreuzen die Linien durch die gesamten Vereinigten Staaten. Wir wissen, dass wir den Atlas loswerden sollten, aber er ist wirklich der einzige Nachweis unseres gemeinsamen Lebens. Normale Menschen haben Fotos, Videos, Tagebücher – wir haben den Atlas. Jetzt sehe ich, dass Henri eine neue Linie von Florida nach Ohio gezogen hat. Bis jetzt haben wir in einundzwanzig Staaten gewohnt, aber noch nie in Ohio. Wenn ich es mir vorstelle, denke ich an Kühe, Mais und nette Leute. Auf dem Autonummerschild von Ohio steht:  Was  sein soll, weiß ich nicht, aber wahrscheinlich werde ich es herausbekommen.

Henri kommt zurück. Er hat zwei Flaschen Limonade und eine Tüte Chips gekauft. Jetzt fährt er los, dem Highway One entgegen, der uns nach Norden bringt. Er greift nach dem Atlas.

»Glaubst du, es gibt Menschen in Ohio?«

Er lacht. »Ein paar wahrscheinlich schon. Und vielleicht haben wir Glück und entdecken dort sogar Autos und einen Fernseher.«

Ich nicke. Vielleicht wird es nicht so schlimm, wie ich glaube. »Was hältst du von dem Namen John Smith?«

»Willst du so heißen?«

»Ich glaube schon.« Ich war noch nie ein John oder ein Smith.

»Einen weiter verbreiteten Namen gibt es kaum. Ich würde sagen: Nett, Sie kennenzulernen, Mr. Smith.«

Ich lache. »Ja, ich glaube, John Smith gefällt mir.«

»Wenn wir halten, mache ich deine Dokumente fertig.«

Nach einer Meile sind wir von der Insel runter und überqueren eine Brücke. Unter uns fließt das Wasser, es ist ruhig, das Mondlicht schimmert auf den kleinen Wellen und malt ihnen weiße Tupfen auf die Kronen. Rechts ist das Meer, links der Golf; eigentlich ist es dasselbe Wasser, aber es trägt verschiedene Namen. Ich würde gern weinen, verkneife es mir aber. Natürlich bin ich traurig, weil ich Florida verlassen muss, aber vor allem habe ich es satt, davonzulaufen, mir alle sechs Monate einen neuen Namen zuzulegen. Ich habe genug von neuen Häusern und neuen Schulen. Ob wir damit jemals werden aufhören können?

3

Wir halten, tanken und besorgen uns Snacks und neue Telefone. In einem Truck Stop essen wir Hackbraten mit Makkaroni und Käse – eines der wenigen Gerichte, die Henri für besser hält als das, was es auf Lorien gab. Dann macht er auf seinem Laptop Dokumente mit unseren neuen Namen fertig. Er wird sie ausdrucken, sobald wir angekommen sind, und jeder wird glauben, dass wir die Personen sind, deren Namen da stehen.

»Bleibst du bei John Smith?«, fragt Henri.

»Ja.«

»Geboren bist du in Tuscaloosa, Alabama.«

Das finde ich lustig. »Wie bist du denn darauf gekommen?«

Er lacht und deutet auf zwei Frauen, die nicht weit von uns sitzen. Beiden scheint es heiß zu sein. Eine trägt ein T-Shirt, auf dem steht: 

»Und dahin ziehen wir dann danach«, sagt er.

»Auch wenn es verrückt klingt – ich hoffe, wir bleiben lange in Ohio.«

»Aber wirklich. Gefällt dir der Gedanke, in Ohio zu leben?«

»Mir gefällt der Gedanke, ein paar Freunde zu finden, mehr als ein paar Monate in dieselbe Schule zu gehen, vielleicht tatsächlich ein Leben wie alle anderen zu führen. In Florida habe ich damit angefangen. Es war toll, und zum ersten Mal seit wir auf der Erde sind, habe ich mich fast normal gefühlt. Ich möchte irgendwo einen Ort finden und irgendwo bleiben.«

Henri schaut mich nachdenklich an. »Hast du heute schon nach deinen Narben gesehen?«

»Nein, warum?«

»Weil es hier nicht um dich geht. Es geht um das Überleben unserer Rasse, die fast ganz ausgelöscht wurde, und darum, dich am Leben zu halten. Jedes Mal, wenn einer von euch stirbt – einer von der Garde –, verringern sich unsere Chancen. Du bist Nummer Vier, du bist der Nächste. Dich verfolgt eine komplette Rasse heimtückischer Mörder. Beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten gehen wir fort, und darüber werde ich nicht mit dir diskutieren.«

Henri fährt die gesamte Strecke. Bis auf ein paar Pausen, vorwiegend für die Herstellung der neuen Dokumente, sind das etwa dreißig Stunden. Ich schlafe fast die ganze Zeit oder spiele Videospiele. Wegen meiner schnellen Reflexe beherrsche ich die meisten Games rasch. Dabei stelle ich mir vor, ich bin wieder auf Lorien und kämpfe gegen Mogadori, schlage sie nieder, mache Asche aus ihnen. Henri findet das albern und versucht mich davon abzuhalten. Er sagt, wir müssen in der wirklichen Welt leben, wo Krieg und Tod Realität sind, wir sollen nicht so tun, als ob. Nachdem ich mein letztes Spiel beendet habe, blicke ich auf. Ich habe es satt, im Truck zu sitzen. Die Anzeige auf dem Armaturenbrett zeigt sieben Uhr achtundfünfzig.

Ich gähne und reibe mir die Augen. »Ist es noch weit?«

»Wir sind fast da«, antwortet Henri.

Draußen ist es noch dunkel, doch im Westen zeigt sich schon ein heller Schein. Wir fahren an Farmen mit Pferden und Vieh vorbei, dann an kahlen Feldern; dahinter stehen Bäume, so weit das Auge reicht. Das ist genau das, was Henri wollte – ein ruhiger Ort, wo man unauffällig leben kann. Einmal in der Woche recherchiert Henri im Internet sechs, sieben, acht Stunden hintereinander und aktualisiert eine Liste mit leer stehenden Häusern im ganzen Land, die seinen Ansprüchen genügen: abgeschieden, ländlich, sofort zu beziehen. Er hat mir gesagt, dass vier Versuche nötig waren – ein Anruf in South Dakota, einer in New Mexico, einer in Arkansas –, bis er das Haus mieten konnte, in dem wir jetzt wohnen werden.

Ein paar Minuten später sehen wir verstreute Lichter, die auf eine Stadt hinweisen, und fahren an einem Schild vorbei mit der Aufschrift:

»Wahnsinn«, sage ich. »Das Nest ist noch kleiner als das, in dem wir in Montana gewohnt haben.«

Henri grinst. »Und für wen, glaubst du, ist es ein Paradies?«

»Für Kühe vielleicht? Vogelscheuchen?«

Wir fahren an einer alten Tankstelle vorbei, einer Autowaschanlage, einem Friedhof. Dann kommen die Häuser; Holzhäuser, die etwa hundert Meter auseinander stehen. Die meisten Fenster sind für Halloween dekoriert. Ein Fußweg durchschneidet kleine Höfe vor den Haustüren. Im Zentrum des Ortes gibt es einen Kreisverkehr, und in dessen Mitte steht eine Statue, die einen Reiter mit einem Schwert in der Hand darstellt.

Henri hält kurz an. Wir betrachten beide den Reiter, dann müssen wir lachen – allerdings nur, weil wir hoffen, dass sich kein anderes Wesen mit einem Schwert hier blicken lässt. Henri fährt in den Kreisverkehr, dann sagt uns das Navi, dass wir abbiegen müssen. Jetzt fahren wir nach Westen, aus dem Städtchen hinaus.

Nach vier Meilen biegen wir links in einen Kiesweg, dann geht es an gemähten Feldern vorbei, auf denen im Sommer wahrscheinlich Mais oder Korn wächst, danach etwa eine Meile durch einen dichten Wald. Und dann finden wir, hinter überwachsener Vegetation versteckt, einen verrosteten, silbrigen Briefkasten mit schwarzer Schrift auf der Seite: 17 Old Mill Road.

»Das nächste Haus ist zwei Meilen entfernt«, sagt Henri beim Einbiegen. Unkraut wächst in der Kiesauffahrt voller Schlaglöcher, in denen gelbbraunes Wasser steht.

»Wem gehört der Wagen?« Ich deute auf den schwarzen SUV, hinter dem Henri gerade geparkt hat.

»Wahrscheinlich der Immobilienmaklerin.«

Das Haus, umgeben von hohen Bäumen, wirkt im Dunkeln gespenstisch, so als wäre sein letzter Bewohner fortgejagt, vertrieben worden oder weggelaufen. Ich steige aus dem Truck. Der Motor klopft und ich spüre seine Hitze. Ich schnappe mir meine Tasche von hinten.

»Na, was sagst du?«, fragt Henri.

Das Haus ist einstöckig. Holzkonstruktion. Die weiße Farbe ist zum großen Teil abgeblättert, ein Vorderfenster zerbrochen. Die schwarzen Schindeln auf dem Dach sehen verzogen und brüchig aus. Drei Holzstufen führen zu einer kleinen Veranda mit wackligen Stühlen. Der Hof ist langgestreckt und verwahrlost. Seit das Gras zum letzten Mal gemäht wurde, muss sehr viel Zeit vergangen sein.

»Es sieht aus wie ein Paradies«, sage ich.

Als wir zur Tür gehen, wird sie bereits von einer gut gekleideten Blondine in Henris Alter von innen geöffnet. Sie hält ein Clipboard und einen Schnellhefter in der Hand, ein Smartphone ist an ihrem Rockbund befestigt.

Sie lächelt. »Mr. Smith?«

»Ja«, bestätigt Henri.

»Ich bin Annie Hart von Paradise Reality. Wir haben miteinander telefoniert. Ich habe vorhin versucht, Sie zu erreichen, aber Ihr Handy ist offenbar ausgeschaltet.«

»Ja, leider hat der Akku auf der Fahrt hierher versagt.«

»Oh, ich hasse es, wenn mir das passiert.« Sie kommt auf uns zu und schüttelt Henri die Hand. Dann fragt sie mich nach meinem Namen und ich kann mich gerade noch zügeln, einfach nur »Vier« zu sagen. Während Henri den Mietvertrag unterschreibt, erkundigt sie sich nach meinem Alter und erzählt, dass ihre etwa gleichaltrige Tochter auf die örtliche Highschool gehe. Sie ist sehr freundlich und entgegenkommend, offensichtlich plaudert sie gern. Zu dritt gehen wir ins Haus.

Drinnen sind die meisten Möbel mit weißen Laken verhüllt. Auf den unbedeckten liegt zentimeterdick Staub, dazwischen tote Insekten. Die Jalousien in den Fenstern sehen brüchig aus, die Wände sind mit billigem Sperrholz getäfelt. Es gibt zwei Schlafzimmer, eine ziemlich kleine Küche mit lindgrünem Linoleumboden und ein Bad. Das Wohnzimmer ist ein großes Rechteck auf der Vorderseite des Hauses mit einem Kamin in der hintersten Ecke. Ich werfe meine Tasche auf das Bett im kleineren Schlafzimmer, in dem ein riesiges ausgeblichenes Poster von einem Footballspieler hängt; sein Trikot ist in einem grellen Orange. Bernie Kosar, Quarterback, Cleveland Browns steht darunter.

»Komm, verabschiede dich von Mrs. Hart!«, ruft Henri aus dem Wohnzimmer.

Mrs. Hart steht mit ihm an der Tür. Sie sagt, ich solle mich in der Schule nach ihrer Tochter umschauen, vielleicht könnten wir Freunde werden. Ich lächle und antworte: »Ja, das wäre nett.«

Sofort nachdem sie gegangen ist, entladen wir den Truck. Je nachdem, wie schnell wir einen Ort verlassen müssen, reisen wir entweder sehr leicht – also nur mit den Sachen, die wir anhaben, Henris Laptop und dem kunstvoll geschnitzten lorienischen Kasten, den wir überallhin mitnehmen – oder bringen ein paar Dinge mit, meistens Henris andere Computer plus Zubehör; alles, was er für Sicherheitsmaßnahmen und Internetrecherche nach Informationen und Ereignissen, die mit uns zusammenhängen könnten, benötigt. Diesmal haben wir den Kasten dabei, die beiden Hochleistungscomputer, vier Fernsehmonitore und vier Kameras. Auch einiges zum Anziehen ist eingepackt, obwohl nicht viele der Klamotten aus Florida für Ohio geeignet sind. Henri trägt den Kasten in sein Zimmer, danach schleppen wir alle Geräte in den Keller, wo er sie aufstellen wird und kein Besucher sie entdecken kann. Sowie alles im Haus ist, baut er die Kameras auf und schaltet die Monitore ein.

»Vor morgen früh haben wir hier kein Internet. Aber wenn du morgen in die Schule gehen willst, kann ich dir deine neuen Dokumente ausdrucken.«

»Muss ich dir beim Putzen und Einrichten helfen, wenn ich hierbleibe?«

»Ja.«

»Klar, ich gehe in die Schule«, sage ich.

»Dann leg dich lieber rechtzeitig schlafen.«

4

Eine andere Identität, eine andere Schule. Ich habe den Überblick darüber verloren, wie viele es im Laufe der Jahre gewesen sind. Fünfzehn? Zwanzig? Immer eine kleine Stadt, eine kleine Schule, immer die gleiche Routine. Neue Schüler fallen auf. Manchmal zweifele ich an unserer Strategie, ausschließlich in Kleinstädten zu wohnen, weil es schwierig, fast unmöglich ist, dort unbemerkt zu bleiben. Aber ich kenne Henris Grund: Genauso wie für uns ist es auch für sie unmöglich, unbemerkt zu bleiben.

Am nächsten Morgen fährt Henri mich zur Schule, die drei Meilen von unserem Haus entfernt ist. Sie ist kleiner als die meisten anderen, in denen ich war, und ziemlich unscheinbar, einstöckig, lang und niedrig. Ein Wandbild von einem Piraten mit einem Messer zwischen den Zähnen bedeckt die Außenwand neben dem Vordereingang.

»Du bist also jetzt ein Seeräuber?«, fragt Henri neben mir lakonisch.

»Sieht so aus.«

»Du weißt, wie du dich zu verhalten hast.«

»Das ist nicht mein erstes gekapertes Schiff.«

»Lass sie nicht deine Intelligenz spüren. Das nimmt sie gegen dich ein.«

»Nicht im Traum.«

»Bleib unauffällig, zieh keine Aufmerksamkeit auf dich.«

»Wie eine Fliege an der Wand«, verspreche ich.

»Und kränke niemanden. Du bist viel stärker als alle anderen.«

»Ich weiß.«

»Das Wichtigste: sei bereit, jederzeit abzuhauen. Was hast du in deinem Rucksack?«

»Trockenobst und Nüsse für fünf Tage. Extrasocken und Thermounterwäsche. Regenjacke. Ein tragbares Navi. Ein Messer, als Füller getarnt.«

»Das musst du immer bei dir behalten.« Henri holt tief Luft. »Und achte auf Zeichen. Dein Erbe kann jeden Tag zum Vorschein kommen. Verbirg es unter allen Umständen und ruf mich sofort an.«

»Ich weiß, Henri.«

»Jeden Tag, John«, wiederholt er. »Wenn deine Finger zu verschwinden scheinen, wenn du schwebst oder heftig zitterst, wenn du die Muskelbeherrschung verlierst oder Stimmen hörst, obwohl niemand redet – irgendetwas, dann rufst du mich an.«

Ich klopfe auf meine Tasche. »Da ist mein Handy.«

»Ich werde hier nach der Schule auf dich warten. Viel Glück da drin, Kleiner!«

Ich lächle ihm zu. Heute ist er fünfzig. Als wir ankamen, war er vierzig. Sein Alter machte die Umstellung schwieriger. Er spricht immer noch mit einem starken lorienischen Akzent, der oft für Französisch gehalten wird. Am Anfang war das ein gutes Alibi, er nannte sich also Henri und ist seither dabei geblieben. Nur den Nachnamen wechselt er, damit er zu meinem passt.

»Dann gehe ich jetzt mal und mische den Laden auf«, sage ich.

»Mach’s gut.«

Wie bei den meisten Highschools hängen jede Menge Schüler davor herum, ordentlich in Gruppen aufgeteilt: die Sportfanatiker und die Cheerleader, die Bandmusiker mit ihren Instrumenten, die schlauen Köpfe mit ihren Brillen, Büchern und Handys, die Kiffer mit Abstand an der Seite, ohne die anderen wahrzunehmen. Ein Junge, schlaksig, dicke Brillengläser, steht allein. Er trägt ein schwarzes -T-Shirt und Jeans, mehr als fünfzig Kilo kann er nicht wiegen. Durch ein Fernrohr betrachtet er den Himmel, der fast ganz von Wolken bedeckt ist.

Dann fällt mir ein Mädchen auf, das Fotos macht und sich dabei locker eine Gruppe nach der anderen vornimmt. Es ist unglaublich schön mit glatten blonden Haaren bis über die Schultern, elfenbeinfarbener Haut, hohen Wangenknochen und sanften blauen Augen. Alle scheinen es zu kennen und begrüßen es mit großem Hallo, niemand hat etwas dagegen, von ihm fotografiert zu werden.

Das Mädchen bemerkt mich, lacht und winkt. Warum bloß? Ich drehe mich um, vielleicht steht jemand hinter mir. Zwei Kids reden über ihre Hausaufgaben, aber sonst ist da niemand. Die Fotografin kommt lächelnd auf mich zu. Noch nie habe ich ein Mädchen getroffen, das so unfassbar gut aussieht, schon gar nicht mit ihm geredet, und ganz bestimmt hat mir noch keines gewunken und mich angelacht, als wären wir befreundet. Augenblicklich bin ich nervös und werde rot. Aber auch das mir anerzogene Misstrauen steigt in mir hoch.

Als die Fotografin näher kommt, hebt sie die Kamera und fängt an, Bilder zu machen. Ich hebe die Hände vors Gesicht. Sie senkt die Kamera und lächelt wieder. »Sei doch nicht so schüchtern.«

»Bin ich nicht. Ich will nur deine Linse schützen. Mein Gesicht könnte sie zerbrechen.«

Sie grinst. »Mit dieser Grimasse vielleicht. Versuch zu lächeln.«

Ich ziehe die Mundwinkel ein bisschen nach oben. Ich bin so nervös, gleich werde ich explodieren! Ich spüre, wie mein Hals brennt und meine Hände warm werden.

»Das ist kein richtiges Lächeln. Zum Lächeln gehört, dass du die Zähne zeigst.«

Ich grinse breit und sie macht Aufnahmen. Für gewöhnlich lasse ich keine Fotos von mir zu. Wenn sie im Internet oder in einer Zeitung auftauchten, wäre es viel einfacher, mich zu finden. Zweimal ist das vorgekommen, und Henri war rasend wütend, besorgte sich die Fotos und vernichtete sie. Wenn er wüsste, was ich gerade hier tue, bekäme ich riesigen Ärger. Aber ich kann nicht anders – dieses Mädchen ist so verdammt hübsch und charmant. Während sie mich fotografiert, kommt ein Hund zu mir gelaufen, ein Beagle mit hellbraunen Schlappohren, weißen Beinen, weißer Brust und einem schwarzen Körper. Er ist mager und schmutzig, vielleicht ein Streuner. Der Beagle reibt sich an meinem Bein und versucht jaulend, auf sich aufmerksam zu machen. Das Mädchen findet ihn offenbar süß und lässt mich hinknien, damit es mich mit dem Hund fotografieren kann. Allerdings weicht der Hund zurück, sobald die Fotografin ihre Kamera hebt. Bei jedem Versuch entfernt er sich weiter. Schließlich gibt das Mädchen auf und macht noch ein paar Fotos von mir. Der Hund sitzt mittlerweile etwa hundert Meter von uns entfernt im Gras und schaut zu.

»Kennst du diesen Hund?«, fragt die Fotografin.

»Noch nie gesehen.«

Sie streckt die Hand aus. »Ich bin Sarah Hart. Meine Mutter ist eure Immobilienmaklerin. Sie hat mir erzählt, dass du vielleicht heute in die Schule kommst; ich sollte mich nach dir umschauen. Du bist der einzige Neue heute.«

Ich lache. »Ja, deine Mutter habe ich schon kennengelernt. Sie war nett.«

»Gibst du mir die Hand?« Ihre ist immer noch ausgestreckt. Ich lache, greife danach – und es ist buchstäblich eines der besten Gefühle, die ich je hatte.

»Donnerwetter«, sagt sie.

»Was?«

»Deine Hand ist heiß. Wirklich heiß, als hättest du Fieber.«

»Das glaube ich nicht.«

Sie lässt los. »Vielleicht bist du nur warmblütig.«

»Ja, vielleicht.«

Es läutet in der Ferne und Sarah erklärt mir, dies sei das Warnklingeln: Wir haben noch fünf Minuten, um ins Klassenzimmer zu kommen. Wir verabschieden uns. Während ich ihr noch hinterhersehe, trifft mich etwas am Ellbogen. Eine Gruppe Footballspieler, alle in diesen Jacken mit den Initialen der Schule, die nur ausgezeichnete Sportler bekommen, rennen an mir vorbei. Einer von ihnen funkelt mich wütend an, er hat mich im Vorbeilaufen mit seinem Rucksack angerempelt. Ich bezweifle, dass es Zufall war, und folge ihnen. Ich weiß, dass ich nichts tun werde, auch wenn ich könnte. Aber ich mag solche Schlägertypen einfach nicht.

Plötzlich marschiert der Junge mit dem -T-Shirt neben mir her. »Ich weiß, du bist neu, also bringe ich dich erst mal auf einen aktuellen Wissensstand.«

»Worüber?«

»Das ist Mark James. Er gilt hier in der Gegend als große Nummer. Sein Dad ist der Sheriff und er der Star der Football-Mannschaft. Sarah ist mit ihm ausgegangen, als sie noch Cheerleader war. Aber sie hat das Rumgehüpfe aufgegeben und gleichzeitig mit Mark Schluss gemacht. Das hat er nicht verkraftet. Mit ihm würde ich mich nicht anlegen, wenn ich du wäre.«

»Danke.«

Der Junge läuft davon. Ich mache mich auf den Weg zum Büro des Direktors, damit ich mich für die Fächer eintragen und richtig aufgenommen werden kann. Vorher schaue ich mich noch mal nach dem Hund um. Er sitzt noch auf demselben Fleck und beobachtet mich.

***

Der Direktor, Mr. Harris, ist dick und fast kahl – bis auf ein paar lange Strähnen hinten und an den Seiten seines Kopfes. Sein Bauch hängt über den Gürtel. Er hat kleine Knopfaugen, die zu eng beieinander stehen. Als er mich über den Schreibtisch hinweg angrinst, scheint sein Lächeln seine Augen zu verschlucken.

»Du bist also ein Sophomore aus Santa Fe?«, fragt er.

Ich nicke und bejahe, obwohl wir nie in Santa Fe geschweige denn überhaupt in New Mexico waren. Eine einfache Lüge, um mir Nachforschungen zu ersparen. Na, zumindest stimmt es, dass ich im zweiten Jahr der Highschool bin.

»Das erklärt die Bräune. Und was führt euch nach Ohio?«

»Der Beruf meines Vaters.«

Henri ist nicht mein Vater, aber ich behaupte das immer, um Argwohn zu zerstreuen. In Wahrheit ist er mein Wächter oder – was auf der Erde besser verstanden wird – mein Vormund.

Auf Lorien gab es zwei Arten von Bürgern. Einmal sind da die Träger des Erbes mit höchst verschiedenartigen Fähigkeiten wie Unsichtbarkeit oder Gedankenlesen bis hin zum Fliegen oder der geschickten Anwendung der Naturgewalten. Diese Träger des Erbes werden Garde genannt, die anderen heißen Cêpan oder Wächter. Ich bin ein Angehöriger der Garde, Henri ist mein Cêpan. Jeder Gardist bekommt in sehr jungen Jahren einen Cêpan zugeteilt. Sie helfen uns, die Geschichte unseres Planeten zu verstehen und unsere Fähigkeiten zu entwickeln. Cêpan und Garde – eine Gruppe betreibt und verwaltet den Planeten, die andere Gruppe verteidigt ihn.

Mr. Harris nickt. »Und was ist dein Vater von Beruf?«

»Schriftsteller. Er wollte in einer kleinen, ruhigen Stadt leben, um sein gegenwärtiges Projekt zu beenden.« Das ist unsere Standardgeschichte.

Mr. Harris nickt wieder und kneift die Augen zusammen. »Du scheinst ein kräftiger junger Mann zu sein. Hast du vor, hier Sport zu treiben?«

»Ich wollte, ich könnte es. Aber ich habe Asthma.« Meine übliche Ausrede zur Vermeidung von Situationen, die meine Stärke und Schnelligkeit verraten könnten.

»Tut mir leid, das zu hören. Wir suchen immer gute Athleten für das Footballteam.« Mr. Harris’ Blick wandert zum Regal an der Wand, auf dem ganz oben ein Pokal mit dem eingravierten Datum des vergangenen Jahres steht. »Wir haben den Juniorpokal gewonnen!«, erklärt er strahlend vor Stolz.

Aus einem Aktenschrank neben seinem Schreibtisch nimmt er zwei Blatt Papier für mich. Das erste ist mein Stundenplan mit ein paar noch offenen Rubriken, das zweite eine Liste der verfügbaren Wahlfächer. Ich suche aus, trage sie ein und gebe alles zurück. Dann hält er mir einen gefühlt stundenlangen einführenden Vortrag, in dem er jede Seite des Schülerhandbuchs mit peinlichster Genauigkeit erklärt. Es läutet einmal, dann noch einmal. Schließlich ist er fertig und will wissen, ob ich noch Fragen habe. Nein, keine Fragen.

»Ausgezeichnet. Jetzt läuft noch die Hälfte der zweiten Stunde, und du hast Astronomie bei Mrs. Burton gewählt. Sie ist eine großartige Lehrerin, eine unserer besten. Sie ist sogar schon einmal vom Staat ausgezeichnet worden; der Gouverneur hat die Urkunde selbst unterschrieben!«

»Großartig«, sage ich.

Nachdem sich Mr. Harris aus seinem Stuhl gekämpft hat, gehen wir aus seinem Büro durch den Gang. Seine Schuhe klappern auf dem frisch gewachsten Boden. Die Luft riecht nach Farbe und Reinigungsmittel. Spinde säumen die Wände, viele von ihnen tragen Banner für das Footballteam. Mehr als zwanzig Klassenzimmer können nicht im Gebäude sein. Ich zähle sie im Vorbeigehen.

»Da sind wir.« Mr. Harris streckt die Hand aus, ich schüttle sie. »Wir sind froh, dich hier zu haben. Ich betrachte uns gern als eine eng verbundene Familie. Ich freue mich, dich darin begrüßen zu können.«

»Danke«, sage ich höflich.

Mr. Harris öffnet die Tür und streckt den Kopf ins Klassenzimmer. Erst jetzt wird mir klar, dass ich ein bisschen nervös bin, dass ein gewisses Schwindelgefühl sich einschleicht. Mein rechtes Bein zittert, mein Magen flattert und ich verstehe nicht, warum. Es kann doch kein Lampenfieber vor der neuen Klasse sein! Dazu habe ich diese Situation viel zu oft erlebt. Ich hole tief Luft und versuche die Beklemmung abzuschütteln.

»Mrs. Burton, entschuldigen Sie die Störung. Ihr neuer Schüler ist da.«

»Oh, hervorragend! Schicken Sie ihn herein«, ruft Mrs. Burton mit schriller, begeisterter Stimme.

Mr. Harris hält die Tür auf und ich gehe hinein. Das Klassenzimmer ist komplett quadratisch, etwa fünfundzwanzig Schüler sitzen darin an rechteckigen, etwa küchentischgroßen Schreibtischen, etwa drei Schüler pro Tisch. Alle starren mich an. Ich starre zurück, bevor ich Mrs. Burton ansehe. Sie dürfte um die sechzig sein und trägt einen rosa Wollpullover. Eine Brille mit rotem Plastikgestell hängt ihr an einer Kette um den Hals. Sie lächelt breit, ihr Haar ist graumeliert und lockig. Ich spüre, wie meine Handflächen schweißnass werden, mein Gesicht fühlt sich heiß an, hoffentlich ist es nicht rot. Mr. Harris schließt die Tür.

»Und wie heißt du?«, fragt Mrs. Burton.

In meiner Verwirrung hätte ich beinahe ›Daniel Jones‹ gesagt, aber ich fange mich, atme tief ein und antworte: »John Smith.«

»Großartig. Und woher kommst du?«

»F…«, fange ich an, kann mich aber rechtzeitig korrigieren. »Santa Fe.«

»Klasse, heißt ihn herzlich willkommen!«

Alle klatschen. Mrs. Burton bedeutet mir, dass ich mich auf den leeren Platz mitten im Raum zwischen zwei andere Schüler setzen soll. Erleichtert, dass sie keine weiteren Fragen stellt, trotte ich den kleinen Gang hinunter – direkt auf Mark James zu, der mit Sarah Hart an einem Tisch sitzt. Als ich an ihm vorbeigehe, stellt er mir ein Bein. Ich verliere das Gleichgewicht, bleibe aber aufrecht. Gekicher.

Mrs. Burton fährt herum. »Was ist los?«

Ohne zu antworten, starre ich Mark an. Jede Schule hat so einen harten Typen, einen Tyrann, einen Angeber, wie man ihn auch nennen mag, aber noch nie hat sich einer so schnell herauskristallisiert. Seine gegelten schwarzen Haare sind sorgfältig so gestylt, dass sie in alle Richtungen abstehen. Er hat exakt geschnittene Koteletten, Stoppeln am Kinn und buschige Brauen über den dunklen Augen. Auf seine Collegejacke, die Oberstufenschülern vorbehalten ist, ist sein Name in Gold über das Jahr gestickt. Wir durchbohren einander mit Blicken, die anderen stöhnen auf.

Ich schaue kurz nach meinem Platz, drei Tische entfernt, dann zurück zu Mark. Ich könnte ihn ohne Weiteres in zwei Teile brechen, wenn ich wollte. Ich könnte ihn bis zum nächsten Verwaltungsbezirk schleudern. Wenn er versuchen sollte, in einem Auto zu fliehen, könnte ich den Wagen einholen und problemlos auf einen Baumwipfel setzen. Aber abgesehen davon, dass das vielleicht ein wenig übertrieben wäre, spuken nun Henris Worte durch meinen Kopf: Bleib unauffällig, zieh keine Aufmerksamkeit auf dich. Ich weiß, dass ich seinem Rat folgen und den Vorfall ignorieren sollte, wie ich es bei ähnlichen Erlebnissen in der Vergangenheit getan habe. Das können wir gut, wir passen uns der Umgebung an und leben in ihrem Schatten. Aber jetzt bin ich unsicher, angespannt, und noch bevor ich nachgedacht habe, platze ich heraus: »Was willst du?«

Mark lässt seinen Blick durch den Raum schweifen, rutscht auf seinem Platz zurück und sieht mich dann wieder an. »Wovon sprichst du?«

»Du hast mir eben ein Bein gestellt. Und draußen hast du mich angerempelt. Ich dachte, du willst vielleicht was von mir.«

»Was ist hier los?« Mrs. Burton steht mittlerweile hinter mir.

Ich blicke sie über die Schulter an. »Nichts.« Und dann zu Mark: »Also?«

Er klammert die Hände an seine Schreibtischplatte, schweigt aber weiter. Wir starren einander an, bis er seufzt und wegsieht.

»Das dachte ich mir«, sage ich abfällig und gehe weiter. Die anderen Schüler wissen nicht genau, was sie tun sollen, und so beobachten die meisten mich einfach nur, bis ich mich setze, zwischen ein rothaariges Mädchen mit Sommersprossen und einen übergewichtigen Typen, der mich mit offenem Mund unverhohlen anglotzt.

Mrs. Burton vorn an der Tafel wirkt ein bisschen aufgeregt, aber dann zuckt sie die Achseln und beginnt zu erklären, warum Ringe um den Saturn sind, und dass sie hauptsächlich aus Eispartikeln und Staub bestehen. Nach einer Weile schalte ich sie für mich aus und betrachte die anderen Schüler: eine ganz neue Gruppe, die ich wieder versuchen werde, auf Abstand zu halten. Das ist immer ein Eiertanz, gerade so viel zu kommunizieren, dass man geheimnisvoll bleibt, aber nicht merkwürdig und damit auffällig wird. Heute habe ich es total verpfuscht.

Ich hole tief Luft und atme langsam aus. Ich habe immer noch ein flaues Gefühl im Magen, immer noch das irre Zittern im Bein. Meine Hände fühlen sich wärmer an. Mark James sitzt drei Tische vor mir. Einmal dreht er sich um und sieht mich an, dann flüstert er Sarah etwas ins Ohr. Sie wendet sich um, offenbar cool, aber dass sie früher mit ihm ausgegangen ist und jetzt neben ihm sitzt, macht mich nachdenklich. Sie schenkt mir ein herzliches Lächeln. Ich will zurücklächeln, aber ich bin wie erstarrt. Mark will ihr wieder was zuflüstern, doch sie schüttelt den Kopf und schiebt ihn weg. Mein Gehör ist eigentlich viel besser als das menschliche, wenn ich es fokussiere, aber ihr Lächeln hat mich so durcheinandergebracht, dass da gar nichts mehr geht. Ich wollte, ich hätte gehört, was gesagt worden ist.

Ich öffne und schließe die Hände. Meine Handflächen sind verschwitzt und fangen an zu brennen. Noch ein tiefer Atemzug. Ich sehe nur noch verschwommen. Fünf Minuten vergehen, dann zehn. Mrs. Burton spricht immer noch, aber ich höre nicht, was sie sagt. Ich drücke meine Fäuste zu, dann öffne ich sie wieder. Dabei bleibt mir der Atem in der Kehle stecken. Ein leichter Schimmer erscheint auf meiner rechten Handfläche. Ich sehe verblüfft, erstaunt darauf hinunter. Nach ein paar Sekunden wird das Leuchten heller.

Ich schließe die Fäuste. Zuerst fürchte ich, einem der anderen könnte etwas zugestoßen sein. Aber was? Wir können nicht außer der Reihe getötet werden. So bestimmt es der Zauber. Aber bedeutet das auch, dass ihnen nichts anderes zustoßen kann?! Wurde einem die rechte Hand abgeschnitten? Ich habe keine Ahnung. Aber wenn etwas geschehen wäre, hätte ich es in den Narben an meinem Knöchel gespürt.

Und erst jetzt dämmert es mir: Mein erstes Erbe bildet sich!

Ich hole mein Handy aus der Tasche und schicke Henri eine SMS: kmr. Ich wollte komm her tippen, aber mir ist zu schwindlig, um mehr zu schreiben. Ich balle die Hände und lege sie in den Schoß. Sie brennen und zittern. Ich öffne sie noch einmal – die linke Handfläche ist knallrot, die rechte schimmert immer noch. Ich werfe einen Blick auf die Uhr an der Wand und sehe, dass die Stunde fast vorbei ist. Wenn ich hier rauskomme, kann ich einen leeren Raum suchen, Henri anrufen und ihn fragen, was los ist. Ich fange an, die Sekunden runterzuzählen, sechzig, neunundfünfzig, achtundfünfzig. Es fühlt sich an, als würde gleich etwas in meinen Händen explodieren. Ich konzentriere mich aufs Zählen. Vierzig, neununddreißig. Jetzt brennen meine Hände so sehr, als würden kleine Nadeln in die Handflächen gesteckt. Achtundzwanzig, siebenundzwanzig. Ich öffne die Augen und starre geradeaus, konzentriere mich auf Sarah und hoffe, das lenkt mich ab. Fünfzehn, vierzehn. Sie anzusehen, macht es schlimmer. Die Nadeln fühlen sich jetzt an wie glühende Nägel, die in einem Ofen erhitzt wurden. Acht, sieben.

Es läutet. Augenblicklich springe ich auf und renne an den anderen vorbei aus dem Klassenzimmer. Mir ist schwindlig, ich bin unsicher auf den Beinen, laufe durch den Gang und habe keine Ahnung, wohin. Ich spüre, dass mir jemand folgt. Ich ziehe meinen Stundenplan aus der Tasche und suche meine Spindnummer. Zum Glück ist mein Spind gerade neben mir auf der rechten Seite. Ich bleibe davor stehen und lege den Kopf an die Metalltür. Dann schüttle ich ihn, weil mir plötzlich klar wird, dass ich bei meiner Hast, aus dem Klassenzimmer zu kommen, meine Tasche mit dem Handy darin liegen gelassen habe.

Und dann schubst mich jemand. »Was ist los, du harter Knochen?«

Ich stolpere ein paar Schritte und blicke auf.

Mark steht da und grinst mich an. »Stimmt was nicht?«

»Alles okay.« Mir schwindelt; ich habe das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden. Und meine Hände brennen. Was immer geschieht, es gäbe keinen unpassenderen Moment als diesen.

Mark schubst mich wieder. »Nicht ganz so tough, wenn keine Lehrer in der Nähe sind, was?«

Ich kann mich nicht mehr aufrecht halten, stolpere über meine eigenen Füße und falle auf den Boden.

Sarah tritt vor Mark. »Lass ihn in Ruhe.«

»Das hat nichts mit dir zu tun«, entgegnet er.

»Richtig. Du siehst, wie ein neuer Schüler mit mir spricht, und sofort versuchst du, dich mit ihm zu schlagen. Das ist nur ein Beispiel dafür, warum wir nicht mehr zusammen sind.«

Ich versuche aufzustehen. Sarah beugt sich herunter und will mir helfen, doch sowie sie mich berührt, flammt der Schmerz in meinen Händen erneut auf. Es fühlt sich an, als würde der Blitz durch meinen Kopf schlagen. Ich drehe mich um und laufe davon, in die entgegengesetzte Richtung vom Astronomieraum. Ich weiß, dass jeder mich in diesem Moment für einen Feigling hält, aber mir ist, als würde ich sonst ohnmächtig. Später werde ich Sarah danken und mich mit Mark auseinandersetzen. Im Moment muss ich nur ein Zimmer finden, das ich abschließen kann.

Ich laufe bis zum Ende des Gangs, der in den Haupteingang mündet. Der Direktor hat in seinem langen Vortrag auch davon gesprochen, wo die verschiedenen Räume hier sind. Wenn ich mich richtig erinnere, liegen am Ende dieses Trakts die Aula sowie die Musik- und Kunsträume. Ich renne darauf zu, so schnell ich in diesem Zustand kann. Mark brüllt mir etwas nach und Sarah schreit wiederum ihn an. Ich reiße die erste Tür auf, die infrage kommt, und knalle sie hinter mir zu. Ein Glück, sie hat ein Schloss, es funktioniert.

Ich bin in einer Dunkelkammer. Filmstreifen hängen an Trockenschnüren. Ich breche auf dem Boden zusammen. Mein Kopf dreht sich, meine Hände brennen und brennen. Seit sie leuchten, habe ich die Fäuste geballt. Jetzt betrachte ich sie: Die rechte Hand glüht immer noch, das Licht im Inneren pulsiert. Panik ergreift mich.

Ich sitze auf dem Boden, Schweiß sticht mir in die Augen, beide Hände tun schrecklich weh. Ich wusste, dass ich mein Erbe erwarten muss, aber ich hatte keine Ahnung, dass es so etwas mit einschließt. Ich öffne die Hände – die rechte Handfläche leuchtet hell und das Licht beginnt sich zu konzentrieren. Die linke flackert schwach, das Brennen ist fast unerträglich. Wenn Henri nur hier wäre!

Ich schließe die Augen, schlinge die Arme um den Körper und wiege mich auf dem Boden hin und her, alles in mir schmerzt. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht – eine Minute? Zehn? Es läutet, die nächste Schulstunde beginnt. Ich höre Leute vor der Tür, ein paar Mal will jemand öffnen, vergeblich. Ich wiege mich weiter auf dem Boden, die Augen fest geschlossen. Es wird geklopft, dazu gedämpfte Stimmen, ich verstehe nichts. Dann öffne ich die Augen und sehe, dass der Lichtschein von meinen Handflächen die gesamte Dunkelkammer erleuchtet. Ich drücke die Hände zu Fäusten, damit das Licht ausgeht, aber es scheint zwischen den Fingern hindurch.

Auf einmal wird kräftig an der Tür gerüttelt. Was werden sie zu dem Licht in meinen Händen sagen? Ich kann es nicht verbergen. Wie soll ich es erklären?

»John? Mach die Tür auf – ich bin es.«

Eine Welle der Erleichterung durchflutet mich. Henris Stimme! Die einzige Stimme auf der ganzen Welt, die ich jetzt hören möchte.

5

Ich krieche zur Tür und schließe auf.

Henri ist ganz verdreckt und trägt Gärtnerkleidung, offenbar hat er draußen vor dem Haus gearbeitet. Ich freue mich so, ihn zu sehen, dass ich aufspringen und ihn umarmen will, aber ich bin zu benommen und falle zurück auf den Boden.

»Ist da drin alles in Ordnung?«, fragt Mr. Harris, der hinter Henri steht.

»Alles bestens. Geben Sie uns nur eine Minute, bitte«, antwortet Henri.

»Muss ich einen Notarzt rufen?«

»Nein!«

Die Tür geht zu. Henri schaut auf meine Hände hinunter. Das Licht in der rechten leuchtet hell, in der linken flackert es schwach, als brauche es noch Selbstvertrauen.

Henri lächelt breit, sein Gesicht strahlt wie ein Signalfeuer. »Ah, Lorien sei Dank«, seufzt er, dann zieht er ein Paar lederne Gartenhandschuhe aus der Hosentasche. »Ein Glück, dass ich im Hof gearbeitet habe. Zieh die an.«

Ich gehorche. Die Handschuhe verdecken das Licht völlig.

Mr. Harris öffnet die Tür und streckt den Kopf herein. »Mr. Smith, ist alles okay?«

»Ja, kein Problem. Geben Sie uns nur noch dreißig Sekunden.«

Dann sieht Henri wieder mich an. »Dein Direktor mischt sich zu viel ein.«

Ich hole tief Luft und atme langsam aus. »Ich verstehe ja, was passiert, aber warum so?«

»Dein erstes Erbe.«

»Ich weiß, aber warum diese Lichter?«

»Darüber reden wir auf der Heimfahrt. Kannst du gehen?

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