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Horror an Halloween

 

Mit Vollgas donnerten wir die Auffahrt entlang. Hinter uns rumpelte ein Anhänger, in dem alles war, was wir in den ersten Tagen in unserem neuen Haus brauchen würden. Wir, das waren mein Dad und ich, Cassie. Und unser neues Haus ist eher ein altes Schloss. Schon etwas verfallen, das gebe ich zu, aber immerhin ein richtiges kleines Schloss. Mit großen Fenstern und spitzen Türmen. Dad hatte es vor kurzem geerbt. Es hatte lange gedauert, bis der Erbe nach dem Tod der alten Besitzerin gefunden wurde. Lange hatte das Schloss also leer gestanden. Irgendwann hatte man Dad als einzigen noch lebenden Nachfahren der alten Dame gefunden. Und jetzt waren wir hier, bei dem Schloss angekommen. Wir waren den weiten Weg hierher gefahren und bisher gefiel es mir besser, als ich es gedacht oder befürchtet hatte. Schnell packte ich meinen Rucksack und lief die breite Eingangstreppe rauf. Eins, zwei, drei,... 10 Stufen hatte sie. Dad hatte die große Tür bereits geöffnet und stand in der riesigen Eingangshalle. Obwohl das Haus von außen etwas dreckig und wild bewachsen aussah, war es innen ordentlich und es schien, als habe sich seit dem Tod der Besitzerin nichts geändert. Wirklich alles war sauber und einige Landschaftsbilder hingen an den Wänden. „Willst du nicht dein Zimmer sehen?“, wollte Dad wissen und sah mich fragend an. Er war vor einiger Zeit schon hier gewesen und hatte unsere Sachen hergebracht und angefangen, alles wohnlich zu machen. „Natürlich!“, rief ich und folgte ihm die Treppe hinauf in die erste Etage. Dad stand vor einer großen Holztür. Knarrend öffnete er sie. Ich betrat nach ihm das Zimmer. Ein neu eingerichteter Raum. Viel moderner als all die anderen Räume mit ihren altmodischen Holzmöbeln. Ein französisches Bett, ein Fernseher, ein Sofa, mein Schreibtisch und der Rest meiner Sachen waren im Zimmer. Es hatte auch einen Balkon, wie ich nun bemerkte. Rasch betrat ich ihn. Es war ein großer Balkon. Von ihm aus sah man das, was einst ein kleiner Park, nun aber verwildert war. „Komm, wir sehen uns den Park mal genauer an!“, rief Dad neugierig, „Jetzt ist es wenigstens noch etwas hell!“ Er hastete die Treppe runter, aus der Eingangstür und einmal um das Gebäude, um an den Park zu kommen. Ich rannte ihm nach und wir standen vor einem mächtigen Eisentor. Große, alte Bäume wuchsen auf dem Schlossgelände, das von einer Art Zaun und teils einer Steinmauer eingeschlossen war. Der Park war voller Statuen, Figuren und Büschen. Ich entdeckte auch einen alten Springbrunnen. Allerdings funktionierte der nicht. Bald wurde es dunkel und wir gingen rein um uns das Schloss noch einmal genauer von innen anzusehen. Die alte Dame, der das Schloss gehört hatte, war Engländerin gewesen, und alles war- mit Ausnahme meines Zimmers- im altenglischen Stil aufgebaut und eingerichtet. Auch das Schloss war einem englischen Vorbild nachgebaut worden. Ungewohnt, aber schön und gemütlich. Dad zündete den Kamin im Wohnzimmer oder eher Salon an. Wir gingen weiter, sahen uns Küche, Badezimmer und einige weiteren Räume an. Alles war ordentlich. „Ob das so bleibt?“, murmelte Dad gedankenverloren. Dann fiel ihm ein, dass unsere Sachen noch im Anhänger lagen. „Die holen wir morgen!“, meinte er. Ich nickte. Gegessen hatten wir ja unterwegs schon. Ich lief die Treppe rauf und ging in mein Zimmer. Aus dem Rucksack zerrte ich mein Nachthemd und zog mich um. Bevor ich mich hinlegte, ging ich noch einmal auf den Balkon. Ein leichter Wind wehte draußen, aber es war trocken. Es war keine Wolke am Himmel und der Vollmond knallte in mein Zimmer. Es war irgendwie unheimlich, aber vielleicht war das eine Frage der Gewohnheit. Ich zog mir im Bett die Decke bis unters Kinn und versuchte zu schlafen. Das gelang mir recht bald. Von der Reise war ich wohl so müde, denn sonst wäre ich bestimmt nicht gleich eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wachte ich früh auf. Die Balkontür stand offen und mir war kalt. Darum war ich wohl aufgewacht. Ob ich vergessen hatte, sie gestern Abend zu schließen? Oder hatte Dad die Tür geöffnet? Eine andere Möglichkeit wollte ich lieber gar nicht erst in Betracht ziehen. Rasch stand ich auf und schloss die Tür. Dann zog ich mich an und lief die Treppe runter. Dad hatte schon Frühstück gemacht. Ich setzte mich zu ihm. „Ich fahre dich zur Schule!“, sagte er zu mir. Ich hatte nichts dagegen, denn ich wusste weder, wo eine Haltestelle war, noch wann ein Bus fuhr. Außerdem fuhr ich nicht gerne mit dem Bus, wo ich doch niemanden kannte und Angst haben musste, die Haltestelle zu verpassen. Bald stiegen wir in Dads neuen schwarzen Landrover, den er sich für diese abgelegene Gegend gekauft hatte. Wir fuhren durch das große Tor zur Straße am Ende der Zufahrt. Erst ging es eine lange Schnellstraße entlang, immer durch den Wald. Dann kamen wir in die Stadt, an deren Rand die mittelgroße Schule lag. „Ist wohl alles sehr übersichtlich, aber wenn du das Sekretariat nicht findest, kannst du ja jemanden fragen.“, sagte Dad zum Abschied. Ich betrat die Schule. Sekretariat. Na also, war ja ausgeschildert. Ich folgte dem Schild und ging die Treppe rauf und den Flur entlang. Dann klopfte ich an die Tür des Sekretariates. Das heißt, ich wollte an die Tür klopfen, denn plötzlich hielt ich inne. Aus dem Raum drang eine wütende Stimme und ich verstand Einiges. „Was fällt euch ein? Seid ihr wahnsinnig?!“, brüllte eine laute dumpfe Männerstimme. Es kam keine Antwort. Man hörte, wie jemand schweren Schrittes durch den Raum ging. Ich wagte es und klopfte an die Tür. „Ja!“, rief die Männerstimme laut und ich trat ein. An einem großen Schreibtisch saß ein kräftiger Mann. Der Direktor. Rechts von mir standen 2 Jungs. Einer von ihnen sah echt süß aus. Dunkelblonde kurze Strähnen hingen ihm cool über die Schläfen. „Du bist die neue Schülerin?!“, meinte der Direktor. Es war eher eine Feststellung, als eine Frage. Ich nickte leicht. „Ich bin hier gleich fertig, dann kriegst du deinen Stundenplan und die Jungs werden dich in deinen Kurs bringen!“, erklärte er mir freundlich. Wieder nickte ich. Dann wandte er sich an die Jungs und fuhr fort: „Wenn ich noch ein einziges Mal zu hören bekomme, dass ihr unangenehm aufgefallen seid, dann gibt es richtig Ärger!“ Die Beiden sahen trotzig weg, als würde es sie nichts angehen. Der Mann gab jedem von ihnen drei Zettel. „Die Schulordnung! Drei Mal! Zu morgen!“, sagte der Direktor knapp. Er drückte mir meinen Stundenplan in die Hand und gab mir auch gleich die Schulordnung mit. „Zeigt ihr die Klasse!“, befahl er den Jungs und wir verließen den Raum. „Welches Fach hast du?“, wollte der gut aussehende Junge wissen. „Mathe!“, antwortete ich schüchtern. „Wir auch, komm mit!“, meinte der Andere. Unterwegs wagte ich es und fragte die Beiden, was sie denn angestellt hätten. „Schlägerei!“, erklärte der blonde Junge kurz. Dazu sagte ich nichts. Erstens, weil mir dazu nichts einfiel und zweitens, weil wir die Klasse erreicht hatten. Der Blonde öffnete die Tür. „Das ist die Neue!“, sagte er kurz und ging an der Lehrerin vorbei an seinen Platz. Der andere Junge folgte ihm. „Hallo und herzlich willkommen! Wie heißt du denn?“, fragte mich die Lehrerin freundlich. Sie war noch sehr jung und hatte blondes mittellanges Haar. „Cassie!“, meinte ich, überrascht von so viel Freundlichkeit. „Sehr schön! Ich bin Miss Gold! Setz dich...“, sie sah in die Klasse, „Neben Danny ist noch Platz. Setz dich doch bitte neben ihn!“ Danny... Das war doch der Gutaussehende... Ich ging zu ihm und setzte mich auf den freien Platz neben ihm. Insgeheim fragte ich mich, wieso neben ihm niemand saß, sagte aber nichts. „Wir vergleichen die Hausaufgaben!“, eröffnete Miss Gold die Stunde und rief einen Jungen auf, der die Ergebnisse vorlesen sollte. „Gut! Das hast du toll gemacht!“, lobte sie ihn wie ein kleines Kind. Einige Schüler kicherten vor sich hin. Ich wunderte mich. Danny sagte nichts. Wir rechneten ein paar Aufgaben aus dem Buch. Ich hatte keine Probleme, warf aber ab und zu einen Blick zu meinem Nachbarn rüber. Er rechnete sehr konzentriert und schnell und war bald fertig. Endlich sah er einmal zu mir rüber. Bisher hatte er mich ignoriert. Doch es war nur ein kurzer abschätzender Blick. Dann sah er aus dem Fenster und träumte vor sich hin. „Danny! Bist du schon fertig?“, fragte Miss Gold. „Danny! Danny?“, wiederholte die Lehrerin, aber er reagierte nicht. „Weck´ ihn mal auf!“, forderte Miss Gold mich auf. Ich stieß ihn sanft an der Schulter an und sagte seinen Namen. Endlich sah er die Lehrerin an. Sie wiederholte ihre Frage und er nickte. Inzwischen war ich ebenfalls fertig. Es klingelte zur Pause. Danny lief mit einigen anderen Schülern an mir vorbei. Ich ging auf den Schulhof und sah, wie er mit den anderen Jungs Basketball spielte. Weil sich die Mädchen aus dem Kurs nicht für mich und ich mich noch nicht sonderlich für sie interessierte, setzte ich mich allein auf eine Bank am Spielfeldrand und sah den Jungs zu.

Plötzlich kam der Ball auf mich zugeflogen. Ich fing ihn reflexartig auf und warf ihn, ohne genau zu wissen, was ich tat, davon. Er donnerte genau in den Korb. Die Jungs starrten mich an als käme ich von einem anderen Stern. Danny kam auf mich zu geschritten. Er sah nicht sehr erfreut aus. „Das war der falsche Korb! Der da gehört den Gegnern! Wieso hast du auf unseren geworfen???“, fuhr er mich ziemlich ruppig an. Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte. Ich hatte das ja schließlich nicht mit Absicht gemacht. Ich hatte noch nicht einmal auf irgendeinen Korb gezielt, sondern einfach nur geworfen. „Der Korb zählt nicht!“, behauptete Danny. „Oh doch!“, meinte ein Spieler der anderen Mannschaft eiskalt. „Nein! Sie spielt doch gar nicht mit!“, rief Danny. „Der Korb zählt!“, sagte der andere Junge und packte ihn an den Schultern. Er war mindestens einen Kopf größer als Danny und zischte: „Pass auf, Danny! Der Korb zählt! Klar?“ Dann schubste er ihn weg. Nun fiel mir etwas auf; Es war der Junge, mit dem Danny beim Direktor gewesen war. Der allerdings wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Mit aller Kraft warf er sich gegen den Kerl, der ihn geschubst hatte. Dieser fiel zu Boden. Danny schmiss sich auf ihn. Die beiden Jungs prügelten sich- schon wieder. Ich traute mich nicht, dazwischen zu gehen. Aber schließlich war das alles wegen mir passiert! Es klingelte wieder zum Ende der Pause. Danny sprang überrascht auf. Etwas Blut tropfte aus seinem Mund, seine Lippe war angeschwollen und er hatte ein dickes blaues Auge. Sein Gegner lief davon und ich traute mich, langsam zu ihm zu gehen. „Geht´s?“, fragte ich leise und er nickte. „Sicher?“, erkundigte ich mich nicht ganz überzeugt. Als er nicht antwortete, nahm ich ihn vorsichtig am Arm und führte ich in Richtung Schule.

Unschlüssig standen wir wenig später in der Pausenhalle. „So kannst du doch nicht in den Unterricht gehen!“, sagte ich zu ihm. Er antwortete nicht. Ausgerechnet da kam Miss Gold um die Ecke. Als sie Danny und mich sah, kam sie auf uns zu. Sie drückte ihn vorsichtig auf eine Bank und sagte besorgt: „Was hast du denn gemacht? Sag schon, wie ist das passiert? Hast du dir sehr wehgetan?“ Danny antwortete wieder nicht. „Wartet hier!“, sagte Miss Gold energisch. Sie verschwand im Lehrerzimmer, kam aber bald wieder und drückte einen Eisbeutel auf Dannys Auge. Auch das Blut an seinem Mund wischte sie vorsichtig weg. Dann wollte sie erneut wissen, was passiert war. „Es war meine Schuld!“, beeilte ich mich zu versichern, immerhin hatte ich den Ball in den falschen Korb geworfen. Und das war ja der Auslöser des Streites gewesen. Außerdem schwieg Danny stur vor sich hin. „Deine Schuld?“, Miss Gold glaubte es wohl nicht. Na, wenigstens zwang sie niemanden, zum Direktor zu gehen. „Nein, ich hab mich mit Dave geprügelt!“, stöhnte Danny nun. Dann erklärte er kurz, was los gewesen war. „Willst du nicht lieber nach Hause? Vielleicht kann Cassie dich begleiten.“, sagte die Lehrerin, „Einen freien Tag kannst du nach dem Umzug doch sicher gebrauchen?!“ Wie Recht sie hatte... „Also? Was ist?“, wollte sie wissen. „Ich würde ihn nach Hause bringen!“, erklärte ich. „Das ist nett! Tu das doch bitte! Ich werde euch entschuldigen!“, sagte die Lehrerin. Ich lief los und holte meinen und Dannys Rucksack. „Na komm!“, sagte ich und half ihm hoch. „Seid vorsichtig!“, mahnte Miss Gold uns noch und wir verließen das Gebäude und gingen zur Bushaltestelle. „Wo wohnst du eigentlich?“, wollte ich von dem Jungen wissen. „Zeig´ ich dir dann!“, entgegnete er. Bald saßen wir im Bus. „Wo wohnst du?“, fragte Danny. „Auf dem Waldschloss!“, antwortete ich. Er starrte mich an. „Da wohnst du?!“, hakte er nach und ich nickte. Danny träumte vor sich hin. „Was ist?“, erkundigte ich mich. „Nichts, nichts“, meinte er, „Ich frage mich nur, wie du nach Hause kommen willst. Du weißt ja nicht mal, wo du aussteigen musst!“ Da hatte er leider Recht. „Wir könnten ja zu mir fahren und mein Dad bringt dich dann nach Hause, wenn er von der Arbeit kommt.“, schlug ich vor. Es war eigentlich nur eine dumme Idee gewesen, aber der Junge war einverstanden. Und so fuhren wir mit dem Bus aus der Stadt raus.

Die Haltestelle war genau am Ende der Zufahrt zum Schloss. Wir stiegen aus und machten uns auf den Weg. Mir fiel auf, dass Danny humpelte. Ich stützte ihn und wir spazierten gemeinsam durch den Wald, durch den die Zufahrt führte. Ich half Danny die Treppe rauf und schloss die Tür auf. Dann brachte ich den Jungen ins Wohnzimmer. „Warte kurz.“, sagte ich überflüssigerweise und lief in die Küche. Gut, Dad hatte schon Cola besorgt. Ich schnappte mir zwei Gläser und kam zurück. Wir saßen im Salon und schwiegen. Weil ich nicht erwartete, dass Danny etwas sagen würde- er antwortete ja noch nicht einmal auf Fragen, die man ihm stellte- sagte ich etwas frech: „Miss Gold scheint dich ja zu mögen.“ Er hatte die witzige Anspielung wohl nicht verstanden, denn er nickte nur: „Kann schon sein. Sie übertreibt es aber immer etwas mit ihrer Fürsorglichkeit.“ - „Du bist gehumpelt, was ist los?“, fragte ich weiter. Danny zuckte die Schultern, zog die Hose aber bis zum Knie hoch, um nachzusehen. Es war aufgeschlagen und blutig. „Warum hast du das nicht gesagt? Miss Gold hat dich doch gefragt!“, warf ich ihm vor. „Sie hätte Krankenschwester gespielt. Du hast ja gesehen, wie sie sich um mich kümmern wollte.“, meinte er. „Hast Recht“, murmelte ich, „aber dein Knie muss versorgt werden.“ Danny sagte nichts. Ich ging los und holte Pflaster und Desinfektionsmittel. „Ich mach das mal.“, sagte ich verlegen und versorgte sein Knie. An seinem Bein waren mehrere blaue Flecken und Narben. Anscheinend prügelte er sich öfter oder hatte zumindest ein Talent, sich zu verletzen. Als ich fertig war, setzte ich mich wieder neben ihn. „Danke...“, brachte er leise über die Lippen. „Schon gut!“, wehrte ich ab. War das nicht toll? Kaum war ich an der Schule, hatte ich den wahrscheinlich süßesten Kerl auf ihr an meiner Seite. Es war traumhaft, denn sonst hatte ich es nicht so mit Jungs.

Plötzlich hörte ich etwas. War es Dad, der heimkam? Nein, dazu war es viel zu früh. Ob Danny es auch gehört hatte? Ich blickte zu ihm hinüber, was ich eine Weile vermieden hatte, um nicht albern zu wirken. Er hatte die Augen halb geschlossen und sah ziemlich entspannt aus. Unsicher sah ich mich um. Was verdammt war das? Ich stand auf und Danny rührte sich nicht. Aber er saß nun aufrecht und lauschte ebenfalls, als hätte er es auch gehört. Das Geräusch kam doch aus der Eingangshalle. Ich lief hin. Nein, das kam aus dem Keller. „Was ist los?“, fragte eine Stimme und ich drehte mich erschrocken um. Puh, es war nur Danny. Schnell erklärte ich ihm, was ich gehört hatte. So, als wäre jemand durch die Eingangshalle geschritten. „Ab in den Keller, vielleicht ist er da ja noch!“, meinte der Junge und lief die Stufen der Treppe so gut und schnell es ging runter. Unsicher folgte ich ihm. Hatte er denn gar keine Angst? Wir standen in dem Labyrinth von Gängen und sahen uns um. „Wo lang?“, wollte Danny jetzt wissen. Als ob ich mich hier auskennen würde. „Hier geht es, glaube ich, zu einem Fenster in den Gewölben. Was meinst du, sollen wir hier lang?“, fragte ich und statt einer Antwort humpelte der Junge los. Ich lief ihm nach. Plötzlich hörten wir es klirren. Ängstlich drückte ich mich an die Wand, aber Danny ging unerschrocken weiter. „Sei vorsichtig!“, bat ich ihn leise, doch er drehte sich nicht zu mir um und humpelte weiter. Ich beschloss mitzugehen, weil ich keine Lust hatte, allein im Gang stehen zu bleiben. Wir blickten um eine Ecke. Das Fenster war eingeschlagen worden. „Wer wird das gewesen sein?“, fragte ich mich selbst. „Ich glaube, du lebst gefährlich!“, bemerkte Danny. „Wie meinst du das?“, hakte ich nach. „Das Fenster wurde eindeutig von innen eingeschlagen. Die Scherben liegen nämlich draußen.“, erklärte er. „Du meinst, es war jemand im Haus?“, fragte ich ängstlich. „Was denn sonst? Aber es muss wohl jemand gewesen sein, der keinen Hausschlüssel hat, denn es wäre doch ein viel zu gefährlicher Umweg gewesen, durch den Keller zu gehen, wenn man einen Schlüssel hat!“, meinte Danny. „Hast Recht, aber wie soll die Person denn reingekommen sein?“ – „Gute Frage! Keine Ahnung.“, musste er zugeben. Ich zuckte ebenfalls die Schultern. Das war mir alles ganz schön unheimlich. „Lass uns doch bitte wieder nach oben gehen!“, bat ich Danny. „Meinst du nicht, dass wir uns hier noch etwas umsehen sollten?“, wollte er wissen. „Ich weiß nicht...“ – „Keine Angst! Komm schon!“ Sicher ging er durch einen weiterführenden Gang. Was genau er suchte, wusste er wohl auch nicht. Unsicher folgte ich ihm. Es roch seltsam und es wurde immer dunkler. Ich hatte Mühe, mir den Weg zu merken. „Sieh mal, hier geht es weiter runter!“, bemerkte Danny. „Lass uns umdrehen!“, versuchte ich noch einmal, ihn zurückzuhalten. „Wovor hast du Angst?“, fragte er. Ich wusste es nicht. Es war mir einfach unheimlich. „Komm schon!“ Er ging langsam weiter. Irgendwie war mir noch nicht wohler. Wir kamen die Treppe runter und an eine alte Holztür. Der Gang endete hier. „Du willst doch nicht etwa...“ Zu spät! Danny öffnete die Tür. Ich wunderte mich, warum sie nicht abgeschlossen war, sagte das aber nicht. Vorsichtig warf der Junge einen Blick in den Raum. Dann öffnete er die Tür ganz. Auch ich sah hinein. Nur ganz wenig Licht fiel durch eine kleine Luke in der dicken Steinwand. Ich erkannte trotzdem, wo wir gelandet waren. In einer nachgebauten Gefängniszelle, eine Art Folterkammer. „Danny!“, hauchte ich ängstlich, als er Anstalten machte, den Raum zu betreten. Aber er hörte wieder nicht auf mich und ging rein. Er sah sich alles genau an. Ich zog es vor, an der Tür zu bleiben. „Ist ja echt krank!“, murmelte er. An einer Wand erkannte ich eine weitere Tür. Allerdings konnte ich Danny davon abhalten, nachzusehen, was hinter dieser Tür war. Er hatte wohl genug von der Folterkammer, genau wie ich. Ich wollte nur noch nach oben.

Als wir die Treppe hoch kamen, stand mein Dad in der Eingangshalle. „Ich habe dich schon gesucht.“, erklärte er. Ich begrüßte ihn und stellte Danny vor. Der kam mir auf einmal sehr zurückhaltend vor. „Wann musst du denn nach Hause?“, wollte Dad gleich ordnungshalber wissen. Danny zuckte die Schultern. „Gut, dann sag Bescheid, wenn du es hier nicht mehr aushältst, dann bringe ich dich nach Hause.“, meinte Dad grinsend und klopfte Danny freundschaftlich auf den Rücken. Er nickte lächelnd. „Wollen wir in mein Zimmer gehen?“, fragte ich ihn. Danny nickte wieder. Also gingen wir die Treppe hinauf. Bald darauf standen wir in meinem Zimmer. Danny sah sich neugierig um. „Cooles Zimmer!“, meinte er knapp aber ehrlich. „Danke.“, murmelte ich. Wir gingen auf den Balkon und setzten uns unvorsichtig auf das Geländer. Von hier konnte man weit über den Park blicken und wir gingen erst nach einer Weile wieder rein, als es uns draußen zu kalt wurde.

So gegen halb sieben wollte Danny nach Hause. Mir kam das recht früh vor, aber ich dachte mir nichts weiter dabei. Wir stiegen in den Landrover und brausten die Landstraße entlang in Richtung Zivilisation. Danny und ich saßen etwas schüchtern in Gegenwart meines Dads auf der Rückbank. Er dirigierte uns in eine dunkle Gegend der Stadt. Sie war nur teilweise beleuchtet und kam mir dreckig und unheimlich vor. Große, klotzige Hochhäuser grenzten an kleine, heruntergekommene Reihenhäuser. Kein Baum, keine Gärten, dafür Schlaglöcher in der Straße. Wir hielten schließlich vor einem Reihenhaus. „Danke für alles.“, sagte Danny. Verwundert sah ich ihn an. „Alles“, das klang so übertrieben! Ich bemerkte, dass Dad vor sich hin lächelte. „Ciao!”, meinte Danny in meine Richtung und stieg aus. Ich sah ihn in dem Haus verschwinden und kletterte nach vorne auf den Beifahrersitz. „Netter Kerl.“, kommentierte Dad- immer noch grinsend. Ich nickte nur und drehte mich weg, damit er nicht sehen konnte, dass ich rot wurde. Dann fuhren wir nach Hause. Ich ging früh ins Bett, blieb aber noch lange wach. Immer wieder dachte ich an das, was Danny gesagt hatte: „Du lebst gefährlich!“

Am nächsten Tag sah ich Danny sofort. Er hatte vor der Schule auf mich gewartet. „Hi!“, rief ich erfreut und begrüßte ihn. Nebeneinander betraten wir das Schulgebäude. Es war, als würden wir uns schon ewig kennen. Einfach nur cool. Wir hatten Mathe bei Miss Gold. Einige Mädchen begannen zu tuscheln, als sie Danny und mich sahen, aber das war mir egal. Ich hoffte nur, dass Danny das nicht nur aus Dankbarkeit mir gegenüber tat, denn ich mochte ihn wirklich. Die Stunde verlief gut und ich kam bei den Aufgaben problemlos mit. Nach der Mittagspause hatten wir wieder Miss Gold- diesmal in Sport.

In der Umkleidekabine kam ein blondes Mädchen zu mir und meinte: „Was findest du denn an Danny so toll?“ – „Was geht dich das an?“, fragte ich spontan zurück, weil ich die Frage ein wenig zu direkt von ihr fand. „Darf man nicht fragen? Mein Gott, sind wir eingebildet!“, sagte sie. Na, ich schien hier ja auch wieder einen tollen Eindruck zu hinterlassen. „Danny ist eine Null!“, behauptete sie. Ich antwortete nicht. Wenn sie Streit suchte, könnte sie sich mit jemand anderem anlegen. „Weißt du schon, wo er wohnt?“, fragte das Mädchen überheblich. „Ja.“, gab ich zurück. Sie fragte weiter ungeniert: „Weißt du auch, wo seine Mom arbeitet?“ – „Nein.“, meinte ich verwundert. „Weißt du, was mit seinem Dad passiert ist?“, wollte sie wissen und wieder war meine Antwort: „Nein.“ – „Dann weißt du sicher auch nicht...“, weiter kam sie leider nicht, da Miss Gold rief, dass wir uns beeilen sollten. Ich hätte zu gerne erfahren, was ich noch alles hätte wissen müssen. Obwohl...war es denn so wichtig, wo er wohnte, was seine Eltern machten und so weiter? Wen interessierte das? Mich nicht! Ich mochte Danny. Er war wirklich süß und ich verstand mich ganz gut mit ihm bisher. Ich zog mein T-Shirt an. Hoffentlich war es dafür nicht schon zu kalt. Langsam wurde es nämlich Herbst.

Auf dem Sportplatz sammelten wir uns alle und setzten uns in einem Kreis um Miss Gold herum. Ich saß eher zufällig neben Danny. Das Mädchen, das mich zuvor so ausgefragt hatte, warf mir einen undefinierbaren Blick zu. Er kam mir vor wie eine Mischung aus Eifersucht, Arroganz und einer gewissen Überlegenheit. „Was will Amy denn von dir?“, fragte Danny leise. So hieß die Zicke also. Gut zu wissen. Ich zuckte die Schultern. Das war nicht gelogen! Ich wusste ja wirklich nicht, was sie von mir wollte. „Ich habe euch ja versprochen, dass wir heute Fußball spielen, und deshalb möchte ich, dass ihr nach dem Aufwärmen zwei Mannschaften wählt. Ich werde darauf achten, dass in beiden Gruppen Mädchen spielen.“, verkündete Miss Gold. Amy und Danny sollten die Mannschaften wählen. Ich kam Gott sei Dank zu ihm ins Team. Dann wurde das Spiel gestartet. Wir hatten ein paar Jungs mehr in der Mannschaft und stürmten auf das gegnerische Tor zu. Bald war der erste Ball drin. Wir waren den anderen klar überlegen und es dauerte nicht lange, bis wir 3:0 führten. Aber das ließen sich die Jungen der Amy- Mannschaft nicht gefallen. Sie spielten den Mädchen den Ball nicht mehr zu und fingen einen Alleingang an. Dave, der Junge, mit dem Danny sich geschlagen hatte, und der oft mit Amy unterwegs war, rannte ungehindert immer näher an unser Tor.

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