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Höllische Versuchung

CHARLAINE HARRIS, NALINI SINGH,
ILONA ANDREWS, MELJEAN BROOK

HÖLLISCHE
VERSUCHUNG

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Petra Knese

Batanya und Clovache reinigten in einem der Festungshöfe des Britlingkollektivs, das hoch oben auf einer Bergspitze in der historischen Stadt Spauling gelegen war, ihre Rüstungen. Es war ein schöner Sommertag und sie hatten sich eigens ein paar Bänke in die Sonne gerückt.

»Ich bin bleich wie ein Pookabauch«, sagte Clovache.

»Ganz so schlimm ist es nicht«, sagte Batanya, nachdem sie ihre Freundin eingehend gemustert hatte. Batanya war die Ältere der beiden: Sie war achtundzwanzig und Clovache vierundzwanzig. Auch Batanya war blass, schließlich verbrachte auch sie die meiste Zeit in einer Rüstung, doch im Gegensatz zu Clovache machte sie sich nichts daraus.

»Na, vielen Dank. Ganz so schlimm«, sagte Clovache und äffte dabei Batanyas raue Stimme nach. Dieser Versuch ging so daneben, dass Batanya unwillkürlich lachen musste.

Seit fünf Jahren arbeiteten sie und Clovache nun schon zusammen und es gab kaum etwas, was sie nicht voneinander wussten. Beide hatten den größten Teil ihres Lebens innerhalb der Mauern des Kollektivs verbracht.

»Obwohl du mich schon ein wenig an einen Pooka erinnerst. Dein Haar hat die gleiche Farbe wie ihr Rückenfell und nachtaktiv bist du auch. Aber bestimmt würdest du in Öl gebacken nicht so lecker schmecken.«

Clovache streckte ihren Fuß nach Batanya aus und versetzte ihr einen leichten Tritt. »Lass uns nachher was essen gehen«, sagte sie. »Wie wäre es mit dem Pooka Palace?«

Batanya nickte. »Außer Trovis ist da. Wenn ich den sehe, bin ich sofort weg.«

Einträchtig arbeiteten die beiden Frauen vor sich hin. Sie polierten gerade ihre, wie sie es nannten, ›flüssige Rüstung‹. Obwohl den Britlingen ein ganzes Arsenal an Schutzkleidung zur Verfügung stand, war die flüssige Rüstung das erklärte Lieblingsstück aller. Sie war nicht im eigentlichen Sinne flüssig. Vielmehr sah sie aus wie ein Taucheranzug, war aber viel einfacher anzuziehen. Vorne auf der Brust befand sich eine kleine Tastatur von der Größe einer Kreditkarte. Damit konnte man mit anderen, die ebensolch einen Anzug trugen, Kontakt aufnehmen. Außerdem sorgte ein persönlicher Kode dafür, dass nur eine einzige Person diesen Schutzanzug verwenden konnte. Sobald der Kode eingetippt war, härtete das Material aus und machte den Träger nahezu unverwundbar. Ohne diesen Kode war der Anzug hingegen so gut wie nutzlos. Man war zu dieser Sicherheitsmaßnahme übergegangen, um Diebstahl zu verhindern. Bevor der Kode eingeführt wurde, waren einige Britlinge ihrer Rüstung wegen sogar umgebracht worden. Die flüssige Rüstung wurde zumeist bei kälterem Wetter eingesetzt. Die Sommerrüstungen lagen schon blitzblank geputzt im Gras.

Batanya hatte ihren Anzug umgestülpt und reinigte nun die Innenseite mit einem angenehm duftenden Mittel aus einem großen, grünen Topf. Clovache benutzte einen Allzweckreiniger, um die harten Teile, die über die flüssige Rüstung geschnallt werden konnten, zu schrubben. Wenn sie ein Teil fertig hatte, warf sie es auf ein ausgebreitet vor ihr liegendes Handtuch.

»Heftiger Drill heute Morgen«, bemerkte sie.

»Trovis war nicht gerade bester Laune«, stimmte Batanya zu.

»Woran das nur liegen mag?«, fragte Clovache unschuldig.

Batanya errötete leicht, sodass die Narbe auf ihrer rechten Wange hervortrat. Clovache hatte mitbekommen, dass Batanya von einigen wegen der Narbe aufgezogen worden war, aber in der Regel machte das keiner mehr als ein Mal.

»Gestern Abend ist Trovis mich im Badezimmer angegangen. Ich musste ihm meinen Ellenbogen in den Bauch rammen. Langsam macht er sich lächerlich.«

Clovache nickte. »Wenn Trovis meint, dir zeigen zu können, wer der Boss ist, dann ist er aber schief gewickelt«, sagte sie. »Und wenn er damit nicht aufhört, gehe ich zu Flechette und lass durchblicken, dass er seinen Aufgaben nicht gewachsen ist.«

»Trovis würde ausrasten und das wäre natürlich super«, sagte Batanya. »Aber wir würden wie Schwächlinge dastehen.«

Verwundert blickte Clovache sie an, doch nach kurzem Nachdenken nickte sie. »Ich weiß, was du meinst. Ganz gleich, wie sehr Trovis uns auch rannimmt, wir müssen damit fertig werden.« Sie prüfte die Spannkraft der Gurte. »Wenn es hart auf hart kommt, hat Trovis ja vielleicht einen kleinen Unfall.«

»Sei still!«, sagte Batanya erschrocken. »Schließlich«

»… töten Britlinge keine Britlinge«, leierte Clovache herunter. »Das überlassen wir dem Rest der Welt.«

Das war die erste Lektion, die die Novizen in der Festung lernten.

»Es gibt Ausnahmen«, sagte Clovache stur und raffte ihre Rüstungsteile zusammen. »Und seine Besessenheit von dir wäre eine.«

»Aber es steht dir nicht zu, das zu entscheiden.« Batanya erhob sich, das Tuch mit ihren Utensilien über die Schulter geschlungen. »Wir treffen uns also in zwei Stunden am Tor?«

»Abgemacht«, sagte Clovache.

Später am Nachmittag begaben sich die beiden in die Stadt hinunter zum Pooka Palace. Batanya murrte über die schmalen Gassen und das alte Kopfsteinpflaster, die es so gut wie überflüssig machten, ein Hovercraft in der Burg stehen zu haben. Batanya bedauerte das sehr, denn sie fuhr für ihr Leben gern schnell.

Aufgrund des milden Wetters konnte man beim Pooka Palace draußen sitzen. Es wimmelte nur so von bekannten Gesichtern aus dem Kollektiv. Obgleich den Britlingen die gesamte Stadt zur Verfügung stand, hielten sie sich doch lieber in Festungsnähe auf. Deshalb waren die meisten Geschäfte, die sich in den verwinkelten Gässchen am Fuße des Berges befanden, auch auf die Leibwächter und Assassinen aus der Burg ausgerichtet. Viele Läden boten Reparaturdienste an, entweder für Rüstungen oder Waffen. Zauberläden waren mit obskuren Objekten gefüllt, die die Hexen des Kollektivs möglicherweise brauchten oder einfach nur gerne haben wollten. In dunklen Ladenfronten wurden Maschinenteile feilgeboten, die den Technikern gefallen könnten. Daneben gab es bestimmt noch zwei Dutzend Schänken und Wirtshäuser.

An einem der Tische wartete bereits ihr Freund Geit. Er war ein netter Kerl mit breiten Schultern, der ein Schwert mit solcher Macht zu schwingen verstand, dass er damit jemandem mühelos den Kopf abschlagen konnte. Er war ein Assassine, und obgleich Clovache und Batanya zur Garde der Leibwächter gehörten, tat das ihrer Freundschaft keinen Abbruch. Nicht alle im Kollektiv handhabten das so.

Geit hatte bereits einen Korb gebratenen Pooka und Fisch bestellt. Sie stießen gerade mit drei Krügen Bier an, als sich ihnen ein Kind näherte, das offenbar aus der Burg stammte, denn es trug die rote Weste eines Boten. Im Laufen spielte der Junge mit einer Zauberkugel, die ganz offensichtlich von minderer Qualität war. Dennoch gelang es ihm, sie mit genügend Magie zu speisen, dass sie einige Sekunden in der Luft blieb, nachdem er sie hochgeworfen hatte. Er unterbrach sein Spiel und ließ den Blick prüfend über die Gesichter an den Tischen schweifen. Als er sie entdeckt hatte, kam er auf sie zugetrabt.

»Verzeihung, Kriegerin«, sagte er und machte eine Verbeugung. »Sind Sie Hauptmann Batanya?«

»Das bin ich, du Zwerg«, sagte Batanya. Sie leerte ihren Krug. »Wer will was?«

»Major Trovis hat, ähm, darum gebeten, dass Sie und Ihr Leutnant sofort in die Burg hinauf zur Auftragshalle kommen.«

Geit pfiff durch die Zähne. »Aber ihr seid doch gerade erst von einem Auftrag zurückgekehrt. Warum schickt euch Trovis schon wieder los?«

»Nach dem letzten Einsatz hatte ich wirklich auf eine etwas längere Pause gehofft«, sagte Batanya. »Aus diesem Hotel rauszukommen war wirklich kein Zuckerschlecken, besonders da wir auch noch einen Auftraggeber heraustragen mussten, der in der Sonne sofort verkohlt wäre. Na dann, wir müssen, Geit. Genehmige dir einen auf unsere Kosten.« Nachdem sie noch rasch die Essenskörbe geleert hatten (kein Britling ließ jemals eine Gelegenheit zum Essen aus), bezahlte Batanya die Zeche und sah geflissentlich weg, als Clovache Geit noch einen Kuss auf die Wange drückte. Die Frauen folgten dem Jungen die gewundenen Gassen bis zur Festung hinauf. Am Tor erkannten die beiden Wachen sie und ließen sie ohne die ansonsten erforderlichen Leibesvisitationen passieren.

Dass die Auftragshalle so nah beim Trakt der Hexen und Techniker lag, war praktisch, da die Zauberei (unterstützt von der Technik) bei mindestens der Hälfte der Missionen für den Transport zuständig war. Genau genommen konnte Batanya sich gar nicht mehr entsinnen, wann sie das letzte Mal über Land gereist war.

Die Halle selbst wirkte nicht sonderlich imposant, lediglich ein großer Raum, dessen eine Wand mit mittelmäßigen Malereien geschmückt war. Man nannte sie die Schandmauer, denn auf den Gemälden waren Britlinge abgebildet, die im großen Stil versagt hatten. (Im Kollektiv setzte man darauf, die Schüler durch die Fehler ihrer Vorgänger lernen zu lassen.) Außer einigen Bänken gab es in der Halle nur noch einen Tisch nebst ein paar Stühlen, einen großen Leuchter und Schreibutensilien.

Trovis saß zurückgelehnt auf einem der Holzstühle, die Füße auf dem Tisch. Ein solches Benehmen war in dieser Halle absolut unangebracht, waren die Aufträge doch der Lebensnerv des Kollektivs. Einen Vertrag zu unterzeichnen war eine beinahe heilige Handlung. Nicht nur das finanzielle Überleben des Kollektivs hing davon ab, sondern auch das Leben seiner Mitglieder, denn jeder Auftrag konnte tödlich enden.

»Die Beförderung ist ihm zu Kopf gestiegen«, murmelte Clovache. »Vor einem halben Jahr hätte er sich das noch nicht getraut.«

Sobald der Bote sein Trinkgeld erhalten hatte, stürmte er davon und Batanya und Clovache traten an den Tisch. Oberst Flechette kam durch eine der Seitentüren herein und fegte Trovis Füße mit ihrem Stab so schwungvoll vom Tisch, dass es ihn fast vom Stuhl riss.

»Respekt vor dem Raum, wenn ich bitten darf«, sagte sie barsch und Trovis rappelte sich mühsam wieder auf. Die Gesichter der beiden Leibwächterinnen blieben absolut ausdruckslos, was ihnen eine gehörige Portion Selbstbeherrschung abverlangte. Trovis wirkte verärgert, doch Flechette schenkte ihrem Untergebenen keinerlei Beachtung und ließ sich ungerührt auf einen der Stühle fallen. Trotz ihres Alters Flechette sah aus wie sechzig und kaum ein Britling wurde so alt! bewegte sie sich wie ein junges Mädchen. »Sie haben uns rufen lassen«, sagte Flechette. »Was gibt es, Major?«

Trovis versuchte, sich zu sammeln. Wenn er eine Waffe dabeigehabt hätte, hätte er sie vielleicht gegen seine Vorgesetzte gezogen, doch er war unbewaffnet in der Halle erschienen was selbst für einen so armseligen Britling wie Trovis ungewöhnlich war.

»Dieser Auftraggeber ist persönlich hergekommen«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er deutete auf einen Mann, der bislang unbemerkt am Ende der Halle gestanden hatte und in eines der Gemälde vertieft war. Es handelte sich um das von Johannson dem Narren, wie Batanya registrierte. Ihr war vor allem daran gelegen, jeglichen Blickkontakt mit Trovis zu vermeiden.

»Was ist aus diesem Burschen geworden?«, ertönte eine helle Stimme und der Fremde drehte sich fragend zu ihnen um. Er war ein wenig größer als Batanya und von schmaler Gestalt. Haar und Haut waren hell und die Kleidung, die er trug, ließ vermuten, dass er aus dem zwei Stunden entfernt gelegenen Stadtstaat Pardua stammte. Batanya war ein paarmal geschäftlich dort gewesen. In Pardua korrigierte man Sehschwächen mit strahlend bunten, verzierten Brillen und auch der Fremde trug ein auffälliges Modell: kreischend blau und mit synthetischen violetten Steinen besetzt. Er sah erstaunlich albern damit aus.

Da niemand antwortete, ergriff Batanya das Wort: »Johannson der Narr ist mit seinem Auftraggeber direkt in einen Hinterhalt hineinspaziert. Nach dem Angriff sahen beide wie Nadelkissen aus, nur dass sie mit Pfeilen gespickt waren.«

»Ich weiß zwar nicht, was ein Nadelkissen ist, aber ich verstehe die Bedeutung Ihrer Worte«, sagte der Fremde. Er warf einen erneuten Blick auf das grausige Gemälde. »Ich bin hergekommen, um zwei Britlinge als Leibwächter anzuheuern. Wie Johannsons Auftraggeber möchte ich allerdings nicht enden.« Er erschauderte theatralisch.

»Also gut«, sagte Flechette. »Sie müssen wissen, dass es nicht oft vorkommt, dass Auftraggeber persönlich zu uns kommen. Normalerweise werden die Verträge über das Hexenweb ausgehandelt.«

»Tatsächlich? Nun, dann bitte ich um Entschuldigung, gegen das Protokoll verstoßen zu haben.« Der blonde Geck tänzelte zum Tisch hinüber. »Ich war zufällig gerade in Spauling, und da habe ich gedacht, warum nicht gleich selbst vorstellig werden. Dann kaufe ich nicht die Katze im Sack.«

»Sie würden Leutnant Clovache und Hauptmann Batanya zur Verfügung gestellt bekommen«, sagte Trovis mit einem breiten Lächeln. »Nachdem er den Auftrag beschrieben hat, wusste ich gleich, dass die beiden perfekt wären.«

»Weshalb?«, fragte Flechette. Sie hatte nichts für Trovis übrig und machte daraus auch keinen Hehl. Seitdem er und Batanya aufgrund einer Auseinandersetzung beide zeitweilig außer Gefecht gewesen waren, beobachtete sie den Mann mit Argusaugen.

»Ihren letzten Auftraggeber haben sie erfolgreich gegen unvorhersehbare Gefahren beschützt«, sagte Trovis mit seidenweicher Stimme. »Ihre Leistungen sind wirklich beeindruckend. Ich bin mir sicher, dass sie auch mit diesem Fall fertig werden.«

Flechette durchbohrte Trovis mit ihrem Blick, bevor sie sich dem Auftraggeber zuwandte. »Was genau wollen Sie, Fremder? Und wo wir schon mal dabei sind: Wie heißen Sie überhaupt?«

»Verzeihen Sie vielmals! Mein Name ist Crick und ich muss etwas zurückholen, das ich an einem ziemlich gefährlichen Ort verloren habe.«

Leibwächter begaben sich fortwährend in gefährliche Situationen, besonders die von Batanyas und Clovaches Format, also war es nicht das Wort ›gefährlich‹, das Batanya beunruhigte. Vielmehr spürte sie instinktiv, dass hier etwas faul war. Sie warf Clovache einen Blick zu und diese nickte ihr grimmig zu. Crick sagte nicht die Wahrheit, so viel stand fest, und außerdem war er auch nicht der affektierte Parduaner, der zu sein er vorzugeben versuchte. Trovis war die gut ausgebildete Muskulatur des schlanken Mannes vielleicht entgangen. Nicht so den Leibwächterinnen. Aber sagten Auftraggeber nicht ständig die Unwahrheit? Batanya zuckte die Achseln: Was konnte man schon groß dagegen tun? Clovache nickte erneut: Gar nichts.

Trovis und Flechette gingen die wichtigsten Vertragspunkte mit dem Parduaner durch. Dabei ging es um den Preis für die Beförderung via Hexenweb zum Bestimmungsort und um das Ziel der Mission: Crick und sein Eigentum unversehrt zurückzubringen. Der Vertrag enthielt die üblichen Versicherungsklauseln, sodass die Leibwächter im Fall einer Verletzung auf Kosten des Auftraggebers behandelt wurden.

Batanya und Clovache verfolgten die Verhandlung sehr aufmerksam, denn das gehörte zu ihrem Job dazu. Leibwächter mussten genauestens informiert sein, welche Verpflichtungen sie eingegangen waren. Obgleich die beiden schon Dutzende Male in der Auftragshalle gestanden und dem beinahe gleichen Wortlaut gelauscht hatten, waren sie konzentriert bei der Sache, denn die Vertragsklauseln waren ebenso wichtig wie die Wahl der Waffen. In diesem Job gab es kein Zurück.

Endlich waren die langatmigen Verhandlungen vorüber. Da Crick zum ersten Mal das Britlingkollektiv in Anspruch nahm, hatte es ein wenig länger gedauert als gewöhnlich. Batanya war aufgefallen, dass Crick ein paar sehr kluge Fragen gestellt hatte.

»Wollen Sie unterzeichnen?«, fragte Flechette förmlich, als sich Crick mit dem Vertrag zufrieden zeigte.

Crick nahm die Feder und unterschrieb.

»Der Auftraggeber hat sich einverstanden erklärt. Wollen auch Sie unterzeichnen, Hauptmann?«, fragte Flechette an Batanya gewandt. Seufzend nahm auch sie die Feder in die Hand und unterschrieb.

»Und Sie, Leutnant?« Clovache tat es ihr gleich.

»Und was geschieht jetzt?«, fragte Crick strahlend.

»Wir ziehen uns zurück, Sie teilen den Leibwächterinnen den Bestimmungsort mit und sie werden die notwendige Ausrüstung holen. Sie werden hier auf sie warten und dann gemeinsam in den Hexentrakt hinübergehen. Die Hexen und Techniker übernehmen dann die Beförderung.« Zu diesem Zeitpunkt langweilte Trovis sich bereits und gab sich auch keine Mühe, das zu verbergen. Er hatte keinen Vorwand gefunden, mit jemandem einen Streit anzufangen, da der Auftraggeber das Geld hatte und auch bereit gewesen war, den gewünschten Preis zu zahlen. Außerdem war es ihm gelungen, sich zumindest für ein paar Tage, wenn nicht sogar für immer, von zweien seiner lästigsten Untergebenen zu befreien. Mehr konnte er aus dieser Situation nicht für sich herausschlagen. So nutzte er die erstbeste Gelegenheit, um aus dem Zimmer zu schlüpfen, wenn man bei einem recht massiven, über eins achtzig großem Mann noch von ›schlüpfen‹ sprechen konnte.

»Wo will der sich denn nun wieder hinschleichen?«, murmelte Clovache.

»An irgendeinen stillen Ort, wo er noch mehr Gemeinheiten ausbrüten kann, um mir das Leben zur Hölle zu machen«, antwortete Batanya und bereute es sogleich. Hoffentlich hatte Flechette nichts davon mitbekommen. Unter den Britlingen war es verpönt, sich über den Kopf eines Vorgesetzten hinweg beim nächsthöheren Rang zu beschweren.

Doch Flechette schien ganz von den Höflichkeitsregeln, die ihr ihre Position als Oberst abverlangte, in Anspruch genommen: Sie wünschte dem Auftraggeber eine angenehme Reise, schlug Clovache auf die Schulter, schüttelte Batanyas Hand und wies die beiden noch an, vor der Abreise etwas zu essen ihre übliche Verabschiedung eben. Dann stand sie stramm, salutierte, wie es unter den Britlingen üblich war und fragte: »Was ist Gesetz?«

»Das Wort des Auftraggebers«, antwortete Batanya zackig. Clovache war nur einen Takt hinterher.

Crick verfolgte das Geschehen mit einem aufmerksamen Blick hinter seinen albernen Brillengläsern heraus. Als Flechette gegangen war, traten die beiden Leibwächterinnen näher an ihn heran.

»Für welche Temperaturen sollen wir packen?«, fragte Clovache. »Auf welche Art Kampf können wir uns einstellen?«

Crick hatte während der Vertragsverhandlung genau aufgepasst, dennoch fragte er noch einmal nach: »Sie dürfen niemandem davon erzählen, was ich Ihnen anvertrauen werde, nicht wahr?«

Batanya nickte, Clovache sah ihn nur resigniert an.

»Zur Hölle«, sagte Crick. »Wir fahren zur Hölle.«

Nach einem langen Moment des Schweigens sagte Clovache: »Na, dann müssen wir wohl die Sommerrüstung einpacken.«

»Folgendes ist also passiert«, sagte Crick, der mit einem Mal sehr gesprächig geworden war. Er nahm am Tisch Platz und Clovache und Batanya folgten seinem Beispiel. »Ich habe vom Herrscher der Hölle einen gewissen Gegenstand erhalten und als ich plötzlich abreisen musste, konnte ich ihn nicht wiederfinden. Meine Zeit mit dem Herrscher habe ich ganz und gar nicht genossen und mein abrupter Aufbruch hat ihn eventuell verärgert. Wie Sie sich jetzt vielleicht vorstellen können, muss ich Luzifer dringend aus dem Weg gehen. Um jeden Preis aus dem Weg gehen. Ich muss also so schnell wie möglich rein und wieder raus aus der Hölle. Und da ich meine Augen nicht überall gleichzeitig haben kann, habe ich Sie engagiert.«

»Sie sind also ein Dieb?« Batanya stellte eine Liste mit den notwendigen Dingen zusammen, die sie in ihren Kommunikator am Handgelenk eingab. Sie schaute auf, um sich zu vergewissern, dass Crick sie auch gehört hatte.

»Nun, ja. Aber ein Dieb mit einer Mission«, fügte Crick strahlend hinzu.

»Ist uns egal«, sagte Batanya. »Ganz gleich, wer Sie sind und welche Aufgabe oder Mission Sie zu erfüllen gedenken, wir tun, wofür wir angeheuert wurden.« Sie sah ihm direkt ins Gesicht.

»Dann ist ja alles in bester Ordnung«, sagte Crick mit seiner albernsten Stimme. Eine der Festungskatzen kam hereinspaziert und sprang ihm auf den Schoß. Crick streichelte ihr langes orangefarbenes Fell. Unbeteiligt beobachtete Batanya die Szene. Für Tiere hatte sie noch nie etwas übriggehabt, obgleich Katzen immer noch besser waren als Hunde.

Alles war besser als Hunde.

»Was glauben Sie, wie lange wir fort sein werden?«, fragte Clovache.

»Wenn wir nicht innerhalb von zwei Wochen zurück sind, werden wir vermutlich überhaupt nicht wiederkommen«, sagte Crick mit einem freundlichen Lächeln. »Genauer kann ich es nicht sagen.«

Batanya fiel ein, dass Clovache für nächste Woche Konzertkarten hatte.

»Kannst du die Karten zurückgeben?«, fragte sie und fuhr sich mit den Fingern durch ihr kurzes, schwarzes Haar.

»Leider nicht«, sagte Clovache düster. »Na ja, kann man nichts machen.« Sie stand auf. »Hauptmann«, sagte sie förmlich, »ich bitte, mich zurückziehen zu dürfen, um zu packen.«

»Ich komme auch gleich«, sagte Batanya. »Geh ruhig schon vor.« Mit zusammengekniffenen Augen fixierte sie ihren Auftraggeber. Sobald Clovache verschwunden war, sagte Batanya: »Ich weiß, dass Sie uns eine Menge verschweigen. Keiner unserer Auftraggeber erzählt uns je die Wahrheit. Sie lügen immer. Doch wenn es irgendetwas gibt, das uns helfen könnte, Sie zu beschützen, wäre nun der Moment, es zu sagen.«

Lange Zeit hielt Crick den Blick gesenkt. Die Katze sprang von seinem Schoß und machte sich durch eines der offen stehenden Fenster davon. »Es gibt nichts«, sagte er. »Nichts, was ich Ihnen jetzt sagen könnte, wäre hilfreich.«

»Also gut«, sagte sie grimmig. »Zwei der besten Britlinge werden Sie beschützen, Crick. Ich hoffe, Sie wissen das zu schätzen.«

»Dafür bezahle ich auch ziemlich viel«, sagte er kalt.

Natürlich hätte Batanya ihm erklären können, dass kein Geld der Welt den Verlust zweier Leben aufwiegen könnte, doch das stimmte nicht so ganz. Das Britlingkollektiv hatte einen Preis für ihr Leben ausgeschrieben und Crick hatte ihn bezahlt.

»Ich bin gleich wieder zurück«, sagte sie und erhob sich. »Die Hexen und Techniker werden dann auch bereit sein.« Mit Genugtuung beobachtete sie, dass Crick bei dem Wort ›Hexen‹ zusammenzuckte. Bei Hexen lief es jedem eiskalt den Rücken hinunter.

In ihrem Zimmer angekommen hievte Batanya zunächst ihren Rucksack von der Truhe. Sie warf einen Blick auf ihren Kommunikator, in dem ihre Liste eingespeichert war zwar nicht mit Worten, doch mit Symbolen. Einige ihrer liebsten Waffen wären in der Hölle nutzlos. Jegliche Form gewalttätiger Auseinandersetzung würde mit großer Wahrscheinlichkeit auf engem Raum stattfinden, also waren Raketengeschosse genauso überflüssig wie solarbetriebene Waffen. Schließlich war die Hölle ein riesiges unterirdisches Labyrinth.

»Batanya«, rief Clovache, deren Zimmer gegenüber lag. »Was ist mit Armbrüsten?« Armbrüste fürs Handgelenk waren ungemein wirksam und gehörten zu Clovaches Lieblingswaffen.

»Kann man damit Dämonen töten?«, rief Batanya zurück. »Ich glaube nicht, also sollten wir lieber« Womit brachte man überhaupt einen Dämon zur Strecke? Mit verhexten Wurfsternen natürlich. »Die Wurfsterne«, rief sie. Stahl? Silber? Was könnte sonst noch nützlich sein?

In Gedanken ging sie ihr gesamtes Arsenal durch und legte derweil ihre Sommerrüstung an, die aus einem sehr leichten, durchlässigem Stoff bestand, der von spinnenähnlichen Wesen auf Moraeus gefertigt wurde. Die Rüstung glich einem Kettenhemd, nur dass die einzelnen Glieder sich wie Stoff anfühlten und auch so aussahen. Die Sommerrüstung war sogar noch teurer und schwerer aufzutreiben als die flüssige Rüstung. Die hauseigene Firma verkaufte sie angeblich nur zum Materialpreis, dennoch hatte Batanya zwei Jahre darauf sparen müssen. Clovache hatte sich das Geld für ihre Sommerrüstung gleich im ersten Jahr, als sie Batanyas Leutnant wurde, geliehen.

»Verdammtes Kollektiv«, murmelte Batanya und verstaute noch ein paar Kleinigkeiten in dem reisefertigen, wasserdichten Rucksack, den alle Britlinge auf ihre Missionen mitnahmen. Darin befanden sich mikrodünne Wechselwäsche, komprimierte Fertignahrung, die man einfach so essen konnte, ein oder zwei Tabletten, die kurzzeitig die Leistungsfähigkeit extrem steigerten, allerdings mit Vorsicht einzusetzen waren, Verbände, Antibiotika und eine Wasserflasche. Vorbeugend wurde allen Britlingen, Männern wie Frauen, monatlich eine Spritze zur Empfängnisverhütung verabreicht. Wer einen Termin ausließ, fand seinen Namen in leuchtend roter Schrift auf einer großen Tafel in der Eingangshalle wieder.

»Hast du alles?«, fragte sie in Clovaches Türrahmen gelehnt. »Oh, und hast du dein Implantat kontrolliert?« Batanya war bereits mit der Zunge über die künstliche Tasche in ihrer rechten Wange gefahren und Clovache griff sich in die linke Achselhöhle. Sie nickte und verschwand wieder im Wandschrank.

»Ja, ich muss nur noch für Geit eine Nachricht hinterlassen.« Clovaches Stimme klang gedämpft. Wahrscheinlich suchte sie gerade nach Papier und Stift, Dinge, die sie selten brauchte.

»Sag mal, schläfst du eigentlich mit ihm?«

»Ja. Er ist sehr enthusiastisch.«

Lächelnd schüttelte Batanya den Kopf. »Es wäre vermutlich besser gewesen, wenn ihr einfach nur Freunde geblieben wärt«, sagte sie. »Aber dafür ist es wohl schon zu spät.«

Ihr Leutnant kam wieder aus dem Schrank heraus. »Das werden wir auch wieder. Bislang bin ich noch mit jedem Liebhaber befreundet geblieben. Das ist meine besondere Gabe.« Clovaches hellbraunes Haar stand ihr in Stacheln vom Kopf ab. Die Kapuze hatte sie noch nicht übergezogen, da ihr dieses Teil der Rüstung am wenigsten behagte. Auch Batanya war nicht gerade scharf darauf, doch ihre schwarzen Locken waren so kurzgeschoren, dass es aussah, als trüge sie die Kapuze schon.

Zu zweit gingen sie noch einmal die Ausrüstungsliste durch, kontrollierten alles doppelt und dreifach. Je weniger man mitnahm, desto sorgfältiger musste man es auswählen. Batanya fiel auf, dass Clovache es nicht hatte lassen können und die Armbrust doch im Rucksack verstaut hatte. Aber sie hielt den Mund. Wenn ihr Leutnant sich damit sicherer fühlte, war es das zusätzliche Gewicht wert.

Endlich hatten sie ihre Vorbereitungen abgeschlossen und verließen den Wohntrakt. Weder Batanya noch Clovache machten sich die Mühe, ihre Zimmertüren abzuschließen, denn in der Burg wurde so gut wie nie geklaut. Diebstahl wurde mit dem Tod bestraft. Aber natürlich luden die offenen Türen geradezu dazu ein, anderen einen Streich zu spielen. Batanya fuhr sich über die Narbe an ihrer Wange.

Crick wartete wie geheißen in der Auftragshalle auf sie. Batanya nickte dem Parduaner kurz zu, um ihm zu zeigen, dass sie bereit seien. Crick erhob sich, strich die Falten aus seiner Tunika und sagte: »Ich nehme an, dass wir nun den Hexen und Technikern begegnen werden?«

»Ja«, sagte Clovache. »Daran führt kein Weg vorbei, Crick.«

Einen Augenblick lang sah er überrascht aus. »Man sieht es mir also an.«

Batanya versuchte erfolglos, sich ein Lachen zu verbeißen.

»Das heißt also Ja. Nun gut. Wo geht es lang?«

»Durch diese Tür.« Sie war aus dickem Moraeusholz und mit Metall beschlagen. Sowohl in die Tür als auch in die Steinwand rundum waren Runen und andere magische Symbole eingeritzt. Selbst wenn die Festung in diesem Moment zerstört werden würde, die Halle der Magie würde unversehrt bleiben, dessen war sich Batanya sicher.

In gleichmäßigem Rhythmus klopfte sie viermal gegen die Tür und gab sich so als Leibwächterin zu erkennen. Kurz darauf schwang die Tür auf und die drei traten hindurch, und zwar in der gleichen Formation, die sie auch auf der Reise einnehmen würden: Batanya, deren Blick aufmerksam hin- und herhuschte, vorweg, dann Crick und am Schluss Clovache, die ihren Blick zwar nach vorn, ihr Gehör hingegen nach hinten gerichtet hielt keine leichte Aufgabe, aber das war das Los eines Leutnants.

Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss. Vor ihnen stand eine verschleierte Gestalt in einer weißen Robe. Das glitzernde Silberhaar reichte ihr fast bis zum Boden.

Verfluchte Hexen, dachte Batanya. Immer müssen sie Eindruck schinden.

»Wir kommen wegen des Transports«, sagte sie, obwohl der Hexer das natürlich längst wusste. Dennoch musste sie sich an das Ritual halten, ansonsten wurden Hexen und Techniker fuchsteufelswild.

»Wir sind bereit«, sagte der Hexer und schien hinter seinem Schleier zu lächeln. »So selten wie wir jemanden in die Hölle schicken können, haben wir die Vorbereitungen genossen.« Das war ja mal ungewöhnlich vertrauensselig und gerade wollte sich Clovache eine gute Meinung von ihm bilden, da setzte er hinterher: »Zurückgeholt haben wir natürlich noch nie jemanden.«

»Welches Zimmer?«, fragte Batanya in extrem neutralem Ton.

Der Hexer deutete hinter sich und wandte sich dann um, um vorauszugleiten. Er bewegte sich mit einer geradezu unheimlichen Gleichmäßigkeit. Batanya und Clovache hatten sich schon oft gefragt, ob Hexen diese Art der Fortbewegung heimlich übten. Einen Abend hatten sie den gesamten Pooka Palace mit einer Einlage ihrer Version des ›Schwebenden Gangs‹ unterhalten. Batanya drehte sich zu Clovache um und sie grinsten sich kurz an. Das war ein richtig guter Abend gewesen.

Auf einem Sockel in der Mitte des Saals stand ein Becken, in dem ein rauchendes Feuer glühte. Ringsum standen in einem lockeren Kreis sieben Hexen, die allesamt mit Kräutern oder Chemikalien gefüllte Phiolen und diverse Kultobjekte in der Hand hielten. Auch die Kinder, die das Kollektiv von alters her aufnahm, erwiesen sich bei diesem Ritual als nützlich. Neben jeder Hexe stand ein Junge oder ein Mädchen im Alter von fünf bis vierzehn Jahren und jedes Kind hielt eine mit Rauch gefüllte Kugel.

In der Ecke auf einem Stuhl saß ein einsamer Techniker vor einem großen und kompliziert wirkenden Apparat. Batanya entging nicht, dass ihr Auftraggeber bei dem Anblick, der sich ihnen bot, leicht zusammenzuckte. Der Parduaner war extrem angespannt und sie hoffte, dass sich diese Spannung nicht plötzlich und auf unerwünschte Weise entladen würde. Was sollte sie tun, wenn er auf einmal eine Waffe zückte und auf die Hexen losging? Das war eine knifflige Frage, schließlich war der Wunsch des Auftraggebers Gesetz. Andererseits standen die Hexen unter dem Schutz des Kollektivs, denn ohne ihre Mithilfe würden sie ihre Aufgaben gar nicht erfüllen können. Dieses Szenario war ein wunderbares Problem, das man über etlichen Krügen Bier würde durchdiskutieren können, wenn sie wieder zurückkamen falls sie zurückkamen.

An ihren Auftraggeber gewandt zeigte Batanya auf eine kleine Treppe, die zu einem Podest über dem Becken führte. »Da hinauf«, sagte sie und ging voraus. Die drei standen eng beieinander auf dem Podest und die beiden Leibwächterinnen legten die Arme um Crick, woraufhin dieser schon wieder zusammenfuhr. »Ein Crick-Burger«, murmelte er unnötigerweise. Hinter seinem Rücken rollte Clovache mit den Augen. Batanya seufzte nur.

Dann begannen die Hexen zu singen, Runen in die Luft zu malen und Kräuter ins Feuer zu werfen. Der Rauch stieg immer höher, der Techniker in der Ecke drückte seine geheimnisvollen Knöpfchen und dann

Waren sie auf einmal in der Hölle.

Selbstverständlich war es in den Tunneln heiß und es roch äußerst unangenehm. Benannt war die Hölle nach den Geschichten auf der Erde, und die Atmosphäre war bei weitem nicht die einzige Ähnlichkeit. Leben war auf der Höllenoberfläche aufgrund von Gasansammlungen kaum möglich. Die Wesen, die dennoch überirdisch lebten, waren wild und fremdartig. In den Tiefen, wo Luzifer herrschte, spielte sich das eigentliche Leben der Hölle ab. Die verschlungenen Tunnel waren bekanntermaßen sehr gefährlich und schwer zu navigieren.

Crick zog eine Karte aus einer Tasche seiner Tunika hervor. Sie bestand aus einem extrem elastischen Material und er hielt sie ins trübe Licht, das durch die gewölbte Decke drang. Woher dieses Licht kam, vermochte Clovache nicht auszumachen, und auch nicht, was diese Lichtquelle antrieb. Sie befanden sich in einem Hauptgang. Die anderen Tunnelöffnungen schienen Clovache wesentlich kleiner und dunkler. Im Augenblick waren sie zwar noch allein, doch aus Westen kamen deutlich Schritte näher. Innerhalb von Sekunden hatte Batanya Crick rückwärts in einen der düsteren Gänge gezogen. Dabei wäre sie fast hintenübergefallen, so glitschig war der Steinboden. Clovache sprang sofort hinterher und schlitterte beinahe in die Wand hinein. Crick hielt noch immer die Karte umklammert und wollte protestieren, doch Batanyas Hand erstickte jeden Laut.

Die beiden Leibwächterinnen pressten ihren Auftraggeber gegen die Steinwand und blockten den Eingang mit ihren Körpern. Crick hatte endlich die Situation verstanden und verhielt sich still, sodass Batanya ihre Hand von seinem Mund nehmen konnte. Sie zog einen ihrer Wurfsterne hervor und hielt ihn einsatzbereit.

Zwei Dämonen liefen an ihnen vorbei. Sie waren vielleicht eins fünzig groß, rot und gehörnt. Dass sie zwei Arme und Beine hatten, war auch schon alles, was sie mit einem Menschen verband. Sie hatten gespaltene Hufe, Schwänze und spitze Ohren. Ihre Körper waren unbehaart und die Genitalien beider Geschlechter waren mit Widerhaken versehen. Batanya folgte Cricks Blick, der auf die kritische Region gerichtet war, und verzog ebenfalls das Gesicht. Ganz gleich wie häufig sie diese ›Teile‹ auch schon zu Gesicht bekommen hatte, bei der Vorstellung an den Akt an sich drehte sich ihr jedes Mal der Magen um.

Die Dämonen zogen vorbei, ohne von ihnen Notiz zu nehmen.

Erleichtert atmeten sie auf und Batanya verstaute ihren Stern wieder.

»Lassen Sie uns noch einen Moment hier warten«, flüsterte sie. »Sagen Sie uns, wie Ihr Plan aussieht.« Vernünftige Leute gehorchten, wenn Batanya in diesem Ton einen Vorschlag machte, und Crick war zumindest in dieser Hinsicht vernünftig genug.

»Okay«, wisperte er. Aus den Untiefen seiner Tunika förderte er eine kleine, batteriebetriebene Lampe zutage. Er drehte sich so, dass er mit seinem Körper den Tunneleingang verdeckte. Er reichte Batanya die Karte und Clovache hockte sich direkt neben ihn, um ihrerseits das Licht abzuschirmen. Gemeinsam sahen sie sich die Karte an.

Sie war sehr detailliert, zeigte jede einzelne Tunnelwindung. »Woher haben Sie die?«, fragte Clovache in beinahe ehrfürchtigem Ton, denn die Karte war von unschätzbarem Wert.

»Das wollen Sie gar nicht wissen«, sagte er freundlich. »Glauben Sie mir.« Einen Augenblick lang fuhr er mit seinem langen, dünnen Finger über die Markierungen auf der Karte und sagte dann: »Wir befinden uns hier.« An der Stelle, auf die er mit dem Finger zeigte, pulsierte ein Stern.

»Schade, dass die anderen Wesen auf der Karte nicht auftauchen«, murmelte Batanaya. »Aber zumindest haben wir so einen ungefähren Überblick.«

»Die Karte, auf der sämtliche Lebensformen zu sehen waren, konnte ich mir nicht leisten«, sagte Crick entschuldigend.

»Was, Sie haben dafür wirklich bezahlt?« Clovache zog die Augenbrauen skeptisch in die Höhe. Ganz offensichtlich war sie davon ausgegangen, dass er sie gestohlen hatte.

»Also nein. Ich meine, ich konnte mir nicht mehr Zeit im Gefängnis leisten. Die besseren waren strenger bewacht und ich hatte es eilig«, sagte er ohne das geringste Zeichen von Reue.

»Was haben Sie denn nun bei Ihrem letzten Besuch hier ›zurückgelassen‹?«, wollte Batanya wissen.

»Eine Zauberkugel.«

»Aber die gibt es doch überall, die kann man in jedem Laden kaufen.«

»Nicht so eine. Die ist echt.«

Die beiden Leibwächterinnen starrten ihn an. Mit Zauberkugeln, voll von kleinen Räderwerkchen und Magie, konnte man harmlose Zauber wirken, so wie Kerzen anzünden oder Geschirr trocknen. Bei Kindern waren sie enorm beliebt und selbst die billigsten konnten ein Kind stundenlang beschäftigen, bis die Magie schließlich aufgebraucht war. Die teuersten Kugeln hingegen waren fast so gut wie ein Haustier, hielten zwei bis drei Jahre und vollführten eine Reihe von Aufgaben und Tricks. Doch jeder wusste, dass die Magie der Kugeln früher oder später aufgebraucht war.

»Wollen Sie etwa behaupten, dass die Magie dieser Zauberkugel ewig hält?« Clovaches Stimme war fast ein Knurren.

»Ja.« Crick sah ziemlich stolz aus.

»Haben Sie sie erschaffen?«

»Nein, natürlich nicht. Ich habe sie im Auftrag gestohlen.«

»Sie haben die Zauberkugel vom Herrn der Hölle gestohlen, weil Sie jemand damit beauftragt hat?«

Crick nickte und freute sich ganz offensichtlich über ihren Scharfsinn.

»Wer?« Batanya hatte ein sehr ungutes Gefühl. Die Sache wurde immer schlimmer. »Wer hat Sie mit dem Diebstahl beauftragt?«

»Belshazzar.«

»Und Sie sind ohne die Kugel nach Pardua zurückgekehrt? Nachdem Sie sein Geld angenommen hatten?«

»Angenommen und ausgegeben«, sagte Crick. Alle Selbstzufriedenheit war aus seinem Gesicht gewichen und er sah ziemlich bedrückt aus.

»Wir sind erledigt«, sagte Clovache.

Einen Moment lang schwiegen alle, während sie darüber nachdachten, wie wahr diese Aussage leider war. Belshazzar, ein Kriegsherr aus Pardua, war im Grunde nur ein besserer Verbrecher. (Vielleicht waren das alle Kriegsherren.) Er galt als unbarmherzig und skrupellos und war bekannt dafür, dass er die, die ihm in die Quere kamen, gerne auf Umwegen bestrafte. Bestahl ihn jemand, so würde er dem Dieb mit Freuden die Hand abhacken. Noch lieber aber würde er dessen Mutter entführen und ihr im Beisein des Sohnes die Hand abhacken. Und dann dem Sohn.

»Hey, wir sind Britlinge«, sagte Batanya entschlossen. »Zum einen sind wir aus härterem Holz geschnitzt, zum anderen kann man uns wohl kaum für die Verfehlungen unseres Auftraggebers verantwortlich machen. Schließlich sind wir nur bezahlte Helfer.«

»Das stimmt«, sagte Clovache. »Das Kollektiv würde im Ernstfall schon einschreiten. Trovis würde für uns bestimmt kein Lösegeld bezahlen, aber Flechette vielleicht. An meiner linken Hand hänge ich sowieso nicht besonders. Und womöglich können wir Belshazzar dazu bringen, zunächst einmal Crick zu töten.«

»Und das von den Leibwächtern, die mich beschützen sollen, vielen Dank«, sagte Crick betont kühl. »Aber verschieben wir doch die Spekulationen über mein Ableben auf später. Im Moment sollten wir uns auf die Zauberkugel konzentrieren.«

»Haben Sie sie versteckt oder ist sie Ihnen abgenommen worden?«, fragte Batanya.

»Ich habe sie versteckt«, sagte Crick. »Habe einen günstigen Augenblick genutzt, als ich allein war.«

»Wo?«

Er starrte auf die Karte. »Hier«, sagte er und deutete auf einen Tunnel, der weit im Norden lag und einen strammen Fußmarsch von ihrem momentanen Aufenthaltsort entfernt lag.

»Hätten Sie den Hexen die Karte gezeigt, dann hätten sie uns direkt dorthin bringen können«, murmelte Clovache.

»Ja, aber dann wären wir mitten in der Kaserne gelandet. Das schien mir keine so gute Idee.«

»Sie haben die Kugel bei den Soldaten des Herrschers der Hölle versteckt?«

Crick zuckte die Achseln. »Da war ich gerade zufällig.«

»Wie sind Sie bloß Nein. Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche. Falls niemand einen besseren Plan hat, schlage ich vor, dass wir uns zu der Kaserne vorarbeiten und dann nach einer Möglichkeit suchen hineinzugelangen.« Ihrem Ton war anzumerken, dass sie nicht recht an diese Möglichkeit glaubte. »Sie können sich glücklich schätzen, Crick, dass ich keine Kinder habe. Ansonsten würde ich Sie in ihrem Namen verfluchen.«

»Du meine Güte, dass ist ja unglaublich«, sagte Crick ausdruckslos. »Ich meine, dass Sie keine Kinder haben. Was denken sich die Männer in Spauling nur?«

»Wahrscheinlich denken sie darüber nach, Ihnen die Kehle durchzuschneiden«, sagte Batanya. »Mir ist dieser Gedanke jedenfalls schon gekommen.«

Crick wirkte nicht im Mindesten beunruhigt. »Was ist Gesetz?«

»Das Wort des Auftraggebers«, sagte Clovache, doch Batanya bemerkte, wie schwer ihr diese Antwort fiel.

»Schluss mit dem Geplänkel. Lassen Sie uns aufbrechen.« Batanya hielt es für angebracht, Clovaches Verhalten gegenüber dem Klienten zu tadeln. Schließlich war das ihre Aufgabe als Vorgesetzte.

»Dieser Ort ist einfach unheimlich«, murmelte Clovache entschuldigend. »Die Mission steht eindeutig unter keinem guten Stern.«

Nur wenige Sekunden später bestätigte sich Clovaches düstere Prognose. Gerade als sie um die Ecke spähten, hörte sie hinter sich Geräusche in der Dunkelheit.

Irgendetwas schleppte sich langsam vorwärts.

»Eine Schnecke«, sagte Crick. »Wir müssen sofort von hier verschwinden, ansonsten klebt uns der Schneckenschleim an der Wand fest. Oder wir werden absorbiert.«

Die beiden Leibwächterinnen hatten keine Ahnung, wovon er sprach, aber immerhin war er schon einmal hier gewesen. Zudem konnte bei dem Gestank, der das schleppende Geräusch begleitete, selbst hartgesottenen Leibwächterinnen übel werden. Batanya prüfte ein weiteres Mal, ob die Luft rein war, und dann eilten sie den Hauptgang entlang Richtung Norden. Schon bald hatten sie die Schleifgeräusche und den widerlichen Geruch hinter sich gelassen. Diese Schnecken konnten sich offenbar nicht sonderlich schnell fortbewegen. Wenige Minuten später vernahm Batanya Schritte, die im flotten Tempo auf sie zukamen. Auf ihr Zeichen hin drückten sich die drei in einen schmalen Nebentunnel, der noch enger war als ihre vorige Zufluchtsstätte.

Wie sich herausstellte, war dieser Tunnel bereits von drei Soldaten belegt, die ihren Spaß miteinander hatten. Wobei Spaß dabei ein relatives Wort war. Da sie unterschiedlichen Gattungen angehörten, war es nämlich ein schwieriges und nicht gerade ansehnliches Unterfangen. Doch noch bevor Crick einen Laut des Ekels ausstoßen konnte und Clovache herausgefunden hatte, wie das Trio zusammensteckte, hatte Batanya die Soldaten ein für alle Mal mit ihrem Schwert zum Schweigen gebracht.

In dem Schummerlicht war es zwar schwer zu erkennen, dennoch hatte Batanya, als sie ihr blutiges Schwert an der Hose eines der toten Soldaten abwischte, den Eindruck, als wäre Crick leicht grün im Gesicht geworden.

»Danke«, sagte er nach einer Weile.

»Keine Ursache«, sagte sie.

Sie hockten neben den Leichen in der Finsternis. Clovache warf den Körpern immer wieder neugierige Blicke zu. »Hast du so etwas schon mal gesehen?«, fragte sie Batanya und zeigte auf die Verbindung von einem grün-braunen menschenähnlichen Wesen mit einem Schlangenkopf und einer Wolfsfrau. Batanya schüttelte den Kopf. »Bei diesem Job lernt man ständig dazu«, sagte sie.

Nach ein paar Minuten waren sie sicher, dass niemand die unterdrückten Schreie und das Stöhnen der sterbenden Soldaten gehört hatte, beziehungsweise dass es anderen Aktivitäten zugeschrieben worden war. Jedenfalls kam niemand nachsehen.

Batanya war klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie auf jemanden stießen, der sie in einen Kampf verwickeln würde. Die Betriebsamkeit im Tunnel deutete darauf hin, dass sie sich allmählich dem Zentrum des höllischen Lebens näherten. Mehrfach zogen Wesen an ihrem Versteck vorbei und jedes Mal hielten die drei den Atem an, bis sich die Schritte wieder entfernten (wenn man denn von Schritten sprechen konnte). Eine Schnecke kroch vorbei und Clovache und Batanya konnten mit eigenen Augen sehen, wie diese Kreaturen durch die Gänge wogten. Der Schleim aus Seiten und Unterbauch ebnete ihnen den Weg und trocknete in Sekundenschnelle. Nun verstand Clovache auch, warum die Tunnelböden so glatt und eben waren. Die Schnecken, von denen die größte vielleicht drei Meter lang und so dick wie ein Fass war, hatten den Boden über die Zeit mit ihrem Schleim planiert. Auch die Wände waren zur Hälfte mit dieser durchsichtigen Schicht überzogen, nur war sie hier nicht ganz so dick.

»Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir unsere Stollenschuhe mitgebracht«, sagte Batanya, die wie immer praktisch dachte. »Vielleicht hätte uns jemand aufklären sollen.«

Crick war klug genug, seine Meinung für sich zu behalten. Er grinste Batanya einfach nur an. »Nachts ist hier weniger los«, flüsterte er. »Wir sollten so lange abwarten.«

Die Stunden vergingen und allmählich wurde es stiller. Sie versuchten den Leichengeruch und die Ausdünstungen, die dem dunklen Ende des Tunnels, etwa fünf Meter weiter, entströmten, zu ignorieren. Offenbar war dieser Teil bis vor kurzem noch als Latrine genutzt worden, und obwohl das in ihrer Situation durchaus Vorteile bot, lud der Geruch nicht gerade zum Verweilen ein doch Zeit zum Verweilen hatten sie leider im Überfluss. Die beiden Leibwächterinnen dösten ein wenig, aßen ein paar Energieriegel, boten auch Crick davon an und tranken sehr sparsam von ihrem Wasser. Vermutlich gab es irgendwo unterirdische Quellen, schließlich konnte kein Lebewesen ohne Wasser existieren. Doch bislang hatten sie noch keine entdeckt und auf der Karte waren nur die Tunnel verzeichnet.

»Wenigstens haben wir noch keine Tiere gesehen«, flüsterte Clovache in erleichtertem Tonfall. »Ich frage mich, woher sie wohl ihr Fleisch bekommen?«

»Die Pferche mit Kühen und anderen Nutztieren befinden sich in ziemlicher Entfernung von Luzifers Palast«, sagte Crick. »Warum sind Sie froh, noch keine Tiere gesehen zu haben?«

»Sie könnten bellen«, sagte Clovache schnell. Selbst in dem schummrigen Tunnellicht war ihr anzumerken, dass sie ihre Worte bereute.

Crick sah sie neugierig an, was offensichtlich sein üblicher Gesichtsausdruck war. »Sie wollen also insbesondere Hunden aus dem Weg gehen?«, fragte er. »Warum?«

Es folgte eine schreckliche Minute der Stille.

»Weil diese große Narbe in meinem Gesicht von einem Hund stammt. Ich habe sie mir während meines ersten Einsatzes zugezogen«, sagte Batanya mit vollkommen ausdrucksloser Stimme. »Wir haben jemanden beschützt, der Kampfhunde gezüchtet hat. Er war berühmt für seine Zucht und Ausbildungsmethoden. Aus Spaß hatte einer seiner Konkurrenten einen der Hundpfleger bestochen, den Tieren ein Mittel ins Futter zu geben, das sie aggressiv machte.«

»Und was ist dann passiert?«

Achselzuckend wandte sich Batanya ab.

»Nichts Gutes«, sagte Clovache. »Ich war noch in der Ausbildung. Ein Mann namens Damon war damals Batanyas Leutnant. Dieser ›Spaß‹ hat ihn das Leben gekostet.«

»Hat Ihr Auftraggeber überlebt?«, fragte Crick an Batanya gerichtet.

Ihre Blicke trafen sich. »Ja«, sagte sie. »Er hat es überlebt, wenngleich er ein Bein und eine Hand verlor. Damon starb nach ein paar Stunden und ich habe diese Narbe davongetragen.«

Das ließ die Unterhaltung für lange Zeit verstummen.

Allmählich gelangte Batanya zu der Überzeugung, dass es Nacht geworden war. Ohne Sonne war das natürlich schwer zu beurteilen, aber es fühlte sich wie Nacht für sie an. Sie gab Clovache ein Handzeichen. Nachdem sie kurz ihre Ausrüstung überprüft hatten, machten sich die drei bereit aufzubrechen. Gemäß Cricks quadratisch-praktisch-guter Karte befanden sie sich eine Meile Luftlinie vom Ziel entfernt.

Clovache starrte auf die Karte, die einerseits ein Geschenk des Himmels war, andererseits aber auch vollkommen nutzlos. Unwissend herumzutappen wäre sicherlich Selbstmord, aber die Karte wäre wesentlich hilfreicher gewesen, wenn auch Räume darin eingezeichnet wären, die ja schließlich auch irgendwo sein mussten. In diesem riesigen unterirdischen Reich musste es vermutlich auch einen Thronsaal für den Herrscher, eine Art Speisesaal, ein Gefängnis, ein Audienzzimmer und so weiter geben. Sie aber wussten nur, wo sie Cricks zurückgelassenen Schatz finden würden. Wem oder was sie unterwegs begegnen könnten, wussten sie hingegen nicht.

»Eigentlich wissen wir ja nie so recht, was uns erwartet«, sagte Clovache zu Batanya, die zustimmend nickte. Sie arbeiteten schon so lange zusammen, dass sie in deutlich abgekürztem Stil kommunizieren konnten.

Ihre Worte sollten sich als geradezu prophetisch erweisen, versperrten ihnen hinter der nächsten Ecke doch zwei bewaffnete Wachen den Weg.

»Wir haben euch schon von Weitem gehört«, sagte der eine, der am wenigsten einem Menschen glich. Ein Dämon war er aber auch nicht. Batanya hatte keinen Schimmer, woher er stammte. Er hatte vier Beine, war grau und in ein spinnennetzartiges Gewebe gekleidet. In der Hand hielt er eine Art Tennisschläger, den er geschickt in ihre Richtung schwang, woraufhin ein großes, geflochtenes Netz aus dem Rahmen flog und sich über Batanya und Crick stülpte.

Clovache floh noch gerade rechtzeitig, in der richtigen Annahme, dass so zumindest noch einer von ihnen frei bliebe. Unter dem lauten Gejohle der beiden Wachen zog Batanya ihr Schwert aus der Scheide und begann es hin- und herzuschwingen. Zu ihrem Ärger blieben die Fäden des Netzes an der Klinge haften und bewegten sich mit. Das Netz war so elastisch, dass es nicht genug Widerstand bot, um es zu durchtrennen.

»Mist!«, sagte sie. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie Crick, der sich inzwischen in die Situation eingefunden hatte und das Netz mit seinem Dolch bearbeitete. Mit der kleineren Klinge rückte er dem Netz erfolgreicher zu Leibe als sie mit dem Schwert, also zückte auch sie ihr Messer und schnitt drauflos. Die zweite Wache, ein Mensch, der verdammte Ähnlichkeit mit Trovis hatte, zog eine Handfeuerwaffe. Im Tunnel war das eine fatale Wahl. Ein Querschläger konnte jeden treffen, also musste Batanya schnell handeln. Sie warf ihr Messer durch einen Spalt im Netz und der Trovis-Klon brach dramatisch gurgelnd tot zusammen. Ein durchaus befriedigender Moment.

Bestürzt musste der Netzwerfer feststellen, dass sich die Dinge nicht in seinem Sinne entwickelten und er das Netz nicht schnell genug verstärken konnte, um Crick und Batanya in Schach zu halten. Crick arbeitete in Windeseile, was für Batanya gut war, da sie gezwungenermaßen wieder auf ihr Schwert zurückgreifen musste. Jedoch änderte sie ihre Technik und statt zu versuchen, die Fäden mit großen Schwüngen zu durchtrennen, hackte sie einfach darauf ein.

Am Boden glitt etwas Langes, Dunkles an ihnen vorbei. Als Batanya endlich Clovache erkannte, war diese schon aufgesprungen und hatte ihren Elektroschocker fest gegen den Körper des Netzwerfers gedrückt. Ein ordentlicher Stromstoß unterbrach in der Regel jegliche Denkprozesse, ganz gleich um welche Spezies es sich handelte, und auf ihren grauen Feind hatte es einen durchschlagenden Effekt. Alle vier Beine wirbelten unkontrolliert herum und rutschten hektisch auf der glatten Tunneloberfläche umher. Es mutete wie ein eigenartiger Tanz an, doch als Clovache dem Wesen noch einen weiteren Stromstoß versetzte, wurde deutlich, dass es mit dem Tode rang. Spinnenhaft rollte es sich zusammen, zuckte noch ein paarmal und blieb dann reglos liegen.

»Das war genial«, sagte Batanya atemlos.

Clovache freute sich offensichtlich über das Lob. »Ich habe mich mit Anlauf auf den Boden geworfen und ab ging es. Als wenn man über Eis gleitet, besonders an den Wänden, wo niemand entlangläuft.«

Mit einem wilden Ausdruck in den Augen sah Crick zu, wie Batanya sie aus den Resten des zerfetzten Netzes befreite.

»Sind Sie unverletzt?«, fragte Clovache und schlug Crick aufmunternd auf die Schulter.

»Ja«, sagte Crick. Er nahm die idiotische Brille ab und dahinter kamen intelligente blaue Augen zum Vorschein. Ohne das funkelnde Gestell wirkte sein Gesicht kantig und erstaunlich attraktiv. »Ich möchte an dieser Stelle sagen, dass Sie jeden Pfennig wert sind, den ich für Sie gezahlt habe.«

»Sagen Sie das lieber erst, wenn Sie sicher zurück zu Hause sind«, riet ihm Batanya. Clovache verstaute derweil ihren Elektroschocker wieder in der eigens dafür vorgesehenen Tasche. Nach ihrer Rutschpartie im Schneckenschleim war ihre Sommerrüstung zwar ein wenig verdreckt, aber noch voll funktionsfähig. Die Kapuze war ihr im Eifer des Gefechts vom Kopf gerutscht und Clovache zog sie wieder über ihr verschwitztes Haar. (»Wer auch nur einen Deut Eitelkeit besitzt, für den ist dieser Job nichts«, hatte der Sergeant damals gesagt, als er in ihrem Heimatdorf für die Britlinge warb. Wie alle jungen Rekruten hatte Clovache diese Frage nicht ehrlich beantwortet.)

»Wir müssen hier sofort weg«, sagte Batanya. Ohne ein weiteres Wort stiegen sie über die Leichen und eilten den Tunnel entlang. Nach einem Blick auf die Karte zeigte Crick auf eine große, dunkle Öffnung zu ihrer Linken, in die sie noch gerade rechtzeitig hineinschlüpften. In nächsten Moment galoppierte laut heulend eine weitere graue Gestalt auf vier Beinen vorbei.

Batanya fragte sich, ob diese grauen Wesen in telepathischer Verbindung miteinander standen. Vielleicht hatte der tote Kamerad noch kurz zuvor eine Art Signal ausgesandt.

Schon bald ertönte ein unheimliches Jaulen. Der Soldat hatte seinen gefallenen Kameraden entdeckt. Mit diesem Lärm würde er innerhalb kürzester Zeit Aufmerksamkeit auf sich ziehen, also mussten sie schleunigst verschwinden.

Batanya streckte die geballte Faust empor, das Zeichen für ›Los geht’s‹, und sie sahen zu, dass sie weiterkamen. Diesmal folgten sie Crick nach Westen. Dieser Tunnel war besonders rutschig und sie mussten sich vorsehen, nicht auf dem Hintern zu landen. Die spiegelglatte Oberfläche deutete darauf hin, dass dieser Durchgang von Luzifers Lakaien nicht stark frequentiert wurde. Das war das Gute. Allerdings sprach vieles dafür, dass hier oft Schnecken vorbeikamen. Das war natürlich weniger gut. Einen Moment lang hatte Batanya eine Vision, wie eine Schnecke in langsamen Wellenbewegungen über sie hinwegglitt. Sie konnte den Schleim in Nase und Mund förmlich spüren. Am Ende würde sie am Boden festkleben.

Energisch schüttelte sie den Gedanken ab. Sich seiner Fantasie hinzugeben kostete eine Kriegerin nur Energie. Über die Schulter hinweg sah sie zu Crick hinüber, der ebenfalls gerade erschauderte. Womöglich schossen ihm ähnliche Bilder durch den Kopf.

Von hinten zischte Clovache: »Beeilung!«

Zehn fieberhafte Minuten lang hatten sie Glück, dann vernahmen sie das schleifende Geräusch einer sich nähernden Schnecke, und nirgendwo gab es einen Notausgang. Zudem war weit und breit kein anderer Tunnel in Sicht. Selbst wenn hinter der nächsten Biegung einer sein sollte, konnten sie sich nicht darauf verlassen, ihn noch vor der ihnen entgegenkommenden Schnecke zu erreichen.

»Zurück«, befahl Batanya. So schnell sie ihre Füße trugen, traten sie den Rückzug an. Aus der nächsten Tunnelöffnung, an der sie vorbeikamen, lugte eine weitere Schnecke hervor. Sie war so nah, dass sich ihre Fühler bereits in ihre Richtung ausstreckten. Sie liefen weiter, hörten die große Schnecke hinter sich unaufhörlich näherkommen, bis sie endlich eine Öffnung, wenn auch eine sehr kleine, entdeckten.

Auch wenn es nur ein Minitunnel war, in diesem Moment versprach er Sicherheit und so quetschten sie sich hinein. Sie mussten zwar auf allen vieren kriechen, aber wenigstens passten sie alle drei hinein.

»Die Schnecken scheinen über keinerlei nennenswerte Intelligenz zu verfügen«, sagte Batanya leise. »Ich denke nicht, dass sie schlau genug sind, um für den Herrscher der Hölle zu arbeiten. Ich glaube aber, die Schnecken haben dieses Tunnelsystem geschaffen.«

»Luzifer hat die Idee von den Schnecken übernommen«, bestätigte Crick. »Als die Oberfläche des Planeten unbewohnbar wurde, hat er begonnen, sich hier unten nach Möglichkeiten umzusehen. Besser gesagt hat er seine Wesen und Untergebenen geschickt. Viele von ihnen sind in den Tunneln umgekommen, da sie die schiere Kraft der Schnecken unterschätzt haben. Die widerlichen Dinger denken kaum, dafür verfügen sie über untrügliche Instinkte und können blitzschnell angreifen, wenn man sie reizt.«

Das war ja eine regelrechte Flut an Informationen. »Was reizt sie denn?«, fragte Clovache.

»Alles, was ihnen den Weg versperrt«, sagte Crick.

»Und was essen sie?«

»Alles, was ihnen den Weg versperrt.« Crick sah sie entschuldigend an. »Offenbar nehmen sie Nährstoffe aus dem Boden auf, doch wenn sie über jemanden hinweggleiten, saugen sie auf, was sie können.«

Das überstieg selbst Batanyas schlimmste Vorstellungen noch um einiges und ihr wurde kurzzeitig speiübel. »Dann sollten wir möglichst nicht darunter geraten«, sagte sie so fest wie möglich. »Warum vertreiben Luzifers Krieger die Schnecken nicht einfach? Bestimmt sind die doch am allergefährdetsten?«

»Dafür sind sie viel zu nützlich für Luzifer«, erklärte Crick. »Sie übernehmen das Graben für ihn. Natürlich kann er nicht bestimmen, wo sie ihre Tunnel bauen, aber sie vergrößern quasi umsonst sein Reich. Gleichzeitig stabilisiert der Schneckenschleim das Tunnelsystem. So muss nur hier und da mal eine Decke abgestützt werden. Außerdem sind die Schnecken ideale Wächter. Und der Verlust von ein paar Soldaten stört Luzifer nicht weiter.«

»Sie wissen eine ganze Menge darüber.« Im trüben Licht konnte Batanya das Gesicht ihres Auftraggebers nicht so genau erkennen, doch kam es ihr vor, als hätte er bei ihren Worten das Gesicht verzogen.

»Ja«, sagte er. »Ich war hier lange Zeit Gefangener und Luzifer redet gerne.«

»Diese Informationen hätten wir vorher brauchen können«, sagte Batanya. »Nicht so sehr das mit Ihrer Gefangenschaft, obwohl das natürlich interessant ist.« Wenn sie wollte, konnte Batanya auch höflich sein. »Aber die Sache mit den Schnecken das hätten wir vorher wissen sollen.«

»Erzählen Sie uns doch noch ein paar Dinge mehr, die wir wissen sollten«, schlug Clovache vor. »Einfach nur, damit wir Ihr Leben besser schützen können.« Eine weitere Schnecke näherte sich. Neben dem unverkennbaren Schleifgeräusch, das nicht zu überhören war, kroch ihnen auch der ekelhafte Gestank in die Nase. Für den Moment waren sie hier eingeschlossen.

»Belshazzar hat von einem Informanten erfahren, dass sich die Zauberkugel im Privatbesitz des Herrschers der Hölle befindet«, sagte Crick. »Er hat den Diebstahl in Auftrag gegeben. Mich hat er dafür engagiert, weil ich zum einen gut bin und ihm zum anderen noch viel Geld schuldete. Trotz allem ist es mir tatsächlich gelungen, die Kugel zu bekommen, obwohl sie im hintersten Winkel versteckt war«

»Lasst die blumigen Details und konzentriert Euch auf die Fakten«, sagte Batanya streng.

Obgleich Crick aus seinem Erzählfluss gebracht wurde, nickte er. »Tatsächlich befand sich die Kugel in einem besonderen Zimmer hinter Luzifers Schlafgemach. In seinem, ähm, Spielzimmer. Belshazzar war überzeugt davon, dass ich es zu sehen bekommen würde, wenn Luzifer erführe, dass ich einer der letzten Harwells bin.«

Batanya riss die Augen auf. Clovache sah sie verwirrt an.

»Was bedeutet das?«, fragte sie.

»Es bedeutet, dass unser Auftraggeber besonders attraktive körperliche Merkmale hat.«

Clovache musterte ihren Auftraggeber eingehend. Sie konnte nichts Besonderes entdecken. Ihr gefielen große und kräftige Männer. »Wie was zum Beispiel?«

Als Crick nur mit den Schultern zuckte, wandte sich Clovache an ihre Vorgesetzte. »Was?«, fragte sie wieder.

Batanya sagte: »Crick hat zwei Penisse.«

»Das gibt’s ja nicht«, sagte Clovache. »Echt?« Die Faszination war ihr ins Gesicht geschrieben.

Crick nickte und setzte ein bescheidenes Gesicht auf. »Es gibt nicht mehr viele von uns. Zumeist sind wir nicht gerade Vorzeigebürger und so ist unser Clan in den letzten zehn Jahren deutlich dezimiert worden.«

»Gibt es überhaupt irgendjemanden, der sie nicht umbringen will?«, fragte Clovache.

»Sicher«, sagte er. »Sie beide.«

»Da bin ich mir gar nicht so sicher«, murmelte Batanya. Sie zog sich die Kapuze vom Kopf und fuhr sich durchs Haar. »Also gut, wie ist es Ihnen gelungen, die Zauberkugel in die Kaserne zu schmuggeln?«

»Niemand wusste, dass sie in meinem Besitz war«, sagte Crick. »Als ich vom Herrscher genug hatte seine Forderungen waren auf Dauer sehr ermüdend, bin ich geflohen und habe die Zauberkugel mitgenommen. Als klar wurde, dass man mich fangen würde, habe ich sie versteckt.«

»Wo?«, fragte Batanya rundheraus.

»An der einzigen mir zur Verfügung stehenden Stelle.«

»Und Sie wurden nicht sorgfältig durchsucht?« Batanya war ernsthaft überrascht. »Bei uns wären Sie damit nicht durchgekommen.«

Crick verneigte sich leicht vor ihr. »Daran zweifle ich keinen Moment«, sagte er höflich. »Man vermutete jedoch, dass ich mir ein größeres Schmuckstück oder Münzen unter den Nagel gerissen hatte, die sich nicht auf die gleiche Weise hätten verbergen lassen, und so kam man nicht darauf, mich nach anderen Gegenständen zu durchsuchen. Nach einer gewissen Zeit hatte ich schließlich Probleme mit diesem Versteck, und als ich dann einmal allein war, habe ich die Kugel woanders verborgen. Während der Sergeant und seine Soldaten einen anderen Gefangenen verprügelten, hatten sie mich vorübergehend in einen ...

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