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Hochzeit auf Griechisch

1. KAPITEL

Im Februar nach England zu reisen, dafür hätte er sich nie freiwillig entschieden. Gefrierender Regen schlug unablässig gegen die Windschutzscheibe des Wagens und nahm Leon Aristides fast die Sicht. Gestern Morgen war er noch in Athen gewesen. Dort war ihm auch der Brief eines Londoner Anwalts namens Mr. Smyth zugestellt worden, dessen Inhalt ihn zutiefst erschütterte.

Ganz offensichtlich kannte der Mann den Artikel in der Financial Times, in dem über einen leichten Kursrückgang der Aristides-International-Aktien berichtet wurde. Leon hatte darauf hingewiesen, dass dies nur eine verständliche Reaktion des Marktes auf den tragischen Unfalltod seiner Schwester und seines Vaters, dem Direktor der Bank, sei. Der Wert der Anteile würde jedoch bald wieder steigen. Besagter Mr. Smyth behauptete jedoch, Delia Aristides sei seine Klientin. Außerdem forderte er einen Beweis für ihren Tod, da ihr Testament in seiner Kanzlei hinterlegt sei.

Zunächst hielt Leon es für einen schlechten Scherz. Der Name Aristides erschien nur selten in der Zeitung. Als Bankiersfamilie gehörten sie zu der Art wohlhabender Elite, die nicht auf Publicity und Berühmtheit aus waren. Sie schützten ihre Privatsphäre so sehr, dass die Öffentlichkeit kaum von ihrer Existenz wusste. Aber nach einem kurzen Telefonat mit eben jenem Mr. Smyth wusste er, dass der Mann es ernst meinte. Wenn Leon nicht rasch handelte, könnte sich die wohlgehütete Anonymität in Luft auflösen. Dann endlich hatte er sich den Inhalt des Bankschließfachs seiner verstorbenen Schwester angesehen. Schon vor Wochen hätte er das tun sollen.

Wie erwartet, befanden sich darin die Juwelen, die ihre Mutter Delia vererbt hatte. In dem Fach entdeckte Leon jedoch auch die Kopie eines Testaments, aufgesetzt von jenem Mr. Smyth in London, von Zeugen offiziell unterschrieben und beglaubigt. Und dieses Testament widersprach in einigen Punkten dem letzten Willen, den Delia mit achtzehn Jahren auf Wunsch ihres Vaters verfasst hatte.

Die neuen Informationen in diesem Schriftstück erzürnten Leon so sehr, dass er fast seinem ersten Impuls nachgegeben und das Testament in tausend Stücke zerrissen hätte. Binnen Sekunden gewann er seine eiserne Selbstkontrolle aber zurück. Nachdem er einen seiner Anwälte angerufen hatte, dachte er anschließend lange und sehr sorgfältig über das Gespräch nach.

In einem weiteren Telefonat mit Mr. Smyth vereinbarte er einen Termin für den folgenden Tag. Bei Sonnenaufgang ging Leon an Bord seines Privatjets und flog nach London. Die Unterredung mit dem Anwalt bestätigte die schockierenden Neuigkeiten.

Sobald Leon den Tod seiner Schwester in dem ersten Telefonat bestätigt hatte, hatte der Anwalt einen Brief an eine gewisse Miss Heywood geschickt. Jenes Schreiben setzte die Empfängerin über Delias Tod in Kenntnis und informierte sie darüber, dass sie im Testament benannt war. Dagegen konnte Leon nichts mehr unternehmen.

Jetzt lenkte er den Mietwagen in eine Einfahrt. Normalerweise ließ er sich von einem Chauffeur fahren, aber diese Angelegenheit musste geheim bleiben, bis er die Situation vollständig einschätzen konnte. Er hielt den Wagen an und blickte zum Haus. Das große verwinkelte Steinhaus lag eingebettet in den sanften Hügeln der Cotswolds. Überraschenderweise befand es sich auf dem weitläufigen Grundstück einer luxuriösen Hotelanlage, die von einer Mauer umgeben war.

Aus diesem Grund war er auch immer an der Zufahrt zum Fox-Tower-Hotel vorbei und drei Mal um das gesamte Areal herumgefahren, ohne die Hoteleinfahrt mit Miss Heywoods Haus in Verbindung zu bringen. So viel zum Thema satellitengesteuertes Navigationsgerät. Schließlich hatte Leon frustriert vor dem Hotel geparkt und ein Zimmer für die Nacht gebucht. Denn augenscheinlich würde er eines brauchen, wenn er nicht bald diese Miss Heywood aufspürte. Dank einiger beiläufiger Fragen gelang es ihm schließlich herauszufinden, wo sich das Haus befand und warum er so verdammt lange gebraucht hatte, um es zu finden. Sofort hatte er sich wieder hinters Lenkrad gesetzt, um die fünfhundert Meter nicht zu Fuß und im Regen zurückzulegen.

Aus einem Fenster im Erdgeschoss drang ein sanfter Lichtschein, was Leon an diesem verregneten Tag nicht wunderte. Hoffentlich bedeutete es, dass Helen Heywood zu Hause war. Er hatte darüber nachgedacht, sie anzurufen, dann jedoch entschieden, sie besser nicht vorzuwarnen. In jedem Kampf war das Überraschungsmoment die beste Waffe – und Leon war fest entschlossen zu gewinnen.

Ein listiges Funkeln erschien in seinen Augen, als er aus dem Wagen stieg und die mit Kies bestreute Einfahrt betrat. Falls Miss Heywood nicht schon Mr. Smyth’ Brief erhalten hatte, was höchst unwahrscheinlich war, stand der Dame ein großer Schock bevor. Leon straffte die breiten Schultern, ging mit entschiedenen Schritten auf die Haustür zu und klingelte.

Wieder kein Freizeichen. Langsam legte Helen den Telefonhörer zurück auf die Gabel. Ihre beste Freundin Delia Aristides führte ein hektisches Leben, doch für gewöhnlich rief sie einmal in der Woche an und kam jeden Monat zu Besuch. Gut, seit Delia im Juli nach Griechenland zurückgekehrt war, hatte sie ein oder zwei Anrufe verpasst. Aber das letzte Telefonat lag schon sechs Wochen zurück. Was alles noch schlimmer machte: Delia hatte ihrem Sohn Nicholas versprochen, ihn auf jeden Fall nach Neujahr zu besuchen. Doch nachdem sie schon die letzten drei Besuche verschoben hatte, war auch bei diesem in letzter Minute etwas dazwischengekommen. Seitdem hatte Helen nichts mehr von ihrer Freundin gehört.

Delias Verhalten war Nicholas und ihr selbst gegenüber einfach nicht fair. Nicholas hatte den Morgen in der Kinderkrippe verbracht. Nachdem Helen ihn abgeholt und ihm den Lunch zubereitet hatte, hielt er nun seinen Nachmittagsschlaf. In spätestens einer Stunde würde er aufwachen. Bis dahin wollte sie mit Delia gesprochen haben. Leider besaß sie nur Delias Handynummer. Allmählich wusste Helen nicht mehr weiter.

Sie verzog das Gesicht und griff nach der Post. Vielleicht war ein Brief von Delia dabei, doch das blieb im Grunde eine trügerische Hoffnung. In all den Jahren, die sie einander kannten, hatte ihre Freundin noch nie einen Brief geschrieben. Eine Postkarte zu Weihnachten oder zum Geburtstag kam dem noch am nächsten. Telefon oder E-Mail waren Delias bevorzugte Kommunikationsmittel.

Es klingelte an der Haustür. Helen legte die Post zurück auf den kleinen Beistelltisch in der Diele und seufzte, als die Klingel ein zweites Mal ertönte. Wer in aller Welt mochte das sein?

„Ist ja gut, ich komme ja schon“, murmelte sie, als der unbekannte Besucher unablässig den Klingelknopf drückte. Wer auch immer es war, Geduld gehörte nicht zu seinen Stärken. Helen öffnete die Tür.

Leon Aristides. Sie erstarrte, ihr Griff um die Türklinke wurde fester, Helen wollte ihren Augen nicht trauen. Einen winzigen Moment lang fragte sie sich, ob sie vergessen hatte, ihre Kontaktlinsen einzusetzen. Womöglich gaukelte ihre Fantasie ihr etwas vor.

„Hallo, Helen“, begrüßte er sie mit tiefer Stimme.

Und auch wenn sie kurzsichtig war, mit ihren Ohren stimmte alles. Oh, mein Gott, Delias Bruder! Hier, vor ihrer Tür!

„Guten Tag, Mr. Aristides.“ Die höfliche Erwiderung kam ihr wie automatisch über die Lippen, ihr Blick hingegen irrte schockiert über seine kräftige Gestalt. Mindestens einen Meter achtzig groß, gekleidet in einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und Seidenkrawatte. Leon hatte sich kaum verändert, seit sie ihn vor Jahren das letzte Mal gesehen hatte.

Mit den von schweren Lidern überschatteten dunklen Augen, den hohen Wangenknochen, der geraden Nase und dem großen sinnlichen Mund wirkte er eher hart als schön. Aber er war durchaus attraktiv, auf eine sehr maskuline Art. Und bedauerlicherweise übte er auf Helen immer noch denselben verstörenden Effekt aus wie damals. Rasch schob sie das flaue Gefühl in ihrem Magen auf ihre Nerven. Einfach unmöglich, dass sie sich immer noch vor diesem Mann fürchtete. Sie war sechsundzwanzig, nicht mehr siebzehn.

„Das ist ja eine Überraschung. Was tun Sie denn hier?“, fragte sie endlich und musterte ihn wachsam.

Vor neun Jahren hatte sie Delia ein einziges Mal zu ihrem Familienurlaub in Griechenland begleitet. Leon Aristides hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen, er war zynisch, arrogant und unbeschreiblich männlich.

Sie war gerade den Strand entlanggeschlendert, als eine tiefe Stimme nach ihr rief und wissen wollte, wer sie sei. Helens Blick fiel auf einen Mann, der im seichten Wasser stand. Sie wusste, dass sie sich auf einem Privatstrand aufhielt, aber als Delias Gast hatte sie jedes Recht, hier zu sein. Unbedarft wie sie war, rief sie eine Antwort und begann, auf den Fremden zuzugehen. Als ihre Sicht schärfer wurde, nannte sie ihren Namen und streckte zur Begrüßung lächelnd die Hand aus. Dann blieb Helen abrupt stehen und musterte den Unbekannten wie gebannt.

Er war groß, muskulös und hatte ein weißes Handtuch um die Hüften geschlungen. Sein bronzefarbener Körper wirkte perfekt definiert, selbst Michelangelo hätte keine bessere Skulptur schaffen können.

Ihre Blicke trafen sich, und Helen stockte der Atem. Etwas Dunkles und Gefährliches funkelte in den Tiefen seiner schwarzen Augen, das ihren Herzschlag beschleunigte. Alle Instinkte befahlen ihr wegzulaufen, doch die überwältigende physische Präsenz des Mannes nahm sie gefangen. Endlich antwortete er, und seine sarkastischen Worte hallten den ganzen Tag über wieder und wieder durch ihren Kopf.

„Ich fühle mich geschmeichelt, und Sie sind offensichtlich zu allem bereit, aber ich muss ablehnen. Ich bin ein verheirateter Mann. Sie sollten nachfragen, bevor Sie jemanden mit Blicken ausziehen.“

Damit hatte er sich abgewandt und war gegangen. Niemals zuvor oder später hatte Helen sich so sehr geschämt.

„Ich bin jedenfalls hier.“ Der Klang seiner Stimme brachte sie zurück in die Gegenwart. „Wir müssen uns unterhalten.“ Er lächelte, doch das Lächeln erreichte nicht seine Augen.

Helen wollte nicht mit ihm sprechen. Allein der Gedanke daran ließ sie erschauern.

Nach jenem ersten Treffen hatte sie während ihres restlichen Urlaubs in Griechenland versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Das stellte sich als nicht allzu schwer heraus. Der kontinuierliche Besucherstrom in der Villa der Aristides’ machte es zwei jungen Mädchen leicht, unbemerkt zu bleiben. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn seine Gesellschaft unvermeidlich war, begegnete sie Leon mit kühler Höflichkeit. Als kurz vor der Abreise seine wunderschöne Ehefrau Tina eintraf, konnte Helen sich nur verwundert fragen, was eine so lebenslustige Amerikanerin an diesem distanzierten zynischen Mann fand.

Für Helen jedoch bestätigten der Sarkasmus und die Reserviertheit der männlichen Aristides’ nur, was Delia ihr im Internat anvertraut hatte. Dort waren sie einige Jahre zuvor Freundinnen geworden.

Offiziell besuchte Delia das Internat, um ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Doch der wahre Grund bestand vielmehr in der Ansicht von Vater und Bruder, dass Delia die Disziplin einer reinen Mädchenschule benötigte. Man hatte sie beim Rauchen und beim Flirten mit einem Fischerjungen erwischt. Laut Delia war das nun wirklich keine große Sache. Insgeheim hegte das Mädchen damals den Verdacht, ihr Vater gebe ihr die Schuld am Selbstmord seiner Frau. Deshalb, glaubte Delia, wollte er sie nicht in seiner Nähe haben.

Sowohl ihren Bruder als auch ihren Vater nannte sie einen halsstarrigen Chauvinisten. Als extrem konservative Banker hatten sie ihr Leben dem Familienunternehmen und dem Geldverdienen gewidmet. Frauen wurden wie finanzielle Anlagen gewählt, die nur dazu dienten, das Geschäftsimperium zu vergrößern.

Anders als ihre Mutter und ihre Schwägerin hatte sie nicht die Absicht zu heiraten, nur um der Bank einen lukrativen Vorteil zu verschaffen. Bis Delia fünfundzwanzig war, wollte sie Single bleiben. Danach würde sie nach dem Testament ihrer Mutter ihren Anteil an den Aktien der Aristides-International-Bank bekommen. Dagegen konnte Delias Vater nichts unternehmen. In den letzten Jahren hatte Helen ihrer Freundin dabei geholfen, dieses Ziel zu erreichen.

Während sie sich noch Delias schlechte Meinung über Leon ins Gedächtnis rief, schaute Helen den großen breitschultrigen Mann an, der vor ihr stand. Der Regen hatte sein schwarzes Haar durchnässt. Aber er strahlte immer noch dieselbe verhängnisvolle Aura aggressiver Männlichkeit aus wie damals.

„Bitten Sie mich nicht herein?“ Seine dunklen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Oder haben Sie die Angewohnheit, Besucher tropfnass und frierend auf der Türschwelle stehen zu lassen?“, fragte er spöttisch.

„Entschuldigung, ja … nein“, erwiderte sie stockend. „Kommen Sie herein.“ Sie trat einen Schritt zurück, und er drängte sich an ihr vorbei. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, nahm Helen all ihre Selbstbeherrschung zusammen und meinte kühl: „Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, was wir zu besprechen hätten, Mr. Aristides.“

Warum war er hier? Hatte Delia ihrer Familie endlich die Wahrheit gesagt? Aber weshalb hatte sie dann nicht angerufen? Plötzlich empfand sie die Tatsache als ernsthaft bedrohlich, so lange nichts von Delia gehört zu haben. Bislang hatte Helen sich um Nicholas gesorgt, jetzt machte sie sich Sorgen um ihre Freundin.

„Nicholas.“

„Sie wissen von ihm!“, rief Helen aus und blickte ihn aus veilchenblauen Augen erschrocken an. „Dann hat Delia Sie eingeweiht.“

Sie hatte immer gewusst, dass Delia ihrer Familie eines Tages von dem unehelichen Sohn erzählen und ihn zu sich nehmen würde. Allerdings überraschte Helen, dass es schon so weit war. Auch der unglaublich tiefe Schmerz, den sie jetzt spürte, traf sie unerwartet.

„Nein, nicht Delia“, entgegnete er knapp. „Ein Anwalt.“

„Ein Anwalt …“, wiederholte Helen hilflos. Die Berufsbezeichnung erfüllte sie mit einer dunklen Vorahnung. Um ein wenig Zeit zu gewinnen und ihre Gedanken zu ordnen, durchquerte sie den Flur und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. „Hier drinnen werden Sie es bequemer haben.“

Sie deutete auf eines der beiden Sofas, die einen alten Kamin flankierten, in dem ein helles Feuer flackerte. „Bitte, setzen Sie sich“, fuhr sie nervös fort. „In der Zwischenzeit koche ich Ihnen einen Kaffee.“ Dann bemerkte sie, wie ein Wassertropfen aus seinem Haar über seine Wange lief. „Und Sie brauchen ein Handtuch.“

Hastig machte sie kehrt, griff nach ihrer Tasche, die noch auf dem Tisch im Flur lag, und flüchtete in die Küche.

Natürlich bemerkte Leon Aristides ihre Nervosität. Tatsächlich hatte er jedes Detail an Miss Heywood registriert, seit sie ihm die Haustür geöffnet hatte. Die auf der Hüfte sitzende blaue Jeans war ihm aufgefallen, genau wie der enge blaue Pullover, unter dem sich feste Brüste abzeichneten. Ihre Haare waren länger, aber ansonsten sah sie nicht älter aus als an dem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Damals hatte sie absolut entzückend ausgesehen und ihm ein verführerisches Angebot gemacht. Beinah wäre er schwach geworden.

Erst spät in der Nacht hatte er damals die Villa seiner Familie erreicht. Im Morgengrauen des nächsten Tages war er nackt im Meer geschwommen. Als er aus dem Wasser ging, sah er sie, wie sie auf ihn zukam. Helles lockiges Haar umrahmte ihr blasses Gesicht. Die großen Augen, die gerade kleine Nase und der volle sinnliche Mund verliehen ihr eine natürliche Schönheit. Sie trug ein langärmeliges, bis zu den Knöcheln reichendes weißes Sommerkleid. Es sollte bestimmt tugendhaft wirken, doch in der hinter ihr aufgehenden Sonne wurde der feine Stoff fast durchsichtig. Darunter war ihre winzige weiße Unterwäsche deutlich zu erkennen.

Als er jetzt vor seinem geistigen Auge wieder die festen kleinen Brüste, die schmale Taille, die femininen Hüften und die wohlgeformten Beine sah, verschränkte er unbehaglich die Arme vor der Brust. Unbeirrt war die blonde Frau damals auf ihn zugegangen, den Blick fest auf ihn gerichtet. Er hatte sie gefragt, wer sie war und was sie an diesem Strand tat.

Seine Nacktheit schien ihr überhaupt nicht peinlich zu sein, denn sie erwiderte fröhlich, sie möge den frühen Morgen, bevor die Sonne zu heiß werde. Allein ihr Anblick erregte ihn, weshalb er sich eilig ein Handtuch um die Hüften schlang.

„Ich bin Helen“, stellte sie sich vor. „Delias Freundin aus der Schule.“ Unmittelbar vor ihm blieb sie stehen und streckte die Hand aus.

Ihre von dichten schwarzen Wimpern umrandeten Augen schimmerten in einem hellen Blauton und voller geheimer Verheißungen. Leon war versucht, auf ihr augenscheinliches Angebot einzugehen, als ihm einfiel, dass sie nicht älter als fünfzehn sein konnte.

Nach einigen spöttischen Bemerkungen war sie gegangen. Sein Ärger hatte jedoch mehr seiner eigenen Reaktion als ihrem Verhalten gegolten.

Als Helen ihm vorhin die Tür geöffnet und ihm mit denselben veilchenblauen Augen angesehen hatte, waren dieselben Empfindungen wie damals in ihm erwacht. Das erstaunte ihn, da sie ganz und gar nicht seinem Frauentyp entsprach.

Das Bild seiner momentanen Geliebten drängte sich in seine Gedanken. Louisa, eine weltgewandte, große, schlanke Brünette. Seit zwei Monaten hatte Leon sie nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich reagierte er deshalb so heftig auf Helen Heywood. Sie war das genaue Gegenteil von Louisa. Eine hellhäutige Blondine, nicht größer als einssechzig. Dabei musste die unschuldig aussehende Miss Heywood die hinterlistigste und geldgierigste Frau sein, der er je begegnet war – und er hatte schon viele getroffen.

Nun, jetzt war er gewarnt. Sie ist keine Bedrohung mehr für mich, überlegte er und schloss kurz die Augen. Gott, er war so müde! Für einen Mann wie ihn, der lebte, um zu arbeiten, war das ein großes Eingeständnis. Die letzten Wochen waren aber auch die Hölle gewesen.

Alles begann mit einem Anruf, den Leon kurz nach Neujahr in seinem Büro in der Aristides-International-Bank in Athen entgegengenommen hatte. Sein Vater und seine Schwester waren in einen Unfall verwickelt.

Weihnachten und Silvester hatten sie noch gemeinsam auf der griechischen Insel verbracht. Am darauf folgenden Nachmittag war Leon abgereist, um nach New York zu fliegen. An diesem Morgen war er nach Athen zurückgekehrt, um seinen Vater in der Bank zu treffen.

Immer wieder schritt er den Flur vor dem Operationssaal des Krankenhauses auf und ab. Keiner der Krankenhausangestellten wagte, Leon anzusprechen. Vor der Flügeltür des Operationssaals blieb er stehen und fragte sich, wie lange er schon hier wartete. Nach einem Blick auf die Armbanduhr wusste er, dass erst vierzig Minuten vergangen waren.

Vor weniger als einer Stunde hatten sie den schwer verletzten Körper seiner Schwester in den Operationssaal geschoben. Vor drei Stunden hatte Leon erfahren, dass sein Vater bei dem schrecklichen Verkehrsunfall sofort gestorben war.

Wie zum Teufel hatte das alles geschehen können?, fragte er sich zum tausendsten Mal. Dieselbe Frage hatte er schon dem Krankenhauspersonal und der Polizei gestellt. Delia war gefahren, ihr Vater auf dem Beifahrersitz. Aus irgendeinem Grund hatte sie die Kontrolle über den Wagen verloren, der in eine Schlucht gestürzt war. Die Ärzte hatten sich nur sehr zögerlich über die Genesungsaussichten seiner kleinen Schwester geäußert. Ihr Zustand sei sehr kritisch, hieß es, sie würden alles in ihrer Macht Stehende tun.

Erschöpft ließ Leon sich in einen Sessel gegenüber der Flügeltür sinken. Er lehnte den Kopf gegen die Wand und schloss die Augen, um die Realität der Situation wenigstens einen Moment auszublenden.

Sein Vater war tot, aber seine Schwester kämpfte hinter den verschlossenen Türen vor ihm um ihr Leben. Niemals zuvor hatte Leon sich so hilflos gefühlt.

Ein starkes Déjà-vu-Erlebnis umfing ihn. Vor vier Jahren hatte er in einem Krankenhaus in New York ebenfalls auf den Ausgang der Operation gewartet. Seine Ehefrau Tina hatte damals einen Verkehrsunfall erlitten. Ihr Beifahrer, der Fitnesstrainer, war wie Leons Vater sofort tot gewesen.

Er lächelte bitter und zynisch. Später hatte der Arzt ihm gesagt, seine Frau sei auf dem Operationstisch gestorben. Aber ihr Baby, einen Jungen, hätten sie retten können. Einen winzigen Moment lang war Hoffnung in Leon aufgekeimt, doch der Arzt hatte schon weitergesprochen: „Jedoch sind die Verletzungen sehr schwer. Es besteht kaum eine Überlebenschance.“ Wenige Stunden später hatte das Herz des Kindes aufgehört zu schlagen.

„Mr. Aristides.“ Er öffnete die Augen und betete schweigend, dieser zweite Unfall würde einen glücklicheren Ausgang haben. Während der Arzt auf Leon zueilte, erhob er sich von dem Sessel.

„Die Operation war erfolgreich. Ihre Schwester befindet sich bereits auf der Intensivstation.“ Leon stieß ein erleichtertes Seufzen aus, doch das gute Gefühl hielt nicht lange an, denn der Arzt fuhr fort: „Es gab einige Komplikationen. Sie hat eine Menge Blut verloren, und ihre Nieren versagen. Auch die Reste von Rauschmitteln in ihrem Körper sind einer Heilung nicht gerade förderlich. Wir tun, was wir können. Wenn Sie möchten, können Sie sie jetzt kurz besuchen. Die Krankenschwester zeigt Ihnen den Weg.“

Er hatte sich immer noch nicht von dem Schock erholt, dass seine Schwester Drogen nahm, als sie zwei Stunden später starb.

Als Leon jetzt die Augen aufschlug, blickte er sich in dem sehr behaglich eingerichteten Wohnzimmer um. Falls er geglaubt hatte, dass es nicht schlimmer kommen könne, war er gestern eines Besseren belehrt worden. Der Drogenkonsum seiner Schwester hatte ihn entsetzt. Danach ereilte Leon ein weiterer heftigerer Schock.

Die intelligente, wohlerzogene junge Dame, zu der Delia – wie er geglaubt hatte – herangewachsen war, hatte dank der Hilfe von Helen Heywood seit Jahren ein Doppelleben geführt. Er erinnerte sich daran, wie seine Schwester einst behauptet hatte, sie hätte jeden Kontakt zu Helen seit dem Studienbeginn verloren.

Selbst einen Zyniker wie ihn entsetzten Delias schauspielerische Fähigkeiten im Nachhinein, mit denen sie ihre Familie seit Jahren getäuscht hatte. Auch wenn er es ihr vielleicht nicht immer gezeigt hatte, er liebte seine Schwester. Ihr Verrat verletzte ihn. Als Mann, der wenig von Gefühlen hielt und jene verachtete, die sie allzu offen zeigten, war dies eine tiefgreifende Erkenntnis. Und er wusste genau, wer dafür verantwortlich gemacht werden konnte.

Seine Schwester war tot, aber Miss Heywood war ihm verdammt viele Antworten schuldig. Und er würde nicht eher ruhen, bis er alle erhalten hatte.

2. KAPITEL

Helen stand in der Küche und beobachtete, wie der heiße Kaffee langsam in die Kanne tropfte. Leon Aristides saß nebenan. Er war hier in ihrem Haus, und er wusste über Nicholas Bescheid. So schlimm ist das nicht, beruhigte sie sich. Dann wusste er eben, dass Delia einen unehelichen Sohn hatte, um den Helen sich kümmerte. Vielleicht hatte Delia sich endlich ihrem Vater anvertraut. Der war vermutlich mit einem Anwalt in Kontakt getreten, welcher wiederum Leon informiert hatte. Dennoch blieb die Situation seltsam. Es gab viel zu viele Vielleichts!

Zumindest hätte Delia mich warnen können, dachte sie verärgert. Warum musste ihre Freundin sie überhaupt in diese unangenehme Situation bringen. Helen zog ihr Handy aus der Tasche und wählte noch einmal Delias Nummer. Die Leitung war immer noch tot.

Fünf Minuten später kehrte sie mit einem Handtuch und einem Tablett, auf dem eine Kaffeekanne und Tassen standen, ins Wohnzimmer zurück. „Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat“, sagte sie, stellte das Tablett auf den Tisch und reichte Leon das Tuch.

Wortkarg nahm er es entgegen und begann, seine glänzenden schwarzen Haare zu trocknen. Mit der zerzausten Frisur war die Ähnlichkeit zu Nicholas unverkennbar.

Sie nahm ihm gegenüber auf dem zweiten Sofa Platz. „Wie trinken Sie Ihren Kaffee, Mr. Aristides?“

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