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HISTORICAL LORDS & LADIES BAND 60

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Keine Lady für Lord Strensham?

1. KAPITEL

Jetzt wirst du Granby heiraten müssen“, bemerkte Lady Winforde mit unverhohlener Genugtuung.

„Eher heirate ich den Stiefeljungen!“

„Deine Vorliebe für die niedrigen Stände ist nicht von Bedeutung.“ Lady Winforde betrachtete die schlanke junge Frau vor sich voller Abneigung, und Thea zwang sich, den kalten Blick aus den farblosen Augen zu erwidern, als koste es sie nicht die geringste Überwindung. „Du kannst schließlich kaum behaupten, du seiest von Stand. Für meinen Sohn – immerhin ein Baron – bedeutet die Heirat mit der Enkelin eines Findelkinds eindeutig einen gesellschaftlichen Abstieg.“

„Immerhin ließen Sie sich herab, Madam, aus Geldgier in zweiter Ehe den Bruder meines Großvaters zu heiraten, der auch ein Findelkind war! So wie Sie auch die Gastfreundschaft meines Großvaters annahmen. Sie befinden sich unter seinem Dach, vergessen Sie das nicht, auch wenn er nicht mehr am Leben ist, Lady Winforde.“ Thea betonte den Namen verächtlich, denn eigentlich stand der Titel ihrer angeheirateten Großtante nach der Vermählung mit Miles Hardy nicht mehr zu. Sie war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. „Außerdem ist Ihr Sohn ein Spieler, der bereits in kürzester Zeit das Geld, das Sie von meinem Großonkel geerbt haben, durchgebracht hat, und ein Trunkenbold. Keine Frau, der ihr körperliches und geistiges Wohlbefinden wichtig ist, würde ihn aus freien Stücken heiraten, ganz gleich, ob sie von Stand ist oder nicht.“

Lady Winforde ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Nun, eine solche Dame würde allerdings auch nicht die Nacht im Schlafgemach eines Gentleman verbringen. Leugnen kannst du nicht, selbst der Vikar war Zeuge“, fügte sie triumphierend hinzu. „Dir bleibt gar keine andere Wahl, als den Antrag meines Sohnes anzunehmen. Der arme Junge. Auf eine so geschmacklose Art und Weise in die Ehefalle gelockt zu werden, noch dazu von einem Ränke schmiedenden Geschöpf wie dir.“

„Zweifellos wird ihm die Aussicht auf den uneingeschränkten Zugriff auf mein Erbe helfen, diesen Umstand zu ertragen.“

„Wie gut du doch die Lage verstehst“, spottete Lady Winforde. „Jetzt ist es höchste Zeit für dich, dich auf dein Zimmer zurückzuziehen und über dein unverdientes Glück nachzudenken. Nach eurer Heirat kannst du mit Granby ein Schlafgemach teilen, ohne den Anstand zu verletzen.“

„Ich würde lieber einen Schlafsaal mit den Geisteskranken des Bethlehem-Hospitals teilen!“

„Ach, wirklich, liebe Nichte? Das lässt sich einrichten, wenn du weiterhin darauf beharrst, die Konventionen zu missachten. Schließlich ist mein Sohn auch dein Vormund.“

„Ich bin nicht Ihre Nichte!“ Thea verabscheute Lady Winforde, seit diese mit ihrem Sohn hierher zu ihr und ihrem Großvater gezogen war. „Und die Treuhänder meines Vermögens würden solchen schamlosen Lügen niemals Glauben schenken.“

„Wenn du dich da mal nicht täuschst. Deine Weigerung, einen so ehrenhaften Heiratsantrag anzunehmen, nachdem man dich im Schlafgemach meines Sohnes aufgefunden hat, wird sie wohl kaum von deinem gesunden Menschenverstand überzeugen. Ganz besonders, da Zeugen dich in dieser kompromittierenden Lage fanden, die über jeden Verdacht erhaben sind.“

„Wie kam es eigentlich, dass der Vikar und seine Frau ausgerechnet zu diesem so günstigen Zeitpunkt zugegen waren?“

„Ein Mann Gottes ist in seiner Nächstenliebe immer bereit, einer besorgten Witwe in einem solch schwierigen Moment zu Hilfe zu eilen.“

„Seine Frau ließ sich allerdings eher von Neugier als Nächstenliebe leiten, darauf verwette ich meinen Kopf.“

„Was für eigenartige Ausdrücke du doch benutzt. Zweifellos eine Folge deiner seltsamen Erziehung.“

„An meiner Erziehung gibt es nichts auszusetzen“, fuhr Thea sie unbeherrscht an.

Lady Winforde hob spöttisch die dünnen Augenbrauen. „Vielleicht nicht für die Enkelin eines Bürgerlichen“, fuhr sie höhnisch fort. „Dennoch müssen wir das Beste aus dem Unvermeidlichen machen. Du gehst auf dein Zimmer zurück und sammelst dich für die Hochzeit mit meinem Sohn. Eine Braut muss sich auf ein so ernstes Ereignis vorbereiten.“

Während sie einem der ungeschlachten Diener der Winfordes, der zweifellos verhindern sollte, dass sie flüchtete, zu ihrem Zimmer folgte, überlegte Thea schon fieberhaft, wie sie sich aus ihrer verzweifelten Lage retten könnte. Lady Winforde hat erreicht, was sie wollte, dachte, ich bin vor der ganzen Welt kompromittiert, mein guter Ruf ist ruiniert.

Bedrückt ließ sie sich auf das schmale Bett fallen – bis auf einen zerbrochenen Hocker das einzige Möbelstück in ihrem trostlosen Dachzimmer –, riss sich aber sofort wieder entschlossen zusammen. Irgendwie würde sie einen Weg aus dieser Falle finden, und wenn es ihren Tod bedeutete! Auf diese Weise würden die hinterhältigen Winfordes wenigstens nicht an ihr Vermögen kommen, denn im Falle ihres Ablebens, so hatte ihr Großvater verfügt, würde es an eine mildtätige Stiftung gehen.

„Zum Kuckuck, Nick, ich hätte dich in Southampton lassen sollen“, beklagte sich Major Marcus Ashfield, der neue Lord Strensham, und betrachtete seinen mageren Begleiter unter leicht gesenkten Lidern.

Selbst im schwachen Licht dieses Märznachmittags war die auffallende Blässe seines Cousins nicht zu übersehen. Marcus bereute, dass er Nick nachgegeben und ihn mitgenommen hatte.

„Ich hätte ihnen doch erlauben sollen, dir den Arm abzunehmen.“

„Keiner nimmt mir den Arm ab“, brachte sein Cousin mühsam hervor. „Dem fehlt nichts.“

„Nein, natürlich nicht. Nur eine eiternde Hiebwunde von einem französischen Degen. Als hätte die Schussverletzung in der Schulter nicht gereicht.“

Es entging ihm nicht, dass sein dickköpfiger Cousin Gefahr lief, vom Pferd zu fallen. Offensichtlich mussten sie ihre Reise unterbrechen. Aber wo sollten sie hier in dieser Wildnis eine sichere Unterkunft finden?

„Wie dem auch sei, du kannst nicht mehr weiter.“

„Doch, klar kann ich. Die ganze Nacht, wenn es sein muss. Beim Ritt über die Pyrenäen habe ich auch nicht schlappgemacht.“

„Nur dass du damals weder Fieber hattest noch zwei Wunden, die dich schwächten.“

„Du warst schon immer ein lästiger Mensch“, flüsterte Nick, dann wurde es schwarz vor seinen Augen.

Marcus gelang es im allerletzten Augenblick, den Ohnmächtigen aufzufangen und das erschrockene Pferd zu beruhigen.

„Dem Himmel sei Dank für deine guten Manieren, Herkules, alter Junge“, lobte er sein Pferd, das dem Schenkeldruck seines Herrn sofort gehorcht und bewegungslos stehen geblieben war. Der temperamentvolle Hengst tat zwar seinen Unmut durch ein Schnauben kund, machte aber sonst keinen Versuch davonzugaloppieren, als Marcus aus dem Sattel rutschte und dabei gleichzeitig Nick auf dessen Pferd zu halten versuchte.

„Wir stecken ganz schön in der Klemme, mein Alter“, sagte Marcus und seufzte auf.

Er schaffte es sogar, dass Nicks kostbarer schwarzer Hengst sich wieder so weit beruhigte, wie es einem so nervösen Tier überhaupt möglich war. Jetzt blieb Marcus nur, Nick an seinem Sattel festzubinden – wie sie es im Regiment häufig mit den Verletzten taten, wenn sie weiterreiten mussten – und zu hoffen, in der Nähe irgendeine behelfsmäßige Unterkunft für die Nacht zu finden.

Es war dunkel zwischen den Bäumen, und ein Blick zum Himmel zeigte, dass kein freundlicher Mond ihnen den Weg weisen würde. Marcus überlegte, ob es besser wäre, gleich hier am Wegesrand Halt zu machen, da erhaschte er einen schwachen Geruch nach brennendem Holz in der kühlen Luft. Er lauschte angestrengt. Nur gewohnte Geräusche drangen an sein Ohr, und er führte die Pferde vorsichtig weiter durch die Dunkelheit. Der Geruch führte ihn einen Reitweg hinunter und tiefer in den Wald hinein. Nick fing in seiner Benommenheit an zu stöhnen, und Marcus’ Besorgnis wuchs. Wenn er ihn doch in den Händen der Ärzte in Frankreich gelassen hätte, statt ihn auf seiner Rückreise nach England mitzunehmen.

So sehr war er in Gedanken versunken, dass er die Hütte fast übersehen hätte. Selbst im schwachen Licht der Abenddämmerung fiel ihm auf, wie schäbig sie war. In der Not frisst der Teufel Fliegen, dachte er trocken und klopfte an die windschiefe Tür. Nach einigen Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, wurde er ungeduldig.

„Wir sind Reisende, die von der Dunkelheit überrascht wurden, und wollen euch nichts Böses“, rief er. „Zum Teufel, wir brauchen Hilfe!“

„Wir ha’m nichts. Geht weg!“, ertönte eine ängstliche Stimme.

„Öffne einfach die Tür, Kind“, befahl Marcus etwas sanfter.

Doch die Tür blieb weiterhin verschlossen, und schließlich war Marcus es leid. Ein weiteres verhaltenes Stöhnen Nicks gab den Ausschlag. Marcus erzwang sich den Zutritt, indem er die wacklige Tür einfach aufstieß.

„Ich sagte, wir brauchen Hilfe“, sagte er scharf, als er auf der Schwelle stand.

„Und ich sag, wir ha’m nichts und geb’n nichts“, antwortete ihm jemand, den Marcus in der Dunkelheit nicht sehen konnte, mürrisch.

Ein Geräusch warnte ihn im letzten Augenblick, sodass Marcus blitzschnell den Arm hob und sich vor einem Hieb mit einem Holzknüppel schützte, der ihn sonst hart am Kopf getroffen hätte. Unbarmherzig umfasste er ein schmales Handgelenk, bis der Knüppel auf den Boden fiel, und zwang schließlich den Arm seines Angreifers nach hinten.

„Oh! Sie Rohling!“, kreischte das Kind.

Als ihm schließlich bewusst wurde, dass es sich um ein Mädchen handelte, dessen schlanken und unmissverständlich weiblichen Körper er an seinen presste, hätte Marcus beinahe losgelassen.

„Zu deinem Glück irrst du dich in dieser Annahme völlig.“

„Das würd’ ich ja glauben, wenn Sie die Finger von mir nehmen.“

„Ich bin vielleicht nicht der Schurke, den du erwartetest, aber genauso wenig ein Hohlkopf, du Fratz. Versprichst du mir, dich zu benehmen?“

„Was’n sonst? Sind schließlich zweimal so groß wie ich, Eure Lordschaft.“

„Versuche nicht, mich einzulullen, Mädchen. Versprich mir einfach, dass du mich nicht wieder angreifst, und ich lasse dich los.“

„Ja doch, versprech’ ich“, fuhr sie ihn an.

Misstrauisch standen sie einander gegenüber und beäugten sich wie zwei Duellanten, die den Gegner in fast völliger Dunkelheit auszumachen versuchten.

„Es muss doch eine Möglichkeit geben, hier ein wenig Licht zu bekommen. Sonst hättest du kein Feuer anzünden können“, sagte Marcus ungeduldig.

Sie suchte nach der Laterne, die sie schon beim ersten Klopfen gelöscht hatte. Kurz darauf enthüllte das schwache Licht einer einzigen Talgkerze das trostlose Innere der Hütte.

„Hier gibt es ja überhaupt nichts“, rief Marcus und sah seine Hoffnung enttäuscht, Nick aus der Kälte und der Feuchtigkeit eines englischen Frühlings in behagliche Wärme zu bringen.

„Hab ich doch gesagt“, spottete das Mädchen und verschränkte die Arme vor dem zierlichen Körper.

„Was aber heißt, dass du auch in keiner besseren Lage bist als wir“, gab er zu bedenken.

„Stimmt“, sagte sie nur ungerührt und wies mit einem Nicken auf die offene Tür. „Die Straße liegt in der Richtung.“

„Ich habe nicht die Absicht, die ganze Nacht mit einem verletzten Mann durch die Gegend zu ziehen. Also wirst du uns hier Obdach gewähren oder selbst verschwinden.“

„Ich war aber zuerst hier.“

„Und unter normalen Umständen hätte ich dich auch nicht weiter belästigt. Aber heute Nacht habe ich größere Sorgen als die empfindsamen Gefühle eines ausgerissenen Hausmädchens, das keinen Penny in der Tasche hat.“

Thea war schon im Begriff, dem hassenswerten Eindringling zu verraten, dass sie sogar ganze zwei Pfund und neuneinhalb Pennys ihr Eigen nannte, verbiss es sich aber im letzten Augenblick. Es war immerhin alles, was ihr von den wenigen Guineas geblieben war, die sie vor den Winfordes hatte verbergen können. Da war es sicher besser, wenn sie es auch jetzt geheim hielt.

„Vermute ich richtig, dass du allein bist?“, fragte er.

Thea erschauderte. Niemand würde ihr zu Hilfe kommen, wenn sich dieser Mann nicht als der Gentleman erwies, der er auf den ersten Blick zu sein schien.

„Vielleicht“, wich sie ihm aus.

„In jedem Fall bist du der einzige Mensch, der mir helfen kann. Also halte die Laterne etwas höher und leuchte mir den Weg zu den Pferden, ja?“ Als sie sich nicht rührte, stieß er gereizt den Atem aus, holte einen Shilling aus der Tasche und hielt ihn mit einer müden Geste hoch.

Da Thea seit drei Wochen auf der Flucht war, gezwungen, sich zu verstecken und viele Meilen zu laufen, bis ihr die Füße schmerzten, empfand sie großes Mitleid für jeden erschöpften Menschen. Um sich jedoch ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen, fasste sie die Münze neugierig ins Auge, als würde sie eine unwiderstehliche Versuchung darstellen, nickte und bedeutete dem Mann, ihr zu folgen.

In der Zwischenzeit war die Nacht hereingebrochen, und Thea musste sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, bevor sie bemerkte, dass sich am Rand des Waldes etwas bewegte. Sie schluckte und kämpfte gegen den Wunsch an, auf dem Absatz kehrtzumachen und in die Hütte zurückzulaufen.

„Mein Pferd fragt sich nur, wo ich abgeblieben bin“, beschwichtigte der Offizier neben ihr sie.

Seine Gegenwart wirkte sogar noch beruhigender auf sie als seine Worte, und die Angst fiel ganz von Thea ab. Gewöhnlich hasste sie es, herumkommandiert zu werden, aber in diesem Moment fand sie es seltsamerweise angenehm.

„Oh, was für ein schönes Tier“, sagte sie, als sie ihr Ziel erreicht hatten. Sanft strich sie dem edlen Pferd, das so geduldig auf seinen Herrn gewartet hatte, über das Fell.

„Ich unterbreche nur ungern eine so rührende Szene, aber mit etwas mehr Licht könnte ich besser nach meinem Cousin sehen.“

„Sie brauchen deswegen nicht gleich unangenehm zu werden.“ Schnell hielt sie die Laterne hoch, deren Licht die goldenen Litzen einer Husarenuniform aufleuchten ließ, allerdings auch die Magerkeit und die Blässe des Mannes betonte, der sie trug.

„Es gibt einen Schuppen hinter der Hütte, wo die Kohlenbrenner ihre Tiere unterstellen“, sagte Thea und wollte schon die Zügel des braunen Hengstes nehmen, aber der Gentleman hielt sie zurück.

„Leuchte mir nur. Ich führe die Pferde.“

Offenbar fürchtete er, sie könnte versuchen, mit seinem Pferd davonzureiten. Thea zeigte ihm den Weg zu dem Unterstand, wo sich die Tiere zwischen den uralten Heuballen wenigstens etwas ausruhen konnten, wenn sich das Heu auch nicht zum Fressen eignete. Der Offizier band das schwarze Pferd seines verletzten Begleiters an den kräftigsten Pfosten und löste seinen Reiter behutsam vom Sattel. Thea hängte kurz entschlossen die Laterne an einen Nagel.

„Ich kann seine Füße nehmen, während Sie ihn bei den Schultern packen“, schlug sie vor, aber schon hatte er den bewusstlosen Mann aus dem Sattel gehoben und ihn sanft auf einen der Heuballen gelegt.

Noch bemerkenswerter als die große Kraft, mit der der Gentleman seine schwere Bürde trug, war die Behutsamkeit, die er dabei an den Tag legte. Es war eine Entdeckung, die allem widersprach, was Thea bisher in ihrem Leben erfahren hatte. Aber sie war nicht bereit, sich sanfter stimmen zu lassen für das männliche Geschlecht. Ohne ein Wort ging sie auf das schwarze Pferd zu und sprach leise auf das Tier ein, bis es sich genügend beruhigt hatte, um mit etwas Heu trocken gerieben zu werden.

„Du kannst gut mit Pferden umgehen“, meinte der Mann anerkennend.

„Ich mag sie“, antwortete Thea nur ungefällig.

„Das scheint er zu spüren. Ich habe ihn oft ausschlagen sehen, wenn er schlecht gelaunt war.“

Er befreite die Pferde von dem Gepäck, das sie getragen hatten – darunter zwei Futterbeutel und einen Sack Hafer.

„Sobald wir es Ihrem Freund etwas bequem gemacht haben, geben wir den Tieren Wasser“, sagte Thea. „Mir scheint, er wacht gleich auf.“

„Je eher wir ihn in die Hütte bekommen, desto besser. Kannst du mit Menschen genauso gut umgehen?“

„Nein, denn die kann ich nicht ausstehen.“

Er lachte leise. „Dachte ich mir schon. Bring mein Gepäck mit herein, sei ein gutes Kind.“

Mit finsterem Blick sah sie ihm nach. Zu ihrem Ärger erwachte unwillkürlich Bewunderung in ihr, während sie ihm dabei zusah, wie er seinen schlaksigen Gefährten aufnahm, als wiege der kaum so viel wie ein Kind.

2. KAPITEL

Zünde das Feuer an“, wies der Offizier sie an, als sie in der Hütte waren, die Tür sicher verschlossen.

„Es wird uns verraten“, gab Thea zu bedenken.

„Ein Gewehr, vier Pistolen, ein Degen und der Säbel eines Kavallerieoffiziers stehen mir zur Verfügung, also denke ich, wir werden mit jedem etwaigen Eindringling fertig, meinst du nicht auch?“

„Boney ist heute Abend sicher zu sehr beschäftigt, um noch vorbeizukommen, folglich haben Sie wohl recht.“

„Ein Frauenzimmer mit Sinn für Humor, wie erfrischend“, sagte er trocken. „Nach allem, was ich von dir gesehen habe, traue ich dir zu, dass du nur vor Bonaparte persönlich Angst haben würdest.“

Sie griff nach dem kostbaren Anmachholz, das sie gesammelt hatte, für den Fall, dass sie die Nacht nicht ohne ein wärmendes Feuer überstehen konnte. So würde der Gentleman nicht reden, wenn er ihr früher begegnet wäre. Wie hätte das verwöhnte junge Mädchen, das sie vor nur wenigen Wochen noch gewesen war, diese Lage gemeistert? Thea konnte es sich nicht vorstellen. Sehr wahrscheinlich hätte die vornehme Miss Hardy einen dunkelhaarigen Fremden in der grünen Uniform eines Infanterieoffiziers unwiderstehlich gefunden und sich auf den ersten Blick in ihn verliebt.

„Alberner Dummkopf“, sagte sie leise.

„Wer?“

„Wer was?“

„Ich mag ja ein Dummkopf sein, aber taub bin ich nicht.“

„Nein, ich meinte jemand anders“, beteuerte sie hastig. „Eine junge Dame in meinem letzten Haushalt. Sie bestand darauf, man solle ihr Feuer drei Stunden, bevor sie morgens aufwachte, anzünden, damit ihre zarten Füßchen auf keinen Fall kalt werden konnten. Die … wir Hausmädchen mussten im Winter sehr früh aufstehen, um zu tun, was sie verlangte.“

Die Erinnerung daran ließ Thea vor Scham erröten. Was für eine rücksichtslose, unangenehme Person sie gewesen war, bevor die Winfordes ihre heile Welt zerstört hatten.

„Kaltherzige Hexe“, bemerkte der Offizier dazu.

Thea errötete noch heftiger. „Sie hat wohl inzwischen ihre Lektion gelernt. Man sagt, jemand will sie wegen ihres Vermögens zur Frau nehmen.“

Zu ihrer Verblüffung war er es, der jetzt leicht errötete. Aber vielleicht bekam er nur Farbe in seine schmalen Wangen, weil das Feuer endlich aufloderte und den Raum mit angenehmer Wärme erfüllte.

„Wir brauchen heißes Wasser. Meine Satteltasche liegt dort drüben. Darin ist eine Rasierschale. Wenn du nichts anderes findest, worin du das Wasser erhitzen kannst, müssen wir uns eben damit begnügen.“

„Dann finden Sie es doch. Ich stecke meine Hand nicht da rein. Wer weiß, was mich beißen könnte.“

Er lachte leise über ihre mädchenhafte Scheu, in den Sachen eines Soldaten herumzustöbern, und war dieses Mal so freundlich, zu tun, was man ihm sagte. „Du bist wirklich ein ungewöhnliches Mädchen.“ Er reichte ihr die Zinnschale und klang fast so, als wäre er angenehm überrascht von ihrem seltsamen Benehmen.

„Weil ich auf meine Finger aufpasse?“ Sie füllte die Schale mit Wasser aus einem Krug, den sie vorhin wohlweislich bereitgestellt hatte.

„Weil es dir nichts ausmacht, es auszusprechen.“

„Man behauptet gemeinhin, dass ich ein zu großes Mundwerk habe“, gab sie mit einem Lächeln zu.

Als er wieder lachte, spürte Thea eine seltsame Hitze in sich aufsteigen. Plötzlich konnte sie sich ihn vorstellen, wie er unbeschwert und gut gelaunt Gäste in seinem Haus willkommen hieß. Der Krieg hatte ihn wohl ernsthaft werden lassen, doch Thea sah ihn vor ihrem inneren Auge im Sattel seines großen Pferdes zufrieden über die Wiesen galoppieren und der glücklichen Frau zulächeln, die an seiner Seite reiten durfte. In ihrer Vorstellung war sie selbst diese Frau. Ihr Lächeln wurde weich, die Hitze in ihr nahm sogar noch zu.

„Jetzt sehen Sie sich das an!“, rief sie abrupt, um sich aus ihren Gedanken zu reißen. Ein Funke war aus dem Feuer auf ihren schäbigen Rock übergesprungen und brannte ein Loch hinein, bevor sie ihn ausklopfen konnte. „Man behauptet auch, ich sei recht ungeschickt.“

„Man?“, fragte er freundlich, nur allzu froh, von der Sorge um Nick abgelenkt zu werden.

„Die Leute im Findelhaus“, antwortete sie aus dem Stegreif und hoffte, der Mann wusste genauso wenig über diese wohltätigen Einrichtungen wie sie.

„Sicherlich sehr ehrenwerte Leute, aber sie sind nicht dafür bekannt, dass sie ihre Schützlinge verwöhnen, nicht wahr?“

Seine Stimme klang sanft, als fühlte er Mitleid mit dem harten Los einer Waisen, und Thea errötete wieder schuldbewusst. Bis vor kurzer Zeit hatte sie ein mehr als behütetes Leben geführt, geliebt und vergöttert von ihrem Großvater. Es hatte nichts gegeben, das er ihr nicht geschenkt hätte. Nur in einem Punkt war er bis an sein Ende dickköpfig geblieben: Sie musste einen Mann mit Adelstitel heiraten. Sogar in seinem Testament war festgelegt, dass sie diesen Wunsch erfüllen musste, wenn sie sein Vermögen erben wollte. Und Granby besaß einen Titel. Der Schurke war vor nichts zurückgeschreckt, um sie zu einer Heirat mit ihm zu zwingen. Der Gedanke, wie man sie in Granbys Schlafzimmer gelockt hatte, ließ sie unwillkürlich erschaudern, und sie rückte ein wenig dichter an das warme Feuer.

„Sie haben dir doch nicht wehgetan, hoffe ich?“

Offenbar hatte er ihr Zusammenzucken beobachtet. Das schlechte Gewissen begann Thea zu quälen. Die Lüge lag ihr wie eine schwere Bürde auf den Schultern. Allerdings hing zu viel davon ab, dass sie sich noch vier Monate vor den Winfordes verbergen konnte. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, mit der Wahrheit hausieren zu gehen.

„Nein, aber mir blieb nichts anderes übrig, als zu fliehen.“

„Da du sogar diese schäbige Hütte deiner letzten Anstellung vorzuziehen scheinst, kann ich mir vorstellen, dass es unerträglich gewesen sein muss.“

„Das war es auch“, antwortete sie aufrichtig, und der Gedanke an Granbys schmierige Hand an ihrem Ausschnitt ließ sie wieder schaudern.

„Nicht alle Männer sind Rohlinge, weißt du“, sagte er leise.

„Nein, manche versuchen es zuerst mit Honig, bevor sie einem Essig zu trinken geben“, erwiderte sie sarkastisch.

„Irgendwo gibt es bestimmt einen ehrlichen jungen Mann, der deine Jugend und deinen Witz zu schätzen weiß. Und wenn du eine neue Stellung findest, stehen deine Chancen auch besser, einen solchen netten Burschen kennenzulernen.“

„Tja, ‚wenn das Wörtchen wenn nicht wär‘“, unterbrach sie ihn spöttisch. „Was ist jetzt mit dem armen Mann, um den Sie angeblich so besorgt sind?“

„Ist das Wasser schon heiß?“

„Wenn es noch heißer wird, wird es ihm eher schaden als nützen.“

„Halte das Licht so ruhig wie möglich, während ich nachschaue, was der Dummkopf jetzt wieder angerichtet hat“, sagte er mit einem Seufzer.

Thea schluckte unbehaglich und erinnerte sich streng daran, dass sie immerhin die Tochter eines Soldaten war, selbst wenn sie sich kaum noch an ihn oder ihre Mutter erinnern konnte. Ihre Mutter war mit einem attraktiven Unteroffizier durchgebrannt, also lag diese seltsame Begeisterung für das Militär vielleicht in der Familie. Nur wenige Jahre später waren ihre beiden Eltern tot. Da ihre Großeltern väterlicherseits nichts mit ihr zu tun haben wollten, gab der Vater ihrer Mutter ihr seinen Namen und machte das Beste aus einer verfahrenen Situation.

Und jetzt kostete es Thea allen Mut, den sie aufbringen konnte, um dasselbe zu tun. Erschrocken hielt sie den Atem an, als das warme Wasser die Verbände des Verletzten aufweichte, sodass sie entfernt werden konnten. Darunter zeigte sich eine übel aussehende Wunde, die von der Schulter bis fast zum Ellbogen reichte. Thea starrte die Stiche an, die den tiefen Schnitt zusammenhielten, und fragte sich, wie der Mann den Ritt hatte ertragen können, bevor er das Bewusstsein verlor.

„Er sollte im Bett liegen!“, rief sie entgeistert.

„Ich weigerte mich zunächst, ihn mitzunehmen. Aber ich hatte Angst, er würde sich allein auf den Weg machen, sobald ich ihm den Rücken zukehrte. Es wäre ihm zuzutrauen, denn er ist ein unglaublicher Dickkopf.“

Thea hob nur spöttisch die Augenbrauen. In der kurzen Zeit, die sie diesen Mann kannte, hatte er sich nicht gerade durch ein besonders nachgiebiges Wesen ausgezeichnet. Also war er wohl der Letzte, der einen anderen dickköpfig nennen dürfte. Er schien ihre Gedanken zu ahnen und lächelte nur amüsiert. Doch bevor sie sich über das seltsame Herzklopfen wundern konnte, das sein Lächeln bei ihr verursachte, beugte er sich über seinen Schützling und schnupperte an der Wunde.

„Seinem langmütigen Arzt zufolge, soll ich Nick sofort behandeln lassen, wenn seine Wunde anfängt, einen süßen Geruch von sich zu geben. Sonst droht der Dummkopf nicht nur, seinen Arm zu verlieren, sondern auch sein Leben.“

„Mit anderen Worten, es geht ihm besser?“

„Das nahm ich jedenfalls an. Aber als er mir heute Abend ohnmächtig wurde, fing ich an zu glauben, dass er genauso ein großer Dummkopf ist wie sein Arzt.“

„Stattdessen ist er jetzt doch nur ein gewöhnlicher Dummkopf?“

Er lachte. „Nichts am verrückten Nick kann gewöhnlich genannt werden.“

„Sie haben ihn trotzdem sehr gern, oder?“

„Vielleicht“, gab er zu. „Wir haben beide für die Sünden unserer Mütter büßen müssen, also verstehe ich ihn besser als andere Menschen.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie so gelitten haben“, entfuhr es Thea unwillkürlich, als sie an ihren Großvater und dessen Zwillingsbruder dachte, die auf den Stufen eines Waisenhauses ausgesetzt worden waren.

„Nein, sicher nicht so, wie du gelitten haben musst. Lassen wir das Thema“, fügte er leise hinzu und fuhr dann entschlossen fort: „Jedenfalls muss ich jetzt die Wunde reinigen und verbinden und möchte dich bitten, Nicks Empfindsamkeit zuliebe die Pferde zu tränken, damit du nicht Zeuge seiner Qualen wirst. Nicht einmal er kann weiterschlafen, wenn er solche Schmerzen ertragen muss, und deine Anwesenheit würde ihm unangenehm sein.“

Thea zögerte bei dem Gedanken, allein in den Wald hineinzugehen.

„Nimm dies mit, wenn du dich dann besser fühlst“, bot er an und reichte ihr eine mörderisch aussehende Pistole, die sie ängstlich betrachtete, als könnte sie von ihr gebissen werden. „Sie ist geladen. Zieh einfach das hier zurück und drück ab, wenn du dicht genug bist, um deinen Angreifer außer Gefecht zu setzen.“

Die Vorstellung ließ Thea entsetzt schlucken. Selbst auf Granby würde sie nicht schießen, obwohl sie allen Grund hatte, ihn zu hassen. „Könnte ich Sie nicht einfach zu Hilfe rufen?“, fragte sie ängstlich.

„Bis ich dich erreichen könnte, wäre es vielleicht zu spät. Aber keine Sorge. Wir sind hier in England, und vermutlich bist du sicher.“

„Ja, vermutlich“, wiederholte sie zaghaft.

„Wenn es dir also nichts ausmacht, kleine Miss … Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Der Gentleman auf dem Boden ist mein Cousin Captain Nicholas Prestbury vom zehnten Husarenregiment, und ich bin Major Marcus Ashfield von der 95. Schützenbrigade und zu Ihren Diensten, Ma’am“, schloss er mit einer spöttischen Verbeugung.

Sie knickste flüchtig, wie sie es bei den Zofen und Hausmädchen im Hardy House gesehen hatte. „Hetty Smith, Major“, log sie.

„Freut mich sehr, dich kennenzulernen, Hetty.“

„Das bezweifle ich, Sir.“

„Wie kommst du darauf, meine Liebe?“, fragte er mit einem plötzlichen Interesse, das seine dunklen Augen aufleuchten ließ.

„Ich bin nicht ‚Ihre Liebe‘“, fuhr sie ihn an und fügte hastig hinzu: „Und wieso sollt’ ich auch, nich’? Bin ja nur ’n armes Dienstmädchen.“

„Ja, manchmal klingst du auch so. Und manchmal, als wärst du deine eigene Herrin. Seltsam, nicht wahr?“

Thea verwünschte ihre Nachlässigkeit. Auf diese Weise würde sie es nicht schaffen, ihre Tarnung glaubhaft zu machen.

„Na, na, Kinder, seid friedlich. Ich fühle mich noch nicht gut genug, um den Schiedsrichter zu spielen“, erklang eine schwache Stimme hinter ihnen.

„Was zum Teufel … wie lange bist du schon wach?“

„Lange genug, um zu erkennen, dass du dieses hübsche Mädchen mitten in der Nacht mit einem Verhör quälst.“

„Wenn du uns bitte kurz entschuldigen willst, Hetty“, sagte Marcus und beugte sich über seinen Cousin.

„Sie werden kommen, wenn ich Sie rufe?“

„Du kannst dich auf mich verlassen“, sagte er mit einem Lächeln, das ihr Herz zum Klopfen brachte.

Etwas benommen ging Thea in die Dunkelheit hinaus, ohne wie üblich bei jedem Schritt vor Angst zu beben. Granbys Schläger wären ihrem Offizier und dessen Furcht einflößenden Waffen nicht gewachsen. Heute Nacht konnte sie also kaum ergriffen und gezwungen werden, einen Widerling wie Granby zu heiraten.

Sanft auf die Pferde einredend, führte sie sie aus dem Schuppen heraus und zu dem Bach, das gleich hinter der Hütte plätscherte. Der Major hätte sie niemals hierher geschickt, wenn er annehmen müsste, ihr drohe Gefahr. Allerdings wusste er ja nicht, welcher Teufel ihr auf den Fersen war.

Sie ertappte sich bei dem Gedanken, wie anders ihr Leben doch verlaufen wäre, wenn ihr Großvater einen Mann wie Marcus Ashfield nach Hardy House geladen und ihr als möglichen Gatten vorgestellt hätte. Seufzend rief sie sich zur Ordnung. Es nützte nichts zu träumen, außerdem besaß der Major keinen Titel. Und wenn sie keinen Lord heiratete, kämen erst ihre Enkelkinder an ihr Vermögen.

Und als wäre das nicht genug, hatten die Winfordes ihren Ruf gründlich ruiniert. Kein Gentleman, der etwas auf sich hielt, würde sich bereit erklären, Miss Alethea Hardy zu heiraten. Ihr Gefühl sagte ihr, dass Major Ashfield nicht zu den Männern gehörte, die von ihrer Frau viel in Kauf nehmen würden. Aber auf ein Wunder konnte sie nicht hoffen. Ihre einzige Chance lag darin, sich bis zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag vor den Winfordes zu verstecken. Danach konnte sie dann irgendwo zurückgezogen mit einhundert Pfund im Jahr ihr Leben fristen. Es war so viel weniger als das riesige Vermögen, mit dem sie immer gerechnet hatte. Fast wäre sie in Tränen ausgebrochen.

„Ich dachte schon, ich hätte Sie mir in meinem Fieberwahn nur eingebildet“, scherzte Nick mit schwacher Stimme, als Thea nach einer Weile in die Hütte kam.

„Komisch, und ich hatte gehofft, Sie wären mir nur in einem Albtraum erschienen und ich wäre endlich aufgewacht“, erwiderte sie trocken und fragte sich, warum ihr Herz beim dunkelhaarigen, romantisch aufregenden Cousin des Majors nicht aus dem Takt geriet.

„Deine Kleine gefällt mir, Marcus.“

„Dir hat noch jedes weibliche Wesen gefallen.“

„Na ja, es beruht ja auch auf Gegenseitigkeit“, antwortete er selbstzufrieden.

Thea lachte leise und erntete dafür einen finsteren Blick vom Major. Ungerührt fragte sie: „Wird der Captain morgen in der Lage sein zu reiten?“

„Das war er heute auch nicht, und trotzdem hat es ihn nicht davon abgehalten“, antwortete Marcus trocken.

„Also werden Sie sich morgen in aller Frühe auf den Weg machen?“

Er runzelte die Stirn. „Ich ja, aber ich hoffe, du bleibst noch ein bisschen, bis ich die Kutsche geholt habe, die meinen Cousin nach Rosecombe bringen soll.“

„Nach Rosecombe Park?“

„Ja, kennst du es?“

„Ich bin daran vorbeigekommen“, antwortete sie leichthin und hoffte, sie klang nicht allzu sehnsüchtig.

Von der Straße aus hatte sie einen Blick auf das schöne klassizistische Herrenhaus werfen können. Es verkörperte für sie alles das, was sie niemals bekommen würde – Eleganz und Harmonie und den Schutz im Schoße ihrer eigenen Familie. Offenbar konnte sie den bitteren Zug um ihren Mund nicht ganz unterdrücken, denn der Major betrachtete sie aufmerksam.

„Du lehnst den Adel ab?“

„Nein, ich wünschte nur, ich könnte in einem ihrer großartigen Herrenhäuser arbeiten. Aber keine respektable Familie stellt eine Streunerin wie mich ein.“

„Die seltsamste und hübscheste Streunerin, die ich je zu Gesicht bekommen habe“, bemerkte Nick von seinem behelfsmäßigen Lager aus.

„Ach, schlaf endlich, Nick“, befahl ihm sein liebevoller Cousin ungeduldig.

„Wie soll ich schlafen, wenn ihr ständig weiterschwatzt?“

„Ich gehe hinaus, und du tätest gut daran, mit deinen Kräften hauszuhalten. Lydia wird dir schon böse sein, ohne dass du dir auch noch ein Fieber einhandelst.“

„Ja, der kleine Liebling wird mir ohne Zweifel noch die Hölle heißmachen“, sagte Nick nicht im Geringsten beunruhigt und schloss zufrieden die Augen.

Schon wenige Minuten später hörten sie ihn tief und regelmäßig atmen und wussten, dass er jetzt wirklich eingeschlafen war. Marcus legte einen Finger an die Lippen und verließ die Hütte nach einem letzten Blick auf seinen Cousin.

In der letzten Zeit hatte Thea lernen müssen, wie es war, mit Unachtsamkeit behandelt zu werden. Doch aus irgendeinem ihr unverständlichen Grund störte es sie, wenn der Major keine Rücksicht auf sie nahm. Dabei konnte sie sich nicht erklären, warum sie sich so sehr wünschte, von ihm beachtet zu werden. Sie legte vom schnell schwindenden Vorrat Holz im Kamin nach, bevor sie sich danebensetzte und an die Wand lehnte.

Der Major hatte sein zusammengerolltes Bettzeug als Unterlage für seinen Cousin benutzt und seinen Mantel zusammen mit dem von Nick über ihn gelegt. Auch Thea hatte ihre geliebte Decke hergegeben, um den Patienten warm zu halten, aber sie rechnete auch nicht damit, schlafen zu können. Außerdem würde es weder ihr noch dem Major schaden, eine Nacht in einer zugigen Hütte zu verbringen, während es für den Captain böse Folgen haben könnte. Nachdenklich betrachtete sie das blasse Gesicht des Schlafenden. Sie sollte auf den Mann aufpassen und nicht ständig an seinen überheblichen Cousin denken.

Stunden später wurde Thea sanft gerüttelt. Sie erwachte sofort und hielt erschrocken den Atem an. Lieber Himmel! Sie musste eingeschlafen sein. Dicht an ihrem Rücken spürte sie die breite Brust des Majors. Sie lag in seinen Armen wie eine schamlose Dirne in den Armen ihres Geliebten. Unwillkürlich versuchte sie, so viel Abstand zwischen sich und ihn zu legen wie möglich. Dabei fielen die wenigen Haarnadeln, die sie noch besaß, aus ihrem unordentlichen Knoten, und schimmernde braune Locken ringelten sich auf ihren schmalen Schultern.

Errötend wandte sie sich zu ihm um und sagte mit atemloser Stimme: „Was tun Sie da, Major?“

Ihn schien die unschickliche Lage nicht im Geringsten in Verlegenheit zu stürzen. „Ich halte dich und mich warm.“

Zu ihrem Ärger enttäuschte sie seine Antwort. „Ach so. Natürlich“, sagte sie bedrückt, rieb sich verschlafen die Augen und streckte sich in seiner Umarmung.

„Ich konnte doch nicht zulassen, dass du dir in der Kälte den Tod holst, Hetty.“

„Nein, sicher nicht. Sonst müssten Sie für den Rest Ihres Lebens ein schlechtes Gewissen haben.“

Thea gefiel die Vorstellung nicht, der Major könnte in ihr nur eine Verpflichtung sehen. „Sie brauchen sich wegen mir keine Gedanken zu machen“, sagte sie schnippisch. „Ich kann gut allein auf mich aufpassen.“

Er lachte. „Das sieht man, wie gut du auf dich aufpassen kannst. Du bist ein armes Dienstmädchen ohne Stellung und ohne Heim.“

„Ich besitze immerhin noch meinen Stolz“, erwiderte sie gereizt und fragte sich, warum er ihr so rücksichtslos ihre Lage unter die Nase reiben musste.

„Kann dein Stolz dich warm halten?“, fragte er mit rauer Stimme.

Nein, es war der Major, der sie in der Nacht gewärmt hatte. Auch jetzt fühlte sie seinen kräftigen männlichen Körper dicht an ihrem, und zum ersten Mal in ihrem Leben erwachten Leidenschaft und Sehnsucht in ihr, was sie gleichzeitig entzückte und verwirrte. Unruhig rückte sie von ihm ab.

Marcus atmete tief ein und sagte leise: „Ich muss mich entschuldigen, falls ich mich dir gegenüber ungehörig benommen habe, Hetty. Du kannst mir vertrauen. Ich bin kein gemeiner Verführer.“

Nein, er ist ein nur allzu betörender Verführer, flüsterte eine innere Stimme ihr ein. Die Vorstellung, in den starken Armen des Majors zu liegen und von ihm Dinge zu lernen, an die ein anständiges Mädchen nicht einmal im Traum denken durfte, war so verlockend, dass es sie beunruhigte. Insgeheim überlegte sie, wie viel schöner es wäre, ihre Tugend an einen so hinreißenden Mann zu verlieren wie Marcus Ashfield als an ein widerliches Geschöpf wie Granby. Der Erinnerung an die Begegnung im Schlafgemach des liederlichen Barons ließ Thea schaudern.

Marcus entging ihre Reaktion nicht. Zu ihrem Bedauern ließ er sie sofort los und fragte schroff: „Wirst du also bleiben?“

„Wie lange werden Sie fort sein?“

„Ich sollte Rosecombe eigentlich rechtzeitig zum Frühstück erreichen, wenn ich gleich aufbreche. Es sei denn, der Verrückte hier wacht auf und besteht darauf mitzukommen.“

Thea musste an Granby denken und biss sich unruhig auf die Unterlippe. „Machen Sie so schnell wie möglich“, bat sie ihn flehentlich.

„Keine Sorge. Behalte meine Pistole hier.“

„Nein, nehmen Sie sie mit. Dann laufe ich weniger Gefahr, mich versehentlich selbst damit zu erschießen.“

„Nick trifft selbst in diesem Zustand immer ins Schwarze. Falls jemand erscheint, der dir Angst macht, wecke ihn, und er wird für dich schießen. Ich würde dich nicht allein lassen, wenn ich glaubte, du wärst in Gefahr. Oh, und sollte er dir auch unerwünschte Avancen machen, brauchst du nur seinen verletzten Arm zu drücken.“

Thea schenkte ihm ein schwaches Lächeln. Hoffentlich war dem Major nicht bewusst, wie wenig unerwünscht seine Avancen ihr gewesen wären. Verstohlen sah sie ihm dabei zu, wie er sich leise seufzend über das unrasierte Kinn strich. Dann warf er ihr einen letzten Blick zu, winkte ihr zum Abschied und verließ die Hütte – in der einen Hand seine Stiefel, in der anderen das Gewehr.

Plötzlich kam ihre Umgebung Thea so viel kälter und leerer vor, trotz der Anwesenheit des schlafenden Mannes im Schein des schwachen Kaminfeuers. Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch die breiten Spalten in der schiefen Tür. Thea setzte sich seufzend und wartete im kalten Morgengrauen darauf, dass der Captain erwachte oder seine Retter erschienen.

3. KAPITEL

Marcus ritt mit gemischten Gefühlen davon. Es war nur natürlich, dass, wenn ein Mann sich in den Armen einer reizvollen Frau wiederfand, ein leidenschaftliches Verlangen in ihm entbrannte. Doch nur weil die kleine Hexe unwissentlich seine niederen Regungen entfacht hatte, brauchte er ihnen nicht nachzugeben. Immerhin war er ein Ehrenmann und jetzt sogar ein Edelmann, und er würde dafür sorgen, dass in seinem Fall das eine das andere nicht ausschloss.

Der Tod seines Großvaters nur zehn Tage nach dem seines direkten Erben, hatte Marcus nun als neuen Viscount Strensham nach Hause geführt. Er musste in Erfahrung bringen, was noch vom Familienvermögen geblieben war, nachdem sein Vater viele Jahre lang gewissenlos verprasst hatte, was ihm in die Finger kam. Julius Ashfield musste sich jetzt im Grab umdrehen, da ausgerechnet sein verhasster Sohn den Titel erbte, den er selbst ein Leben lang begehrt hatte. Dem Familienanwalt zufolge hatte Julius allerdings dafür gesorgt, dass der Titel von horrenden Schulden begleitet wurde – vielleicht würde er am Ende doch noch über seinen Sohn triumphieren.

Marcus stand im Grunde nur eine Lösung zur Verfügung, und er würde sich dazu entschließen, wenn ihm nichts anderes übrig blieb. Immerhin trug er sich bereits mit dem Gedanken, die reichste Frau zu seiner Gattin zu machen, die sich dazu überreden ließe. Und ein solcher Mann hatte nicht das Recht, das erste reizende Geschöpf zu verführen, das ihm begegnete. Der Gedanke an Miss Hetty Smith ließ ihn schmunzeln. Zweifellos würde die temperamentvolle kleine Person ihm gehörig die Meinung sagen, wenn er sie bat, seine Mätresse zu werden.

Vor seinem inneren Auge erschien ein Bild von ihr, wie sie mit vom Schlaf geröteten Wangen und niedlich zerzaustem Haar in seinem Bett lag. Marcus war so tief in Gedanken versunken, dass es seinem klugen Pferd überlassen blieb, die Nähe gemütlicher Ställe zu wittern, als sie sich Sir Edward Darraines Landsitz näherten. Er erinnerte sich an Hetty und wie bezaubernd sie ausgesehen hatte mit dem langen nussbraunen Haar, das ihr über die schmalen Schultern fiel. Genauso deutlich sah er jedoch, wie verwirrt und ängstlich sie ihn aus ihren tiefgrünen Augen angesehen hatte, als sie neben ihm aufwachte. Sie war zumindest in den Wonnen der Liebe eine Unschuld, wenn nicht auch in jeder anderen Hinsicht.

Andererseits tat er ihr vielleicht Unrecht. Immerhin hatte sie seine Börse nicht angerührt. Also war sie weder eine Diebin noch bereit, sich ihr Brot auf dem Rücken liegend zu verdienen. Leider war die traurige Wahrheit, dass sie verhungern würde, wenn sie nicht zu einem Gewerbe dieser Art Zuflucht nahm. Die Vorstellung, sie könnte doch dazu gezwungen werden, fand Marcus unerträglich.

Zwar rückte es seine eigenen Hoffnungen auf die süße Hetty in weite Ferne, aber er musste sie vor der sicheren Armut retten, ohne ihre Verletzlichkeit auszunutzen und sie in sein Bett zu locken. Das Verlangen, ihren Körper zu spüren, war plötzlich so heftig, dass es Marcus erschreckte. Um nicht den Respekt vor sich selbst zu verlieren, musste er dafür sorgen, so wenig wie möglich in Hettys Nähe zu kommen.

Zehn Minuten später trieb Marcus entschlossen seinen Hengst auf den Innenhof von Ned Darraines Landsitz und rief den verblüfften Stalljungen Befehle zu, als wären sie Soldaten aus seiner alten Brigade. Er strahlte so viel Autorität aus, dass keiner von ihnen sein Recht in Frage stellte, sie so herumzukommandieren.

„Marcus, was für eine Freude, dich zu sehen, alter Junge!“ Der Herr des Gutes begrüßte ihn, als hätten sie sich erst gestern getrennt und nicht vor über einem Jahr, als Ned ebenfalls, wenn auch unter ganz anderen Umständen, sein Erbe angetreten hatte.

„Für mich auch, Ned. Aber wo ist Lydia, wenn ich sie nötig habe?“

„Zieht sich an. Was sollte sie sonst tun um diese zeitige Stunde?“

Marcus lachte. „Früher wäre sie schon längst auf den Beinen gewesen. Ihr seid mir vielleicht Langschläfer geworden, seit ihr wieder zu Hause lebt.“

Ned wirkte nicht besonders betroffen vom Tadel seines Cousins.

„Ich brauche dich“, fügte Marcus ernst hinzu.

Ein Plan begann in seinem Kopf Gestalt anzunehmen, der gleichzeitig seine beiden Schützlinge retten würde. Also setzte er ihn besser so schnell wie möglich in die Tat um, bevor seine niederen Regungen doch noch die Oberhand gewannen.

Es verging nur eine knappe halbe Stunde, und die Kutsche der Darraines war für die Abreise bereit – ausstaffiert mit unzähligen Kissen, einem Korb aus Lady Darraines Küche und der vornehmen Dame höchstselbst.

„Marcus fährt mit mir“, teilte sie ihrem Gatten mit, und der wies den Stallknecht an, das zweitbeste Jagdpferd an die Kutsche zu binden, damit Marcus auf ihm zurückreiten konnte.

„Ned hasst es, in der Kutsche zu fahren“, wandte Lydia sich an Marcus. „Eine gute Gelegenheit für dich, mir zu erzählen, was du angestellt hast. Und lass keine Einzelheit aus, hörst du?“

Marcus ließ sogar sehr viel aus. Schließlich brauchte er Lydias Mitgefühl für seine kleine Ausreißerin, kein Misstrauen.

„Du hast der armen Kleinen befohlen, mitten in der Nacht deine Pferde zu tränken, nachdem du brutal in ihre Zuflucht eingebrochen bist und sie halb zu Tode erschreckt hast? Marcus, wie konntest du nur?“

„Nick war bewusstlos, und es gab meilenweit keine Unterkunft.“

Lydia seufzte. „Zweifellos ist deine kleine Dienstmagd irgendwo davongelaufen. Es wäre mir nicht lieb, wenn irgendein erboster Herr auf meiner Schwelle erschiene und sie zurückforderte, wenn ich sie bei mir aufnehme. Und wie soll ich Ned davon überzeugen, dass sie sich nicht mit dem Tafelsilber aus dem Staub machen wird? Oder gar mit einem seiner geliebten Pferde?“

„Gegen deinen ersten Einwand kann ich nichts vorbringen. Sie hat zugegeben, ihre letzte Stellung verlassen zu haben, weil ein Mann zudringlich wurde. Und wie es scheint, ist sie in einem Waisenhaus groß geworden.“

„Das arme Ding. Wann immer Mama und ich ein Waisenhaus besuchten, um Kleidung und Bücher zu spenden, brach es uns fast das Herz. Ich bin sicher, dass sie jeden Zierrat von den Kleidern entfernen und die Bücher verkaufen, um religiöse Abhandlungen anzuschaffen. Wir müssen der armen Kleinen helfen, wenn sie wirklich anständig ist. Und du kannst dir schon überlegen, wie du sie dafür belohnen willst, auf Nick aufgepasst zu haben. Das heißt, falls er und sein Gepäck noch da sind, wenn du ankommst.“

„Das wird er schon“, sagte Marcus zuversichtlich, und er sollte recht behalten.

Als sie die Lichtung erreichten, hatte Lydia einen Entschluss gefasst. Sie überließ es ihrem Mann und Marcus, sich um Nick zu kümmern und ihn aus der Hütte zu tragen. Selbst betrat sie schwungvoll die jämmerliche Unterkunft, sah sich kurz um und rümpfte die Nase.

Thea stockte der Atem. Ein Blick auf dieses umwerfend schöne Geschöpf mit dem goldenen Haar und in dem hochmodischen Kleid genügte, und sie kam sich noch zerzauster und unscheinbarer vor als sowieso schon. Sie unterdrückte einen tiefen Seufzer. Der Captain war jetzt in Sicherheit, also beschloss sie, dass es Zeit für sie war, sich heimlich davonzumachen.

Unauffällig ging sie auf die Tür zu, während die schöne Dame damit beschäftigt war, die wenigen Habseligkeiten des Captains hinaustragen zu lassen, und stieß im nächsten Moment heftig mit einem ihr nur allzu vertrauten Oberkörper zusammen.

„Wohin soll es gehen, junge Dame?“, fragte Marcus streng.

„Ja, Sie können doch nicht einfach verschwinden, meine Liebe“, rief die blonde Dame, die mit ihrer Schönheit und melodiösen Altstimme Thea fast gegen sie aufbrachte. Die Begleiterin des Majors war einfach zu vollkommen und alles das, was sie selbst ihren diversen Gouvernanten zufolge nicht war. „Sie haben sich immerhin so aufopfernd um den armen Nick gekümmert.“

„Ich habe nur auf das Feuer geachtet, ihm beim Schlafen zugesehen und ihm etwas zu trinken gegeben, wann immer er danach verlangte“, protestierte Thea.

„Wofür er sich selbst bei Ihnen bedanken wird, sobald es ihm besser geht. Aber möchten Sie nicht unter vier Augen mit mir reden, meine Liebe?“

Thea zögerte. Was konnte eine so vornehme Dame einem heimatlosen Niemand wie ihr zu sagen haben? Doch ihr Lächeln war so aufrichtig und warm, ihr lebhaftes Wesen so entwaffnend, dass Thea nachgab.

Marcus ließ die beiden Frauen allein.

„Keine Sorge“, sagte Lydia leichthin, als Thea sie auf die wartende Kutsche hinwies. „Sie kommen fünf Minuten ohne mich zurecht.“

„Natürlich, Madam“, stimmte Thea zu und verbarg ein amüsiertes Lächeln. Die Vorstellung, drei tüchtige Gentlemen, die immerhin den Befehl über die wichtigsten Regimenter Seiner Majestät besessen hatten, würden ohne die Hilfe dieser lebhaften Dame nicht in der Lage sein, eine simple Aufgabe auszuführen, war köstlich.

„Zehn Minuten könnten allerdings schon zu viel sein“, fügte Lydia mit einem Augenzwinkern hinzu. „Also lassen Sie uns gleich zum Thema kommen. Ich habe beide Cousins meines Gatten sehr gern, und Sie haben Ihnen einen Dienst erwiesen, für den ich Ihnen danken möchte.“

Thea senkte verlegen den Blick. „Als ich feststellte, dass es Gentlemen waren, war ich froh über ihre Gesellschaft, Madam. Es ist hier sehr einsam. In der ersten Nacht habe ich nicht schlafen können vor Angst.“

„Ich bewundere Ihren Mut, Hetty. Ich weiß nicht, ob ich ihn besessen hätte. Aber sind Sie auch fleißig und ehrlich? Marcus sagt, Sie sind ein Waisenkind.“

„Ich bin so ehrlich, wie ich es wagen kann, Madam.“

Lydia sah Thea durchdringend an, schien aber von ihrer Aufrichtigkeit überzeugt worden zu sein.

„Wenn Ihnen harte Arbeit wirklich nichts ausmacht, kann ich Ihnen die Stellung meines dritten Hausmädchens anbieten, das zu ihrer Familie zurückgekehrt ist, um sich um ihre verwaisten kleinen Geschwister zu kümmern. Ich nehme Sie einen Monat zur Probe, wenn Sie glauben, Sie können mich zufriedenstellen.“

„Ich wünsche mir nichts mehr, als ein Dach über dem Kopf zu haben und einen Platz, an den ich gehöre, Mylady.“

„Selbst wenn es nur ein so bescheidener Platz ist? Sie sprechen wie eine vornehme junge Dame und scheinen ein besseres Leben gewöhnt zu sein.“

„Schon lange nicht mehr, Madam.“

Lydias Interesse war geweckt, und sie hätte gern nachgehakt, nickte aber nur. „Also nehmen Sie mein Angebot an?“

„Mit Freuden, und ich verspreche Ihnen, Sie werden niemals bereuen, zu einem Menschen in Not so freundlich gewesen zu sein.“

„Ihre gewissenhafte Arbeit wird mir Dank genug sein. Gehen Sie die Straße ungefähr sechs Meilen nach Norden weiter und überqueren Sie dort die Gemeindewiese von Rosecombe. Gleich dahinter liegt das Dorf, und das erste Häuschen gehört Nanny Turner, der ehemaligen Kinderfrau meines Mannes. Sie wird nur allzu froh sein, Sie bei sich aufzunehmen, wenn sie erfährt, was Sie für Nick getan haben. Morgen kommen Sie dann nach Rosecombe Park. Das übrige Personal lassen wir besser in dem Glauben, dass Sie eine Verwandte unserer Kinderfrau sind.“

„Sie sind sehr aufmerksam, Madam.“

Lydia lachte. „Hoffentlich glauben Sie das auch noch in ein paar Monaten, wenn das Haus voller Gäste ist und Sie die Treppen ein Dutzend Mal innerhalb einer Stunde hinauf- und hinunterlaufen. Jetzt müssen wir uns trennen, Hetty, und es darf in Zukunft auch keine Vertraulichkeit zwischen uns geben, wenn Sie von meiner Dienerschaft angenommen werden möchten.“

„Selbstverständlich, Madam“, sagte Thea mit genau dem richtigen Quäntchen Entsetzen in der Stimme, wie es jedes gute Dienstmädchen bei einer solchen Anmaßung empfinden würde.

„Andererseits könnte es sein, dass ich meiner Neugier nachgebe, wenn wir allein sind“, fügte Lydia augenzwinkernd hinzu.

Die Strecke, die Thea bei hellem Tageslicht hinter sich bringen musste – immer in Gefahr, von ihren Verfolgern entdeckt zu werden – blieb ihr noch lange in unangenehmer Erinnerung. Aber zu ihrer Erleichterung kam es zu keinem Zwischenfall. Vielleicht hatten die Winfordes aufgegeben und glaubten, sie könnte es unmöglich allein von ihrem Zuhause in Devon bis hier geschafft haben. Auch ihr Großvater hätte sicher bezweifelt, dass seine verwöhnte Enkelin so viel Kraft und Entschlossenheit besäße. Warum sollten die Winfordes sie also nicht für schwach und hilflos halten?

Am nächsten Morgen erschien Thea am Hintereingang des Herrenhauses in Rosecombe in einem geblümten Kleid, das sie und Nanny Turner am vorigen Abend enger gemacht hatten. Fast sofort wurde sie eingelassen, und nachdem die Haushälterin Mrs. Meldon sie einem Verhör unterzogen hatte, das selbst einem Bow-Street-Konstabler Ehre gemacht hätte, führte sie sie zum Salon ihrer Herrin, wo sie sich weiteren Fragen ausgesetzt sah.

„Eine Verwandte von Nanny Turner ist auf jeden Fall einen Versuch wert“, sagte Lydia schließlich, „aber sorge bitte dafür, Meldon, dass sie richtig eingearbeitet wird. Du weißt, wie eigen ich bin, wenn es darum geht, meine Anweisungen richtig auszuführen.“

„Selbstverständlich, Mylady.“

„Das übliche Gehalt, und finde etwas Anständiges zum Anziehen für sie“, schloss Lydia, und die Haushälterin und Thea knicksten und verließen den Raum.

„Das erste Hausmädchen wird dir deine neuen Sachen bringen. Morgen früh erwarte ich dich um Punkt sechs Uhr zum Dienst.“

„Jawohl, Mrs. Meldon. Vielen Dank, Ma’am.“

„Danke mir, indem du deine Arbeit richtig machst und dich schnell einlebst.“

„Ich tue immer mein Bestes, Ma’am.“

Die ältere Dame rümpfte nur zweifelnd die Nase, aber Thea verließ das Haus mit leichtem Herzen. Es fehlte nicht viel, und sie hätte auf dem Weg ins Dorf einen kleinen Freudentanz aufgeführt. Vielleicht würde sie es doch schaffen, sich die nächsten vier Monate vor den Winfordes zu verstecken. Selbst wenn sie mit einer sehr geringen Summe auskommen musste, sobald sie mündig war, würde sie dann doch auf eine bescheidene Weise unabhängig sein.

„Wie ich sehe, hast du dein Ziel erreicht“, riss eine tiefe Stimme sie aus ihren Gedanken – eine Stimme, die Thea gehofft hatte, sehr schnell zu vergessen.

„Major“, rief sie. „Sie haben mich erschreckt.“

„Ich konnte mich doch kaum vor der Dienerschaft von dir verabschieden, oder?“

Also reiste er ab? Die Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu. Die neue Zukunft sah plötzlich nicht mehr ganz so glänzend aus. Hastig verdrängte Thea den Gedanken.

„Sie sollten überhaupt nicht mit mir reden, Sir. Ich könnte meine Stellung verlieren.“

„Sei unbesorgt. Ein kurzes Gespräch mit mir wird dir schon nicht schaden. Wollen wir ein paar Schritte gehen?“

„Wie Sie möchten, Sir“, sagte sie, da sie schließlich nicht ablehnen konnte, ohne unhöflich zu erscheinen. Zum ersten Mal war sie sich einer Gefahr bewusst, die nichts mit ihren Feinden zu tun hatte.

Bis ins Dorf waren es noch zwei Meilen, aber die Gesellschaft des Majors war Thea nicht nur deswegen willkommen. Sie versuchte sich einzureden, dass jeder andere Begleiter ihr genauso lieb gewesen wäre, konnte sich allerdings nichts vormachen. Heute war der Major frisch rasiert und das dunkle Haar militärisch akkurat frisiert. Er sah sogar noch besser aus als bei ihrer ersten Begegnung.

Ich habe die Nacht mit diesem Mann verbracht, dachte sie, und ein amüsiertes Lächeln erschien um ihre Mundwinkel. Wenn die steife Haushälterin es je erfährt, werde ich mich schneller vor der Tür wiederfinden, als Mrs. Meldon die Worte „lockere Person“ aussprechen kann, überlegte Thea weiter.

„Glaubst du, dass du es schaffen wirst, Hetty?“

„Ich bin fest entschlossen. Die Verzweiflung ist ein guter Lehrmeister.“

„Du würdest mir einen großen Gefallen tun, Lydias Vertrauen nicht zu missbrauchen.“

„Warum sollte ich versuchen wollen, Ihre Ladyschaft oder Ihren Cousin auszunutzen?“, fuhr Thea hitzig auf. Immerhin hatten diese Menschen sie aus einer sehr schwierigen Lage gerettet.

„Wer kann das schon sagen, Hetty Smith? Ich jedenfalls nicht. Übrigens, ein recht weit verbreiteter Name, Smith. Wie günstig.“

„Finden Sie? Ein vornehmer Name scheint mir weit günstiger zu sein.“ Sie lächelte ihn unschuldig an.

„Du bist entweder eine sehr geschickte Lügnerin oder wirklich, was du scheinst. Im Moment kann ich noch nicht sagen, was von beidem ich denken soll.“

„Dann denken Sie am besten überhaupt nicht über mich nach. Sie haben eine Zuflucht für mich gefunden und sind mir in keiner Weise mehr verpflichtet. Und ich beabsichtige nicht, eine Stellung zu verlieren, wo ich meinen Herrn nicht abzuwehren brauche.“

„Ned hat keine andere Frau mehr angesehen, seit er Lydia begegnet ist.“

Sein Ton war fast liebevoll, als er von der schönen Dame sprach, und selbst sein Blick wurde sanft. Thea spürte einen heftigen Stich der Eifersucht und fragte sich, ob er in die Frau seines Cousins verliebt war. Nicht, dass es wirklich von Bedeutung wäre. Der Major würde nie mehr als flüchtiges Verlangen für die ärmliche Miss Smith empfinden.

„Trotzdem kann mir nicht entgehen, wie viel vornehmer du dich auszudrücken verstehst als deinesgleichen. Wer bist du wirklich, Hetty Smith?“

Ich bin eine dumme Gans, dachte sie verzweifelt. Natürlich war es verlorene Liebesmüh gewesen, die Sprache eines armen Dienstmädchens nachzuahmen. Der Major hatte sie schon früh entlarvt, also durfte sie wohl nicht besonders überzeugend gewesen sein. Vor allem in seiner Gegenwart fiel es ihr schwer, das ungebildete Ding aus niederen Verhältnissen zu spielen – und das konnte nur heißen, dass ihr seine Meinung wichtig war. Unmöglich, sagte sie sich entschieden. Wir beide könnten einander nie etwas bedeuten.

„Ich bin niemand“, antwortete sie bedrückt.

„Irgendwann musst du jedoch jemand gewesen sein, um dir einen solchen Wortschatz anzueignen.“

„Das glaubte ich vermutlich auch, aber ich habe mich geirrt.“ Einen Augenblick lang war sie versucht, ihm ihre Geschichte zu erzählen. Doch dann nahm sie Zuflucht zu einer Lüge. „Meine erste Herrin war eine sehr gute Frau, die ihrer Dienerschaft das Lesen und Schreiben beibringen ließ, so bescheiden deren Herkunft auch war. Ich las ihr vor, als ihr Augenlicht zu schwinden begann.“

Eine recht überzeugende Lüge, hoffte Thea bedrückt und tat ihr Bestes, unter dem durchdringenden Blick der grauen Augen des Majors gelassen zu bleiben.

„Und als sie starb, wurdest du wieder ein Dienstmädchen?“

„Ja.“

„Warum sind deine Hände dann so zart?“

Überraschend nahm er ihre Hände in seine, und Theas Herz begann wild zu pochen. Sie senkte den Blick. „Ich pflege sie gut“, versuchte sie, sich herauszureden.

„Das glaube ich dir gern. Aber ich nehme an, früher warst du die Kammerzofe deiner Herrin, und die Rolle des Dienstmädchens wird dir etwas zu bescheiden vorkommen.“

Ihr schwindelte fast vor Erleichterung. „Das wird mir nichts ausmachen“, sagte sie aufrichtig.

Der Major lockerte den Griff um ihre Finger. „Ich bin froh, dass Lydia dich vor einem schlimmeren Schicksal bewahrt hat, als du dir vorstellen kannst. Du wärst erstaunt, wozu ein Mensch fähig ist, wenn ihm keine andere Wahl bleibt.“ Marcus ließ sie los und trat einen Schritt zurück.

„Nein.“ Sie fragte sich, warum er so verbittert klang. „Ich kann es mir vorstellen.“

Er lächelte nachsichtig. „In jedem Fall bist du keine verwöhnte junge Dame, die das Böse dieser Welt nur aus ihren geliebten Schauerromanen kennt. Also wirst du dich wohl hier geschickt genug anstellen.“

„Das werde ich“, versprach sie.

Falls sie irgendwann eine verwöhnte junge Dame gewesen war, so würde sie es jedenfalls nie wieder sein. Die Vergangenheit ließ sich nicht ändern, aber Thea bedauerte ihren schlechten Ruf. Er war einer der Gründe, weswegen sie ihrem Major nicht als Gleichberechtigte gegenübertreten konnte. Und weswegen sie ihm nicht die Wahrheit sagen würde.

„Früher war ich einmal davon überzeugt, die Welt meinen Wünschen unterordnen zu können“, fuhr er geistesabwesend fort, als wolle er nur seine Gedanken laut aussprechen. „Doch als ich der Armee beitrat, lernte ich bald, wie sehr ich mich geirrt hatte. Und jetzt haben mein Vater und mein Großvater mich wie einen Bauern auf einem Schachbrett benutzt. Der Himmel weiß, dass sie es schon mein Leben lang getan haben. Ich hatte angenommen, mein Großvater würde am Ende der Gewinner dieses Spiels sein. Er hatte großes Vergnügen an allen Arten von Rätseln, und seine Schatzsuchen waren früher in ganz Gloucestershire berühmt. Doch gezwungen zu sein, ein Spiel zu spielen, dessen Regeln man nicht kennt, kann verteufelt unangenehm werden, Hetty Smith.“

„Sind wir nicht alle nur Bauern in einem einzigen großen Schachspiel?“, erwiderte Thea lächelnd. Plötzlich hatte sie das Bedürfnis, den Major zu trösten.

„Vermutlich, aber jetzt bin ich gezwungen, morgen die Rolle zu spielen, die man mir zugewiesen hat. So wie du auch.“

„Und Sie halten mein Los für das leichtere?“

„Ein sehr scharfsinniges Mädchen“, sagte er anerkennend. „Doch ich würde eher sagen, dass ich es für das einfachere halte. Trotzdem werde ich mich der neuen Lage anpassen, so wie du. Und hier sind wir bereits an der Kreuzung. Selbst du kannst unmöglich auf der kurzen Strecke bis zu Nanny Turners Häuschen zu Schaden kommen, also verabschieden wir uns hier voneinander. Es täte deinem Ruf nicht gut, mit mir zusammen gesehen zu werden.“

Die Enttäuschung war fast zu viel für Thea. Er hatte sie mit einem Zucken seiner breiten Schultern entlassen, als wäre er ihrer müde. Statt sich einzubilden, dass sie in ihn verliebt war, sollte sie sich endlich vor Augen führen, wie gering sein Interesse an ihr war.

4. KAPITEL

Leben Sie wohl, Major, und vielen Dank für Ihre Intervention. Ich habe nicht viel getan, um sie zu verdienen.“

„Leb wohl, Hetty. Ich bin es, der sich bedanken muss.“ Marcus blieb bei ihr stehen, als wollte er noch etwas sagen. „Ich wünschte, ich wäre ein anderer Mann“, fuhr er dann leise fort.

Der feurige Blick, der seine Worte begleitete, brachte Theas Herz zum Klopfen. Bevor sie etwas erwidern konnte, hatte Marcus sie gepackt, drückte sie an sich und küsste sie unbeherrscht.

„Oder besser, ich wünschte, ich wäre ein ehrenwerterer Mann“, sagte er dann atemlos. Er schien vergessen zu haben, wie sehr er Thea eben noch davor gewarnt hatte, in seiner Gesellschaft gesehen zu werden. Offenbar genoss er den Kuss so sehr, dass er nicht damit aufhören mochte.

Jetzt wusste sie, warum sie nie auf die unausgegorenen, halbherzigen Verführungsversuche der Bewerber reagiert hatte, die ihr Großvater ihr präsentiert hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, in der Umarmung irgendeines anderen Mannes ein solches Verlangen zu empfinden wie beim Major. Er war der einzige Mann für sie. Nur er besaß die Macht, die Leidenschaft, die in ihr schlummerte, zu wecken – eine Leidenschaft, von der sie bis zu dem Morgen in der Hütte nichts geahnt hatte. Insgeheim wünschte sie sich fast, sie hätte nie erfahren, was sie für diesen Menschen empfinden konnte. Es gab keine Zukunft für sie und Marcus, sosehr sie sich auch danach sehnte.

Doch in diesem verzauberten Moment war es ihr nicht möglich, ihn von sich zu stoßen. Das Gefühl seines verführerischen Mundes auf ihrem ließ sie alles vergessen, was Anstand und Vorsicht ihr rieten.

Thea seufzte leise. Ein Ausdruck des Protestes, wie sie sich vorzumachen versuchte, doch in Wirklichkeit wollte sie mehr – mehr von ihm, mehr von seinen Küssen, einfach mehr.

Ihr Seufzer verwandelte sich in ein Stöhnen, denn plötzlich vertiefte Marcus den Kuss. Die Knie drohten unter Thea nachzugeben. Sehnsüchtig schmiegte sie sich an seinen starken männlichen Körper, da sie nie mehr als diese leidenschaftlichen Momente von ihm bekommen würde.

Er bedeckte ihren Hals mit kleinen, heißen Küssen. Sie zitterte am ganzen Leib und ahnte, wie kurz beide davor waren, endgültig die Selbstbeherrschung zu verlieren. Sie küssten sich auf einem öffentlichen Weg, und es war ihr völlig egal! Durfte sie die warnende Stimme ihres Gewissens so einfach überhören? Sollte sie das Wohlwollen, das Lady Lydia ihr erwies, aufs Spiel setzen, nur um mit dem gut aussehenden Verwandten besagter Dame ein aufregendes Schäferstündchen zu erleben?

Mühsam öffnete sie die Augen und sah Marcus’ feurigen Blick auf sich ruhen. Seine Wangen waren vor Verlangen gerötet, der Mund war leicht geöffnet. Thea wünschte sich so sehr, wieder jene betörende Mischung aus Leidenschaft und Zärtlichkeit zu spüren. Und doch wich sie vor ihm zurück und schüttelte benommen den Kopf, als könnte sie sich so dem Bann dieses Verführers entziehen.

Sein dunkles Haar war wieder zerzaust. Thea dachte fast ehrfürchtig: Das habe ich getan. Einen kurzen Moment lang durfte ich mich seine Geliebte nennen. Und jetzt nicht mehr.

„Nein“, sagte sie leise, sobald sie wieder zu Atem kam. „Ich lasse nicht zu, dass Sie sich entehren, Major.“

Mit finsterer Miene wollte er sie wieder an sich reißen.

„Und ich möchte ebenso wenig von Ihnen entehrt werden“, fügte sie unnachgiebig hinzu. „Außerdem kann ich Sie nicht Ihren guten Namen beflecken lassen, Major Ashfield.“

Abrupt wich er vor ihr zurück, als hätte sie ihn geschlagen, und sah sie schwer atmend und mit finsterer Miene an. „Beflecken?“, stieß er heftig hervor. „Wie könnte ich einen Namen beflecken, den mein Vater schon so besudelt hat, dass nichts an ihm mehr rein genannt werden kann?“

„Indem Sie ihn durch eigenes Zutun weiter besudeln.“

„So viel Frömmigkeit steht dir nicht, Hetty“, fuhr er sie an. „Sag einfach Nein, wenn du es ernst meinst, dann wirst du mich schon los.“

„Das kann ich nicht“, antwortete sie kläglich. Zu ihrem Entsetzen füllten ihre Augen sich mit Tränen.

„Wenigstens bist du ehrlich“, meinte er verächtlich. „Sei das nächste Mal vorsichtiger, in welchen Gewässern du angelst, mein Kind. Es könnte sein, dass du einen Fang machst, den du nicht an Land zu ziehen vermagst.“

Thea bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. Ohne ein weiteres Wort machte sie auf dem Absatz kehrt und ließ Marcus einfach stehen.

„Du bringst besser dein Kleid und dein Haar in Ordnung, wenn du nicht auch aus dieser Gegend gejagt werden willst“, rief er ihr spöttisch nach.

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