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HISTORICAL EXKLUSIV BAND 43

Liebe in Zeiten des Aufruhrs

ELIZABETH BAILEY

Botschaft des Herzens

Sie hat den Feind in ihrem Schlafgemach: Grace Dovercourt versteckt einen flüchtigen Franzosen vor den Häschern Robespierres. Und nicht nur das: Sie gibt sich ihm auch jede Nacht glutvoll hin. Ein geborgtes Glück! Denn sie muss jeden Augenblick damit rechnen, dass die skandalöse Liaison aufgedeckt wird und man ihr den Geliebten wieder entreißt …

MARIE-LOUISE HALL

Geliebte Feindin

Auf der Flucht vor ihrem Vater trifft Angèle den Offizier Tristan Beaumaris. Er bietet ihr seinen Schutz an – und sie fühlt sich bald unwiderstehlich zu dem kühnen Franzosen hingezogen. Aber während sie bereits von der großen Liebe und einer Zukunft an seiner Seite träumt … verdächtigt Tristan sie plötzlich, ein Mordkomplott gegen Napoleon zu planen!

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Botschaft des Herzens

1. KAPITEL

Der Knall schien von weit her zu kommen, doch er war laut genug, um Grace Dovercourts Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hielt im Schreiben inne, hob den Kopf und lauschte. Jetzt war nichts mehr zu hören, aber sie wollte in Erfahrung bringen, woher das Geräusch gekommen war. War in der Marsch etwas vorgefallen? In dieser einsamen Gegend trug der Wind manch einen Laut auch aus weiter Ferne übers Land, und in der Abgeschiedenheit ihres Hauses kam es nicht selten vor, dass Grace unweigerlich auf den leisesten Ton achtete. Doch dieser hier war auffällig gewesen.

Grace schob den Stuhl zurück, stützte sich auf den Armlehnen ab und erhob sich. Dann nahm sie den Kerzenleuchter vom Sekretär, bei dessen Schein sie geschrieben hatte. Ein von Geburt an zu kurzes Bein machte ihr zu schaffen, sodass sie ganz leicht humpelte. Sie lief zur Tür des Salons. Als Grace den Flur betrat, eilte ihr Dienstmädchen mit einer Kerze in der Hand die Stufen hinunter. Jemima trug ihren Morgenmantel und hatte eine mit Rüschen besetzte Schlafhaube auf dem Kopf, die ihre kurzen dunklen Locken notdürftig bedeckte. Als sie ihre Herrin erblickte, blieb sie stehen.

„Haben Sie das eben auch gehört, Miss Grace? Ich bin vor Schreck aufgewacht!“

Grace schaute auf. „War es in deinem Raum so laut? Ich habe bloß einen schwachen Widerhall vernommen.“

Jemima runzelte die Stirn. „Haben Sie immer noch gearbeitet? Sie verderben sich irgendwann Ihre Augen!“

„Mach dir darum keine Sorgen“, erwiderte Grace, während sie zur Haustür schritt. Sie war verriegelt, denn das Dienstmädchen hatte sich bereits vor einigen Stunden zum Schlafen gelegt. Jemima achtete stets peinlich genau darauf, dass die Tür nach Einbruch der Dunkelheit fest verschlossen war, obwohl in der Nacht höchst selten jemand am Haus vorbeikam. Grace steckte den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Flügeltür und trat auf die kleine Veranda. Eine kühle Abendbrise umspielte ihre Wangen, aber Grace war nicht kalt. Hinter ihr blieb Jemima ängstlich im Eingang stehen.

„Seien Sie vorsichtig! Wer weiß, was für ein Gesindel sich draußen mit Pistolen herumtreibt.“

Grace horchte auf und drehte sich zu ihrem Dienstmädchen um. „Pistolen?“

„Ja, ich dachte, ich hätte einen Schuss gehört. Das Herz schlug mir bis zum Halse!“

Grace rief sich augenblicklich den Knall in Erinnerung. Hatte es sich wirklich um einen Pistolenschuss gehandelt? Vorsichtig nahm sie die beiden Stufen und humpelte in Richtung der Straße. Sie hielt den Kerzenleuchter hoch und spähte in die mondlose Dunkelheit. Nichts war zu sehen. In der Ferne glaubte Grace die schemenhaften Ausläufer der Marschgebiete von Rainham zu sehen.

In der ruhigen Sommernacht herrschte wieder vollkommene Stille. Kein weiteres Geräusch war dem sonderbaren Knall gefolgt. Grace hielt es für unwahrscheinlich, dass es sich bei der nächtlichen Ruhestörung um einen Schuss gehandelt hatte. In der Dunkelheit wagten sich keine Wilderer in die gefahrvollen Marschgefilde, denn sie fürchteten die verborgenen morastigen Stellen, in denen ein Mensch binnen kürzester Zeit versinken konnte. Die Ortskundigen blieben stets auf den Pfaden und gingen nur bei Tage in diese Gegend.

„Kommen Sie wieder ins Haus, Miss Grace“, flehte Jemima.

Grace schaute inzwischen in die entgegengesetzte Richtung, denn es war immerhin denkbar, dass ein Wilddieb einen Schuss abgefeuert hatte, um ein Kaninchen auf den Feldern zu erlegen. Ihr untrügliches Gespür verriet Grace indes, dass der Laut nicht von Norden her gekommen war. Vielleicht sind jenseits der Marschgebiete zwei Schiffe auf der Themse zusammengestoßen, überlegte sie. In so einem Fall hätte sie eigentlich einen dumpfen, dröhnenden Knall erwartet, aber als sie sich jetzt erneut zu erinnern versuchte, vermochte sie nicht mehr genau zu sagen, wie das rätselhafte Geräusch geklungen hatte.

Inzwischen drang die frische Nachtluft durch den dünnen Baumwollflanellstoff ihres Kleides, sodass sie der Bitte ihres Dienstmädchens nachkam und zurück ins Haus kehrte. Eilig verschloss Jemima wieder die Tür.

„Haben Sie jetzt vor, nach oben zu kommen? Oder soll ich Ihnen noch rasch eine heiße Milch machen? Sie brauchen etwas Warmes, falls Sie noch die halbe Nacht an Ihrem Schreibtisch verbringen wollen.“

Doch Grace wusste, dass sie sich nach diesem Zwischenfall nicht mehr konzentrieren konnte. Sie hätte das Dokument erneut von Anfang an lesen müssen, um die Bedeutung zu erfassen und die Fachbegriffe zu verstehen. Die Arbeit, die sie für den Schulleiter verrichtete, war stets anspruchsvoll und strengte sie mehr an als die gewöhnlichen Briefe, die sie für die Leute in der Gegend verfasste, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig waren. Außerdem war morgen erst Donnerstag, und sie hatte noch Zeit bis Samstag, um die Arbeit zu erledigen.

Grace schlug Jemimas Angebot aus und schickte das Mädchen ins Bett. Doch sie selbst wollte nicht schlafen gehen, bevor sie nicht ihren Sekretär aufgeräumt hatte. Behutsam legte sie das zur Hälfte beschriebene Blatt Papier auf den Stapel in einer der Schubladen und die Schreibfeder neben das Tintenfässchen, bevor sie den Sekretär verschloss. Dann zündete sie sich eine Kerze an, löschte die Lichter des Leuchters und ging die Stufen hinauf, die in das obere Stockwerk führten.

Ihre Hüfte schmerzte. Da ihr rechtes Bein ein wenig kürzer als das linke war, neigte ihr Körper sich stets ein wenig nach rechts, wenn sie zu lange in einer Stellung am Tisch gesessen hatte. Sie war dankbar für den speziellen Stiefel, den Billy Oaken für sie angefertigt hatte. Sie hielt den Mann für den besten Schuster in ganz Barking. Mit diesem Schuh, der ihre Hüfte entlastete, war sie die letzten Jahre viel müheloser gelaufen. Daher wunderte sie sich, erneut diesen Schmerz zu spüren.

Nachdem sie ihr Schlafzimmer betreten hatte, das genau über dem Salon lag, stellte Grace die Kerze auf das Nachttischchen und begann sich zu entkleiden. Das dunkelblaue Kleid legte sie für den nächsten Morgen sorgfältig über eine Stuhllehne. Dann streifte sie sich ihr Nachthemd über und setzte sich auf die Bettkante, um den schweren Stiefel auszuziehen. Wie immer atmete sie erleichtert aus. Sie war zwar glücklich über diesen Schuh, jetzt aber freute sie sich wie jeden Abend, von der Last an ihrem Fuß befreit zu sein.

Augenblicklich fühlte sie sich viel leichter, und als sie ins Bett stieg, war ihre Behinderung für einen Moment vergessen. Grace löschte die Kerze, lag eine Weile zufrieden in der Dunkelheit und genoss den Luxus ihres weichen Federbetts. Mochte es auch eine ausgefallene Anschaffung gewesen sein – Grace schlief so wunderbar darin, dass sie sich wegen des hohen Preises kein schlechtes Gewissen machte. Lieber verzichtete sie auf ein neues Kleid für ihre ohnehin spärliche Garderobe als auf das himmlische Vergnügen, nachts weich zugedeckt zu liegen.

Die ganze Zeit über hatte Grace nicht mehr an das merkwürdige Geräusch gedacht, aber als sie sich allmählich entspannte, fragte sie sich erneut, woher es gekommen sein mochte und ob Jemima recht hatte, dass es sich um einen Schuss gehandelt haben könnte. In ihrer Fantasie sah sie Männer, die in den Marschgebieten jagten. Tollkühn, aber vermutlich ohne Erfolg. Die wenigen Tiere dort waren es wohl kaum wert, unter Gefahren erlegt zu werden. Und wie sollte eine Kugel in der Nacht ihr Ziel treffen? Es musste einen anderen Grund für das sonderbare Geräusch geben.

Eine ganze Weile beschäftigte Grace sich noch mit diesem Rätsel, bis ihre Gedanken immer weiter abschweiften und sie allmählich einschlummerte.

Beinahe wäre sie fest eingeschlafen, als sie plötzlich glaubte, erneut etwas gehört zu haben. Erschrocken richtete sie sich im Bett auf. Sie vernahm ein kratzendes Geräusch, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Grace in die Dunkelheit und lauschte gespannt auf jeden noch so kleinen Laut. Ihr Herz pochte so laut in ihrer Brust, dass sie seinen Schlag zu hören glaubte. Irgendjemand befand sich draußen vor ihrem Haus!

Eigentlich hätte sie aufstehen und nachsehen müssen. Aber bei dem Gedanken, sich wieder mühsam den schweren Stiefel anzuziehen, zögerte sie. Außerdem war sie keineswegs darauf erpicht, nachts einem Fremden vor ihrer Haustür zu begegnen. Wahrscheinlich handelte es sich nicht um einen Einbrecher, sondern um einen Landarbeiter, der betrunken nach Hause torkelte. Vielleicht war der Bursche vom Weg abgekommen und in den Hinterhof gestolpert.

Abermals vernahm sie ein gedämpftes Geräusch von unten. Es war eine Katze, die miaute! Eindeutig! Erleichtert atmete Grace auf und sank zurück in ihre Kissen. Das streunende Tier war vermutlich von den benachbarten Cottages gekommen, in denen die Landarbeiter von Mr Mayberry untergebracht waren. Im Stillen verfluchte Grace die Kreatur. Sie hatte ihr mehr Angst eingejagt als das erste knallende Geräusch. Vermutlich hatte die Katze etwas umgestoßen, nachdem sie in den Schuppen hinter dem Haus eingedrungen war, in dem Jemima die Wäsche wusch.

Glücklicherweise war das Dienstmädchen diesmal nicht aufgewacht. Die Arme musste immer in aller Herrgottsfrühe aufstehen und hatte deshalb ihren Schlaf bitter nötig. Sie war eine gute Arbeiterin und viel zugänglicher als Mab, die dazu neigte, Grace zu schelten oder zu verhätscheln. Ihre alte Kinderfrau, die sich von klein auf um sie gekümmert hatte, war allzu fürsorglich. Erst nach Mabs später Heirat war Grace unabhängig gewesen – wie sehr hatte sie sich danach gesehnt! Bevor sie einschlief, kam sie zu dem Schluss, dass sie mit Jemima besser dran war.

Als Grace in der Frühe erwachte, erinnerte sie sich zunächst nicht an die nächtlichen Ruhestörungen. Während sie sich an der Frisierkommode zurechtmachte, fiel ihr ein, dass Mr Mayberry an diesem Tag kommen würde, um die Gemeinderechnungen des Vormonats abzuholen. Die Arbeit, die Grace für Joe Piper, den Gemeindediener, erledigte, war mühselig, denn jedes Schriftstück musste dreifach abgeschrieben werden. Obwohl Mr Piper in der Gegend auch noch die Post austrug, glaubte Grace nicht, dass er ihr die Arbeit aus Zeitmangel überlassen hatte. Viel wahrscheinlicher war es, dass Jemima Piper ihren Vater gedrängt hatte, ihrer Herrin eine sinnvolle Arbeit zu besorgen. Niemand wusste besser als ihr Dienstmädchen, wie schwer Grace es hatte, allein zurechtkommen zu müssen. Unter anderen Voraussetzungen hätte sie die Schreibarbeit vermutlich abgelehnt, aber die Lebensumstände ließen ihr keine Wahl.

Gerade hatte sie ihr seidiges braunes Haar mit einer Schleife hochgebunden, als ein ungewöhnlicher Lärm im Hinterhof zu hören war.

Was, um alles in der Welt, ist passiert? dachte sie entsetzt, als sie Jemimas unterdrückten Schrei und ein Klappern vernahm, als sei etwas zu Boden gefallen.

So schnell sie konnte eilte Grace auf den Flur, öffnete ein Schiebefenster am oberen Treppenabsatz und schaute in den Hinterhof hinab. Zunächst fiel ihr Blick auf einen umgefallenen Eimer, dessen Inhalt sich über die Pflastersteine ergoss. Dann sah sie das Dienstmädchen, das vor dem Anbau stand, der als Schuppen benutzt wurde, und sich erschrocken beide Hände vor den Mund hielt.

„Was ist geschehen, Jemima?“, rief Grace voller Unruhe. „Was hat dich erschreckt?“

Als das Mädchen zum Fenster hinaufsah und ihre Herrin entdeckte, begann sie Grace mit ungestümen Handbewegungen zu sich zu winken. Dann legte sie den Zeigefinger an den Mund, um ihr zu verstehen zu geben, dass sie leise sein musste. Aufgeregt deutete sie auf den Anbau, aber von ihrem Posten konnte Grace nichts erkennen. Dennoch lehnte sie sich aus dem Fenster und reckte den Hals.

„Kommen Sie rasch, Miss!“, zischte Jemima und winkte sie erneut zu sich.

Als sie den Kopf zurückzog und das Fenster schloss, erinnerte Grace sich mit einem Mal an die Geräusche in der Nacht. Irgendein Tier musste in den Anbau eingedrungen sein; vermutlich ein Fuchs. Vielleicht war es in der Marsch angeschossen worden und hatte sich bis zu ihrem Haus geschleppt, um Schutz zu suchen. Es konnte sich nur um ein Tier handeln. Sonst wäre Jemima nicht so eifrig darauf bedacht gewesen, leise zu sein.

Atemlos eilte Grace die Stufen hinunter und lief den Gang hinter dem Treppenaufgang entlang, bis sie die Tür erreichte, die in den Anbau führte. Vor Aufregung hatte sie einen ganz trockenen Hals bekommen, und ihr Herz schlug wie wild in ihrer Brust. Vorsichtig öffnete sie die Tür und spähte in den Raum. Zunächst bot sich ihren Augen der gewohnte Anblick. In der einen Ecke befand sich hinter einer Tür das Klo, den Rest des Raumes nahmen ein Waschzuber, große Zinnkrüge und zahllose andere Gegenstände ein, für die im Haus kein Platz war. Milchkannen standen wahllos neben Besen und einem Rechen, ein achtlos aufgerolltes Seil bedeckte ein Paar Holzschuhe.

Nachdem Grace den Anbau betreten hatte, begriff sie augenblicklich, warum Jemima so aufgeregt war. In der Tat – sie hatten es mit einem Eindringling zu tun, doch es war kein Tier. An einer Wand des Anbaus befand sich ein aus rohen Steinen gebauter Ofen, in dem tagsüber ein Feuer brannte, damit immer genügend heißes Wasser vorhanden war. Der Rauch wurde durch einen einfachen Abzug nach draußen geleitet. Vor dem Ofen lag der ausgestreckte Körper eines Mannes.

Erschrocken starrte Grace auf die reglose Gestalt. Inzwischen hatte Jemima sich wieder durch die Außentür in den Anbau gewagt und sah ihre Herrin mit weit aufgerissenen Augen an.

„Vielleicht ist er betrunken, Miss. Oder tot!“, flüsterte sie ängstlich.

„Mach die Tür ganz auf, damit wir genug Licht haben“, befahl Grace.

Grace bekämpfte ihren Widerwillen, zwängte sich an dem Waschzuber vorbei und trat auf den Eindringling zu, der am Boden lag. Sie hockte sich neben den leblosen Körper, während sie sich mit einer Hand an der Wand abstützte.

„Ist er tot?“, fragte das Dienstmädchen ängstlich.

„Das weiß ich noch nicht“, erwiderte Grace atemlos.

Es war schwer, irgendetwas festzustellen, denn das Gesicht des Fremden war von seiner Hand verdeckt, während der Arm seltsam verdreht unter der Brust ruhte. Der Mann war in einen langen Mantel gehüllt, der ganz durchnässt war. Seine Stiefel starrten vor Dreck. Er trug keine Kopfbedeckung, und das dunkle Haar hing ihm in wirren Strähnen über die Wange.

Grace schluckte und schob behutsam eine Hand unter seinen Arm, um den Herzschlag zu ertasten. Doch der Mantel war zu dick, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre Hand weiter vorwärts zu schieben. Sie konnte immer noch kein Lebenszeichen entdecken, aber stattdessen spürte sie etwas Feuchtes an ihren Fingern. Grace erschrak, denn plötzlich erinnerte sie sich wieder an das knallende Geräusch von gestern Nacht. Als sie die Hand zurückzog, stieß Jemima einen Schrei aus. An Graces Fingern klebte Blut.

Einen Augenblick lang starrte sie verständnislos auf ihre rot besudelte Hand. Ihr Pulsschlag dröhnte in ihren Ohren. Dann richtete sie die Aufmerksamkeit wieder auf das verborgene Gesicht des Fremden. Vorsichtig bewegte sie seinen Arm und strich dem Mann das Haar aus seinem bleichen Gesicht. Zitternd beugte Grace sich hinab und horchte.

Sie vernahm ganz schwache Atemzüge, und als sie ihre Finger vor den offenen Mund des Fremden hielt, hatte sie die Gewissheit, dass er noch am Leben war. Grace erhob sich wieder und sah ihr Dienstmädchen voller Unruhe an.

„Er atmet noch!“

„Bei allen Heiligen! Wer hätte das gedacht?“, rief Jemima aufgeregt.

Grace wusste, dass nun jede Minute kostbar war. „Jemima, lauf sofort zu den Cottages und hole Clem und Samuel! Wir müssen den Mann unverzüglich in ein Bett tragen und einen Arzt rufen.“

Jemima schien nicht recht begreifen zu wollen, was ihre Herrin soeben gesagt hatte. „In ein Bett, Miss? Bei uns?“

„Starr hier keine Löcher in die Luft!“, schalt Grace ihr Dienstmädchen. „Lauf und hol Clem und Samuel! Sie müssten noch zu Hause sein. Wenn du sie aber nicht antriffst, geh auf die Felder und such sie dort, hast du mich verstanden?“

Als sie diese eindringlichen Worte hörte, schien Jemima wie aus einem Traum zu erwachen und machte sich rasch auf den Weg. Grace hörte ihre eiligen Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Die Cottages lagen nicht weit entfernt, und Grace hoffte, dass die Männer nach der Frühschicht auf dem Hof gerade beim Frühstück saßen. Sie brauchte die Hilfe ihrer Nachbarn jetzt dringend. Sie und Jemima wären wohl kaum in der Lage, den Verwundeten in das obere Stockwerk zu tragen.

Da sie vorerst nichts weiter tun konnte, begann Grace, den Mann so gut es ging warm zu reiben. Dabei gab sie acht, nicht gegen seinen Arm oder seine Schulter zu stoßen, denn sie befürchtete, dass seine Wunde stärker bluten könnte. Es grenzte an ein Wunder, dass der Fremde noch lebte! Ohne Zweifel hatte er den Lärm verursacht, nachdem er in den Anbau eingedrungen war, um Schutz zu suchen. Dabei hatte er vermutlich die Nachbarkatze aufgeschreckt, die gewiss in der Nähe des warmen Ofens eingeschlummert war.

Plötzlich stöhnte der Mann leise auf, und Grace hielt inne. Er schien seinen Kopf zu bewegen, sodass sie sich näher über ihn beugte.

„Bleiben Sie liegen“, redete sie beruhigend auf ihn ein. „Gleich werden Sie es bequemer haben.“

Bei diesen Worten wandte er ihr den Kopf zu, während er keuchend atmete. Grace verstummte, als sie zum ersten Mal in sein Gesicht schaute. Obwohl er sehr bleich aussah, waren seine Gesichtszüge äußerst anziehend. Er hatte ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und wohlgeformten Lippen. Seine Lider flatterten auf, und im gedämpften Licht, das durch die Tür in den Schuppen fiel, schimmerten seine Augen grün. Angestrengt murmelte er etwas vor sich hin.

„De l’anglais! Où suis-je?“

„Sie sind Franzose!“, rief Grace erstaunt aus.

Der Mann reagierte darauf nicht, sondern versuchte sich erneut zu bewegen. Als er seinen Arm zurückzog, verzerrte sich sein Gesicht vor Schmerz, was Grace besorgt registrierte.

„Bitte bleiben Sie liegen! Ihre Wunde wird wieder bluten.“ Sie sah, wie der Mann sie mit seinen matten Blicken suchte. „Hoffentlich versteht er mich überhaupt“, murmelte sie aufgeregt vor sich hin.

Sein Atem wurde unregelmäßig, und sie konnte seinem edel geschnittenen Gesicht ansehen, dass er große Qualen litt. Die Augen fielen ihm wieder zu, aber seine Finger vergruben sich in den Falten seines Mantels, als würde er etwas suchen.

„Papiere“, murmelte er mit einem starken französischen Akzent. „Verstecken …“ Abermals flatterten seine grünen Augen auf, die Grace flehentlich anschauten. „Ich bitte Sie … ces papiers … sind in Gefahr.“

Grace umschloss seine zitternden Finger mit ihrer Hand. „Wo sind diese Papiere? In Ihrer Manteltasche? Bleiben Sie liegen. Ich werde sie finden.“

Während sie behutsam seine Taschen absuchte, verhielt der Fremde sich ruhig. Mit einer undeutlichen Geste zeigte er auf seine unverletzte Seite, und Grace griff in die innere Manteltasche. Ein raschelndes Geräusch ließ sie erleichtert aufatmen. Es war nicht ganz einfach, das kleine Bündel zusammengefalteter Papiere aus der Innentasche zu ziehen. Die Schriftstücke waren obendrein feucht geworden.

„Ich habe sie gefunden. Sie müssen jetzt ruhig liegen bleiben.“

Der Verletzte machte eine Geste mit seiner Hand, als wollte er danken, doch dann verlor er wieder das Bewusstsein. Grace starrte auf das bleiche Gesicht. Wer war dieser Mann? War er edler Herkunft? Seine Kleidung und sein Tonfall ließen darauf schließen. Ein Franzose, der in der Nacht angeschossen worden war – dann hatte Jemima also recht gehabt? – und um die Sicherheit einiger Schriftstücke fürchtete. Plötzlich hatte sie einen Verdacht. War er womöglich ein Spion? Immerhin befand England sich mit Frankreich im Krieg. Doch warum hatte der Mann dann ihr, einer Engländerin, erlaubt, wichtige Dokumente an sich zu nehmen?

Grace begann die Papiere mit größter Behutsamkeit zu sichten, denn sie hatte Angst, sie mit dem Blut an ihren Händen zu verschmieren. Sie ging das kleine Bündel durch, faltete ein Schreiben vorsichtig auseinander und versuchte es zu lesen. Sie sah ein Siegel, und soweit sie es erkennen konnte, war es in französischer Sprache abgefasst. In einem geeigneten Moment wollte sie sich sämtliche Papiere vornehmen, um den Inhalt zu entziffern.

Als sie plötzlich eilige Schritte hörte, faltete Grace sie rasch wieder zusammen und versteckte sie in der Tasche ihres Unterrocks. Kaum war sie damit fertig, liefen Clem und Samuel bereits über den Hinterhof, dicht gefolgt von dem atemlos keuchenden Dienstmädchen.

Als Grace sich später im Gästezimmer neben das Bett des Fremden setzte, betrachtete sie ihren ungebetenen Gast mit großer Sorge. Den verletzten Mann aus dem Schuppen herauszuholen war schwieriger als erwartet gewesen. Zunächst hatten Clem und Samuel vorgehabt, ihn über den Hinterhof ins Haus zu bringen, aber da der Anbau so klein war, dass zwei große kräftige Männer sich kaum drehen und wenden konnten, war es ihnen nicht möglich gewesen, den Verletzten an all den Gerätschaften vorbeizutragen. Als die beiden Männer dann auch noch diskutiert hatten, wie sie den Verwundeten nun am besten aus dem Schuppen herausbekämen, und schon im Begriff gewesen waren, ihn über den Boden zu schleifen, hatte Grace die Geduld verloren. Rasch hatte sie sich eingemischt und klare Anweisungen gegeben, damit der bedauernswerte Franzose nicht an den Folgen einer wohlgemeinten, aber verhängnisvollen Hilfeleistung starb.

Schließlich war es den Landarbeitern gelungen, den Mann durch die Tür zum Hausflur aus dem Anbau zu schaffen und auf das Bett zu legen, das Jemima in der Zwischenzeit im oberen Stockwerk vorbereitet hatte. Während Clem und Samuel den Oberkörper des Mannes entblößt hatten, war dem Dienstmädchen aufgetragen worden, eine Schüssel mit warmem Wasser zu holen. Grace hatte indessen eine Schere und ein altes Stück Leinen aus ihrem Schlafzimmer geholt.

Beklommen musterte sie die klaffende Wunde unterhalb der linken Schulter des Franzosen. Durch den Transport hatte die Wunde wieder angefangen zu bluten. Grace hatte ein Stück von dem Leinentuch abgetrennt, es in das heiße Wasser getaucht und damit die Schulter so gut sie konnte gesäubert. Während Jemima damit beschäftigt gewesen war, das Leinentuch in lange Streifen zu schneiden, hatte Grace ein weiteres sauberes Stück Stoff gefaltet und auf die Wunde gelegt. Mit Hilfe von Clem und Samuel hatten die beiden Frauen rasch die Streifen um Oberkörper und Schulter gewickelt, um den notdürftigen Verband zu befestigen.

Jemima hatte einen Krug mit kaltem Wasser und ein Glas mitgebracht. „Er wird Durst haben, wenn er aufwacht – falls er überhaupt wieder zu sich kommt“, fügte sie unheilvoll hinzu.

Aber Grace ließ solche düsteren Vermutungen nicht gelten. „Er hat viel Blut verloren, aber seine Konstitution scheint kräftig zu sein, denn er hat die letzte Nacht überlebt. Seine Wunde muss aber behandelt werden, denn ich befürchte, es steckt noch eine Kugel unterhalb der Schulter.“

Sie konnten sich aber nicht darauf einigen, wen sie zu Hilfe holen sollten.

„Ich fürchte, selbst Dr. Ffrith kann hier nichts mehr tun“, hatte Clem mit einem Kopfschütteln gesagt. „Er wird nicht durchkommen.“

„Wir hätten gleich Mr Holwell holen sollen, damit er die Maße für den Sarg nehmen kann“, hatte Samuel gemeint.

Grace hatte für diese düsteren Ansichten nicht viel übrig gehabt und stattdessen beschlossen, Clem zum Arzt in das nahe gelegene Dorf Rainham und Jemima zum Apotheker Mr Dunmow nach East Hall zu schicken.

„Mr Dunmow kann zumindest die Kugel entfernen“, hatte sie voller Überzeugung gesagt. „Außerdem ist er gewiss zu Hause, während Dr. Ffrith vielleicht zu einem Notfall gerufen wird.“

„Clem sollte ihm klarmachen, dass es sich hier um einen Notfall handelt“, hatte Jemima gemeint. „Falls der arme Bursche überhaupt noch so lange lebt, bis der Arzt eintrifft.“

„Sprich nicht so!“, hatte Grace ihr Dienstmädchen getadelt. „Mach dich endlich auf den Weg zu Mr Dunmow, Jemima, und dass du mir ja nicht ohne ihn zurückkehrst! Clem, lauf sofort nach Rainham. Ich werde Mr Mayberry erklären, warum du nicht bei der Arbeit bist.“

Jemima war bereits losgelaufen, doch Clem hatte noch auf der Türschwelle gezögert. „Sam könnte unserem Herrn doch Bescheid sagen. Mr Mayberry ist der Gemeindevorsteher, und er hat bei diesem Fall auch noch ein Wörtchen mitzureden.“

„Du hast recht, aber ich brauche Samuels Hilfe noch.“

Samuel war entsetzt gewesen, als Grace darauf bestanden hatte, dem Verletzten die restliche Kleidung auszuziehen.

„Die Kleidung ist feucht, Samuel. Wir wollen doch nicht, dass der Mann sich noch eine Lungenentzündung holt, oder?“

„Aber das schickt sich nicht, Miss! Außerdem ist er so gut wie tot.“

Für die letzte Bemerkung hatte er eine heftige Schelte bezogen, bevor er sich schließlich selbst dazu bereit erklärt hatte, Graces Aufforderung nachzukommen. Um dem Landarbeiter die Peinlichkeit der Situation zu ersparen, hatte sie sich vom Bett abgewandt, während er dem Verwundeten die Unterhose auszog. Grace hatte sich erst wieder umdrehen dürfen, als Samuel die Bettdecke über den nackten Körper des Fremden gezogen hatte. Nachdem Sam sämtliche Kleidungsstücke in den Schuppen gebracht hatte, damit Jemima sie waschen konnte, hatte sie ihn entlassen und ihm noch eine Nachricht für Mr Mayberry mit auf den Weg gegeben. Dann hatte sie sich neben das Bett gesetzt, um die Ankunft des Apothekers abzuwarten.

Obwohl Grace sehr genau wusste, dass sie diesen Zwischenfall nicht verheimlichen konnte, behagte ihr der Gedanke nicht, dass schon in Kürze die Abgesandten der Gemeinde vor ihrer Tür stehen würden. Sie rechnete damit, dass die örtlichen Beamten ihr die weitere Pflege des Franzosen verbieten würden. Grace war fest entschlossen, sich mit aller Macht den Behörden zu widersetzen, denn an dem kritischen Zustand des Fremden gab sie sich allein die Schuld.

Wäre sie in der letzten Nacht dem Geräusch nachgegangen, hätte sie den Mann gefunden. Doch so war kostbare Zeit ver­strichen, in der er fast verblutet wäre. Beinahe kam sie sich wie eine Mörderin vor! Dass der Mann überhaupt noch lebte, war ein Wunder, er schien übermenschliche Kräfte zu besitzen. Gott sei Dank hatte die Glut im Ofen des Anbaus ihm noch etwas Wärme gespendet. Wäre er weiter durch die Marsch geirrt, hätte er die Nacht nicht überlebt.

Voller Sorge betrachtete Grace das schmale Gesicht des Verletzten, aus dem jegliche Farbe gewichen war. Sein Kopf ruhte vollkommen regungslos auf dem Kissen. Sie glaubte zu sehen, wie sich die Brust des Mannes leicht hob und senkte, und klammerte sich an die Hoffnung, dass er noch atmete. Ängstlich schob sie die Hand unter die Decke und tastete nach seinem Handgelenk, um den Puls zu fühlen. Er war sehr schwach, aber sie konnte ihn spüren, sodass vor Erleichterung Tränen in ihre Augen stiegen.

Sie ließ seine Hand los und strich die Bettdecke glatt. Sein blasses Antlitz zog sie so in seinen Bann, dass sie aufstand und sich über den bewusstlosen Mann beugte. Er kam ihr wie eine Marmorstatue vor! Und er sah so vollkommen aus wie eine antike Gottheit. Unwillkürlich erinnerte sich Grace an seine grünen Augen, und sie fragte sich, ob sie ihre Farbe je wiedersehen würde. Bei diesem Gedanken musste sie ein plötzliches Schluchzen unterdrücken.

„Bitte bleib am Leben!“, bat sie flehentlich.

Doch nichts regte sich hinter den bleichen Lidern, um ihr Schuldgefühl zu lindern. Sie hatte zwar nicht auf ihn geschossen, doch wenn er starb, konnte sie sich nicht von einer Mitschuld freisprechen. Das war sicher richtig, aber es beantwortete eine Frage nicht – Wer hatte ihn töten wollen?

Quälende Erinnerungen überwältigten ihn, als wäre er in einen Albtraum geraten, aus dem er nie wieder erwachen würde. Er rannte so schnell, dass er kaum noch atmen konnte. Hinter ihm in der Dunkelheit hörte er die bedrohlichen Schritte seiner Verfolger. Als er sich im Laufen umdrehte, sah er den hellen Schein einer flackernden Laterne. Das unstete Licht erinnerte ihn an einen Glühwurm, einen Vorboten des Todes. Wenn er seinen Häschern in die Hände fiel, war sein Leben verwirkt.

Verzweifelt rang er nach Luft. Wie leicht wäre es, aufzugeben und sich von dem Morast des Marschlandes verschlucken zu lassen. Wie einfach wäre es, sich Robespierre auszuliefern …

Er lief durch eine Tür in einen großen Raum, durch dessen hohe Fenster ein schwaches Dämmerlicht fiel. Unter einem der Fenster stand ein Schreibpult, das von einem Kerzenleuchter erhellt wurde. Der Mann mit der Perücke, der sich darüber beugte und die Schreibfeder geschäftig über das Papier gleiten ließ, war ihm bestens vertraut. Jean-Marc stand schweigend vor dem Pult und ließ ihn warten. Der Direktor ließ einen immer warten. Es war ein Teil seiner Taktik.

Plötzlich aber blickte Jean-Marc auf und sah ihn an. Unverhohlener Hass flammte in seinen Augen auf. Da hob er eine Hand und ließ den Zeigefinger mit einer raschen Bewegung über seinen Hals huschen. Die Geste war eindeutig …

Er sah sich aus dem Raum taumeln und fand sich auf dem Boot wieder, das über das Wasser glitt. In geduckter Haltung drückte er sich gegen die Bordwand, während ihn jemand über die Seine ruderte. Dieser Mann schien ihm vertrauenswürdig, doch in diesen Zeiten wusste man nie, woran man war. Er könnte von anderen bestochen worden sein. Von Jean-Marc? Von Étienne oder Augustin? Einst waren sie seine Freunde gewesen. Aber in diesem gesetzlosen Land war für Freundschaften kein Platz mehr …

Der Schatten des großen Schiffs legte sich über ihn. Im nächsten Augenblick sah er sich an Bord steigen, während ihn unsichtbare Augen zu beobachten schienen. Schon zog er in Erwägung, sich über Bord fallen zu lassen, aber konnte er lange genug schwimmen? Oder würde er in dem dunklen Meer ertrinken, ehe er die Küste von England erreichte? Vielleicht wäre es besser so. Warum sollte er sich an sein erbärmliches Leben klammern, für das keine Hoffnung mehr bestand?

Verborgen hinter dichtem Schilfgras bewegte er sich im Wasser. Erst jetzt bemerkte er den stechenden Schmerz unterhalb der Schulter. Hatte er einen Schlag erhalten? Als er ihre Stimmen vernahm, wusste er, dass sie nach ihm suchten. Sie waren schon ganz nah. Aber warum sprachen sie Englisch?

„Mir scheint, Miss Grace, wir vergeuden bloß unsere Zeit. Soweit ich das beurteilen kann, ist er so gut wie tot.“

Die Stimme einer Frau ließ sich vernehmen. Ihr Tonfall klang zornig.

„Aber Sie sehen doch, dass er noch nicht tot ist, Mr Dunmow“, widersprach sie heftig. „Dass er nach all den Strapazen noch lebt, beweist doch, dass er eine starke Konstitution hat. Daher muss ich Sie bitten, die Kugel auf der Stelle zu entfernen.“

Ihre Stimme schien ihm irgendwie vertraut zu sein. Dass sie von ihm sprach, lag auf der Hand, auch wenn es ihm unwahrscheinlich vorkam. Dank seiner Erziehung, über die er nie gesprochen hatte, verstand er fast jedes Wort. War es denn möglich, dass er es geschafft hatte? War er wirklich in England? Er hörte, wie der Mann protestierte.

„Die Sache ist die, Miss Grace. Es ist schwierig, eine Kugel zu entfernen, und ich glaube nicht, dass sich die Mühe hier lohnt.“

„Tun Sie es bitte mir zuliebe, Mr Dunmow. Ich werde Sie für Ihre Unannehmlichkeiten entschädigen, das verspreche ich Ihnen.“

„Es wäre besser, Sie würden Dr. Ffriths Ankunft abwarten, Miss“, gab der Mann unwillig zurück. „Natürlich wäre ich in der Lage, die Kugel herauszuholen, aber wahrscheinlich wird er während der Operation sterben, und ich möchte nicht für seinen Tod verantwortlich sein.“

„Ich habe bereits nach Dr. Ffrith schicken lassen“, erwiderte die Frau mit Nachdruck. „Aber er kommt womöglich zu spät. Wollen Sie nun endlich die Kugel entfernen?“

„Aber ich kann nicht versprechen, dass er überlebt!“, gab der Mann zu bedenken.

„Er wird gewiss nicht überleben, wenn die Kugel drin bleibt!“

Er wollte der Frau beipflichten, doch die Stimme versagte ihm. Seit Wochen hatte er in Gefahr geschwebt. Nun waren ihm nichts als verschwommene Erinnerungen geblieben, um herauszufinden, warum er angeschossen worden war. Verzweifelt versuchte er die Augen zu öffnen, um die Frau zu sehen, die darauf bestand, sein Leben zu retten. Doch nichts als düstere Schatten drängten sich in seine Erinnerung …

Jean-Marc rief ihn, und sein Name hallte merkwürdig gebrochen in der nebligen Dämmerung dieses fremden Landes. Hen-ri! Hen-ri-i-i-i …

Wieder drehte er sich um und sah das flackernde Licht der Laterne hinter sich. Seine Brust war wie zugeschnürt, und das Atmen fiel ihm schwer. Doch er musste fort von hier. Wenn sie ihn einholten, war sein Schicksal besiegelt. Obwohl ihn düstere Gedanken quälten, klammerte er sich noch an das Leben. Stolpernd eilte er weiter, aber er hatte Angst, vom Pfad abzukommen und in den morastigen Stellen zu versinken, vor denen ihn der Wirt des Gasthauses gewarnt hatte …

Ein stechender Schmerz riss ihn aus den verzerrten Traumfetzen. Seine Schulter schien in Flammen zu stehen, und Henri versuchte sich mit einem Schrei aus diesem Albtraum zu befreien. Doch alles, was über seine Lippen kam, war ein schwaches Aufstöhnen. Als der brennende Schmerz unerträglich wurde, riss er vor Entsetzen die Augen auf.

Er blickte in ein verschwommenes Gesicht, das er nicht kannte, aber die Stimme, die er vernahm, kam ihm vertraut vor.

„Ich weiß, dass Sie furchtbare Schmerzen haben. Es tut mir so leid, aber es muss sein. Gleich ist alles vorbei, das verspreche ich Ihnen.“

Er spürte, wie seine Hand warm umschlossen wurde und Finger zärtlich über seine Stirn strichen.

„Halten Sie durch, bitte“, flehte ihn die Frau an und drückte aufmunternd seine Hand. „Fahren Sie fort, Mr Dunmow.“

Der entsetzlich stechende Schmerz holte ihn erneut ein. Unwillkürlich umklammerten seine Finger die Hand, die in seiner lag. Als er hörte, wie jemand leise aufstöhnte, wusste er augenblicklich, dass er der Frau wehgetan hatte. Abermals versuchte er in ihr Gesicht zu blicken, als wollte er sich entschuldigen, aber bei dem höllischen Schmerz, der ihn in diesem Moment peinigte, wurde ihm schwarz vor Augen.

Besorgt schaute Grace in das bleiche Gesicht. Obwohl sie auf der Operation bestanden hatte, beschlich sie nun die Angst, dass der Franzose nicht mehr lange leben würde. Die kurzen Momente, in denen er wieder zu Bewusstsein kam, ließen einen Funken von Hoffnung zu. Doch jetzt musste sie erneut die Finger vor seinen halb geöffneten Mund halten, um ein Lebenszeichen festzustellen.

Neben sich vernahm Grace ein erleichtertes Aufatmen, und sie schaute sich genau in dem Moment um, als der Apotheker das furchterregende Instrument aus der klaffenden Wunde zog. Zwischen der Zange, die dem Fremden so viele Schmerzen bereitet hatte, steckte die Kugel, die ihn an den Rand des Todes gebracht hatte.

„Sie saß sehr tief“, sagte Dunmow mit einem Anflug von Befriedigung. „Ein Wunder, dass er nicht daran gestorben ist. Offenbar hat sie sein Herz nur um Haaresbreite verfehlt.“

Er ließ die Bleikugel in eine Blechschale auf dem Nachttischchen fallen und legte die Zange zur Seite. Grace wandte sich wieder dem Franzosen zu. Ihr Blick streifte die klaffende Wunde nur kurz und ruhte schließlich auf dem bleichen Antlitz. Ihr Herz schien einen Freudensprung zu machen, als sie glaubte, eine schwache Regung in seinem Gesicht zu entdecken. Er hatte die schwere Operation überlebt!

„Was beabsichtigen Sie nun zu tun?“, fragte sie und schaute zu dem Apotheker hinüber, der gerade in seine kleine Instrumententasche griff.

„Ich werde die Wunde hiermit reinigen“, antwortete er und holte eine kleine Flasche hervor. „Die Kugel wird Bleispuren im Körper hinterlassen haben …“

„Die ihn vergiften könnten“, ergänzte Grace und strich dem Franzosen unbewusst eine Haarsträhne aus der schweißbedeckten Stirn. „Ja, bitte säubern Sie die Wunde gründlich.“

Mr Dunmow machte sich unverzüglich ans Werk, wischte das Blut weg und goss eine wohldosierte Menge aus der Arzneiflasche auf die Wunde. Die Flüssigkeit lief über die Brust des Mannes und tropfte auf die Laken. Grace nickte dem Apotheker dankbar zu, nahm ein frisches Stück Leinen und begann einen neuen Verband anzulegen, während Mr Dunmow den Oberkörper des Fremden leicht anhob.

„Dr. Ffrith wird sich die Wunde sicherlich ansehen wollen.“ Nachdem die Arbeit, die er zunächst nicht hatte erledigen wollen, getan war, wirkte Mr Dunmow so selbstzufrieden, als wäre die Operation seine eigene Idee gewesen. „Ich glaube, er hätte es auch nicht besser gekonnt, aber er wird den Burschen zu versorgen wissen, falls er Fieber bekommt.“

„Wie können wir das verhindern?“, erkundigte sich Grace besorgt, denn sie fürchtete erneut um das Leben des Franzosen.

Der Apotheker zuckte mit den Schultern. „Man könnte ihn zur Ader lassen, aber er hat ja schon so viel Blut verloren.“

Grace pflichtete ihm im Stillen bei. Sie hätte es niemals zugelassen, dass ihr Patient noch mehr geschwächt würde. Sie hoffte, dass Dr. Ffrith einen besseren Vorschlag hatte, sprach Mr Dunmow ihren aufrichtigen Dank aus und stellte ihm eine angemessene Bezahlung in Aussicht. Der Apotheker schien sich insgeheim darüber zu freuen, tat dann aber so, als habe er ihr bloß einen Gefallen getan. Da Grace gelernt hatte, es sich mit den Leuten aus der Gegend nicht zu verscherzen, unterließ sie es, Mr Dunmow an sein anfängliches Zaudern zu erinnern, während sie ihn aus dem Zimmer führte.

„Ich habe meine Arbeit getan, Miss Grace, aber ich kann nicht versprechen, ob er durchkommt“, sagte Mr Dunmow mit düsterer Miene, als er sich auf dem oberen Treppenabsatz noch einmal umdrehte. „Er ist noch lange nicht über den Berg. Das wird Ihnen auch Dr. Ffrith bestätigen. Lassen Sie ihn urteilen, aber wenn Sie mich fragen, steht es schlecht um Ihren Gast. Vermutlich wird er die Nacht nicht überleben.“

Verärgert über die Schwarzmalerei des Apothekers wuchs ihr Entschluss, das Leben des unbekannten Franzosen zu retten. Kaum hatte sie das Zimmer betreten, in dem der Franzose lag, wartete eine unangenehme Überraschung auf sie.

Die schwerfälligen Schritte auf der Treppe hätten sie warnen sollen, aber ihre ganze Aufmerksamkeit war erneut auf den Verwundeten gerichtet gewesen, als im nächsten Moment ihre alte Kinderfrau eintrat.

Mrs Mabel Lamport, eine rundliche Dame mit einem mächtigen Busen und einem ausgeprägten Doppelkinn, vergaß leider allzu oft, dass ihr Säugling von einst inzwischen zu einer Frau von achtundzwanzig Jahren herangewachsen war, die seit geraumer Zeit für sich selbst sorgte. Der Tod ihres Vaters lag nun schon beinahe fünf Jahre zurück. Seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr hatte Grace für ihren Vater den Haushalt geführt. Nachdem Pfarrer Dovercourts Frau gestorben und sein Sohn nach Rainham gezogen war, hatte er nur noch seine Tochter gehabt. Wegen ihrer Gehbehinderung war Grace schon früh zu der Überzeugung gelangt, dass sie sich nach keinem Ehemann umzuschauen brauchte. Stattdessen hatte sie den Platz ihrer Mutter eingenommen und sich um den Haushalt gekümmert.

Kaum hatte Mab aufgehört zu murren, Grace vergeude bloß ihre Jugendjahre, verstarb Mr Dovercourt. Doch anstatt zu ihrem Bruder zu ziehen, wie es sich für eine gut erzogene Frau in ihrer Situation schickte, hatte ihr widerspenstiger Schützling den Kauf eines kleinen Hauses in Erwägung gezogen, in dem sie nur mit ihrem Dienstmädchen leben wollte. Mab war mehr als empört gewesen.

„Das können Sie nicht machen, Miss Grace! Um Himmels willen, was hätte wohl Ihr seliger Vater, der Herr Pfarrer, dazu gesagt!“

„Er hätte mir gewiss zu dem Kauf geraten“, hatte Grace eigensinnig entgegnet. „Du weißt sehr wohl, dass Papa sich nie viel aus Anstandsregeln gemacht hat.“

„Dann denken Sie doch bitte an Ihren armen Herrn Bruder. Er wird von Ihrem Vorhaben ganz bestimmt nicht angetan sein!“

Grace hatte ihren Bruder Constant Dovercourt, der ebenfalls Pfarrer war, in der Tat lange überreden müssen, bis er ihre Entscheidung schließlich akzeptierte. Nachdem sie ihn nicht hatte überzeugen können, dass sie ihm finanziell nur zur Last fallen würde, hatte Grace ihre Gehbehinderung als Argument angeführt.

„Lieber Constant, sosehr ich deine Sorgen um mich auch nachvollziehen kann, möchte ich dich bitten, meine Situation zu verstehen. Wenn ich dein Angebot annähme und in dein Haus zöge, wäre ich nur eine Bürde für euch. Auch wenn ich es wollte, ich wäre Serena keine große Hilfe im Haushalt, denn wie du weißt, sind meine Kräfte begrenzt. Hinzu kommt, dass ich es nicht ertragen würde, jeden Tag an ein glückliches Familienleben erinnert zu werden, das mir nie vergönnt sein wird! Viel lieber würde ich es vorziehen, mein eigenes bescheidenes Leben zu leben.“

Grace hatte lange auf ihren Bruder einreden müssen, bis er ihr Vorhaben endlich guthieß. Nicht, dass er vom Gesetz her berechtigt gewesen wäre, seiner Schwester den Hauskauf zu verbieten. Immerhin war sie volljährig und besaß durch die kleine Erbschaft ihres Vaters die Möglichkeit, ihren eigenen Weg zu gehen.

Mab hatte sich nie mit der Entscheidung der jungen Frau abgefunden, und Grace hegte die starke Vermutung, dass ihre ehemalige Kinderfrau den Wirt Mr Lamport nur aus einem einzigen Beweggrund geheiratet hatte: Sie musste gefürchtet haben, im hohen Alter eine Last für Grace zu werden. Obwohl die treue Mab ihr ans Herz gewachsen war, hatte Grace bei der Aussicht aufgeatmet, ihre strengen Ermahnungen nicht länger hören zu müssen. Die tadelnden Worte hatten keineswegs abgenommen, aber Grace bekam sie nun in größeren Abständen zu hören, denn Mabs Pflichten im Wirtshaus ihres Mannes hatten sie weitaus mehr vereinnahmt als erwartet.

Dass Mab an diesem Morgen vorbeigekommen war, wunderte Grace nicht im Geringsten. Die alte Frau musste sich unverzüglich auf den Weg gemacht haben, nachdem ihr zu Ohren gekommen war, dass ihr Schützling aus heiterem Himmel vor der schweren Aufgabe stand, sich um einen Unbekannten zu kümmern, der eine Kugel in der Schulter hatte. Unglücklicherweise befand sich Mr Lamports Schenke in East Hall, wo auch der Apotheker wohnte, zu dem Jemima geeilt war. Vermutlich hatte sie es für ihre Pflicht gehalten, Mrs Lamport unverzüglich von dem Vorfall zu berichten. Nun war es nicht mehr zu ändern, und Grace machte sich auf die bevorstehenden Ermahnungen gefasst.

„Gütiger Himmel, hier ist ja was los, Miss Grace, aber ich will doch hoffen, dass Mr Mayberry den Burschen sofort aus dem Haus bringen lässt, bevor die Leute anfangen zu reden“, kam Mab ohne Umschweife zur Sache.

„Sprich bitte nicht so laut“, mahnte Grace und führte die alte Kinderfrau zum gegenüberliegenden Fenster. „Der Mann ist von der Operation erschöpft, und ich möchte nicht, dass er aufwacht.“

Mab versuchte einen Blick auf den Patienten zu werfen. „Unerhört, dass er sich gerade bei Ihnen eingeschlichen hat, Miss Grace, aber das ist nun wohl nicht mehr zu ändern. Sie sind ihn bald wieder los, glauben Sie mir.“

„Aber ich will ihn doch gar nicht los sein!“, entgegnete Grace leicht ungehalten. „Außerdem werde ich auf keinen Fall zulassen, dass irgendjemand den Fremden wegbringt. Er ist lebensgefährlich verwundet!“

Mabs Wangen röteten sich vor Entrüstung. „Sie werden ihn auf gar keinen Fall hierbehalten! Was sollen denn die Leute sagen?“

„Es interessiert mich nicht, was die Leute sagen, Mab, und wenn du nur hergekommen bist, um mit mir zu schimpfen, dann kannst du gleich wieder gehen!“

Mrs Lamport richtete sich empört auf. „Kein Grund, die Fassung zu verlieren, Miss Grace, denn Sie wissen sehr wohl, dass ich recht habe. Sie müssen an Ihren guten Ruf denken und …“

„Mab, um Himmels willen! Der Mann ist dem Tode nahe! Was kann er da schon tun, um meinen Ruf zu ruinieren?“

Mab rümpfte die Nase. „Er braucht gar nichts zu tun, und die Leute reden trotzdem.“

„Dann sollen sie sich eben das Maul zerreißen.“

Die Kinderfrau dachte einen Augenblick lang nach. „Nun, wenn Ihnen so viel daran liegt, den Mann hierzubehalten, dann bleibe ich am besten auch hier, solange er im Haus ist.“

Das hatte Grace gerade noch gefehlt! „Unmöglich, Mab. Für dich ist kein Zimmer mehr frei. Und außerdem kannst du Mr Lamport doch nicht im Wirtshaus allein lassen.“

„Ein oder zwei Tage wird er schon ohne mich auskommen“, beharrte sie.

„In der kurzen Zeit wird sich der Mann noch nicht erholt haben“, sagte Grace entschieden. „Nach all den Strapazen wird es meinem Patienten frühestens nach einer Woche besser gehen.“

„Er ist also Ihr Patient?“, fragte die Kinderfrau und sah ihren Schützling herausfordernd an.

Grace bedachte die Frau mit einem kühlen Blick. „Es ist ganz allein mein Fehler, dass er sich nun in diesem Zustand befindet. Ich habe ihn letzte Nacht gehört, und wenn ich aufgestanden wäre, hätte ich mich um ihn kümmern können. Dann hätte er nicht so viel Blut verloren.“

Es war zu erwarten, dass diese Erklärungen bei Mab wenig Anklang fanden. Doch während sie Grace auszureden versuchte, sie sei am Zustand des Mannes schuld, verwarf sie ihren ursprünglichen Plan, sich im Haus einzuquartieren. Sie kündigte an, in den kommenden Tagen für ein oder zwei Stunden nach dem Rechten zu sehen, um Grace am Krankenbett abzulösen.

„Danke für deine Hilfe, Mab. Ich käme sonst zu nichts mehr“, deutete Grace erleichtert an, „und wenn ich in Verzug gerate, schaffe ich meine Arbeit nicht. Und Mr Staply braucht das Schreiben am Ende der Woche.“

Kaum hatte Grace dieses Thema angesprochen, machte Mab ihr gleich den alten Vorwurf, sie verrichte Büroarbeit. Sie wollte Grace gerade zurechtweisen, als hinter ihnen ein angestrengtes Stammeln zu vernehmen war, sodass sie ihren Streit sofort unterbrachen.

Ils arrivent! … Sie kommen! … Mes papiers, mademoiselle … Sie werden dafür töten!“

2. KAPITEL

Grace eilte sofort zum Bett und sah, dass der Verwundete sie mit seinen grünen Augen anstarrte. In seinem Blick lag Verwirrung, aber auch Angst.

„Niemand kommt hierher. Beruhigen Sie sich. Sie haben nichts zu befürchten“, redete sie besänftigend auf ihn ein.

„Mes papiers“, flüsterte er mit gebrochener Stimme.

„Ich habe sie sicher verwahrt“, beruhigte Grace ihn und legte eine Hand auf seine Stirn. Seine Haut war kühl. Erleichtert atmete Grace auf, sah dem Mann erneut in die müden Augen und lächelte ihn an. „Ich glaube, Sie haben geträumt, Sir. Es besteht kein Grund zur Besorgnis. Sie müssen sich jetzt ausruhen.“

Die grünen Augen wurden matt, und der Mann bewegte kaum merklich den Kopf, als wollte er Grace zunicken. „Merci“, murmelte er, als seine Lider sich wieder schlossen. Im nächsten Augenblick war er eingeschlafen.

Als Grace aufschaute, sah sie, dass Mab an der anderen Seite des großen Bettes stand. Sie hatte die Arme in die Seite gestemmt, und ihre Augen funkelten streitlustig.

„Ein Franzose, wie?“, fragte sie mit einem unheilvollen Unterton.

Grace legte einen Finger an den Mund und brachte sie mit einem strengen Blick zum Schweigen. Dann ging sie zur Tür und machte Mrs Lamport ein Zeichen, ihr zu folgen. Rasch zog sie Mab aus dem Zimmer und lehnte die Tür an.

„Ich werde es nicht zulassen, dass du ihn aufweckst, Mab! Ja, er ist Franzose, aber ich möchte, dass du das noch für dich behältst.“

Mab rümpfte beleidigt die Nase. „Warum sollte ich etwas sagen? Sobald der Bursche den Mund aufmacht, weiß doch ohnehin jeder, woher er stammt!“

„Aber es kann dauern, ehe er wieder zu sich kommt. Ich möchte so lange wie möglich verhindern, dass man von der Herkunft des Fremden erfährt. Die Leute würden nur unangenehme Fragen stellen, wenn sie hören, dass er Franzose ist. Siehst du das ein?“

„Sie schweben in größerer Gefahr, als ich zuerst dachte. Das ist alles, was ich sehe“, brummte die Kinderfrau.

„Red keinen Unsinn!“, entgegnete Grace ungehalten.

„Ich möchte nicht wissen, was Ihr Herr Bruder dazu sagen wird!“

Erleichtert dachte Grace daran, dass sie in dieser Hinsicht Glück hatte. Constant war mit seiner ganzen Familie für mehrere Wochen an die Küste gefahren, weil die Seeluft seiner Frau guttat. Serena wirkte seit einigen Jahren kränklich, und nun musste Grace ihrem Bruder dankbar sein, dass er sich um die Gesundheit seiner Frau Sorgen machte. Denn zweifellos hätte Constant Dovercourt das Verhalten seiner Schwester nicht gebilligt.

Doch dann ergriff sie die Hände ihrer Kinderfrau und drückte sie. „Bitte, Mab, sei auf meiner Seite! Ich brauche deine Hilfe, meine Liebe.“

Grace schaute ihre Kinderfrau absichtlich mit flehenden Augen an, denn sie wusste nur zu gut, dass Mab ein weiches Herz hatte. Und sie sollte recht behalten. Mrs Lamport richtete sich auf und erklärte, dass sie immer zu Grace stehen würde, auch wenn sie ein ungutes Gefühl mit dem verwundeten Mann habe. Als die Kinderfrau dann noch feststellte, dass ihr Schützling in all der Aufregung noch gar nicht zum Frühstücken gekommen war, schimpfte sie die junge Frau erneut aus.

„Was nützen Sie dem Burschen, wenn Sie selbst verhungern, Miss Grace? Sie müssen bei Kräften bleiben. Ich bleibe bei ihm, damit Sie in Ruhe einen Bissen zu sich nehmen können. Machen Sie sich keine Sorgen.“

Grace ließ sich nur widerwillig zur Treppe geleiten, doch sie wusste, dass Mab trotz all ihrer Einwände genauso gut für den Franzosen sorgen würde wie sie.

Kaum hatte Jemima die unverwechselbaren Schritte ihrer Herrin vernommen, eilte sie aus der Küche und teilte Grace mit, dass sie im Salon schon den Tisch gedeckt habe. Sie wollte ihr Tee und ein paar pochierte Eier auf Toast servieren.

Als Grace den Salon betrat, bemerkte sie, wie hungrig sie war. Ein Blick auf die Uhr auf dem Kaminsims verriet ihr, dass es bereits kurz vor elf war. War es schon drei Stunden her, dass Jemima den Franzosen gefunden hatte? Weder Dr. Ffrith noch Mr Mayberry hatten bislang vorbeigeschaut, und das konnte nur bedeuten, dass man sie nicht zu Hause angetroffen hatte. Die Nachricht, dass ein verwundeter Mann in Miss Dovercourts Schuppen entdeckt und in ihr Gästezimmer gebracht worden war, hätte ausgereicht, um die beiden Männer unverzüglich in ihr Haus zu locken. Wie würden sie auf die Mitteilung reagieren, dass der Fremde Franzose war?

Plötzlich fielen ihr die Papiere ein, von denen er gesprochen hatte, nachdem er zu sich gekommen war. Sollte sie es jetzt riskieren, einen Blick darauf zu werfen? Nein, denn sie wusste, dass sich Neuigkeiten in einem Dorf rasch herumsprachen und sie schon bald nicht mehr ungestört wäre. Sie brauchte Zeit und Ruhe, um sie genau zu studieren. Ihr Inhalt schien brisant zu sein. Was hatte der Mann vorhin gesagt? Ils arrivent! „Sie kommen.“ Und diese Leute – um wen es sich dabei auch immer handelte – würden vor einem Mord nicht zurückschrecken, um in den Besitz der Schriftstücke zu gelangen. Gütiger Gott, in was für ein furchtbares Geheimnis war sie hineingezogen worden?

Dr. Ffrith war ein hagerer Mann, der die Angewohnheit hatte, ständig über den Rand seines Kneifers zu schauen. Die Leute meinten, er wäre überheblich, doch Grace hielt ihn nur für etwas altmodisch. Nach wie vor trug er eine Perücke, obwohl immer mehr Herren von vornehmem Stand ihr eigenes Haar nicht länger verbargen, und er ließ sich nicht davon abbringen, Grace mit ihrem Nachnamen anzusprechen. Dabei war sie in der ganzen Gegend als Miss Grace bekannt. Als Schwester des Gemeindepfarrers und Tochter eines angesehenen Mannes nahm Grace eine höhere gesellschaftliche Stellung ein, aber sie war es inzwischen gewohnt, dass der Arzt ihr gegenüber gern erkennen ließ, er gehöre zusammen mit ihr der erlauchten Elite der Gegend an.

Grace achtete stets darauf, nicht eingebildet zu wirken, und begegnete jedem gleichermaßen freundlich, aber sie war sehr wohl in der Lage, die Autorität ihrer Stellung geltend zu machen, wenn sie es, wie in diesem Fall, für notwendig hielt. Es ärgerte sie, dass der Arzt die ganze Angelegenheit zunächst mit Mr Mayberry – der ebenfalls anwesend war – durchgesprochen hatte, bevor er zu ihr gekommen war.

„Wie gut, dass ich nach Mr Dunmow geschickt habe“, rief sie zornig, „denn hätten wir die ganze Zeit auf Sie gewartet, wäre der arme Mann gestorben!“

„Clem sagte mir, dass der Apotheker bereits verständigt sei“, sagte der Arzt und warf ihr einen strengen Blick über den Rand seiner Brille zu, „ansonsten wäre ich sofort gekommen. Doch Clems Beschreibungen zufolge …“

„Kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit Clems Schwarzmalerei“, unterbrach sie ihn scharf. „Ich darf doch wohl davon ausgehen, dass ein Arzt seine Diagnose nicht von der Bemerkung eines einfachen Landarbeiters abhängig macht.“

Dr. Ffrith straffte die Schultern und schob sich die Brille auf die Nase. „Sie haben recht, das ist nicht meine Art, Madam. Da ich wusste, dass Mr Dunmow sein Bestes geben würde, um dem Mann zu helfen, hielt ich es für ratsam, umgehend alles Nötige zu veranlassen, um Ihnen, Miss Dovercourt, so schnell wie möglich diese Bürde abzunehmen. Die Verantwortung, die Sie sich auferlegt haben, muss Sie ängstigen.“

„Der Mann ist keine Belastung, ich verspüre nicht die geringste Angst, und ich übernehme auch die volle Verantwortung“, stellte sie kurz und bündig fest.

„Ich erlaube mir daran zu zweifeln, dass Ihr werter Bruder, der Herr Pfarrer, da Ihrer Meinung ist.“

Zorn regte sich in Graces Brust, doch sie riss sich zusammen. „Da Sie es für richtig hielten, meinem Bruder zu raten, seine Frau an die See zu bringen, Dr. Ffrith, hat es wenig Zweck, darüber nachzusinnen, ob Constant mir zugestimmt hätte oder nicht“, entgegnete sie gelassen.

Sie bemerkte, dass der Arzt die Sache noch nicht auf sich beruhen lassen wollte, und war deshalb froh, als Mr Mayberry sich endlich einschaltete.

„Wenn ich etwas anmerken dürfte, Miss Grace?“

Grace wandte sich dem Mann zu. Er hatte etwas abseits neben dem Sekretär gestanden, während sie in der Mitte des Salons mit dem Arzt gesprochen hatte. Mr Mayberry war ein großer, stämmiger Mann mit roten Wangen und dichtem braunen Haar, das an den Schläfen grau wurde. Als er nun vortrat, schien er den ganzen Raum einzunehmen.

„Ja, Mr Mayberry?“

„Miss Grace, in diesem Fall sind noch viele Fragen offen, da es so aussieht, dass der Bursche in unserem Pfarrbezirk angeschossen wurde. Wir hätten es mit einem versuchten Mord zu tun, sodass wir gut beraten wären, den Polizeibeamten hinzuzuziehen. Wenn es Ihnen daher nichts ausmacht, Miss Grace, würde ich gerne meiner Pflicht nachkommen und einen Blick auf den Verwundeten werfen.“

Eine dunkle Vorahnung beschleunigte Graces Herzschlag. Es bestand kein Zweifel, dass Mr Mayberry dazu befugt war, weshalb es unklug gewesen wäre, ihm dies zu verwehren. Sie konnte nur hoffen, dass der Franzose nicht bei Bewusstsein war. Um ihre Furcht zu verbergen, nahm sie einen herrschaftlichen Tonfall an.

„Sie dürfen ihn sehen, Mr Mayberry, aber Sie werden ihn auf gar keinen Fall aus dem Haus bringen!“

„Meine liebe Miss Dovercourt, wenn Mr Mayberry es als seine Pflicht ansieht …“

„Es ist nicht seine Pflicht, die Arbeit eines Verbrechers zu vollenden, der versucht hat, diesen Mann zu töten!“, unterbrach Grace ihn energisch. „Und Sie, Dr. Ffrith, werden gewiss zugeben, dass es unverantwortlich ist, einen Patienten fortbringen zu lassen, der bereits sehr viel Blut verloren hat.“

Der Arzt schürzte die Lippen, nahm seine Brille ab und schien sich mit seiner Antwort zurückzuhalten. Grace ging triumphierend an ihm vorbei und öffnete die Salontür. „Ich werde Sie beide nach oben geleiten, aber ich muss Sie bitten, den Schlaf des Mannes nicht unnötig zu stören.“

„Wenn Sie möchten, dass ich mir die Wunde anschaue, Madam, wird sich das nicht vermeiden lassen.“

Grace drehte sich um, als sie die Treppe erreicht hatte. „Ich habe Sie lediglich gebeten, bei Ihrer Untersuchung etwas Rücksicht zu nehmen.“

Dr. Ffrith ging darauf nicht weiter ein. „Wer ist im Augenblick bei ihm?“

„Mrs Lamport.“

Er war sichtlich erleichtert. „Ah, dann brauchen Sie sich nicht selbst um ihn zu kümmern.“

Grace erklomm bereits die Stufen und tat so, als hätte sie seine Bemerkung nicht gehört. Keinesfalls wollte sie sich auf einen unnötigen Wortwechsel einlassen, in dessen Verlauf sie nur in Wut geraten würde. Sollte der Arzt doch denken, was er wollte, wenn es ihn beruhigte. Ihr war im Augenblick nur eine Sache wichtig: Keiner der beiden Männer sollte veranlassen, den Franzosen wegzubringen.

Der Verwundete lag reglos im Bett, doch seine Atmung war ruhiger geworden. Grace verspürte das Bedürfnis, sich neben das Bett zu stellen, um den Mann vor den rigiden Untersuchungsmethoden des Arztes zu schützen. Doch dann zwang sie sich, an das Fußende zu treten und gab acht, dass sie nicht im Licht stand. Mit einer kurzen Handbewegung bedeutete sie Mab, zur Seite zu treten und die beiden Männer an das Bett zu lassen.

Dr. Ffrith nahm den Platz der Kinderfrau ein, während Mr Mayberry sich an die andere Seite des Bettes begab. Der Arzt beugte sich über den Fremden und betrachtete eingehend sein Gesicht. Dann setzte er seinen Kneifer wieder auf und schlug die Bettdecke zurück, um sich die Wunde anzuschauen. Zu Graces Erleichterung wich seine zunächst ablehnende Haltung dem professionellen Interesse eines Arztes.

„Sobald er sich im Bett aufrichtet“, sagte er leise, wobei er Mab über den Rand seiner Brille ansah, „muss er den Arm in einer Schlinge tragen, um die Schulterpartie über der Wunde zu entlasten.“

Die Kinderfrau blickte den Arzt und dann Grace an, die schwieg. Mab nickte und stimmte dem Mediziner zu. „Wie Sie meinen, Doktor.“

„Er sieht sehr schwach aus“, meinte Mr Mayberry und sah den Arzt an. „Glauben Sie, er wird überleben?“

„Er hat viel Blut verloren, aber ich werde Ihre Frage besser beantworten können, wenn ich seine Wunde gesehen habe.“

Während er den Verband entfernte, den Grace angelegt hatte, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Widerstreitende Gefühle regten sich in ihrer Brust. Einerseits hoffte sie auf die baldige Genesung des Franzosen und wusste, dass die fachkundigen Ratschläge des Arztes nur zu seinem Besten waren. Aber andererseits verspürte sie eine unerklärliche Eifersucht, dass jemand anders als sie den Mann berührte. Wenn sie in der Lage gewesen wäre, die Kugel zu entfernen, hätte sie auf die zögerlichen Dienste des Apothekers verzichtet. Was war nur mit ihr geschehen? Sie kannte den Fremden doch überhaupt nicht. Es kam ihr so vor, als habe sie sich mit dem Mann in dem Augenblick verschworen, als sie die geheimnisvollen Papiere an sich genommen hatte! Jene Dokumente – da war sie sich sicher –, für die er sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte.

Eine Engländerin, die ihr Vaterland liebte, hätte die Papiere unverzüglich den örtlichen Behörden aushändigen müssen. Doch der Gedanke, ihren wehrlosen Franzosen an die Behörden zu verraten, erfüllte sie mit Abscheu.

Sie stutzte. Ihr Franzose? Dachte sie in dieser Weise von ihm? Widersinnig. Es klang so, als wäre er ihr Eigentum, nur weil sie ihn in ihrem Haus gefunden hatte. Außerdem war es Jemima gewesen, die den Mann entdeckt hatte. Doch das Dienstmädchen hatte sich genauso wenig wie Mab mit der Tatsache abgefunden, dass Grace den Unbekannten in ihrem Haus beherbergte. Während des Frühstücks hatte sie Grace darauf angesprochen.

„Der Mann tut mir ja wirklich leid, Miss Grace, aber es ist schon alles in Unordnung geraten. Gar nicht auszudenken, wenn er dort oben stirbt! Dann könnte ich keinen Fuß mehr in dieses Zimmer setzen.“

War es daher angesichts all dieser kleinmütigen Befürchtungen verwunderlich, dass Grace sich auf die Seite des Fremden gestellt hatte? Er war allein in einem fremden Land und dem Tode nahe – wen hatte er außer sie?

Nachdenklich hatte sie Dr. Ffriths Untersuchungen verfolgt.

„Nun?“ Grace konnte einen scharfen Tonfall nicht unterdrücken, als der Arzt sich wieder aufrichtete.

Der Doktor schaute über den Rand seines Kneifers und wandte sich an den Gemeindevorsteher. „Ich muss Miss Dovercourt recht geben – wenn es mir auch widerstrebt. Sie können ihn nicht fortbringen lassen.“

Grace atmete erleichtert auf und trat an das Bett. „Was können wir für ihn tun?“

„Nicht viel. Halten Sie ihn warm. Wir haben zwar ein mildes Wetter, aber durch den Blutverlust ist seine Körpertemperatur sehr niedrig.“

„Ich hätte Jemima auftragen müssen, den Kamin anzuzünden“, äußerte sie besorgt und ärgerte sich, dass sie nicht früher daran gedacht hatte.

„Es wäre besser, wenn Sie ein paar heiße Ziegelsteine einwickeln und neben ihn legen würden. Ein aufgeheizter Raum ist schlecht für die Atmung. Lassen Sie das Fenster ein wenig auf, wenn Sie den Kamin doch anzünden müssen. Geben Sie ihm etwas Gerstensud, auch wenn er nur kurz wach ist. Und falls er etwas länger bei Bewusstsein ist, können Sie versuchen, ihm eine leichte Brühe zum Trinken zu geben – Geflügel oder Kaninchen. Kein Rindfleisch und schwer verdauliche Zutaten. Sie dürfen auch etwas Brot in der Suppe aufweichen, wenn er es schlucken kann.“

Grace nickte eifrig und wiederholte die Ratschläge des Arztes. „Heiße Steine. Gerstensud und wenn möglich eine leichte Brühe. Ausgezeichnet. Und seine Wunde?“

Der Doktor stellte seine Tasche auf das Nachttischchen und öffnete sie. „Dunmow hat gute Arbeit geleistet, wenn auch ein wenig unbeholfen. Die Wunde ist durch seinen Eingriff gedehnt geworden, aber ich vermute, die Kugel saß tief.“

„So war es.“

„Ich nehme an, dass er die Wunde mit Alkohol ausgewaschen hat.“

„Ich weiß nicht, was er verwendet hat.“

Dr. Ffrith nickte und griff in seine Tasche. „Ich werde Ihnen ein Pulver geben. Säubern Sie die Wunde erneut in der Nacht. Wenn sie trocken ist, tragen Sie das hier auf und legen einen frischen Verband an.“

Grace blickte besorgt zum Arzt. „Kommen Sie heute Abend nicht noch einmal vorbei, um nach ihm zu sehen? Was ist, wenn er Fieber bekommt?“

„Falls sich sein Zustand verschlechtert, lassen Sie nach mir schicken. Ansonsten werde ich morgen wieder vorbeischauen. Solange sich die Wunde nicht entzündet, wird er kein Fieber bekommen. Wir müssen darauf vertrauen, dass Mr Dunmows Heilmittel vorbeugt.“

Als Grace zusah, wie geschickt der Doktor die Wunde säuberte und das Pulver auftrug, vergaß sie ihren Groll gegen den Mann und wünschte, er hätte die Kugel entfernt. Dann hätte ihr Franzose gewiss weniger gelitten! Aber ohne Dunmows Hilfe wäre er sicherlich längst tot.

Als sie das Zimmer verlassen hatten, führte Grace die beiden Herren in ihren Salon. Der Arzt vergewisserte sich nochmals, dass Grace sich nicht allein um den Verwundeten kümmerte, während Mr Mayberry genau erfahren wollte, wie sie und Jemima den Fremden gefunden hatten. Gewissenhaft notierte er Graces Aussagen in ein Notizbuch.

Als Grace auf die Bezahlung des Doktors zu sprechen kam, die sie übernehmen wollte, wehrte Dr. Ffrith entschieden ab, und Mr Mayberry mischte sich ein, bevor es zu einem neuen Wortwechsel kam.

„Machen Sie sich darum keine Sorgen, Miss Grace. Die Gemeinde wird sich der Angelegenheit annehmen, keine Frage. Dr. Ffrith und ich werden uns darum kümmern. In der Zwischenzeit werde ich eine Suche in den Marschgebieten veranlassen, obwohl kaum noch damit zu rechnen ist, dass man irgendwelche Spuren finden wird.“

Grace war gerade im Begriff, Mr Mayberry in seinem Vorhaben zu bestärken, als Dr. Ffrith erneut auf die umstrittene Frage der Krankenpflege zu sprechen kam.

„Es gibt gewisse Dinge, die selbst Mrs Lamport nicht verrichten kann“, sagte er und sah mit leicht gerunzelter Stirn über den Rand seines Kneifers.

Diese etwas heikle Frage hatte Grace bereits beschäftigt. Der Doktor spielte darauf an, dass der Patient unbekleidet unter der Bettdecke lag, und machte sich Gedanken, wer die gewissen notwendigen Aufgaben übernehmen sollte. Doch sie war froh, dass sie sich schon eine Lösung überlegt hatte.

„Sie haben recht“, räumte sie ein, was den Arzt verblüffte. „Mrs Lamports Stiefsohn wird ein paarmal am Tag vorbeikommen.“

„Reuben Lamport?“, hakte Mr Mayberry nach. „Ja, er ist ein großer Bursche. Er wird mit dem Mann fertig, denn er wird ihn bestimmt hochheben müssen. Wenn ich Sie wäre, Miss Grace, dann würde ich ihn bitten, seine Rasierklingen mitzubringen. Ist der Bart erst einmal zu lang, wird es schwierig, ihn zu rasieren.“

Es belustigte Grace im Stillen, dass der stämmige Gemeindevorsteher offenbar nur an den Bart des Fremden dachte.

„Warten Sie noch ein, zwei Tage damit“, meinte der Doktor. „Wir sollten ihm jede unnötige Anstrengung ersparen. Das beste Heilmittel ist der Schlaf.“

Mr Mayberry zog die Stirn in Falten. „Sie glauben also, dass er durchkommt?“

Zu Graces Entsetzen schüttelte Dr. Ffrith den Kopf. „Ich halte es für wahrscheinlich, dass er seiner Verletzung erliegt. Miss Dovercourts Bericht zufolge wurde er in der Nacht in der Marsch angeschossen.“

„Ja, seine Kleidung war feucht. Vermutlich ist er in den Morast geraten.“

„Dennoch hat er es noch bis hierher geschafft, obwohl er auf dem ganzen Weg Blut verloren hat. Als er endlich Schutz fand, war er bereits zu schwach, um nach Hilfe zu rufen.“

Grace erinnerte sich an den Anblick, den der reglose Mann auf dem Boden des Anbaus geboten hatte. Sie entsann sich des merkwürdig verdrehten Arms. Offenbar hatte der Fremde noch versucht, die Blutung selbst zu stillen.

„Dass er so lange durchgehalten hat, ist ein Wunder“, fuhr der Doktor fort. „Der Mann scheint einen starken Überlebenswillen zu haben.“

Eine Woge der Verzweiflung erfasste Grace. Während sie in ihrem behaglichen Bett geschlummert hatte, war der Franzose mit jeder Stunde dem Tode näher gerückt.

Es war düster im Raum, als Henri zu sich kam. Er hatte undeutliche Schatten und gedämpfte Stimmen wahrgenommen, die in seine unruhigen Träume eingedrungen waren. Ein- oder zweimal hatte er die Umrisse eines fremden Gesichts erahnt, doch die ihm vertraute Frau schien nicht mehr da gewesen zu sein. Vor seinem geistigen Auge tauchten ihre Gesichtszüge auf. Es fiel ihm schwer, ihr Antlitz zu beschreiben, aber er wusste, dass sie ein wunderbares Lächeln und eine angenehme Stimme besaß. Wenn er an sie dachte, verspürte er Trost und Wärme.

Eine Weile lag er regungslos im Bett und starrte auf den Schatten über seinem Kopf, der sich als hölzerner Baldachin entpuppte. Henri genoss die Stille und Geborgenheit, die ihn umgab. Bildete er sich dies alles ein? Lebte er überhaupt noch? Es kam ihm sonderbar vor, dass er keinen Schmerz fühlte, obwohl er verwundet war. Keine Erinnerung störte die friedliche Ruhe, die ihn umgab. Vielleicht lag er im Sterben, und jeden Augenblick würden Engel vor ihm auftauchen. Als er bemerkte, dass er durstig war, erinnerte er sich plötzlich daran, dass ihm jemand mit einem Löffel Wasser eingeflößt hatte. Durst? Dann lebte er ja noch. Ein Geist hat kein Verlangen. Das Bedürfnis zu trinken nahm indes zu und riss ihn aus dem behaglichen Halbschlaf.

Als er den Kopf auf dem Kissen bewegte, vernahm er sogleich ein Geräusch neben sich.

„Machen Sie bitte den Mund auf.“

Etwas Hartes und Kaltes berührte seine Lippen. Er gehorchte und spürte augenblicklich eine angenehm kühle Flüssigkeit im Mund. Henri schluckte und öffnete den Mund erneut. Nach einigen Löffeln war sein Durst gestillt, und er versuchte, seine Hand unter der Bettdecke hervorzuziehen, um den Löffel wegzudrücken.

Im selben Moment rief ihm ein stechender Schmerz seine Verletzung in Erinnerung. Er zuckte zusammen und stöhnte leise auf.

„Seien Sie vorsichtig!“

Der Löffel verschwand aus seinem Gesichtskreis, und er fühlte kühlere Luft auf seiner Brust, als die Bettdecke kurz zurückgeschlagen wurde und jemand seinen gesunden Arm darauf legte, nachdem er wieder zugedeckt wurde. Henri ergriff die Hand und suchte mit matten Blicken nach dem vertrauten Gesicht, das sich wie von einem Lichtschein erhellt über ihn beugte. Er sah in graue Augen.

„Toi, alors? Je te reconnais!“

„Bitte, Sir, Sie dürfen sich nicht überanstrengen“, bat ihn dieselbe beruhigende Stimme, die er bereits zuvor gehört hatte. Es fiel ihm wieder ein, dass die Frau Englisch sprach.

„Ich erinnere mich an Sie“, wiederholte er in ihrer Sprache.

Ihr Lächeln kehrte zurück, und Henri fühlte sich von einer Woge der Erleichterung erfasst. Die Erinnerung war kein Traum. Er war wirklich wach. Die Frau zog ihre Hand zurück, und als sie sich bewegte, verschwand das Licht von ihrem Gesicht. Erst da merkte er, dass neben dem Bett eine Kerze brannte. War es Nacht? Wie lange lag er schon hier?

„Wissen Sie, wie spät es ist?“, brachte er heiser hervor.

„Wie spät?“, erklang ihre erstaunte Frage. „Ja, Sir, es ist nach acht. Draußen dämmert es schon.“

Durch diese Aussage war Henri nicht viel klüger. Gerne hätte er weitere Fragen gestellt, doch er verspürte ein dringendes Bedürfnis. Wie sollte er sich ausdrücken? Er schreckte vor der Vorstellung zurück, nach einem Nachttopf zu fragen. Zudem wusste er, dass er zu schwach war, um allein zurechtzukommen. Als habe sie seine Gedanken gelesen, stellte die Frau ihm die rettende Lösung in Aussicht.

„Ich werde Sie einen Augenblick allein lassen, Sir. Draußen wartet ein junger Mann namens Reuben, der sich um Sie kümmern wird, solange ich weg bin.“ Sie hielt inne, und ihre Stimme nahm einen besorgten Tonfall an. „Haben Sie meine Worte verstanden, Sir?“

Henri versuchte seinen Dank zum Ausdruck zu bringen. „Sie sind sehr gut zu mir, Mademoiselle.“

Dann sah er ihr Gesicht wieder über sich, und ihre Stimme senkte sich. „Ich muss Sie bitten, mir genau zuzuhören, Sir. Können Sie mich verstehen?“

Sein Blick erfasste die Konturen ihres Gesichts, und er nickte, obwohl er ihren Worten nicht so schnell folgen konnte. Die Frau war keine blendende Schönheit, aber sie hatte eine ungewöhnliche Ausstrahlung, die er sich nicht erklären konnte.

„Bitte sagen Sie dem jungen Mann nichts von Ihrer Herkunft“, sprach sie mit ernster Stimme. „Wenn Sie sich mit ihm verständigen müssen, sollten Sie Englisch sprechen. Reuben wird bemerken, dass Sie aus dem Ausland stammen, aber ich gehe davon aus, dass er Ihren Akzent nicht erkennen kann.“

Er begann den Sinn ihrer Worte zu begreifen und runzelte die Stirn. „Sie bitten mich, kein Französisch zu sprechen?“

„Genau. Es gibt gewisse Gründe, Ihre Nationalität so lange wie möglich geheim zu halten. Werden Sie das beherzigen, Sir?“

Er versuchte zu nicken. „Wie Sie es wünschen, Mademoiselle.“

Sie schenkte ihm ein Lächeln, und während er sie ansah, wunderte er sich, wie sehr es ihr Gesicht erstrahlen ließ. Es war verschwunden, als sie sich aufrichtete.

„Reuben hat Ihnen ein Nachthemd mitgebracht, und wenn Sie sich erleichtert haben, wird Jemima Ihnen ein wenig Brühe bringen. Ich hoffe, Sie versuchen etwas zu sich zu nehmen, Sir. Sie haben sehr viel durchgemacht, und jetzt müssen Sie wieder zu Kräften kommen.“

Die Frau kehrte sich vom Bett ab, und als Henri mühsam den Kopf drehte, sah er sie durch die Tür schlüpfen. Obwohl er zu müde war, um überhaupt noch etwas wahrzunehmen, war ihm ihr eigenartiger Gang aufgefallen. Seine Lider wurden schwerer, und sein Blick wurde verschwommen.

Jean-Marc rief nach ihm. Henri … Henri! Das Laternenlicht flackerte in der Dunkelheit, als er sich umdrehte, und ein lauter Knall hallte in seinen Ohren wider, sodass er erschrocken aufwachte. Benommen zwinkerte er und bemerkte den großen Schatten, der über seinem Bett aufragte.

„Ich bitte um Verzeihung, Sir, aber Miss Grace sagt, Sie brauchen dies hier.“

Henri erblickte einen großen jungen Mann, der sich äußerst diskret verhielt. Eine große Hand umschloss den Griff eines Nachttopfs aus Porzellan. Henri war erleichtert und vergaß im selben Augenblick die Anweisungen der Frau.

„Oui, mon brave, wie sehr ich das brauche!“

Nachdem sie die restlichen Bissen der Pastete und etwas Geflügelfleisch von der Brühe des Franzosen verzehrt hatte, die Jemima bereitet hatte, fühlte Grace sich gestärkt genug, um sich der Aufgabe zu widmen, die sie keinen Augenblick aus den Augen verloren hatte.

Der Tag war lang gewesen, und sie beabsichtigte, abwechselnd mit dem Dienstmädchen Wache am Krankenlager zu halten. Jemima war so sehr damit beschäftigt gewesen, Besorgungen zu machen, Ziegelsteine zu erwärmen, Fleischbrühe zu kochen und obendrein noch die durchnässte Kleidung des Franzosen zu trocknen, dass sie nicht mehr dazu gekommen war, die Abendmahlzeit vorzubereiten. Grace hatte das Dienstmädchen gegen vier Uhr gebeten, am Bett des Fremden zu wachen, während sie ein paar Essensreste verzehrt hatte, um dann sogleich wieder zum Krankenlager zurückzukehren. Unter dem Vorwand, Reubens Hilfe zu benötigen, war es ihr gelungen, Mab nach Hause zu schicken. In der Zwischenzeit hatte sie sich selbst um den Franzosen gekümmert, beruhigend auf ihn eingeredet und stets darauf geachtet, ob sich sein Zustand verschlechterte.

Die meiste Zeit über hatte er in todesähnlicher Erstarrung im Bett gelegen. In den kurzen Augenblicken, in denen er zu Bewusstsein zu kommen schien, hatte sie ihm mit einem Löffel etwas Gerstensud verabreicht. Er hatte erschreckend blass ausgesehen. Immer wieder hatte Grace seine Brust beobachtet, um zu überprüfen, ob er noch atmete. Nachdem sie Jemima damit beauftragt hatte, weitere Steine auf dem Ofen zu erwärmen, hatte sie die ersten Ziegel in Leinen geschlagen und neben den Franzosen gelegt. In regelmäßigen Abständen hatte sie die Steine an andere Stellen gelegt und neue eingewickelt, wenn die ersten abgekühlt waren.

Gegen Abend hatte der Fremde schon nicht mehr so furchtbar bleich ausgesehen, und Grace war erleichtert gewesen, als er sich ein wenig geregt hatte. Doch sie war in Sorge gewesen, als sich seine Wangen gerötet hatten, denn sie fürchtete ein beginnendes Fieber. Weil Reuben zu früh im Haus aufgetaucht war, um behilflich sein zu können, hatte Grace ihn zu Jemima geschickt, die unterdessen die verdreckten Stiefel des Fremden putzte. Aber schließlich wachte der Franzose auf und schaute sie mit seinen grünen Augen an, sodass Grace ganz erleichtert war. Sie gab Reuben Bescheid, den Verwundeten notdürftig zu waschen, ihm ein Nachthemd anzuziehen und mit dem Nachttopf behilflich zu sein.

Als sie allein in ihrem Salon war, wollte sie endlich einen Blick in die Papiere werfen, die sie für den Franzosen verwahrte. Im Laufe des Tages hatte sie immer wieder nach der Tasche ihres Unterrocks getastet. Und jedes Mal hatte sie einen leichten Schauer verspürt, endlich herauszufinden, wer auf den Franzosen geschossen hatte.

Sie hatte Jemima beauftragt, dem Fremden einen Teller Brühe zu bringen und Reuben fortzuschicken, sobald er fertig wäre. Obwohl Grace wusste, dass ihr Dienstmädchen beschäftigt war und so lange oben bleiben sollte, bis sie am Krankenbett abgelöst würde, öffnete sie vorsichtshalber ihren Sekretär und setzte sich davor. Wenn Jemima nun hereinkäme und sie mit den Papieren sähe, würde sie denken, dass sich Grace wieder ihrer Schreibarbeit gewidmet hätte.

Ihre Finger zitterten ein wenig, als sie in die Tasche ihres Unterrocks griff, um das Bündel hervorzuholen. Es war nicht ganz einfach, denn das Papier war getrocknet und hatte sich der Form der Tasche angepasst. Vorsichtig löste Grace die einzelnen Schriftstücke voneinander und legte zwei beiseite, die ein Siegel aufwiesen. Auf der Rückseite der gefalteten Papiere war kein Hinweis auf einen Empfänger oder irgendeine Anweisung. Sie hatte drei gefaltete Schriftstücke vor sich, abgesehen von dem Papier, in das die übrigen eingeschlagen gewesen waren. Dieses war unbeschrieben, aber Graces Blick fiel auf eine kleine Zeichnung, die wie eine Karte aussah. Die Straßen und Wege waren lediglich mit Initialen gekennzeichnet. Grace legte das Blatt zur Seite und konzentrierte sich auf das erste Dokument.

Ihr Französisch war gut, aber durch die Feuchtigkeit war die Tinte an einigen Stellen verwischt. Es gelang ihr, die wesentlichen Passagen zu entziffern, auch wenn sie nicht alle Wörter kannte. Soweit sie verstehen konnte, ging es um eine angesetzte Gerichtsverhandlung, für die der Angeklagte Zeugen benannt hatte, die zu seinen Gunsten aussagen sollten.

Enttäuscht nahm Grace ein anderes Schreiben zur Hand, denn sie war kein bisschen klüger. Bei dem zweiten Papier handelte es sich um eine Liste mit Namen, von denen einige bis zur Unkenntlichkeit verschmiert waren. Neben einigen von ihnen waren Gedankenstriche, hinter die jemand Bemerkungen geschrieben hatte – zu den Eigenschaften der Personen? Ein Name wurde als vertrauenswürdig bezeichnet, wie sie glaubte. Eine andere Person wurde beobachtet. Ein dritter Name war mit zwei Sternchen gekennzeichnet. Darunter waren weitere Namen aufgeführt. Waren Orte gemeint? Sie vermochte es nicht zu sagen.

Die Handschrift in den zwei Dokumenten schien dieselbe zu sein, und Grace fragte sich, ob der verwundete Franzose sie geschrieben hatte. Sie faltete das zweite Papier wieder zusammen und nahm sich das dritte vor. Diesmal hatte sie mehr Glück, denn es handelte sich zweifelsohne um einen Ausweis, der glücklicherweise nicht so sehr unter der Feuchtigkeit gelitten hatte. Einer schwierig zu übersetzenden Amtssprache folgte ein offizielles Siegel. Den Namen ihres Franzosen konnte sie mühelos entziffern.

Er hieß Henri Rousselle, und wenn sein Geburtsdatum stimmte, war er einunddreißig Jahre alt. Sein Beruf war als „Berater“ angegeben, aber es fehlte ein Vermerk, in wessen Diensten er stand.

Grace war von einer sonderbaren Freude erfüllt, dass sie nun den Namen ihres Patienten kannte. Henri. Schon stellte sie sich sein blasses schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen und sein zerzaustes schwarzes Haar vor. Sie dachte an seine grünen Augen und fand, dass der Name vorzüglich zu ihm passte. Henri.

Grace erschauerte leicht und strich gedankenverloren mit dem Finger über den Namen, als wolle sie seine Wirkung auf sie unterbinden. Rasch faltete sie den Ausweis zusammen und überflog erneut die beiden anderen Schreiben, ohne jedoch mehr zu erfahren. Verstohlen griff ihre Hand nach den beiden anderen Briefen. Grace war versucht, die Siegel aufzubrechen. Doch plötzlich fiel ihr ein, dass Henri Rousselle sie gebeten hatte, sie sicher zu verwahren, und sie wollte sein Vertrauen nicht enttäuschen. Stattdessen stand sie auf und hielt die Siegel dicht über die Kerzen des dreiarmigen Leuchters, den sie stets beim Schreiben benutzte. Die Eindrücke auf den Siegeln waren dieselben, doch sie ließen keinen Schluss auf ihren Besitzer zu.

Sie nahm erneut Platz, faltete die offenen Dokumente wieder zusammen und wickelte sie in den Papierbogen, der nichts als die kleine Karte aufwies. Sie überlegte, wo sie die Schriftstücke am besten verstecken sollte, damit sie niemand finden konnte – bislang wusste nur sie von ihrer Existenz. Als sie den Bogen mit der Zeichnung um die Schreiben schlug, machte sie plötzlich eine Entdeckung. Rasch legte sie die übrigen Dokumente beiseite und hielt den nahezu unbeschriebenen Bogen gegen das Licht.

Ein Wasserzeichen wurde sichtbar. Grace betrachtete es eingehend, während ihr Herzschlag sich beschleunigte. Ohne Zweifel, es war ein Wappen!

Seine Beine fühlten sich unglaublich schwer an, sodass er sie nicht mehr bewegen konnte. Einen Augenblick lang, als sein Bewusstsein zurückkehrte, fragte Henri sich, ob das Taubheitsgefühl von der Schussverletzung herrührte. Er hatte eine vage Erinnerung, dass er angeschossen worden war, aber er vermochte nicht zu sagen, wo genau die Kugel in seinen Körper eingedrungen war.

Befand er sich noch in der Marsch? Nein, das konnte nicht sein, denn hier fühlte er sich warm und geborgen, wenn er von dem tauben Gefühl in seinen Beinen absah. Weil er noch sehr schwach war, fiel es ihm schwer, seine Augen zu öffnen, doch ihm blieb keine Wahl, wenn er herausfinden wollte, was mit seinen Beinen geschehen war.

Er nahm einen schwachen Schimmer wahr, und allmählich erinnerte er sich, dass er die ganze Zeit über in einem großen Bett lag. Hatte ihn nicht ein zuvorkommender junger Bursche gewaschen und ihn versorgt? Mit den Fingern spürte er einen groben Stoff, der seinen nackten Leib einhüllte. Jemand hatte ihm ein Nachthemd angezogen.

Henri hob langsam den Kopf und verspürte noch im selben Augenblick einen stechenden Schmerz, der ihm unmissverständlich zeigte, wo er verwundet war. Sofort legte er den Kopf zurück auf das Kissen. Doch der kurze Blick hatte genügt, um die schemenhafte Erhebung zu sehen, die quer über seinen Beinen lag.

Weitaus vorsichtiger hob er den Kopf nur ganz leicht und schaute erneut auf das Bettende. Die Umrisse nahmen Gestalt an, und er blickte in ein schlafendes Gesicht, das ihm vertraut war. Unwillkürlich musste er sich bewegt haben, denn die Frau wachte sofort mit einem Ruck auf. Erschrocken richtete sie sich auf, und Henri war von dem Gewicht auf seinen Beinen befreit.

Er sah, wie sie verschlafen blinzelte. Zunächst starrte sie auf die Kuhle, die sie auf der Bettdecke hinterlassen hatte, dann schaute sie in sein Gesicht. Offenbar hatte sie sogleich gesehen, dass er wach war, denn sie lehnte sich nach vorne und stützte sich mit einer Hand auf dem Bett ab.

„Es tut mir so leid! Ich fürchte, ich bin eingeschlafen. Habe ich Sie geweckt?“

Henri lächelte. „Das macht nichts, Mademoiselle.“

Sie wirkte aufgeregt. „Doch. Sie haben so friedlich geschlafen, was Sie auch bitter nötig haben.“ Sie streckte die Hand aus, und er spürte die sanfte Berührung auf der Stirn. „Wie fühlen Sie sich?“

„Sehr gut, merci.“

Das ihm vertraute Lächeln umspielte ihren Mund. Sie zog die Hand zurück. „Sie haben kein Fieber, Gott sei Dank. Möchten Sie etwas trinken?“

Sie erhob sich, und er sah, wie sie an das Nachttischchen trat. Wieder vernahm er dieses sonderbare Geräusch, das ihre Schritte begleitete. Doch ehe er nachdenken konnte, hielt sie ihm den Löffel an die Lippen. Er bedankte sich und stillte seinen Durst.

„Gut“, lobte sie ihn schließlich und legte den Löffel zur Seite. Dann beugte sie sich über ihn und zog die Bettdecke bis unter sein Kinn. „Versuchen Sie noch ein bisschen zu schlafen.“

Dieser Vorschlag behagte Henri gar nicht. Er hatte das Gefühl, dass er dies bereits schon zu lange getan hatte. Stattdessen zog er den unversehrten Arm unter der Decke hervor und ergriff ihre Hand. Die Frau hielt inne und blickte ihn fragend an.

„Vergebt mir“, flüsterte er, „aber ich verspüre kein Verlangen nach Schlaf. Können wir uns nicht ein wenig unterhalten?“

Ihre Miene nahm einen besorgten Ausdruck an. „Wenn es Sie nicht zu sehr anstrengt, Sir. Sie haben viel Blut verloren und …“

Henri versuchte ihre Hand fest zu umschließen und verfluchte im selben Moment seine Kraftlosigkeit, als es ihm nicht gelang. „Sie brauchen meinen Tod nicht zu fürchten, Mademoiselle. Wenn der Allmächtige mich verschonen will, ist es gut so. Wenn nicht, bin ich vorbereitet.“

„Aber ich nicht!“, entgegnete die Frau scharf.

Sie zog ihre Hand zurück und richtete sich auf, sodass im Schein der flackernden Kerze Schatten über ihr Gesicht huschten.

„Ich habe Sie nicht vom Tod gerettet, Henri Rousselle, damit Sie sich leichtfertig aus dem Leben schleichen können!“, sagte sie streng, während ihre grauen Augen funkelten.

Er war erstaunt. „Sie kennen meinen Namen?“

Sie entspannte sich ein wenig, doch ihre Stimme hatte nichts von ihrem Trotz verloren. „Ich habe in Ihre Papiere gesehen“, gestand sie.

Henri musste unwillkürlich lächeln. „Dann sind Sie, wie sagt man bei Ihnen – im Vorteil? Werden Sie mir auch Ihren Namen verraten, Mademoiselle, denn Sie haben mich schließlich ge­rettet?“

„Ich bin Grace Dovercourt.“

Henri spürte ihren unterschwelligen Groll und begriff, dass er sie verärgert haben musste. Reumütig streckte er erneut die Hand nach ihr aus.

„Ich bitte Sie, helfen Sir mir, dass ich leben kann, Mademoiselle Grace. Es ist keineswegs so, dass ich sterben möchte, verstehen Sie? Aber seit Jahren bin ich ständigen Gefahren ausgesetzt, und daher ist es besser, auf alles vorbereitet zu sein. Vergeben Sie mir bitte.“

Grace konnte dem flehenden Ausdruck in diesen grünen Augen nicht widerstehen. Ihr fiel auf, dass Henri ihren Namen mit einem langen Vokal ausgesprochen hatte, was sich bezaubernd anhörte. Sie ertappte sich bei einem Lächeln, setzte sich auf die Bettkante und nahm seine ausgestreckte Hand. Er verschränkte seine Finger mit ihren.

„Schon gut, Sir.“

Unverwandt schaute er sie mit seinen grünen Augen an. „Nein, Grace, wenn ich Sie so nennen darf. Für Sie bin ich Henri.“

Wieder musste sie lächeln. „Nun gut, Henri.“

Sie wollte die Hand zurückziehen, aber er hielt sie fest. „Sagen Sie mir, wo bin ich hier?“

„In Wonts, Henri. Das wird Ihnen nicht viel sagen, denn es ist nur ein kleiner Weiler. Er besteht aus diesem Haus und den Cottages entlang des Weges, die zu der Farm in South Hall gehören. South Hall ist ein Dorf und liegt etwa eine halbe Meile entfernt. Dahinter befindet sich wiederum eine halbe Meile weiter das Dorf East Hall, aus dem der Apotheker kam, der Ihnen die Kugel entfernt hat.“

Henris Erinnerung kehrte zurück. „Dann haben Sie die Operation angeordnet, Grace.“

„Ja, denn er hätte Sie sterben lassen.“

Wieder lag diese Schärfe in ihrer Stimme, und er glaubte, dass sie ihn herausfordernd ansah. Sogleich versuchte er abzulenken. „Aber wo haben Sie mich überhaupt gefunden?“

„Sie hatten es bis in den Anbau meines Hauses geschafft.“ Henri sah verwirrt aus, doch dann nickte er. Da sie ihm klarmachen wollte, in welcher Lebensgefahr er geschwebt hatte, holte Grace weiter aus als zunächst beabsichtigt. „Dort befindet sich ein Ofen, den wir zum Wassererhitzen benötigen, und ich bin davon überzeugt, dass die Wärme Ihnen das Leben gerettet hat. Wenn Sie draußen in der Marsch geblieben wären, hätten Sie den Morgen nicht mehr erlebt.“ Sie hielt kurz inne und fuhr dann mit ernster Stimme fort. „Nachdem mein Dienstmädchen Sie gefunden hatte, dachten wir zunächst, Sie wären bereits tot. Und dafür, Henri, trage ich die alleinige Schuld.“

Henri starrte sie erschrocken an. „Sie haben mich doch gerettet, Grace. Ich kann Ihnen nicht folgen!“

„Aber so war es“, erwiderte sie mit einem tiefen Bedauern in der Stimme. „Ich hörte, dass jemand in den Anbau eingedrungen ist, dachte aber, es wäre eine Katze gewesen. Ich habe tatsächlich ein Miauen gehört und sah mich in meiner Vermutung bestätigt. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als mir bewusst wurde, dass ich beinahe für Ihren Tod verantwortlich gewesen wäre, wenn Sie die vergangene Nacht nicht überlebt hätten!“

Hatte sie sich deshalb so sehr um den Franzosen gekümmert? Es war selbstverständlich, dass sie dem Mann geholfen hatte, aber es war lächerlich zu glauben, sie hätte ihn beinahe umgebracht. Immerhin war nicht sie es gewesen, die ihn in der Marsch angeschossen hatte. Henri wechselte das Thema und drückte sacht ihre Finger.

„Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie gesagt, dass Sie einen Blick auf meine Papiere geworfen haben?“

Grace beeilte sich, ihn zu beruhigen. „Nur auf die, die offen waren. Die Siegel habe ich nicht aufgebrochen. Ich konnte allerdings nicht alles verstehen – abgesehen von dem Ausweis. Ich war froh, als ich endlich Ihren Namen erfuhr.“

Seltsamerweise schien dieser Aspekt den Franzosen nicht weiter zu interessieren. „Wo haben Sie die Papiere hingetan?“

„Sie sind sicher verwahrt, das verspreche ich Ihnen, obgleich ich befürchte, dass die Feuchtigkeit hier und da die Schrift verwischt hat. Ich habe ein Versteck, das nur ich kenne. Da keiner von den Schriftstücken weiß, wird es auch niemandem einfallen, danach zu suchen.“

Henri atmete erleichtert auf. Wären die Papiere verloren gewesen, hätte Grace ihn ebenso gut sterben lassen können, denn er hätte keine Zukunft mehr gehabt. Erst jetzt, als er den Kopf auf das Kissen sinken ließ, merkte er, wie erschöpft er war. Schließlich ließ er ihre Hand los und schob den Arm wieder unter die Decke.

„Ich stelle fest, dass Sie recht haben, Mademoiselle Grace. Ich habe noch nicht die Kraft, um mich länger zu unterhalten.“

Grace wusste, dass es töricht von ihr war, aber sie konnte sich eines Gefühls der Enttäuschung nicht erwehren. Sie erkannte, wie wichtig die geheimen Papiere für ihn waren, und beschloss, dass sie niemals in die Hände der Gemeindebeamten fallen durften. Als sie sich der Gefahr bewusst wurde, in der Henri schwebte, beugte sie sich über das Bett, denn sie musste ihm unbedingt etwas sagen.

„Ich habe noch eine Bitte, Henri.“

Er hatte die Augen bereits geschlossen, doch bei diesen eindringlichen Worten öffnete er die Lider. „Oui.“

„Wenn Dr. Ffrith morgen kommt, müssen Sie so tun, als wären Sie immer noch sehr geschwächt. Haben Sie das verstanden?“ Sie entdeckte Verwunderung in seinen grünen Augen, und ihr Herz begann schneller zu schlagen. „Bitte, Henri, machen Sie, was ich sage! Man wird versuchen, Sie von hier fortzubringen! Dr. Ffrith und der Gemeindevorsteher Mr Mayberry – und vermutlich noch andere Leute.“

Es erzürnte sie, dass ihr Patient ihre Besorgnis nicht zu teilen schien. „Vermutlich ist es besser so. Ich bin eine Belastung für Sie. Sie können mich ruhig fortbringen lassen.“

Zum zweiten Mal nahm Henri wahr, wie heftig es unter ihrem ruhigen Äußeren brodelte. „Das werde ich nicht zulassen! Verstehen Sie denn nicht, Henri? Wir befinden uns im Krieg mit Frankreich! Sobald man erfährt, aus welchem Land Sie stammen, wird man versuchen, Sie ins Gefängnis zu stecken. Die Behörden werden Sie für einen Spion halten. Oder für einen émigré, einen politischen Flüchtling. Die Umstände Ihrer Ankunft werden unweigerlich Verdacht erwecken. Außerdem reden die Leute darüber, dass mein Ruf in Gefahr sei. Wie sie allerdings darauf kommen, Sie könnten mir in Ihrem Zustand etwas antun, begreife ich nicht!“

Henri lachte angestrengt auf. „Da haben Sie wohl recht.“

„Gewiss. Aber so sind die Menschen auf dem Land nun mal, mögen sie auch sonst herzensgut sein. Und Sie, nehme ich an, gehören einem anderen Stand an.“

Grace sah, dass etwas wie Argwohn in seinem Blick auftauchte. Sie seufzte. „Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben, Henri. Das wissen Sie doch? Von Rechts wegen hätte ich Ihre Papiere Mr Mayberry aushändigen müssen oder dem Steuerbeamten Mr Wooferton. Aber das werde ich nicht tun.“

„Warum nicht, Grace?“

Sie unterdrückte ein Schluchzen. „Weil Sie ein Gentleman sind, und ich Angst davor habe, dass die Leute das herausfinden. Weil ich mir die Schuld für Ihren Zustand gebe. Weil …“ Sie hielt inne, holte tief Luft und sprach gefasster weiter. „Es gibt viele Gründe. Ich weiß nicht, wer Sie töten wollte, aber jemand hat es versucht. Und wenn Ihre Feinde Sie wieder aufspüren, dann möchte ich Sie selbst beschützen und nicht auf die Männer vertrauen, denen nicht viel an Ihrem Leben liegt, weil Sie ein Franzose sind.“

3. KAPITEL

Grace täuschte Hunger vor und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Schinken und die Eier, die Jemima ihr zubereitet hatte, während sie geduldig Mabs Frage beantwortete.

„Ja, es geht ihm ein wenig besser, aber bei Weitem noch nicht gut genug, sodass wir ihn fortbringen könnten. Er ist noch sehr schwach.“

Mabel Lamport hatte sich wie selbstverständlich zu ihrem ehemaligen Schützling an den Tisch gesetzt und dankte dem Allmächtigen im Stillen, dass der Mann im oberen Stockwerk noch lebte. Doch von ihrem Entschluss, den Franzosen aus Graces Haus zu schaffen, konnte sie offenbar nichts abbringen.

„Hmm!“, sagte sie verstimmt. „Wenn er die Nacht überstanden hat, muss er die Konstitution eines Ochsen haben! Ich wage zu behaupten, dass er es überleben wird, wenn man ihn wegbringt.“

„Wohin denn?“, wollte Grace wissen. „Wer soll ihn bei sich aufnehmen? Henri ist nicht nur ein Franzose, sondern auch ein Gentleman.“

Der alten Kinderfrau stieg eine auffallende Röte in die Wangen. „Henri also? Und woher kennen Sie seinen Namen, wenn ich fragen darf?“

Um Zeit zu gewinnen, nahm Grace einen Schluck Kaffee – von diesem Luxusgetränk konnte sie nicht lassen. Nicht einmal Mab durfte sie in das Geheimnis der brisanten Dokumente einweihen.

„Er hat ihn mir genannt.“

Mab warf Grace einen misstrauischen Blick zu. „Ich dachte, er ist viel zu schwach, um zu sprechen. Hatten Sie nicht gesagt, dass es Ihnen nicht gelungen ist, irgendetwas über ihn in Erfahrung zu bringen?“

„Habe ich auch nicht.“ Das entsprach der Wahrheit. „Wir haben uns einander vorgestellt, als er für kurze Zeit in der Nacht zu sich gekommen war.“

Viel zu spät merkte Grace ihren Fehler. Mab machte ihrer Entrüstung Luft.

„Gütiger Gott, haben Sie etwa die ganze Nacht an seinem Bett verbracht? Was sollen bloß die Leute sagen, möchte ich wissen? Nun, ich könnte Ihnen sagen, was sie denken, und genau das würde auch ich tun, wenn ich es nicht besser wüsste. Was ist nur in Sie gefahren, Miss Grace? Warum haben Sie denn nicht nach mir geschickt, wenn Jemima nicht an seinem Krankenlager sitzen konnte?“

„Du glaubst doch nicht im Ernst, ich lasse die arme Jemima die ganze Nacht an seinem Bett wachen. Sie hat schon genug zu tun“, protestierte Grace. „Außerdem habe ich dir gesagt, dass ich mich für seinen Zustand verantwortlich fühle. Es ist doch wohl das Mindeste, was ich für ihn tun kann.“

„Da können wir nur hoffen, dass niemand davon erfährt! Es hat sich bereits in der Gemeinde herumgesprochen, dass der Bursche hier liegt, und Samuel musste ja jedem gleich auf die Nase binden, dass er wie ein Gentleman aussieht. Wie sollen wir Ihren Ruf wahren, Grace, wenn irgendjemandem zu Ohren kommt, dass Sie die Nacht in seinem Schlafgemach verbracht haben.“

Grace konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Du solltest auch noch verraten, dass Henri nicht nur ein Gentleman ist, sondern obendrein auch außerordentlich gut aussieht. Dann wird niemand annehmen, meine Tugend sei in Gefahr.“

Ihre alte Kinderfrau rang nach Luft und fuhr erbost fort: „Nun, und warum nicht, Miss Grace? Glauben Sie ja nicht, Sie würden auf Männer keine Wirkung ausüben. Hätten Sie in all den Jahren nur ein bisschen mehr aus sich gemacht! Wenn Sie nicht in diesen fürchterlichen Kleidern herumlaufen würden und nicht jeder Grille Ihres feinen Herrn Vaters nacheifern würden, wären Sie längst verheiratet. Und dann gäbe es keinen Franzosen, der Ihrem Ruf gefährlich werden könnte.“ Sie hielt inne und starrte Grace aufgebracht an. „Ja, das mag Sie vielleicht erheitern, Miss Grace, aber Sie wissen, dass ich recht habe!“

Grace hatte schon einen Schluckauf vom Lachen bekommen. „Ich mache mir doch nichts vor, Mab. Wenn ich eine Schönheit wäre, hätte es vielleicht einen Mann gegeben, der über meine Behinderung hinweggesehen hätte. Aber …“

„Was reden Sie da für einen Unsinn, Miss Grace! Von all den …“

„Mab, hör bitte für einen Moment auf, mich zu schelten!“, fiel Grace ihrer Kinderfrau ins Wort. „Wenn du endlich begreifen würdest, dass ich mit meinem Schicksal recht zufrieden bin, dann bräuchten wir uns nicht ständig zu streiten. Wenn dir wirklich etwas an mir liegt, dann solltest du dich bemühen, vor den Leuten zu betonen, dass mein Ruf nicht durch einen Mann gefährdet werden kann, der beinahe gestorben wäre. Und wenn du bei klarem Verstand bist, dann wirst du sicher einsehen, dass ein so gut aussehender Mann wie Henri, selbst wenn er auf eine Verführung aus wäre, sich wohl kaum mit einer achtundzwanzigjährigen Frau abgeben würde, die ein lahmes Bein hat!“

Es freute Grace im Stillen, dass es ihrer alten Kinderfrau zum ersten Mal die Sprache verschlagen hatte. Und so trank sie ihren Kaffee aus, erhob sich vom Tisch und strich die Falten ihres grünen Kattunkleides glatt. Sie hatte sich umziehen müssen, da ihr blaues Baumwollflanellkleid während der Pflege des Verwundeten verschmutzt worden war. Kaum war sie an der Tür angelangt, als ein lautes Klopfen den – wie sich später herausstellen sollte – Ersten einer ganzen Schar von Besuchern ankündigte.

Joe Piper glaubte nicht, sich für sein Auftauchen rechtfertigen zu müssen, denn das Haus in Wonts lag auf seinem Weg von Rainham zur Postannahmestelle in Wennington. Von dort ging er in die einzelnen Dorfschaften und verteilte Briefe an die Leute, die für seine Dienste bezahlten. Grace hatte kaum Schriftverkehr und hielt es nicht für nötig, für dieses Privileg in die Tasche zu greifen. Außerdem hatte Joe ihr die wenigen Briefe, die sie erhielt, immer kostenlos überbracht, denn Jemima war seine Tochter.

„Es ist nur meine väterliche Pflicht, Miss Grace“, begann der Briefträger. „Denn ich muss mich doch davon überzeugen, dass meine Jemima nicht von diesem Räuber bedroht wird, der in Ihr Haus eingedrungen ist.“

Wie nicht anders zu erwarten, widersprach seine Tochter ihm auf der Stelle. „Er ist kein Räuber, Vater! Er ist ein Gentleman, und bildhübsch dazu. Außerdem ist er für niemanden eine Gefahr, denn er liegt im Sterben.“

Piper, ein hagerer, nicht besonders großer Mann mit scharf geschnittenen Gesichtszügen trug einen spitzen Hut, der seinen Beruf erkennen ließ. Er warf Grace einen fragenden Blick zu.

„Ist er schon tot, Miss Grace? Das wundert mich nicht, wenn ich bedenke, was Clem uns erzählt hat. Ich sollte vielleicht Mr Holwell holen, damit er alles für die Beerdigung vorbereiten kann.“

„Vielen Dank, Joe, aber das wäre zu voreilig“, entgegnete Grace eisig. „Er lebt noch, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass er sich wieder ganz erholen wird.“

Joe stand unsicher vor der Salontür und blickte verstohlen zur Treppe hinauf. „Ich schätze, dann wird er bald fortgebracht. Mr Mayberry hat bereits vorgeschlagen, den Burschen zu sich zu holen, dann bräuchte man ihn nicht weiter als eine halbe Meile zu tragen.“

Jemima schnaubte spöttisch. „Ja, damit er auf halbem Weg sein Leben aushaucht! Sein Zustand lässt es nicht zu, dass man ihn wegbringt, Papa, und das wird Miss Grace auch dir sagen.“

Und jedem anderen, der die Absicht hegte, den Franzosen fortzuschaffen – mit deutlichen Worten! Doch Grace hielt sich zurück. Zu ihrer Überraschung und Erleichterung schaltete Mab sich in das Gespräch ein, um ihrem Schützling beizustehen.

„Man wird ihn fortbringen, wenn sein Zustand es erlaubt, Joe Piper“, sagte sie energisch, wobei ihre Augen streitlustig aufblitzten. „In der Zwischenzeit schaut unser Reuben hier vorbei, um Miss Grace und Jemima gewisse Dinge abzunehmen, die sich bei der Pflege eines Kranken für Damen nicht schicken.“

Diese Erklärung schien Joe jedoch noch nicht zufriedenzustellen. Die Arme in die Seite gestemmt, baute er sich vor Mab auf und neigte den Kopf angriffslustig.

„Wenn euer Reuben im Haus ist, soll er gefälligst die Finger von meiner Jemima lassen!“

„Oh, Papa!“

„Hör auf mit diesem ‚Oh, Papa‘, Mädchen! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass ich diesen großen Tollpatsch nicht als Schwiegersohn haben möchte?“

„Ich will dir mal was sagen, Joe Piper“, erwiderte Mab wutschnaubend. „Mr Lamport will auf keinen Fall, dass unser Reuben so ein geschwätziges Weib wie deine Jemima heiratet!“

„Geschwätziges Weib?“, wiederholte Jemima empört. „Und ich will Ihnen sagen, dass ich nicht vorhabe, Ihren Reuben zu heiraten!“

Hier hielt Grace es für nötig einzuschreiten. „Hört auf, alle miteinander! Ich werde nicht zulassen, dass mein Patient durch euer unsinniges Gezanke gestört wird! Komm in den Salon, Joe, dann hole ich die Rechnungen aus meinem Sekretär. Ich habe sie in aller Aufregung vergessen, und vielleicht kannst du sie zu Mr Mayberry bringen, denn er hätte sie eigentlich schon gestern bekommen müssen.“

Als Joe eintrat, drängte er sich an Mab vorbei, die trotzig das Kinn hob und wieder zum Tisch ging. Jemima nutzte die Gelegenheit, in die Küche zu flüchten. Als Grace den Sekretär öffnete, teilte ihr Joe etwas mit, das sie aufhorchen ließ.

„Ich weiß nicht, ob Mr Mayberry zu Hause ist, Miss Grace. Denn er hat gesagt, dass er nach Rainham wollte, um sich mit Mr Wooferton zu besprechen. Er ist der Steuerbeamte, und dieser Bursche hier stammt doch wohl nicht aus unserem Pfarrbezirk. Gestern hat Mr Mayberry Leute in die Marsch geschickt. Sie sollten herausfinden, wer den Mann angeschossen haben könnte. Clem und Sam sind losgezogen, dann noch Billy Oaken und ein paar andere Männer aus South Hall.“

Grace wurde augenblicklich an die Gefahr erinnert, in der Henri schwebte. Sie ließ sich ihre Besorgnis aber nicht anmerken, als sie sich umwandte und Joe die fein säuberlich abgeschriebenen Rechnungen reichte.

„Haben die Männer etwas entdeckt?“, fragte sie gespielt gleichgültig.

„Nichts Nennenswertes. Ein paar Blutspuren und Fußabdrücke, die vom Bach zum Weg führten.“

„Beim Allmächtigen!“, rief Mab aus.

Grace lief ein Schauer über den Rücken. „Sein Blut und seine Fußspuren?“

„Offenbar. Sehr undeutlich allerdings. Die Männer, die morgens zur Arbeit müssen, haben viele der Spuren an der Kreuzung verwischt. Doch Mr Mayberry glaubt, dass sie von Ihrem Patienten stammen.“

„Und was ist mit seinem Verfolger?“

Joe schüttelte den Kopf. „Nichts zu finden. Mr Mayberry sagt, dass es nichts nützt, nach weiteren Spuren zu suchen, solange der Bursche nicht mehr sagt. Man weiß ja nicht, in welcher Gegend der Mann herumgelaufen ist. War er in Rainham Marsh oder in Wennington Marsh?“

„Das stimmt“, räumte Grace ein, während eine unbestimmte Angst in ihr aufstieg. „Und dann gibt es da noch Avely Marsh weiter östlich. Er könnte sich überall aufhalten!“

Doch wenn Henri von einem Landsmann verfolgt wird, überlegte Grace, dann war es sehr wahrscheinlich, dass er von der Themse gekommen war. Und falls er tatsächlich in der Nähe des Bachlaufs in Rainham Marsh angeschossen worden war, läge es nahe, das Marschland bis zum Flussufer abzusuchen.

Als sie verstohlen zu Mab hinübersah, glaubte Grace, dass ihre alte Kinderfrau zu einer ähnlichen Schlussfolgerung gekommen war. Da sie Angst hatte, Mab könne ihre Vermutungen jeden Augenblick aussprechen, beeilte sie sich, Mr Piper zur Haustür zu begleiten. Auf der Veranda bat sie ihn noch, ihr alle Neuigkeiten sofort mitzuteilen.

„Denn du wirst bestimmt als Erster erfahren, ob sich irgendetwas ereignet hat, Joe.“

Mr Piper fühlte sich geehrt und versicherte ihr, er werde Augen und Ohren offen halten. Auf dem Weg drehte er sich noch einmal um. „Wenn ich noch etwas sagen darf, Miss Grace. Mir gefällt es gar nicht, dass meine Tochter mit dieser ganzen Mordsache zu tun hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Ihrem werten Bruder, dem Herrn Pfarrer, gefällt, dass der Bursche in Ihrem Haus ist.“

Grace durfte sich ihre Verärgerung nicht anmerken lassen, sodass sie sich schnell von ihm verabschiedete. Warum musste jeder erwähnen, was Constant womöglich zu ihrem Verhalten sagte? Da Mab sich bereit erklärte, Jemima zur Hand zu gehen, und Reuben im Augenblick dem Patienten behilflich war, setzte Grace sich an ihren Sekretär, in der Hoffnung, sich wieder auf ihre liegen gebliebene Schreibarbeit konzentrieren zu können. Sie hatte gerade die beiden letzten Abschnitte von Mr Staplys Schreiben durchgelesen, als sie durch ein erneutes Klopfen an der Haustür in ihrer Arbeit unterbrochen wurde. Es war der Apotheker, der nachsehen wollte, ob seine Mühen umsonst gewesen waren.

„Ganz im Gegenteil“, erwiderte Grace und fügte anerkennend hinzu: „Sie haben ihm das Leben gerettet, Mr Dunmow. Und Dr. Ffrith hat Ihre Arbeit gelobt und betont, es sei richtig gewesen, die Wunde mit Alkohol zu reinigen. Dadurch haben Sie wahrscheinlich verhindert, dass der Patient Fieber bekommt.“

Mr Dunmow strahlte vor Freude. „Ah, nichts geht über die alten Methoden. Wird schon seit eh und je auf den Schlachtfeldern praktiziert. Aber ich bin wahrlich erstaunt, Miss Grace, dass er die Nacht überlebt hat!“

Grace lächelte. „Nun, Dr. Ffrith hat uns freundlicherweise erklärt, wie nach der Operation am besten zu verfahren sei, und daher ist es uns bislang gelungen, den Patienten am Leben zu erhalten.“

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