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High Heels im Hühnerstall

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Kapitel 1: Eine überraschende Wendung

Kapitel 2: Eine folgenschwere Entscheidung

Kapitel 3: Tante ante Bahnsteigkante

Kapitel 4: Hühner im Bach, Kröten im Eimer, Schmetterlinge im Bauch

Kapitel 5: Im »Seligen Schweinchen«

Kapitel 6: Frau in Not

Kapitel 7: Frau trifft Bauer

Kapitel 8: Erstens kommt es anders …

Kapitel 9: …, und zweitens als man denkt!

Kapitel 10: Der Speck lässt von der Schwarte nicht

Kapitel 11: High Heels im Hühnerstall

Kapitel 12: Was bleibt

Kapitel 13: Nachspiel

Kapitel 14: Untergrasbacher Rodeo

Kapitel 15: Vermächtnisse und Visionen

Kapitel 16: Es war das Schwein und nicht die Nachtigall

Kapitel 17: Da streiten sich die Geister

Kapitel 18: Alte Freundschaft rostet nicht

Kapitel 19: Der verzärtelte Kater

Kapitel 20: Es spukt und teufelt

Kapitel 21: Stimmen aus dem Jenseits

Kapitel 22: Richtig reich ist nur der Scheich

Kapitel 23: Tantes Charlie

Kapitel 24: Wer bin ich und warum?

Kapitel 25: Showdown

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Kapitel 1: Eine überraschende Wendung

Freitag, 23. August 2013

»Kopfschmerzen? Schon wieder?«

Nico glotzte mich wütend an: »Was sollen die ständigen Vorwürfe? Ich bin einfach extrem gestresst.« Ich merkte, wie ich vor lauter Empörung in Schnappatmung verfiel. »Das macht jetzt den fünften Fehlversuch bei fünf aufeinanderfolgenden Treffen. Das ist doch nicht mehr normal.«

»Und was bitte, Frau Doktor Zwilling, ist normal?«

»Normal ist, wenn ein Mann von einer Frau einfach nicht genug bekommen kann«, dozierte ich. Nico schüttelte den Kopf und hievte seinen durchtrainierten Körper aus dem Bett.

»Ich geh duschen. Deine seltsame Vorstellung von Normalität und du, ihr seid mir definitiv zu durchgeknallt.« Durchgeknallt? Ich? Musste ich mir das von jemandem sagen lassen, der als typische Borderline-Persönlichkeit gar nicht in der Lage ist, eine harmonische Beziehung zu führen? Und der dies in den letzten zwei Jahren fast täglich unter Beweis gestellt hat? Wie konnte ich bloß auf diesen Egomanen hereinfallen? Zwei Jahre Beziehung, in denen wir höchstens zehn Wochen nicht gestritten haben. Gut, ich gebe zu: meine diversen Komplexe und ich sind sicher auch nicht ganz pflegeleicht. Aber Nico, Nico ist schlicht und einfach … verrückt. Wäre die Welt gerecht, müssten all diese karrieresüchtigen und selbstverliebten Männer wie er in einer geschlossenen Anstalt sitzen. Die Welt ist aber nicht gerecht und deswegen trägt Nico keine Zwangsjacke, sondern Armani, und ist Mitinhaber einer erfolgreichen Werbeagentur. Das erklärt aber noch nicht ganz, warum ich ausgerechnet mit diesem Kerl zusammen bin.

Die Antwort lautet: Weil ich, Anna Zwilling, 39, ein beziehungstechnischer Super-GAU bin. Obwohl man mir immer wieder sagt, wie attraktiv meine rote Mähne, die zahlreichen Sommersprossen und meine sehr weiblichen Rundungen wirken, und obwohl mich die meisten Menschen angeblich liebenswert finden, konnte mich das nie so richtig überzeugen. Selbstbewusstsein zählt einfach nicht zu meinen Stärken.

Und daher suche ich mir immer wieder aufs Neue die falschen Verehrer aus. Was zur Folge hat, dass ich noch nie in einer Beziehung wirklich glücklich war. Schuld sind die völlig entgegengesetzten Vorstellungen, die mein Kopf und mein Bauch von einem begehrenswerten Partner haben. Mein Kopf schwärmt von väterlichen Männern mit Humor, Bildung und Herzenswärme, während mein Bauch erheblich simpler gestrickt ist. Ein Kerl braucht nur muskulös gebaut und – ganz wichtig – mit einem überbordenden Selbstbewusstsein ausgestattet zu sein, schon liege ich praktisch in seinem Bett. So komme ich dann zu einem Freund wie Nico.

›Anna, tief durchatmen‹, ermahnte ich mich. Ich wollte mich nicht schon wieder streiten, also versuchte ich mich mit angelernten Atemtechniken auf Normalnull herunterzubringen und zwecks Konfliktlösung eine objektive Perspektive einzunehmen. Es lässt sich zum Beispiel nicht abstreiten, dass Nico erstaunlich einfühlsam sein kann. Und gutmütig. Und hilfsbereit. Zumindest so lange das von seiner Umgebung entsprechend gewürdigt wird. ›Stopp, Anna‹, rügte ich mich. ›Objektiv bleiben!‹ Objektiv gesehen, war der Beziehungsalltag der letzten zwei Jahre meist schwierig gewesen, der Sex jedoch nahezu perfekt. Ich war hingerissen von Nicos wunderbar durchtrainiertem Körper, seiner Zärtlichkeit und seiner maßlosen Begierde. Leider ließ die inzwischen jedoch deutlich zu wünschen übrig.

Als ich bei unserem letzten Treffen Nico fragte, ob er mich nicht mehr begehrenswert fände, wurde dieser allseits für seine Eloquenz bewunderte Mann plötzlich erstaunlich wortkarg und murmelte nur »Probleme in der Agentur. Wenn wir so weiter machen, sind wir in wenigen Monaten pleite.«

Würde mir in einer solchen Situation die Lust auf Sex nicht ebenfalls vergehen? Überhaupt war es sicher unklug von mir, Nico bei unseren Treffen so unter Leistungsdruck zu setzen. Ich entschied mich spontan, mal was anderes zu probieren und ihn unter der Dusche einfach nur zärtlich einzuseifen und ausgiebig zu streicheln. Womöglich entstand am Ende mehr daraus. Gedacht, getan. Gerade als ich die Tür zum Bad öffnen wollte, begann Nico lauthals »I don’t wanna talk about things we’ve gone through …« zu singen. Obwohl diese Zeile Nicos Widerwillen gegenüber Beziehungsgesprächen perfekt wiederspiegelte, fand ich es trotzdem merkwürdig, dass er ausgerechnet The Winner Takes It All von ABBA trällerte.

Normalerweise tat er dies nur, wenn seiner Agentur ein fetter Kunde ins Netz gegangen war. Meine innere Miss Marple wurde hellhörig. Wie passte der gestresste Sexmuffel-Nico mit dem tirilierenden Gewinner-Nico zusammen? Die Antwort lag auf der Hand: überhaupt nicht. Dass er nun schon zum fünften Mal hintereinander unseren einst so leidenschaftlichen Sex wegen angeblicher Kopfschmerzen boykottierte, sprach Bände. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber was? Wieder einmal überfiel mich der Impuls, einfach mit Nico Schluss zu machen. Aber ich finde, mit fast vierzig sollte frau sich eine Trennung sehr genau überlegen. Wer weiß schon, ob sich überhaupt noch was Besseres findet?

Selbst Lisa, meine beneidenswert gutaussehende beste Freundin, tut sich inzwischen schwer, einen passenden Partner zu finden. Dabei ist sie fünf Jahre jünger als ich. Wir kennen uns seit ihrem Klinikpraktikum und sind in den letzten Jahren gemeinsam durch dick und dünn gegangen.

Lisa ist Krankenschwester, macht ihren Job zwar gerne und gut, findet ihn aber aus unerfindlichen Gründen ›total spießig‹. Sie träumt davon, Schauspielerin zu sein, und so fließt ein nicht unerheblicher Teil ihres Einkommens in private Schauspielseminare. Dass Filmproduzenten alle ihre bisherigen Bewerbungen mit Pauken und Trompeten abgelehnt haben, stört sie wenig. Seitdem wir uns kennen, steht ihr Durchbruch – wie sie unermüdlich wiederholt – ›unmittelbar bevor‹. Lisas Optimismus ist in allen Lebenslagen grenzenlos. Eine Eigenschaft, die ich sehr bewundere.

Mitten in diese Überlegungen hinein klingelte neben mir auf dem Nachttisch Nicos Smartphone. Erstaunlich, dass er es außerhalb seiner Reichweite liegen gelassen hatte, denn normalerweise achtete er penibel darauf, es immer griffbereit zu haben. Offenbar stand er derzeit tatsächlich etwas neben sich. Ich konnte mir nicht verkneifen, einen Blick auf das Display zu werfen. LISA, blinkte es mir in großen Lettern so lange entgegen, bis das Vibrieren abbrach. Verblüfft kratzte ich mich am Unterarm, eine meiner vielen kleinen Angewohnheiten.

Was konnte Lisa wohl von Nico wollen? Sicher, die beiden kannten sich. Aber bislang war ich davon ausgegangen, dass sie sie sich nur dann trafen und sprachen, wenn ich dabei war. Nicos Handy klingelte ein zweites Mal. War das etwa schon wieder meine Freundin? Tatsächlich: Ein kurzer Blick bestätigte den Verdacht. Irritiert schlüpfte ich in meine Klamotten und überlegte, ob ich einfach grußlos abhauen oder Nico wegen Lisas Anrufen zur Rede stellen sollte. Natürlich war nichts dagegen einzuwenden, wenn meine Freunde und Freundinnen untereinander Freundschaften knüpften. Dass jedoch weder Lisa noch Nico jemals ein Wort über ihren Kontakt verloren hatten, fand ich ziemlich befremdlich.

Aus dem Badezimmer hallte weiterhin das Gewinner-Gejohle, als Nicos Handy kurz piepte: Er hatte eine SMS bekommen.

Sofort begann in meinem Inneren ein harter Kampf zwischen dem anerzogenen Respekt vor fremden Privatsphären und meiner heftigen Neugier. Meine gute Erziehung hatte in diesem Fall nicht den Hauch einer Chance. Während mein angeblich so kopfwehkranker Liebhaber weiterhin aus voller Kehle sang, griff ich mir schuldbewusst sein Smartphone und las: ›Hey Süßer, übernachtest du heute bei mir? Lisa‹. Mein Herz krampfte sich zusammen und mir war, als würde meine gesamte Welt in Scherben zerbrechen. Einige Momente lang war ich komplett gelähmt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Aber dann verwandelte sich meine Ohnmacht in eine unbändige Wut. Wut auf mich und meine Naivität, aber vor allem Wut auf Nicos Ausreden und Lügen.

Keine Sekunde später stürmte ich in das Badezimmer. »Du Schwein!«, brüllte ich. Nico starrte mich überrascht an. »Was schreist du so? Bist du jetzt endgültig übergeschnappt?«

»Du betrügst mich mit meiner besten Freundin und ich bin übergeschnappt?«, tobte ich.

»Ich betrüge dich mit deiner besten Freundin?«, fragte er und drehte den Dschungelregen ab.

»Das hier ist ja wohl an Deutlichkeit kaum zu überbieten«, stellte ich mich direkt vor ihn und hielt ihm Lisas SMS unter die Augen.

Der eindeutige Beweis seiner Untreue brachte ihn zumindest äußerlich nicht aus der Ruhe.

»Ach so, Lisa. Mir war gar nicht klar, dass sie deine beste Freundin ist«, log er mir dreist ins Gesicht.

Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Die Wahrheit zu hören ist etwas anderes, als sie nur zu ahnen. Weinende Frauen konnte Nicos sensibles Machogemüt nicht ertragen. »Komm Anna, hör schon auf«, brummelte er und versuchte frech meine Wange zu streicheln, was ich durch einen schnellen Schritt nach hinten zu verhindern wusste.

»Lisa und ich haben halt mal miteinander geschlafen. Na und? Das ist doch kein großes Drama. Es war einfach nur Sex.«

»Einfach nur Sex?«, schrie ich entrüstet. »Einfach nur Sex? Einfach nur mit meiner besten Freundin? Hast du eigentlich auch ein Hirn? Und ein Gewissen? Oder bestehst du nur aus Testosteron, das du nach Belieben an- und ausschaltest? Du verdammter Idiot!«

Ich warf ihm sein dämliches Phone vor die Füße und stürmte aus dem Badezimmer. Keinen Wimpernschlag länger wollte ich mit diesem Menschen, dem ich unklugerweise zwei Jahre meines Lebens geschenkt hatte, in einem Raum sein. Ich schlug mit Karacho die Wohnungstür hinter mir zu und rannte die Treppe hinunter.

Unten angekommen war ich unschlüssig. Was tun? Um in meine Wohnung zu gehen, war ich zu aufgewühlt. Ein paar hundert Meter weiter wohnte Lisa. Bis vor wenigen Minuten noch war sie der einzige Mensch gewesen, dem ich rückhaltlos vertraute. Ohne sie kam ich mir in Berlin plötzlich völlig einsam und verlassen vor. Andere hatten in solchen Situationen ihre Familie. Meine Mutter jedoch war vor zwei Jahren gestorben und mein Vater war ausgerechnet an meinem dritten Geburtstag mit seiner Sekretärin durchgebrannt.

Hätte Nico sich eine andere Gespielin für seine Abenteuerlust gesucht, wäre Lisas Wohnung mein natürlicher Zufluchtsort gewesen. Nun war sie Feindesland. Trotzdem bewegte ich mich wie ferngesteuert darauf zu. Erst langsam und zögernd, dann immer schneller. Irgendetwas in mir sträubte sich mit aller Macht gegen die Vorstellung, dass Lisa – MEINE Lisa – mir in den Rücken gefallen sein sollte. Ob aus Unglauben oder aus Masochismus: Diese ungeheuerliche Botschaft wollte ich aus ihrem eigenen Mund hören.

Vor dem Eingang ihrer kleinen Ladenwohnung hielt ich noch einmal kurz inne und war einen Moment lang versucht, auf dem Absatz kehrt zu machen. Dann klopfte ich vehement an ihre Tür.

Es dauerte ein wenig, bis Lisa von drinnen rief: »Wer ist da?«

»Ich bin’s, Anna«, rief ich, eine Spur zu laut.

»Mach auf, wir müssen reden!«, wollte ich ergänzen. Stattdessen kam kein Ton über meine Lippen. Die flammende Rede, die ich mir auf dem kurzen Weg zu ihr zurechtgelegt hatte, war wie weggewischt. Der Anblick meiner besten Freundin, die mir von einer Sekunde auf die andere völlig fremd geworden war, traf mich noch viel härter, als befürchtet. Die Vorstellung wie sie und Nico sich küssten und miteinander schliefen, machte mich fertig. Fast am Schlimmsten war der Gedanke, wie er mir hinterher schamlos seine Ammenmärchen von Stress und Kopfschmerzen auftischte und wie Lisa und er sich womöglich gemeinsam darüber lustig gemacht hatten. Wortlos schaute meine Ex-Freundin mich an. Offenbar ahnte sie schon, worum es ging.

»Anna, was ist?«, sagte sie nach einer geraumen Weile, als sie merkte, dass von mir nichts kam. Ich spürte, wie mir wieder die Tränen kamen und war froh, als mir spontan einfiel:

»Ich will meinen Schlüssel zurück!«

Lisa sackte zusammen. »Anna, es tut mir so leid, es war … es ist … einfach so passiert. Ich weiß, wie das für dich aussehen muss, aber …«

»Gib mir bitte einfach nur meinen Schlüssel.«

Mit aller Willenskraft versuchte ich, die Tränen niederzukämpfen. Ich wollte Lisa auf keinen Fall die Genugtuung geben, mich am Boden zu sehen. Niemand auf der Welt sollte mich jemals wieder schwach sehen. Lisa griff zum Schlüsselbrett und drückte mir den Schlüssel in die Hand. »Anna, ich verstehe, dass du sauer bist. Und enttäuscht. Aber lass uns bitte in Ruhe über die Sache reden.«

»Da gibt es nichts zu reden. Wie lange läuft das zwischen euch schon?«

»Spielt das eine Rolle?«

»Ja, wie lange?«

»Zwei Wochen. Aber wir haben nur ein einziges Mal miteinander geschlafen«, betonte sie, als ob das irgendetwas an ihrem Verrat ändern würde. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Heftig aufschluchzend drehte ich mich um und lief einfach davon. Passanten starrten mich irritiert an, aber das war mir egal. Nur noch undeutlich hörte ich, wie sie mir ein flehendes »Anna! Bitte bleib stehen!« hinterherrief. In meinem Kopf rotierte in einer Endlosschleife The winner takes it all. Ausgerechnet bei der Zeile »But tell me does she kiss, like I used to kiss you, does it feel the same, when she calls your name …« hatte die Platte einen Sprung.

Kapitel 2: Eine folgenschwere Entscheidung

Freitag, 23. August 2013

Als ich zu Hause ankam, hatten die Tränenfluten nicht nur mein gesamtes Mascara weggeschwemmt, sondern ich war auch völlig aus der Puste und versank in Selbstmitleid. Um mich ein wenig zu trösten, beschloss ich, mir einen Espresso zu machen. Dabei fiel mir ein, dass die sündhaft teure Kaffeemaschine ein Geburtstagsgeschenk von Nico war. Ich überlegte kurz, ob ich sie konsequenterweise aus dem Fenster werfen sollte, entschied dann aber, dass sie nichts für Nicos schändlichen Betrug konnte. Draußen sah es zwar schwer nach Regen aus, aber noch war es trocken und vor allem warm, also setzte ich mich mit dem Espresso auf den Balkon meiner kleinen Dachgeschosswohnung und guckte gen Himmel. Dass dieser genauso schwarz wie meine Stimmung war, schien mir nur folgerichtig. Es war einer dieser Momente, die ich aus Pippi-Langstrumpf-Filmen kannte. Wenn es mir besonders schlecht ging, redete ich mit meiner Mutter, genau wie sie. »Mama, warum nur habe ich kein Glück mit Männern?«, murmelte ich leise und beobachtete, wie erste Regentropfen auf der Tischplatte landeten und sich zusammen mit ihren Nachfolgern in kleine Pfützen verwandelten. Ich dachte daran, wie ich als kleines Mädchen oft gut gelaunt durch die Pfützen unseres Schöneberger Hinterhofes gehüpft war. Hatte ich jedoch schlechte Laune, gab es nur zwei Menschen, die mich wieder aufheitern konnten. Das war zum einen natürlich meine Mama und zum anderen ihre ältere Schwester Elisabeth, die ich meistens Tante Stops nannte. Stops war der Geburtsname der beiden Schwestern.

Elisabeth war der Grund, dass Mama und ich aus der schwäbischen Kleinstadt, in der ich geboren worden war, nach Berlin zogen. Sie betrieb in Schöneberg einen kleinen Kiosk, und weil meine alleingelassene Mutter für sich und mich Geld verdienen musste, hoffte sie, über die Kontakte ihrer Schwester leichter Arbeit zu finden. Mein Vater war ein lausiger Alimentezahler, also musste Mama mächtig ranklotzen, damit wir uns über Wasser halten konnten. Da ich keines dieser vernachlässigten Schlüsselkinder werden sollte, parkte sie mich nachmittags meist im Kiosk. Der war das Paradies. Es gab Süßigkeiten und Brause satt, und weil nur relativ wenig Kundschaft kam, hatte meine Tante auch viel Zeit. Zeit, die sie nutzte, um mit mir zu spielen. Trotz ihres aus meiner damaligen Sicht biblischen Alters – sie war knapp so alt, wie ich jetzt bin – war Elisabeth ein echter Kindskopf geblieben. Ständig erfand sie Regeln für kleine Spiele und Wettkämpfe, bei denen sie mich am Ende immer gewinnen ließ. Am liebsten aber lotste sie mich in wilde Rollenspiele oder improvisierte mit mir komplette Theaterstücke. Unsere gemeinsamen Nachmittage waren für mich das Größte.

Bis ich in die Pubertät kam, dann wurden mir die ständigen Spiele und spontanen Darbietungen von einem Tag auf den anderen zu albern. Meine Tante, das Improvisationsgenie, stellte sich sofort um. Sie wurde zu meiner engsten Vertrauten, zum Kummerkasten für all meine kleinen und größeren Sorgen. Von mir aus hätte das immer so weitergehen können, aber im Januar 1988 änderte sich plötzlich alles.

Traditionsgemäß hatten meine Mutter und meine Tante, die aus einem kleinen Kaff namens Untergrasbach stammten, jedes Jahr zur »Grünen Woche« Besuch von Bauern aus der Heimat. Einer dieser Bauern war ein gewisser Erwin Hartlieb, der meiner Tante mit übermenschlicher Geduld und Ausdauer seit Jahren den Hof machte. Im Januar 1988 war es so weit, er hatte sie weich gekocht. Schon ein halbes Jahr später wohnte Elisabeth zu meinem Leidwesen auf dem platten Land, hieß mit Nachnamen Hartlieb und war keine Kioskbesitzerin mehr, sondern Bauersfrau. Von da an sollte ich nach dem Willen der beiden Schwestern ständig Ferien auf dem Bauernhof machen. Weil ich schon damals ein fürchterlicher Sturkopf war – eine Eigenschaft, die allen Frauen unserer Familie eigen ist – wehrte ich mich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen diese Art der Landverschickung. Auch wenn ich Tante Stops, speziell in den ersten Jahren ihres Ehelebens, sehr vermisste, war ich in Berlin doch zu einer typischen Großstadtpflanze herangewachsen, der alles Ländliche und Kleinstädtische aus tiefstem Herzen zuwider war. ›Natur‹ war für mich nur ein anderes Wort für ›Allergie‹, und Tiere – gleich welcher Rasse, Größe und Beschaffenheit – machten mir vor allem eins: Angst! Dazu kam, dass ich eine Eiche nicht von einer Brennnessel und ein Pferd nicht von einem Maulwurf unterscheiden konnte. Ich hatte auch keinerlei Ambitionen, diese Wissenslücken zu schließen, denn ich hegte nicht die Absicht, das sichere und zivilisierte Leben einer Großstadt gegen die Tortur eines steinzeitlichen Daseins im hinterwäldlerischen Nirgendwo einzutauschen. Davon abgesehen rief alles Provinzielle in mir undeutliche Erinnerungen an die drei Kleinfamilien-Jahre mit meinem Vater hervor, und das ist noch heute eine Zeit, die ich liebend gern aus meinem Gedächtnis streichen würde.

So kam es, dass ich Tante Stops nur noch bei ihren immer seltener werdenden Berlin-Besuchen sah, die 1998, nach dem vorzeitigen Unfalltod ihres Ehemannes, vollends einschliefen. Als Witwe und Alleinerbin des Bauernhofes war sie von da an beruflich rund um die Uhr gefordert. Obwohl ich es mir immer wieder vorgenommen und meiner Tante bei unseren regelmäßigen Telefonaten auch häufig versprochen hatte, war Untergrasbach für mich nach wie vor unbekanntes Land.

Jetzt, mit verheulten Augen und gebrochenem Herzen, vermisste ich Tante Stops auf einmal fürchterlich. Ich erwog eine Nanosekunde lang, ihr und ihrem Hof, der Hartliebmühle, den längst überfälligen Antrittsbesuch abzustatten. Den Bruchteil einer Nanosekunde später kam ich von dieser Idee wieder ab. Die Gefahr war einfach zu groß, auf dem platten Land in noch tiefere Depressionen zu verfallen als in meinem geliebten Berlin. Dummerweise hatte ich nicht den Schimmer einer Ahnung, was ich mit den nächsten Tagen anfangen sollte. Ablenkung durch Arbeit fiel aus, denn ausgerechnet gestern hatte ich meinen, wegen zahlreicher Überstunden auf 6 Wochen aufgeblähten, Jahresurlaub angetreten. Und die Lust auf den mit Nico geplanten Städtetrip nach Barcelona und die ebenfalls geplante Rügen-Radtour mit Lisa hatte ich nun wirklich verloren.

Beim ersten Donnerschlag des aufziehenden Gewitters fiel mir ein, dass Tante Stops mich einst bei schlimmen Unwettern so lange durch selbst erfundene Geschichten abgelenkt hatte, bis ich das draußen tobende Spektakel völlig vergessen hatte. Eigentlich hatte es bei Kummer nie eine bessere Gesellschaft gegeben als sie. Wer außer ihr konnte sowohl eine amüsante Unterhalterin als auch eine einfühlsame Zuhörerin und Gesprächspartnerin sein? In meiner Lage war ein Besuch bei Tante Stops die einzig richtige Entscheidung – plattes Land hin oder her. Als ich jetzt fest entschlossen zum Handy griff, fiel mir ein, dass sie telefonisch gar nicht erreichbar war. Vor einigen Jahren hatte ihr ein durchreisender Vertreter eines dieser damals hoch angesagten Multifunktionsgeräte aufgeschwatzt. Leider war es Tante Stops nie gelungen, den Apparat von dem werkseitig eingestellten Faxmodus auf Telefonempfang umzustellen. Seitdem erreichte man sie nur noch per Fax. Ihre eigenen Anrufe erledigte sie vom Apparat der Dorfkneipe aus.

Da ich selber kein Faxgerät besitze und auch nie kapiert habe, wie man aus dem Laptop heraus Faxe verschickt, war ich gezwungen, zum drei Straßen weiter gelegenen Copy-Shop zu flitzen. Und das im einsetzenden strömenden Regen. Triefend wie ein begossener Pudel schrieb ich dort einige Minuten später mit meiner Ärztinnenklaue schwer leserliche Druckbuchstaben auf ein blütenweißes DIN-A4-Blatt: »Liebe Elisabeth, ich würde dich übers Wochenende gerne spontan besuchen kommen. Ist das ok? Ich bin sicher, wir hätten viel Spaß zusammen. Deine Anna, von hinten wie von vorn«.

›Anna, von hinten wie von vorn‹, hatte meine Tante mir irgendwann während unserer gemeinsamen Kiosktage als liebevollen Spitznamen verpasst.

Der freundliche Copy-Fachmann jagte den Text sirrend durch das Faxgerät. Ich zahlte und eilte nach Hause. Als ich völlig durchnässt die Wohnungstür öffnete, hörte ich bereits meinen Festnetzapparat klingeln. Wer auch immer schnurlose Telefone erfunden hat, sollte mal darüber nachdenken, wie viele – womöglich lebenswichtige – Gespräche seine Erfindung verhindert. Ständig ist man – oder zumindest ich – auf der verzweifelten Suche nach dem achtlos irgendwo hingeworfenen Gerät. In einer Wohnung wie meiner, die selbst nach stundenlangem Aufräumen so aussieht, als wäre sie vom ersten Berliner Tsunami verwüstet worden, ist das eine nahezu aussichtslose Angelegenheit. Rrring rrring verhöhnte der Hörer meine hektischen Versuche, ihn in den zahllosen Stapeln von Klamotten, Dreckwäsche und Handtüchern zu finden. Wild wühlte ich mich durch die diversen Textilberge, während das Klingeln munter weiter ging. Meine Tante konnte in diesen wenigen Minuten unmöglich von ihrem Hof in die Dorfkneipe gelangt sein. Wer also ließ es so ausdauernd läuten? Die meisten meiner Freunde kannten die Festnetznummer gar nicht, sondern nur die von meinem Handy. Ich fand den Hörer in der Spülmaschine. Eines Tages würde es böse mit mir enden.

»Zwilling«, schnaufte ich atemlos.

»Anna, von hinten wie von vorn«, jubilierte es durch den Hörer.

»Elisabeth!?« Ich klang genauso fassungslos wie ich war. »Wie hast du es denn so schnell vom Hof in die Dorfkneipe geschafft?«

»In die Dorfkneipe?« Jetzt klang sie fassungslos.

»Na, um mich anzurufen.«

»Du meinst, ich müsste mich erst betrinken, um dich anzurufen?«

»Dein Telefon funktioniert doch nicht.«

»Wieso soll mein Telefon nicht funktionieren? Ich habe eines dieser hochmodernen Multifunktionsgeräte.« Mal abgesehen davon, dass diese Geräte hochmodern waren, als ich gerade den Windeln entwachsen war, schien sich bei ihr ohne mein Wissen das eine oder andere geändert zu haben.

»Du hast mir immer erzählt, dass du nicht vom Fax- in den Telefonmodus wechseln kannst.«

»Da siehst du, wie wenig du von mir weißt. Seit fast zwei Tagen kann ich zwischen Fax und Telefon wechseln. Ist doch nur ein Knopf, den man verschieben muss«, prahlte sie mit ihrem neuen Wissen. Dann wurde sie schlagartig ernst. »Anna, du glaubst nicht, wie sehr ich mich über dein Fax gefreut habe. So oft habe ich mir gewünscht, dich zu sehen. Es wäre doch ein Graus, wenn ich die ewigen Jagdgründe heimsuchen würde, ohne dich vorher noch einmal geherzt und geküsst zu haben. Erzähl es bitte nicht weiter, aber ich habe inzwischen den Verdacht, ich könnte vielleicht doch sterblich sein.«

Ich lachte. »Wer sagt das? Dein Horoskop?«

Elisabeths unbeirrbarer Glaube an den schicksalshaften Einfluss der Sterne war berüchtigt und bildete einen eigentümlichen Kontrast zu ihrem ansonsten eher ironischen Blick auf die Dinge der Welt.

»Das sagt mir vor allem das Gesetz der Wahrscheinlichkeit«, nahm sie ihrerseits mein Urvertrauen in die Wissenschaft auf die Schippe. »In meiner Umgebung sind schon so viele Menschen gestorben, dass ich über kurz oder lang wohl auch den Weg ins Jenseits gehen werde. Mein Horoskop sieht es nebenbei gesagt genauso. Heute sprach es: ›Verbringen Sie so viel Zeit wie möglich mit Ihren Liebsten. Sie leben nicht ewig‹.«

Wieder musste ich lachen, denn das hatte sie mit Sicherheit erfunden. Es war einfach unglaublich, wie schnell Elisabeth meine Stimmung heben konnte. Sie zu besuchen, würde mir zweifellos gut tun, aber ich wollte sie noch etwas auf die Folter spannen.

»Was mich von einer endgültigen Entscheidung noch abhält, Tante Stops, ist mein geradezu körperlicher Widerwille gegen das Landleben an sich. All dieses Gesummse und Gekrauche, der Gestank, das Provinzielle, jeder weiß alles über jeden – ich weiß nicht, ob ich das wirklich ertragen kann.«

Elisabeth ging nicht weiter darauf ein, sondern zog ohne taktisches Geplänkel sofort ihre alles ausstechende Trumpfkarte. »Wenn du sensationelle Neuigkeiten hören willst, musst du kommen.« Mit dem Appell an meine Neugier hatte sie schon in meinen Kinder- und Jugendtagen jeden Widerstand gebrochen. Nur dass ich ihr das nicht so einfach zeigen wollte. Ich zog sie lieber noch ein bisschen auf: »Was für Neuigkeiten kann es auf der Hartliebmühle wohl geben? Ist etwa der Traktor in der Gülle stecken geblieben? Oder ist dein neuer Hofgenosse auf die Mistgabel getreten und hat sich entmannt?« Sie hatte mir vor einigen Monaten erzählt, dass ein junger Mann das auf dem Hofgelände stehende Mühlengebäude bezogen hatte und ihr seitdem etwas zur Hand ging. Tante Stops blieb ernst.

»Ich rede von sensationellen Neuigkeiten. Sie haben direkt mit mir zu tun und sie werden dich umhauen.«

»Mich umhauen? Mich, die ich bereits alles gesehen und erlebt habe, was unsere Welt zu bieten hat? Das ist eine höchst gewagte Aussage. Morgen bin ich bei dir.«

Kapitel 3: Tante ante Bahnsteigkante

Freitag, 23. und Samstag, 24. August 2013

Die Würfel waren gefallen. Und ich war froh, meine Landphobie überwunden zu haben und Tante Stops nach all den Jahren endlich in ihrer neuen Heimat zu besuchen. Jetzt galt es, die richtigen Sachen für ein Wochenende abseits jeder Zivilisation einzupacken. Ich konnte meinen Trolley ja schlecht mit all den herrlichen Dingen füllen, die ich bei einem Trip nach Paris, Rom, London oder New York eingepackt hätte. Nach langem Überlegen und Ausprobieren entschied ich mich für möglichst rustikale Kleidungsstücke, die aber trotzdem einen zeitlosen Chic hatten. Denn in der Pampa waren hohe Absätze sicher eher hinderlich. Zum Glück hatte ich mir vor nicht allzu langer Zeit ein Paar jener modischen Sommerstiefel angeschafft, die wie Espandrillas mit langem Schaft aussehen und die man manchmal auf Paparazzi-Fotos von jungen Hollywood-Diven sieht. Ein Paar High Heels nahm ich für etwaige gesellschaftliche Ereignisse natürlich trotzdem mit. Schon weil hohe Absätze für eine 162 Zentimeter große Zwergin wie mich praktisch ein Muss sind. Davon abgesehen lassen High Heels einen nicht nur wachsen, sondern zaubern lange Beine und sorgen beim Laufen für einen kecken Hüftschwung. Das berühmte ›Bauch rein, Brust raus‹ geht auf Stöckelschuhen wie von selbst. Als ich den Trolley gegen 23 Uhr mit entschlossenem Schwung endlich zuklappen wollte, musste ich, wie bei jeder Reise, rohe Gewalt anwenden. Dabei hatte ich, wie immer, nur das Allernotwendigste eingepackt.

Weil mein Auto wegen eines Getriebeschadens in der Werkstatt war, musste ich als Nächstes nach passenden Bahnverbindungen schauen. Mindestens eine halbe Stunde lang suchte ich mir im Netz den Wolf, bis mir dämmerte, dass dieses Nest Untergrasbach vielleicht gar keinen Bahnhof hatte. Rigoros griff ich zu meinem Smartphone und klingelte auf dem Hof durch. Nach ungefähr zwanzig Freizeichen wurde die Verbindung automatisch unterbrochen. Ich fluchte und versuchte es gleich noch einmal. Konnte doch nicht sein, dass Elisabeth um diese Zeit nicht zu Hause war. Als ich schon befürchtete, die Verbindung würde erneut abreißen, nahm endlich jemand ab.

»Hallo?«, hörte ich die aufgeregte Stimme meiner Tante. Bevor ich antworten konnte, schepperte es in der Leitung. Dann hörte man es knistern und meine Tante im Hintergrund fluchen.

»Elisabeth!?«, rief ich, laut genug, um ganz Untergrasbach aufzuschrecken.

»Hallo?« Sie schien den Hörer wieder in den Griff bekommen zu haben.

»Ich bin’s, Anna!«

»Dieser verdammte Fuchs«, lautete die etwas unpassende Antwort. Offenkundig war sie gedanklich noch nicht zu einem dialogischen Austausch bereit.

»Tante Stops«, versuchte ich ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. »Ich bin’s, Anna.« Diesmal funktionierte es.

»Anna! Was ist los? Bist du schon unterwegs?«

»Nein, Elisabeth. Es ist nur, mein Auto ist kaputt und ich wollte wissen: Hat Untergrasbach einen Bahnhof ?«

»Einen Bahnhof ?« Sie klang, als hätte ich gefragt, ob auf dem Mars sechsbeinige Ponys weiden. Zumindest war meine Frage damit beantwortet. Es lohnte wohl nicht, diese Spur weiter zu verfolgen. Also wechselte ich die Strategie.

»Ich meine, wo ist denn der nächstgelegene größere Bahnhof ?«

»Bahnhof ?«

Dieser Begriff schien ihr irgendwie fremd zu sein. Konnte es sein, dass die Erfindung der Eisenbahn sich noch nicht bis Untergrasbach herumgesprochen hatte?

»Ja, Bahnhof. Es muss doch irgendwo in der Nähe von Untergrasbach einen Bahnhof geben«. Absichtlich wiederholte und betonte ich den Begriff »Bahnhof«, in der Hoffnung, dass dadurch in ihrem Kopf vielleicht passende Assoziationsketten in Gang gesetzt wurden. Tatsächlich ging meine Taktik auf.

»Züge halten in Göttingen. Knapp 50 Kilometer von hier.« Ich erschrak.

»50 Kilometer? So weit?«

»Das ist doch nicht weit«, meinte meine Tante entrüstet. »Ich hol dich mit dem Cabrio ab.« Elisabeths legendäres Cabrio – ein uralter weißer Käfer mit schwarzem Verdeck. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte meine Mutter allerdings oft über Elisabeths zackige Fahrweise gelästert. 50 Kilometer lang einer rasenden Seniorin ausgeliefert zu sein, stellte ich mir nicht gerade entspannend vor. Ein Taxi jedoch schien mir für diese weite Strecke eine Nummer zu kostspielig. Also willigte ich ein. Tante Stops war zufrieden.

»Wann genau kommst du in Göttingen an?«

»Ich sag dir Bescheid, sobald ich losfahre.«

»Gut. Diese verflixten Hühner machen nur Kummer.«

Damit war ich offenbar aus dem Gespräch entlassen. Tatsächlich legte sie im gleichen Moment den Hörer auf. Ich schaute mir im Netz die Verbindungen nach Göttingen an und stellte beruhigt fest, dass alle 60 Minuten ein ICE fuhr. Ich konnte also ausschlafen und alles Weitere auf mich zukommen lassen.

Wie immer, wenn ich nicht zur Arbeit muss, wachte ich relativ spät auf. Wenn ich im Bad nicht zu sehr trödelte, konnte ich trotzdem problemlos die Halb-Zwölf-Verbindung kriegen. Also warf ich mich nach ausgiebig genossener brühheißer Dusche in mein Country-Outfit, zwängte meine Füße in die Designerstiefel, kippte zwischen Tür und Angel einen meiner berühmt-berüchtigt starken Espressi und watschelte zu der knapp 100 Meter entfernten Bushaltestelle. Das wenig damenhafte Watscheln war den blöden Stiefeln geschuldet, die vorne drückten und hinten scheuerten. Es war das alte Problem, dass man Schuhe beim Einkauf nicht in Dauerbelastung testen kann. Ich erstand ein Ticket und informierte Elisabeth per Anruf über meine Ankunftszeit. Dann schaute ich auf mein Handy. 11 Uhr 29. Nur noch drei Minuten. Im Grunde ausreichend Zeit, sofern ich im Usain-Bolt-Tempo die Rolltreppe zu Gleis 13 hochsprintete. Dummerweise hatte ich nicht damit gerechnet, dass die Mechanik streiken könnte. Mehr als vierzig Treppenstufen mit eigener Muskelkraft zu bewältigen war eine echte Herausforderung. Ich argwöhnte, dass Bolt keinen seiner Weltrekorde in zu engen Stiefeln und beladen mit Handtasche und Schwerlast-Trolley erkämpft hatte. Trotzdem hätte ich den Zug problemlos erreicht, wäre mir nicht am letzten Treppenabsatz meine neue Kalbsleder-Henkeltasche von der Schulter gerutscht. Sie aufzuheben, dauerte nur einen kurzen, aber entscheidenden Moment. Als ich den Bahnsteig erreichte, machte sich der ICE mit ruckartigen Bewegungen Richtung Göttingen auf. Obwohl ich vor Wut über die Ungerechtigkeit des Lebens fast platzte, versuchte ich, Vernunft walten zu lassen. Am knallblauen Himmel strahlte immerhin die Sonne und in einer Stunde fuhr bereits der nächste Zug. Also würde ich mich auf dem nicht überdachten Teil des Bahnsteigs einfach ein Stündchen bräunen lassen. Ich gab mich den UV-Strahlen hin und nickte sofort ein.

Als ich aufwachte, ruckelte direkt vor mir ein weiterer ICE los. Es war der Halb-Einser. Fassungslos schaute ich ihm hinterher. Zwei Züge in Folge zu verpassen, war unbedingt rekordverdächtig. Stinksauer auf mich und meine Dummheit versuchte ich, Tante Stops zu erreichen. Natürlich vergeblich. Bestimmt war sie längst aufgebrochen. Immerhin hielt mich das durch den Ärger ausgeschüttete Adrenalin lange genug wach, um wenigstens den Halb-Zweier zu erreichen.

Kaum hatte ich mir in dem überfüllten Zug einen Platz erkämpft und ein paar höfliche Worte mit meinem Sitznachbarn gewechselt, schlief ich schon wieder weg. Doch dann geschah das Unerwartete. Zwei kurz hintereinander abgefeuerte Schüsse zerfetzten die stickige Luft. Jemand zog die Notbremse und der ICE kam mit ohrenbetäubendem Quietschen auf freier Strecke zum Stehen. Geschockt hielt ich den Atem an. Um mich herum wildes Durcheinander, schreiende Frauen und Kinder, die das Bahnpersonal am Durchkommen hinderten. Durch das Zugfenster sah ich am Horizont Blaulicht flackern. Sirenen heulten auf und kamen schnell näher. Neugierige rannten aus der nahe gelegenen Kleinstadt herbei und bildeten nach wenigen Minuten einen undurchdringlichen Pulk. Polizisten stiegen aus ihren Autos, um sich ihren Weg durch die sensationsgierige Menschentraube zu erkämpfen. Pneumatisch öffneten sich die Außentüren des Zuges. Sanitäter hievten zwei Tragen in den Waggon und kamen Minuten später mit zwei leblosen Körpern heraus. »Ein Werbefritze«, sagte jemand, »und seine kleine Mieze. Zwei Kopfschüsse, sofort tot.« Ich lächelte in mich hinein. Sie hatten es nicht anders verdient.

Rache ist süß, dachte ich, als mir jemand auf die Schulter tippte. »Wollten Sie nicht in Göttingen aussteigen, junge Dame?«, fragte mein Sitznachbar, der mich beim anfänglichen Smalltalk nach dem Reiseziel gefragt hatte. Alles nur geträumt.

Was Nico und Lisa jetzt wohl wirklich machten? Ob sie mein Verschwinden nutzten, um sich ungestört weiteren Schäferstündchen hinzugeben? Gott sei Dank hatte ich keine Zeit, länger darüber nachzudenken.

Schlafend an Göttingen vorbeizurasen wäre der krönende Höhepunkt meiner Chaos-Reise gewesen. Insofern war ich dem aufmerksamen Sitznachbarn wirklich dankbar. Dem Wettergott dagegen gar nicht, denn der hatte den gestrigen Berliner Starkregen hierher verfrachtet. Schreckliche Vorstellung, dass meine Tante jetzt schon gut zwei Stunden auf mich wartete. Von heftigen Gewissensbissen geplagt stieg ich aus dem Zug und versuchte, auf dem übervölkerten Bahnsteig ein bekanntes Gesicht zu entdecken. Da ich Elisabeth zwei Jahre nicht mehr gesehen hatte, schaute ich mir sicherheitshalber jede ältere Dame genauer an. Keine zeigte auch nur geringste Anzeichen des Erkennens. Fluchend begab ich mich Richtung Taxistand. Auf der Treppe nach unten wurde ich von einer in einen übergroßen Friesennerz mit riesiger Kapuze eingepackten Gestalt unsanft angerempelt. »Können Sie nicht aufpassen?«, fluchte ich und bemühte mich, links an dem quietschgelben Hindernis vorbei zu kommen. Man muss sich ja nicht alles gefallen lassen. Heftig krallte sich die Person in meinen Arm. Auch das noch! Für eine Schlägerei war ich nun wirklich nicht gebaut. Ich fixierte das gelbe Etwas streng, in der Hoffnung, es damit einschüchtern zu können.

»Lassen Sie mich bitte los oder ich rufe die Polizei!«

»Anna, von hinten wie von vorn!«, rief das gelbe Ungetüm enthusiastisch und zerrte die Kapuze vom Kopf. »Hast du mich nicht erkannt, Anna, Liebste?« Tante Stops! Vor Erleichterung war ich den Tränen nah, drückte meine erschreckend spillerig gewordene Tante an mich und ließ sie erst los, als sie heftig nach Luft schnappte.

»Was für ein Glück, dass du noch da bist!«, rief ich. Dann hielt ich verdutzt inne. Hatte meine Tante gerade genau das Gleiche gerufen? Auch sie starrte mich verwundert an.

»Noch da? Bin doch gerade erst gekommen«, stammelte sie leicht unzusammenhängend.

»Mein Horoskop sagte, dass ich nachmittags lieben Besuch zu erwarten habe. Leider stand da keine Uhrzeit. Aber vier scheint ja die richtige Ahnung gewesen zu sein.« Na, das war ja allerhand. Ich machte mir jede Menge Sorgen und meine liebe Tante hatte am Telefon gar nicht hingehört und meine Ankunftszeit im Tageshoroskop recherchiert.

»Alles gut«, überging ich das Thema diplomatisch: »Wie schön, dich zu sehen!«

»Wie schön, dich zu sehen!«, antwortete Elisabeth. »Obwohl ich dich ohne meine Brille kaum erkennen kann.« Ich hakte sie unter und sagte: »Ist doch nicht schlimm. Die paar Meter zum Cabrio spiele ich Blindenhund. Weißt du denn, wo der Käfer steht?«

Unter fröhlichem Plaudern machten wir uns auf die Suche nach Tante Stops fahrbarem Untersatz. Tatsächlich hatte sie sich den Standort des Wagens genau gemerkt und dirigierte mich trotz ihrer Sehschwäche in wenigen Minuten zielsicher dort hin. Zu meinem Pech war der Parkplatz nicht überdacht und da ich meiner recht schutzbedürftig wirkenden Tante schlecht das Regencape abluchsen konnte, klebte mein Country-Outfit bereits nach wenigen Schritten derart am Körper, als käme ich frisch von der Wahl zur »Miss Wet Dress 2013«.

Das aus den späten Siebzigern stammende schneeweiße Käfer-Cabrio sah auf den ersten Blick noch immer ziemlich schick aus. Doch schon der zweite flüchtige Blick zeigte Rost, Dellen und die unvermeidlichen Gebrauchsspuren seines hohen Alters. Bevor ich Elisabeth nach dem Autoschlüssel fragen konnte, riss sie bereits die Fahrertür auf. Die Tatsache, dass Untergrasbacher es nie für nötig hielten, ihre Autos abzuschließen, hatte mich schon in den Erzählungen meiner Mutter fasziniert. Ich wuchtete den Trolley auf die als Rücksitz getarnte Müllhalde. Ordnung war für Elisabeth schon zu Berliner Zeiten ein Fremdwort gewesen, weshalb das Hinterzimmer ihres Kioskes immer wie die Rumpelkammer eines geheimnisvollen Spukhauses aussah. Als Kind hatte ich das geliebt, insbesondere, weil meine Tante auf Wunsch zu jedem Gegenstand eine spannende Geschichte parat hatte. Obwohl ich inzwischen selbst eine Meisterin der Unordnung geworden war, konnte ich der zugemüllten Rückbank wenig abgewinnen. Während ich mich mühsam auf den Beifahrersitz quetschte, versuchte Tante Stops das Zündschloss zu treffen. Ziellos stocherte sie mit dem Autoschlüssel hin und her.

»Willst du nicht erst einmal deine Brille aufsetzen?«, fragte ich mütterlich und schaute parallel ins Handschuhfach. »Hier ist sie nicht. Hast du eine Ahnung, wo sie sonst sein könnte?«

»Na klar. Zuhause.«

»ZUHAUSE? Willst du etwa sagen, du hast die 50 Kilometer nach Göttingen praktisch im Blindflug absolviert?« Ich war erschüttert. Meine tiefenentspannte Tante ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Das ist doch kein großes Ding. Die Strecke kenne ich nun wirklich auswendig.«

»Elisabeth! Ist dir klar, dass du bei einer Verkehrskontrolle den Führerschein los bist?«

»So? Wie kann man mir etwas abnehmen, was ich nicht dabei habe?«

»Du bist nicht nur ohne Brille, sondern auch ohne Pappe unterwegs?«

»So kann man das nicht sagen. Theoretisch besitze ich den Führerschein noch.«

»Und praktisch?«

»Praktisch habe ich ihn nicht mehr gesehen, seit er mir vor einigen Jahren in die Jauchegrube gefallen ist.«

Eine ähnliche Antwort hatte ich befürchtet. »Kann man ihn mir also abnehmen oder nicht?«, insistierte meine Tante mit hörbarer Freude. Ich versuchte es anders: »Stell dir vor, du baust auf der Rückfahrt einen Unfall und uns beiden passiert was!«

»Was dann?«

»Dann sind wir vielleicht beide querschnittgelähmt und du wirst deines Lebens nicht mehr froh.«

»Das kann uns mit dir am Steuer nicht passieren?«

»Doch, das kann uns mit mir am Steuer auch passieren. Aber die Wahrscheinlichkeit ist wesentlich geringer.«

»Es geht also um Wahrscheinlichkeiten? Für wie wahrscheinlich hättest du vor einigen Jahren folgendes Szenario gehalten: Entführer kapern Passagiermaschinen und steuern sie in Hochhäuser?«

»Es geht nicht um Wahrscheinlichkeiten, sondern darum, dass wir heil und gesund ans Ziel kommen.«

»Was, wenn ich dir sage, dass mein heutiges Horoskop keinen Unfall vorhersagt?«

»W

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