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Herzdame für den Highlander

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1. KAPITEL

Ach, ihr Mädchen! Was für einen Spaß ihr haben werdet, wenn ihr erst einmal einen eigenen Mann habt, den ihr quälen könnt!

So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei Enkelinnen.

Du hast alles verloren?“ Sophia MacFarlanes Stimme brach bei dem Wörtchen „alles“.

Robert MacFarlane, von seinen Kartenspielkumpanen und seiner Tochter auch Red genannt, zuckte zusammen. „Ja, mein Mädchen. Ich … ich habe alles verloren.“

Aschfahl im Gesicht sank Sophia auf ihren Stuhl. „Sogar … sogar das Haus?“

Mühsam schluckte Red. Er war immer der Meinung gewesen, dass es am besten sei, schlechte Nachrichten ohne Umschweife kundzutun. Doch als er die zitternde Unterlippe seiner Tochter betrachtete, überdachte er seine Einstellung.

In den großen hellblauen, von dichten Wimpern umkränzten Augen funkelten Tränen. „Aber wie konnte das passieren? Du warst doch auf dem Weg nach Edinburgh, um Mutters Diamanten zu verkaufen. Damit wollten wir das neue Dach bezahlen. Wieso bist du dann wieder bei irgendwelchen Wetten und Glücksspielen gelandet?“

„Ich habe in Stirling angehalten, obwohl ich jetzt wünschte, ich hätte es nicht getan. Unterwegs hatte ich gehört, dass es dort ein Rennen geben sollte, mit den schnellsten Pferden Englands. Zuerst hatte ich vor, nur zuzuschauen, aber Andrew MacGregor war dort und … ja, und dann traf man sich noch zum Kartenspiel …“

Sophia kräuselte die Lippen. „MacGregor hat schon immer Ärger bedeutet.“

„Nicht doch … Es war einzig und allein mein verdammter Fehler. Niemand sonst hat Schuld. Ich wollte dir nur helfen, mein Mädchen …“

„Mir helfen? Indem du das Haus verspielst, das ich liebe?“

„Das war so nicht geplant!“ Seine Stimme klang gequält. „Ich dachte, wenn ich dieses eine Mal gewinne, könnte ich die Reparatur des Dachs bezahlen, und du wärst nicht gezwungen, den Schmuck deiner Mutter zu verkaufen.“ Er zog die Brauen zusammen. „Die Idee, die Diamanten zu veräußern, hat mir ohnehin nie gefallen.“

Sophia presste die geballten Fäuste gegen ihre Stirn. „Ich habe dir gesagt, dass mir an dem Schmuck nicht das Geringste liegt. Ich wollte, dass das Dach repariert wird.“

Entschlossen schob er sein Kinn vor. „Es war Beatrices Wunsch, dass du die Diamanten am Tag deiner Hochzeit trägst, so wie sie sie getragen hat, als ich sie geheiratet habe.“

„In dem Moment, als es anfing, durchs Dach zu regnen, wäre Mama die Erste gewesen, die beschlossen hätte, die Diamanten zu verkaufen“, erklärte Sophia mit funkelnden Augen.

Obwohl es ihm widerstrebte, gestand Red sich ein, dass seine Tochter recht hatte. Außer wenn sie in einem Streit auf ihrer Meinung beharrte, war Beatrice ein Bollwerk der Vernunft gewesen. Und das, obwohl sie in einem der größten Herrenhäuser Schottlands aufgewachsen war, umgeben von einer Dienstbotenschar, die nichts anderes zu tun gehabt hatte, als sie entsetzlich zu verwöhnen und ihr sogar das Denken abzunehmen.

Aber Beatrice war nicht die Sorte Frau gewesen, die andere Leute tun ließ, was sie genauso gut selbst erledigen konnte. Sie war stark und unabhängig, Eigenschaften, die ihr eigener Vater missbilligt hatte.

Jedes Mal, wenn sie versucht hatte, nach ihrem eigenen Willen zu handeln, war ihr Vater wütend geworden und hatte ihre Freiheit noch mehr beschnitten. So war es zwischen den beiden hin und her gegangen – bis Beatrice im zarten Alter von siebzehn die Fesseln der Familie abgeworfen hatte und mit einem unbekannten Abenteurer namens Robert MacFarlane durchgebrannt war.

Dies war das größte Glück, das Red jemals widerfahren war, und es hatte ihn für immer verändert. Bevor er Beatrice getroffen hatte, war sein Leben aufregend gewesen, doch zusammen mit Beatrice blieb es aufregend und war dazu noch warm – fast perfekt. Sie konnte jedes Gasthaus, ganz gleich wie schäbig und kalt, für ihn zu einem Zuhause machen. Im Gegenzug konnte Red ihr Abenteuer, Romantik und Liebe schenken. Keiner von beiden hatte jemals die überstürzte Hochzeit bereut.

Zum hunderttausendsten Mal wünscht Red sich, Beatrice möge noch bei ihm sein. „Ich konnte die Diamanten deiner Mutter einfach nicht ohne Kampf weggeben, Sophia. Es war keine böse Absicht, und jetzt … habe ich alles verloren.“ Wütend wischte er sich über die Augen. „Aber ich werde alles daransetzen, es wieder in Ordnung zu bringen, darauf kannst du dich verlassen!“

Als sie seine Hände in ihre nahm, wurde Sophias Gesichtsausdruck weich. „Wir müssen einen Weg aus dieser Misere finden.“ Sie saß still da und zog die Brauen zusammen.

Hoffnungsvoll schaute Red sie an. Wenn es jemanden gab, der einen Ausweg aus ihrer Lage finden konnte, war es Sophia. Es würde ihr gelingen; er wusste, sie würde es schaffen. Er betrachtete ihr Gesicht und bemerkte, dass die Sonne, die durch die Vorhänge fiel, ihre ohnehin schon goldenen Locken noch intensiver zum Leuchten brachte. Das Licht ließ ihre Haut wie Sahne wirken und zeichnete die zarten Umrisse ihres herzförmigen Gesichts nach. Angesichts ihrer dichten Wimpern, der strahlenden Augen und der perfekt geformten Nase war es schwer, sich eine noch hübschere Frau vorzustellen.

Aber ihre unübersehbare Schönheit und ihre feingliedrige Erscheinung waren irreführend. Von frühster Jugend an regierte in Sophia die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer, die auch ihre Eltern bestimmt hatte. Zu dritt waren sie durch ganz Europa gereist, immer dorthin, wo das nächste aussichtsreiche Kartenspiel oder Pferderennen stattfand. Von Gasthaus zu Gasthaus, ohne sich jemals zu beklagen, hatten sie sich an jedem neuen Ort, an jeder schäbigen Unterkunft erfreut. Während Red seinen „Geschäften“ nachgegangen war, hatte Beatrice das Leben ihrer Tochter so normal wie möglich gestaltet und war ihr Gouvernante, Lehrerin und Mutter in einer Person gewesen.

Beatrice hatte dafür gesorgt, dass sie alle fröhlich und guten Mutes blieben. Sie hatte sich über matschige Straßen und schlecht gelaunte Wirte amüsiert, bis Sophia und Red in ihr Lachen einstimmten. Es war ihr gelungen, die Kleidung ihrer Familie immer trocken und sauber, ihre Zimmer immer aufgeräumt und wohnlich zu halten. Reds und Sophias Leben war um die glückliche, nimmermüde Beatrice gekreist – deshalb hatte ihr unerwarteter Tod sie so sehr getroffen.

Sophia war Beatrice so ähnlich, dass es Red im Herzen schmerzte. Obwohl man gemeinhin ein unverheiratetes Mädchen von siebenundzwanzig als alte Jungfer ansah, musste jeder Mann, der ihren Liebreiz bemerkte, anderer Meinung sein. Obwohl sie sehr erwachsen dachte und handelte, worin sich ihr wahres Alter zeigte, sah sie doch keinen Tag älter aus als achtzehn.

Sophias Miene wurde ernster, und sie presste ihre weichen Lippen aufeinander, während sie mit einem schlanken Finger gegen ihr Kinn klopfte.

Im Stillen verfluchte Red den Unhold MacGregor, verfluchte sein eigenes Pech und ganz besonders die Umstände, die ihn verführt hatten, auf sein Glück zu hoffen.

Für die meisten Menschen war Hoffnung etwas Gutes, das ihnen half, schwierige Zeiten zu überstehen. Für einen Spieler jedoch bedeutete Hoffnung den Ruin.

Jemand, der es sich nicht leisten konnte, zu verlieren, sollte auch nicht spielen. Doch in der Hitze des Spiels hatte sein Herz das Kommando übernommen, als die heimtückische Hoffnung in ihm aufgestiegen war, auf diese Weise die Dinge für Sophia in Ordnung bringen zu können. Natürlich hatte er verloren; beim Glücksspiel sollte man eben nicht auf seine Gefühle hören. Das wusste er besser als jeder andere. Viele Jahre hatten er und seine wundervolle Beatrice ihren Lebensunterhalt dadurch bestritten, dass er in der Lage war, seine Karten aufzunehmen und mit den Hoffnungen anderer Männer zu spielen.

Wie sie ihn dafür ausgeschimpft hätte, dass er die beiden einzigen Dinge eingesetzt hatte, die ihrer gemeinsamen Tochter geblieben waren. Es war Beatrices sehnlichster Wunsch gewesen, dass Sophia ein ordentliches Zuhause haben sollte. Deshalb hatte sie die Besitzurkunde für ein Haus, die ein verzweifelter Edelmann während eines von Reds Spielen auf den Tisch geworfen hatte, sorgfältig verwahrt. Selbst in schlechten Zeiten hatte sie sich geweigert, sie herauszugeben.

Unglücklicherweise war das Glück eine flatterhafte Dame, und die arme Beatrice hatte nicht lange genug gelebt, um das Anwesen zu sehen, das ihrer Tochter Schutz bieten sollte.

Nach Beatrices Tod hatten Red und Sophia Italien verlassen und waren nach Schottland gereist, um das Haus auf dem Hügel in Besitz zu nehmen. Sie waren an einem kühlen, stürmischen Tag angekommen, an dem sich die Wolken über dem hohen quadratischen Gebäude ballten. Die geschlossenen Türen und Fenster hatten abweisend gewirkt, und eine dichte Wand aus wildem Wein hatte die Mauern fast vollständig vor ihren Blicken verborgen.

Sofort hatte Sophia damit begonnen, das Haus wohnlich und zu einem Zuhause der MacFarlanes zu machen. Gemeinsam hatten Tochter und Vater geschrubbt und poliert, gehämmert und gesägt, repariert und gesäubert, bis das Gebäude einen äußerst erfreulichen Anblick bot. Und während sie arbeiteten, hatten ihre Herzen langsam zu heilen begonnen. Das Haus wurde zu ihrem Heim. Und das war es für die vergangenen elf Jahre auch gewesen.

Sophia straffte entschlossen die Schultern, und Red sah sie erwartungsvoll an.

„Wir können uns nicht einfach zurücklehnen und zuschauen, wie ein Fremder uns unser Zuhause wegnimmt.“ Ihr funkelnder Blick glitt an ihm vorbei und wanderte durch das Wohnzimmer. „Das könnte ich nicht ertragen.“

Reds Blick folgte dem ihren. Die Holzverkleidung der Wände glänzte sanft. Dicke Orientteppiche lagen auf dem Boden und dämpften die Schritte auf den polierten Holzdielen. Aufwendige Verzierungen schmückten den Kamin, und auf dem breiten Sims darüber standen eine Uhr aus vergoldeter Bronze und zwei entzückende Leuchter aus Messing und Kristall. Vor dem Kamin hatten mehrere schlichte, doch elegante Sessel ihren Platz, bezogen mit rotgold gestreiftem Samt und flankiert von blank polierten Chippendale-Beistelltischen. In einer Zimmerecke stand ein kleiner Schreibtisch mit kunstvollen Intarsienarbeiten, rechts und links davon befanden sich mit reichem Dekor versehene Vitrinen, in denen Porzellangeschirr verwahrt wurde. Durch die roten Samtvorhänge drang helles Sonnenlicht ins Zimmer, brachte die Holzpaneelen zum Glänzen und verstärkte den Duft nach Bienenwachs und Zitronenöl, der in der Luft lag. Im Kamin brannte ein Feuer, um die Frühlingskühle abzuwehren. Es war schwierig, sich einen heimeligeren und schöneren Ort als diesen vorzustellen.

Doch das Wichtigste saß ihm in diesem Moment gegenüber: seine schöne Tochter. Sophia, die mit ihren lichtblonden Haaren und ihrem schönen Gesicht so sehr ihrer Mutter glich. Das Einzige, was Sophia mit ihrem Vater gemeinsam hatte, waren die ungewöhnlichen Augen. Sie waren von einem strahlenden Hellblau, umgeben von dichten und zart gebogenen Wimpern.

Als Junge pflegte sich der furchtlose Red mit vielen, auch wesentlich größeren Knaben zu prügeln, die ihn wegen der Länge und der Form seiner Wimpern ausgelacht hatten. Reds Fäuste waren im jungen Alter von acht Jahren schon sehr hart gewesen, deshalb hatten nur wenige ihren Fehler wiederholt. Er wünschte sich, er könnte seine momentanen Schwierigkeiten auf ebenso einfache Art lösen. Um ihr aktuelles Problem zu bewältigen, brauchte es einen klügeren Kopf als seinen. „Wenn irgendjemand eine Lösung finden kann, um aus dieser von mir eingebrockten Situation zu entkommen, dann bist du es“, erklärte er seiner Tochter in entschiedenem Ton.

Sophia lächelte. Ihr Herz öffnete sich angesichts des offensichtlichen Glaubens ihres Vaters an ihre Fähigkeiten. Sie schaute aus dem Fenster hinaus in den Garten, wo eine sanfte Brise über die Rosen strich. Ein Pfad wand sich zwischen roten, gelben, rosa- und lavendelfarbenen Blumen hindurch, vorbei an einer Fontäne in einem großen Becken aus weißem Stein, auf dessen Rand ein Engel aus hellem Marmor saß. Dessen Finger spielten für alle Zeiten mit dem plätschernden Wasser, während sich über ihm die grünen Bäume im Wind wiegten. Schon bald würde jemand anderes hier stehen und sich an ihrer Stelle am Garten erfreuen.

Dieser Gedanke weckte ihren Zorn. Wie konnte es jemand wagen, ohne ihre Erlaubnis in ihrem Garten zu sitzen, nach all der Mühe, die sie dafür auf sich genommen hatte! Es musste einen Ausweg geben … Sophia trommelte mit den Fingern auf die Armlehnen ihres Sessels. Wie konnten sie diese furchtbare Pechsträhne beenden und alles zum Guten wenden? Sie hatten kein Geld, und niemand würde ihnen etwas leihen. Sie kannte keinen, der ihnen helfen konnte. Ihr einziger wohlhabender Bekannter war der Squire, der in der Nähe lebende Gutsherr. Sein Vermögen steckte natürlich in seinem eigenen Besitz, wie es sich gehörte.

Nein, wenn sie ihr Haus zurückgewinnen wollten, dann … Sie erstarrte, und unvermittelt huschte ein Gedanke durch ihren Kopf. „Wir haben weder Geld noch wird man uns einen Kredit gewähren, um das Haus zurückzukaufen. Aber wir besitzen Geist und Glück. Da das Haus in einem Spiel verloren wurde, werde ich es einfach in einem Spiel zurückgewinnen.“

„Du?“

„Ja. Niemand wird glauben, dass ich mich mit Kartenspielen so gut auskenne wie du.“

„Das stimmt“, erwiderte Red langsam. Als sie noch klein war, hatte er ihr beigebracht, wie man eine Karte in der Handfläche verbarg, wie man die unteren Karten des Stapels beim Geben gezielt untermischte, wie sie mit ihrer Haarnadel die Bildkarten markieren konnte – Hunderte von kleinen Tricks, die alle zusammen dafür sorgten, dass man selten verlor.

Aber der wichtigste Trick war ihr Verstand. Zu wissen, wann man welche Karte ausspielen musste und sich zu erinnern, wer welche Karte besaß – das waren die Fähigkeiten, die einen hervorragenden Spieler ausmachten. Und Sophia beherrschte sie alle, seit sie zwölf war.

Er hatte ihr auch beigebracht, welche Spielertypen es gab. Dass es dem einen Menschen etwas völlig anderes bedeuten konnte zu gewinnen, als einem anderen. Woran man erkannte, dass ein Mann völlig verzweifelt war und deshalb leicht Fehler begehen würde; und dass der heftige Wunsch, etwas Bestimmtes zu besitzen, einen Menschen so beherrschen konnte, dass er am Ende alles verlor.

Nachdenklich rieb Red sein Kinn. „Es könnte funktionieren, mein Mädchen, aber es ist sehr gefährlich. Männer wie Dougal MacLean – er ist derjenige, an den ich unser Haus verloren habe – mögen sanft wie Gänsefedern um dich herumstreichen, aber sie sind kalt und unbarmherzig, wenn sie herausfinden, dass sie betrogen wurden. Deiner Mutter hätte der Gedanke auch nicht gefallen, dass du um hohe Einsätze spielst.“

Sophias Herz zog sich zusammen. Sie konnte MacFarlane House nicht aufgeben. Es war alles, was ihr von ihrer Mutter geblieben war.

Sie unterdrückte ihre Gefühle und erkundigte sich mit klarer, harter Stimme: „Was weißt du von diesem Mann?“

„Von Dougal MacLean? Nicht viel. Fast nur Gerüchte.“ Red strich sich mit der Hand durch die Haare. Ihr leuchtendes Rot war zu einem Kastanienton verblasst und von weißen Strähnen durchzogen. „Man kennt ihn als Draufgänger und hält ihn allgemein für äußerst gut aussehend. Du wirst dich bemühen müssen, deinen Verstand beisammenzuhalten.“

„Mir sind in meinem Leben schon häufiger gut aussehende Männer begegnet“, erklärte Sophia selbstbewusst.

Red wirkte nicht sonderlich überzeugt. „Sicher, aber dieser hat etwas ganz Besonderes an sich. Und er ist ein stolzer Mann. Seine ganze Familie trieft vor Selbstbewusstsein.“ Red kräuselte die Lippen. „Außerdem würde ich sagen, dass er ziemlich aufbrausend ist.“

„Woher weißt du das?“

„Während des Spiels machte der Earl of Stirling einige wenig schmeichelhafte Bemerkungen über einen von MacLeans Brüdern, und ich sah in seinen Augen den Zorn funkeln.“

„Hat er etwas gesagt?“

„Nein, denn plötzlich zuckten Blitze vom Himmel und ein wilder Wind stieß die Fensterläden auf. Wir liefen alle durcheinander, bemühten uns, die Fenster zu schließen und die Karten aufzusammeln.“ Red lachte leise. „Der Earl versuchte, MacLean die Schuld an diesem Zwischenfall zu geben. Offenbar existiert ein Gerücht, demzufolge auf den MacLeans ein Fluch liegt, der bewirkt, dass ein Unwetter aufzieht, wenn sie wütend werden.“

Sophia lächelte matt. „Ist dir sonst noch etwas über MacLean zu Ohren gekommen?“

Red kniff die Augen zusammen. „Er scheint ziemlich viel Wert auf sein gesellschaftliches Ansehen zu legen. Auf Reisen fährt er immer achtspännig, und es dürfte schwierig sein, so edle Pferde zu finden, wie er sie besitzt.“

Das klang vielversprechend. Ein eitler Mann ließ sich leichter an der Nase herumführen. „Glaubst du, er wird hierherkommen?“

„Er hat gesagt, er würde das Haus seinem Neffen oder irgendeinem Verwandten überschreiben, aber vorher wollte er es sich ansehen.“

Sie nickte. „Sehr gut. Erinnerst du dich noch an etwas anderes?“

Red verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Er kleidet sich wie ein Franzose. Trägt seidene Manschetten und solches Zeug.“

Sophia spitzte verächtlich die Lippen. „Ein Dandy.“

„Ja … und nein. Hinter seiner Fassade steckt mehr als seine Eitelkeit. Er hat einen flinken Verstand und ist verdammt gut darin, seine Gefühle zu verbergen. Nur deshalb ist es ihm gelungen, mich zu besiegen. Du musst dich gut auf ein Zusammentreffen mit diesem Mann vorbereiten, mein Mädchen“, warnte Red. „Du hast lange nicht Karten gespielt, und er ist ungewöhnlich klug.“

„Dann werden wir bis zu seiner Ankunft jeden Tag üben.“

„Er wird frühestens in einer Woche hier sein. So lange dauern die Rennen noch.“ Red musterte Sophia aufmerksam. „Du brauchst bis dahin ein oder zwei neue Kleider.“

Sie senkte den Kopf und betrachtete ihr Vormittagskleid aus rosafarbenem Musselin. „Warum?“

„Ein Mann riskiert mehr, wenn er glaubt, dass du sein Geld nicht benötigst.“

„Nun gut. Ich werde ein paar neue Kleider bei der Schneiderin im Dorf bestellen. Sie hat soeben die Aussteuer für die Tochter des Barons genäht. Ich werde auch Schmuckstücke aus Strass brauchen – er wird nicht nahe genug an mich herankommen, um den Unterschied zu bemerken. Vielleicht gewinne ich ja die Diamanten und die Besitzurkunde für das Haus zurück.“

„Es ist einen Versuch wert.“ Red schaute sich im Zimmer um. Um seine Lippen zuckte ein Lächeln. „Das mit dem Haus könnte ein Problem sein. Du hast es einfach zu hübsch hergerichtet. Es ist wunderschön. Ich bezweifle, dass MacLean bereit ist, es wieder herzugeben, wenn er es erst einmal betreten hat.“

Sophia runzelte die Stirn. „Stimmt. Nachdem er es gesehen hat, wird er es im Spiel nicht einsetzen. Ich wünschte …“ Ihr kam eine Idee, die so unglaublich brillant war, dass ihr Gehirn einige Sekunden lang regelrecht erstarrte.

„Sophia?“ Reds Stimme unterbrach ihre Gedanken.

„Glaubst du, es wird eine ganze Woche dauern, bis MacLean eintrifft, um sich …“, sie brachte das Wort sein nicht über die Lippen, „… das Haus anzusehen?“

„Mindestens. Möglicherweise länger, falls er nach den Rennen noch bleibt, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen.“

Dann konnte es funktionieren! Sie würde Hilfe benötigen, aber wenn sich genügend willige und fähige Hände fanden, könnte sie …

„Sophia?“ Zwischen Reds Brauen bildete sich eine tiefe Falte. „Ich mag diesen Blick nicht. Woran denkst du gerade?“

Sie erhob sich und rieb die Hände aneinander. „Ich weiß jetzt, was wir tun müssen, um MacLean dazu zu bringen, dass er unser Haus loswerden will. Wir werden einfach all unsere Arbeit rückgängig machen.“

„Was?“

Sie wedelte mit der Hand durch die Luft, weil sie viel zu beschäftigt mit Nachdenken war, um Erklärungen abzugeben. „Überlass das einfach mir. Ich werde mich um alles kümmern.“

„Was auch immer du planst – sieh dich vor. Wenn MacLean herausfindet, dass du ihn hereinzulegen versuchst, wird er nicht eher ruhen, bis er sich gerächt hat.“

„Ich werde vorsichtig sein“, erwiderte sie, während in ihrem Kopf die Gedanken durcheinanderwirbelten.

„Nein, das wirst du nicht. Dazu bist du deiner Mutter zu ähnlich. Wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte nichts und niemand sie davon abbringen.“

„Entschlossenheit ist eine positive Eigenschaft“, erklärte Sophia verschmitzt lächelnd.

„Das kommt darauf an, welchen Preis man dafür zahlen muss, mein Kind.“

Da sie bemerkte, dass er sich Sorgen machte, wechselte Sophia das Thema, indem sie Red nach den Einzelheiten des Spiels fragte, bei dem er das Haus verloren hatte. In seinem Bemühen, ihr klarzumachen, dass die Schuld nicht bei ihm lag, zählte er ihr sämtliche Karten auf, die er erhalten hatte, und beschrieb, wie er durch die Bluffs seiner Mitspieler dazu gebracht worden war, all seinen Besitz einzusetzen.

Sophia hörte ihm nur mit halbem Ohr zu. Wenn sie mit ihrem geliebten Haus fertig war, würde der snobistische MacLean darum betteln, dass jemand es ihm abnahm. Niemals würde sie zulassen, dass ein geckenhafter Verschwender mit weicher Haut und seidener Kleidung dieses Haus zu seinem Eigentum machte.

Niemals.

2. KAPITEL

Seid vorsichtig, wie ihr über andere sprecht, meine lieben Kinder. Ihr wisst nicht, wann eure Worte zurückkommen und euch einen Tritt ins Hinterteil verpassen.

So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei Enkelinnen.

Anders als Red vermutet hatte, dauerte es einen ganzen Monat, bis Dougal MacLean eintraf. Er hatte in Stirling eine bezaubernde junge Witwe kennengelernt, und die Verheißung ihrer schmollenden Lippen und ihres wohlgefüllten Mieders veranlassten Dougal, seinen Aufenthalt zu verlängern.

Nicht dass es die junge Frau sehr viel Mühe gekostet hätte, ihn zum Bleiben zu veranlassen. Er plante einen Besuch im Haus seiner Schwester, und ihr Ehemann war schwer zu ertragen. Obwohl Fiona den Schurken zu lieben schien, akzeptierte Dougal ihn nur, weil Jack Kincaid offensichtlich ebenso verrückt nach Fiona war wie sie nach ihm. Was bedeutete, dass Dougal gezwungen war, „sich zu benehmen“, wie Fiona es ausdrückte.

Unter diesen Umständen gefiel es Dougal gar nicht, sich zu benehmen. Aber noch viel weniger gelang es ihm, die Bitte seiner einzigen Schwester, ihr seine Aufwartung zu machen, einfach abzulehnen. Aber hinauszögern konnte er die ganze Angelegenheit schon ein wenig.

Bevor er Fiona seinen Besuch abstattete, wollte Dougal sich auch noch das Haus ansehen, das er im Kartenspiel gewonnen hatte. Das Anwesen lag auf der Hälfte des Weges zu seiner Schwester, und so lenkte Dougal seinen großen schwarzen Wallach in die Auffahrt, die zu dem Haus führte, das seit Neuestem seins war. Er hatte eine Weile gebraucht, um die Pfosten zu finden, die den Weg zum Gebäude markierten. Sie waren zwischen zwei großen Eichen am Rand der langen, einsamen Straße verborgen.

Der Weg war schmal und an den Rändern überwuchert, wurde aber breiter und bequemer, während er sich an einer langen Reihe von Bäumen entlangwand, die vor dem Hintergrund des blauen Himmels anmutig über der Auffahrt ihre Zweige miteinander verschlangen, sodass sie ein durchscheinendes grünes Dach bildeten.

„Das ist ein hübsches Fleckchen Land, stimmt’s, Mylord?“

Dougal drehte sich zu Shelton um, seinem Reitknecht, der ihm auf einem großen braunen Pferd folgte. „Es ist annehmbar.“ In Wirklichkeit war er überrascht. Nur selten war eine Besitzurkunde, die man beim Kartenspiel gewann, tatsächlich etwas wert. Häufig waren die Ländereien verwahrlost, das Haus (falls es eines gab) war verrottet und hatte ein undichtes Dach, und das ganze Anwesen war bis zum Äußersten beliehen. Dieser Besitz wirkte jedoch nicht ungepflegt, wenn er auch einen eher rauen Charme hatte. Das war immerhin etwas.

Als ein Taubenschwarm vom Feld aufstieg und bei einem kleinen, malerischen See landete, nickte der Reitknecht anerkennend. „Famoses Jagdrevier, würde ich sagen. Vielleicht denken Sie noch mal drüber nach, ob Sie den Besitz tatsächlich Ihrem Neffen überlassen wollen und behalten ihn lieber selber. Sie könnten einen Jagdsitz daraus machen.“

„Das wäre Verschwendung. Ich benutze ja kaum die Jagdreviere, die ich schon habe.“

Der Knecht stieß einen neidischen Seufzer aus. „Wenn ich Sie wär, ich würd nichts anderes machen, als immer nur jagen.“

„Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, denn ich bin in meinem Leben noch nie einem noch fauleren Menschen begegnet – abgesehen von mir selbst natürlich.“

Shelton strahlte. „Vielen Dank, Mylord! Was für ein seltenes Glück, dass ich mich auf irgendeinem Gebiet als Ihresgleichen betrachten darf.“

„Keine Ursache“, erwiderte Dougal mit ernster Miene.

„Nun, Sie haben aus der Faulheit eine Art von Kunst gemacht, die … sehen Sie!“ Der Knecht deutete eifrig vor sich auf den Weg, wo die Spur eines Fuchses zu erkennen war. „Juhu, und die Fährte sieht frisch aus!“

Dougal betrachtete das Dickicht, das sie umgab. „Frisch oder nicht frisch, es braucht einen besseren Reiter als mich, um ein Pferd ohne Beinbruch über diesen holperigen Untergrund zu bringen.“

Shelton warf ihm einen scharfen Blick zu. „Man kann viel über Sie sagen, Mylord, aber dass Sie ein schlechter Reiter sind, gehört nicht dazu.“

„Du beschämst mich, Shelton. Ich weiß nicht, was ich auf solch überschwängliches Lob erwidern soll.“

Der Knecht setzte eine Leidensmiene auf. „Nun sagen Sie schon wieder so seltsame Dinge, Mylord. Sind Sie sicher, dass Sie nicht ein bisschen irisches Blut in den Adern haben?“

Dougal grinste. „Jedenfalls gibt meine Mutter nichts dergleichen zu.“ Er drehte sich im Sattel um und bewunderte die Aussicht. Der Duft der sauberen, feuchten Erde und des frischen Grases stieg ihm in die Nase, und das Sonnenlicht drang in goldenen Flecken durch das Laub der Bäume. Über ihnen erklang Vogelgesang, während die Pferdehufe den Weg entlangklapperten.

Das Land allein würde bereits ein hervorragendes Geschenk für seinen neugeborenen Neffen abgeben. Doch MacFarlane hatte beteuert, das Anwesen sei das Juwel des Besitzes. Als der Mann versucht hatte, die Besitzurkunde anstelle einer bedeutenden Geldsumme einzusetzen, hatte Dougal an der Wahrheit seiner Worte gezweifelt.

Dougal trieb sein Pferd an, ritt durch die letzte Kurve der Auffahrt und war ein weiteres Mal angenehm überrascht. Vor ihm lag das Haus. Es war groß und quadratisch, und die zweigeteilten Fenster funkelten in der Spätnachmittagssonne. MacFarlane House – das schon bald Kincaid Manor heißen würde – war ein ansehnliches Gebäude aus roten Ziegeln mit einer hübschen Fassade, vor der ein breiter Säulengang mit acht hohen ionischen Säulen lag, der zum Eingang führte. Über der zweiflügligen weißen Tür zeigte ein buntes halbkreisförmiges Glasfenster sonnenbeschienene Hügel, die denen ähnelten, auf denen das Haus stand. An beiden Seiten des Hauptgebäudes erstreckten sich Seitenflügel aus Backstein, welche mit ihrem Bewuchs aus tiefgrünem wildem Wein einen äußerst romantischen Anblick boten.

MacFarlane – in Dougals Augen ein notorischer Aufschneider – hatte behauptet, das Haus sei elegant. Doch das war es nicht unbedingt. Es war eher … anmutig.

Sein Neffe würde seine Freude daran haben, wenn er volljährig war. Der Knabe würde einen eigenen Wohnsitz brauchen, einen Ort, an dem er tun und lassen konnte, was er wollte, ohne dass seine Mutter wie eine Glucke um ihn herumflatterte und sein strenger Vater ihn ständig anblaffte.

Dougal grinste. Black Jack Kincaid war der König aller Taugenichtse gewesen, bevor Fiona ihn gezähmt hatte. Es würde den Kerl maßlos ärgern, zusehen zu müssen, wie sein eigener Sohn denselben Weg einschlug – wofür er, sein Onkel Dougal, sorgen würde, wenn man ihm nur die geringste Gelegenheit dazu gab.

Es würde Jack absolut nicht gefallen, wenn Dougal seinem Sohn das Haus schenkte, was die Geste nur umso reizvoller für ihn machte. Oh ja, es war durchaus eine gewisse Entschädigung für die vorhergegangenen Ereignisse, nun Onkel eines Knaben zu sein.

Dougal lenkte sein Pferd durch das hübsche schmiedeeiserne Tor dicht vor dem Haus. Er würde sich flüchtig umsehen und anschließend, falls es einigermaßen vernünftig erschien, Handwerker beauftragen, alle nötigen Reparaturen durchzuführen.

Als er die letzte Kurve der langen Auffahrt durchritt, tänzelte sein Wallach plötzlich nervös und blieb dann abrupt stehen.

„Mist!“, sagte Shelton und lenkte sein Pferd an den Rand des Weges, während er erbost nach unten schaute. „Diese Auffahrt sieht aus wie ein frisch gepflügter Acker.“

Dougal runzelte die Stirn. Der Weg, der vor ihm lag, war nicht glatt und eben, sondern glich einem Sumpf mit großen Löchern. Im Gegensatz zu anderen Zufahrten, die jahrelang benutzt und nicht regelmäßig wieder instand gesetzt worden waren, sah diese Auffahrt nicht nur vernachlässigt aus, sondern so, als sei sie vor Kurzem umgegraben worden.

„Da laust mich doch der Affe“, stieß Shelton entsetzt hervor. „Wer, um alles in der Welt, gräbt Löcher in einen Pfad, der vollkommen in Ordnung ist?“

„Ich habe keine Ahnung. Allerdings scheint mir die Mühe vergebens zu sein.“ Dougal lenkte Poseidon, seinen Wallach, um die Löcher herum und hielt schließlich vor den Stufen, die zur Eingangstür führten.

Obwohl einige der Fenster trotz der kühlen Abendluft geöffnet waren, schien niemand sein Eintreffen zu bemerken. Er schwang sich vom Pferd und reichte Shelton die Zügel, bevor er die Treppe hinaufstieg. Oben angekommen, blieb er stehen und zog seine Handschuhe aus.

Sein Reitknecht band die Pferde an den dafür vorgesehenen schmiedeeisernen Pfosten und beeilte sich, Dougal zu folgen. „Soll ich anklopfen, Mylord?“

„Unbedingt.“ Dougal steckte seine Handschuhe in die Jackentasche und betrachtete die hohen Säulen neben dem Eingang. Sie passten sich harmonisch dem Äußeren des Gebäudes an und schienen fest und haltbar gebaut zu sein. Die Verzierungen waren geschmackvoll und von guter Qualität.

Shelton klopfte, doch im Haus rührte sich nichts.

Vom Säulengang vor dem Eingang aus betrachtete Dougal nachdenklich die Auffahrt und wunderte sich wieder über die frisch gegrabenen Löcher. Vielleicht hatte man gerade einige große Steine entfernt und auf diese Weise eine solche Verwüstung angerichtet.

Shelton klopfte ein weiteres Mal, nun ein wenig lauter – doch wieder reagierte niemand.

Nachdem er eine Weile gewartet hatte, stieß der Reitknecht einen Seufzer aus. „Scheint keiner zu kommen, Mylord. Soll ich …“

Dougal hob die Hand, und der Knecht schwieg gehorsam. Aus einem der offenen Fenster am anderen Ende des Säulengangs drangen gedämpfte Stimmen.

Dougal zeigte auf das betreffende Fenster. „Offenbar haben die Dienstboten im Seitenflügel zu tun und hören das Klopfen nicht.“

Shelton zog ein finsteres Gesicht. „Die sind doch nur faul. Ich würde meinen ganzen Monatslohn setzen, dass sie mich gehört haben und einfach nur ihre Pflicht nicht tun wollen!“ Er wandte sich um, als wollte er zum Fenster marschieren und diejenigen, die im Zimmer waren, zur Rede stellen.

„Nein.“ Douglas hielt ihn mit leiser Stimme zurück.

Dann ging er den Säulengang entlang zu dem offenen Fenster und spähte hinein. Als seine Augen sich an den dämmerigen Raum gewöhnt hatten, erkannte er, dass er in ein Wohnzimmer schaute. Mit seinen großen, gleichmäßig in der Außenmauer verteilten Fenstern hätte der Salon luftig und hell sein sollen, erschien aber stattdessen trübe und unordentlich. Ein fleckiges Sofa und zwei Sessel – von denen dem einen eine Armlehne fehlte und der andere jeden Moment umzukippen drohte – zerstörten die natürliche Schönheit des Zimmers. Und auch die weiteren Möbelstücke, die samt und sonders nicht zusammenpassten, trugen nicht gerade zur Gemütlichkeit bei.

Noch schlimmer war der Anblick der Wände, welche mit einer verblichenen rot-weiß gestreiften Tapete versehen waren. Das wäre nicht ganz so schlimm gewesen, hätten nicht Umrisse in der Größe von gerahmten Porträts deutlich gemacht, wie leuchtend die Farben der Tapete einst gewesen waren.

Irgendwo im Zimmer schrie jemand: „Autsch!“

Dougal beugte sich nach links und entdeckte zwei Gestalten, die vor einem Kamin am anderen Ende des Raums knieten. Bei einer von ihnen handelte es sich um einen großen, stämmigen Mann mit muskulösen Armen, der eine Maurerkelle in der Hand hielt. Er reckte den Kopf mit den grauen Haaren vor und blickte hinauf in den Schornstein. Neben ihm hockte eine Frau in einem verwaschenen blauen Kleid. Sie hatte sich ein Tuch um den Kopf geschlungen, doch Dougal bemerkte eine glänzende blonde Strähne, um einiges heller als seine eigenen Haare, die sich unter dem Stoff hervorgestohlen hatte.

Gerade hob sie ihren Ellenbogen und untersuchte ihn. „Ich habe mir die Haut an der Kante des Kaminsimses abgeschürft.“

„Sie müssen vorsichtiger sein“, brummte ihr Helfer.

„Ich weiß, ich weiß. Wenn wir hier endlich fertig sind, werde ich keinen Fetzen heile Haut mehr am Körper haben.“ Sie beugte sich vor und spähte ebenfalls den Schornstein hinauf. „Ich glaube nicht, dass es so, wie es jetzt ist, genügend Rauch geben wird, Angus.“ Weich wie Schlagsahne betörte ihre süße Stimme Dougals Sinne.

Verdammt und zugenäht, wenn diese Frau auch nur halb so schön war wie ihre Stimme, würde er sich möglicherweise verleiten lassen, den Besuch bei seiner Schwester noch ein wenig länger aufzuschieben.

Der Mann neben ihr schnaubte. „Vertrauen Sie mir, Miss. Ich glaube, der Kamin wird rauchen und rußen, und zwar mächtig.“

Miss? Offensichtlich gehörte sie nicht zu den Dienstboten.

„Ich weiß nicht recht, Angus“, erwiderte die Frau, und ihre kultivierte, weiche Stimme bildete einen deutlichen Kontrast zu den rauen Tönen des Mannes. „Ich möchte, dass dieser Kamin fürchterlicher lodert und qualmt als das Höllenfeuer. Lassen Sie uns im Abzug noch einen Ziegel anbringen, damit der Schornstein garantiert nicht mehr zieht.“

Dougal erstarrte. Er war der Meinung gewesen, dass die beiden dort drinnen den Schornstein reparierten, aber sie wollten offenbar, dass er rauchte. Was, zur Hölle, ging da drinnen vor?

Die Frau rieb sich mit ihrer Hand, die in einem Handschuh steckte, den Nacken und verteilte dabei großzügig schwarzen Ruß auf ihrer Haut. „Gütiger Himmel, morgen wird mir alles wehtun.“

„Nicht so sehr wie neulich, als wir drei Tage damit verbracht haben, die Holzvertäfelung in der Bibliothek mit Ruß und Wachs einzureiben“, erwiderte der Mann in heiterem Ton, während er Mörtel aus einem Eimer schöpfte und sich daran machte, einen Ziegel innen im Schornstein anzubringen.

Dougal ballte die Hände zu Fäusten. Sie mauerten seinen Schornstein zu und hatten bereits die Vertäfelung der Bibliothek mit Asche beschmiert? Er würde diesem Treiben unverzüglich Einhalt gebieten. Während er Anstalten machte, sich über die niedrige Fensterbank zu schwingen, um ins Zimmer zu gelangen, erhob sich die Frau. Nun stand sie, immer noch mit dem Rücken zu ihm, vor dem Kamin und seufzte. „Wenn du den Ziegelstein angebracht hast, werde ich noch ein paar ölgetränkte Lappen in den Schornstein stopfen, Angus. Dadurch wird es noch mehr rauchen.“

Angus grinste seine Kumpanin bewundernd an. „Sie ham sehr viel Talent für so was hier, Miss, das is wohl wahr.“

Sie gluckste leise vor sich hin, und auch diese Töne klangen in seinen Ohren höchst verführerisch, wenn er davon absah, dass der Spott, der in ihnen mitschwang, offenbar ihm galt. „Ich bekomme Übung in diesen Dingen, und sie wächst mit jedem Tag, den der neue Eigentümer dieses Hauses seine Aufgaben vernachlässigt.“

„Vielleicht hat er ’nen guten Grund, hier nich aufzutauchen, Miss.“

„Was sollte das für ein Grund sein?“

„Ich weiß nich. Vielleicht hat er beim Kartenspiel noch mehr Häuser gewonnen und besucht nun eins nach dem anderen.“

„Viel wahrscheinlicher ist, dass er von einem Mädchen mit lockerer Moral aufgehalten wird. Nach allem, was ich über ihn weiß, ist dieser Mann ein in Samt und Seide gekleideter Lebemann, der nichts Besseres zu tun hat, als seine Zeit und sein Geld zu verschwenden.“

Dougal verfluchte im Stillen diese Frau und ihre unhöflichen und völlig unbegründeten Vermutungen! Möglicherweise war er tatsächlich ein wenig länger in Stirling geblieben, um den besonderen Charme einer Witwe zu genießen, doch das machte ihn noch längst nicht zu einem geckenhaften Verschwender. Am meisten ärgerte ihn, dass sie mit ihrer Annahme, was ihn so lange von seiner neuen Aufgabe abgehalten hatte, vollkommen richtig lag.

Der große Mann dort drinnen richtete sich auf, und Asche und Ruß lösten sich aus seinen Kleidern und seinem Haar und verteilten sich rings um ihn auf dem Fußboden. Als er jetzt die Arme ausbreitete, war er groß und breit wie ein Scheunentor. „Ach, Miss, der Schornstein raucht jetzt sicher ganz fürchterlich. Nun kommen Sie, für heute ham wir uns genug geschunden. Wenn es noch mehr zu tun gibt, machen wir das morgen.“

„Wenn wir morgen noch Zeit dazu haben. Schließlich wissen wir nicht, wann MacLean sich die Mühe machen wird, hier zu erscheinen.“ Seufzend streifte sie ihre Handschuhe ab. „Ich sollte mich wirklich nicht beklagen, denn die Trödelei dieses Mannes war ein wahrer Segen für uns – wir hatten Gelegenheit, eine Menge Dinge zu erledigen.“

„So is es“, stimmte der Mann ihr zu. „Das Haus hat noch nie so schlimm ausgesehen.“

„Genau.“ Die Frau hörte sich äußerst zufrieden an. „Wir haben all die schönen Möbel auf den Dachboden geschafft und den alten Krempel nach unten getragen. Sämtliche hübschen Porträts sind gut versteckt und durch die schrecklichen Gemälde ersetzt worden, die wir unter den Treppenschrägen gefunden haben. Wir haben die Treppengeländer gelockert, einige der Bodendielen herausgelöst und das gute Geschirr weggepackt, sodass nur noch etwas altes, angeschlagenes Porzellan da ist.“

Dougal blinzelte entsetzt in das dämmerige Zimmer. Gütiger Gott!

Der große, stämmige Mann gluckste in sich hinein. „Sie haben vor, dem neuen Eigentümer das Essen auf einem Tisch ohne Tischtuch zu servieren, stimmt’s?“

„Ich habe noch viel mehr in der Hinterhand, als selbst du ahnst. Warte nur, bis du siehst, was Red und ich im Haus alles verändert haben!“ Als sie nun lachte, klang die Frauenstimme warm und herzlich, und Dougal konnte sich nicht gegen die Vorstellung wehren, dieses Lachen würde dicht neben seinem Ohr in einem Bett mit Seidenlaken erklingen.

Eine Frau mit einer solchen Stimme sollte eigentlich das Gesicht eines Engels, den Körper einer griechischen Statue und die Fertigkeiten einer Kurtisane besitzen. Dennoch bestand die Möglichkeit, dass sie ein verhärmtes altes Weib war.

Der Riesenkerl von einem Diener begann, sein Handwerkszeug zusammenzusuchen. „Ich hoffe, Sie und Ihr Vater wissen, was Sie tun. Lebemann oder nicht – kein Mann mag es, wenn man ihm seinen Besitz wegnimmt.“

„Das ist ein Irrtum“, erklärte die Frau in heiterem Ton. „Es ist ja nun nicht so, als würden wir vorhaben, ihm den Kopf einzuschlagen und seine Taschen zu leeren.“

Wie gnädig, dachte Dougal erbittert.

Der Diener grunzte vor sich hin. „Ich hoffe für Sie, dass es funktioniert, Miss.“

„Ja. Und dann kann ich mein wunderschönes Haus in Ordnung bringen, bis es hier wieder blitzt und funkelt wie früher.“ Die wohlklingende Stimme hörte sich traurig an. Dougal sah, wie die Frau sich mit einer Hand am Kaminsims abstützte, bevor sie fortfuhr: „Ich wünschte, wir wären nicht gezwungen gewesen, all diese Dinge zu tun, aber wir hatten keine andere Wahl. Ich hoffe, der neue Eigentümer kommt bald, damit er sieht, was wir gemacht haben. Aber vermutlich hält irgendeine Schlampe in einer Schenke MacLean fest, indem sie ihm von morgens bis abends Schmeicheleien ins Ohr flüstert.“

Die Frau stieß ein sanftes Lachen hervor und fuhr dann mit hoher Stimme fort: „Oh Lord MacLean, Ihre Stimme klingt so männlich. Oh Lord MacLean, noch nie habe ich so reinliche Hände gesehen! Oh Lord MacLean, noch nie hatte ich für irgendeinen Mann solche Gefühle wie für Sie!“

Dougal kniff die Augen zusammen. In seinem Inneren stieg Hitze auf. Der Wind wurde ein wenig stärker, blähte die Vorhänge am Fenster und strich durch die Kleider der Frau vor dem Kamin.

„Miss!“, mahnte der Diener. „Sie sollten nicht von Schlampen sprechen, die in billigen Schenken arbeiten.“

Sie musste husten, weil der Wind den Ruß und die Asche im Zimmer aufwirbelte. „Nein, das sollte ich wohl nicht tun“, stimmte sie zu und wedelte mit der Hand durch die Luft, um die Asche zu vertreiben. „Obwohl ich einiges über ihn gehört habe. Ich glaube, er ist diese Art von Mann, der sich mit jeder Frau vergnügt, die sich nicht rasch genug in Sicherheit bringt.“

„Meinen Sie, das ist schlecht für Ihren Plan?“

Dougal beugte sich gespannt vor und heftete seinen Blick auf den schmalen Rücken der Frau dort drinnen.

Sie schüttelte den Kopf, und die goldfarbene Haarsträhne, die sich in ihrem Nacken kringelte, leuchtete auf. „Nein, das ist nur von Vorteil für uns. Ein Mann, der leicht abzulenken ist, ist auch leicht hereinzulegen.“

Dougal starrte finster vor sich hin und umklammerte den Fensterrahmen mit beiden Händen so fest, dass seine Finger weiß wurden. Der Plan war also, ihn zu täuschen, sodass er das Haus nicht haben wollte! Er wollte verflucht sein, wenn er den Besitz wegen etwas so Lächerlichem wie wackeligen Sesseln, Möbeln, die nicht zusammenpassten, und rußenden Schornsteinen aufgab! Da musste schon Schlimmeres passieren.

Lautlos zog er sich vom Fenster auf den Säulengang zurück und schlenderte wieder zu der Stelle, wo die Pferde angebunden waren. „Hast du das gehört?“

„Nicht alles, aber einen Teil davon.“ Shelton schüttelte den Kopf. „Gütiger Himmel, es scheint, als will man Sie hier nicht!“

„Es ist mein Haus, verdammt noch mal! Ich sollte dieses Pack an den Ohren da herauszerren!“

„Und dann?“

„Dann werde ich weiterreiten und Simmons herschicken. Als mein Vermögensverwalter kann er sich bestens darum kümmern, dass alles, was zerstört wurde, wieder in Ordnung gebracht wird.“ Dougal zog eine finstere Miene und starrte das offene Fenster an, vor dem er eben noch gestanden hatte. „Was sind das nur für Dummköpfe, wenn sie glauben, sie könnten mich auf diese Weise hereinlegen!“

Shelton nickte. „Soll ich die Pferde in den Stall bringen?“

„Nein. Ich werde nicht lange hierbleiben. Falls ich in zwanzig Minuten nicht zurück bin, kommst du ins Haus und informierst mich, dass die Pferde Wasser erhalten haben und bereit für den Weiterritt sind.“

Sheltons wettergegerbtes Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Glauben Sie, dass Sie jemanden brauchen, der Sie da herausholt?“

Dougal zog die Brauen hoch. „Musste ich jemals irgendwo herausgeholt werden? Brauchte ich jemals einen Retter? Ich möchte einfach nur einen sauberen Abgang haben, nachdem ich den Leuten klargemacht habe, dass ich ihre List durchschaue.“

Entschlossen wandte er sich um und stapfte die Treppe zur Eingangstür hinauf. Der Reitknecht folgte ihm. „Klopfen Sie, Shelton, und hören Sie nicht auf, bevor der Türklopfer abfällt. Ich habe vor, diesen Aufstand ein für alle Mal zu beenden.“

Sophia wirbelte herum und blickte zur Tür. Es klopfte schon wieder, und zwar so laut, dass die ganze Eingangshalle da draußen zu beben schien.

Angus, der soeben damit beschäftigt war, mit einem feuchten Tuch die Asche vom Boden vor dem Kamin zu wischen, hob den Kopf. „Himmel, Miss! Glauben Sie, dass das unser neuer Herr is?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Kutsche vorfahren hören.“

Angus atmete auf, und in seinem Gesicht spiegelte sich die Erleichterung, die er offenbar spürte. „Stimmt. Ihr Vater sagt, der neue Eigentümer fährt ’nen Sechsspänner, nich wahr?“

„Acht“, korrigierte sie ihn abwesend, denn im selben Moment dröhnte erneut das Klopfen durchs Haus. „Das muss der Junge aus der Stadt sein, der das Holz bringt.“

„Wird auch langsam Zeit.“

Sie nickte. Während des vergangenen Monats war ihr Plan zur Rettung des Hauses immer umfangreicher und komplizierter geworden. Dennoch empörte es Sophia, dass MacLean sich so viel Zeit ließ. Offensichtlich betrachtete der mächtige und vornehme Lord MacLean die Tatsache für unbedeutend, dass er beim Kartenspiel ihr wunderschönes Haus gewonnen hatte. Schließlich machte er sich nicht einmal die Mühe, sich den Besitz anzusehen.

Ihre Brust wurde eng, und sie bekam plötzlich kaum noch Luft. Er musste hier aufkreuzen. Falls er das nicht tat, war all ihre Mühe umsonst gewesen. All die Arbeit, mit der sie ihre Tage verbracht hatte, und all die Übungen im Kartenspiel, die sie jeden einzelnen Abend gekostet hatten.

Red hatte erklärt, sie besäße ein angeborenes Talent für den Umgang mit Karten, und sie hatte ihn fast jeden Abend besiegt. Sie konnte ihr Haus zurückgewinnen, indem sie die Karten zählte und MacLean überlistete. Alles, was sie brauchte, war die Chance, mit ihm um das Haus zu spielen.

Wieder pochte es laut an die Eingangstür, und Angus warf empört seinen Lappen auf den Boden. „Dieser Kerl braucht ’ne ordentliche Tracht Prügel, so is es!“ Mit diesen Worten wischte er sich die Hände an den Hosen ab, wo seine Finger lange schwarze Streifen hinterließen, und wandte sich der Tür zu.

„Warte! Du solltest wenigstens deine Jacke anhaben.“

Angus kniff erstaunt die Augen zusammen. „Für den Burschen mit dem Holz?“

„Zur Übung. Wenn MacLean kommt, musst du meinen Butler spielen.“ Sie reichte ihm einen Lappen. „Wisch dir die Hände ab und zieh die Jacke an. Damit unser Plan funktioniert, muss MacLean denken, dass wir reich sind. Und das bedeutet, dass unser Butler weiß, wie man anständig die Tür öffnet, wenn Gäste erscheinen.“

„Der Junge wird sich über mich lustig machen“, vermutete Angus in düsterem Ton. Dennoch griff er nach dem Lappen und wischte sich die Hände ab.

„Nicht, wenn er sieht, wie toll du angezogen bist.“ Sie half Angus in die Jacke aus schwarzem Stoff. Dann knotete er sich murrend ein Musselintuch um den Hals.

Sophia musterte ihn kritisch. Nach einem Bad, und wenn er die schwarzen Hosen trug, die zu der Jacke gehörten, würde Angus einen eindrucksvollen Butler abgeben. „Geh jetzt. Du weißt, was zu tun ist.“

„Genau. Ich mach die Tür auf und schau gelangweilt aus. Ich hab ab und zu gesehen, wie Poole das für den Squire gemacht hat, aber ich hätt nie gedacht, dass ich das irgendwann selber mal tun muss.“

Sophia nickte ermutigend. Sie hatte Angus und seine Frau Mary vom Squire ausgeliehen. Sophia und ihr Vater hatten bescheidene Ansprüche, und sie hatten nur zwei Mädchen aus dem Dorf, die einmal in der Woche zum Saubermachen und Kochen kamen. Da nur Red und sie hier wohnten, benutzten sie die meisten Zimmer nicht und hielten die Vorhänge geschlossen, um das schädliche Licht und den Staub draußen zu halten.

Sie strich Angus die Jacke glatt und lächelte. „Falls Jimmy dich aufzieht, wirst du ihm Kontra geben müssen.“

„Sehr wohl, Miss.“

Gemeinsam gingen sie in die Eingangshalle. Dort wandte Angus sich der Tür zu. Er machte einen Schritt nach vorn und erstarrte.

Etwas an seiner Haltung ließ auch Sophia stutzen. Sie schaute in die Richtung, in die auch er starrte, nämlich zu den Milchglasscheiben, die rechts und links von der Eingangstür in die Wand eingelassen waren. Dort draußen im hellen Sonnenlicht war nicht der kleine, dürre Junge aus dem Dorf zu sehen, sondern ein großer, breitschultriger Mann.

„Er ist da“, hauchte sie, und ihr Herz schlug so heftig, dass es ihr ebenso laut vorkam wie das Klopfen an der Tür.

„Verdammt“, fluchte Angus. „Und Ihr Pa is nich hier.“

Red war fortgegangen, um sich vom Squire eine gute Jacke zu leihen. Die Schneiderin im Dorf hatte Tag und Nacht gearbeitet, um sechs neue Kleider für Sophia zu nähen. Außerdem Nachthemden, Petticoats und Umhänge. Deshalb hatte sie keine Zeit gehabt, eine neue Jacke für Red zu machen.

Wieder donnerte das Klopfen durch die Halle.

Angus warf Sophia über seine Schulter einen Blick zu. „Geh’n Sie nach oben, Miss! Er darf Sie so nich sehn.“

Sophia schaute auf ihr abgetragenes, mit Ruß beschmutztes Kleid hinunter. „Gütiger Himmel, nein! Aber … was ist mit dir?“ Sie deutete auf seine Hosen mit den Dreckstreifen.

„Wenn er mich deswegen fragt, sag ich ihm, dass ich über den Kohleneimer gestolpert bin, als ich eine Katze weggejagt hab.“

„Das muss als Erklärung reichen.“ Sie wandte sich der Treppe zu und befahl ihm beim Weggehen: „Mach es genau so, wie wir es geübt haben, Angus! Lass ihn herein und hol ihm ein Glas von dem schrecklichen Portwein, den wir in der Stadt gekauft haben. Wenn das erledigt ist, schickst du Mary sofort mit einem Eimer Wasser nach oben. Ich muss mich waschen.“

Eine seiner großen Hände lag bereits auf dem Türknauf, doch Angus hielt noch einmal inne. „Jetzt woll’n Sie sich waschen? Aber MacLean ist doch schon hier.“

Sie warf den Kopf in den Nacken. „Ich habe lange genug auf MacLean gewartet, jetzt kann er auf mich warten.“

„Sehr wohl, Miss“, erwiderte Angus grinsend.

Sophia eilte die Treppe hinauf, lief den Flur zu ihrem Zimmer entlang und begann schon beim Gehen, sich auszuziehen.

Von unten hörte sie den leisen Klang von Stimmen. Wenig später stand Mary mit einem Eimer Wasser in der Tür. Sophia schrubbte sich energisch sauber und zitterte dabei vor Kälte, während Mary wartend hinter ihr stand und missbilligend mit der Zunge schnalzte.

„Oh“, stöhnte Sophia und zuckte zusammen, als sie sich nach ihrem zu Boden gefallenen Handtuch bückte. „Mein Rücken tut weh.“

Die pummelige, grauhaarige Mary schüttelte den Kopf. „Ich weiß wirklich nich, was Sie sich dabei denken, Miss. Für eine Dame Ihres Standes is es nich recht, solche Arbeiten zu tun.“

„Irgendjemand muss es ja machen“, erklärte Sophia mit fester Stimme. Sie trocknete sich ab. Zum Glück hatte sie sich am Abend zuvor die Haare gewaschen.

Nachdem sie sich ihr Unterkleid und die Strümpfe angezogen hatte, vollbrachte Mary wie üblich wahre Wunder mit Bürste und Haarnadeln. Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit war Sophias Haar wie das einer Dame von Welt hochgesteckt, und über jedem Ohr lockte sich eine dicke, glänzende Strähne. Als das erledigt war, öffnete Mary die neue Schmuckkassette, die Sophia von Red bekommen hatte. Der Inhalt des Kästchens sah aus, als wäre er ein Vermögen wert. In Wahrheit hätte sich nicht einmal ein Taschendieb die Mühe gemacht, die Klunker zu stehlen, wenn er ihren Preis gekannt hätte.

Mary zog prunkvollen Schmuck aus falschen Saphiren hervor und legte Sophia die Kette um den Hals. Bald darauf baumelten an Sophias Ohren die passenden Ohrringe, und an ihrem Handgelenk glitzerte ein breites Armband. Dann ging Mary zum Schrank und holte ein blassgelbes Seidenkleid hervor, das mit Bändern und winzigen Blümchen in Königsblau geschmückt war.

Nachdem Mary die letzte Schleife gebunden hatte, drehte Sophia sich vor dem Spiegel, um sich zu betrachten. Sie war eine zierliche Frau, kleiner als die meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen. Ihr Kleid lag an den Schultern eng an, und die kurzen Ärmel bedeckten nur den oberen Teil ihrer schlanken Arme. Das Oberteil war mit kleinen blauen Rosetten geschmückt. Unter ihren vollen Brüsten wurde der Stoff von einer breiten, ebenfalls blauen Schärpe zusammengehalten, und die gelbe Seide des Rocks floss anmutig bis auf ihre Füße hinunter.

Sophia wünschte sich, ihr Herz würde aufhören, so schnell zu schlagen. Es war zu dumm, dass MacLean ausgerechnet heute gekommen war, an einem Tag, an dem Red nicht da war, um sie zu unterstützen. Doch es lag ohnehin ganz allein bei ihr, ihr Opfer an die steinigen Gestade des gewagten Spiels und des Verlusts zu locken. Das würde ihr gelingen, indem sie an seine Eitelkeit und seinen männlichen Stolz appellierte. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. „Es ist nicht perfekt, aber es wird gehen müssen.“

„Also wirklich, Miss! Sie sind schön wie eine Prinzessin.“ Mary öffnete ihr die Tür und trat beiseite. „Sei’n Sie vorsichtig, wenn Sie die Treppe runtergehn. Ihr Pa hat die dritte Stufe mit dem Brecheisen bearbeitet.“

„Eine der Stufen? Jemand könnte verletzt werden.“

„Genau das wollte er.“

Sophia runzelte die Stirn. „Ich werde Angus sagen, dass er es wieder in Ordnung bringen soll. Ich will, dass MacLean das Haus hasst, nicht, dass er hier stirbt.“

„Männer denken nie nach, Miss. Das ist eins der traurigen Dinge in diesem Leben.“

„Das musst du mir nicht sagen“, murmelte Sophia vor sich hin. „Wünsch mir Glück. Ich habe schon viel über MacLean gehört, aber nichts Gutes.“

„Viel Glück, Miss. Ich weiß genau, dass Sie mit solchen wie ihm umgehen können. Und jetzt nach unten mit Ihnen! Der Mann wartet auf Sie.“

„Danke, Mary.“ Als Sophia sich in Bewegung setzte, um zu ihrem Gast zu gehen, protestierte ihr schmerzender Rücken. Sie blieb auf der obersten Stufe stehen und atmete tief durch. Dabei nahm sie all ihren Mut zusammen, um ihre Angst zu unterdrücken. Ich kann das, redete sie sich selbst gut zu. Doch gleichzeitig flüsterte es in ihrem Kopf: Wenn ich es nicht schaffe, verliere ich Mutters Haus – mein Haus.

Ihre Kehle wurde eng, und sie hatte Mühe zu atmen. Doch sie straffte ihre Schultern und setzte ihren Weg nach unten fort, wobei sie sorgfältig darauf achtete, nicht auf die beschädigte Stufe zu treten.

Sophia ahnte nicht, dass ihr Gast alles beobachtet hatte: Wie sie sich anmutig der Treppe genähert und auf der obersten Stufe innegehalten hatte, ihr Zögern, bevor sie den nächsten Schritt tat, und wie sich innerhalb eines Augenblicks ihre Anspannung in Ruhe verwandelte.

Dougal stand neben der Tür zur Bibliothek, die seitlich von der Treppe lag.

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