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Herr Aberdoch und Fräulein Möchtegern

Bertha Mercator

Herr Aberdoch und Fräulein Möchtegern





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Herr Aberdoch und Fräulein Möchtegern

 

Das freundlichste Zimmer in dem Hause, das Frau Walter mit ihren Kindern bewohnte, war die Kinderstube.

Auf der Bank hinterm Spieltisch saß Klein-Emma, wickelte ihrer Puppe Lisbeth Läppchen um die Beine und machte ein betrübtes Gesicht dazu. Das war auch kein Wunder, denn die Porzellanarme hatten gar keine Hände mehr.

Auf dem Stuhl vor dem großen Tisch kniete Lenchen, blätterte in ihrer Naturgeschichte, und machte ein noch betrübteres Gesicht. Das war ebenfalls kein Wunder, denn das feine Buch, das sie erst vorige Woche zum Geburtstag bekommen hatte, war fast aus dem Einband gerissen und hatte viele Fettflecke und Eselsohren.

Und was lag mitten auf dem Tisch? Eine große, schwanke Rute; an der war die rote Schleife sehr verrutscht, als wäre sie soeben kräftig gebraucht worden.

Das war sie auch, aber nicht für Lenchen oder Emma.

Für wen denn?

Nebenan poltert und stampft und weint etwas, eine zornige Knabenstimme ruft dazwischen: „Ich will aber doch die Naturgeschichte haben!“, und es trommeln kleine böse Fäuste an eine Tür.

Dann erschrecken die beiden Mädchen jedes Mal und gucken scheu hinüber zur Mutter.

Sie sitzt am Nähtischchen und näht; aber ihre Hände zittern, ihr liebes Gesicht ist ganz rot, und aus ihren Augen tropft es manchmal sachte auf den Spielkittel, an dem sie die Knöpfe wieder festmacht.

Das mag Lenchen gar nicht ansehen; sie legt den Arm über die Naturgeschichte, den Kopf darauf, und schluchzt zum Erbarmen.

Klein-Emma möchte wohl mitweinen, aber die Tränen kommen nicht recht.

Da schallt es an der Haustür.

Fix springt Emmchen auf, läuft hin und macht auf; das kann sie schon.

Es war Onkel Christian, der große, vergnügte Onkel Christian, und mit ihm kam ein kleines, zierliches Mädchen, das guckte sich neugierig in der Kinderstube um, stellte sich auf die Zehen am Tisch und piepte mit einer hellen Stimme:

„Ach, eine rote Schleife an der Rute! Ich möchte auch gern eine Rute mit roter Schleife haben!“

„Sollst du haben“, nickte Onkel Christian. „Aber nun gib mal erst der Tante die Hand und sag den kleinen Deerns guten Tag.“

„Wen hast du denn da, Christian?“, fragte die Mutter und putzte schnell die Tränen weg.

„Das ist Fräulein Möchtegern“, antwortete er, „ist im April fünf Jahre alt geworden, hat den hübschen Namen Hedwig Förster, möchte aber lieber sieben andere dafür haben; wohnt bei ihren Eltern in Friedeberg, möchte aber lieber einmal bei dem alten Onkel Christian in Falkental wohnen. So – und darum habe ich das Mamsellchen mitgebracht.

Aber was ist denn hier los?“, und Onkel Christian schaute von einem zum andern. „Das sieht ja aus wie drei Tage Regenwetter.“

Eben da polterte es wieder draußen und rief:

„Ich will aber doch die Naturgeschichte haben!“

„Ah so, Herr Aberdoch!“, nickte der Onkel. „Und Prügel hat er gekriegt? Was gab’s denn wieder?“

„Mein Buch hat er vom Bord gerissen und hat es mit Butterbrothänden beguckt!“, schluchzte Lenchen.

„Ja, und meine Puppe wollte er immer haben, und da zankten wir uns, und da fiel sie, und da gingen alle zwei Hände ab!“, rief Klein-Emma.

„Ach, Christian, er ist ungehorsam“, seufzte die Mutter. „ich kann ihn wirklich nicht bändigen. Wenn das sein lieber Vater im Himmel sähe!“

Aber Onkel Christian strich ihr mit seiner großen Hand übers Gesicht, als ob sie sein Kind wäre.

„Na, Lieschen, so’n Junge, das ist kein Spaß.

Hör mal, ich habe einen Gedanken: Gib mir deinen Hans für ein paar Wochen mit nach Falkental. Ich denke, er passt nicht schlecht zum Fräulein Möchtegern.“

„Zur Belohnung für all seinen Trotz soll er mit dir reisen?“

„I wo! Zur Belohnung doch nicht; aber damit du mal eine Weile Ruhe hast, arme kleine Mutter – darum!

Und dann – wir sprechen nachher noch ein Wort darüber. Jetzt hole ihn mir nur erst einmal; er ist wohl wieder im Keller?“

Freilich, im Keller war er eingesperrt, der sechsjährige Hans, und aus dem Keller kam er.

„Ich will aber doch –“, sagte er; da blieb ihm das Wort im Munde stecken, als er plötzlich den Onkel Christian im Kinderzimmer stehen sah.

„Nun, was willst du aber doch?“, fragte der mit einer Löwenstimme und hob den kleinen Kerl schnell in die Höhe. „Willst du aber doch Mutters braver Jung’ sein, oder willst du aber doch einmal von mir Prügel bekommen? So! Merkst du wohl? So!“

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