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Helena - Eine Doppelmond-Novelle

Impressum


(c) 2016 Benjamin Spang, Am Franzschacht 4, 66299 Friedrichsthal


Email: kontakt@benjaminspang.de


Buchcover: Benjamin Spang
Lektorat: Nina C. Hasse


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"Die Augenbinde drückt auf meine Haare. Wann sind wir endlich da?", fragte eine der beiden Frauen. Vom Kutscher hörte man ein heiseres Husten, gefolgt von Spuckgeräuschen.

"Gestern Nacht, junge Dame, war ich dem Alkohol sehr zugetan", sagte er. Der Klang seiner Stimme bestätigte das mehr als deutlich. "Wenn ihr nicht kopfüber in den Seitengraben stürzen oder unter die Hufe meiner beiden Gäule geraten wollt, empfehle ich euch, dass ihr mich besser nicht ablenkt mit eurem Geschwafel."

Wieder hustete er und spuckte abermals das aus, was in seinem Hals nach oben rutschte.

Niemand antwortete. Anscheinend akzeptierten die Passagiere, dass die Fahrt erst vorbei sein würde, wenn sie angekommen waren. Auch Helena fiel es schwer, denn sie hatte Probleme mit der Augenbinde. Ihren kurzen blonden Haaren schadete sie nicht. Doch der Stoff scheuerte auf ihrer weichen Haut. Besonders auf ihren Ohren war es kaum auszuhalten. Jegliches Kratzen mit den Fingern brachte keinerlei Linderung, ganz im Gegenteil. Aber so waren die Regeln. Sie könnte sie jederzeit abziehen, aber das würde bedeuten, dass die Fahrt für sie zu Ende wäre. Dabei sollte man meinen, dass gerade diese Reise etwas Besonderes sein müsste, geprägt von Luxus und Komfort.

Angefangen bei dem Kutscher, der sie abgeholt hatte. Er sah nicht aus wie jemand, der auserwählte Schüler sicher von einem Ort zum nächsten bringen konnte. Verdammt, er sah noch nicht mal aus, als könnte man ihm einen Karren voller Schweinemist anvertrauen. Vom gesamten Erscheinungsbild her war er dem Schlag Mensch zuzuordnen, der dem Rest seiner Spezies einen Gefallen tat, wenn er seinen von Schweißausdünstungen umnebelten Körper innerhalb der eigenen vier Wände hielt. Sein Backenbart war stoppelig und wirkte, als hätte die Klinge seines Rasierhobels bei der Hälfte der Arbeit vor seinem pockennarbigen Gesicht kapituliert. Ebenso gaben sich seine fettigen Haare, die unter dem schwarzen Zylinder hervorkrochen, alle Mühe bei seinem ungepflegten Äußeren nicht aus der Rolle zu fallen. Das Nervigste an ihm jedoch war sein ständiges Zungenschnalzen. Helena dachte zuerst, er gäbe den Pferden damit Kommandos. Irgendwann aber war sie sicher, dass er nur versuchte, besonders hartnäckige Essensreste aus den Zähnen herauszupulen. Ein Schauer lief ihr den Rücken herunter, der ihr im Übrigen schon die gesamte Fahrt über schmerzte. Sie beugte sich vor, weg von dem harten Holz hinter ihr und ließ die Schultern kreisen, um sich ein wenig Entspannung zu verschaffen. Bei dieser Kutsche bestand definitiv Verbesserungspotenzial. Alleine das Wort Kutsche versprach schon zu viel. Es war eher ein alter Holzkarren, auf dessen Ladefläche man behelfsmäßig Sitzflächen in Form länglicher Bretter montiert hatte. Durch die Dauer des Ausflugs wurde das Sitzen zu einer wahren Herausforderung. Helena wunderte sich, dass die anderen Passagiere sich darüber noch nicht beklagt hatten. Hier und da hörte sie ein ungeduldiges Schnauben oder ein angespanntes Seufzen, mehr nicht. Dass ihr gegenüber zwei Frauen saßen wusste sie, seit der Kutscher sie zuhause abgeholt hatte. Kurz nach ihr stieg ein Mann dazu. Er fragte den Kutscher, wie lange die Fahrt dauere, bekam jedoch keine Antwort. Als er kurz darauf neben ihr Platz nahm, roch sie sein herbes Rasierwasser. Gesagt hatte er sonst nichts mehr, nur ein-, zweimal gehustet.

Je länger sie fuhren, desto mehr Zweifel hatte Helena, dass dieser Mistkerl von Kutscher sie zu ihrem Bestimmungsort bringen würde. Sie hatte eine Pistole unter seinem Mantel entdeckt, kurz bevor er ihr die Augenbinde aufzog.

Oder war dies die erste Prüfung? Ein erstes Aussortieren, bevor sie das Kloster erreichten?

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Nach einer Ewigkeit blieb der Karren endlich ruckartig stehen. Helena horchte auf. Der Kutscher schnaubte, dann erklang eine Trillerpfeife. So schrill, dass die beiden Frauen ihr gegenüber vor Schreck aufschrien, gefolgt von leisen Flüchen.

Der Kutscher lachte aus voller Kehle und blies erneut in seine Trillerpfeife. Es war ein rhythmisches Pfeifen, das Helena an eine Melodie erinnerte, die sie früher gerne auf dem Plattenspieler gehört hatte, während sie mit ihren beiden Schwestern in alten Büchern stöberte.

Es dauerte einen Augenblick, dann hörte sie ein metallenes Quietschen, als würden ungeölte Scharniere widerwillig ihre Arbeit verrichten.

Der Kutscher ließ die Zügel schnalzen. "Los geht's. Bewegt eure fetten Ärsche!", rief er seinen Pferden zu, bevor diese sich in Bewegung setzten.

Offensichtlich fuhren sie eine kleine Steigung hinauf, denn der Karren neigte sich nach hinten. Helena stützte sich mit den Händen ab, um nicht von der Sitzfläche zu fallen. Es dauerte nicht lange, da wurde der Untergrund wieder eben, die Umgebung deutlich heller. Das schwarze Tuch vor ihren Augen ließ winzige Lichtpunkte hindurch. Die Luft verlor immer mehr ihren Geruch nach Holz, Moos und Nässe. Sie schienen auf einer Lichtung angekommen zu sein und Helena sandte ein Stoßgebet gen Himmel. Hoffentlich waren sie endlich dort, wo sie sein mussten.

Als würde der Allvater persönlich keine weitere Verzögerung ihres Wunsches dulden, stoppte der Karren. Der Kutscher zog die Nase hoch und den Schleim lautstark durch den Rachen nach oben, bevor er ihn ausspuckte. Dann sprang er vom Kutschbock.

"Nehmt eure Augenbinden ab, wir sind da!", plärrte er.

"Endlich, ich dachte schon, wir würden nie mehr ankommen", sagte eine der Frauen.

Helena ließ sich nicht zweimal bitten und zog das Tuch vom Gesicht. Das Licht der beiden Monde, das von dem roten Backsteingebäude reflektiert wurde, stach in ihren Augen. Trotzdem blickte sie den beiden Frauen hinterher, die gerade mitsamt ihrem Gepäck von der Ladefläche sprangen. Neben ihr saß der Mann, von dem sie bisher nur das Rasierwasser kannte. Er hatte dunkelblonde Haare, die ihm in die Stirn hingen und bis kurz über die müden Augen reichten. Am Kinn hatte er leichte Stoppeln, als wäre er heute morgen nicht dazu gekommen, sich zu rasieren. Er war im Sitzen ungefähr so groß wie Helena und kräftig gebaut. Unter der Jacke und dem dunkelbraunen Hemd konnte man seine harten Nackenmuskeln erkennen. Plötzlich schaute er aus schmalen Augen zu ihr und lächelte.

"Endlich da, was? Wurde auch Zeit", sagte er und stand auf. Er griff seine Reisetasche unter der Sitzbank, um damit vom Karren zu springen.

Helena musterte den Verlauf des Weges, über den sie hergekommen waren und entdeckte am Waldrand ein riesiges Tor. Wie von Geisterhand schoben sich die beiden Torflügel in der Mitte zusammen, um es zu verschließen. Nun gab es keine Möglichkeit mehr, das Gelände zu verlassen, denn von dem Tor aus zog sich ein ebenso hoher Zaun am Waldrand entlang. In gleichmäßigen Abständen ragten lange Pfähle über den Zaun, an deren oberen Enden sich grelle Scheinwerfer befanden. Vermutlich gleißendes Licht, das Angreifer des finsteren Geschlechts sofort in Asche verwandeln würde.

Helena zog ihre Reisetasche unter der Bank hervor, stand auf und sprang vom Karren. Sie spürte in den Beinen, dass sie lange gesessen hatte und freute sich, wieder auf festem Boden zu stehen. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse und sah, dass sie sich innerhalb einer riesigen Lichtung inmitten eines dicht bewachsenen Waldes befand.

Sie betrachtete das Klostergebäude. Der Eingang war eine große, dunkle Holztür, mit vielen eingeschnitzten Verzierungen. Darüber befanden sich zwei Fensterreihen. Helena hörte Schritte hinter sich sowie ein Schnauben, als hätte jemand eine verstopfte Nase. Sie drehte sich um und sah den Kutscher. Kein schöner Anblick. Er grinste sie an, während er mühsam auf den Karren sprang, um einen der Säcke von der Ladefläche zu ziehen. Seine obere Zahnreihe war komplett schwarz, was Helena eine Gänsehaut bereitete und dazu veranlasste, mit schnellen Schritten zu den anderen zu gehen, die sich wenige Meter entfernt versammelt hatten.

"Hier ist ja überhaupt nichts", hörte sie die kleine Blonde sagen, die noch ein junges Mädchen war. So sah sie zumindest aus der Entfernung aus. Auch das, was bisher aus ihrem Mund gekommen war, deutete eher auf die Sichtweise einer naiven Jugendlichen hin.

Neben ihr stand die andere, die etwas kürzere, braun gelockte Haare trug und erwachsener wirkte. Sie hatte bisher weniger von sich gegeben, was sie eindeutig sympathischer machte. Der Kerl mit den blonden Haaren stellte gerade seine Tasche ab und streckte sich demonstrativ, bevor er anfing, Liegestütze zu machen. Wahrscheinlich um die beiden Frauen zu beeindrucken.

Bei der Gruppe angekommen, stellte Helena ihre Tasche vor sich auf den Boden. Die Kleine drehte sich zu ihr um und musterte sie.

"Hey, deine Haare gefallen mir", sagte sie und lächelte. Ihr Gesicht war kindlich und ohne auffallende Merkmale, was sie bei Männern sicher beliebt machte.

"Danke", sagte Helena. Sie war überrascht, dass die Kleine eine rote Haarsträhne hatte. Folglich musste sie aus Nebelbann kommen. Die Stadt im Süden, am weitesten entfernt von den Grenzen zu den dunklen Gebieten der Vampire und Werwölfe. Dort, wo diejenigen wohnten, die es sich leisten konnten. In Nebelbann hatte man genügend Zeit, sich Gedanken über Kleidung, Schmuck und das Färben von Haaren zu machen, denn das Leben war nicht unmittelbar gefährdet durch die dunklen Völker.

"Also ich wasche meine Haare nur noch mit Markeno, diesem neuen Pulver. Hast du davon schon gehört?", fuhr die Kleine fort. "Es ist ein wenig grob, aber mit einem Mörser kann man es ganz einfach selbst feinstoßen. Das Pulver ist wirklich fantastisch. Du gibst es in einen Eimer mit heißem Wasser und wäschst dann deinen Kopf damit. Meine Haare haben sich noch nie so weich angefühlt, glaub mir, das würde dir sicher gefallen."

Sie redete noch weiter, aber Helena konnte sich einfach nicht mehr darauf konzentrieren. Sie selbst benutzte zum Waschen ihrer Haare lediglich warmes Wasser und eine einfache Seife und war nach fünf Minuten fertig. Warum daraus also eine Wissenschaft machen, zumal ihre Haare ja anscheinend gut aussahen? Helena nickte in gewissen Abständen, um vorzutäuschen, sie würde zuhören, bis die Kleine plötzlich ihre Hand ausstreckte.

"Ich bin Adine, freut mich", sagte sie. Helena zögerte kurz, weil sie dachte, es ginge immer noch ums Haarewaschen, griff dann ihre Hand und nannte ebenfalls ihren Namen.

"Au, au, au! Nicht so fest!" rief Adine und zog ihre Hand schnell wieder zurück.

"Oh, entschuldige bitte", sagte Helena und konnte sich ein Grinsen aufgrund des bösen Blicks von Adine kaum verkneifen. Auch der dunkelblonde Kerl, der mit seinen Liegestützen fertig war und Helena die Hand entgegen hielt, grinste.

"Ferdinand, mein Name."

Helena packte seine Hand und spürte einen ebenso festen Händedruck, während sie sich nochmals vorstellte.

"Ich bin Evony, hallo!", sagte die Frau mit den lockigen Haaren. Helena hielt sich bei ihr mit dem Händedruck ein wenig zurück, was sie sogleich bereute, denn fast hätte sie aufgrund von Evonys Kraft laut aufgeschrien.

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