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Heimweh nach der Wüste

Inhalt

I. Dattelwind

Port of Dammam, Saudi-Arabien

II. Sternennächte

Port of Sharmah, Saudi-Arabien

III. Staub im Gemüt

Tabuk, Saudi-Arabien

IV. Fata Morgana

Bagdad, Irak

V. Hinter den Mauern

Tripolis, Libyen

VI. Angst

Misurata, Libyen

Epilog: „Mass`allama“ heißt „Auf Wiedersehen“

Heimweh nach der Wüste

Hilde Kuhn ist in Siegen als sechstes von sieben Kindern geboren und aufgewachsen. Nach ihrer Ausbildung als Erzieherin lebte sie mit ihrem Mann zehn Jahre lang in Saudi-Arabien, im Irak, in Jordanien und Nordafrika. Dort unterrichtete sie an deutschen Schulen Kunst und war gleichzeitig Mitherausgeberin und Illustratorin deutschsprachiger Zeitungen.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete sie im Bereich Marketing für das FAZ Magazin und für einen großen renommierten Fernsehsender.

Ihr Faible für das Schreiben drückt sich auch in Hilde Kuhns Malerei aus. So beschreibt Jost Funke, ihr begleitender Professor für Bildende Kunst und Kunstgeschichte, ihre Acrylfarben mit der Flasche direkt auf die Leinwand getragen als “Lyrische Abstraktionen”.

Heute leitet die Autorin die Filmproduktionsfirma „Filmtöchter“ und produziert Filme für die Industrie.

Hilde Kuhn lebt in Hessen und ist Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter.

Nach Mein anderer Sohn ist Heimweh nach der Wüste ihr zweites bei editionfredebold veröffentlichtes eBook.

für

Constantin-Talal

Sterblicher!

Wenn du für dein Glück sorgen willst,

so ändere oft deinen Aufenthalt,

denn die Süßigkeit des Lebens besteht im

Wechsel - stehendes Wasser

wird faul!

(Aus dem Koran)

I. Dattelwind

Port of Dammam, Saudi-Arabien

Prolog

Weit unten, in der Ferne, glitzerte das Meer in der Abenddämmerung.

Als wir später von der geteerten Straße auf den holprigen Weg zum Camp einbogen, war es dunkel geworden.

Keine Lichter, nur der Himmel blauschwarz voller Sterne. Wir hatten noch gut tausend Meter zu fahren, als plötzlich aus der Dunkelheit irgendwelche Gestalten in das Scheinwerferlicht des Autos sprangen. Frank konnte nur mit Mühe den Wagen zum Stehen bringen. Eine Horde Männer umringte kurz darauf den Wagen. Sie waren bewaffnet und zielten mit Pistolen auf uns. Sie gaben uns den Befehl, auszusteigen. Doch es waren, wie ich mit Erschrecken feststellte, keine Soldaten, sondern Jugendliche, die wild durcheinander schrien.

Ich war vor Angst wie erstarrt. Kleine Kerle mit bösen, schwarzen Augen, nicht älter als vierzehn.

„Das sind Kinder“, flüsterte ich Frank zu.

Während einer der Burschen die Waffe auf uns richtete, durchwühlten die anderen das Auto. Einer der Jungen stand so dicht neben mir, dass ich seinen Atem riechen konnte. Es war der reine Atem eines Kindes.

Ich hatte keine Ahnung, was sie suchten. Sie warfen die wenigen Dinge, die sich im Wagen befanden, auf die Straße. Meine Handtasche drehten sie um, schütteten den Inhalt auf den staubigen Boden und trampelten lachend darauf herum.

Es kam mir wie ein Spiel vor, ein Zeitvertreib unberechenbarer, arabischer Jugendlicher.

Ängstlich hielt ich die Hände auf meinen gewölbten Bauch. Ich hatte Angst um das ungeborene Kind.

Ich stand hilflos und vor Angst bebend in der Dunkelheit, während mein Mann schützend seine Arme um mich legte. Nach einer Ewigkeit ließen sie uns in Ruhe.

Sie schlugen mit ihren Händen auf das Autodach und riefen: „Barra, barra!“, was so viel wie „Verschwindet, haut ab!“, hieß.

In dieser Nacht konnte ich lange nicht einschlafen.

Die Augen des Jungen, als er mit seiner Waffe auf mich zielte, gingen mir nicht aus dem Sinn.

Kalte, gnadenlose Augen. Voller Verachtung für mich „Ungläubige.“

„Ist dir bewusst“, fragte mein Mann eindringlich, „dass es in Saudi-Arabien noch wie im Mittelalter zugeht? Du darfst keine westliche Kleidung tragen. Du kannst dich dort nicht frei bewegen, geschweige denn Auto fahren. In dem Land herrschen strenge Sitten! Dieben werden die Hände abgehackt, Frauen werden aus geringen Anlässen gesteinigt. Überhaupt“, fuhr er erregt fort, „du kannst da nur mit gesenktem Blick rumlaufen.“

Ich ließ ihn nicht weiterreden, sondern wehrte seine Einwände mit einem heftigen Wortschwall ab.

Aber er hörte mir gar nicht zu, sondern sprach einfach weiter: „Eine junge Frau wie du, die ihre Unabhängigkeit liebt. Die hinter dem Rücken ihrer Eltern minderjährig quer durch ganz Europa per Anhalter gefahren ist, will mir weismachen, dass sie kein Problem damit hat, in einem Land zu leben, in dem nur Männer das Sagen haben? Das glaube ich dir nicht! Du weißt doch, dass in diesem Land Frauen ausschließlich zum Gebären von Söhnen auf der Welt sind.“

Stirnrunzelnd schaute er mich an: „Und du willst trotzdem dorthin?“

„Ja! Ich will in den Orient“, sagte ich bestimmt und Frank murmelte: „Freitag ist dort Sonntag.“ Aber unsere Ausreise war somit beschlossene Sache.

Doch als ich jetzt allein in unserer Frankfurter Wohnung an die riesigen, mit Ölpapier ausgeschlagenen Seekisten in der Garage dachte, die ich für den Umzug füllen musste, verließ mich etwas der Mut.

Während ich mir ein Glas Apfelwein einschenkte, saß Frank gerade im Flugzeug, unterwegs in ein Land, vor dem er gewaltigen Respekt gezeigt hatte.

Es war ein kalter Wintertag im Februar, als ich ihn im trüben Licht des Morgens zum Flughafen brachte. Bevor er mit blassem Gesicht durch das Gate verschwand, nahm er mich fest in seine Arme und sagte: „Drei Wochen, höchstens vier, dann sehen wir uns wieder.“ Dann warf er mir eine Kusshand zu, und ich war allein.

Die Wohnungsauflösung und die Formalitäten für meine Ausreise musste ich nun ohne ihn bewältigen.

Als ich wieder zu Hause war, atmete ich tief durch und nahm mir vor, gleich am nächsten Tag die Seekisten mit den Dingen zu füllen, die uns in der Ferne das Gefühl von Heimat geben sollten.

Doch nun stand ich in unserer Wohnung und schaute auf die unzähligen Bücher, Bilder und Möbel, die ich verkaufen, verschenken, unterstellen, einpacken oder wegwerfen musste.

Wie gut, dass ich nicht wusste, dass mein zukünftiges Leben zum größten Teil aus Ein- und Auspacken bestehen würde.

Nachdem Frank den Auslandsvertrag unterschrieben hatte, heirateten wir; denn als unverheiratete Frau durfte ich nicht nach Saudi-Arabien einreisen.

Von der Firmenleitung hatte ich eine lange Liste mit schriftlichen Anweisungen erhalten. Darin stand, was man in ein muslimisches Land mitnehmen durfte und was verboten war. Ich nahm der Einfachheit halber Zeitungen zum Einpacken, aber ich musste darauf achten, dass darauf keine Fotos abgebildet waren. Denn Bilder von leicht bekleideten Frauen – nicht einmal im ärmellosen Pullover oder kurzen Rock – waren verboten. Auch durfte ich keine Nahrungsmittel mitnehmen und natürlich auch keinen Alkohol.

Wer es wagte, Alkohol in das Land mitzubringen, wurde sofort verhaftet.

Schließlich hatte ich alles geschafft. Die Wohnungsschlüssel waren abgegeben, die Seekisten gepackt und abtransportiert und befanden sich inzwischen auf einem Schiff, irgendwo unterwegs auf dem Meer. Meine Stelle war gekündigt, nur das Visum von der saudischen Botschaft in Bonn war noch nicht da. Doch als ich endlich mit den vielen Koffern, meiner Gitarre und dem kleinen, graugetigerten Kater Leo, den Frank mir geschenkt hatte, im Auto saß, um die letzten Tage bis zu meinem Abflug bei einer Kollegin aus der Kindertagesstätte zu verbringen, überkam mich ein Gefühl von Heimatlosigkeit.

Meine Eltern und Geschwister waren weit weg, und ich wusste nicht mehr, wo ich hingehörte.

Ich vermisste Frank so sehr.

Er schickte mir Kassetten, die er aufgenommen hatte. Bänder, auf denen er erzählte, wie es ihm in Saudi-Arabien ging. Oft ließ er den Rekorder laufen, wenn er unterwegs im Hafen von Dammam war, wo im Laufe von vier Jahren eine riesige Hafenanlage entstehen sollte.

Ich bekam eine Gänsehaut, wenn ich den weichen, kehligen Klang der Sprache der Einheimischen hörte und bewunderte meinen Mann, der scheinbar gut in dem fremden Land zurechtkam.

Aber die Zeit verging und das Visum ließ auf sich warten. Vierzig Passfotos hatte ich abliefern müssen für Passierscheine und verschiedene Einreiseformulare, die ich brauchen würde.

Meine Pockenimpfung wurde aufgefrischt, aber da sie als Kind nicht richtig angeschlagen hatte, bekam ich hohes Fieber, und unter der Achselhöhle bildete sich eine faustgroße Geschwulst. Schließlich ließen die Beschwerden nach.

Mittlerweile waren drei Monate vergangen, es war Mai, und nichts war geschehen. Ich hatte das Auto verkauft, aber wartete noch immer auf meine Ausreise.

Schließlich hielt es Frank nicht mehr länger aus und setzte sich in den nächsten Flieger, um sich selbst um mein Visum zu kümmern. Als ich ihn am Flughafen abholte, erkannte ich ihn kaum wieder. Braungebrannt und selbstsicher schloss er mich strahlend in die Arme. Saudi-Arabien bekam ihm sichtbar gut. Aber was würde dieses Land für mich bereithalten? „Du kannst nach deiner Ankunft sofort den Kindergarten im Camp übernehmen. Wir haben bald jede Menge Kinder da“, eröffnete mir mein Mann stolz und fügte hinzu: „Ich habe schon alles mit der Bauleitung abgesprochen.“

Durch Franks Einsatz auf der saudi-arabischen Botschaft in Bonn bekam ich nach nur wenigen Tagen den notwendigen Stempel in meinen Pass.

Bald darauf saß ich aufgeregt im Flugzeug und verdrängte die Gedanken an die Tränen meiner Eltern beim Abschied. Ich trug ein wadenlanges, khakifarbenes Kleid, hochhackige Leinenstiefel und einen Strohhut mit Lederband um den Hals – so, wie es meinen Vorstellungen von den Anforderungen in einem Wüstenland entsprach.

Als das Essen serviert wurde, schaute ich sprachlos auf das frittierte Hähnchen, in dem ein großes Schild mit einem durchgestrichenen Schwein steckte.

„Das ist ja wohl nicht zu übersehen, dass es Geflügel ist“, sagte ich entrüstet, aber Frank meinte schmunzelnd: „Trink noch ein Gläschen Wein, bald gibt es nur noch selbstgemachten.“ Und wirklich, kaum hatten wir die Grenze zu Saudi-Arabien überflogen, wurde der Alkohol verschlossen. Die gesamte Atmosphäre an Bord veränderte sich schlagartig. Die Passagiere saßen still in ihren Sitzen und warteten auf die Landung.

Araberinnen in westlicher Kleidung, die zuvor noch interessiert in Magazinen geblättert hatten, kamen mit einem Mal verschleiert von der Toilette zurück.

Schließlich, nach acht Stunden Flugzeit, landeten wir in Dhahran. Durch die zwei Stunden Zeitverschiebung nach vorn war es kurz vor Mitternacht. Als ich aus der Maschine trat, wurde ich von der draußen herrschenden Schwüle regelrecht erdrückt. Ich fühlte mich, als habe man mir ein heißes, nasses Laken um meinen Körper gewickelt. Die Luftfeuchtigkeit am Persischen Golf beträgt fast hundert Prozent. Das Flugfeld lag wie in einer Waschküche in feuchtem, heißem Nebel. Und als wir die Halle betraten, erwiesen sich meine Stiefel als völlig fehl am Platze, das viel zu dicke Kleid klebte an meinem Körper und den Sonnenhut hatte ich im Flugzeug liegen gelassen.

Langsam, mit unendlicher Geduld, schoben sich die Passagiere in Richtung Rollbänder.

Eine ungewohnte Ruhe überkam mich.

Die Aufregung des Fluges lag hinter mir und ich staunte über die Gelassenheit, die in der Menschenmenge herrschte.

Als wir schließlich mit unserem Gepäck am Zoll ankamen, wurden wir gründlich durchsucht.

Sämtliche Koffer mussten geöffnet werden, wobei der Zöllner in ruhigem Ton Fragen stellte.

Meine ölgetränkten Wattepads, die ich zum Entfernen der Wimperntusche im Koffer hatte, waren ihm unbekannt, und er roch kritisch daran.

Aber Frank, der zu meiner großen Überraschung schon ein paar Brocken Arabisch sprach, erklärte ihm geduldig und mit vielen Handbewegungen den Inhalt. Schließlich malte der Mann mit Kreide arabische Zeichen auf die Koffer, und wir durften den Zoll passieren.

Kurz darauf standen wir in der großen Halle des drückend heißen Flughafens, aber es war niemand da, der uns abholte. Um uns herum ein Gedränge von Männern in langen, weißen Hemden-Kaftanen, mit um den Kopf geschlungenen weiß-roten Tüchern.

Nur Männer, dazwischen ein paar tief verschleierte Frauen, die wie schwarze Raben aussahen. Als ich mein Kleid über die Knie hinauf bis zu den Schenkeln schob, um ein bisschen Luft zu spüren, zerrte Frank es hastig herunter und zischte: „Du bist hier nicht in Deutschland!“ Ich war völlig durchgeschwitzt und hatte nur einen Wunsch: Mineralwasser. Aber das gab es nicht. Schließlich besorgte Frank ein kleines Döschen sirupartigen Birnensaft, und als ich nörgelte: „Das löscht doch nie und nimmer meinen Durst“, erwiderte mein Mann: „Hier gibt es nichts anderes. Es war das erste Mal, dass ich diesen Satz, der mich über die nächsten Jahre begleiten sollte, hörte: „Hier gibt es nichts anderes!“

Zuerst habe ich mich dagegen gewehrt, aber mit der Zeit akzeptierte ich und lebte ein anderes Leben als früher in Europa. Es war, wie es war – was anderes gab es nicht.

Während Frank auf dem Flughafen herumlief und nach jemandem suchte, der uns mitnehmen konnte, hockte ich schwitzend auf einem der Koffer und versuchte, die Katze zu beruhigen, die inzwischen in ihrem Korb fürchterlich zu miauen begonnen hatte.

Mein Traum war Wirklichkeit geworden.

Seit meiner Kindheit träumte ich davon, in fremde Länder zu reisen.

Der Gedanke, weit weg von zu Hause, in der Ferne zu sein, übte eine geradezu magische Anziehungskraft auf mich aus.

Als kleines Mädchen stand ich oft an den Gleisen, die in Sichtweite unseres Hauses vorbeiführten und sehnte mich danach, einfach auf einen Zug zu springen und mitzufahren und nachdem mir meine Mutter eines Tages das Buch „Tausend und eine Nacht“, die Märchen von Scheherazade und dem König, schenkte, ließ mich die Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Orient nicht mehr los.

Die Wüste, sengende Hitze, Märkte voll mit Menschen, die eine andere Sprache sprechen – etwas Schöneres und Abenteuerlicheres konnte ich mir nicht vorstellen.

Und jetzt, viele Jahre später, saß ich, während mir der Schweiß in Bächen am Körper hinunterfloss, durstig auf einem Koffer am Flughafen im Königreich Saudi-Arabien. Das Abenteuer hatte begonnen.

Während ich mir verstohlen die vielen Männer in ihren langen Gewändern anschaute, dachte ich daran, wie alles angefangen hatte:

Ich arbeitete, als ich vor gut zwei Jahren Frank kennen gelernt hatte, als Erzieherin in einer Kindertagesstätte. Frank war als Luft- und Seefracht-Kaufmann in der Auslandsabteilung einer großen deutschen Baufirma tätig. Ich traf ihn auf einer Party, zu der mich Freunde eingeladen hatten. Franks Frau hatte die gleichen roten Haare wie ich. Während Frank mich nicht aus den Augen ließ, erzählte sie von seinen Möglichkeiten, für die Firma im Ausland zu arbeiten - nach Libyen, Marokko oder Algerien würden sie gehen - sagte sie, und ich weiß noch, dass ich mehr von der Vorstellung beeindruckt war, in einem arabischen Land zu leben, als von dem Mann, der diesen verheißungsvollen Job bekommen sollte. Es war die Entschiedenheit, mit der er mir später sagte, dass ich die eine sei und seine Beharrlichkeit, mit der er um mich warb, die mich schließlich schwach werden ließ.

Frank trug sein Haar schulterlang und wirkte auf mich wie ein verwegener Pirat. Seine unbeschwerte Art, mit der er sich über gesellschaftliche Zwänge hinwegsetzte, beeindruckte mich und es dauerte nicht lange, und ich hatte mich in ihn verliebt.

Als ich schon davon überzeugt war, meine erste Nacht im Orient am Flughafen verbringen zu müssen, wollte es der Zufall, dass ein paar Arbeiter von der Baustelle gerade jemanden zum Flughafen gebracht hatten. Sie boten uns an, uns in ihrem Pick-up mit ins Camp zu nehmen. Schließlich saß ich, nachdem wir unser Gepäck verstaut hatten, eingezwängt zwischen einem Polier und einem Eisenbieger mit der Katze auf dem Schoß im Fond des Wagens. „Achlen wa sachlen“, lachten die Männer und auf meinen fragenden Blick hin erklärte Frank strahlend: „Das heißt auf Arabisch ‚Herzlich Willkommen’.“

Das Gebiet um den Hafen herum war in verschiedene Sektionen unterteilt.

Sobald wir eine Sperrzone passierten, musste ich mich ducken, denn ich hatte zwar ein Visum, aber noch nicht die nötigen Passierscheine.

Mir war bewusst, dass ich ohne Papiere nicht ins Camp hineindurfte und falls ich entdeckt würde, die Araber mich mit der nächsten Maschine nach Hause zurückschicken würden.

Bei jeder Kontrolle kroch ich so weit wie möglich in den Fußraum des Pick-ups und betete, dass die Kontrollen nur oberflächlich abgehalten wurden. Nun schwitzte ich vor Angst, während die beiden Männer einen deftigen Witz nach dem anderen rissen.

Aber wir hatten Glück, die Fahrt ging problemlos weiter durch die warme Nacht. Schlagbaum folgte auf Schlagbaum, während uns die Security freundlich durchwinkte. Schließlich erreichten wir weit nach Mitternacht das Camp.

Ein Pakistani kam aus dem Häuschen an der Schranke, schaute prüfend in den Wagen und als er feststellte, dass ich keinen Camp-Ausweis besaß, winkte er entschieden ab.

Ich konnte nicht verstehen, was er sagte, aber Frank und die beiden anderen Männer stiegen aus und redeten mit Händen und Füßen auf den Mann ein. Das Wort Bakschisch fiel und ein Geldschein wanderte in die Hand des Wächters.

Während ich mit bangem Gefühl im Auto saß und mich seelisch schon darauf vorbereitete, wieder zurückzumüssen, öffnete der Mann schließlich die Schranke.

Mir fiel ein Stein vom Herzen!

Es brannten nur ein paar Lichter in den unzähligen Häusern. So groß hatte ich mir das Camp nicht vorgestellt. Die Häuser waren auf Sand gebaut. „Hier wurde das Meeresufer trockengelegt und als Untergrund für die Häuser mit Sand aufgeschüttet,“ erklärte Frank .

„Es sieht wunderschön aus“, erwiderte ich. „Der Sand ist so fein, wie von einem traumhaften Strand“, sagte ich, nachdem ich die Stiefel ausgezogen hatte und mit nackten Füßen durch den Sand lief. Als ich die Katze aus dem Korb ließ, wälzte sie sich übermütig im Sand.

Die Strapazen waren vergessen. Ein lauer Wind streichelte mein Gesicht. Es roch nach Salz und Sand und ich fühlte mich, als wäre ich an einem Urlaubsort angekommen. Mich überkam das Bedürfnis, es der Katze gleichzutun.

Straßenlaternen gab es nicht. „Noch nicht“, wie Frank betonte.

Das silberne Licht des Mondes fiel auf den weißen Sand und ich hatte das Gefühl, als blickte ich in dieser Nacht auf eine verschneite Landschaft.

Weil niemand mit unserer Ankunft gerechnet hatte, war unser Haus noch nicht einzugsbereit. Das Leitungswasser, das ich gierig schlürfte, als wir kurz darauf Franks Container betraten, schmeckte nach Salz.

„Aufbereitetes Meerwasser“, erklärte Frank.

Meer und Sand, der Stoff, aus dem die Träume sind, meine neue Heimat. Ich war endlich angekommen.

Die Pritsche, die Frank und ich uns teilten, war so schmal, dass ich ein Bein davor stellen musste, um nicht herauszufallen. Kater Leo lag schnurrend auf meiner Brust und, so sehr ich ihn liebte, bequem war es nicht.

Meine erste Nacht in Saudi-Arabien.

Mein neues Leben.

Als ich am nächsten Morgen aus dem Container trat, überwältigte mich der Himmel. So endlos weit, so blau. Wir hielten uns an den Händen und gingen durch den Sand zum Frühstücken in die Kantine. Es war ein riesengroßer Raum, der mich stark an die Wartehalle eines Bahnhofs erinnerte. Die Wände waren ringsum mit einer Fototapete beklebt. Darauf waren Laubbäume mit bunten Blättern abgebildet. Ein deutscher Herbstwald.

Auf den Tischen standen Salztabletten, denn der Wasserverlust ist groß beim Arbeiten in der sengenden Hitze, wie Frank mir erklärte.

Es waren nur ein paar Männer anwesend. Die meisten waren schon fort zur Baustelle gefahren. Es gab weißes Brot und Marmelade aus Deutschland. Als wir wieder hinaustraten, war es, obwohl noch früh am Morgen, schon sehr heiß. Der Sand glitzerte im Sonnenlicht. Der Himmel so blau, fast weiß. Überwältigend: so viel Himmel – so weit.

Neugierig schaute ich mich um.

Die Fertighäuser waren durchnummeriert und sahen alle gleich aus. Sie unterschieden sich lediglich nach Anzahl der Zimmer, je nach Größe der Familie. Jedes Haus hatte eine mit Fliegengitter versehene große Veranda, auf der Gartenmöbel standen. Es gab nur wenig Farbe.

Nichts Grünes. Nur der Himmel und der Sand, dazwischen die weißen Häuser, eins wie das andere.

In der Ferne glitzerte das Meer.

Da Frank alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, konnten wir am Nachmittag in unser Haus einziehen.

Nachdem Kater Leo alle Räume beschnuppert hatte, lief er vor die Türe und wälzte sich wieder übermütig im Sand. Es gefiel ihm hier, das war nicht zu übersehen.

Unser Haus hatte drei Zimmer, eine komplett eingerichtete Küche mit einem riesigen Kühlschrank und ein gefliestes Bad mit Dusche.

In jedem Raum befand sich in der Wand eine Klimaanlage, die einen höllischen Lärm verursachte.

Ich musste mich anfangs erst einmal daran gewöhnen, mit dem Brummen einzuschlafen. Aber es dauerte nicht lange, bis ich das Geräusch der Air-Conditioner gar nicht mehr wahrnahm. Die Böden waren mit PVC ausgelegt. Das Wohnzimmer war riesig. Darin standen um einen niedrigen Couchtisch drei Sessel, die mit grün-weiß-kariertem Stoff bezogen waren. Außerdem gab es einen großen Esstisch mit sechs Stühlen und ein Sideboard mit mehreren Schubladen. Als ich gegen Abend Vorhänge aus dem zu den Möbeln passenden grünen Stoff aufhängte, stellte sich das erste beruhigende Gefühl von Angekommensein ein.

Frank verschwand mit einem Mal in der Dunkelheit und kehrte mit einer Flasche Gin zurück. Mit einem Drink stießen wir auf unser neues Zuhause an.

„Ich dachte, es gibt hier keinen Alkohol “, meinte ich erstaunt, aber Frank erwiderte: „Doch, er ist nur sehr teuer“, und erklärte, „er wird meistens mit Lkws ins Land geschmuggelt.“

Aber der Gin reichte nicht lange, denn ein Nachbar kam zu Besuch, der eine Menge vertrug. Ein großer, blonder Mann, dessen Frau und Kind auch in den nächsten Tagen hier eintreffen sollten. „Ich muss die beiden abholen“, erklärte er mir, „denn obwohl wir schon eine Weile draußen sind, fliegt meine Frau nie alleine.“

In den folgenden Tagen räumte ich meine Koffer aus.

Aber ich musste zu meiner großen Bestürzung feststellen, dass alles, was ich an Bekleidung eingepackt hatte, völlig unpassend für das Klima war. Die Garderobe, die ich mitgebracht hatte, war zu dick und unpraktisch.

„Wir werden auf dem Souk ein paar Kaftane für dich kaufen“, meinte Frank tröstend, als ich hilflos ein Teil nach dem anderen prüfend vor mich hielt.

Frank erzählte mir, dass im Augenblick erst eine Hand voll deutscher Frauen hier lebte. „Die kennen sich im Gegensatz zu dir natürlich schon hervorragend aus.“

Ich erfuhr, dass sie ihre Männer schon seit Jahren in die unterschiedlichsten Länder begleitet hatten. Sie wussten genau, welche Sitten und Gebräuche in Ausländer-Kolonien herrschten. Ich wusste gar nichts und fühlte mich unerfahren und fremd.

Aber es dauerte nicht lange, bis ich meinen Arbeitsvertrag bei der Bauleitung unterschrieben hatte und so fühlte ich mich um einiges sicherer.

An jedem Morgen, den ich in meinem neuen Zuhause aufwachte, begrüßte mich das blasse Blau des Himmels. Vom Küchenfenster aus konnte ich das Meer sehen, es hatte die gleiche Farbe wie der Himmel. Nach und nach lernte ich die schon anwesenden Frauen kennen. Zu meiner Überraschung trugen sie keine legere Kleidung, sondern waren fast alle wie aus dem Ei gepellt. Scheinbar legten sie hier in dieser Wüstenlandschaft besonderen Wert auf ihr Äußeres. Sie wirkten auf mich wie Urlauberinnen.

Braun gebrannt und erholt aussehend, dazu Schuhe, Kleid und Schmuck aufeinander abgestimmt.

Zu meinem Kummer gehörten Kaffeeeinladungen zur Tradition eines Camplebens. Ich hatte das noch nie gemocht.

Als ich mich bei Frank darüber mokierte, tadelte er mich regelrecht: „Du lebst hier in einer Gemeinschaft, da kannst du dich nicht einfach ausschließen“, sagte er bestimmt.

Ich war jung verheiratet, konnte leidlich kochen, aber ich hatte noch nie einen Kuchen gebacken. Wohingegen sich die Frauen hier mit ihren Kochkünsten einen regelrechten Wettstreit lieferten, wie ich bald feststellen musste. Bei meinem ersten Besuch zum Nachmittagskaffee schlenderte ich barfuß, die Sandalen in der Hand, durch den weichen Sand.

Ich trug abgeschnittene Jeans und darüber ein schlichtes Shirt und fühlte mich neben diesen Frauen wie ein Spatz in einem Käfig voller Paradiesvögel. Kein sonderlich ermutigendes Gefühl.

„Daran musst du dich gewöhnen“, sagte Frank.

Und wiederholte: „Du lebst ab jetzt in einer Gemeinschaft.“

Eines Nachmittags lud mich die Frau des kaufmännischen Bauleiters, Anke Oskar, ein. Eine bildschöne Frau mit glatten, dunkelblonden Haaren und großen braunen Augen. Sie hatte zwei kleine Kinder, die bald zu mir in den Kindergarten gehen sollten. Als ich das geschmackvoll eingerichtete Haus betrat, prallte ich regelrecht zurück.

Die Veranda war verglast, und die Frauen saßen in teuren französischen Markenklamotten - mich neugierig begutachtend - im Wohnzimmer. Handtasche und Schuhe bis auf die Haarspangen farblich abgestimmt. Die Nägel frisch lackiert, musterten sie mich mit kühlem Blick.

Auf einem Tisch standen Torten wie aus der feinsten Konditorei – reine Kunstwerke. „Aber es gibt doch hier gar keine Schlagsahne“, entfuhr es mir. „Die“, erklärte eine runde Schönheit, die wie eine rassige Spanierin aussah, „machen wir ganz einfach aus Butter und Milch.“

Sie fügte schmunzelnd hinzu: „Das werden Sie auch bald lernen. Das ist ganz einfach.“

Nach Kaffee und Kuchen gab es Erdbeerbowle aus selbst gemachtem Wein, dazu servierte Frau Oskar Lachs mit Sahnemeerrettich.

Ich war wie erschlagen, hatte ich mir das Leben hier doch ganz anders vorgestellt. In meinen einfachen Klamotten fühlte ich mich äußerst unwohl und mir wurde klar, dass diese Gesellschaft nicht unbedingt meine Welt war.

Frau Oskar hatte sogar eigene Vorhänge genäht und die karierte Polstergruppe mit einem hellen Leinenstoff überzogen. An den Wänden hingen Bilder und Kupferteller. Wertvolle Teppiche schmückten den Boden.

Nichts Vergleichbares befand sich in meinen Seekisten, denn ich hatte nicht vorgehabt, in Saudi-Arabien ein deutsches Wohnzimmer einzurichten.

„Du musst dich anpassen, sonst kommst du hier nicht zurecht“, meinte Frank, als ich mich abends bei ihm beschwerte. Mir ging diese Litanei ziemlich auf die Nerven.

Ein paar Tage später fuhren schwere Lkws vor unser Haus und luden mit einem Kran unsere Seekisten ab.

Es war ein seltsames Gefühl, als ich begann auszupacken. Und als ich Franks alten Teddybär in der Hand hielt, fiel mir ein, wie es draußen geschneit hatte, als ich ihn in die Kiste legte.

Leider hatte ich nichts mitgenommen, was mit den anderen Inneneinrichtungen hätte konkurrieren können. Außer der Stereoanlage, unzähligen Büchern und Hausrat befand sich nichts in den Kisten, mit dem ich das Haus hätte schmücken können. Aber als ich kurz darauf Toni, einen Schreiner, kennen lernte, einen gutmütigen Franken, zimmerte der mir im Handumdrehen Bücherregale aus hellem, dickem Holz und passte sie maßgeschneidert an.

Für Leo baute er in die Verandatür eine Katzenklappe und so konnte sich unser Kater frei bewegen.

Außerdem bekam ich von ihm einen schweren Couchtisch, der aus verschiedenen Holzarten gearbeitet war. Ein Stück, um das mich später sämtliche Campbewohner beneideten. Das Wohnzimmer war mit einem Mal sehr gemütlich, und ich begann, mich immer wohler zu fühlen.

Während pakistanische Arbeiter draußen im Camp Gräben zogen und dicke Oleanderbüsche und Mimosen pflanzten, organisierte Frank auch für unseren Garten etwas Grün.

Es dauerte nicht lange und rund um das Haus wuchsen Bananenpflanzen, Palmen und ein schnell wachsendes Efeu, das nun jeden Abend und Morgen von uns reichlich begossen wurde.

Kurz darauf fuhren wir nach Al Khobar, um einzukaufen.

Al Khobar war die nächste größere Stadt und hatte mehr Geschäfte als das kleinere Dammam.

Bevor 1930 das Öl entdeckt wurde, ernährten sich die Menschen vom Fischfang und Perlentauchen.

Ich war ziemlich aufgeregt, als ich im Rock und einer kurzärmligen Bluse vor Frank stand: „So kannst du unmöglich in die Stadt gehen“, sagte er entschieden und schaute auf meine nackten Beine.

Meine Einwände, dass ich in einer anderen Bekleidung zu sehr schwitzen würde, ignorierte er. Ich fügte mich. Ich war schließlich in einem anderen Land und hatte mich den Sitten anzupassen. Auch wenn es mir schwer fällt, zu akzeptieren, dass sich auch jetzt – im 21. Jahrhundert – nichts an den Ansichten über die weibliche Unreinheit geändert hat.

Darum zog ich einen langen Rock an, band mir ein großes Tuch so um die Schultern, dass meine Arme bedeckt waren und als ich auf sein Drängen auch noch das goldene Kreuz, das ich an einem Lederbändchen um den Hals trug, abgelegt hatte, konnten wir endlich losfahren. Mein Mann fuhr einen geräumigen Datsun-Kombi, an dem mir am besten das arabische Nummernschild gefiel.

Leider besaß der Wagen keine Klimaanlage und in meiner viel zu dicken Kleidung drang mir der Schweiß bald aus allen Poren.

Auf der Fahrt erklärte Frank, dass „Port of Damman“ vor vierzig Jahren gebaut worden sei und nun aufgrund des Ölbooms die gesamte Hafenanlage erweitert werden würde.

„Allein die Kaimauern werden ungefähr vier Kilometer lang und zwanzig Meter hoch sein“, meinte er und fügte hinzu: „Das gesamte Projekt umfasst über zwei Milliarden DM.“

Obwohl ich mir das kaum vorstellen konnte, erfasste mich ein gewisser Stolz, indirekt an dieser großen Aufgabe beteiligt zu sein.

„Zusammen mit einem Kollegen und vielen ausländischen Arbeitern manövrieren wir das gesamte für den Bau benötigte Material durch den Zoll.

Große Frachter bringen täglich Baufahrzeuge, Kräne, Werkzeug und tonnenweise Stahl und Zement“, berichtete er. „Die anderen Dinge, wie Lebensmittel, werden zum größten Teil in Containern mit dem Flugzeug geliefert.“ Und er meinte beiläufig, dass er in Zukunft ständig – auch oft nachts – auf dem Flughafen oder im Hafen unterwegs sein würde.

„Mit der Mentalität der arabischen Zöllner komme ich gut zurecht“, erzählte er stolz und bat mich, auf keinen Fall in der Stadt zu fotografieren, da es streng verboten sei.

„Wir leben hier durch die Nähe zum Hafen in einem Sperrgebiet und sind außerdem umgeben von großen amerikanischen Ölfirmen. Da ist es eben nicht erlaubt, Fotos zu machen.“

„Erzähl mir lieber, was nicht verboten ist“, erwiderte ich lachend und Frank meinte: „Da gibt’s nichts aufzuzählen. Warte, bis die Fastenzeit beginnt, dann darfst du gar nichts mehr.“

Es war das erste Mal, dass ich die Gegend bei Tageslicht sah. Auf den staubigen Straßen herrschte reger Verkehr, und ich hatte den Eindruck, dass die Einheimischen fuhren wie sie wollten.

Als uns an einer Kreuzung ein Pick-up die Vorfahrt nahm und Frank eine Vollbremsung machen musste, lachte er laut über mein erschrockenes Gesicht und meinte lakonisch: „Von der deutschen Straßenverkehrsordnung musst du dich verabschieden, davon sind wir hier meilenweit entfernt!“ Stromkabel hingen beängstigend tief. Als wir kurz vor der Stadt am Straßenrand an unzähligen Bretterbuden vorbeifuhren, erklärte mein Mann: „Hier versuchen Beduinen sesshaft zu werden.“

Die Unterkünfte waren nur notdürftig zusammengezimmert.

Manche hatten ein Wellblechdach, aber auf allen prangte eine riesige Antenne.

In einige der Hütten konnte ich beim Vorbeifahren hineinschauen und war überrascht, dass sie mit edlen Teppichen ausgelegt waren.

Als wir schließlich angekommen waren und über einen der großen Souks schlenderten, hielt Frank meine Hand fest und meinte: „Du hältst dich am besten ab jetzt dicht neben mir.“

Um uns herum gab es nur Männer. Große, kleine, alte, junge, dicke und dünne, die sich wie Paare an den Händen hielten.

Ich konnte keine einzige Frau erblicken.

Alle trugen - wie schon am Flughafen - weiße, leichte Gewänder und rot gemusterte Tücher um den Kopf.

„Auf der Baustelle nennen wir die Araber ‚Nachthemden‘“, flüsterte Frank mir ins Ohr. Sobald ich ein wenig von seiner Seite wich, spürte ich sofort eine Hand auf meinem Körper. Aber sobald ich mich umdrehte, schaute ich in ausdruckslose dunkle Augen.

Ein Laden reihte sich an den anderen.

Ich konnte mich gar nicht satt sehen. Es war noch schöner als ich es mir in meinen Träumen vorgestellt hatte. Es roch nach gezuckerten Datteln, Zimt, Staub und Kardamom. Der Duft der unzähligen Gewürze vermischte sich mit dem Geruch der Straße und löste ein Glücksgefühl in mir aus.

Ich habe diesen Geruch nie wieder vergessen.

Schließlich betraten wir Hand in Hand einen kleinen Laden, in dem verschiedene bunte Kleider an Stangen aufgereiht hingen. Aber als ich den Verkäufer in meinem holprigen Schulenglisch nach dem Preis fragte, antwortete er mir nicht, sondern sah durch mich hindurch.

Erst als Frank ihn ansprach, gab er bereitwillig Auskunft, und bald darauf war ich im Besitz eines langen, azurblauen Gewandes, das mit großen weißen Hibiskusblüten besetzt war.

Frank erstand nach einigem Feilschen noch einen lindgrünen Kaftan, der an Hals, Ärmeln und Saum mit goldfarbener Spitze besetzt war.

„Du bist für die eine unreine Frau“, erläuterte Frank, als wir wieder auf der Straße waren, auf meine Frage, warum ich gerade von dem Händler ignoriert worden war.

Und fügte beschwichtigend hinzu: „Sie sind nicht alle so, aber die meisten schauen Frauen nicht direkt an.“ Und als er noch meinte: „Daran musst du dich gewöhnen“, unterbrach ich ihn und sagte: „Ich weiß, ich weiß, das ist hier eben so.“

Mich störte das nicht. Im Gegenteil, ich fand es spannend. Ich war schließlich in einem anderen Land und hatte mich den Sitten anzupassen.

Auch wenn es mir heute schwerfällt, zu akzeptieren, dass sogar jetzt – im 21. Jahrhundert – sich nichts an den dortigen Verhältnissen und Ansichten geändert hat: Nach wie vor gelten Frauen als unrein.

Nur allzu ungern verließ ich den Markt. Frank hatte regelrecht Mühe, mich zur Heimfahrt zu bewegen. „Warte nur, bis ich dir die Goldmärkte gezeigt habe“, sagte er grinsend. „Dann willst du gar nicht mehr von hier weg.“

Auf dem Rückweg schlenderten wir noch durch einen riesigen Supermarkt.

Es gab viele europäische Lebensmittel, aber da sie importiert waren, kosteten sie drei Mal so viel wie in Deutschland.

In den nächsten Wochen trafen immer mehr Frauen mit ihren Kindern ein. Die mehr als hundert Häuser waren bald besetzt und im Camp herrschte ein reges Treiben. Allerdings klaffte zwischen den Holländern und Deutschen eine Kluft.

Obwohl wir Tür an Tür wohnten, blieben die verschiedenen Nationalitäten unter sich.

Der große Supermarkt wurde nach und nach mit genehmigten Lebensmitteln aus Deutschland bestückt. Mir war aufgefallen, dass es seltsamerweise im Supermarkt auch Lebensmittel gab, deren Verfalldatum bereits überschritten war. Auf meine Frage an den Campmanager bekam ich aber nur die Antwort: „Das kann man alles noch gut essen, daran ist noch keiner gestorben.“

Das Camp wuchs zusehends.

Tennisplätze, Bowlingbahn und Squashhalle wurden freigegeben.

Das große Kino war fertig und Frank und ich schauten uns „Der weiße Hai“ in englischer Sprache an.

Sehnsüchtig warteten wir darauf, endlich im riesigen Swimmingpool baden gehen zu dürfen.

Der Campmanager, ein humorvoller Mann mit weißem Haar, der seit Jahren ferne Länder bereist hatte, beaufsichtigte die unzähligen Arbeiter, die das Camp sauber hielten.

Sie kamen vornehmlich aus der Türkei, Pakistan, Sri-Lanka, dem Jemen oder von den Philippinen.

Ich ging jeden Tag in den Kindergarten und wurde von den Kindern schon nach kurzer Zeit ins Herz geschlossen. Einige von ihnen standen oft schon früh am Morgen aufgeregt mit ihren kleinen Täschchen um den Hals vor meiner Tür und warteten auf mich. Während ich die Kinder beaufsichtigte, lagen ihre Mütter am Pool und schwatzten oder spielten Tennis.

Zwischen Tina, die inzwischen mit mir gemeinsam den Kindergarten leitete, und mir entwickelte sich eine herzliche Freundschaft. Ihr Mann war Ingenieur, beide kamen aus Süddeutschland, und Tina wünschte sich genau wie ich nichts sehnlicher als ein eigenes Kind.

Anfangs war es noch ein komisches Gefühl, am Sonntagmorgen zur Arbeit zu gehen, denn der wöchentliche Feiertag ist in Saudi-Arabien der Freitag. Aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Aber bis heute ist der Donnerstag mein Lieblingstag geblieben. Irgendwie kann ich das nicht ablegen. Der Samstag ist für mich von geringerer Bedeutung.

Frank musste hart arbeiten und war fast nie da. Wenn er spät in der Nacht oder auch oft erst gegen Morgen aus dem Hafen nach Hause kam, war er von oben bis unten voller Staub und Dreck.

Die hohe Luftfeuchtigkeit zehrte zusammen mit dem Staub an unseren Nerven. Die Nieten an den Schuhen rosteten mit der Zeit und das Leder wurde schnell brüchig. Die Bettwäsche war meistens klamm und oft konnte man durch den dichten Nebel morgens beim Aufstehen die umliegenden Häuser nicht mehr sehen. Die Veranda war immer voller feinen Sandstaubs, der auch durch die Ritzen in die Häuser drang. Durch den erst kürzlich aufgeworfenen Sand gab es riesige, pechschwarze Grillen, die einen ungeheuren Lärm veranstalteten und vor denen ich mich ziemlich ekelte.

Als ich eines Mittags den Deckel des Gasherds öffnete und ein über zehn Zentimeter großes Getier mir fast ins Gesicht sprang, lief ich schreiend, begleitet von Franks Gelächter, aus der Küche.

Bald darauf lernte ich Lina kennen – die patente Frau des Schreiners, der mir die Regale gezimmert hatte.

Auch ihr Sohn ging zu mir in den Kindergarten. Lina galt als Spezialistin im Zubereiten alkoholischer Getränke, und ich ging bei ihr in die Lehre. Auch heute gilt in Saudi-Arabien ein striktes Alkoholverbot.

Sie zeigte mir, wie Bier hergestellt wird und wie man aus Obstsaft Wein zubereitet. Schnaps brannte Lina auch. Aber es gab noch andere Schnapsbrenner im Camp, wie ich später merkte. Doch es wurde nicht darüber geredet, weil es zu gefährlich war. Der Schnaps, der aus Zucker und Hefe gemacht wurde, fand bei den Campbewohnern reißenden Absatz.

Er wurde Sadiki, was übersetzt „Freund“ heißt, genannt und hatte einen Alkoholgehalt von 90 Prozent. Das Destilliergerät haben komischerweise vor vielen Jahren die Araber erfunden.

Zum Bierkochen wurden Kunststofffässer verwendet, die es auf der Baustelle gab. Nachdem Frank ein Hundert-Liter-Fass besorgt hatte, machte ich mich ans Werk.

Zuerst wurde Malz und Hopfen aufgekocht. Malz gab es in den Supermärkten der Stadt, denn die Araberinnen taten es als Zusatz in die Milchflaschen und fütterten damit ihre Babys. Hopfen hatte mir Lina geschenkt. Es gab ihn getrocknet, gepresst oder flüssig und wurde regelmäßig ins Land geschmuggelt. Nach dem Kochen wurde das Fass, in das man einen Schlauch hängte, mit einem Deckel verschlossen. Dann musste das Ganze eine Weile gären und wenn es so weit war, wurde das „Bier“ mit dem Schlauch in Flaschen abgefüllt. Am besten eigneten sich dafür Flaschen mit Schnappverschluss, die aus diesem Grund ein kostbares Gut im Camp waren. Mit den Flaschen wurde ein reger Handel getrieben. Man hütete sie wie seinen Augapfel. Manche brachten sie sogar in ihren Seekisten mit.

In diese Flaschen kam zuerst ein Löffel Zucker, dann wurde das Gebräu mit dem Schlauch aus dem Fass mit dem Mund angesogen und schließlich in die Flasche geleitet, eine Heidenarbeit bei hundert Litern Bier!

Die Mischung musste eine Weile in der Flasche stehen, bis sie klar wurde und die Hefe sich am Boden abgesetzt hatte.

Mein erstes selbst gebrautes Bier war für mich eine Sensation, auch wenn es nicht so wie das deutsche Bier schmeckte.

Es gelang auch nie gleich, mal war es süßer, mal bitterer als der Biergeschmack, den man von zu Hause kannte, aber es war unglaublich stark.

Man musste geschickt sein, wenn man die Flasche geöffnet hatte, und die Flüssigkeit blitzschnell in einen großen Glaskrug gießen, ohne dass dabei die Hefe hochkam und das Bier trübte.

Aber ich hatte es bald heraus.

Für den Wein benutzten wir kleinere Fässer. Obwohl der Kirsch-, Apfel- und Traubensaft schon in der Hitze von alleine gärte, fügten wir noch Trockenhefe zu. Die Fässchen mussten luftdicht verschlossen werden. Nach ein paar Tagen war der Gärprozess abgeschlossen, und der Wein musste in Kanister umgefüllt werden, damit sich die Hefe am Boden absetzen konnte.

Ich musste bald feststellen, dass Alkohol – obwohl er verboten war – eine große Rolle spielte. Einer der Männer, der ohne seine Frau hier lebte, meinte einmal, als wir zusammensaßen: „Es gibt hier doch sonst nichts, also Prost.“

Im Gegensatz zu mir war für die meisten der unendlich blaue Himmel und die viele Sonne nicht Besonderes mehr und so wurde abends gefeiert. In irgendeinem der Häuser fand immer ein geselliges Zusammentreffen statt. Jeder wusste über jeden Bescheid – was er verdiente, wie die Ehe verlief. Geheimnisse gab es nicht.

An der Einrichtung der Häuser konnte man genau sehen, mit wem man es zu tun hatte. Viele lebten in den kargen Möbeln ohne ein Bild oder etwas anderes, was zur Gemütlichkeit beigetragen hätte. Andere wiederum hingen in der ganzen Wohnung postergroße Fotos von sich auf, was mich ziemlich seltsam anmutete.

Ich lebte mich immer mehr ein.

Nachmittags, wenn der Kindergarten geschlossen war, ging ich an den großen Pool zum Schwimmen und Lesen. Es gab Tische, Stühle und sogar Sonnenliegen, die in überdachten Nischen standen. Vom Pool aus konnte man direkt auf das Meer sehen. Es war nicht blau, sondern türkis.

Es ging immer ein frischer Wind, der die große Hitze erträglicher machte.

Nach meinem ersten starken Sonnenbrand beruhigte sich meine Haut, und ich war bald so braun wie noch nie zuvor.

Das Camp schien eine Insel und ich fühlte mich wie in einem nie endenden Sommerurlaub. Es war herrlich, ungestört zu lesen oder zu malen, ohne von irgendetwas abgelenkt zu werden. Frank und ich hatten von jeher viel gelesen, aber hier in dieser Abgeschiedenheit verschlangen wir ein Buch nach dem anderen.

Abends lief ich barfuß im Kaftan Hand in Hand mit Frank durch den warmen Sand und konnte mich an den Sternen nicht satt sehen. Sie schienen so viel näher als zu Hause. Es waren unsere Flitterwochen und die Liebe, die Sterne und die warme Luft machten mein Glück vollkommen.

Eines Tages ging ich während der Arbeitszeit zum Office des Campmanagers, um eine dringende Nachbestellung an Bastelmaterial aufzugeben.

Ich trug an diesem Tag ausnahmsweise zu einem langen arabischen Wickelrock ein rückenfreies Top, das im Nacken mit einer Schleife zusammengebunden war. Im Büro befanden sich einige Araber, die Limonade aus der Stadt geliefert hatten. Einer von ihnen, ein alter Mann mit unzähligen Falten in seinem sonnengebräunten Gesicht, funkelte mich böse an, als ich den Raum betrat. Wütend fuchtelte er mit den Händen, spuckte vor mir auf den Boden und brüllte, während er auf meine Bekleidung zeigte: „Musch ques“, was soviel wie „schlecht“ bedeutete.

Als er ein paar Schritte auf mich zuging, verließ ich, damit die Situation nicht eskalierte, sofort das Büro und hörte noch, wie der Campmanager den Mann in strengem Tonfall zurechtwies.

Es dauerte nicht lange, und die Bar, in der es neben Eierlikör, selbst gebrautem Bier und Wein auch Markenalkohol gab, wurde eröffnet. Ein Ehepaar übernahm den Ausschank und war am Umsatz beteiligt. Zum größten Teil wurde die Bar von den Junggesellen besucht, aber hin und wieder gingen auch Paare dorthin.

Nach einiger Zeit freundete ich mich mit der Frau des Oberbauleiters an, die inzwischen auch eingereist war. Eine hochgewachsene, blonde Frau, die gerade ihr politikwissenschaftliches Studium beendet hatte und mit Ironie das Treiben der Frauen im Camp kommentierte. Sie lebte völlig zurückgezogen und hielt sich aus der Gemeinschaft so gut es ging heraus.

Zusammen mit einer der Lehrerinnen spielten wir regelmäßig einmal in der Woche Skat. Dabei wechselten wir uns ab. Reihum war jede einmal die Gastgeberin und wir gaben uns alle Mühe, den Nachmittag so gemütlich wie nur möglich zu gestalten.

Inzwischen herrschte reges Treiben in unserer Kolonie. Es gab einen Friseursalon, den eine flotte Blondine aus Hessen eröffnet hatte. Die Frauen besuchten regelmäßig eine Kosmetikerin, die mit teuren, aus Deutschland eingeflogenen Produkten ein florierendes Geschäft betrieb.

Im Fernsehen liefen neben einigen amerikanischen Sendern hauptsächlich Ausstrahlungen in arabischer Sprache. Meistens gab es Sport oder Zeichentrickfilme für Kinder. „Sindbad, der Seefahrer“ oder „Die Biene Maja“ hörte sich sehr witzig an. Die amerikanischen Filme waren alle mit arabischen Untertiteln versehen.

Aber nachdem ich „Manche mögen‘s heiß“, aus dem sämtliche Kussszenen und auch Berührungen herausgeschnitten worden waren, angeschaut hatte, verlor ich schnell das Interesse daran. Es war für mich mit meiner westlichen Erziehung schwer nachvollziehbar, dass sich unverheiratete Menschen nicht anfassen, geschweige denn küssen durften.

Im Laufe der Jahre hat sich durch Satellitenfernsehen und Internet die arabische Gesellschaft verändert. Denn selbst die ärmsten Haushalte, junge wie alte Menschen haben mittlerweile eine Satellitenschüssel auf dem Dach.

Ich fand gegenüber dem öden Fernsehprogramm den Radiosender, den ein Paar aus Norddeutschland gegründet hatte, sehr unterhaltsam.

Rund um die Uhr wurden Campnachrichten und viel Musik aus der Heimat gesendet.

Es dauerte auch nicht lange, bis einmal monatlich eine eigene Zeitung herausgegeben wurde. Sie hieß „Camle-News“ und enthielt viel Wissenswertes aus der Region.

Hin und wieder steuerte ich einen Text oder eine Illustration dazu bei.

Die Menschen hier waren bewundernswert erfinderisch. Es gab eine bayerische Familie, auf deren Haus die blau-weiße Landesfahne im Wind flatterte. Um das Haus herum war ein uriger Zaun gebaut, der sehr an die Zäune in der Alpenregion zu Hause in Deutschland erinnerte. Außerdem stand im Garten ein riesiger Räucherofen aus Ziegelsteinen. Darin wurde Rindfleisch, das zuvor in Pökelsalz eingelegt gewesen war, geräuchert. Anschließend schmeckte es fast wie deutsches Schweinefleisch.

Nach und nach lernte ich, mit selbst gemachtem Sauerteig dunkles Brot zu backen, und auch die Schlagsahne war schon längst kein Problem mehr für mich. Ich stand in meinen hauswirtschaftlichen Fähigkeiten den anderen Frauen bald in nichts mehr nach.

Frank hatte einen zweiten großen Kühlschrank besorgt und in der geräumigen Speisekammer neben der Küche lagerten unzählige Flaschen Wein und Bier aus eigener Produktion.

Als ich eines Tages auf dem Markt unbedingt Stoff und einen Teppich kaufen wollte, schickte mir Frank, weil er keine Zeit hatte, einen Fahrer – Achmed, einen dunkelhäutigen Mitarbeiter, der aus Kuwait stammte, und der als Verbindungsmann zwischen ihm und dem arabischen Zoll tätig war.

Höflich hielt der Mann mir die Wagentür auf, und da er fließend arabisch sprach, dolmetschte er mich und ich erledigte rasch meine Einkäufe.

Auf dem Rückweg bat er mich, noch kurz mit in seine Wohnung zu kommen, weil er ein paar Unterlagen mitnehmen wollte.

Wohl fühlte ich mich nicht, als wir das kleine, dämmrige Zimmer am Rande der Stadt betraten.

Äußerst liebenswürdig servierte der Mann eisgekühlten Tee und legte anschließend mit ausdrucksloser Miene einen Stapel pornografischer Hefte vor mich auf den Tisch. Mir fuhr der Schreck in alle Glieder, während der Mann eines der Hefte aufschlug und auf die abgebildeten kopulierenden, nackten Körper mit dem Finger tippte. Seine Augen waren schmal wie Schlitze und er beobachte mich wie eine Schlange die Maus, die sie gleich fressen will.

Obwohl innerlich vor Angst zitternd, stand ich rasch auf, schaute ihn böse an und sagte: „I have to go home now, my husband is waiting for me!“ Und ohne nachzudenken lief ich so schnell ich konnte nach draußen.

Im Auto sprach ich keine Silbe und als wir im Camp ankamen, stieg ich wortlos aus. Als Frank abends nach Hause kam, schrie und weinte ich laut und beschimpfte ihn, weil er mich in diese fürchterliche Situation gebracht hatte.

Aber meinem Wunsch, diesen Mann zu entlassen, wurde nicht nachgegeben. Er bekam zwar von der Bauleitung eine Verwarnung, aber mir wurde klar gemacht, wie wichtig er in seiner Vermittlerrolle für die Arbeit des Hafens sei.

Ich vergaß den Vorfall schnell, denn kurz danach verunglückte ein deutscher Mitarbeiter tödlich auf einer der Zufahrtsstraßen in die Stadt. Ein Saudi hatte ihm die Vorfahrt genommen. Ich kannte den Mann nicht, aber seine blutjunge Frau hatte ich auf einem der Kaffeekränzchen flüchtig kennengelernt. Sie war noch nicht lange da und flog nun mit einem Sarg im Frachtraum wieder zurück nach Deutschland. Aber das Leben ging weiter…

Ich hatte den Eindruck, dass die meisten Menschen, die hier mit mir lebten, diese schrecklichen Ereignisse nicht an sich heranließen. Es wurde einfach nicht mehr darüber gesprochen. Es war, wie es war.

An einem Freitagnachmittag – Frank und ich lagen auf dem Bett und lasen – klopfte es an die Verandatür.

Zwei Araber in den traditionellen langen, weißen Gewändern begrüßten Frank überschwänglich, indem sie ihn mehrfach links und rechts auf die Wange küssten. „Hoher Besuch“, flüsterte Frank mir zu. „Der Präsident und Generalmanager einer amerikanischen Schifffahrtsgesellschaft.“ Die beiden Männer sahen geflissentlich über mich hinweg. Im Gegenteil, als ich keine Anstalten machte, das Wohnzimmer zu verlassen, wedelte einer von ihnen ungehalten mit der Hand und gab mir zu verstehen, dass ich den Raum zu verlassen hätte.

Aber Frank sagte bestimmt: „This is my house and if my wife likes to stay here she may stay. “ Ich hatte keine Lust darauf, nur geduldet zu werden, darum ging ich ins Schlafzimmer zurück, horchte aber an der Tür, was die beiden mit meinem Mann Wichtiges zu bereden hatten.

Sie boten ihm einen Job mit viel Geld an. Vier Heimflüge im Jahr und ein komfortables Haus in der Stadt. Als Frank zögerte, hörte ich, wie der eine lockte: „Champagner, girls as much as you like.“

Innerlich bebte ich vor Zorn, dass dieser Mann, der noch dazu ein gläubiger Muslim war, die Frechheit besaß, meinen Mann mit Alkohol und Frauen zu ködern. Aber Frank lachte darüber und meinte, nachdem sie weg waren: „Nimm‘s nicht so tragisch, das ist hier eben so. Außerdem werde ich das so lukrativ klingende Angebot nicht annehmen.“ Und sachlich fügte er hinzu: „Ich bin noch n

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