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Heimlich Fee 9: Wie uns das Glück überrumpelte

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Leute, ihr werdet nicht glauben, was hier im Feenreich passiert ist! Das muss ich euch unbedingt erzählen, sonst platzt mir gleich der Kehlkopf. Ich verrate nur so viel: Es hat mit ganz viel Herzklopfen zu tun. Und mit feuerroten Wangen.

Wart ihr schon mal verliebt? Ich schon. Im Kindergarten, in Malte Gartenknecht. Der hat mir einmal seine Schaufel geliehen, zum Burgenbauen im Sandkasten. Danach hat’s immer, wenn ich ihn gesehen habe, in meinem Bauch gekribbelt.

So etwa drei Tage lang. Dann fand ich heraus, dass Malte Gartenknecht ein übelstfieser Haarezieher war. Heute glaube ich, dass ich nur seinen Namen toll fand. Im Gegensatz zu meinem, denn Amanda Birnbaum ist ja nun wirklich nicht der Brüller, oder?

Im Moment schlägt mein Herz nicht für einen Jungen, sondern für vier Mädchen auf einmal: Nelly, Mia, Kimi und Emma. Die ersten drei sind Feen. Ich kenne sie, seit ich heimlich Fee bin.

An meinem neunten Geburtstag lag auf meinem Gabentisch eine Kette. Mit einem seltsamen Amulett dran. Sah aus wie ein Schneckenhaus, war aber das abgeworfene Horn eines jungen Einhorns.

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Nelly hatte es mir geschenkt, wie ich heute weiß. Das Amulett ist eine Art Schlüssel, mit dem ich ins Feenreich komme. Der große Spiegel in meinem alten Internat ist das Tor. Gleich auf der anderen Seite liegt das Feeninternat Rosentau, in dem ich jetzt unter der Woche wohne.

Dort lerne ich alles, was eine Fee wissen und können muss: Einhornreiten, Wünsche erfüllen, Zaubern, Elfenschrift und vieles mehr.

Das ist eine große Ehre. Nur alle hundertvierundvierzig Jahre wird ein Menschenmädchen ins Feeninternat aufgenommen. Und zwar heimlich. Genauer gesagt superduperheimlich. Nicht einmal meine Eltern wissen Bescheid.

Nur ein einziger Mensch kennt mein Geheimnis: Emma.

Emma war schon mal richtig verliebt. In einen Jungen, der älter war als vier – wie Malte damals, hihi.

Nelly fand mal Marin aus der Parallelklasse süß. Und alle Jungs sind bis über beide Ohren in Mia verschossen. Aber so richtig, richtig verknallt, dass man gleich ans Heiraten denkt, waren wir noch nicht. Dafür sind wir nämlich noch viel zu vernünftig.

Bei den Erwachsenen ist das anders. Mama liebt Papa, obwohl der so chaotisch ist. Papa liebt Mama, obwohl sie fast nie zu Hause ist, sondern durch die Weltgeschichte reist, um Models zu fotografieren. Oma liebt Opa. Immer noch. Das merke ich daran, dass sie sich küssen, wenn keiner hinsieht.

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Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ich wollte euch von dem romantischsten Abenteuer überhaupt erzählen. Heiliger Spekulatius, ich könnte jetzt noch heulen vor Glück. So schön war es.

Aber am Anfang kullerten erst mal ganz andere Tränen: bittere, enttäuschte und verzweifelte. Und ausgerechnet meine liebe, hübsche Nelly vergoss sie.

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Die Woche begann mit einem Montag. So weit lief noch alles normal.

Wie ihr wisst, ist der Stundenplan im Feeninternat anders als an anderen Schulen. Wir haben nicht jeden Montag in der ersten Stunde Mathe, in der zweiten Sachkunde, in der dritten Sport, wie in einer Menschenschule.

Bei uns sehen alle Wochen anders aus. Manchmal haben wir fünf Tage hintereinander nur ein einziges Fach. Damit wir darin besonders viel lernen.

In dieser Woche sollten wir die meiste Zeit mit Pelegrin Pilgrim verbringen, dem Wanderelf. Pelegrin ist schon viel herumgekommen und hat dabei die abgefahrensten Abenteuer erlebt. Sie handeln von gemeinen Wesen, einsamen Berghütten, donnernden Wasserfällen und von dicken Freundschaften.

Während wir seinen Geschichten lauschen, lernen wir eine Menge über die Welt und ihre Bewohner. Meist sind sie so spannend, dass wir gar nicht merken, wie die Zeit verfliegt.

Ja, ich höre euch schon seufzen: „Wenn es in der Schule doch immer so toll wäre!“

Aber wir fieberten der Woche mit Pelegrin noch aus anderen Gründen entgegen. Er ist auch ein wahnsinnig gut aussehender Elf. Und obendrein immer gut gelaunt, nett und lustig. Kurz: ein Lehrer, wie es ihn alle zwölftausendfünfhundert Jahre nur einmal gibt.

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Einige Mädchen in unserer Klasse himmeln ihn an wie einen Popstar. Am meisten Nelly und die Erklärung dafür ist ganz einfach: Nelly ist ja halb Fee, halb Elfe. Deshalb ihre spitzen Ohren, für die sie sich so schämt. Ihren Vater hat sie noch nie gesehen. Und ihre Mutter rückt einfach nicht mit der Sprache raus, wer es ist.

Nelly glaubt, dass es nur Pelegrin Pilgrim sein kann. Weil sie ihn so mag und weil er zu ihr besonders nett ist.

Ich bin mir da aber nicht so sicher. Auch wenn ich sie verstehe. Ihn als Vater zu haben, wäre übelstgenial. Ein riesiges Glück. So träumt man eben vor sich hin, wenn man keinen richtigen Papa zum Anfassen hat.

An diesem Montagmorgen sprang Nelly also wie ein Knallfrosch mit Schluckauf durch unser gemeinsames Zimmer. So aufgeregt war sie.

Dreiundsechzigmal bürstete sie ihr Haar, bis es nur so glänzte. Dann zog sie ihr schönstes Kleid an – eines, das sie nicht einfach in den Schrank gestopft hatte – und putzte sich zwölfmal die Zähne.

Auf dem Weg zum Speisesaal, in dem wir immer frühstücken, hüpfte sie vor mir her und um mich herum wie ein Spatz im Frühling.

Als ich die große Tür zum Saal aufstieß, passierte es: Etwas Dickes, Schwarzes baumelte vor meinem Gesicht. So dicht vor mir, dass ich nicht sehen konnte, was es war. Ich musste erst einen Schritt zurückgehen.

Es war eine Kreuzspinne.

„Iiiieeeh!“, schrie ich.

Die Spinne hatte sich vom Türrahmen abgeseilt und zappelte nun mit ihren acht Beinchen vor meiner Nase herum.

Nelly lachte sich scheckig über mich. Für Feen sind alle Tiere schön, selbst Regenwürmer, Quallen und Schlangen. Von Angst keine Spur.

„Amanda, Amanda!“, sagte Nelly gespielt tadelnd. Dann nahm sie die Spinne vorsichtig in die Hand und trug sie zum Fenster. Sie streichelte den Rücken des Tierchens, bevor sie es sanft nach draußen pustete.

„Da findest du besseres Futter!“, rief Nelly ihm hinterher. „Das hier drin ist nur für Feen und ein Menschenmädchen.“

Ja, so ist meine Nelly!

„Warum guckst du denn wie ein Muffeltroll?“, wollte sie von mir wissen.

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Ich seufzte tief. „Mir ist gerade ein altes Sprichwort eingefallen, das Oma Konstanzia oft gesagt hat: Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen.

Ein ungutes Gefühl machte sich in meinem Magen breit. Als hätte ich Zwiebelsuppe mit Himbeereis gegessen. Ich hatte eine Vorahnung. Schon bald würde irgendetwas Schlimmes passieren – davon war ich felsenfest überzeugt.

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Nelly nicht. „Kummer und Sorgen? So ein Quatsch! Schon vergessen, dass eine Woche mit Pelegrin Pilgrim vor uns liegt?“

Ich wollte ihr die gute Laune nicht vermiesen, also sagte ich nichts weiter.

Wir setzten uns an den Tisch zu Kimi und Mia. Die beiden strahlten mit der Sonne um die Wette. Auch sie konnten Pelegrins Unterricht kaum noch erwarten.

Ich holte mir eine große Schüssel Löwenzahnjoghurt mit Heidelbeeren. Dazu einen Tee aus getrockneten Walderdbeeren.

Himmlisch, sage ich euch! Doch selbst diese kleinen Geschmacksexplosionen auf der Zunge konnten mein ungutes Gefühl nicht vertreiben.

Als ich meine Schüssel bis auf den letzten Rest ausgelöffelt hatte, machten wir uns auf den Weg zum Klassenzimmer. Und da lauerte die Katastrophe: Pelegrin Pilgrim war nicht allein.

Unsere Internatsleiterin Fortunea Tautropf stand neben ihm. Ihr Gesicht war eher grün als rosig.

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„Liebe erste Klasse“, verkündete sie, als alle zwölf Schülerinnen sich vor ihr versammelt hatten. Ihre Stimme zitterte. „Ich habe die schwere Aufgabe, euch etwas Trauriges mitzuteilen.“

Fortunea holte tief Luft. Ich presste die Lippen zusammen. Nelly ballte die Fäuste. Kimi und Mia fassten sich an den Händen. Man hätte ein rohes Ei fallen hören, so still war es.

Fortunea ist eine tolle Frau. Nicht nur schön wie eine Prinzessin, sondern auch stark wie eine Löwin. Mutig, selbstbewusst und kämpferisch geht sie gegen jedes Unrecht vor. Wenn so eine Frau grün wird und nach den richtigen Worten suchen muss … Verflixte Nixe, das Traurige musste verdammt traurig sein!

Pelegrin und Fortunea sahen betreten zu Boden. Ich dachte an die Spinne am Morgen. Auf die ist wirklich Verlass. Jetzt kamen Kummer und Sorgen, wetten?

Erst räusperte sich Fortunea, als müsste sie eine Kröte ausspucken.

Und dann, ja, dann spuckte sie tatsächlich eine Kröte aus. Einen ekligen, furchtbaren, erschütternden Satz: „Pelegrin Pilgrim wird unsere Schule für immer verlassen.“