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Heimlich Fee 4: Wie ein Zauber alles auf den Kopf stellte

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Wer eine tolle Geschichte richtig gut erzählen will, muss sich überlegen, wo er anfängt. Am Anfang? Oder kurz vor dem Anfang? Wenn ich bei dieser tollen Geschichte mit dem Anfang beginnen würde, müsste ich jetzt sagen, dass Nelly in der Stunde vor der Zauberprüfung …

Aber ich glaube, ich fange lieber vorher an. Denn auch die letzten Tage vor der besagten Zauberprüfung waren bemerkenswert. Ja, so mache ich es!

Also: Dass ich ein neunjähriges Mädchen bin, auf den seltsamen Namen Amanda Birnbaum höre und auf ein Feeninternat gehe, dürftet ihr mittlerweile wissen. Auch meine Eltern kennt ihr schon: die berühmte Fotografin Jorinde Birnbaum und ihren unberühmten Erfinderehemann Zacharias Birnbaum.

Die beiden lieben sich heiß und innig, aber nur, wenn sie sich im Alltag nicht auf den Wecker fallen. Und Alltag ist bei meinem Vater immer, denn solange er schraubt und lötet, ist er der glücklichste erfolglose Erfinder der Welt.

Deshalb sieht es in unserem Haus auch aus wie in einem riesigen Ersatzteillager. Überall liegt Werkzeug herum und halb fertige Maschinen brummen vor sich hin.

Das hält selbst die stärkste Ehefrau nicht aus. Vor ein paar Jahren hat Mama wutentbrannt ihre Koffer gepackt und ist aus dem Haus gestapft wie ein Vogel Strauß. Zum Glück sind Strauße keine Zugvögel. Mama ist also nicht nach Afrika abgerauscht, sondern hat sich auf der anderen Seite des Sees eine winzige Dachwohnung gemietet.

Wenn ich am Wochenende zu Hause bin und sie nicht gerade Topmodels in New York oder Rom fotografiert, morsen wir uns mit Taschenlampen Botschaften quer über den See.

Morsen geht eigentlich ganz einfach, jeder Buchstabe wird durch eine Folge von Zeichen ersetzt – kurzen oder langen. S ist zum Beispiel dreimal kurz, O dreimal lang. Kinder können das im Handumdrehen lernen, bei Erwachsenen dauert es eine Weile. Also, habt Geduld mit euren Eltern.

An dem Wochenende vor dem Anfang der Geschichte war ich wie immer bei meinem Vater. Ich hatte im Feeninternat Rosentau so viele Dinge erlebt, dass ich fast platzte vor Neuigkeiten. Aber ich durfte ja leider niemandem davon erzählen. Das Versprechen musste ich unserer Internatsleiterin Fortunea Tautropf schon am allerersten Tag geben, kurz nachdem ich dort die Probezeit bestanden hatte. Und ich halte mich strikt daran.

Na ja, bei Emma, meiner besten Menschenfreundin, mache ich eine Ausnahme. Die wohnt nämlich am anderen Ende der Welt, in Neuseeland. Einmal hat sie mich hier besucht und wir mussten vor Justin in die Feenwelt fliehen.

Justin hat mich an meiner alten Schule bestens auf die Unholde im Feenreich vorbereitet – wie Muffeltrolle oder Hotzenbolde. Justin ist nämlich eine Mischung aus Gorilla und Flachlandtapir. Seine Zwillingsschwester Jill ist allerdings noch immer fest davon überzeugt, dass der Kerl ein Mensch ist.

Emma kam also mit mir ins Feenreich und das sollte man nicht machen, Menschen heimlich mitbringen. Bei der Rückkehr saß nämlich ein Sortiergnom in ihrer Tasche und der hat einiges durcheinandergebracht. Aber ich schweife ab. Emma, das wollte ich eigentlich nur sagen, ist als einziger Mensch eingeweiht.

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An diesem Samstag hatte ich gerade wild mit ihr gechattet. Bei uns war es schon nach acht Uhr abends und sie war in Neuseeland gerade aufgestanden. Ich tippte mir die neuesten Erlebnisse von der Seele und auch ein paar kleinere Sorgen.

Als ich dann zu Papa an den See ging, war ich richtig leer geschrieben. Ich lehnte mich an seine Schulter.

Zacharias Birnbaum kann nicht nur schlecht erfinden, er spielt auch genauso furchtbar Gitarre. Das ist äußerst peinlich, wenn andere zuhören. Aber da waren ja nur wir zwei und die Sterne am Himmel. Die Sterne zogen sich nicht zurück, als er zu klampfen anfing, also blieb ich auch.

Es wurde noch richtig romantisch. Ich sang sogar mit. Erst ganz leise und dann immer mutiger.

Plötzlich ertönte hinter uns ein Räuspern.

Ich schreckte zusammen. Jemand hatte gerade die schlimmste Musikgruppe der Weltgeschichte belauscht.

„Ich glaube, ihr könntet noch dringend Verstärkung gebrauchen“, sagte dieser Jemand. Oder vielmehr die Jemandin, denn es war Mama.

Sie war vorzeitig von einer Fotoreportage aus dem Regenwald zurückgekommen und wollte uns überraschen. Das war ihr wirklich gelungen!

Erst gab sie Papa einen dicken Kuss und dann mir. Danach hockte sie sich auf meine freie Seite und Papa begann wieder zu spielen. Und obwohl wir alle drei schief sangen, war es einfach wunderschön.

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Die Wellen schwappten leise ans Ufer und ich war glücklicher als glücklich. Glücklich darüber, drei Feenfreundinnen zu haben und eine Menschenfreundin am anderen Ende der Welt. Glücklich darüber, einen furchtbaren Gitarrenspieler zum Vater zu haben, der mich sein lässt, wie ich bin. Und glücklich über eine Mutter, die Vertrauen in mich hat und nicht immer alles haarklein wissen will.

Als die beiden Händchen haltend zum Haus abdackelten, blieb ich noch eine Weile am See sitzen. Ich hatte nämlich keine Lust, Zeugin von ihrem Abschiedsgeknutsche zu werden. Aber Kinder müssen das ihren Eltern einfach ab und zu erlauben. Die sind ja schließlich auch nur Menschen, obwohl sie groß sind.

Da saß ich nun also vollgefüllt mit Glück und starrte mal in die Sterne, mal auf den See und merkte dabei gar nicht, wie die Zeit verging.

Plötzlich leuchtete am anderen Ufer des Sees ein Licht auf: Morsezeichen. Mama war scheinbar längst in ihrer Wohnung angekommen. Sie wünschte mir auf diese Weise eine gute Nacht und fügte hinzu: Du bist ein ganz besonderes Mädchen.

„Wenn du wüsstest, wie besonders!“, murmelte ich und dachte ans Feeninternat.

Das erinnerte mich an etwas Dringendes. Ich schlenderte zurück zum Haus. Papa war schon im Schlafanzug und putzte sich bei offener Badezimmertür die Zähne.

In meinem Zimmer hockte ich mich so lange im Schneidersitz auf den Boden, bis er aus dem Bad kam. In dieser unbequemen Haltung konnte ich nicht versehentlich einschlafen, denn ich hatte noch eine Menge vor in dieser Nacht.

Als Papa wenig später zu schnarchen anfing, setzte ich mich an den Schreibtisch und packte meinen Koffer aus. Diesmal enthielt er keine schmutzige Wäsche, sondern bergeweise Kräuter und Wurzeln.

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Wenn Kimi und Mia am Wochenende bei ihren Feeneltern sind, können sie mit ihnen ganz offen über die Tage im Internat reden. Dasselbe gilt für meine Freundin Nelly, die halb Fee, halb Elfe ist. Vor allem bekommen die drei zu Hause Hilfe beim Lernen.

Das ist bei mir alles anders. Außerdem habe ich ständig das Gefühl, ich müsste im Unterricht besser sein als sie. Jedenfalls strenge ich mich sehr an, damit niemand sagen kann: „Der Plumpfuß gehört nicht hierher, wir haben es ja schon immer gewusst.“

„Plumpfuß“ nennen die weniger netten Feen uns Menschen, weil wir nicht so leichtfüßig wie sie durch die Gegend spazieren.

Eigentlich sollte ich den ganzen Krempel gar nicht erst mit in die Menschenwelt nehmen. Was konnte ich meinem Vater sagen, wenn er die ordentlich aufgehäuften Wurzeln und Kräuter auf meinem Schreibtisch entdeckte? Dass ich eine Gärtnerlehre anstrebte? Nein, so einfach ist das alles nicht!

Mir blieb nichts anderes übrig, als dieses Wochenende heimlich zu lernen, denn am Mittwoch sollte die Zauberprüfung stattfinden. Sauschwer, sage ich euch. Und wenn ich tagsüber nicht lernen konnte, dann blieb eben nur die Nacht übrig.

Bei uns gibt es keine Schulbücher, so wie ihr sie kennt. Die Lehrer diktieren uns das meiste und wir schreiben mit. Buchstabe für Buchstabe in unser Rezeptbuch. Sie sagen alles nur einmal. Gerade bei den komplizierten Rezepten für Zaubertränke und -salben kann das aber fatale Folgen haben. Du musst die ganze Zeit äußerst konzentriert sein, sonst …

So kauerte ich also mit rundem Rücken über den Blüten und Blättern der seltsamen Pflanzen, die ich mit meinen Klassenkameradinnen im Wald gesammelt hatte. Ich grübelte und grübelte.

Mein Gehirn kann sich an viele Dinge ganz leicht erinnern. Etwa was Kinderwagen auf Norwegisch heißt, denn da waren wir mal im Urlaub: barnevogn.