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Harte Schnitte

Eine Filmförderung von 20.000 Mark ist so lächerlich wenig, daß man sie nicht ernst nehmen kann. Weshalb der Regisseur Daimler einen Teil davon erst einmal in eine Rolex investiert. Seinem Filmprojekt über den „Lebensborn e.V.“ schadet das nicht weiter, für den Ärger sorgen übriggebliebene Nazis und deren Hilfstruppen. Ohnehin wandeln sich die Recherchen schon bald zur Suche nach der eigenen Lebensgeschichte, denn als Daimler die Regie entzogen wird, steckt er bereits tiefer in dem Thema, als ihm lieb ist. Von Berlin über Key West, Florida, führen ihn die Recherchen nach Ostafrika, denn alle Spuren weisen dorthin...

D.B.Blettenberg, 1949 geboren, verbrachte einen Großteil seines Lebens in Übersee. Er lebte und arbeitete in Ecuador, Thailand, Nicaragua und Ghana und bereiste zahlreiche Länder Europas, Amerikas, Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens. Er wurde mehrfach mit renommierten Thriller-Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Edgar-Wallace-Preis und 2004 zum dritten Mal mit dem Deutschen Krimi-Preis.

„Mühelos verknüpft Blettenberg drei Kontinente, historisches und gegenwärtiges Erzählen bei seinen Ermittlungen in dem Teil der Vergangenheit, der so schnell nicht vergehen wird.“

Die Woche

„Die Provinzialität deutscher Thrillerautoren ist beinahe sprichwörtlich, so daß Blettenberg sich wie eine Orchidee zwischen lauter Gänseblümchen ausnimmt.“

Darmstädter Echo

D.B.Blettenberg

Harte Schnitte

Für Georg Schmidt

»Wie teuer ist das?« fragte Harry erheitert.

»Ein Buch zu schreiben?«

Robert Stone, Das zweite Logbuch

Vorspiele

BERLIN – Oktober 1990

Es ist soweit.

Daimler öffnet den Patentverschluß des Armbandes, streift das taiwanesische Duplikat einer Rolex Submariner vom linken Handgelenk und wirft die Uhr in den Abfalleimer an der Ecke Kurfürstendamm und Bleibtreustraße. Dann betritt er den Juwelierladen.

Die Filmförderungsanstalt hat ihm zwanzigtausend Mark für sein neues Projekt bewilligt und die Hälfte der Summe auf sein Konto überwiesen. Es kann losgehen. Auch wenn es beim Zuschuß für das Drehbuch Schwierigkeiten gibt, auch wenn Bedenken zum Thema geäußert werden.

Er hat ein Exposé abgeliefert, das an Harmlosigkeit nicht zu überbieten ist. Nicht einmal die Proporzpriester in der Vergabekommission können etwas gegen dramatisch aufbereitete Vergangenheitsbewältigung mit Lehreffekt haben. Der Entwurf deutet so wenig Gewalt wie möglich an und nähert sich dem Thema auf eine Art, wie sie der Bildungsbürger schätzt: problematisierend, mit einem Schuß sozialpolitischer Verantwortung, den man sich im pädagogischen Freizeitseminar antrainieren kann. Dazu Hauptrollen für schwache Männer und Nebenrollen für starke Frauen.

Doch die Demütigungen haben bereits mit dem Förderungsantrag für das Drehbuch begonnen. Die Richtlinien sehen in besonderen Fällen einen Zuschuß bis zu fünfzigtausend Mark vor. Genau diese Summe hat er beantragt. Das Projekt ist ein Sonderfall! Und trotzdem hat ihn das Gremium mit dem Üblichen abgespeist. Sollen sie sich ins Knie ficken! Er wird das Buch schreiben und Regie führen.

Und die ersten dreitausend Mark werden für eine echte Rolex angelegt. Schlichter Edelstahl. Kein Gold, keine Brillanten.

Er ist ja nicht größenwahnsinnig.

POTSDAM – Oktober 1990

Am frühen Nachmittag des 3. Oktober 1990, einem Mittwoch, läßt Siegmund Frost Potsdam hinter sich. Das Ziel, das er ansteuert, liegt jenseits des alten Mauerstreifens. Noch ein Vierteljahr und ein Flug trennen ihn von seinem Traum. Fast wäre er an der zunehmenden Stasi-Hysterie gescheitert, aber seine solide Berufserfahrung hat ihn gerettet. Landmaschinenmechaniker sind gefragt.

Er fährt an einem Kasernenkomplex der Roten Armee vorbei. Die Ziegel der Gebäude sind so rot wie das Herbstlaub an den Chausseebäumen. Frech knattert der Zweitaktmotor in der Stille des neuen Nationalfeiertages, als der Trabant über die Brücke des Friedens rollt. Im Schatten der angerosteten Stahlkonstruktion geht Frost etwas vom Gas, als müsse er das marode Bauwerk und nicht das altersschwache Fahrgestell seines Plastebombers schonen. Eine Panne an der Stadtgrenze ist das letzte, was Frost jetzt gebrauchen kann. Er ist auf dem Weg nach Afrika.

Ganz traut er der neuen Freiheit nicht. Er ist vorsichtig, rechnet immer noch mit unvorhergesehenen Komplikationen. Unterbewußt spielt dabei natürlich auch mit, daß der zementgraue Personenwagen aus volkseigener Produktion schon einem westdeutschen Nostalgiker versprochen ist. Frost sitzt sozusagen auf harten D-Mark. Die sichere Überführung samt Verkauf der Rennpappe sind wichtig für sein jungfräuliches Girokonto bei der Deutschen Bundespost.

Noch vor einem Jahr hätte Frost keine Chance gehabt, wieder ins Ausland zu reisen, schon gar nicht beruflich und ganz bestimmt nicht noch einmal in einer Brigade der FDJ. Die Auslandskader der »Freien Deutschen Jugend« hatten auf handverlesene und politisch zuverlässige Leute gesetzt, und Frost galt nach seinem Einsatz in Angola nicht mehr als der Mustersozialist, mit dem die SED-Funktionäre die Dritte Welt beglückten.

Links spiegelt sich die Herbstsonne auf dem Wasser des Weißen Sees. Wieder auf festem Boden, gibt Frost vorsichtig Gas und fährt zügig weiter. Die Arbeit auf der Baustelle ruht. Der neue Tag der Deutschen Einheit zeichnet sich durch dünnen Verkehr und menschenleere Straßen aus. Der Trabi knattert über die Nedlitzer Nordbrücke und durch Neu-Fahrland. Rechts weist ein Schild zur Heinrich-Heine-Klinik, aber Frost fährt geradeaus die Steigung hoch, läßt Neu-Fahrland hinter sich. Rechts taucht das Wirtshaus am Krampnitzsee auf, links liegt die Einfahrt zu einer weiteren Kaserne der Roten Armee. Eine Gruppe Soldaten mit asiatischen Gesichtern steht neben sechs Militärlastern. Frost jagt den Trabant die leichte Bergstrecke hinauf, als könnten die feindlichen Horden jeden Augenblick die Verfolgung aufnehmen. Noch befindet er sich auf Ostgebiet. Eine ganze Weile sogar, denn der Umweg über Groß-Glienicke nach Kladow läßt sich nicht vermeiden, weil die direkte Strecke über Sakrow nur für Fußgänger und Radfahrer passierbar ist.

Rasselnd nimmt der Trabi die Steigung. Auf der langen, flachen Geraden durch die leicht bewaldete Landschaft klingt der Zweitakter wieder gesünder. Frost mustert das Gehölz. Buschlandschaft. Fast wie in Afrika.

In den letzten Monaten wurde ein Teil der Brigadisten offiziell von der bundesdeutschen Entwicklungshilfe übernommen, und die Eingliederung der DDR-Projekte steht unmittelbar bevor. Siegmund Frost gehört zu den ersten Ossis, die bei den Wessis in die Vorbereitung ziehen. Drei Monate in Kladow. Sprache, Kultur, Entwicklungspolitik. Und dann hinaus in die Welt.

Rechts huscht der Abzweig zum Bullenwinkel vorbei, gleich dahinter eine Bushaltestelle. Kurz darauf ein weiteres Hinweisschild, an dem Frost nach rechts abbiegt und in Richtung Spandau weiterfährt. Auf einer Kopfsteinpflasterpiste, im Schatten knorriger Chausseebäume, umfährt er den Ortskern von Groß-Glienicke, vorbei an verwahrlosten Häusern und verwilderten Gärten. Vor ihm ein dichter Laubwald, dessen Blätter goldgelb und blutrot leuchten. Der Trabi rollt vom Buckelpflaster auf ein frisch asphaltiertes Straßenstück im ehemaligen Grenzstreifen. Links führt ein Abzweig nach Seeburg. Ein Schild am Straßenrand weist darauf hin, daß sich einen Kilometer entfernt eine Kleintierpension befindet.

Frost steuert seinen Wagen die letzten Meter über das Territorium der ehemaligen DDR und biegt dann nach rechts auf den Ritterfelddamm ab. Auch jetzt noch, ein knappes Jahr nach dem Fall der Mauer, kommt er sich beim Überqueren der offenen Grenze vor, als fahre er in die Freiheit. In West-Berlin fühlt er sich sicherer.

MÜNCHEN – Januar 1943

Sie tut es aus Liebe.

Als er ins Zimmer kommt, steht sie am Fenster und beobachtet den immer dichter werdenden Vorhang aus Schneeflocken, die behäbig wie Wattebäusche vom dunklen Himmel taumeln. Der Rasen vor der Villa ist verharscht. Es ist der strengste Winter seit Kriegsbeginn. Das alte Jahr ist alles andere als gut gewesen, und das neue fängt genauso hoffnungslos an.

Sie hört, wie er die Flügeltür vorsichtig zuzieht und zum Bett geht. Er ist ein leiser Mensch. Nicht einmal die Absätze seiner Schaftstiefel machen viel Lärm auf dem Parkettboden. Sie dreht sich um und sieht zu, wie er die Uniformjacke auszieht. Er ist groß und elegant. Ein richtiger Bilderbuchoffizier. Aber zurückhaltend, fast bescheiden, wo seine Kameraden laut und herrisch sind. Er hat Manieren. Während die anderen immer noch von dieser Idee, von ihrer Berufung faseln, zieht er es vor zu schweigen. So auch heute, nach der Vorstellung.

Je schlechter die Lage an der Front, desto unverhohlener die Propagandafilme. Sie haben »Der große König« gesehen. Schon wieder ein Film über Friedrich den Großen. Diesmal hat Otto Gebühr nicht mehr den volkstümlichen Alten Fritz gespielt. Unter der Regie von Veit Harlan mimt er Friedrich II. als einsamen, auf sich allein gestellten Feldherrn, der dem Rest der Welt seinen Willen aufzwingt. Von Feinden umzingelt, macht der König dem Führer vor, wie gesiegt wird. Aber der Siebenjährige Krieg verlief für Fridericus Rex erfolgreicher als der Kampf um Stalingrad für Adolf Hitler und die 6. Armee. Jeder, der nicht völlig verblendet ist, weiß das. Aber offen am Sieg zu zweifeln ist Wehrkraftzersetzung. Und darauf steht der Tod.

Sie geht einige Schritte auf ihn zu, bleibt stehen und mustert die Narbe über seiner linken Augenbraue.

»Ein entsetzliches Machwerk! Normalerweise mag ich ja wenigstens Gustav Fröhlich …« Er öffnet den Kragenknopf seines Hemdes und lächelt sie an. »Die Söderbaum bekommt ihre Rollen doch nur noch, weil sie mit dem Herrn Regisseur verheiratet ist.«

Eigentlich gefällt ihr Kristina Söderbaum ganz gut, auch wenn sie im Volksmund wegen ihrer meist tragischen Rollen nur noch die »Reichswasserleiche« genannt wird. Aber es gibt keinen Grund, den Film zu verteidigen. Sie schweigt.

Ihr ist kalt, obwohl es in dem Zimmer warm ist. In der Villa leidet man keine Not. Noch nicht jedenfalls. Es gibt sogar Benzin für die Kraftfahrzeuge. In der Stadt sieht man in letzter Zeit immer häufiger diese Holzgasgeneratoren an den Autos. Normaler Treibstoff ist knapp geworden, wie so vieles. Aber die Villa ist eine Enklave, ein Stück heile Welt inmitten von Elend und Untergang.

Er nimmt sie in die Arme.

Sie ist froh, daß er es ist. Zu ihm hat sie Vertrauen. Sie kennen sich noch nicht lange, und ihre Gespräche leben oft nur von vorsichtigen Umschreibungen und vagen Andeutungen. Und trotzdem ist eine gewisse Sicherheit entstanden, eine Art unausgesprochene Übereinstimmung.

Sie sollen es für eine höhere Sache tun. Aber es gibt keine Ideale mehr, an die man glauben kann. Das einzig Verläßliche sind die Winterkälte und der verfluchte Krieg.

I

Das Drehbuch

1

Die Maschine landete am frühen Abend auf dem Miami International Airport.

Es war bereits dunkel, und außer einem dichten Lichterteppich hatte Daimler beim Landeanflug nichts erkennen können. Er ließ sich Zeit beim Aussteigen. Kein Grund zur Eile. Er wollte im Flughafenhotel übernachten. Der Colonel hatte ihm bei ihrem letzten Telefonat empfohlen, gleich nach Ankunft in der Hotelbar ein paar Bier zu kippen und sich aufs Ohr zu hauen. Das beste Mittel gegen die Zeitverschiebung. Er wollte Daimler am Montagmorgen gegen zehn Uhr abholen und mit ihm nach Key West fahren. Norman Delano Miller hatte am Wochenende geschäftlich in Miami Beach zu tun. Er war Literaturagent und Immobilienmakler. Außerdem war Miller – und deshalb hieß er für Daimler nur »der Colonel« – am Ende des Zweiten Weltkrieges als Oberst der US-Army in Deutschland gewesen.

Die Magnetbahn brachte die Passagiere zur Paß- und Zollkontrolle im Hauptgebäude. Als Daimler nach einer halben Stunde Schlangestehen den Schalter ins Blickfeld bekam, stellte er fest, daß er sich die falsche Position ausgesucht hatte. Die Dame von der Einwanderungsbehörde war die Hardcore-Besetzung der Rolle. Sie quälte die »Neger« aus der Dritten Welt. Jeder dritte Besucher aus Lateinamerika, Mann oder Frau, wurde hochnotpeinlich durch den erkennungsdienstlichen Wolf gedreht und anschließend von einem Uniformierten weggeführt. Endlich war Daimler an der Reihe. Die Frau am Schalter sah aus wie ein Marlene-Dietrich-Mutant, der mit allerlei kosmetischen Wunderwaffen von fünfzig auf dreißig geschminkt war. Das Design ihres Titaniumschmucks war so gediegen wie das Stachelhalsband eines Kampfhundes.

Nachdem sie den Einreisestempel in den Paß geknallt hatte, fuhr Daimler mit der Rolltreppe eine Etage tiefer, fand seinen Koffer und stellte erfreut fest, daß es beim Zoll liberaler zuging.

Er geriet an einen afroamerikanischen Beamten, der den Paß nur flüchtig musterte und Daimler anlächelte.

»Where are you from, Sir?« fragte der Mann vom Zoll. »East or West Germany?«

»West«, antwortete Daimler wie aus der Pistole geschossen und merkte im selben Moment, daß der Schwarze ihn aufs Glatteis gelockt hatte.

»Gotcha!« Der Beamte grinste breit und bedeutete Daimler mit einer lässigen Handbewegung, daß er ohne Kontrolle passieren durfte.

Zimmer 454 im Hotel MIA war großzügig geschnitten, modern eingerichtet und perfekt schallisoliert. Die Metallvögel draußen auf dem Flugfeld mochten noch so donnern, bei Daimler kam nicht einmal ein Flüstern an. Das Hotelmanagement schien stolz darauf zu sein. Completely Soundproof! stand auf jedem Prospekt.

Daimler verzichtete darauf, den Koffer auszupacken. Er kramte nur den Toilettenbeutel und frische Kleidung hervor und duschte ausgiebig. Dann fuhr er mit dem Aufzug in den siebten Stock. Das »Top of the Port«-Restaurant mußte trotz Panoramaaussicht auf Daimlers Besuch verzichten. Er war satt wie ein Baby. Die Stewardessen hatten ihn gründlich gefüttert. Aber er war durstig und hatte die Worte des Colonel im Ohr. Also bestieg er die rundverglaste Kabine des Außenaufzugs, der weiter ins achte Stockwerk hinauffuhr, und steuerte die Bar unter dem Glaskuppeldach an. Der große Raum mit den Rattanmöbeln war fast leer. Nur zwei Paare saßen im Halbdunkel. Auf einer Großleinwand war ein Baseballspiel zu sehen. Daimler hockte sich an eine Ecke der weitläufigen Theke, winkte einen der Barkeeper im »Innenhof« heran und bat um ein Bier.

»Heineken, Becks, Budweiser, Amstel, Corona…«

»Amstel«, unterbrach Daimler den Vortrag. Es war immer noch Sonntag, und er hatte Geburtstag. Es war ihm gelungen, auch seinen sechsundvierzigsten ohne Heckmeck hinter sich zu bringen. Er haßte es, das Älterwerden zu feiern. Ein Bier zu später Stunde schien ihm angemessen. In seinem Geburtsland war sowieso schon Montag.

Der Keeper brachte das Bier.

Daimler trank auf Milena und seine Grundsätze. Sie war wie immer beleidigt gewesen. Erstens, weil sie ihn nicht zum Flughafen hatte begleiten dürfen. Zweitens, weil er es an seinem Geburtstag vorgezogen hatte, alleine und ungestört durch die Luft zu gleiten. Er freute sich auf den Colonel. Die Einzelheiten, die nur ein Beteiligter vermitteln konnte, waren für die Atmosphäre des Films unverzichtbar. Auf das Detail kam es an. Der Blickwinkel eines Ausländers war wichtig. Daimler hatte den Film zwar schon grob im Kopf, aber er wußte, daß die Geschichte sich im Laufe des Schreibens und der weiteren Recherchen noch einige Male ändern würde. Das war seine Arbeitstechnik. Er konnte nicht warten, bis er alles zusammengesucht hatte, um das Drehbuch dann in einem Rutsch herunterzuschreiben. Er war darauf angewiesen, daß die Inspiration beim Schreiben kam. Es mochte unökonomisch sein, den Stoff immer wieder der präziser werdenden Recherche anpassen zu müssen, aber es war die sicherste Methode, um nicht in reiner Dokumentation zu erstarren.

Daimler bestellte noch ein Bier und dachte an die kalten Tage in Berlin.

Er haßt Berlin.

Statistiker schätzen, daß in jeder Großstadt der Welt genauso viele Ratten wie Menschen leben. In Berlin ist das Verhältnis zwei zu eins.

Er sitzt im Zahnarztstuhl. Der Blick durchs Fenster wird nicht durch Vorhänge behindert. Er mustert das Gemäuer auf der gegenüberliegenden Seite des Kaiserdamms. Die Häuserfront verschwimmt zu einer einzigen Ansammlung von Kreuzen. Es sind nur Fensterkreuze. Aber es sieht aus wie ein Soldatenfriedhof.

Als er fünf Minuten später auf den Gehsteig tritt und mit der Zungenspitze die neue Füllung abtastet, sieht er noch einmal nach oben. Von hier unten wirkt die Fassade nur noch frisch renoviert und friedlich. Er schüttelt den Kopf. Alles in Ordnung. Ticket gekauft. Visum beantragt. Termine gemacht. Er hebt den linken Arm und schiebt das Handgelenk aus dem Jackenärmel. Exakt vierzehn Uhr. Jahrelang hatte er behauptet, die Fälschung sei nicht vom Original zu unterscheiden. Jetzt muß er zugeben, daß man Klasse eben doch nicht kopieren kann.

Der Herbstwind fegt die ersten trockenen Blätter über den Asphalt. Daimler schlägt den Kragen seines Lederblousons hoch und sprintet über den Damm auf den Mittelstreifen. Der alte Peugeot rostet geduldig in den nächsten Winter. Der grüne Lack ist stumpf. Daimler nennt das Gefährt liebevoll seinen »Laubfrosch«. Er steigt ein, läßt den Motor an und rangiert rückwärts auf die Fahrbahn. Nachdem er sich im Verkehrsfluß eingeordnet hat, schaltet er das Autoradio ein. Die Stimme eines Nachrichtensprechers dröhnt aus den Lautsprechern. Daimler dreht den Ton leiser und schiebt die Musikkassette in den Rekorder. Die ersten Töne der Florida Suite von Frederick Delius wirken wie Valium. Daimler entspannt sich und steuert mit exakt fünfzig Kilometern pro Stunde die Auffahrt zur Stadtautobahn an. Nicht einmal das Blitzen einer Lichthupe im Innenspiegel bringt ihn aus der Ruhe. Er hält sich an die Straßenverkehrsordnung, und die Gehetzten der Großstadt reagieren aggressiv. Adrenalingeschädigte, nichts weiter. Er quittiert ihre Hektik mit einem Lächeln und steigert die Geschwindigkeit auf die erlaubten achtzig Kilometer pro Stunde, während er sich auf der Autobahn in Richtung Süden einfädelt. Auch die Musik schwillt an, nimmt Tempo auf – »Daybreak«, erster Teil.

Das Band gehört zu Daimlers Recherchesammlung. Er läßt sich einstimmen, testet das Material auf Soundtrack-Qualitäten. Für die teutonischen Phasen des Films hat er Sibelius und Grieg vorgemerkt. Allzu Eindeutiges, wie Wagner, kommt nicht in Frage. Das Thema an sich ist heikel genug. Nur nicht überziehen! Skandinavische Klänge sind möglicherweise auch noch zu gewagt. Bei Delius mischen sich die nordischen Elemente immerhin mit britischen, französischen und amerikanischen. Das paßt zu der Interpretation des Stoffes, die Daimler vorschwebt. Der Kern des Dramas eingeordnet in einen multikulturellen, kosmopolitischen Rahmen. So hat er es zumindest im Expose für das Förderungsgremium ausgedrückt. Er selbst denkt an radikale Schläge in den Unterleib der Betroffenheitskasper. Seine übliche Handschrift. Was hatte er den Journalisten in die Feder diktiert, nachdem er den Bundesfilmpreis für seinen ersten und bislang einzigen abendfüllenden Spielfilm erhalten hatte? Ich wollte dem Zuschauer eins in die Fresse hauen. Vielleicht war das ein bißchen überzogen gewesen. Immerhin hatten die Kritiker ihn schon im Vorfeld mit Lob überhäuft. Man gab sich der Illusion hin, ihm irgendwo zwischen Claude Chabrol, Wim Wenders und Woody Allen ein Plätzchen zuweisen zu können, wo man das Talent im Auge behalten konnte, um es je nach Bedarf zu maßregeln oder zu loben. Er hat die Entschuldigung, mit der man »Die beinharte Tänzerin« allenthalben in Schutz nahm, noch gut im Ohr. Der realistische Film hat ja heutzutage weltweit etwas an Härte zugelegt. Allein der Titel des prämierten Streifens trug zur allgemeinen Verunsicherung bei. Nun, die Welt wurde von Tag zu Tag grausamer.

Er lauscht und summt mit dem Orchester durch die getragenen Passagen. Delius hat die Suite, deren Originalpartitur den Untertitel »Tropical Scenes for Orchestra« trägt, mit vierundzwanzig Jahren komponiert. Jugendliche Geniestreiche anderer Künstler machen Daimler hilflos. Er fühlt sich wie ein Fossil, das bislang nichts Wesentliches geschaffen hat. Normalerweise sieht er sich als dynamischen und sehr jung gebliebenen Mann in den Vierzigern. Angesichts eines derartigen Werkes muß er sich eingestehen, daß er langsam, aber sicher auf die Fünfzig zugeht. Doch die Musik gefällt ihm so gut, daß er den kurzen Depressionsschub schnell überwindet. Er gibt etwas mehr Gas und driftet mit »By the River«, dem zweiten Teil, in die Abfahrt Detmolder Straße.

Es zieht ihn zum Schreibtisch.

Zu Hause steht er eine Weile im Wintergarten und sieht durch die Scheiben und das Herbstlaub der Fliederbüsche in den Garten der gegenüberliegenden Villa. Auf dem Spielplatz des Frauenhauses tobt ein Dutzend Kinder herum. Zwei Mädchen zerren sich an den Haaren. Eine der Mütter erscheint auf dem Balkon, beugt sich über die Brüstung und versucht den Streit durch laute Zurufe zu schlichten. Durch die Glasscheiben dringen die Kommandos der Frau und das Kreischen der Kinder nur sehr leise zu Daimler.

Er geht zum Schreibtisch, schaltet den Computer ein, lädt seinen Text und starrt auf den Bildschirm. Lediglich der Titel und sein eigener Name flimmern ihm entgegen. Beim letzten Versuch hat er in einem Anfall kreativer Energie die Datei eröffnet, ist dann aber nicht über längere Grübeleien hinaus gekommen. Diesmal wittert Daimler den Einstieg. Zwei, drei Minuten lang hockt er regungslos vor dem Gerät. Dann hackt er im Zweifingersuchsystem auf die Tastatur ein.

AUFBLENDE

WEISSER TEXT AUF SCHWARZEM HINTERGRUND:

»Frühling 1945«

Dazu das Geräusch energischer Schritte. Mehrere Stiefelpaare auf Parkettfußboden. Sie kommen näher. Das Geräusch schwillt an, wird laut, und wir schneiden hart auf:

KINDERSPIELZIMMER – INNEN/TAG

Die Schrittgeräusche brechen abrupt ab, und durch die aufgestoßene Flügeltür einer Altbauwohnung sehen wir auf EIN DUTZEND KLEINKINDER, Jungen und Mädchen, die auf einer buntkarierten Decke auf dem Fußboden sitzen, krabbeln oder auf dem Bauch liegen und sich mit einfachem Holzspielzeug beschäftigen. Keines der Kinder ist älter als zwei Jahre. Alle haben hell- bis dunkelblonde Haare. Einige der Kinder sehen neugierig auf und lächeln freundlich.

NAH AUF: DREI SCHWARZE US-SOLDATEN, die Kampfanzüge und Stahlhelme tragen und verblüffte Gesichter machen.

1. SOLDAT (ungläubig) Jesus Christ…

Die Männer verharren wie angewurzelt in der Türöffnung und starren auf die Kinder.

NAH AUF: Die Kinder, die jetzt unbekümmert weiterspielen und dabei freudig brabbeln und krähen.

TITELVORSPANN LÄUFT AB

2

Das Telefon unterbricht ihn. Nach dem ersten lauten Klingeln schaltet sich mit einem Knacken der Anrufbeantworter ein, und seine Stimme leiert in blechernem Automatenton die Ansage herunter. Er ist fest entschlossen, nicht abzuheben. Er will arbeiten. Die Maschine ist sein Beschützer.

Der Signalton erklingt, und Milenas Honigstimme sickert aus dem Lautsprecher. »Ich weiß, daß du da bist, mein Lieber. Sicher arbeitest du wieder fleißig …«

Ganz recht, denkt Daimler, ich versuche es zumindest.

»… aber ich habe Sehnsucht nach dir, und ich möchte dich sehen.«

Weiß der Teufel, wie sie es immer wieder schafft, diese scheppernde Barriere mit Erotik zu durchbrechen. Es ist, als ob sie ihn anfaßt.

»Ich würde dir natürlich die übliche halbe Stunde einräumen, damit du die Seite noch zu Ende schreiben kannst…«

Er hebt ab. »Komm sofort.«

»Ich fliege.« Mit einem Krachen legt sie den Hörer auf.

Daimler speichert den Text auf Festplatte, zieht eine Diskettenkopie und schaltet den Computer aus. Danach geht er ins Schlafzimmer und schließt das angekippte Fenster. Milena ist immer sehr laut. Anfangs haben sie regelrechte Hinterhofkonzerte für die Nachbarn gegeben. Aber wer keine Eintrittskarte löst, hat auch kein Recht auf Unterhaltung. Außerdem ist Daimler zu Ohren gekommen, daß sich eine ältere Mieterin beim Kontaktbereichsbeamten beschwert hat. Da unten würden Kinder gefoltert, soll sie angeblich behauptet haben.

Der späte Nachmittag ist Milenas bevorzugte Stunde. Wenn im Büro alles problemlos läuft, setzt sie sich gerne ein, zwei Stunden ab. Am Abend ist sie meist zu Arbeitsessen und Gremienarbeit unterwegs, um Geld für ihre Produktionen zu sichern. Und danach kommt ihr Ehemann zu seinem Recht. Arnulf Kranich arbeitet meist ebenfalls bis spät in die Nacht. Er ist stellvertretender Chefredakteur von Transpolit, einem Kulturmagazin, das für zehn Mark pro Heft literarische Reportagen, trockene Prosatexte und süffisante Kritiken bringt, die unter den subventionierten Kulturschaffenden der ganzen Republik wie Weissagungen aufgenommen werden. Bis vor sechs Monaten ging das Ehepaar Kranich seiner Karriere auch räumlich getrennt nach. Daimler empfand diesen Zustand als unkompliziert und sehr angenehm. Während Milena in Berlin Kinofilme und Fernsehspiele produzierte, redigierte Arnulf in München Kultur. Leider hatte sich Transpolit nach dem Fall der Mauer auf Traditionen besonnen und die Redaktion in die Hauptstadt verlegt. Seitdem beglückwünschen sich die Mitarbeiter in jeder Ausgabe aufs neue zu diesem Schritt.

Im Wohnzimmer schiebt Daimler die CD mit der Florida Suite in das Abspielgerät und hört sich noch einmal den dritten Teil an, »Sunset – Near the Plantation«. Kommt gut. Als er in der Küche eine Flasche Weißwein entkorkt, klingelt es. Er öffnet die Wohnungstür. Vor ihm steht einer der Junkies, die für gewöhnlich an der U-Bahnstation um die Ecke herumlungern. Irgendein Mitbewohner muß aus Bequemlichkeit die Haustür mit der Fußmatte blockiert haben. Der Junkie ist höchstens fünfzehn. Er trägt eine Mischung aus Rocker- und Skinheadmontur. Der Dreck unter den Fingernägeln der Hand, die er Daimler entgegenstreckt, ist so schwarz wie die Ringe unter seinen Augen.

»Haste ma ‘ne Mark, Meister?«

Daimler knallt die Tür zu. Es hat seine Nachteile, im Erdgeschoß zu wohnen.

Es klingelt wieder.

Daimler reißt die Tür auf, und bevor der Junge seinen Spruch erneut ablassen kann, packt Daimler ihn an den Aufschlägen der Lederjacke, zerrt ihn auf den Gang, stolpert mit ihm die sieben Treppenstufen zur Haustür hinunter und schubst ihn auf den Gehsteig. Während er wütend die Kokosfasermatte wegtritt und die Tür so hart ins Schloß knallt, daß beinahe die Glasscheiben aus der Fassung fliegen, sieht er, wie der Junkie ihm den Finger zeigt. »Wichser«, murmelt Daimler und schließt die Wohnungstür.

In der Küche gießt er sich ein Glas Wein ein. Ein paar Minuten später hat er den Vorfall vergessen. Als es erneut klingelt, hört er sich gerade den vierten Teil an, »At Night«. Er stellt sein Glas ab, geht zur Tür und öffnet.

Sie ist eine Schönheit. Schulterlange blonde Mähne, tiefblaue Augen, Stupsnase, dazu der sinnlichste Mund in Osteuropa. Die Figur ist knabenhaft. Winzige Brüste und ein kleiner Hintern. Ihre Beine sind eine Sache für sich. Milena ist die einzige Frau, bei der Daimler unablässig an Beine denkt, wenn er mit ihr fickt.

»Hallo!« Sie trägt ein schwarzes Kostüm, stockkonservativ, aber mit sehr kurzem Rock.

»Komm rein.« Er lächelt.

Sie betritt die Diele und lehnt sich mit der Schulter an die Wand.

Er schließt die Wohnungstür und riecht ihr Parfüm. Es ist schwer, wie eine Droge.

»Ach – hören wir heute Klassik?« fragt sie und verzieht spöttisch die Lippen.

»Frederick Delius, achtzehnhundertzweiundsechzig bis neunzehnhundertvierunddreißig.« Er küßt sie.

Sie läßt die Handtasche fallen und greift an.

Beim dritten Bier spürte Daimler die Müdigkeit. Er zeichnete die Rechnung ab und verließ die Bar. Durch die Glasscheiben betrachtete er das tonlose nächtliche Treiben auf dem Airport. Er hielt sich in einer perfekt abgeschotteten Wabe auf. Nur Aircondition. Er fuhr nach unten und ging schlafen.

Drei Stunden später war er wieder hellwach. Der Jetlag machte ihm zu schaffen. Er versuchte wieder einzuschlafen. Es gelang ihm nicht. Mit der Fernbedienung suchte er die Fernsehkanäle ab. Nach zehn Minuten entschloß er sich, etwas Sinnvolleres zu tun. Er holte die alte Monica Electric aus dem Koffer und baute sie auf dem Schreibtisch auf. Das olivgrüne Plastikgehäuse war mit angetrocknetem Korrekturlack bekleckert. Daimler besaß zwei Modelle, die er auf Reisen benutzte. Dieses hier hatte er auf hundertzehn Volt umfrisieren lassen.

Milena versuchte ihm seit geraumer Zeit einen Laptop einzureden. Aber er fuhr ja auch noch seinen alten Peugeot und nicht den neuen Saab, den sie mit Hinweis auf die fürstlichen Erstsendungs- und Wiederholungshonorare für seine TV-Arbeiten und die – wie sie sich ausdrückte – überbezahlten Werbespots als standesgemäß ansah. Er hatte ihr (wie immer und aus stetem Trotz) die Schlüssel für den Laubfrosch hinterlassen. Sie würde den Wagen natürlich nicht benutzen, selbst wenn ihr nagelneuer Volvo, dessen Eleganz und Zuverlässigkeit zu unterstreichen sie nicht müde wurde, mit einem Totalschaden liegenbleiben sollte. Nein, Daimler hatte nicht vor, sich von moderner Technik abhängig zu machen. Es reichte, wenn zu Hause ein Computer herumstand. Und den hatte er auch nur wegen der Fernsehdrehbücher angeschafft. Er warf einen schuldbewußten Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk. Eine Ausnahme von der Regel, und die hatte er sich verdient.

Er setzte den Adapter auf den Stecker und schloß die Schreibmaschine an. Dann holte er Papier und eine Kladde mit Notizen aus dem Koffer und begann zu arbeiten.

TANKSTELLE, BOGENHAUSEN (IM FRÜHLING) – AUSSEN/TAG

Ein sonniger Tag. Von der gegenüberliegenden Straßenseite ist durch den vorbeifließenden Verkehr eine ESSO-Tankstelle an der Ismaninger Straße in München, Stadtteil Bogenhausen, zu sehen. Sie liegt in/vor einem mehrstöckigen Gebäude, an das sich rechts das Grundstück einer Villa anschließt.

Ein TANKWART kommt auf den Hof und stellt eine Plastikkanne neben eine Zapfsäule.

GANTER kommt zu Fuß ins Bild. Er trägt einen Trenchcoat. Seine blonden Haare sind strähnig und lang. Er geht auf den Tankwart zu und spricht mit ihm. Der Tankwart nickt zustimmend und deutet die Straße hinauf. Ganter bedankt sich und geht weiter auf das Eingangstor der Villa zu.

VILLA IN BOGENHAUSEN (IM FRÜHLING) – AUSSEN/TAG

Durch das offenstehende Schmiedeeisentor ist ein parkähnlicher Garten mit mächtigen, von Efeu überwucherten Bäumen zu sehen. Auf dem Rasen blühen in Gruppen weiße Maiglöckchen. An den kiesbestreuten Gehwegen stehen dunkelgrüne Bänke. SPAZIERGÄNGER sind unterwegs. DREI KINDER spielen mit einem DACKEL Fangen.

Im Zentrum der Anlage ist eine alleinstehende Villa mit sandgelben Mauern und zinnoberroten Dachziegeln zu sehen. Alle Fensterrahmen und die schmiedeeisernen Gitter im Erdgeschoß sind dunkelgrün gestrichen. Die Villa hat mehrere Stockwerke und Erker. Vor einer Veranda befindet sich ein runder Springbrunnen im Garten.

GANTER taucht vor dem Tor auf und studiert sorgfältig das Schild neben dem Eingang:

Ismaninger Str. 95.

Finanzgericht München

Außenstelle Ismaninger Straße

Ganter geht durch das Tor auf die Villa zu. Vor zwei weiteren Hinweisschildern auf dem Parkgelände bleibt er stehen und studiert zunächst ebenso sorgfältig das obere:

Bürgermeistergarten

Öffnungszeiten 1.April – 30.September

An Werktagen 6.00 – 20.00 Uhr

An Sonn- und Feiertagen 8.00 – 20.00 Uhr

l. Oktober – 31. März

An Werktagen 6.00 – 19.00 Uhr

An Sonn- und Feiertagen 8.00 – 19.00 Uhr

Landeshauptstadt München

Baureferat Gartenbau

Ganter verzieht abfällig lächelnd das Gesicht und mustert mit einer leichten Drehung des Kopfes:

DIE VILLA

Aus dem OFF: Kindergeschrei und Hundebellen

NAH AUF: Die Kinder, die mit dem Dackel über den Parkweg tollen

NAH AUF: Ganters schmerzlich-nachdenkliche Miene

Ganter reißt sich los und rettet sich in die Betrachtung des unteren Schildes:

Nur Hauptwege geräumt und gesandet.

Verlassen dieser Wege auf eigene Gefahr!

Landeshauptstadt München Stadtgärtendirektion

Wir schneiden hart auf:

VILLA IN BOGENHAUSEN (IM WINTER) – AUSSEN/NACHT

Aus der Perspektive des obersten Stockwerks des Gebäudes, in dem nach dem Krieg die Tankstelle eingerichtet wurde, sehen wir die Villa siebenundvierzig Jahre früher, in einer frostklaren Nacht. Im Park liegt tiefer Schnee. Nur die Zufahrt ist geräumt. Das Licht des Vollmondes leuchtet die Szene gut aus.Am Tor zur Straße stehen ZWEI SS-WACHEN in Wintermontur mit Schmeißer-Maschinenpistolen. Ihr Atem bildet Wölkchen in der Luft, während sie das Tor aufreißen, um einer schwarzen Mercedes-Limousine, deren Scheinwerfer wegen der Fliegerangriffe bis auf zwei schmale Lichtbalken verdunkelt sind, den Weg frei zu machen. Der Wagen schießt von der Straße auf das Gelände der Villa, fährt vor das Gebäude und kommt knirschend zum Stehen.

FÜNF SCHÄFERHUNDE tauchen aus dem Halbdunkel des Parks auf und hecheln um den Wagen. Die Türen gehen auf, und ein FAHRER und ZWEI SS-OFFIZIERE in langen Ledermänteln steigen aus. Sie tragen Schaftstiefel, Schirmmützen und Handschuhe.

NAH AUF: Die Schäferhunde, die freudig winseln und mit dem Schwanz wedeln, und die Offiziere, die sich zu den Hunden hinabbeugen, ihnen auf den Rücken klopfen und spielerisch an ihrem Fell zerren.

l. OFFIZIER (herrisch) Aus, Hasso!

Der Hund springt an dem Mann hoch, und der krault dem Hund liebevoll die Ohren.

1. OFFIZIER (energisch) Ist ja gut, Hasso. Aus!

Der Hund läßt von dem Mann ab. Über der Eingangstür der Villa leuchtet eine Lampe auf, und die Tür wird geöffnet. Der Hund läuft mit wedelndem Schwanz zur Tür.

2 OFFIZIER (zum Fahrer) Feierabend, Egon! Ab in die Küche! Da isses warm.

FAHRER (zackig) Jawoll, Herr Standartenführer !

In der hellerleuchteten Öffnung der Haustür erscheint eine hochgewachsene BLONDINE mit einer Stola um die Schultern. Hasso steigt an ihr hoch, und sie tätschelt ihm den Kopf.

BLONDINE (freudig) Schön, daß ihr noch kommt.

Die beiden Offiziere gehen auf den Eingang zu, gefolgt von den anderen vier Hunden. Der Fahrer steigt wieder ein und fährt die Limousine hinter die Villa.

1. OFFIZIER (umarmt die Frau) Da sind wir wieder.

2. OFFIZIER (höflich) Gnädige Frau …

BLONDINE (zittert vor Kälte) Kommt rein! (zu Hasso)

Du bleibst draußen!

Die beiden Männer und die Frau gehen ins Haus. Die Tür fällt ins Schloß. Hasso bleibt auf den Treppenstufen sitzen und heult den Vollmond an.

SCHNITT

Daimler stand auf, ging zum Thermostat und stellte die Temperatur der Klimaanlage höher. Er schob den Vorhang am Fenster zur Seite und sah hinaus auf das in der Nacht liegende Betongebirge des Flughafens.

Da draußen mußte es warm sein.

3

Der Colonel hatte seinen Sohn geschickt.

Anfangs war Daimler enttäuscht gewesen. Nach dem ganzen Schriftwechsel und den Telefonaten hatte er sich so auf das morgendliche Treffen mit dem alten Herrn gefreut, daß es ihm wie Verrat vorkam, als ein schlanker Mann zwischen vierzig und fünfzig im Hotel erschien, sich als Miller junior vorstellte und den Senior entschuldigte.

»Vater vergißt oft, wie alt er ist«, erklärte Bob Miller. »Er übernimmt sich gelegentlich. Ich habe ihn am Samstag wieder nach Hause geschickt und die Geschäfte alleine abgewickelt. Aber er freut sich schon auf die Begegnung mit Ihnen und hat mich gebeten, Sie ja heil über die Keys zu bringen.«

Jetzt, nach vier Stunden gemeinsamer Fahrt, bedauerte Daimler die Stellvertreterregelung nicht mehr. Bob war ein angenehmer Gesprächspartner. Während das offene LeBaron-Kabrio mit konstant fünfundfünfzig Meilen über eine endlose Kette aus Brücken und Inseln dahinglitt, erfuhr Daimler vom Sohn des Colonel mehr über Südflorida, als ihm irgendein gedruckter Reiseführer hätte vermitteln können. Es war angenehm warm. Das Meer leuchtete grün, und der Himmel strahlte blau.

Daimler atmete durch, blinzelte durch die Sonnenbrille zu den Palmen und war froh, daß er dem heimischen Neurosenkäfig entronnen war. Er hatte oft genug am Gitter gerüttelt. Wie an jenem Abend im »Boheme«.

Als er das Restaurant gegen acht Uhr betritt, hat er dieses leichte Gefühl im Unterleib, das den Rest des Abends zum Nachspiel degradiert.

An der Bar sitzt Arnulf Kranich mit einer Kupferroten im Hosenanzug. Die Dame hat das, was man vor den ersten Reaktorunfällen gemeinhin als Atombusen bezeichnete.

»Mein Lieber«, ruft Kranich und streicht sich die schütteren

Haare aus der Stirn. »Schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?« Er hält Daimler die Hand hin.

Es ist immer eine Qual zuzudrücken. Man hat das Gefühl, einen Pizzateig zu kneten. »Ganz gut, Arnie, ganz gut.«

»Das ist Sabeth Goldschmiedt. Sie schreibt eine Reportage über das Elsaß für uns. Vor allem Essen und trockener Weißwein.«

Sabeth mustert Daimler.

»Brauchst du nicht was über Florida, Arnie?« Gelegentlich bessert Daimler seine Einkünfte durch Beiträge für Transpolit auf.

»Ach ja, Milena erwähnte, daß du uns vorübergehend verläßt, um dein Wahnsinnsprojekt zu verfolgen.« Kranich lächelt. »Was schwebt dir denn vor?«

»Normalerweise Hemingway, aber für dich würde ich natürlich auch Tennessee Williams in Erwägung ziehen.«

Die Kupferrote sieht an die Decke.

»Ich nehme dich beim Wort, Joe. Wenn überhaupt, dann über den Dramatiker. Wenn du über Hochseeangeln schreiben willst, mußt du es an jemand anderen verkaufen.«

»In Ordnung.« Daimler schlägt Kranich auf die Schulter. Sechstausend Mark sind ihm sicher. »Wie geht es Milena?«

»Gestreßt, wie immer. Du kennst sie doch.«

Der Blonde hinter der Bar sagt etwas zu Kranich.

»Unser Tisch ist frei. Du entschuldigst uns …« Arnulf reicht seiner Begleiterin die Hand.

»Laßt es euch schmecken.« Daimler übernimmt den frei gewordenen Hocker, bestellt sich ein Pils und sieht dem Paar nach. Arnulf Kranich ist noch keine vierzig Jahre alt. Aber mit seinem Kugelbauch, den Hängeschultern und den müden Bewegungen wirkt er wie ein Sechzigjähriger. Männer wie Arnie sollten keine blonden Energiebündel von Anfang Dreißig heiraten, denkt Daimler. Die Autorin des Feinkostartikels paßt da schon besser.

Daimler sieht sich die Gäste an. Die Stammbesetzung ist anwesend. Die Rockröhre aus Ostberlin mit ihrem Westberliner Hofstaat. Der Komiker mit dem Pferdegesicht, umgeben von seinen Fernsehredakteuren. Die Resttruppen des Fassbinder-Clans. Die Liedermacherin, die alleine an ihrem Tisch sitzt und ein Buch liest.

Ottokar, der weißhaarige Ober, geht seinem Geschäft mit der freundlichen, aber kühlen Routine nach, die er sich im »Café Hawelka« erworben hat. Aus seinen Wiener Jahren muß auch die Vorliebe für teures Schuhwerk stammen, denn er gleitet nur auf Rahmengenähten von Tisch zu Tisch. Im Erker über dem Kurfürstendamm sitzt Vico von Tempelruh unter einem Gummibaum. Der Produzent bewirtet zwei Jungfilmer und hört sich geduldig deren Ideen an. Er grüßt Daimler mit einem matten Lächeln.

Daimler respektiert von Tempelruh. Es ist unwahrscheinlich, daß sie je einen Film zusammen machen werden. Aber der Mann verfügt über alle Eigenschaften, die man im bundesdeutschen Filmgeschäft benötigt, um Geld aufzutreiben und kontinuierlich produzieren zu können. Vico strahlt absolute Vertrauenswürdigkeit aus. An den Seidenhalstüchern, den guten Manieren, der sanften Stimme und der hohen Stirn alleine kann das nicht liegen. Er ist die Idealbesetzung eines Mannes aus altem Geldadel. Fernsehredakteure, die nicht wissen, wie sie ihre Haushalte ausschöpfen sollen, vertrauen ihm großzügige Summen für Vorabendserien an. Bankdirektoren ringen sich zu progressiven Taten durch und stürzen sich ins Abenteuer anspruchsvoller und sehr künstlerischer Spielfilmproduktionen mit echten Hollywoodstars, die Tempelruh gelegentlich mit werbewirksamem Wagemut anheuert. Und immer wieder produziert er kleine und sehr fortschrittliche Fernsehspiele mit deutscher Thematik, gibt dabei Jungregisseuren und unentdeckten Darstellern eine Chance. Er bringt die TV-Produkte für begrenzte Zeiträume in Off-Kinos und hat sich damit einen Ruf als gestandener Filmproduzent erworben, der sich in Talkshows und Szene-Magazinen regelmäßig zum Zustand des deutschen Kinos äußert. Alle scheinen Vico zu lieben. Er hat kaum Feinde.

Das kann Joachim »Joe« Daimler beim besten Willen nicht von sich behaupten. Er gilt als überheblich, was jedoch in einem Land, in dem bescheidene Ansätze zu einem gesunden Selbstbewußtsein schon mit Arroganz verwechselt werden, nicht viel bedeutet. Aber er hat auch den einen oder anderen Fernsehredakteur beleidigt. So was ist bedenklich. Damit hat er die Fördergremien gegen sich. Aber immerhin ist er Bundesfilmpreisträger. Er hat bewiesen, daß er einen großen Spielfilm inszenieren kann, ohne selbst das Drehbuch zu schreiben. Er hat bei einer Auftragsproduktion Regie geführt, schnörkellos und professionell, und er ist nicht nur mit Rekordzuschauerzahlen, sondern auch mit Kritikerlob belohnt worden. Die damit verbundenen Filmförderungsmittel gewähren Milenas Produktionsfirma beim nächsten Projekt einen größeren finanziellen Spielraum. Den Clan der sogenannten Autorenfilmer hat er dadurch bis aufs Blut gereizt. Joe Daimler ist der »Amerikaner«. Die Kulturschickeria behandelt ihn wie einen Paria, so als hätte er ein halbes Dutzend Romane von Mickey Spillane verfilmt.

Daimler versucht, seinen eigenen Weg zu gehen. Er kann alleine sein, er braucht die Herde nicht. Das ist an sich schon anmaßend genug. Er hat sich mit Fernsehthrillern und Werbespots für die Japaner über Wasser gehalten. Und oft genug hat er Drehbücher geschrieben, die dann von anderen inszeniert wurden. Jetzt, wo er zumindest Licht am Ende des Tunnels sieht, wo ihm für die Realisation einer deutschen Geschichte Fördermittel und englisches Geld winken, da heißt es: Daimler bereitet einen Kriegsfilm vor.

Die Hetzkampagne läuft. Milde Kritiker stellen ihn als Möchtegern-Adepten von Sam Peckinpah, Don Siegel und Samuel Fuller hin. Böswillige, die absichtlich unter die Gürtellinie zielen, bezeichnen ihn bereits als »Rambo« Daimler. Sogar die Tatsache, daß er noch vor der Preisvergabe einen Zuschuß für ein eigenes Drehbuch zu seinem nächsten Film beantragt hat, legt man ihm negativ aus. »Endlich hat er’s begriffen«, flüstert man sich zu. »Vielleicht will er doch noch ein richtiger Filmemacher werden.«

Daimler bestellt sich noch ein Pils. Er wird es ihnen zeigen. Sollen sie denken, was sie wollen. Lediglich wegen Milena macht er sich Sorgen. Ihr setzen die Spekulationen deutlich zu. Sie weiß nur zu gut, wo die Belastungsgrenze für ihre kleine Firma liegt.

Blausturm betritt das Lokal, sieht Daimler und steuert ihn an wie eine Rettungsboje auf hoher See. Blacky Blausturm trägt sein Colorado-Outfit: ausgebleichte Jeans, Jacke wie Hose, weißes Fruit-of-the-Loom-T-Shirt unter einem beigen Westernhemd aus Cord mit Perlmuttknöpfen. Dazu Stiefel aus Alligatorleder. Mit den strähnigen, semmelgelben Haaren und dem schlecht rasierten Gesicht sieht er aus wie Nick Nolte nach einer Entziehungskur. Aber Blausturm trennen rund zwanzig Zentimeter und dreißig Kilo von seinem heißgeliebten Vorbild. Außerdem ist er Schriftsteller und wie immer auf Koks.

»Herrgott, Joe. Gut, daß ich dich treffe. Alles Scheiße«, verkündet er, bevor sich Daimler nach seinem Befinden erkundigen kann.

»Was macht der Roman?« Die Arbeit daran geht mittlerweile ins fünfte Jahr, und irgend jemand muß Blacky an die Kandare nehmen, damit er das Werk irgendwann zu Ende bringt.

»Streu kein Salz in meine offenen Wunden.« Blausturm reißt in gespielter Verzweiflung die Arme hoch. »Der Verlag will, daß ich in Klagenfurt auftrete. Aber ich lese nicht aus unvollendeten Manuskripten. Was meinst du? Das geht doch nicht.« Er schüttelt den Kopf. »Aber mein Lektor drängt.«

Daimler vermutet, daß der Lektor erneut nach dem Abgabetermin gefragt und an die zwanzigtausend Mark Vorschuß erinnert hat. »Klagenfurt ist unter deinem Niveau, Blacky.«

Der Schriftsteller sieht den Regisseur dankbar an. »Leiste mir Gesellschaft. Ich habe einen Tisch reserviert. Muß was beißen.«

Es scheint unumgänglich. Daimler seufzt. Er bringt es nicht übers Herz, Blausturm mit seinen Depressionen allein zu lassen. »Okay.« Er nimmt sein Bierglas.

Blacky verhandelt bereits mit dem Ober. Sie sitzen neben der Liedermacherin, direkt bei der Bar.

»Klagenfurt …« stöhnt Blausturm.

»Vergiß es!« Daimler studiert die Speisekarte.

Es hätte noch ein netter Abend werden können.

Daimler trank sein fünftes Pils, als Dr. Albrecht am Tisch erschien, sich unaufgefordert auf den freien Stuhl setzte und einen Pernot bestellte. Auch das hätte noch gutgehen können. Aber Blausturm war gerade eingefallen, daß er ein Drehbuch geschrieben hatte. Er fummelte in diversen Hemd- und Hosentaschen herum und zog schließlich einen zusammengefalteten Brief ans Licht.

»Na, meine Guten…« Dr. Albrecht musterte die leeren Teller. Er trug einen dunkelblauen Blazer über einem weißen Polohemd. Dazu Jeans. Die weißen Socken steckten in schwarzen Slippern mit Lederquasten. Der Mann war rosig und wohlgenährt, nicht fett, aber ein Hauch Babyspeck umhüllte ihn wie Zuckerguß. Die braunen Haare waren halblang. Die rote Hornbrille hatte runde Gläser.

»Bei deinen Einschaltquoten würde ich um Erlaubnis fragen, bevor ich mich setze.«

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