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Harriet (4). Eine Tasche voller Sternschnuppen

Holly Smale

Harriet
Versehentlich berühmt

Der Star unter den Sternschnuppen

Aus dem Englischen
von Elvira Willems

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Holly Smale
war als Jugendliche ziemlich unbeholfen,
ein bisschen streberhaft und schüchtern und versteckte sich
während eines Großteils ihrer Teenager-Jahre in der Schultoilette.
Mit 15 wurde sie völlig überraschend von einer Londoner
Top-Modelagentur entdeckt und verbrachte die nächsten zwei Jahre damit,
über Laufstege zu stolpern, knallrot anzulaufen und
teure Dinge zu ruinieren, die sie nicht ersetzen konnte.
Sie studierte englische Literatur an der Bristol University,
gab das Modeln auf und entschloss sich, Schriftstellerin zu werden.
Harriet –Versehentlich berühmt ist ihr erstes großes Buchprojekt.

Inhaltsverzeichnis

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Dank

Stern, der; -[e]s, -e <Substantiv>

a) Asteroid, Gestirn
(Astronomie): Himmelskörper, Planet[oid]

b) Berühmtheit, Diva, Filmgröße, Filmstar, Sternchen
(emotional verstärkend): Topstar
(Theater, Film): Star

c) Glück[sstern], günstige Fügung des Schicksals
(gehoben): Fortuna, freundliches/glückliches Geschick

1

Ich heiße Harriet Manners und ich bin ein Genie.

Ich weiß, dass ich ein Genie bin, weil ich die Symptome gerade im Internet nachgeschlagen habe, und es sieht so aus, als hätte ich sie so gut wie alle.

Soziologische Studien haben ergeben, dass zu den Kennzeichen außergewöhnlicher Intelligenz der Spaß an sinnlosen Beschäftigungen gehört, ein ungewöhnlich gutes Erinnerungsvermögen für Dinge, die sonst niemanden interessieren, sowie große gesellschaftliche Unbeholfenheit.

Ich will ja nicht eingebildet klingen, aber gestern Abend habe ich sämtliche Dosensuppen in der Küche alphabetisch sortiert, geübt, einen Bleistift mit den Zehen aufzuheben, und gelernt, dass Hühner das Tageslicht fünfundvierzig Minuten eher sehen können als Menschen.

Und andere Menschen können im Allgemeinen nicht besonders viel mit mir anfangen.

Es sieht also ganz so aus, als ob ich alle Kriterien erfülle.

Weitere Symptome eines Genies, die mir bekannt vorkommen:

1. Schlafstörungen

2. vollkommen grundlose Wutanfälle

3. Schlampigkeit

4. allgemein seltsames Verhalten

»Das verstehe ich nicht ganz«, sagte mein Vater, als ich ihm triumphierend meine Liste mit den vielen Häkchen zeigte. »Sind das nicht die typischen Symptome sechzehnjähriger Mädchen?«

»Oder von Babys«, warf meine Stiefmutter ein, als sie die Liste überflog. »Auf deine Schwester trifft das auch alles zu.«

Was nur zeigt, warum so viele Angehörige der intellektuellen Elite missverstanden werden. Selbst unsere Eltern erkennen unsere Genialität nicht.

Wie auch immer, da es das deutlichste Zeichen für einen hohen IQ ist, viele Fragen zu stellen, und ich auf diese Webseite gekommen bin, als ich

Bin ich ein Genie?

gegoogelt habe, bin ich ziemlich optimistisch.

Und das ist gut, denn heute ist mein erster Schultag nach unserem amerikanischen Abenteuer und da brauche ich alle Intelligenz, die mir zur Verfügung steht.

Jawohl, ich bin jetzt offiziell in der Zwölften.

Nach meinen Berechnungen habe ich bisher genau elf Jahre meines Lebens in der Schule verbracht: 2.145 Unterrichtstage oder rund 17.160 Stunden (einschließlich der Hausaufgaben und der Übungsaufgaben, die ich mir runtergeladen habe, um sie mit in den Urlaub zu nehmen).

Kurz gesagt, ich habe über eine Million Minuten in meine Bildung investiert. Alles zur Vorbereitung auf diesen Augenblick. Auf diesen Tag, von dem an mein ganzes sorgfältig kumuliertes Wissen endlich geschätzt und anerkannt wird, statt die Leute nur zu nerven.

Endlich wird es ernst mit der Schule.

Ade, ihr Hausaufgabenhasser und Augenverdreher. Dank eines Zustroms neuer Mitschülerinnen und Mitschüler von anderen Schulen werde ich mich fortan im Kreis von Menschen bewegen, die wirklich lernen wollen. Menschen, die darauf brennen zu erfahren, dass Wüstenmäuse Adrenalin riechen können, dass Raupen zwölf Augen haben und dass der menschliche Körper genügend Kohlenstoff enthält, um daraus 900 Bleistifte herzustellen.

Menschen wie ich.

Ich könnte platzen vor Aufregung.

Von heute an muss ich mich fünf Hauptfächern widmen, mich möglichst frühzeitig zwei Universitäten vorstellen und den Startschuss zu einer strahlenden Karriere in Paläontologie geben und diese dann verfolgen. Ich muss Statistiken analysieren und Frösche sezieren und mit Oberschenkelmuskulaturübungen anfangen, damit ich keine Krämpfe kriege, wenn ich in nicht allzu ferner Zukunft Erde von Dinosaurierfossilien bürste.

Ich muss funkelnagelneue gleich gesinnte Freundinnen und Freunde finden.

Klar, es ist dieselbe Schule und viele aus meiner alten Klasse sind noch da, doch von nun an wird alles anders sein. Nach elf Jahren, in denen ich Beleidigungen von meinen Sachen gekratzt und meine Schuhe aus Toilettenspülkästen gefischt habe, ist dies meine Chance, noch einmal ganz von vorn zu beginnen. Mein Neuanfang.

Die Chance zu strahlen.

Diesmal wird alles anders.

Zum Glück gehört zu den wirklich tollen Dingen, wenn man ein Genie ist, dass einem Multitasking leichtfällt.

Und das will ich an diesem Morgen bis an die Grenzen ausnutzen.

Während des Aufstehens lerne ich, dass ein Vogelflügel über vierzig verschiedene Muskeln hat.

Während ich mir die Haare bürste, entdecke ich, dass ein Seeigel auf seinen Zähnen laufen kann, und während des Zähneputzens, dass Parasiten 0,01 Prozent unseres Körpergewichts ausmachen.

Kleider, Socken und Schuhe werden ausgewählt und angezogen, während ich die Tatsache in mir aufnehme, dass eine Schlange mit der Zunge riecht und mit dem Kiefer hört. Ich studiere die Namen britischer Könige und Königinnen, während ich die Treppe hinunterlaufe, und als ich in die Küche trete, bin ich bei den Decknamen des Geheimdienstes (Prinz Charles’Deckname ist »Einhorn«, was schade ist, denn ich hatte gehofft, den Namen würden sie eines Tages für mich nehmen).

»Hast du gewusst«, sage ich, als ich mich über Tabitha beuge, um ihr einen Kuss auf ihre kleine runde Wange zu drücken, »dass ein Mensch im Durchschnitt im Laufe seines Lebens 500 Hühner und 13.000 Eier verspeist?«

Meine kleine Schwester hat das eindeutig nicht gewusst, denn sie gluckst fröhlich über diese neue und unerhörte Information. Dann lange ich über ihr flauschiges Köpfchen, um mir eine hart gekochte Version des Letztgenannten vom Tisch zu nehmen.

»Harriet«, sagt meine Stiefmutter.

»Und jeder von uns isst sechsunddreißig Schweine«, fahre ich fort, während ich das Ei mit einer Hand pelle, »und sechsunddreißig Schafe.«

»Harriet.«

»Und acht Kühe.«

»Harriet.«

»Und 10.000 Schokoriegel.« Ich verharre, das Ei auf halbem Weg in den Mund. »Ich glaube, meinen Anteil davon habe ich schon verspeist. Vielleicht sollte ich Vegetarierin werden, um es wieder auszugleichen.«

Eine Hand landet auf meinem Arm.

»Guten Morgen, Annabel. Wie hast du geschlafen? Mir geht’s gut, danke. Ist es nicht ein schöner Tag. Danke, dass du mir Frühstück gemacht hast, auch wenn ich gerade Eierschalen auf dem ganzen Küchenboden verteile, die du dann wieder aufkehren darfst.«

Ich blinzele meine Stiefmutter ein paar Mal an, dann meinen Vater. Ich lebe seit meinem fünften Lebensjahr mit Annabel zusammen, aber manchmal ist sie mir immer noch ein Rätsel. »Warum spricht Annabel mit sich selbst?«

»Sie ist eine Außerirdische, die vergeblich versucht, sich der menschlichen Rasse anzupassen«, sagt mein Vater wissend, tunkt ein Toaststück ins Eigelb und lässt es auf den Tisch tropfen. »Steht in deinem Buch irgendwas Nützliches darüber, wie wir herausfinden, was sie bei uns armen Erdlingen will, bevor sie uns mit ihren Tentakeln das Hirn aussaugt?«

Ich blättere eifrig in dem dicken Band in meiner Hand. Er hat 729 Seiten und ich bin erst zu zwei Dritteln damit durch, also finde ich ganz bestimmt noch irgendeinen Präzedenzfall.

Oder wenigstens etwas Interessantes über Raumschiffe.

»Leider deuten alle Zeichen darauf hin, dass dein Hirn schon weg ist, Richard«, versetzt Annabel grimmig. »Also werde ich wahrscheinlich verhungern.«

Dann zieht sie einen Stuhl heraus und zeigt darauf.

»Leg dein Buch weg, Harriet, und frühstücke mit uns. Morgen früh fange ich wieder an zu arbeiten und in den letzten vierundzwanzig Stunden hat keiner von uns ein vernünftiges Wort aus deinem Mund gehört.«

Ich weiß nicht, was meine Stiefmutter da redet. Jeder einzelne Satz, den ich gesagt habe, war wissenschaftlich und historisch korrekt. Hinten drin ist eine Bibliografie, die es beweist.

Ich stecke mir ein Stück Toast in den Mund.

»Kann nicht«, sage ich und lasse gebutterte Kohlenhydrate niederregnen. »Keine Zeit. Muss Sachen lernen, wohin gehen, Seelenverwandte treffen.«

Eilig verschwinde ich in den Flur, wo ich mir in der Ecke meine Schultasche schnappe, während ich gleichzeitig die Entdeckung mache, dass König Ludwig XIX. Frankreich im Jahre 1830 für ganze zwanzig Minuten regierte.

»Ist sie nicht beeindruckend?«, sagt mein Vater stolz, als ich die Haustür öffne. »Das ist meine Tochter, Annabel. Meine Gene, sieh’s dir an. Harriet Manners: Model und Stilikone. Modelegende. Die absolute Ausnahme-Klamotten-Nonkonformistin.«

Ich stecke mir einen Stöpsel meiner Ohrhörer rein.

»Harriet«, sagt Annabel. »Wart mal ’ne Sekunde. Wo willst du hin?«

Ich weiß übrigens noch nicht genau, wie ich die Informationen über Ludwig XIX. verwenden will. Nicht alles, was ich lese, ist potenziell nützlich oder relevant – nicht mal für mich.

»Schule!« Ich stecke den anderen Stöpsel rein. Tschaikowskis Schwanensee plärrt in voller Lautstärke. »Bis heute Abend!«

Mein erster Tag als Zwölftklässlerin kann beginnen.

2

Ich habe also ein wenig die Kunst studiert, neue Freunde zu finden, und ich freue mich, berichten zu können, dass es da ein paar Grundregeln gibt, an die wir uns alle halten sollten.

Ich habe sie folgendermaßen zusammengefasst: Gemeinsamkeiten finden, viel lächeln und lachen (das deutet auf ein sonniges und freundliches Naturell),Fragen stellen, sich Details merken und nie dieselben Sachen tragen wie andere, ohne sie vorher zu fragen.

Klingt trügerisch simpel.

In den letzten sechzehn Jahren habe ich ganze vier Freundschaften geschlossen: mit meinem Stalker und Klassenkameraden Toby Pilgrim, meinem Hund Hugo, mit einem japanischen Model namens Rin (die sich selbst mit einem Würstchen anfreunden würde) und mit meiner besten Freundin Nat, die ich mit fünf kennengelernt habe und mit der ich beim besten Willen nicht weniger gemeinsam haben könnte.

Man kann also wohl mit Fug und Recht behaupten, dass ich jeden Rat brauchen kann, den ich kriegen kann.

So, wie ich es sehe, ist das dicke Buch in meiner Hand nicht nur voller faszinierender, für die Irrungen und Wirrungen des Lebens relevanter Belanglosigkeiten (auch wenn es das natürlich ist). Es ist auch eine Brücke zwischen mir und anderen. Mithilfe dieser wissenschaftlich untermauerten Informationsbröckchen kann ich Gemeinsamkeiten mit jedem entdecken.

Oh, du magst Tennis? Also, hast du gewusst, dass das längste Spiel, das je gespielt wurde, elf Stunden gedauert hat? Du bist ein großer Fitnessfan? Die höchste Zahl an Liegestützen, die je an einem Tag gemacht wurden, war 46.001!

Du hast eine Katze? Allein im Vereinigten Königreich töten Katzen jedes Jahr über 275 Millionen anderer Geschöpfe!

Es spielt keine Rolle, ob es um Filme geht oder Sport, Tiere oder ein Faible für kohlensäurehaltige Getränke (die lösen die Zähne auf!): Irgendwie werde ich eine Verbindung finden. Ein Kettenglied zwischen mir und ihnen. Etwas, was uns verbindet.

Freundschaften erfordern Konzentration und Hingabe.

Und ein bisschen solides Faktenwissen.

Als ich die Straße runter zur Schule gehe, vorbei an der Bank, wo Nat und ich uns normalerweise treffen (genauer gesagt, trafen, weil sie jetzt auf dem College am anderen Ende der Stadt ist), lerne ich alles über Krokodile.

Es folgt ein kurzer Schwenk zum Thema Raupen, während ich mich rasch nach Toby umsehe – keine Spur von ihm – und das Handy raushole, um nach SMS von meiner Modelagentin Stephanie zu schauen (wie gewohnt absolut gar nichts – meine Modelkarriere scheint in eine Art Koma gefallen zu sein).

US-Präsidenten schließen die Lücke, als ich unbeholfen das Schultor öffne und hindurchgehe.

Die größten Seen der Welt beschäftigen mich, während ich die schwere Eingangstür aufstemme und den stillen Flur hinunter in mein leeres Klassenzimmer gehe.

Dort setze ich mich, schlage eine Seite über die Londoner U-Bahn auf und warte.

Ich bin heute extra früh zur Schule gegangen, damit ich reichlich Zeit habe, mich zu akklimatisieren, bevor meine neue Klasse kommt. Weil mein Vater dort einen Job bekommen hatte, habe ich die ersten paar Wochen des Schuljahres in Amerika gelebt – wo ich von einer Privatlehrerin gefoltert wurde, die sich als Schwindlerin herausgestellt hat, und bei Modeshootings auf einem Rummelplatz in Ohnmacht gefallen bin –, also kann ich die Extrazeit gut gebrauchen, um mich an meine neue Umgebung zu gewöhnen, mir in letzter Minute noch ein paar Fakten reinzuziehen und währenddessen vielleicht meinen Magen so weit zu beruhigen, dass er aufhört, sich zu überschlagen wie ein kranker Guppy.

Nervös umklammere ich mein Buch so fest wie nur irgend möglich.

Konzentrier dich, Harriet.

Die Londoner U-Bahn ist das erste unterirdische Transportsystem der Welt. Sie hat ein Netz von 402 Kilometern, transportiert 1.265 Milliarden Menschen im Jahr und verläuft in Wirklichkeit mehr über der Erde als unter d…

»Harriet Manners?«

Ich schlucke. Jetzt. Dies ist der Augenblick meines Neuanfangs. Bleib cool, Harriet. Sei lässig. Sei so voll von relevanten, wenn auch oberflächlichen Informationen, wie es nur irgend möglich ist.

Mit einem tiefen Atemzug setze ich mein breitestes und freundlichstes Lächeln auf und lege das Buch weg.

»Guten Morgen«, sage ich in meinem muntersten Tonfall. »Es ist supernett, euch kennenzu…«

Dann halte ich inne.

Denn vor mir steht eine Gruppe von, wie es scheint, ausgewachsenen Erwachsenen, Klemmbretter und Stifte in den Händen.

Die mich allesamt mit großen Augen anstarren.

3

Die ersten paar Sekunden vermute ich, dass meine Klassenkameraden über die Sommerferien beträchtlich gealtert sind.

Erst allmählich ergeben seltsame Farben und Formen einen Sinn – wie bei dem Magisches-Auge-Bild von einem galoppierenden Pferd, das mein Vater in der Garage aufgehängt hat.

So komisch sehen Lehrer in Freizeitkleidung aus.

Mr Collins, Biologie, in Jeans mit hoher Taille und grünem Rollkragenpullover. Unsere Schauspiellehrerin Miss Hammond in beigefarbenem Pullover, rosafarbenem Knüpfbatikrock und lila Wollsocken. Die Sekretärin Mrs O’Connor – die in einem riesigen gelben Pullover, auf dem »DEFINIEREN SIE ›NORMAL‹!!!« steht, fast verschwindet – und mein Englischlehrer Mr Bott in seinem gewohnten schwarzen Anzug samt weißem Hemd und schwarzer Krawatte – wie ein Zauberer auf dem Weg zu einer Beerdigung.

Ich blinzele, als die ganze Lehrerschaft nach und nach vom Flur hereindrängt, um mich neugierig zu mustern, so wie kleine Kinder sich im Zoo um einen Rhesusaffen mit rosa Po scharen.

Gleich wirft mir jemand eine Banane zu und fordert mich auf zu tanzen.

Wisst ihr, was?

Ich bin gerade so durcheinander, dass ich es womöglich sogar tue.

Schließlich nimmt Mr Bott seinen Stift aus dem Mund. »Würden Sie mir bitte erklären, was Sie hier machen, Miss Manners?«

»Ähm.« Perplex richte ich den Blick wieder auf mein Buch. »Ich lerne, Sir.«

»Das ist ja schön und gut. Aber die Schule ist heute wegen einer Lehrerfortbildung geschlossen. Sie haben hier nichts verloren.«

Und schon läuft – mir nichts, dir nichts – der Morgen noch einmal vor meinem inneren Auge ab. Die leeren Straßen. Das stumme Handy. Das geschlossene Schultor. Die verkeilte Eingangstür, die stillen Flure und leeren Schulbänke.

Die Tatsache, dass Toby mir zum ersten Mal in der Geschichte nicht in drei Schritten Entfernung gefolgt ist.

Annabels perplexes Gesicht, als ich das Haus verlassen habe.

Oh, mein Gott.

Es gibt einen besonderen Korallenfisch, den Enneapterygius pusillus, der knallrot glüht, wenn er mit den Fischen in seiner Umgebung kommuniziert. Meine Wangen sind im Augenblick so heiß, dass es sich so anfühlt, als versuchte ich das auch gerade.

Sämtliche anderen Schüler auf dem Planeten versuchen, der Schule möglichst zu entfliehen. Ich bin die Einzige, die aus Versehen unberechtigt eindringt.

Ich stehe rasch auf. Denk nach, Harriet.

»Ich wollte bloß … ähm …« Was? »Ein Geschenk für Sie bringen. Für die … ähm … Lehrer. Um Ihnen Glück zu wünschen. Bei … der Fortbildung.«

Dann halte ich das dämliche Große Buch des nutzlosen Wissens fürs stille Örtchen hoch, das mich überhaupt erst in diese blöde Situation gebracht hat. Zur Ehre der Autoren sei gesagt, dass der Titel eigentlich als Warnung ausreichen müsste. Ich hätte es wahrscheinlich besser dort liegen gelassen.

Miss Hammond nimmt es mir strahlend ab. »Das ist sehr nett von dir, Harriet!Wie aufmerksam! Und was für ein tolles Outfit du für heute gewählt hast«, fügt sie fröhlich hinzu. »Du hast wahrlich deinen inneren Regenbogen zum Strahlen gebracht.«

Ich blicke an mir hinunter und meine Wangen glühen inzwischen wie Supernovä.

Weil ich beim Anziehen gelesen habe, trage ich jetzt, wie es aussieht, ein gelbes T-Shirt, einen roten Pullover mit einem Weihnachtspudding vorne drauf – im Oktober! – und eine pinkfarbene Schlafanzughose mit blauen Schafen. Die knalllila Kniestrümpfe, die Nat mir geschenkt hat, weil sie die »so witzig« fand, schlottern um meine Knöchel.

An einem Fuß steckt ein grüner Turnschuh.

An dem anderen ein blauer.

Meine Tochter. Model und Stilikone. Modelegende. Die absolute Ausnahme-Klamotten-Nonkonformistin.

Vielleicht bin ich ja doch kein Genie.

4

Egal.

Während ich meine nicht zusammenpassenden Schuhe in meine Schultasche stopfe und in meinen nicht unbedingt viel besseren Strümpfen nach Hause schlurfe, kann ich euch auch gleich erzählen, was passiert ist, seit ich aus NewYork zurückgekommen bin, oder?

Denn das wollt ihr unbedingt wissen.

Was genau ich mit mir angefangen habe, seit ich mich vor etwas über drei Wochen auf der Brooklyn Bridge von Nick Hidaka – Löwenjunge, Ex-Supermodel und Liebe meines Lebens – getrennt habe und ohne ihn nach Hause geflogen bin.

Also, hier kommt’s:

Nichts.

Natürlich nicht im Wortsinn, sonst wäre ich ja tot.

In den letzten drei Wochen habe ich schätzungsweise 466.662 mal geatmet und mit meinen Nieren 4.200 Liter Blut filtriert. Ich habe 37 Liter Speichel produziert und 9.450 Liter Kohlendioxid.

Ich habe achtzehn Mal geduscht, viermal gebadet, mir vierundvierzig Mal die Zähne geputzt, siebenundsechzig Mahlzeiten zu mir genommen und mehr Schokoriegel gegessen, als ich zählen kann (und das will was heißen).

Aber das war’s auch schon.

Abgesehen vom Überleben und (in den zwei Wochen, die wir in Greenway auf unseren Rückflug nach England warten mussten) Packen gibt es nur eins, was ich freiwillig gemacht habe: lesen. Bei zugezogenen Vorhängen und geschlossener Schlafzimmertür habe ich Worte verschlungen wie nie zuvor. Ich habe mich in Büchern vergraben und bin in Geschichten eingetaucht.

Ich habe beim Frühstück gelesen, beim Mittag- und beim Abendessen, bis die Sonne aufging und unterging und wieder aufging.

Und nicht nur Sachbücher.

Ich habe gegen Drachen gekämpft, Bälle besucht und einen Wal gejagt. Ich habe Kriege gewonnen, Prozesse bei Gericht verloren und Indien bereist, ich bin auf Besen geritten und auf zahllosen Inseln gestrandet.

Ich bin ein Dutzend Mal gestorben.

Denn so ist das mit Büchern:Wenn man eine Geschichte aufgreift, legt man seine eigene ab.

Man wird für wenige kostbare Augenblicke jemand anders. Die Erinnerungen des anderen werden die eigenen; die eigenen Gedanken verwandeln sich in die des anderen. Bis man Seite für Seite, Zeile für Zeile vollkommen verschwindet.

Bis heute – bis zu meinem Neuanfang – habe ich genau das getan.

Denn ich dachte, wenn ich mich nur tief genug und lange genug vergrabe, könnte ich die Welt ausblenden und mich selbst gleich mit.

Dann müsste ich nicht daran denken, dass das letzte Mal, als ich Nick gesehen habe, das letzte Mal war, dass ich ihn je wiedersehen werde, und das letzte Mal, als ich ihn geküsst habe, das letzte Mal war, dass ich ihn je küssen werde. Und daran, dass das Leben einfach weitergeht.

Oder dass mein Herz 100.000 Mal am Tag schlagen kann.

Selbst in gebrochenem Zustand.

5

Leider hat Verschwinden auch Nebenwirkungen.

Als ich leise den Weg betrete, der zu unserem Haus führt, sehe ich zwei davon auf der Stufe vor unserer Haustür stehen.

Lautlos tauche ich fix unter einen nahen Strauch.

Vielleicht hat es doch seine Vorteile, in Socken herumzulaufen.

»Sind Sie sicher?«, sagt Nat und tritt von einem Fuß auf den anderen. Ihre dunklen Locken hängen ihr über den Rücken wie wohlerzogene Schlangen. »Sie sind sich ganz sicher, dass Harriet nicht da ist?«

»Ja, eindeutig«, bestätigt Annabel freundlich. »Es sei denn, sie ist außen an der Hauswand hochgeklettert und durch ihr Schlafzimmerfenster wieder reingekommen, aber angesichts von Harriets momentaner Angst vor körperlicher Betätigung ist das eher unwahrscheinlich.«

Das ist noch freundlich formuliert. Offen gestanden stehen die Chancen höher, dass ich mir Flügel wachsen lasse und reinfliege.

»Im Grunde ist es leichter, als es aussieht«, wirft Toby fröhlich ein.

Selbst aus ein paar Metern Entfernung kann ich die orangefarbenen Buchstaben auf dem Rücken seines T-Shirts lesen: ZEITREISENDER – ABI 2057.

»Wenn man da links den ersten Blumentopf nimmt, ist in der Wand darüber ein kleines Loch für die Zehen, und ab da kann man sich dann am Efeuspalier hochziehen.« Er sieht sie nachdenklich an. »Sie sollten vielleicht die Rankhilfen an den Hauswänden überprüfen, Mrs Manners. Sie sind nicht besonders sicher.«

Annabels Mundwinkel zucken. »Oh, ich glaube, darum kümmern wir uns unverzüglich.«

»Wenn Sie möchten, kann ich das nächste Mal, wenn ich oben bin, außen ans Fenster einen kleinen Zettel anbringen mit der Warnung, alle anderen Stalker sollen verschwinden.«

Meine Mutter lacht, denn sie geht offensichtlich davon aus, dass Toby Witze macht.

Doch ich weiß es besser.

Ich werde nie wieder meine Schlafzimmerfenstervorhänge öffnen.

»Konzentrier dich, Pilgrim«, sagt Nat sauer, beugt sich rüber und stupst ihn am Arm. »Was bist du überhaupt für ein mieser Stalker? Du weißt nicht mal, wo Harriet ist.«

»Fairerweise muss gesagt werden, dass ich in meiner Konzentration ein wenig abgelenkt wurde durch die außerordentliche Menge an Hausaufgaben und den TARDIS, den ich daheim im Garten baue.«

Zum Beweis hält Toby seine knallblauen Finger in die Luft.

Nat sieht ihn ein paar Sekunden empört an. »Was hast du eigentlich für ein Problem?«

»Ich bin froh, dass du fragst«, sagt Toby glücklich. »Ich weiß noch nicht so recht, wie ich es hinkriege, dass er so aussieht, als wäre er wirklich durch Zeit und Raum gereist. Hast du da eine Idee?«

Schweigen breitet sich aus und meine beste Freundin wendet sich mit einem Seufzer wieder Annabel zu. »Ich habe das ganze Wochenende nichts von Harriet gehört oder gesehen. Sie geht nicht ans Telefon, sie antwortet nicht auf SMS und sie hat mich nicht sieben Mal an die Dokumentation über Papageien im Fernsehen erinnert. Ich muss wirklich mit ihr reden.«

»Sie hat bloß Jetlag, Schatz. Es dauert ein bisschen, sich an eine neue Zeitzone anzupassen, das ist alles.«

»Und Sie wissen nicht, wo ich sie finden kann?«

Eine winzige Pause. »Nein, tut mir leid.«

»Gut.« Nat lässt ein wenig die Schultern hängen. »Also.« Sie wirft einen misstrauischen Blick hoch zu meinem Schlafzimmerfenster und tritt dann ein paar Mal gegen die Türschwelle. Meine beste Freundin ist keine Idiotin:Wir sind seit sechs Tagen wieder zu Hause und der Zeitunterschied zwischen London und NewYork beträgt gerade mal fünf Stunden – London liegt schließlich nicht in einem anderen Sonnensystem. »Ich muss zum College. Sagen Sie ihr, dass ich noch mal hier war?«

»Natürlich.«Annabel nickt und sieht Toby an. »Und ich sage ihr auch, dass du hier warst.«

»Das brauchen Sie nicht«, versetzt er stolz. »Das weiß sie auch so. Ich habe eine von meinen neuen Visitenkarten dagelassen.« Er zeigt an die Wand, wo ein kleiner, runder knallgrüner Punkt klebt. »Darauf steht TPWH® und das heißt:Toby Pilgrim war hier.«

»Ich bin beeindruckt.« Annabel lächelt. »Sehr organisiert und effizient.«

Sie lässt sich buchstäblich durch nichts aus der Ruhe bringen. Sie ist wie Gandalf, nur ohne den Bart.

Nat blickt noch einmal rauf zu meinem Schlafzimmerfenster.

Sie tritt noch ein paar Mal gegen die Türschwelle.

Dann atmet sie hörbar aus, schießt herum und stapft in silbrig funkelnden Schuhen den Gartenweg zurück.

Und mein Stalker schlendert hinter ihr her.

6

Mit einem schuldbewussten Kneifen im Bauch sehe ich zu, wie Nat verschwindet.

Dann warte ich so lange wie möglich.

Ich bin unsichtbar. Ich bin unaufspürbar. Ich bin eine Ninja der Unwahrnehmbarkeit, so verborgen wie ein Großer Fetzenfisch, kunstvoll so gestaltet, dass ich mit meiner Umgebung verschmelze, und …

»Du kannst jetzt rauskommen, Harriet.«

Oh. Vielleicht auch nicht.

Langsam krieche ich unter dem Strauch raus und wische mir angetrocknete Erde und totes Laub vom Po der Schlafanzughose.

»Weißt du«, sagt Annabel und zupft mir behutsam eine kleine Spinne aus der Augenbraue – ich bin anscheinend besser getarnt, als mir lieb ist.»Ich habe keinen großen Spaß an diesen Täuschungsmanövern. Das ist viel mehr der Stil deines Vaters.«

»Ich weiß«, sage ich verlegen. »Danke, dass du schon wieder für mich gelogen hast.«

In der griechischen und römischen Mythologie gibt es einen dreiköpfigen Hund namens Kerberos, der den Eingang zur Unterwelt bewacht, damit die Toten nicht entkommen und die Lebenden nicht eindringen können.

Die letzten paar Tage hat meine Stiefmutter diese Funktion für mich übernommen.

Wie aufs Stichwort piept mein Handy drei Mal in kurzer Abfolge.

Wenn eine Tür zum Glück sich schließt, öffnet sich eine andere! image XX

Eine Trennung ist wie ein zerbrochener Spiegel. Es ist besser, ihn so zu lassen, statt sich in dem Versuch, ihn zu reparieren, zu verletzen! image XX

Wenn du weggehst und der andere dir nicht folgt, geh einfach weiter. image XX

Genau das ist der Grund, warum ich Nat aus dem Weg gehe.

Seit ich aus Amerika zurück bin, ist es, als hätte ich meine eigene persönliche Therapeutin, gekreuzt mit einem Specht. Was ist denn passiert? Tock. Was hat Nick gesagt? Tock. Vermisst du ihn? Tock. War es wirklich die richtige Entscheidung? Tock, tock. Könnten wir nicht was tun, damit es funktioniert? Hat er sich gemeldet? Wie geht es dir?

Tock, tock, tock, tock, bis der Baum umfällt.

Egal, wie oft ich ihr erkläre, dass ich nicht darüber reden will, Nat hat beschlossen, dass wir ein gebrochenes Herz haben, und widmet sich mit aller Kraft der Aufgabe, meine harte Schale zu knacken und die Sache gründlich durchzuarbeiten.

Zusammen.

Unablässig, immer und immer und immer wieder.

Ohne einen einzigen friedlichen Augenblick und mithilfe von ziemlich vielen Kühlschrankmagneten, T-Shirts mit motivierenden Sprüchen und Zitaten aus dem Internet.

Von wegen – meine harte Schale knacken: Meine beste Freundin versucht, mich mit einem Vorschlaghammer aufzubrechen.

Ich atme tief durch und tippe:

Sehr weise! Bis bald! image X

Dann stecke ich mein Handy wieder in die Tasche und spähe verzweifelt über Annabels Schulter ins Haus. Auf meinem Nachttisch warten die gesammelten Werke von Terry Pratchett (und wenn ich zwei Stufen auf einmal nehme, kann ich in fünfunddreißig Sekunden darin abtauchen und auf dem Rücken von vier Elefanten und einer Riesenschildkröte balancieren).

Ich liebe Nat.

Sie ist meine beste Freundin, der Mensch, der mich in- und auswendig kennt und meine Sätze zu Ende sprechen kann, wenn ich noch nicht mal weiß, was ich eigentlich sagen wollte. Aber ich kann – wie ein Magnet mir erklärt – das nächste Kapitel meines Lebens nicht anfangen, solange ich immer wieder die alten lese.

Ich will bloß eine neue Geschichte, mehr nicht.

»Harriet?«, sagt Annabel, als ich verzweifelt in mein nächstes Versteck haste.

Ich drehe mich überrascht um. »Hä?«

»Du musst uns nicht alle ausschließen, Schatz. Mich, deinen Vater, Natalie. Du kannst mit uns darüber reden.«

»Klar«, sage ich und mache mich auf in mein Schlafzimmer.

Denn zum allerersten Mal ist genau das das Problem.

Vielleicht will ich das gar nicht.

7

Mein Plan für den nächsten Morgen sieht also folgendermaßen aus:

1. Nicht bemerken, dass Toby vor meinem Haus irgendwo hinter einer Pflanze hockt.

2. Oder hinter einem Baum steht.

3. Oder auf dem Rasen liegt und so tut, als wäre er ein Grashalm.

4. Toby sagen, dass er zwar mein selbst ernannter Stalker/ Kumpel ist, dass er sich aber jetzt, da wir in der Zwölften sind, wirklich ein anderes Hobby suchen muss, denn seine Besessenheit von mir wird allmählich ein wenig peinlich.

5. Zur Schule gehen und unterwegs genau darauf achten, ob irgendwo ein Schild mit dem Hinweis SCHULE HEUTE WEGEN LEHRERFORTBILDUNG GESCHLOSSEN steht.

6. Funkelnagelneue Freunde finden.

7. Einen tollen und durch und durch lehrreichen Tag haben.

Der letzte Punkt ist, zugegeben, ein wenig vage, aber das überlasse ich den Lehrern.

Dafür werden sie schließlich bezahlt.

Den gestrigen Morgen betrachte ich als Kostümprobe – die spektakulär in die Hose gegangen ist. Statistisch gesehen wird ein erster Eindruck in sieben Sekunden festgeklopft (allerdings habe ich Menschen schon sehr viel schneller enttäuscht).

Diesmal gehe ich kein Risiko ein.

Um acht Uhr stehe ich auf der Türschwelle und überprüfe ein zweites Mal mein sorgfältig gewähltes Outfit. Ein kurzes Studium der Farbpsychologie hat ergeben, dass weiße Kleidung Fremden den Eindruck vermittelt, man wäre ehrlich, gelbe Kleidung erweckt den Eindruck, man wäre freundlich, und orangefarbene weist darauf hin, dass man ein sehr spontaner, lustiger Mensch ist.

Also trage ich einen weißen Pullover, orangefarbene Leggins und gelbe Pumps. Hoffentlich spricht das für meine ausgezeichnete Persönlichkeit, bevor ich auch nur ein Wort gesagt habe.

Vielleicht ist die Wirkung sogar so mächtig, dass ich gut rüberkomme, nachdem ich etwas gesagt habe.

Beim Anblick der riesigen raschelnden lilafarbenen Hortensie zu meiner Rechten verdrehe ich die Augen. »Komm raus, Tobes. Wir sind jetzt Freunde. Warum gehst du nicht mit mir zur Schule, statt dich im Gebüsch zu verstecken?«

Noch mehr Geraschel und ein leises Quieken. Dann kommt Annabels Kater Victor hinter dem Topf herausgeschritten und wirft mir einen durchdringenden Blick zu, der besagt: Mit dir gehe ich nirgendwohin, du Spinnerin.

Ich werde ein wenig rot, als ein Nachbar mir einen Blick zuwirft, wie man ihn Menschen zuwirft, die mit Pflanzen reden, und beschließe, mich einfach allein auf den Weg zur Schule zu machen.

»Tobes«, sage ich mit einem kleinen Lächeln, als ich den Baum am Ende meiner Straße erreicht habe, »du bist nicht besonders dezent. Ich kann dich sehen …«

Ein Eichhörnchen kommt herausgesprungen.

»Toby …«, sage ich, als ein Jogger vorbeiläuft.

»Tob…«, setze ich noch einmal an, doch es ist nur ein trockenes Blatt, das über den Boden gefegt wird.

Mit wachsender Bestürzung gehe ich weiter: vorbei an der Bank, hinter der Toby nicht hockt;vor dem Laternenpfahl entlang, wo Toby nicht mit einem kleinen Schraubenzieher so tut, als würde er ihn reparieren;an dem alten Mann vorbei, der sich eine große Zeitung vors Gesicht hält.

»Tut mir leid«, sage ich, nachdem ich sie runtergezogen und »Ha! Erwischt!« gerufen habe.

»Die Mädchen heutzutage«, schnaubt der Mann verärgert und vergräbt sich wieder. Das ist echt unfair:Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das auch gemacht hätte, wenn ich ein Junge wäre.

Als ich mich der Straße zur Schule nähere und – irgendwie beruhigend – eine Gruppe von Kids in Schuluniformen entdecke, gerate ich allmählich ein wenig aus dem Takt. Mir war nicht klar gewesen, wie sehr mein Tag sich darum dreht, mit unterschiedlicher Intensität so zu tun, als wäre ich sauer auf Toby.

Endlich entdecke ich ihn. Er hockt neben dem Schultor auf dem Boden. Und er trägt ein hellbraunes, mit kleinen Flecken übersätes T-Shirt. Offensichtlich tut er so, als wäre er ein Geröllblock. Oder eine Riesenschildkröte. Oder etwas anderes, das vor britischen Schulen normalerweise nicht anzutreffen ist.

»Toby«, sage ich mächtig erleichtert. »Da bist du ja. Ich glaube wirklich nicht, dass du …«

»Hallo, Harriet!«, sagt er, zurrt den Schnürsenkel fest und steht auf. Seine blassen Koteletten sind flauschig und stehen ab und ich merke, dass er über den Sommer bestimmt noch vier Zentimeter gewachsen ist. Allmählich sieht er aus wie ein Blitzstrahl. »Hast du gewusst, dass der Erfinder von Klettverschlüssen durch die kleinen Haken an einer Klette inspiriert wurde, die im Fell seines Hunds klebte? Ich ziehe sie ja Schnürsenkeln vor, selbst wenn die tatsächlich 28.000 Jahre zurückdatieren.«

Ich strahle ihn an.

Das ist genau das, was ich brauche, um mich heute Morgen sicher und geerdet zu fühlen. Eine faszinierende, schuhrelevante historische Tatsache, bei der in einer Gastrolle auch noch ein Hund mitwirkt.

»Das ist interessant, denn …«, setze ich begeistert an, doch weiter komme ich nicht, denn Toby hält mit hochgestreckten Daumen aufs Schultor zu, und die etwas zu kurzen Hosenbeine flattern um seine Knöchel.

»Bis später, Harriet!«, ruft er über die Schulter.

»Aber …«, stottere ich verdattert, »w…warte, Toby. Haben wir nicht zusammen Unterricht? Sollten wir … nicht zusammen reingehen?«

Oder, also, er zehn Schritte hinter mir?

Das ist gewissermaßen schon Tradition.

»Wir sind jetzt in unterschiedlichen Kursen, Harriet!«, sagt Toby fröhlich. »Außerdem habe ich ein superwichtiges Projekt, mit dem ich weitermachen will, bevor der Unterricht losgeht. Ich wünsch dir einen tollen Tag!«

Damit verschwindet mein Stalker im Schulgebäude.

Und ich kann zehn Schritte hinter ihm herlaufen.

8

Der Unterschied zu gestern könnte größer nicht sein.

Ihr wisst schon.

Eine offene und funktionierende Schule, in die man nicht einbrechen muss.

Als ich durch die Glastüren den Flügel der Zwölften betrete, setzt in meiner Magengrube ein verängstigtes, nervöses Hüpfen ein. Eine Schlange braucht fünfzig Stunden, um einen Frosch komplett zu verdauen, und der Frosch ist derweil noch eine Zeit lang lebendig. Angesichts des Rumorens in meinem Magen frage ich mich, ob ich versehentlich einen verschluckt habe.

Alles ist anders.

Überall herrschen Lärm und Chaos. Klassenzimmer und Flure sind voller Schülerinnen und Schüler, die kichern, lachen, rufen, singen. Stuhlbeine scharren über den Boden, verschiedenste Dinge fliegen durch die Gegend – Radiergummis, zusammengeknüllte Notizen, Chipstüten – und in der Luft liegt ein leichter Duft nach Whiteboard-Marker und Möbelpolitur, eine Mischung aus Putzschrank und Sofageschäft.

Leute, die ich nicht kenne, stapfen wie selbstverständlich die Treppen rauf und runter und Schülerinnen und Schüler, die ich kenne, haben sich vollkommen verändert. Zahnspangen sind verschwunden, lange Haare wurden geschnitten, kurze Haare sind gewachsen und mit Extensions versehen. Akne ist ausgebrochen oder verschwunden. Ein paar zaghafte Schnurrbärte sind gesprossen wie schattenhafte Oberlippenentzündungen. Was letztes Schuljahr noch verboten war, wird trotzig zur Schau getragen: hohe Absätze, kurze Röcke, Piercings, Lippenstift, geschorene Köpfe. Mit Stolz und triumphierend gerecktem Kinn.

Es ist dieselbe Schule und – irgendwie – auch ganz und gar nicht.

Das zwölfte Schuljahr hat erst vor vier Wochen angefangen und es kommt mir vor, als hätten die anderen sich diese Welt längst zu eigen gemacht. Jetzt bin ich dran.

Mit einem weiteren froschigen Magenhüpfen erreiche ich die Tür zu meinem Klassenzimmer, bleibe ein paar Sekunden auf einem Fuß davor stehen und spähe durch das Fenster in der Tür.

Dann hole ich nervös mein Handy heraus.

Ich wünschte wirklich, du wärst hier. H X

Ich drücke auf SENDEN und warte ein paar Sekunden. Es piepst.

Dito. Plünder den Süßigkeitenautomat für mich. image Nat X

Ich lächele – das hatte ich eh vor – und atme tief durch.

Du kannst das, Harriet. Du bist eine Göttin der Erkenntnisse und Möglichkeiten, eine Streiterin des Glücks und des Schicksals. Ein Goldfisch des Optimismus und der Gelegenheit.

O Gott. Mein Gehirn macht schon dicht.

Dann nehme ich all meinen Mut zusammen, atme tief ein, drücke die Schultern durch und hebe das Kinn.

Und betrete meine funkelnagelneue Welt.

9

Das wirkliche Tolle daran, die Schauspiellehrerin dieses Jahr zur Klassenlehrerin zu haben, ist, dass ich sie – dank meiner Rolle in Hamlet in der Produktion vom letzten Jahr – schon kenne.

Das nicht so Tolle?

Sie kennt mich auch schon.

»Harriet Manners!« Miss Hammond blickt so begeistert von ihrem Tisch auf, dass die perlenverzierten Fransen ihres Batikschals an einem Stiftebecher hängen bleiben. »Du bist zum zweiten Mal zu uns zurückgekommen!Wie absolut wunderbar!« Oh, Sugar Cookies. Hoffentlich holt sie jetzt nicht das Buch raus, das ich ihr gegeben habe. Ich will nicht, dass bei meiner Einführung in diese Klasse der Begriff stilles Örtchen eine Rolle spielt.

»Leute«, fährt sie munter fort und winkt. Sie trägt so viele Armbänder, dass sie sich anhört wie ein riesiges Slinky. »Für die, die noch nicht das Vergnügen hatten, sie kennenzulernen: Harriet Manners ist nach einem glamourösen Abenteuer in NjuuuuuuYoooooork wirklich und wahrhaftig zu uns zurückgekehrt!«

Ich werde noch ein bisschen röter.

»Anscheinend essen Amerikaner mehr Bananen als anderes Obst«, platze ich nervös heraus. »Und fünfundzwanzig Prozent von ihnen glauben, dass die Sonne sich um die Erde dreht.«

Hilfe! Was ist los mit mir?

»Was nicht der Grund ist, warum ich zurückgekommen bin«, füge ich rasch hinzu, denn im Nacken fängt es an zu kribbeln. »Ich mag Bananen.«

Ich mag Bananen.

Volltreffer. Die englische Sprache besitzt über eine Million Wörter und ich wähle ausgerechnet diese drei in dieser speziellen Reihenfolge, um eine Gruppe von Fremden zu beeindrucken.

Ich werde nie wieder ein Sachbuch lesen.

Die Schülerinnen und Schüler in der Klasse murmeln »Hi, Harriet«, während sie – genau wie ich – zu begreifen versuchen, was ich für eine bin.

»Warum setzt du dich nicht dorthin?«, sagt Miss Hammond und zeigt auf einen freien Stuhl. »Wir machen heute als Erstes eine Teambuilding-Übung, das Timing ist also perfekt! Du wirst dich schnell wieder einfügen – wie eine kleine Katze in ein Körbchen voller anderer Kätzchen. Das sehe ich schon.«

Immer noch knallrot gehe ich vorsichtig in die Ecke der Klasse und stelle meine Schultasche auf den Boden. Dann nehme ich – sorgfältig darauf bedacht, die zweiunddreißig Augen, die mir weiterhin folgen, nicht zu beachten – meine neuen Schnellhefter heraus: drei Farben mit Trennblättern, die das Organisieren erleichtern.

Gefolgt von meinem neuen Schülerkalender und einem Satz Kugelschreiber.

Fünf Bleistifte, ein Radiergummi, drei Textmarker, Klebestift, Locher, Lineal und Haftnotizen. Ein Tesaabroller und ein Kompass. Taschenrechner und Geodreieck.

Eine volle Schachtel Filzstifte in allen Farben des Regenbogens. Ein traditioneller Kolbenfüller.

Und ein kleines Tintenfass.

Schließlich lege ich noch zwei glänzende frische Notizblöcke mit Bildern von Dinosauriern vorne drauf daneben.

Was denn? Ich bin nur gern vorbereitet, das ist alles.

Als alles ordentlich und in perfektem rechten Winkel auf meinem Tisch angeordnet ist, bin ich schon viel ruhiger. Also falte ich die Hände fest im Schoß und lasse mit einem wachsenden Gefühl der Aufregung den Blick durch die sich langsam füllende Klasse schweifen.

Einige kenne ich schon ein bisschen.

Die beiden Hauptdarsteller in dem Stück vom letzten Jahr sitzen auf gegenüberliegenden Seiten des Klassenzimmers: Christopher (Hamlet), mürrisch und nach wie vor in einem schwarzen Rollkragenpullover, und die schöne Raya (Ophelia, klar) mit einem schimmernden schwarzen Pferdeschwanz, kamelartigen langen Wimpern und unablässig aufgeworfenen Lippen. Ich erkenne auch Eric, den Kapitän der Schulfußballmannschaft, der jetzt mit seinem rasierten Schädel und einem goldenen Reif am Ohr an einen Piraten erinnert, und meinen alten Klassenkameraden Robert, der anscheinend ein Faible für Haargel entwickelt hat – seine Haare vorne sehen aus, als könnte er, wenn er mit gesenktem Kopf ganz schnell läuft, womöglich jemanden damit umbringen.

Zwei von Alexas wichtigen Anhängerinnen – Liv und Ananya – sitzen zusammen hinten: die eine mit blasser Haut und einem weiß gebleichten hohen Haarknoten, die andere mit dunkler Haut und einer voluminösen schwarzen Hochsteckfrisur. Sie tragen identische blumige Overalls in Kontrastfarben und einen identischen, äußerst gelangweilten Gesichtsausdruck.

Aber sehr viel aufregender ist natürlich, dass mein Blick auf mindestens eine Handvoll Gesichter fällt, die ich nicht kenne.

Wer von ihnen wird meine neue Seelenverwandte?

Das Mädchen mit der rosa Brille? Es sieht ganz so aus, als wäre auch sie mit ihrem Optiker per Du. Oder die mit dem neonlilafarbenen Haar und dem regenbogenfarbenen Nasenring? Auch ich bin ein großer Fan von knalligen Farben. Oder wie wäre es mit dem Jungen mit Sommersprossen und der roten Tasche? Ich habe auch Sommersprossen und …

Okay, kann sein, dass ich mich da jetzt an den Gemeinsamkeiten-Strohhalm klammere.

Schließlich sind bis auf den Platz neben mir alle Stühle besetzt.

»Ach, das ist doch zum Mäusemelken«, sagt Miss Hammond und schlägt sich leicht mit dem Handballen an den Kopf. »Ich bin ja so ein Trottel! Ich hab das Klassenbuch im Lehrerzimmer liegen lassen.« Sie steht auf und klimpert ein paar Mal. »Bin in zwei Sekunden wieder da, Leutchen.«

Unsere Klassenlehrerin verschwindet – in einem Wirbel aus Orange und Pink – im Flur.

Im Raum bricht augenblicklich ein Höllenlärm aus und ich mache mich vorsichtig daran, einzelne Individuen genauer zu betrachten und ihnen dann mein strahlendstes, freundlichstes Lächeln zu schenken. Ein Lächeln, das sagt: Ich kann es kaum abwarten, dir Fragen zu stellen und mich später dann ganz genau daran zu erinnern, was du mir erzählst!

Ein paar lächeln sogar zurück.

Wisst ihr, was? Ich mag die zwölfte Klasse jetzt schon. Leute werfen mir Blicke zu, aber feindselig kommen sie mir nicht vor.

Eher neugierig, fragend und interessiert.

Ich spüre schon, wie sich mein ganzer Körper entspannt.

Ich hatte recht: Das hier ist genau das, was ich gebraucht habe. Ein Neuanfang. Ein Neubeginn. Das Schließen einer alten Seite und das Öffnen einer neuen. Der Anfang einer neuen Geschichte.

Leider ist es das nicht.

Denn just in dem Augenblick, da ich mir gratuliere, so einen exzellenten – wenn auch obstschwärmerischen – ersten Eindruck gemacht zu haben, geht die Klassentür noch einmal auf. Und herein kommt der Käpt’n Hook für meinen Peter Pan, der Voldemort für meinen Potter.

Die Cruella DeVil für meine hundert Dalmatinerwelpen.

Alexa.

10

Nein.

11

Nein, nein, nein, nein, nein, nein.

12

NEIN, NEIN, NEIN, NEIN, NEIN, NEIN, NEIN, NEIN, NEIN, NEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEINEIN.

13

Wer ein Jahr, sieben Monate und sechsundzwanzig Tage lang schreit, produziert genug Energie, um eine Tasse Tee zu erhitzen. Wenn man jetzt mein Hirn anschließen würde, müsste ich in der Lage sein, zehn Tassen Tee in exakt drei Sekunden zu kochen.

Das kann jetzt nicht sein. Das kann nicht sein.

Alexa hat keins von meinen Fächern belegt. Sie hat einen ganz anderen Schwerpunkt: Englisch, Geschichte, Geografie. Ich war mir sicher, dass sie nicht hier auftauchen würde. Ich habe eigens bei Mrs O’Connor angerufen und mich – für alle Fälle – vergewissert, dass ich in eine andere Klasse versetzt worden bin. Und ich habe E-Mails geschickt. Fünf Stück. Um es mir schriftlich bestätigen zu lassen.

Ich dachte, ich wäre endlich frei.

Alexa wirft ihre Haare – die Nat ihr vor fast einem Jahr abgeschnitten hat, weil sie so eklig zu mir war – mit den rausgewachsenen blonden Spitzen nach hinten, schlendert ins Klassenzimmer und sieht uns mit stark geschminkten Augen an.

»Hi«, sagt sie mit einem kleinen katzenhaften Lächeln. »Na, wie geht es euch heute?«

Sie ist der einzige Mensch, den ich kenne, bei dem ein Gruß in die Runde klingt wie eine gegen eine einzelne Person gerichtete Todesdrohung.

»Lexi! Hier drüben!« Ananya setzt sich gerade hin und reckt eine Hand in die Luft. »Gott sei Dank bist du hier: Die Klasse hier ist sterbenslangweilig.«

»Ohwowowow«, kreischt Liv und hopst auf ihrem Platz auf und ab. »DumachstmichfertigLexidusiehstabsolutfantastisch-ausheutederRockistsuperichhabgenausoeinenaußerdasserrotistundeinbisschenlängerundweiterabersonstsogutwieidentisch.«

Elefanten müssen im Liegen nur vier Mal in der Minute atmen. Sobald Liv aufgeregt wird, frage ich mich unwillkürlich, ob sie womöglich ein ähnliches Lungenvolumen besitzt.

Alexa beachtet die beiden gar nicht, sondern wirbelt herum, um in meine Richtung zu schauen.

Kein Witz:Sie strahlt plötzlich übers ganze Gesicht. Als wäre sie sechs und es wäre der Weihnachtsmorgen und ich wäre ein goldenes Fahrrad, das jemand für sie unter den Baum gestellt hat.

Der Frosch in meinem Magen ist plötzlich ganz ruhig geworden.

»Stört es dich, wenn ich mich hierhin setze?«, fragt sie und stolziert in schwarzen Stiefeln mit spitzen Absätzen – so Dingern, mit denen man jemandes Seele aufspießen kann – auf mich zu.

»Ja«, sage ich so laut und deutlich wie nur möglich, »sehr sogar.«

Doch die Frage war anscheinend rhetorisch gemeint, denn Alexa setzt sich, kippt den Stuhl nach hinten, legt die Füße auf unseren Tisch und fegt meinen Kompass zu Boden.

Ich lasse ihn liegen. Ich glaube nicht, dass es in diesem Augenblick ein besonders kluger Zug wäre, die Aufmerksamkeit meiner Peinigerin auf ein scharfes Metallobjekt mit einer nadelfeinen Spitze zu lenken.

»Ich freue mich wahnsinnig, dass du endlich wieder da bist«, sagt sie kühl, nimmt einen von meinen Notizblöcken und betrachtet mit gerümpfter Nase den T-Rex vorne drauf. »Bin ganz außer mir vor Freude, um genau zu sein.«

»Ehrlich?«, frage ich mit einem mulmigen Gefühl.

»Absolut.« Jetzt spielt sie mit meinem Tintenfass herum. »Die Schule ist unglaublich langweilig ohne jemand Lustigen zum Spielen.«

Was sehr süß wäre, wenn wir fünf wären und sie mit Spielen nicht das meinte, was ein Tiger mit einer dreibeinigen Ziege macht oder eine Katze mit einer Maus, kurz bevor sie sie in Stücke reißt.

Skelettmuskeln bestehen aus 650 gestreiften Schichten, die mit den Knochen verbunden sind, und ich fühle mich im Augenblick so kalt und starr, dass jede einzelne meiner Muskelfasern mir vorkommt, als wäre sie aus Edelstahl geschmiedet.

Das ist ein Desaster.

Nein, genau genommen ist es eine Katastrophe, ein Kataklysmus, der absolute Ruin. Selbst wenn in diesem Augenblick ein Meteorit ganz England auslöschen würde, wäre das immer noch das zweite auf der Liste der schlimmsten Dinge, die heute passieren können.

Solange Alexa mir dicht auf den Fersen ist, ist es vollkommen ausgeschlossen, dass ich einen Neuanfang mache und neue Freunde finde. Sie wird dafür sorgen, dass alle mich hassen, bevor ich auch nur die geringste Chance habe.

Wieder mal.

»Und ich liebe den Look, den du für heute ausgewählt hast«, fügt sie in einer Lautstärke hinzu, als hielte sie uns alle für taub UND minderbemittelt. »Enten sind grad total angesagt.«

Enten? Verwirrt schaue ich auf meinen weißen Pullover, meine orangefarbene Leggins und meine gelben Schuhe hinunter und dann werde ich knallrot. Sie hat recht: Ich sehe exakt aus wie ein Mitglied der Familie der Anatidae.

Das ist wahrlich nicht der kultivierte erste Eindruck, den ich machen wollte.

»Hey, Leute«, plärrt Alexa aus vollem Halse weiter und gestikuliert mit einem von meinen Bleistiften. Die ganze Klasse glotzt uns jetzt schweigend an. »Für die, die Harriet Manners noch nicht begegnet sind:Wir kennen uns schon richtig lange, was?« Der Frosch in meinem Magen ist jetzt vollkommen erstarrt. Nein, nein, nein, nein, nein. »Sehr, sehr lange. Elf Jahre, um genau zu sein.«

»Alexa …«

»Oh, sie werden unsere Kindheitserinnerungen lieben, Harriet. Die sind ja aber auch entzückend. Weißt du noch, als wir fünf waren und du in der Vorlesestunde in die Hose gepieselt hast und sie eine ganze ...

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