Logo weiterlesen.de
Hamish Macbeth – Hamish und das Skelett im Moor

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Erstes Kapitel
  8. Zweites Kapitel
  9. Drittes Kapitel
  10. Viertes Kapitel
  11. Fünftes Kapitel
  12. Sechstes Kapitel
  13. Siebtes Kapitel
  14. Achtes Kapitel
  15. Neuntes Kapitel

Über das Buch

Schottland sehen und sterben

Constable Hamish Macbeth ist traurig: Gegen seinen Willen muss er einen Kollegen vertreten, und zwar ausgerechnet im weit entfernten Cnothan, dem mürrischsten Dorf Schottlands. Den Einzigen, den die Bewohner von Cnothan noch weniger ausstehen können als Hamish, ist ein besserwisserischer Engländer. Als dessen Skelett mitten im Moor gefunden wird, ahnt Hamish, dass ihm ein ziemlich außergewöhnlicher Fall bevorsteht – und dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis er in sein geliebtes Dorf Lochdubh zurückkehren kann …

Der dritte Band der kultigen Hamish Macbeth-Krimireihe von Bestsellerautorin M.C. Beaton

Über die Autorin

M.C. Beaton ist eines der zahlreichen Pseudonyme der schottischen Autorin Marion Chesney. Nachdem sie lange Zeit als Theaterkritikerin und Journalistin für verschiedene britische Zeitungen tätig war, beschloss sie, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Mit ihren Krimi-Reihen um den schottischen Dorfpolizisten Hamish Macbeth und die englische Detektivin Agatha Raisin feiert sie bis heute große Erfolge in über 15 Ländern. M.C. Beaton lebt und arbeitet in einem Cottage in den Cotswolds.

M.C. BEATON

Hamish Macbeth

Hamish und das Skelett im Moor

Kriminalroman

Aus dem Englischen von
Sabine Schilasky

Für die Brigade der Freiwilligen Feuerwehr von Lairg … Gott segne sie!

Hauptfeuerwehrmann John Corbett
Oberfeuerwehrmann Archie Fraser
Oberfeuerwehrmann Willie McKay
Feuerwehrmann William Ross
Feuerwehrmann Michael Corbett
Feuerwehrmann Duncan Matheson

Erstes Kapitel

Sieh an den glücklichen Narren,
um gar nichts schert er sich.
Könnt ich doch sein einer der Narren!
Mein Gott, vielleicht bin ich!

N.N.

Constable Hamish Macbeth saß in dem kleinen Überlandbus, der ihn fort von Lochdubh brachte – fort von der Westküste Sutherlands und seinem Zuhause, der Polizeistation. Sein Hund Towser, ein großer gelblicher Mischling, legte eine massige Pfote auf Hamishs Knie, doch der Polizist bemerkte es nicht. Seufzend hievte sich der Hund auf den Platz neben seinem Herrchen und blickte mit ihm zusammen aus dem Fenster.

Der Busfahrer war neu in dem Job. »Keine Hunde auf den Sitzen«, knurrte er über die Schulter, entschlossen, sich nicht von Hamishs Uniform einschüchtern zu lassen. Der Constable seinerseits bedachte ihn mit einem solch überzeugend dümmlichen Blick, dass der Fahrer, der aus den Lowlands stammte und folglich alle Highlands-Bewohner für inzestgeschädigt hielt, beschloss, die Sache lieber auf sich beruhen zu lassen.

Tatsächlich war Hamish Macbeths Unglück schuld daran, dass er gerade einen recht unterbelichteten Eindruck vermittelte. Es kam ihm so vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass er glücklich und zufrieden in seiner eigenen Polizeistation in Lochdubh gelebt hatte. Und dann war der Befehl gekommen, dass er Sergeant MacGregor in Cnothan vertreten solle, einem kleinen Dorf im Zentrum von Sutherland. Vergeblich hatte Hamish Macbeth sich bemüht, eine Verbrechenswelle in Lochdubh zu erfinden. Ihm wurde gesagt, dass eine gelegentlich verprügelte Ehefrau zu beschützen und alle zwei Monate jemanden wegen Trunkenheit in Gewahrsam zu nehmen nicht als Verbrechenswelle galt. Er sollte seine Polizeistation schließen und mit dem Bus anreisen, da Sergeant MacGregor wünschte, dass sein Wagen von dem Ersatzmann am Laufen gehalten wurde.

Veränderungen hasste Hamish beinahe so sehr wie Arbeit. Er hatte ein wenig Land neben der Polizeistation in Lochdubh gepachtet, wo er eine kleine Schafherde hielt, um die sich nun ein Nachbar kümmern sollte. Und er verdiente recht gutes Geld nebenher mit seiner bescheidenen Landwirtschaft, der Wilderei und den Preisgeldern, die er bei den Bergläufen während der Highland Games im Sommer gewann. Alles, was er sparen konnte, ging an seine Eltern und die Geschwister drüben in Cromarty. Doch in Cnothan würde es wohl kaum derartige Nebenverdienste geben.

Die Bauern, die hier Crofters hießen, brauchten ständig andere Jobs, da ihr Pachtgrund nicht genug hergab, um sie zu ernähren. Deshalb waren sie gleichzeitig Postbote, Waldarbeiter, Ladenbesitzer und, im seltenen Fall von Hamish Macbeth, Polizist.

Es war Ende Januar und der Norden Schottlands noch in fast durchgängiger Nacht gefangen. Die Sonne ging morgens um kurz nach neun auf, dümpelte dann einige Stunden am Horizont vor sich hin und verschwand gegen zwei Uhr mittags wieder. Die Felder waren braun und rissig, die Heide zu regengetränkter Moorödnis geworden, und gespenstische Nebelschwaden waberten vor den hohen Berghängen.

Im Bus saßen nur wenige Fahrgäste. Unter ihnen fanden sich die Currie-Schwestern, Jessie und Nessie, zwei alte Jungfern aus Lochdubh, die sich in hoher, schriller Tonlage unterhielten. »Habe ich dir das eigentlich schon erzählt, Nessie?«, ertönte Jessies Stimme. »Ich war letzte Woche erst bei der Königlichen Gesellschaft zur Vermeidung von Tierquälerei in Strathbane, und da sage ich zu dem Mann: ›Ich will eine humane Falle für das Frettchen, das unsere Enten holt.‹ Daraufhin gibt er mir eine Falle und antwortet: ›Nehmen Sie diese humane Falle und fangen Sie damit Ihr Frettchen human. Und wenn ich Ihnen was raten darf, hauen Sie den kleinen Mistkerl dann human tot.‹ Hat man da noch Töne! Und der soll gegen Tierquälerei sein! Ich habe unserem Parlamentsabgeordneten geschrieben und mich energisch beschwert.«

»Das hast du mir schon hundertmal erzählt«, brummelte Nessie. »Vielleicht hat er recht. Denn alles, was du in dieser humanen Falle bisher erwischt hast, war die Pfarrerskatze. Wieso redest du nicht mal mit Mr. Macbeth deswegen?«

»Mit dem!«, kreischte Jessie. »Der Constable ist ein Wilderer, und wahrscheinlich ist das sein Frettchen.«

Ruckartig hielt der Bus an, und die immer noch zankenden Schwestern stiegen aus.

Drei Monate in Cnothan, dachte Hamish und kraulte Towser gedankenverloren hinter den Ohren. Es hieß schon, dass es in Lochdubh ruhig war, aber in Cnothan passierte überhaupt nie irgendwas und würde es auch nie. Hatte er in Lochdubh etwa nicht zwei Mordfälle gehabt?

Er dachte an den Mord im letzten Sommer, bei dem es für eine Weile so ausgesehen hatte, als brächte er ihn der Liebe seines Lebens, Priscilla Halburton-Smythe, etwas näher. Aber Priscilla, die Tochter des örtlichen Großgrundbesitzers, war hinterher wieder abgereist, kurz vor Weihnachten, und nach London gefahren, um sich Arbeit zu suchen. Priscilla blieb nie sehr lange fort. Womöglich war sie in diesem Moment unterwegs nach Norden, kehrte nach Lochdubh zurück und stellte fest, dass Hamish nicht mehr da war.

»Und das wird sie nicht die Bohne interessieren!«, sagte Hamish plötzlich laut.

Der Busfahrer beugte sich über sein großes Lenkrad und gratulierte sich zu seiner Entscheidung, diesen verrückten Wachtmeister lieber in Ruhe zu lassen.

Hamish kannte Cnothan und war davon überzeugt, dass es der langweiligste Ort der Welt sein müsste. Obwohl Cnothan als Stadt galt, war es ungefähr so groß wie ein winziges englisches Dorf. Hamish erinnerte sich, dass die Bewohner ein sehr verschlossener, heimlichtuerischer und frömmelnder Haufen waren und jeden von außerhalb als Störenfried betrachteten.

Schließlich stieg der letzte Fahrgast aus. Danach ächzte und quietschte der Bus durch Haarnadelkurven, bis er endgültig aus dem Schatten der hohen Berge und hinunter ins Tal gelangte, wo Cnothan lag, in der Mitte von Sutherland. Hamish raffte seine Sachen zusammen, die er in einem Brotsack und einem alten Lederkoffer mit sich führte, und stieg mit steifen Gliedern aus. Der Bus fuhr unter lautem Motordröhnen weg, und Hamish schob die spitze Mütze auf dem feuerroten Haar nach hinten, um sich umzuschauen.

»High Noon in Cnothan«, murmelte er.

Es war Mittagszeit, was bedeutete, dass sämtliche Läden geschlossen hatten und die Hauptstraße wie ausgestorben war. Ein scheußlicher Wind blies die Straße herab, und er wehte nicht mal ein Fitzelchen Papier herbei. Der Ort war wie frisch geschrubbt und steril grau.

Cnothan lag am Rand eines künstlichen Lochs, das seine Existenz einem der hässlichsten Wasserkraftwerke verdankte, das Hamish jemals gesehen hatte. Und der erste Schein trog nicht. Hier gab es keine malerischen Seitenstraßen oder Kehren. Nur eine gerade Hauptstraße, die hinunter zum Loch führte. In der Straße befanden sich vier Lebensmittelgeschäfte, die alle so ziemlich das Gleiche verkauften, ein Eisenwarenhandel, eine Werkstatt, ein Kunstgewerbeladen, ein Hotel, ein Imbiss, ein Metzger, ein Pub und eine riesige Kirche. Die Sozialsiedlung war, wie Hamish wusste, dezent am anderen Ufer des Lochs versteckt, weit weg von den Eigenheimen in Cnothan, die ausnahmslos sehr klein, düster und den Gemeindewohnungen verblüffend ähnlich waren.

Der Ort war so trist und leer, dass Hamish sich an Szenen aus einem Science-Fiction-Film erinnert fühlte, den er mal gesehen hatte.

Trotzdem spürte er, dass er beobachtet wurde. Er glaubte, die wachsamen Augen hinter den sorgfältig vorgezogenen Gardinen zu fühlen.

Er öffnete die Gartenpforte zu dem Bungalow direkt neben ihm, der einem Schild an der Vorderseite zufolge Green Pastures hieß, ging den schmalen Weg hinauf und läutete die Messingschiffsglocke neben der Tür. Stille. Aus dem Garten starrte ihn ein Plastik-Gartenzwerg an, und der Wind heulte kläglich.

Aus der Mülltonne neben der Haustür ragte ein Versandhauskatalog. Hamish neigte den Kopf zur Seite und las den Namen auf dem Adressaufkleber: Mrs. A. MacNeill. Endlich hörte er im Inneren des Bungalows Schritte. Die von einer Kette gesicherte Tür wurde wenige Zentimeter weit geöffnet, und das Gesicht einer Frau erschien in dem Spalt.

»Was ist?«, fragte die Frau streng.

In diesem Augenblick war Hamish klar, dass sie genau wusste, wer er war. Sie verhielt sich zu ruhig. In einer Gegend mit einer niedrigen Verbrechensrate bedeutete ein Polizist vor der Tür gemeinhin, dass jemand gestorben war oder einen Unfall gehabt hatte.

»Ich bin Constable Macbeth«, sagte Hamish höflich. »Und ich bin hier, um Mr. MacGregor während seines Urlaubs zu vertreten. Wo ist die Polizeistation?«

»Weiß ich nicht«, antwortete die Frau. »Vielleicht den Hügel rauf.«

»Oben am Ende der Hauptstraße?«, fragte Hamish. Natürlich wusste die Frau sehr wohl, wo sich die Polizeistation befand, aber Hamish war ein Auswärtiger, und in Cnothan erzählte man einem Auswärtigen gar nichts, wenn man es irgend vermeiden konnte.

»Kann sein, doch wieso fragen Sie nicht wen anders?«, entgegnete das Gesicht im Türspalt.

Hamish lehnte sich an den Türrahmen und blickte hinauf zum Himmel. »Tja, wird ordentlich pustig«, sagte er in seinem sanften Highland-Singsang, der umso ausgeprägter wurde, wenn er verärgert oder gar wütend war. »Also, Mr. MacGregor reist nach Florida, um seinen Bruder zu besuchen. Da ist es in dieser Jahreszeit heiß.«

»Ja, ist es wohl«, erwiderte die Frau.

»Und ich entsinne mich, dass er eine Schwester in Kanada hat.«

Die Kette wurde gelöst, und die Tür öffnete sich etwas weiter. »Das ist Bessie«, erklärte die Frau. »Die in Alberta.«

»Stimmt, stimmt«, pflichtete Hamish ihr bei. »Und Sie sind Mrs. MacNeill?«

»Na, woher wissen Sie das denn?« Mrs. MacNeill machte die Tür weit auf.

»Oh, hat denn nicht jeder schon von Mrs. MacNeill gehört?«, entgegnete Hamish. »Deshalb bin ich hergekommen. Oft sind die Leute nicht erpicht darauf, anderen den Weg zu beschreiben. Aber ich habe mir gesagt, dass Mrs. MacNeill eine eher weltgewandte Dame ist und gewiss hilft, wenn sie kann.«

Mrs. MacNeill lächelte furchtbar affektiert. »Sie fragen nach der Polizeistation? Ja, wie gesagt, sie ist gleich oben am Ende der Hauptstraße auf der linken Seite. Ist schon alles gepackt und bereit zur Abreise.«

»Vielen Dank.« Hamish tippte sich an die Mütze und schlenderte davon. »Mürrische alte Kuh«, raunte er Towser zu, »aber es war zwecklos, jemand anders zu fragen, denn ich schätze, die sind hier alle gleich.«

Oben am Ende der Hauptstraße stand ein lang gezogener, niedriger grauer Bungalow mit der blauen Polizeilampe über einem seitlichen Anbau. Ein kleiner, erboster Police Sergeant lief vor dem Haus auf und ab.

»Warum hat das so lange gedauert?«, schnauzte er Hamish statt einer Begrüßung an, und ehe der antworten konnte, fuhr er fort: »Kommen Sie schon rein. Aber lassen Sie den Hund draußen. Hinten ist ein alter Zwinger. Da kann er schlafen. Keine Hunde im Haus.«

Hamish sagte Towser, dass er draußen bleiben solle, und folgte dem Sergeant in das Gebäude. Der Sergeant ging voraus in den Anbau. »Hier ist der Schreibtisch, und bringen Sie mir nicht mein Ablagesystem durcheinander. Und da sind die Schlüssel zur Zelle. Sie werden immer mal samstags Ärger mit Sandy Carmichael haben. Der kriegt schon mal schreckliche Angstanfälle.«

»Wenn jemand in ein Delirium tremens fällt, bringt man ihn dann nicht lieber ins Krankenhaus?«, fragte Hamish freundlich.

»Verschwendung öffentlicher Gelder. Schnallen Sie den einfach auf die Pritsche und lassen Sie ihn bis zum Morgen rumbrüllen. Kommen Sie, ich stelle Ihnen meine Frau vor.«

Hamish setzte dem davoneilenden Polizisten nach.

»Sie ist im Salon«, sagte Sergeant MacGregor.

Mrs. MacGregor stand auf, als sie hereinkamen. Sie war eine schmächtige Frau mit blassen Augen und riesigen roten Händen. Hamishs Höflichkeitsfloskeln wurden sofort abgewürgt.

»Ich habe es gern sehr ordentlich«, sagte Mrs. MacGregor. »Und ich möchte nicht aus Florida zurückkommen und hier eine Müllhalde vorfinden.«

Hamish stand mit seiner Mütze unter dem Arm da, und seine haselnussbraunen Augen blickten mit jeder Minute ausdrucksloser drein. Das Wohnzimmer, in dem er stand und das die MacGregors so hochtrabend als »Salon« bezeichneten, war ein langer, niedriger Raum mit rosa Rüschenvorhängen an den Fenstern. Die lachsfarbene Sitzgarnitur, die aussah, als wäre sie an diesem Tag erst geliefert worden, starrte Hamish in all ihrer veloursknisternden Üppigkeit entgegen. Grellfarbige Heiligenbilder zierten die Wände. Ein blonder, blauäugiger Jesus winkte die kleinen Kinder zu sich, die sämtlich in Schuluniformen der Dreißigerjahre gekleidet waren und verblüffend angelsächsisch aussahen. Ein Teppich in einem der brutaleren schottischen Tartan-Muster schrie Hamish vom Fußboden entgegen. Vor dem Sofa stand ein gläserner Couchtisch mit schmiedeeisernen Beinen, und in einer Ecke befand sich eine Bar aus Schmiedeeisen und Glas, hinter der gläserne Borde von einem rosa Neonlicht erhellt wurden. Wie es schien, enthielten sie jede komisch aussehende Flasche, die jemals erfunden wurde. Im Kamin stand ein Elektroofen mit künstlichen Scheiten. In den Zimmernischen gab es noch mehr Glasregale mit einer verblüffenden Vielfalt an Porzellandekoration: giftgrüne Krüge in Fischform, kleine Mädchen in pastellfarbenen Kleidern, die ihre Röcke lüpften, Schalen mit Porzellanobst, Hunde und Katzen mit Disney-Lächeln auf den Hochglanzgesichtern und reihenweise Miniatur-Glasbläsereien, wie man sie auf Jahrmärkten fand. Auf einem Beistelltisch lag eine viktorianische Bibel, die auf einer Seite mit einer Illustration aufgeschlagen war. Es handelte sich um einen Stich von einem geschlechtslosen Engel mit schuppigen Flügeln, der sehr kleine, verängstigte Menschen in Lendenschurzen in eine Feuergrube warf.

Mrs. MacGregor führte Hamish von einem plüschig möblierten Schlafzimmer zum anderen. Der Bungalow wies ganze fünf Schlafräume auf.

»Wo ist die Küche?«, fragte Hamish, sobald er sich von seiner Sprachlosigkeit erholt hatte.

Sie stöckelte ihm auf ihren hohen Absätzen voraus, den Kopf wie zum Angriff gesenkt. »Hier drinnen«, sagte sie.

Hamish unterdrückte einen erleichterten Seufzer. Die Küche war funktional eingerichtet und verfügte über alle technischen Geräte zur Arbeitserleichterung, die man sich vorstellen konnte. Der Fußboden war gefliest, und es gab einen Tisch von anständiger Größe. Hamish beschloss, den entsetzlichen Salon für die Dauer seines Aufenthalts zuzusperren.

»Haben Sie einen Fernseher?«, fragte er.

Mrs. MacGregor blickte zu dem groß gewachsenen, schlaksigen Polizisten mit dem feuerroten Haar und den braunen Augen auf. »Nein, an so etwas glauben wir nicht«, erklärte sie mit einer Inbrunst, als stritten sie über die Existenz grüner Marsmännchen.

»Wie ich sehe, haben Sie eine Zentralheizung«, bemerkte Hamish.

»Ja, aber unsere Fenster sind doppelt verglast, und Sie werden feststellen, dass Sie die Heizung kaum brauchen. Sie ist über eine Zeitschaltung gesteuert. Zwei Stunden am Morgen und zwei am Abend. Das reicht vollkommen.«

»Tja, wenn ich dann bitte kurz mit Ihrem Mann sprechen könnte …«, begann Hamish und schaute sich nach dem Police Sergeant um, der während der Hausführung verschwunden war.

»Dazu ist keine Zeit, überhaupt keine Zeit«, sagte sie und griff nach einer voluminösen Handtasche auf dem Küchentresen. »Geordie wartet schon mit seinem Taxi.«

Hamish sah sie erstaunt an. Er wollte MacGregor nach den Dienstpflichten fragen, nach den Autoschlüsseln, danach, wie weit sich der Zuständigkeitsbereich erstreckte, welche Bösewichte es in der Gegend gab. Aber sicher waren die MacGregors von dem befallen, was Hamish im Stillen als »Cnothanitis« bezeichnete: Sag keinem irgendetwas.

Er folgte Mrs. MacGregor hinaus zum Taxi. »Dann sind Sie also drei Monate weg?«, fragte Hamish und lehnte sich an MacGregors Wagenseite.

Der Sergeant starrte stur geradeaus. »Wenn Sie aus dem Weg gehen, Constable«, sagte er. »Dann können wir vielleicht noch rechtzeitig zum Zug kommen.«

»Warten Sie kurz. Wo sind die Schlüssel zu Ihrem Wagen?«

»Im Wagen«, antwortete MacGregor pampig. Er nickte dem Taxifahrer zu, und der fuhr los.

»Die habe ich schon mal vom Hals«, murmelte Hamish. Er nickte Towser zu, der ihm in die Küche folgte. Dort schaltete Hamish den Timer der Zentralheizung ab und drehte den Thermostat auf die höchste Stufe. Anschließend fing er an, die Küchenschränke zu inspizieren, um herauszufinden, ob sich irgendwo Kaffee fand. Aber die Schränke waren leer geräumt. Nicht mal ein Päckchen Salz fand sich darin.

»Weißt du, was, Towser?«, sagte Hamish. »Ich hoffe, die werden da drüben entführt.«

Er ging zum Büro durch und sah sich die Akten in einem hohen Aktenschrank in der Ecke an. Es wimmelte von Papieren über Schafbäder, aber sonst war da kaum etwas. Seine Schafe nicht ins Desinfektionsbad zu stecken musste in Cnothan als Schwerverbrechen gelten.

Aus der Küche war lautes Klappern und Scheppern zu hören. Hamish lief hin und entdeckte Towser, der seinen großen Kopf in einen der unteren Küchenschränke getaucht hatte, den Hamish offen gelassen hatte. Der Hund schnüffelte in den Töpfen und Pfannen.

»Raus da, du verfressener Kerl«, schimpfte Hamish. »Ich muss gleich mal zu den Läden runter und sehen, ob ich uns etwas zu essen besorgen kann.« Er suchte, bis er eine Schüssel gefunden hatte, in die er Wasser für den Hund füllte. Dann verließ er das Haus und ging die Hauptstraße hinunter.

Die Mittagspause war vorbei, und die Geschäfte hatten wieder geöffnet. Leute standen tratschend in kleinen Gruppen zusammen. Als Hamish an ihnen vorbeikam, verstummten sie, um ihn neugierig und unfreundlich zu beäugen.

Er kaufte zwei Tüten mit Lebensmitteln und ging danach weiter zur Autowerkstatt, die nebenher Haushaltswaren verkaufte. Dort fragte er, ob er einen Fernseher mieten könne, und erhielt von einem kleinen Mann, dessen Gesichtsfalten den Eindruck vermittelten, er wäre permanent zornig, eine abschlägige Antwort. Zum Verdruss des Ladeninhabers verließ Hamish die Werkstatt nicht, sondern wiederholte die Frage einfach auf unbedarfte Art, während er sich zu den anderen Kunden umdrehte.

Eine kleine hagere Frau mit einem scharf konturierten Vogelgesicht kam auf ihn zu. »Sie müssen Mr. MacGregors Vertretung sein«, sagte sie forsch. »Ich bin Mrs. Struthers, die Pfarrersfrau. Werden wir Sie am Sonntag in der Kirche sehen?«

»Oh ja«, antwortete Hamish liebenswürdig. »Ich heiße Macbeth, und ich bin selbst Mitglied der Freikirche.« Hamish hatte sich gemerkt, welcher konfessionellen Ausrichtung die Hauptkirche von Cnothan gewidmet war. Tatsächlich war er kein Mitglied der Freikirche – oder irgendeiner Kirche.

»Na, das ist hervorragend!«, rief Mrs. Struthers aus. »Ach, und ich hörte, dass Sie nach einem Fernseher fragten. Wir haben noch ein altes Schwarz-Weiß-Gerät, das an Ostern in die Tombola gehen soll. Ich könnte es Ihnen leihen.«

»Sehr freundlich von Ihnen«, sagte Hamish und lächelte zu ihr hinab. Dieses Lächeln veränderte sein Gesicht vollkommen, war es doch einzigartig süß.

Im Nullkommanichts saß Hamish im Pfarrhaus, die Füße in den Stiefeln auf eine Fußbank gelegt, und wurde mit Tee und Scones verwöhnt.

»Ich überlege gerade, Mrs. Struthers«, sagte er, »dass es für mich hier ein bisschen schwierig wird. In Cnothan mochten sie Auswärtige noch nie.«

»Nun …«, begann Mrs. Struthers vorsichtig, trat ans Fenster und vergewisserte sich, dass ihr Ehemann noch nicht von seiner Runde zurückkam. Selbiger hatte erst vergangenen Sonntag über die Sündhaftigkeit des Tratschens gepredigt. »Die Leute hier sind sehr nett, wenn man sie kennenlernt. Dafür braucht es nur einige Jahre.«

»So viel Zeit habe ich nicht«, sagte Hamish. »Ich bin bloß für drei Monate hier.«

»Die werden sich schneller besinnen, denn sie sind alle vereint gegen einen richtig schrecklichen Auswärtigen.« Sie blickte sich um und senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Einen Engländer.«

»Ach du je«, erwiderte Hamish, um sie bei Laune zu halten. »Mögen die Leute hier keine Engländer?«

»Das ist es nicht«, korrigierte die Pfarrersfrau ihn sofort. »Er ist nur so ein Besserwisser. Wir sind hier eine Bauerngemeinde, und die Menschen mögen es nicht, wenn man ihnen sagt, wie sie was tun sollen, schon gar nicht, wenn es von einem Auswärtigen kommt. Aber Mr. William Mainwaring – so heißt er – erzählt ihnen immerfort, was sie falsch machen. Nicht auf hässliche Art, das nicht. Doch so, als machte er sich über sie lustig. Und seine arme Frau! Er lässt sie nicht mal selbstständig den Haushalt machen, überwacht sie sogar beim Kochen. Und er sucht ihre Kleider für sie aus!«

»Der Unmensch!«, rief Hamish über die Maßen entsetzt, was der Pfarrersfrau sehr gefiel. Seit Jahren hatte sie kein so dankbares Publikum mehr gehabt.

»Nehmen Sie doch noch einen Scone, Constable. Ja, sie ist Mitglied im Landfrauenverein und hielt uns einen sehr guten Vortrag über das Trocknen und Arrangieren von Blumen. Höchst anregend. Sie machte das so gut, und dann kam er herein, als Fragen gestellt werden durften, und hat sie regelrecht verhört – seine eigene Frau!«

»Unvorstellbar!«

»Eben. Und sie wurde feuerrot und fing an zu stottern. Das war gemein. Und …«

Draußen knirschten Autoreifen auf dem Kies, und nun wurde Mrs. Struthers ihrerseits feuerrot.

»Ich sollte lieber gehen«, sagte Hamish, dem nicht danach war, seine Zeit mit dem Pfarrer zu vergeuden.

Doch kaum stand er auf, kam Mr. Struthers herein. Der Pfarrer hatte ein blasses Gesicht, hellblaue Augen und schmale Lippen. Sein mittelblondes Haar war sorgsam mit Pomade gebändigt. Mrs. Struthers stellte Hamish recht verlegen vor. »Ich hoffe, du hast nicht getratscht«, sagte der Pfarrer streng.

»Ganz im Gegenteil«, beteuerte Hamish. »Ihre werte Gemahlin hat mir ans Herz gelegt, am Sonntag in die Kirche zu kommen. Sie hat mir alles über Ihre eindrucksvollen Predigten erzählt.« Er schüttelte dem Pfarrer die Hand, nahm den Fernseher und verabschiedete sich.

Die Frau des Pfarrers ging ans Fenster und blickte dem hoch aufgeschossenen Constable mit einem ziemlich verträumten Gesichtsausdruck nach. »Was für ein netter Mann«, murmelte sie.

Hamish wanderte die Hauptstraße hinauf, angenehm voll von Tee und hausgemachten Scones mit Marmelade. Oben, gegenüber der Polizeistation, fiel ihm ein altes Cottage auf, das ein wenig zurückgesetzt von der Straße stand und an dem ein Schild mit der Aufschrift GEMÄLDE ZU VERKAUFEN prangte.

Im Vorgarten war eine junge Frau mit Graben beschäftigt. Als hätte sie gemerkt, dass sie beobachtet wurde, drehte sie sich um, sah Hamish und kam zur Gartenpforte. Sie war sehr schlank und wirkte jugendlich, auch wenn Hamish nun feststellte, dass sie ungefähr in seinem Alter sein musste – in den Dreißigern. Sie hatte ein Elfengesicht, ein breites Lächeln und dichte schwarze Locken.

»Jenny Lovelace«, sagte sie und streckte ihm eine kleine, erdverkrustete Hand hin.

»Hamish Macbeth«, antwortete Hamish lächelnd. »Ist das ein amerikanischer Akzent?«

»Nein, kanadisch.«

»Und was verschlägt Sie in die Wildnis von Sutherland, Miss Lovelace?«, fragte Hamish, stellte den Fernseher und die beiden Einkaufstüten ab und schüttelte ihr die Hand, bevor er sich an die Gartenpforte lehnte.

»Ich wollte Ruhe und Frieden. Ich war hergekommen, um Urlaub zu machen, und bin geblieben. Inzwischen bin ich seit vier Jahren hier.«

»Und gefällt es Ihnen? Wie ich mitbekommen habe, mag man in Cnothan keine Auswärtigen.«

»Ach, ich komme zurecht. Und ich bin gern allein.«

»Wie es scheint, ist es für Auswärtige leichter, seit ein gewisser Mr. Mainwaring im Ort ist. Der klingt wie eine wahre Nervensäge.«

Jennys Züge verhärteten sich. »Mr. Mainwaring ist wohl eher der einzige zivilisierte Mensch hier weit und breit«, erwiderte sie in schneidendem Ton.

»Ach, ich habe aber auch wirklich einen Hang, in Fettnäpfchen zu treten«, sagte Hamish betrübt. »Es liegt sicher daran, dass ich so selten mit hübschen jungen Frauen rede. Da hat mein Verstand gleich zwei linke Hände.«

Jenny kicherte. »Ihr Verstand hat überhaupt keine Hände«, entgegnete sie. »Grundgütiger! Was ist das für ein schreckliches Heulen aus der Polizeistation?«

»Das ist mein Hund, Towser. Er will sein Fressen, und wenn er das will, schreit er danach. Ich gehe mal lieber.«

»Kommen Sie mal zum Kaffee«, sagte Jenny und drehte sich um, als Hamish sich bückte, um seine Sachen aufzusammeln.

»Wann?«, rief er ihr nach.

»Wann immer Sie wollen.«

»Dann komme ich morgen früh«, erklärte Hamish. Auf einmal war er glücklich.

Towsers Heulen verstummte, sobald er sein Herrchen sah. Er lag auf dem Küchenboden und blickte mit traurigen Augen zu Hamish auf.

»Ich habe Leber für dich«, brummte Hamish und gab Öl in eine Pfanne. »Cholesterinarmes Öl, siehst du? Das ist gut für dein verfettetes Herz.« Die Klingel im Dienstanbau schrillte. Hamish wollte hingehen, und prompt fing Towser aufs Neue zu heulen an.

Hamish rannte zur Tür und riss sie auf. Draußen stand ein Mann mittleren Alters. Er war hochgewachsen, von guter Statur mit einem großen runden Kopf, spröden Zügen, kleinen runden Augen, einer Steckdosennase und einem verkniffenen Mund. Obwohl er an die sechzig sein musste, hatte er dichtes braunes Haar, das lang genug war, um sich auf seinem Kragen zu kräuseln. Er trug eine Wachstuchjacke mit Cordkragen, eine Gabardine-Kniebundhose, dicke Strickstrümpfe, Budapester – und einen roten Pullover. Engländer, dachte Hamish. Die haben ein Faible für rote Pullover.

»Kommen Sie rein. Ich bin gleich bei Ihnen«, sagte Hamish hastig, denn Towsers Geheul hob zu einem Crescendo an. Hamish flitzte zurück in die Küche und warf die Leber in die Bratpfanne. Als sie fertig war, schnitt er sie in kleine Stücke, legte sie auf einen Teller und stellte ihn dem Hund hin.

»Wir sind also einen idiotischen Polizisten losgeworden, um gleich den nächsten zu bekommen«, sagte eine näselnde, sarkastisch klingende Stimme von der Küchentür aus. »Seien Sie versichert, Constable, dass ich Ihren Vorgesetzten schreiben und berichten werde, dass bei Ihnen das Verfüttern guten Metzgerfleisches an einen verwöhnten Köter Vorrang vor dem wenigen Verständnis von Verbrechensbekämpfung hat, das Ihnen noch geblieben sein mag.«

»Setzen Sie sich, Mr. Mainwaring«, erwiderte Hamish, »und ich kümmere mich um Sie. Seit meiner Ankunft bin ich noch gar nicht zum Luftholen gekommen.«

»Woher wissen Sie, wie ich heiße?«

»Ihr Ruf eilt Ihnen voraus«, antwortete Hamish. »Tja, wir können jetzt hier stehen und Beleidigungen austauschen, oder wir kommen zum Punkt. Um welches Verbrechen geht es?«

William Mainwaring zog sich einen Küchenstuhl unter dem Tisch hervor, setzte sich und blickte zu dem hochgewachsenen Polizisten auf. Dann nahm er eine Pfeife aus der Jackentasche und zündete sie geübt, wenn auch recht umständlich an.

Hamish wartete geduldig.

»Sie wollen wissen, um welches Verbrechen es sich handelt?«, fragte Mainwaring schließlich. »Nun, das kann ich in einem Wort zusammenfassen: Hexerei.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Hamish Macbeth und das Skelett im Moor" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen