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Hafenmord und Dünenmord

Über Katharina Peters

Katharina Peters, 1960 geboren und in Wolfsburg aufgewachsen, schloss ein Studium in Germanistik und Kunstgeschichte ab. Sie ist eine passionierte Marathonläuferin, trainiert Aikido und lebt als freie Autorin in Berlin. Bei atb erschienen die Rügen-Krimis: »Hafenmord«, »Dünenmord«, »Klippenmord« und »Bernsteinmord«. Mit der Protagonistin Hannah Jakob liegen bisher vor: »Herztod«,»Wachkoma« und »Vergeltung«.

Informationen zum Buch

Dieses E-Book enthält die ersten beiden spannenden Ostsee-Krimis mit Kommissarin Romy Becarre.

»Hafenmord«

Romy Becarre glaubt auf Rügen, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Doch kaum hat sie sich auf ihrer neuen Dienststelle eingerichtet, hat sie ihren ersten Fall. Nach einem anonymen Anruf findet die Polizei auf dem Gelände einer Fischfabrik im Sassnitzer Hafen die Leiche des seit anderthalb Tagen vermissten Kai Richardt. Der 45-jährige Geschäftsmann, Familienvater und Triathlet aus Bergen, verlor im Keller eines Lagerhauses sein Leben. Bei der Durchsuchung des Lagerhauses stößt Romy auf eine zweite Leiche. Das Skelett einer Frau wird gefunden, die im Jahr 2000 spurlos verschwand, als sie auf der Insel merkwürdigen Geschäften des toten Richardts nachging. Doch wo ist der Zusammenhang zwischen den beiden Mordfällen?

»Dünenmord«

Eine Tote am Strand von Göhren, deren Identität die Kommissarin Romy Beccare schnell geklärt hat. Die ermordete Monika Sänger hatte Papiere und Handy bei sich. Doch andere Umstände geben Rätsel auf. Offensichtlich ist Monika Sänger nach einer heftigen Auseinandersetzung ins Wasser geschleift worden und ertrunken. Die Tote war verheiratet und leitete einen Kindergarten in Bergen. Bei den ersten Ermittlungen in ihrem Umfeld stößt Romy auf Fassungslosigkeit. Niemand kann sich erklären, wer einen Grund gehabt haben könnte, die Frau derart brutal zuzurichten und zu töten. Doch dann stößt Romy Beccare auf etwas, das sie stutzig macht. Monika Sänger hat sich zuletzt intensiv mit der Geschichte des Seebades Prora beschäftigt, jenen gigantischen Komplex, den die Nazis erbaut hatten. Dort ist ihr Bruder als Bausoldat unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.

Katharina Peters

Hafenmord und Dünenmord

Zwei Ostsee-Krimis

Prolog

Der Typ war topfit. Von Buschvitz nordöstlich von Bergen über die Boddenstraße und Lietzow bis nach Sassnitz an den Hafen waren es gut und gerne zwanzig Kilometer, für die er mit seinem schwarz-roten Crossbike kaum fünfundvierzig Minuten brauchte. Der Mann sei ein bestens trainierter Triathlet, der keine Mühe habe, mal eben fünfzig Straßenkilometer unter die Pedale zu nehmen, hatte Tim gesagt. So sah er auch aus: Eine drahtige Gestalt in Radsportklamotten, der kleine Rucksack saß perfekt, windschnittiger Helm. Man dürfe ihn keinesfalls unterschätzen, hatte Tim noch betont, und der, selbst Ausdauersportler, musste es ja wissen.

Steffen folgte dem Mann seit einigen Tagen wie ein Schatten. An diesem Morgen war er, wie abgesprochen, in aller Herrgottsfrühe über die Rügenbrücke von Stralsund herübergekommen, vorbei an der blaugrün gestrichenen Volkswerft. Die ersten Angler hatten bereits ihre Plätze eingenommen und trotzten stoisch dem Wind. Steffen hatte keine Ahnung, warum Tim wissen wollte, was dieser Kerl trieb.

»Sein Name ist Kai Richardt, und er ist ein mieses Schwein. Alles Weitere wirst du zu gegebener Zeit erfahren«, hatte er nur gesagt.

Aber eigentlich spielte das ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Es war Tim wichtig, über jeden seiner Schritte Bescheid zu wissen, ob der Mann nun geschäftlich unterwegs war, zu Hause auf der Terrasse saß, mit seinen Kindern herumalberte oder sein Trainingsprogramm abspulte. Also machte Steffen seinen Job, und er war felsenfest davon überzeugt, dass er ihn völlig unbemerkt erledigte.

Es gab kaum etwas, was Steffen für Tim nicht getan hätte – seit jener Nacht, als er ihn davor bewahrt hatte, von einer Horde rechter Arschlöcher fertiggemacht zu werden. Wie lange war das her – drei Jahre? Vier? Egal – eine halbe Ewigkeit. Steffen hatte damals auf der Straße gelebt und war richtig heruntergekommen. Seine eigene Mutter hätte ihn kaum wiedererkannt – wenn sie sich die Mühe gemacht hätte, ihm einen Blick zuzuwerfen.

Eines Nachts hatte er in einem Hauseingang in der Heinrich-Mann-Straße in Knieper-Nord Schutz gesucht. Die vier Glatzen waren ihm erst aufgefallen, als sie direkt vor ihm gestanden hatten. Einer hatte ihn festgehalten, ein Zweiter zugetreten, ein Dritter losgedroschen wie ein Irrer, der Vierte hatte zugesehen und höhnisch dazu gegrölt. Wenn Tim nicht zufällig vorbeigefahren und angehalten hätte, um ihm zu helfen, wäre die Sache übel für ihn ausgegangen. Sehr übel.

Seitdem hatte sich nicht alles, aber doch manches grundlegend geändert. Steffen lebte nicht mehr auf der Straße, sondern wohnte in einem Zimmer unter dem Dach des Vereinsheims in Stralsund, in dem Tim sich regelmäßig mit seinen Sportsfreunden traf, und erledigte im Lokal und in Tims Sportgeschäft alle möglichen Jobs. Er fuhr einen alten weinroten 500er Fiat, an dem er wochenlang herumgeschraubt hatte. Hin und wieder soff er noch, aber deutlich weniger und niemals, wenn er mit dem Wagen unterwegs war. Darauf hatte er Tim sein Ehrenwort geben müssen. Er trieb Sport, vornehmlich Kampfsport, und es verschaffte ihm ein tiefes Gefühl der Befriedigung, wenn er spürte, wie gut er in Form war – trotz allem, was er seinem Körper im Laufe der Jahre zugemutet hatte.

Doch gegen die bleischwere Mutlosigkeit, die ihn seit seiner Jugend regelmäßig heimsuchte, schien kein Kraut gewachsen zu sein und auch nicht gegen diese eindringliche Gewissheit, dass sie ihn eines Tages zerstören würde – egal, wie sehr er bemüht war, sein Leben in den Griff zu bekommen, und egal, ob ihn jemand wie Tim zu retten versuchte.

Hinter dem Großen Wostevitzer Teich bog Kai Richardt zunächst in Richtung Fährhafen ab, um dann im Affenzahn am Kriegerfriedhof und Schmetterlingspark vorbeizusausen und Kurs auf den Sassnitzer Stadthafen zu nehmen. Dort drosselte er das Tempo deutlich und radelte schließlich gemütlich auf das Gelände der Fischfabrik, um am Haupteingang des Bürotrakts zu halten. Er stieg ab, lockerte kurz seine Beine, löste den Verschluss des Helms und betrat das Gebäude mit schwungvollen Schritten.

Steffen lenkte seinen alten Fiat auf den Parkplatz am Fischimbiss und parkte ihn hinter einem Transporter. Er stieg aus, hielt die Nase in den Wind und überlegte gerade, sich ein Matjesbrötchen zu besorgen, als der Biker wieder auftauchte. Steffen trat rasch hinter den Transporter und ging in die Hocke, ohne den Mann aus den Augen zu lassen.

Statt sich erneut in den Sattel zu schwingen, sah Richardt sich zunächst unauffällig um, bevor er dann – das Rad locker mit einer Hand neben sich herschiebend – bis ans Ende der Fischfabrik schlenderte. Tim glaubte nicht, dass er sich nur die Beine vertreten und einen Blick auf die geschwungene und zugegebenermaßen eindrucksvolle Fußgängerhängebrücke werfen wollte, die Hafen und Stadtzentrum miteinander verband. Steffen richtete sich auf und folgte ihm in gebührendem Abstand.

Auf dem Fabrikgelände war wenig los. Zwei Männer standen im Gespräch vertieft an einem offenen Tor und sahen nicht mal zur Seite, als Steffen vorbeiging. Auch Richardt hatten sie keines Blickes gewürdigt. Ein LKW fuhr rumpelnd vom Hof. Eine frische Brise trug das Geschrei der Möwen und den satten Klang eines Schiffshorns herüber. Richardt beschleunigte aus unerfindlichen Gründen plötzlich seine Schritte und bog um die Ecke. Steffen musste sich sputen, um zu ihm aufzuschließen.

Hinter der Fabrik und dem Bürotrakt verwaisten einige alte abgelegene Gebäude in trübem Graubraun, die teils zerfielen, teils als Lager- und Geräteschuppen genutzt wurden, wie Steffen vermutete. Zwischen den Gebäudeteilen stand dürftiges Gras; ein mindestens zwanzig Jahre alter LKW samt Anhänger verrottete; ausrangierte Fischkisten und zerschlissene Seile dümpelten vor sich hin; aus einem ausgeschlachteten Trabant quoll Unrat. Ein Ort für Ratten. Betreten verboten.

Steffen schlich gebückt hinter einen Schuppen und beobachtete mit angehaltenem Atem, wie der Mann gerade das Tor eines langgestreckten Backsteingebäudes mit zwei blinden vergitterten Fenstern öffnete und sein Rad hineinschob. Das Tor klackte leise, als das Schloss hinter ihm zuschnappte.

Steffen runzelte die Stirn. Er griff nach seinem Handy und rief Tim an, um ihm mit gedämpfter Stimme Bericht zu erstatten. Die Anweisung, die er nach kurzer Pause erhielt, war unmissverständlich.

Steffen stand auf, straffte die Schultern und sah sich aufmerksam um, bevor er mit eiligen und leisen Schritten zum Tor hinüberlief und lauschte. Im Gebäude war es still, und das Tor ließ sich nicht öffnen. Steffen verharrte. Nach etwa zehn Minuten hörte Steffen plötzlich Schritte und leises Pfeifen. Dann knarzte es, und das Tor wurde ein Stück zur Seite geschoben.

Steffen fuhr herum, schob sich blitzschnell in den Spalt und schlug den Typen nieder, bevor der auch nur einen Mucks von sich geben konnte. Er verriegelte das Tor von innen, fesselte und knebelte den Mann und nahm sein Handy an sich. Dann wartete er auf Tim.

1

Kommissarin Ramona Beccare war erleichtert, als das Telefon klingelte und Kollege Kasper Schneider ihr Wochenende am Sonntagabend vorzeitig beendete. Sie war gerade in ihre Wohnung nach Binz zurückgekehrt: Salzgeruch auf der Haut und das aufgewühlte Meer noch vor Augen. Moritz im Herzen. Melancholisch bis auf die Knochen und gar nicht italienisch temperamentvoll, wie man es ihr gerne nachsagte, geschweige denn unbeschwert und fröhlich.

Sie legte den Motorradhelm auf die Küchenbank, schüttelte ihr schwarzes lockiges Haar zurecht und meldete sich nach kurzem Blick aufs Display. »Guten Abend, Kollege. Gibt es Arbeit für uns?«

»Kann man so sagen. Üble Sache«, erwiderte Schneider nach knapper Begrüßung. Er klang angestrengt. Das war selten.

»Geht das genauer?«

»Jo – ’ne Leiche auf dem Gelände hinter der Fischfabrik am Sassnitzer Hafen. Vorher gab’s ’nen anonymen Anruf.«

Mehr hatte er im Moment nicht zu sagen. Die Kommissarin seufzte. Kasper Schneider war wie die meisten Rüganer nicht gerade als exzessiver Redner oder leutseliger Plauderer verschrien. Das war häufig hilfreich, zeitsparend und angenehm, manchmal jedoch nervtötend und mühsam.

In Rostock und Schwerin, wo Ramona Beccare, genannt Romy, in den vergangenen Jahren als Ermittlerin in verschiedenen Mordkommissionen gearbeitet hatte, bevor sie vor einem guten halben Jahr als leitende Kommissarin nach Bergen auf Rügen wechselte, war es im Gespräch auch selten ausschweifend zugegangen. Romy war also mit einer gewissen nördlichen Sturheit durchaus vertraut und hatte bereits gelernt, ihr südländisches Temperament zu zügeln. Besser gesagt: Sie bemühte sich immer wieder darum, und der Lernprozess war noch lange nicht abgeschlossen.

So nahm sie die landestypisch verbale Zurückhaltung ihres Kollegen Kasper Schneider meist gelassen zur Kenntnis. Der Mann war ein hervorragender Organisator mit einem bemerkenswerten Gedächtnis, und sie konnte bestätigen, dass sein Ruf als bester Hobbykoch auf Rügen – zumindest in Polizeikreisen – völlig angemessen war. Außerdem hatte er ihr den Neubeginn in Bergen leichtgemacht. Mit gut über sechzig Jahren fürchtete der Mann keine Konkurrenz mehr, sondern freute sich über die Verstärkung in Gestalt einer jungen Kommissarin, die in ihrer Freizeit boxte und im Einsatz gerne in vorderster Linie zeigen durfte, was sie draufhatte. Wenn er sein verschmitztes Lächeln zeigte, hatte er sogar was von Hardy Krüger. Aber das durfte sie ihm vielleicht mal in zwanzig Jahren sagen. Wenn überhaupt.

Die 35-jährige gebürtige Münchnerin hatte ihre Laufbahn in der bayerischen Landeshauptstadt bei der Sitte begonnen und kurze Zeit später in Köln fortgesetzt. Ihre Eltern waren entsetzt gewesen, als es sie schließlich sogar nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen hatte – der Liebe wegen. Der Liebe zum Meer. Der Liebe zu Moritz, der aus Rostock stammte und Polizeischüler unterrichtet hatte. Mit dem sie die schönsten Tage ihres Lebens auf Rügen verbracht hatte, in einem kleinen Bungalow in Gager, im Südosten auf der Halbinsel Mönchgut, wo sie sich gar nicht satthören konnte am Rauschen des Meeres und sich den heftigsten Sonnenbrand ihres Lebens geholt hatte. Moritz war im letzten Sommer seinen vierten Marathon gelaufen – und er war bei Kilometer sechsunddreißig den plötzlichen Herztod gestorben.

Romy hatte ihre Eltern nicht zum ersten Mal enttäuscht. Bereits die Entscheidung, zur Kripo zu gehen, statt ihre berufliche Zukunft im elterlichen Restaurant zu suchen, hatte fast den Bruch bedeutet und leidenschaftlich geführte Auseinandersetzungen nach sich gezogen. Romys Vater Frederico stammte aus Neapel und führte zusammen mit seiner Frau, einer waschechten Münchnerin, seit Jahrzehnten ein angesehenes Lokal in Schwabing. Nach seinem Familien- und Selbstverständnis hatten die Kinder die Tradition im Sinne der Eltern fortzusetzen, und zwar voller Begeisterung, Hingabe und Dankbarkeit. Romy liebte ihre Eltern, aber das Leben in Schwabing war nie ihres gewesen, ihr Kochtalent verdiente kaum diese Bezeichnung, und ihr Interesse an der Gastronomie tendierte gegen null.

Leider führte das Thema immer wieder zu hitzigen und lautstarken Diskussionen – auch und gerne am Telefon –, zumal Romys älterer Bruder Roberto inzwischen ebenfalls andere berufliche Pläne hatte, oder besser gesagt: Er hatte keine Lust mehr, unter der Fuchtel des Vaters zu stehen. Romy hatte volles Verständnis für ihn und hielt mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg.

Die Kommissarin schüttelte die Gedanken ab, schlüpfte in ihre Lederjacke und griff zum gerade abgelegten Helm. Ihre Vespa war noch warm, ein kräftiger Ostwind hatte merklich aufgefrischt. Sie fuhr auf der Prorarer Chaussee die Küste entlang in Richtung Norden, links den Kleinen Jasmunder Bodden, rechts die Prora hinter sich lassend.

Die von den Nazis erbaute gigantische Ferienanlage, die weder fertiggestellt noch je ihrer ursprünglichen Bestimmung übergeben worden war, versetzte Romy mit ihrer wuchtigen Präsenz stets aufs Neue in Erstaunen. Mehr noch – die Anlage war ihr unheimlich, auch noch beim dritten und vierten Rundgang. Der dunkle Koloss war mehrere Kilometer lang und beherbergte nach der wechselweisen Nutzung von Militär, Volkspolizei und Bundeswehr inzwischen zahlreiche Ausstellungen und Projekte und bot Platz für kulturelle Veranstaltungen der unterschiedlichsten Art. Doch ein Großteil des Gebäudekomplexes, der in beeindruckendem Kontrast zum ansonsten schicken Binzer Bäderambiente stand, verfiel in stummer Anklage. So hatte sie es Moritz gegenüber ausgedrückt. Der hatte gelacht, sie geküsst und dabei ein Handyfoto von ihnen beiden gemacht, direkt vor dem Haupteingang. Glücklich auch im Angesicht der Prora, hatte er es genannt.

Das Ostseebad Binz war auf der Suche nach einer Wohnung nicht Romys erste Wahl gewesen – zu edel und zu viele Touristen, so hatte ihr Urteil gelautet. Am liebsten hätte sie sich in einem kleinen, abseits gelegenen Fischerdorf in einem reetgedeckten Haus verkrochen. Aber ums Verkriechen ging es nicht und um ewigen Urlaub auf Rügen auch nicht. Also verband sie den Wunsch, in direkter Nähe zu Meer und Wald zu wohnen, mit der Notwendigkeit, mit ihrem Roller bis Bergen nicht länger als fünfzehn Minuten zu brauchen, zumindest außerhalb der Urlaubssaison, und fand schließlich im östlichen Teil des Ostseebades im Buchenweg eine schöne, bezahlbare Bleibe. Sie hatte schnell zugegriffen, ohne es bislang bereut zu haben. Allerdings hatte sie auch noch keine Hochsaison auf Rügen erlebt. Manchmal hörte sie vom Balkon aus den Rasenden Roland.

Der Zugang zu den alten Gebäuden hinter der Fischfabrik war weiträumig abgesperrt, und das Gelände wurde mit Baustrahlern ausgeleuchtet. Uniformierte Polizisten suchten die Umgebung ab oder befragten Leute. Fischkutter schaukelten im Hafenbecken. Kasper Schneider kam ihr entgegen, als Romy ihren Roller abstellte. Eine Windböe blies ihr ins Gesicht und nahm ihr für einen Moment den Atem.

»Die KTU kommt gleich«, sagte er statt einer Begrüßung und fuhr sich mit beiden Händen durch den eisgrauen Haarschopf. »Die Leiche liegt im Keller.«

»Weiß man schon …?«

»Kai Richardt, fünfundvierzig, Geschäftsmann und Familienvater aus Buschvitz. Seine Frau hat ihn gestern Nachmittag als vermisst gemeldet«, erklärte er gemächlich, aber in konzentriertem Tonfall. »Er ist frühmorgens zu einer Radtour aufgebrochen und nicht wieder nach Hause gekommen. Thomas Bittner, der Inhaber der Fischfabrik, hat gerade ausgesagt, dass Richardt ihn am Morgen kurz im Büro besucht hat. Die beiden sind alte Freunde und Sportkollegen. Richardt wollte eine Kleinigkeit an seinem Fahrrad reparieren – in dem Gebäude gibt es eine Werkstatt – und dann wieder zurückfahren. Wahrscheinlich ist er dort überfallen worden. Man hat ihn in den Keller gebracht, gefesselt und totgeschlagen.«

Romy nickte. Für Kaspers Verhältnisse war das ein Vortrag mit Überlänge gewesen. »Haben wir es hier mit einem Raubüberfall zu tun?«

Kasper schüttelte den Kopf. »Glaub ich nicht – Geld, Ausweis und Schlüssel haben wir in seinem Rucksack gefunden. Allerdings fehlt das Handy, zumindest nach der ersten Sichtung. Und die Werkstatt sieht auch nicht nach Beutemachen aus.«

»Hat ihn bereits jemand eindeutig identifizieren können?«

»Ja. Wir haben Bittner ein Foto gezeigt, das wir im Keller gemacht haben – da unten soll niemand rumlatschen, solange die Techniker nicht durch sind«, fügte er erklärend hinzu.

»Weiß die Ehefrau schon Bescheid?«

Er schüttelte den Kopf. »Nö. Da war noch niemand. Sollten wir vielleicht anschließend zusammen machen.«

»Okay. Gehen wir.«

Meine letzte Leiche liegt schon eine ganze Weile zurück, dachte Romy, während sie Kasper ins Gebäude folgte – meine letzte berufliche Leiche, verbesserte sie sich rasch. Sie riss sich nicht um die Tatortbesichtigung, aber sie wich ihr auch nicht aus. Es erforderte Mut, genau hinzusehen, alles zu registrieren und dabei nichts zu bewerten: emotional zu bewerten. So hatte es Moritz seinen Schülern immer geraten.

Die Schule war das eine, der Einsatz das andere. Aber es war hilfreich, Ereignisse und Gegebenheiten zu versachlichen, in ihrem speziellen Kontext zu belassen und niemals auf sich selbst zu beziehen. Hätte sie das nicht frühzeitig gelernt, wäre sie keine drei Wochen bei der Sitte oder der Mordkommission geblieben.

Kasper und Romy durchquerten einen Raum, der offensichtlich als Werkstatt und Lager für Fahrräder, Zubehör und Kajaks diente. Es roch nach altem Gemäuer, feucht, erdig und dezent nach Fisch. Aber hier roch alles mehr oder weniger dezent nach Fisch. Durch eine weitere Tür gelangten sie an einen Treppenabgang. Ein kalter Luftstrom ließ Romy erschaudern. Kasper wies nach unten.

»Das Haus ist komplett unterkellert«, erklärte er. »Die Räume sind voller Gerümpel, dienen als Abstellkammern oder sind leer – sagt Bittner.«

Die Leiche von Kai Richardt lag ausgestreckt im ersten Keller rechts neben der Treppe – ein düsteres, kaltes Verlies, das – abgesehen von einigen Brettern, Holzkisten und Bohlen – leer war. Ein Strahler war direkt auf den Leichnam gerichtet, ein zweiter leuchtete den Raum aus. Romy nestelte Handschuhe aus der Innentasche ihrer Jacke und hockte sich neben ihn. Sie sammelte sich kurz, hob den Blick und sah ihn an.

Der Tote lag in seinen Radsportklamotten auf der Seite. Der Kopf war blutverkrustet, Hände und Füße waren mit dünnen Seilen straff hinter seinem Rücken gefesselt. Ein weiteres Seil verband die Fesseln miteinander und führte zu einem robusten, in der Wand verankerten Eisenring, wo es mehrfach verknotet war. Da hatte jemand ganz sichergehen wollen. Ein Knebel lag auf dem Boden. Romy wies Kasper mit beiläufigem Nicken darauf hin. Der nickte ebenso beiläufig zurück.

Der Mann muss mal sehr gut ausgesehen haben, dachte sie – bevor man ihm den Schädel eingeschlagen hatte. George-Clooney-Typ, aber drahtiger und durchtrainierter – vermutete sie zumindest, ohne George Clooney mit dieser Einschätzung zu nahe treten zu wollen. Sie tastete nach seinem Nacken und prüfte, ob der Kopf noch beweglich war. In ähnlicher Weise kontrollierte sie Kniegelenke und Ellenbogen. Die Totenstarre war fast vollständig ausgebildet. Richardt war also mindestens seit acht, angesichts der niedrigen Temperaturen im Keller wahrscheinlich zehn oder sogar schon zwölf Stunden tot.

»Man hat ihn ziemlich übel zugerichtet«, bemerkte sie und erhob sich wieder. »Ohne dem Rechtsmediziner vorgreifen zu wollen: Ich schätze, der ist heute Morgen gestorben.«

Von oben waren plötzlich Stimmen und Schritte zu hören, die sich schnell näherten. Zwei Kriminaltechniker in weißen Schutzanzügen eilten die Treppe herunter. Der ältere von beiden, ein hagerer Mann mit stechend blauen Augen, runzelte die Stirn, als er die beiden Kommissare bemerkte. Romy zeigte ihm rasch ihre behandschuhten Hände.

»Wir machen euch sofort Platz, Kollegen«, versicherte sie.

»Besser ist es.«

»Könnt ihr mir Aufnahmen …«

»Wir machen das nicht zum ersten Mal«, unterbrach der Hagere sie ruppig. »Wer sind Sie überhaupt?«

Romy wischte die wütende Entgegnung, die ihr auf der Zunge lag, mühsam beiseite und zwang sich zu einem Lächeln. »Darf ich mich vorstellen? Ich bin die neue leitende Kommissarin aus Bergen: Ramona Beccare, und ich verschaffe mir gerade einen Überblick über den Tatort.«

»Ach ja …« Er nickte. Ein Anflug von Unsicherheit stahl sich über das Gesicht des Hageren. »Hab davon gehört. Die Italienerin.«

»Nicht ganz«, gab Romy zurück, ohne den genervten Tonfall zu überdecken. »Ich bin in Deutschland geboren – in München. Allerdings ist mein Vater in Neapel zur Welt gekommen.« Sie hob die Brauen. »Ich hoffe, Sie sind jetzt nicht allzu enttäuscht.«

»Aha. München. Verstehe.« Er runzelte die Stirn und warf Kollege Schneider einen fragenden Blick zu. »Na gut. Wir machen dann mal unsere Arbeit.«

»Jo«, meinte Kasper zustimmend. »Nur zu.«

Ramona ging jede Wette ein, dass für den Kriminaltechniker zwischen München und Neapel lediglich ein gradueller Unterschied bestand. Wenn überhaupt.

»Ich möchte Detailaufnahmen von den Fesseln«, sagte sie ruhig.

»Kriegen Sie.« Der Mann wandte sich ab, ohne die Kommissarin noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

Romy drehte sich zur Treppe um. »Ist es hier passiert?«, fragte sie Kasper, während sie hochgingen.

»Sieht ganz so aus. Kampf- und Blutspuren sind bislang auf dem Gelände nicht gesichert worden. Aber die Kollegen haben ja ihre Arbeit gerade erst aufgenommen.«

Romy atmete erleichtert auf, als sie wieder ins Freie traten. Ihr Blick fiel auf einen hochaufgeschossenen, schlaksigen Mann in auffallend feinem Zwirn, der direkt hinter der Absperrung neben zwei Polizisten stand und zu ihnen herüberstarrte.

»Ist das Bittner?«, fragte sie Kasper.

»Ja, das ist er. Willst du gleich mit ihm reden?«

»Gute Idee. Kümmerst du dich um den anderen Kram hier?«

Schneider nickte. Romy ging auf den Mann zu, der sichtlich mitgenommen wirkte. »Herr Bittner?«

»Ja.« Er sah sie zugleich ernst und verdutzt an. »Sind Sie auch von der Polizei?«

»Kommissarin Beccare aus Bergen«, stimmte Romy zu. »Ich leite die Ermittlungen. Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten? In Ihrem Büro vielleicht?«

Bittner nickte und führte sie zum Bürotrakt. Romy hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Das Chefbüro befand sich im ersten Stock. Der Raum war groß, hell und freundlich. Großformatige Fotos mit typischen Rügenmotiven – die Kreidefelsen, Kap Arkona, der Große Jasmunder Bodden, Insel Vilm, Ralswiek, wo die Störtebeker-Festspiele stattfanden – schmückten neben Aufnahmen von alten Fischkuttern und romantisch-wilden Strandszenen die Wände. Das einzelne Bild einer imposanten Buche musterte Romy eine ganze Weile. Sie hätte fast eine Wette darauf abgeschlossen, dass der Maler im Jasmund unterwegs gewesen war, wo es den ihrer Ansicht nach schönsten Buchenwald der Welt gab. Schließlich wandte sie sich dem Fabrikbesitzer zu.

»Nehmen Sie doch Platz«, sagte Thomas Bittner und machte eine fahrige Handbewegung in Richtung einer ledernen Sitzecke vor einer breiten Fensterfront. »Was ist mit Kai passiert?«

»Das wissen wir noch nicht genau.«

Romy ließ sich in einen Sessel fallen und schlug ein Bein über das andere, nachdem sie Block und Stift bereitgelegt hatte. Bittners Gesicht war von einer ungesunden Blässe überzogen, seine Augen irrten hektisch umher, die Hände zitterten.

»Aber er ist … tot?«

»Ja.«

Bittner schluckte, und der Adamsapfel hüpfte in seinem dünnen Hals auf und ab. »Mein Gott …«

»Sie kannten ihn gut?«

Bittner nickte. »Seit über zwanzig Jahren. Seit er nach der Wende herkam, um sein Geschäft aufzubauen – anfangs zusammen mit einem Partner.«

»In welcher Branche?«

»Innenausstattung, gehobene Klasse. Kai hat sich auf Arztpraxen, Büro- und Geschäftsräume spezialisiert und sich in ganz Mecklenburg-Vorpommern einen Namen gemacht«, erwiderte Bittner prompt. »Wir gehen oft zusammen joggen und Rad fahren, schwimmen, sind bei Triathlons dabei … Manchmal waren wir auch mit den Kajaks unterwegs.« Seine Stimme senkte sich. Er blickte zur Seite. »Kai war besser als ich. Viel besser. Er hat härter trainiert und ist manchen Marathon zusätzlich gelaufen. Daneben hat er sogar noch die Zeit gefunden, sich an der Organisation von Wettkämpfen zu beteiligen.« Er räusperte sich und schloss kurz die Augen. »Ich fasse es einfach nicht.«

Hartes Training, Wettkämpfe, Marathon, dachte Romy und schob tief durchatmend die stechende Wehmut beiseite. Sie hatte den Eindruck, dass Bittner zutiefst getroffen war. Der Mann wirkte überzeugend erschüttert. »Wann haben Sie Richardt zum letzten Mal gesehen?«

Thomas Bittner blickte sie wieder an. »Gestern Morgen. Das sagte ich bereits einem Kollegen von Ihnen. Er hat eine Radtour gemacht und …«

»Wie spät war es, als er hier eintraf?«

»Halb acht ungefähr.«

»So früh sind Sie an einem Samstagmorgen im Büro?«

»Ich war gegen sieben Uhr an meinem Schreibtisch. Wie immer«, entgegnete Bittner. »Ich bin Frühaufsteher. Allerdings mache ich samstags immer gegen Mittag Feierabend.«

»Und was wollte Richardt?«

»Kurz klönen, einen Lauf verabreden. Nichts Besonderes. Er kam manchmal auf einen Sprung vorbei. Anschließend ist er noch nach hinten in die Werkstatt, um die Gangschaltung einzustellen.« Er schluckte.

»Wer hat einen Schlüssel zu diesem abgelegenen Gebäude und zu der Werkstatt?«, fragte Romy.

»Nur wir beide«, antwortete Bittner sofort. »Die Werkstatt haben wir uns vor etlichen Jahren dort eingerichtet. Die alten Gebäude werden nur noch zum Teil genutzt, und dahinten ist ja genug Platz.«

»Verstehe. Haben Sie gesehen, wie Richardt nach seinem Werkstattbesuch wieder aufgebrochen ist?«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe allerdings auch nicht darauf geachtet. Ich bin davon ausgegangen, dass er wenige Minuten später wieder in den Sattel steigen würde, um zurückzufahren.«

»Würde es auffallen, wenn hier ein Fremder herumliefe?«

»Kaum. Das Gelände ist weitläufig, meist geht es sehr betriebsam zu, und hinten zwischen den alten Gebäudeteilen kann man sich gut verbergen – jedenfalls, wenn man es darauf anlegt.«

Romy überlegte kurz. »Herr Bittner, ich muss Sie das fragen: Wie haben Sie das Wochenende verbracht?«

»Mit meiner Familie. Wir hatten Besuch von meiner Schwester und ihren Kindern«, antwortete er prompt.

»Und wo waren Sie am Sonntagmorgen?«

»Zu Hause, es gab ein gemeinsames Frühstück mit der Familie. Vorher war ich joggen«, erwiderte Bittner.

»Wann?«

»Zwischen sieben und halb neun.«

»Allein?«

»Ja. Ich bin von Sassnitz nach Blandow gelaufen, hin und zurück circa achtzehn Kilometer.«

»Ganz schön schnell«, bemerkte Romy.

»Geht so. Fünfer-Schnitt.«

Romy nickte. Moritz war vier dreißig gelaufen. »Hat Sie jemand gesehen?«

»Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Wir werden das überprüfen müssen – reine Routine«, erläuterte Romy.

»Ich weiß.«

»Richardt hinterlässt eine Familie, nicht wahr?«

»Ja, seine Frau Vera und zwei kleine Kinder. Ich glaube, die sind vier und sieben oder so.«

Die Kommissarin machte sich eine Notiz und blickte wieder hoch. »Herr Bittner, ich entnehme Ihren Worten, dass Kai Richardt ein erfolgreicher und beliebter Mann gewesen ist, der ein rundherum erfülltes Leben führte …«

»So ist es!«

»Wissen Sie von irgendwelchen Streitereien oder Konflikten?«

»Nein. Nichts.«

»Geschäftliche Probleme?«

Bittner hob die Hände. »Die haben wir doch alle mal. Aber ich weiß von keinem aktuellen Fall, wenn Sie das meinen. Und er würde mir erzählen, wenn er Ärger hätte – ganz sicher.«

Romy steckte nach kurzem Überlegen ihren Block ein und stand auf. »Danke vorerst. Wir kommen sicherlich noch mal auf Sie zurück, Herr Bittner.«

Der Fabrikbesitzer erhob sich ebenfalls und begleitete sie zur Tür. »Der Mann war erst fünfundvierzig«, sagte er leise. »Im besten Alter, wie man so schön sagt. Letztens erzählte er noch, wie stark und fit er sich fühle. Ich …«

Moritz war gerade vierzig geworden, fuhr es Romy durch den Kopf, und bevor sie den Gedanken daran hindern konnte, hatte er schon ihr Herz erreicht. Auf dem Weg zum besten Alter. Eine verschleppte Grippe hatte sich in seinem Herzen eingenistet und ihm den Garaus gemacht. Innerhalb von Sekunden. Bei Kilometer sechsunddreißig, wo Ramona mit Apfelsaft und Banane gewartet hatte, um seine leeren Kohlenhydratspeicher für den Endspurt aufzufüllen. Er hatte persönliche Bestzeit laufen wollen.

Sie verabschiedete sich und lief eilig die Treppe hinunter. Vor der Tür wartete bereits Kasper. Sein tiefblauer Blick huschte prüfend über ihr Gesicht. »Alles klar?«

»Hm, fürs Erste ja.« Sie sah kurz hinüber zur Mole und zum Leuchtturm. »Wir sollten ihn in den nächsten Tagen zum Protokoll bitten.«

»Machen wir.«

»Habt ihr noch was gefunden?«

»Nö. Die Jungs brechen gerade ab«, erläuterte Schneider. »Es geht gleich morgen früh bei Tageslicht weiter. Fahren wir zusammen zur Witwe?«

»Machen wir gleich.« Romy zog ihren Rollerschlüssel aus der Tasche. »Aber sag erst mal was zu dem anonymen Anruf. Gibt’s da schon was Genaueres?«

Kasper kratzte sich am Hinterkopf. »Männliche Stimme, wahrscheinlich verstellt. Kurzer und knackiger Hinweis, wo wir Kai Richardt finden. Ende.«

»Und wann genau war das?«

»Kurz vor achtzehn Uhr.«

»Wer hat den Anruf angenommen?«

»Fine. Ich hab mir die Aufnahme zweimal angehört.«

Fine Rohlbart war die entscheidende Frau im Innendienst des Kommissariats. Mädchen für alles seit über fünfundzwanzig Jahren. Wobei »Mädchen« für ihre wuchtige Erscheinung denkbar unpassend war, aber diese Meinung behielt man besser für sich.

»Was meinst du – wollte er einen Hinweis auf einen Toten oder einen Verletzten geben?«, hakte Romy nach.

Kasper überlegte einen Moment. »Gute Frage. Da ist beides drin.« Er nickte. »Ja. So oder so.«

»Und warum ruft er die Polizei in Bergen an und nicht die in Sassnitz?« Sie wies mit dem Daumen über die Schulter in Richtung des nur wenige Meter entfernten Polizeigebäudes.

»Keine Ahnung. Vielleicht Zufall.«

Romy runzelte die Stirn. »Nun gut, lass uns mal zusammenfassen«, meinte sie dann. »Samstagmorgen fährt Kai Richardt mit seinem Rad hier aufs Gelände, hält einen kurzen Plausch mit Bittner und wird danach nicht mehr gesehen. Sonntagabend, also anderthalb Tage später, meldet sich ein anonymer Anrufer. Geschätzter Todeszeitpunkt: heute Morgen … Hm.«

»Wollte ich auch gerade sagen.«

»Lass uns fahren.«

Familie Richardt bewohnte auf einem abgelegenen Grundstück, das nur über eine schmale holprige Nebenstraße zu erreichen war, ein prachtvolles, reetgedecktes Fachwerkhaus mit großem Garten und Blick auf den Kleinen Jasmunder Bodden, über dem eine zierliche Mondsichel stand. Wahrscheinlich hört man bei offenem Fenster das Wispern des Schilfs und das Geschrei der Seevögel, dachte Romy. Und in der frostigen Jahreszeit kriechen Eisblumen über die Scheiben und leuchten im kalten Licht der Wintersonne. Das reinste Idyll. Bis jetzt jedenfalls.

Sie klingelte, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Sie legte sich niemals Worte zurecht. Vorformulierte Sätze waren wie Schablonen, die nie richtig passten. Sie musste erst den Menschen sehen, dem sie die Todesnachricht zu überbringen hatte.

Von drinnen ertönte Kindergeschrei.

»Geh bitte nach oben«, war eine weibliche Stimme zu hören. Ihr Ton war drängend. »Es ist schon spät. Ich komme gleich nach.«

»Es hat aber geklingelt!«, beharrte das Kind – eine Junge, wie Romy annahm.

»Ich weiß. Aber du gehst jetzt auch nach oben zu deiner Schwester.«

»Ooch …«

Die Tür wurde einen Augenblick später geöffnet. Eine zierliche Frau mit kastanienbraunem mittellangem Haar und püppchenhaftem Gesicht öffnete. Romy schätzte sie auf vierzig, wobei Vera Richardt zu den Frauen gehörte, die viel dafür taten, auf unaufdringliche Weise jünger zu wirken. Ihr Blick wanderte von Romy zu Kasper und wieder zurück zu Romy, um dann einen Moment an deren Lederjacke hängen zu bleiben. Es wurde still.

»Polizei?«, fragte sie dann und ließ das Fragezeichen nur langsam ausklingen.

»Ja«, sagte Romy und stellte sich und Kasper vor. »Dürfen wir hereinkommen?«

Vera Richardt hielt die Klinke umfasst. »Haben Sie schlechte Nachrichten?«

»Wir sollten nicht zwischen Tür und Angel darüber sprechen«, entgegnete Romy.

Vera Richardts Miene versteinerte sich. Sie nickte, trat beiseite und führte sie schließlich durch eine großzügig angelegte Diele, in der ein großformatiges Naturaquarell merkwürdig deplatziert neben der Garderobe hing, in eine Stube mit bequemen und schreiend bunten Sitzmöbeln. Dem verstreuten Spielzeug nach zu urteilen, wurde der Raum vornehmlich als Kinderzimmer genutzt.

Romy setzte sich auf einen giftgrünen Stuhl und berichtete, dass die Polizei nach einem anonymen Anruf am Abend in den Sassnitzer Hafen gefahren war.

»Wir sind sicher, dass wir dort Ihren Mann gefunden haben«, fügte sie hinzu und ließ Vera Richardt nicht aus den Augen.

»Wie? Was für ein anonymer Anruf?«, fragte sie perplex.

»Jemand informierte uns darüber, dass Ihr Mann in einem der alten Gebäude hinter der Fischfabrik zu finden sei. Die Polizei entdeckte ihn dann im Keller einer Werkstatt, die er gemeinsam mit Thomas Bittner benutzte«, entgegnete Romy. Die Frage irritierte sie.

Vera Richardt biss sich auf die Unterlippe und begann ihre Finger zu kneten.

»Wir konnten nichts mehr für ihn tun«, sagte Romy schließlich. »Es tut uns leid.«

Die Witwe atmete tief durch und hob plötzlich das Kinn. »Nun sagen Sie schon: Was ist passiert?«

Sie will es hinter sich haben, dachte Romy. Verständlich.

»Im Moment gehen wir davon aus, dass Ihr Mann dort überfallen und niedergeschlagen wurde«, erörterte sie leise. »Er erlag wahrscheinlich heute Morgen seinen tödlichen Verletzungen. Die genauen Einzelheiten erfahren wir jedoch erst nach der rechtsmedizinischen Untersuchung.«

»Aber …?« Vera Richardt schüttelte den Kopf und starrte zum Fenster hinaus.

»Frau Richardt, können wir Ihnen einige Fragen stellen? Für unsere Ermittlungen ist es immens wichtig …«

Sie stand abrupt auf und setzte sich ebenso plötzlich wieder. »Ja, ja, natürlich … fragen Sie. Fragen Sie ruhig. Ich werde antworten, so gut ich kann.«

»Danke für Ihr Verständnis. Wir sind sicher, dass wir Ihren Mann gefunden haben – Thomas Bittner hat ihn nach einem Foto vom Tatort bereits identifiziert«, erklärte Romy. »Dennoch: Wäre es Ihnen möglich, einen kurzen Blick auf die Aufnahme zu werfen und ihn morgen persönlich zu identifizieren?«

Die Kommissarin sah ihren Kollegen auffordernd von der Seite an und wandte sich dann wieder der Frau des Opfers zu, während Kasper Schneider das Foto aus seiner Tasche zog. Vera Richardt reckte den Hals und betrachtete es nur flüchtig. Sie zwinkerte, nickte und sah rasch wieder zur Seite.

»Ja. Natürlich. Das ist er«, betonte sie mit rauer Stimme. »Eindeutig – dazu muss ich ihn nicht mehr sehen …«

»Ich fürchte, schon, Frau Richardt. Er sollte zusätzlich von einem nahen Angehörigen identifiziert werden«, erklärte Kasper ruhig.

Die Frau schüttelte heftig den Kopf. »Auf keinen Fall! Das kann ich nicht, und außerdem kann mich niemand dazu zwingen …«

»Lassen wir das Thema im Augenblick beiseite«, unterbrach Romy sie kurzerhand. »Ihr Mann ist gestern früh mit seinem Fahrrad losgefahren. Allem Anschein nach hatte er eine längere Trainingstour vor. Am Nachmittag haben Sie sich bei der Polizei gemeldet.«

Vera Richardt strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, das plötzlich weich und verträumt wirkte. »Ja, er war manchmal stundenlang unterwegs. Das war nichts Ungewöhnliches. Am Vormittag bin ich zunehmend unruhiger geworden, weil ich ihn zurückerwartete. Aber ich konnte ihn nicht erreichen. Das Handy war ausgestellt, und im Geschäft in Bergen war er auch nicht – manchmal radelt er dort noch vorbei, um nach der Post zu sehen.«

»Haben Sie mit Freunden telefoniert und nachgefragt?«

Ein verblüffter Blick streifte Romy. »Nein.«

»Warum nicht?«

Vera zog die Achseln hoch und ließ sich Zeit mit der Antwort. »Kai schätzte es nicht, wenn ich ihm hinterhertelefonierte – schon gar nicht beim Training. Eine Stunde mehr oder weniger spielte keine Rolle. Sollte keine Rolle spielen. Durfte keine Rolle spielen. Das war seine Sache.«

Romy lehnte sich zurück. »Aber als Sie anfingen, sich ernsthaft Sorgen zu machen …«

»Hab ich mich gleich mit der Polizei in Verbindung gesetzt, ja. Das schien mir das Sicherste. Er hätte ja auch einen Unfall haben können.«

»Verstehe.« Allerdings nur teilweise, überlegte Romy. Ruft man nicht zunächst Freunde und Bekannte an, wenn der Mann, Freund, Lebensgefährte vermisst wird, bevor man sich an die Behörden wendet?

Sie schob den Gedanken vorerst beiseite. Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt für insistierende Fragen – nicht wenige Minuten nachdem die Frau erfahren hatte, dass ihr Mann einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.

»Wer hat von der Trainingstour Ihres Mannes gewusst, Frau Richardt?«, fuhr Romy fort.

Die Witwe zuckte mit den Achseln. »Er hat fast immer Samstagmorgen trainiert – mal ist er gejoggt, mal mit dem Rad unterwegs gewesen. Ich denke, das wissen alle, die ihn kennen.«

Romy nickte. »Wie haben Sie den heutigen Tag verbracht, Frau Richardt?«

Die Witwe sah sie erstaunt an. »Ist die Frage ernst gemeint?« Dann lachte sie unfroh auf und winkte ab. »Schon gut – Sie müssen das wohl fragen.«

»So ist es, und wir müssen es sogar überprüfen – reine Routine.«

»Reine Routine …«, wiederholte sie. »Nun, ich war zu Hause, habe lange geschlafen, nachdem ich in der letzten Nacht kaum ein Auge zugemacht hatte, und mich dann um meine Kinder gekümmert. Gewartet. Mich abzulenken versucht …«

»Und gestern?«

»Gestern?«

»Nachdem Sie mit der Polizei gesprochen hatten.«

»Ach so. Ich war abends mit einer Freundin im Kino. Die Kinder hatte ich zu meinen Eltern gebracht. Die Warterei war zermürbend – ich wollte mich ablenken«, schob sie eilig hinterher.

Ablenken, wiederholte Romy stumm. Nun gut. Warum auch nicht? Jeder Mensch reagiert anders in Ausnahme- und Stresssituationen. Kasper gab ihr ein unauffälliges Zeichen mit der Hand. Seiner Ansicht nach sollte die Befragung fürs Erste genügen. Wahrscheinlich hatte er recht. Im Flur waren plötzlich wispernde Kinderstimmen zu hören.

»Sie sind uns gleich los, Frau Richardt«, versicherte Romy, als die Witwe nervös zur Tür blickte und erneut ihre Hände zu kneten begann. »Nur noch ein paar Kleinigkeiten, damit wir unverzüglich mit den Ermittlungen anfangen können: Wir benötigen Namen und Adressen von Freunden, Familienangehörigen, Sportkollegen, Geschäftspartnern ihres Mannes und ein aktuelles Foto von ihm. Außerdem bitte ich Sie um die Kontaktdaten Ihrer Eltern und der Freundin, mit der Sie unterwegs waren.«

Vera Richardt stand sofort auf. »Natürlich. Kein Problem.«

»Und es wäre hilfreich, wenn Sie uns seine Handynummer sowie den Mobilfunkanbieter aufschreiben und uns seinen PC mitgeben könnten«, fügte Romy hinzu, während sie sich ebenfalls erhob.

»Kai hat sich gerade einen neuen Laptop für zu Hause gekauft«, erklärte Vera Richardt bereitwillig. »Er wollte ihn am Wochenende einrichten.« Sie runzelte die Stirn. »Ich glaube, er hat bereits am Freitagabend damit angefangen. Er ist in seinem Büro unterm Dach.« Sie zeigte zur Decke und wandte sich zur Tür. »Warten Sie, ich hole ihn.« Damit eilte sie aus dem Zimmer.

Romy warf Kasper einen fragenden Blick zu, den dieser achselzuckend zurückgab, während sie in die Diele gingen und warteten. Wieder waren die Stimmen der Kinder zu hören. Ein kleines Mädchen und ein älterer Junge, erinnerte Romy sich an Bittners Hinweis.

»Da darfst du nicht rein, Mama!«, rief der Junge empört. »Das ist Papas Arbeitszimmer.«

Die Tür klappte. Einige Minuten später huschte die Witwe wieder die Treppe herunter und übergab Kommissar Schneider einen Laptop. Obenauf lag ein Farbfoto von ihrem Mann, an das seine Visitenkarte mit mehreren Telefonnummern sowie einem handschriftlichen Vermerk bezüglich des Mobilfunkanbieters geheftet war. Auf einem zweiten Notizzettel waren die gewünschten Adressdaten von Veras Eltern und ihrer Freundin akkurat aufgelistet.

Die Aufnahme zeigte Richardt im enganliegenden Laufdress, das ihm hervorragend stand: Mit strahlendem Lächeln und blitzweißen Zähnen hielt er eine Medaille in die Kamera. Graue Augen, dunkelblondes kurz geschnittenes und sehr volles Haar, kräftiges Kinn, ein winziges Grübchen, harmonische Gesichtszüge, braungebrannt. Er wirkte jünger als Mitte vierzig. Ein Frauentyp. Ein Mann, dem auch Romy hinterherblicken würde, und zwar lange und interessiert.

»Und die anderen Kontaktdaten finden wir auf dem Laptop?«, fragte sie.

»Ich denke, ja. Ansonsten müssten Sie im Geschäft nachfragen. Dort hilft man Ihnen gerne weiter.«

»Danke für den Hinweis. Hatte Ihr Mann sonst noch irgendwelche Speichermedien zu Hause, die uns weiterhelfen könnten – USB-Sticks, CDs?«

Vera Richardt schüttelte den Kopf. »Ich denke, das ist alles in seinem Geschäftsbüro …« Sie brach ab und hob dann mit einer fahrigen Geste die Hände. »Bitte gehen Sie! Ich muss jetzt unbedingt alleine sein. Ich …«

»Kümmert sich jemand um Sie?«, fragte Schneider und musterte sie mit besorgter Miene.

»Ja, ich rufe gleich meine Eltern an.« Sie wies mit ausgestrecktem Arm zur Haustür. »Bitte!«

Romy setzte sich auf ihre Vespa und atmete laut aus. »Jede Wette – die beste Ehe war das nicht.«

Kasper runzelte die Stirn. »Wie kommst du darauf? Sie ist völlig durch den Wind. Da kannst du nichts drauf geben, in einer solchen Situation.«

»Doch«, behauptete Romy. »Da kann ich was drauf geben.«

Auch wenn ich sie nicht mag und Antipathie ein mieser Ratgeber ist, fügte sie in Gedanken hinzu. Fast genauso mies wie übertriebene Sympathie.

»Außerdem ist sie genau das nicht: durch den Wind, und schon gar nicht völlig. Aber gut – wir werden sehen.«

Dazu sagte Kasper nichts. Romy warf noch einen sehnsüchtigen Blick zum Bodden, setzte ihren Helm auf und startete den Roller. »Wir sehen uns morgen früh: in alter Frische!«

Der Kollege hob eine Hand und winkte ihr nach.

Mirjam wohnte mit ihrem Mann Ben in der Altstadt von Stralsund. Von der Mühlenstraße bis in die Langenstraße, wo die Praxis, in der sie als Tierarzthelferin arbeitete, in einem sanierten Fachwerkhaus residierte, brauchte sie mit dem Rad gerade mal fünf Minuten.

Am Montagmorgen klingelte das Telefon, als sie gerade eingetroffen war und die Kaffeemaschine angestellt hatte. Mirjam vermutete, dass ihre Kollegin mal wieder verschlafen hatte und sie in zuckersüßem Ton langatmig um Entschuldigung bitten wollte. Seit Petra einen neuen Freund hatte, passierte das ungefähr dreimal in der Woche, und Mirjam stellte sich bereits darauf ein, auch an diesem Morgen ohne Unterstützung die üblichen Vorbereitungen für einen langen Praxistag treffen zu müssen.

Sie stellte die Verbindung her, klemmte das Telefon zwischen Ohr und Schulter und schlug das Kalenderblatt mit dem Tages-OP-Plan auf. Zwei Kastrationen waren für den Vormittag angesetzt.

»Lass mich raten: Du bist wieder nicht aus dem Bett gekommen«, bemerkte sie in ironischem Ton. »Der Junge muss ja unbeschreiblich gut sein!«

Stille.

»Hallo? Petra? Hörst du mich?«, fragte Mirjam. Dann blickte sie aufs Display. Dort leuchtete eine Nummer auf, die sie nicht kannte. »Wer ist denn da?«

»Ich bin’s – Tim.«

Mirjam schluckte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Natürlich nicht. »Ach? Tut mir leid, ich dachte …«

»Schon gut. Ich wollte dich nicht stören, aber …«

»Ja? Stimmt was nicht?«

»Er ist tot.«

Mirjam riss die Augen auf. Sie musste nicht fragen, wen Tim meinte.

»Das wollte ich dir sagen. Ein Bekannter aus Sassnitz, auch ein Läufer, hat mich heute früh angerufen«, erklärte er leise. »Man hat Kai am Hafen gefunden.«

»Aber …?« Sie schüttelte verwirrt den Kopf.

»Die Polizei ermittelt. Wahrscheinlich wird morgen was in der Zeitung stehen. Fest steht nur eins: Er ist tot.«

Mirjam wusste nicht, was sie sagen sollte. »Tim?«, meinte sie schließlich mit einer Stimme, die ihr selbst fremd war.

»Ja.«

»Ich muss aufhören, jeden Moment kann meine Kollegin kommen.«

»Ja, schon gut. Tust du mir einen Gefallen?«

»Welchen?«

»Vergiss, dass wir letztens über ihn gesprochen haben.«

»Aber …« Sie schloss kurz die Augen.

»Ich will mich mit dieser Geschichte nicht mehr befassen«, flüsterte er. »Nie wieder. Sie hat zu vieles zerstört, unter anderem unsere Beziehung.«

»Ich weiß, Tim, und es tut mir leid, dass ich dich …«

»Vergiss es!«, unterbrach er sie barsch. »Du sollst nur wissen, dass ich sonst was dafür geben würde, sie ungeschehen machen zu können, hörst du?«

»Ja, natürlich. Das weiß ich.«

»Sprich nicht darüber und vergiss einfach alles! Auch diesen Anruf. Bitte! Es ist wichtig.« Damit legte er auf, ohne ihre Antwort abzuwarten.

Mirjam ließ den Arm sinken. Alles vergessen. Wenn das so einfach wäre, hätte sie es längst getan.

2

Fine Rohlbart war rotblond, groß und breit. Ihre Stimme hatte eine beachtliche Resonanz. Als Romy ihr das erste Mal begegnete, war sie gerade dabei, zwei junge Polizisten auf Spur zu bringen, was die alles andere als erquicklich fanden, und Romy hatte augenblicklich an eine resolute Wikingerfrau gedacht. Später erfuhr sie, dass Fine den Vergleich schon häufiger gehört hatte, aber weder zutreffend noch sonderlich geistreich oder witzig fand, und Romy war heilfroh, eine entsprechende Bemerkung heruntergeschluckt zu haben. Wer es sich mit Fine verdarb, war selber schuld.

Als Romy am Montagmorgen in dem schmucklosen, dreistöckigen Polizeigebäude das Kommissariat betrat, beendete Fine gerade ein Telefonat mit dem Rechtsmedizinischen Institut in Greifswald.

»Kaffee ist fertig«, dröhnte sie statt einer Begrüßung. »Der Richardt liegt bereits auf dem Tisch. Das ging richtig schnell. Die melden sich, sobald es was zu berichten gibt.«

Angesichts des vergleichsweise besonderen Falls hatte Romy sich eigentlich eine emotionalere Reaktion von Fine vorgestellt, doch die agierte wie immer und typisch rüganisch: pragmatisch und tatkräftig.

»Okay. Kasper schon da?«, gab Romy ebenso karg zurück und goss sich eine Tasse Kaffee ein.

»Er ist von zu Hause gleich ins Geschäft vom Richardt gefahren – das ist ja bei ihm um die Ecke am Marktplatz – und will die Angestellten befragen. Ich hab noch einen Uniformierten zur Unterstützung hingeschickt.«

»Gute Idee.«

Romy ging in ihr Büro, das direkt vom Gemeinschaftsraum abzweigte, schloss die Tür und sah einen Moment aus dem Fenster. Der kleine Sportplatz lag verlassen unter ihr. Sie setzte sich an den Schreibtisch und notierte ihre Eindrücke von den ersten Befragungen mit Thomas Bittner und Vera Richardt.

Eine halbe Stunde später steckte Kasper den Kopf zur Tür herein. »Der Laptop ist komplett leer«, erklärte er nach flüchtigem Morgengruß und zog den Kopf wieder zurück.

»Wie bitte?« Romy stand auf und folgte ihm.

»Da ist nicht mal ein Betriebssystem drauf«, ergänzte Kasper mit Grüblermiene. »Ich hab das Teil gestern Abend noch einem Techniker vorbeigebracht, bei dem ich was gut habe. Der hat gleich einen Blick drauf geworfen und fand das auch ungewöhnlich.«

Schneider versorgte sich mit Kaffee, und sie setzten sich an den großen Tisch in der Mitte des Raums. Fine hatte Zeit gefunden, eine Schale mit Obst und etwas Gebäck bereitzustellen.

»Vera Richardt hat berichtet, dass ihr Mann den Laptop gerade erst gekauft hat und am Wochenende neu einrichten wollte. Vielleicht hatte er doch noch nicht damit angefangen«, überlegte Romy. »Allerdings werden die Dinger doch heutzutage mit einer Grundausstattung aller möglichen Programme verkauft, die bereits vorinstalliert sind.«

Kasper nickte. »Das ist der Punkt. Der Techniker vermutet, dass die Platte komplett gelöscht, also formatiert wurde, und zwar richtig – da lässt sich nichts mehr wiederherstellen.«

»Schade.«

»Sehe ich auch so.« Schneider stellte seine Tasse ab. »Können wir aber nicht ändern. Dafür hat mir die Sekretärin von Richardt eine lange Liste mit Namen zusammengestellt: Sportkollegen, Geschäftsfreunde, Kunden, aktuelle Aufträge und so weiter. Und den E-Mail-Verkehr der letzten zwei Wochen hat sie mir auch überlassen.«

»Wenigstens etwas. Vielleicht findet sich ja irgendein Hinweis. Wie läuft der Laden denn so?«, fragte Romy.

»Gut. Bestens sogar. Die haben dicke Auftragsbücher und sind völlig von den Socken«, erwiderte Kasper. »Der stellvertretende Geschäftsführer ist fast aus den Latschen gekippt – ein ziemlich junger Kerl, der den Laden jetzt weiterführen muss.«

»Bekleidet Richardts Frau da eigentlich irgendeine Funktion?«

Kasper schüttelte den Kopf. »Sie hat mit den Geschäften kaum was zu tun, hat man mir gesagt, kriegt aber ein Gehalt. Sie kümmert sich um Repräsentatives, wie es so schön heißt.«

»Super«, kommentierte Romy. »Und dafür kriegt sie das Gehalt? Oder eher aus steuerlichen Gründen?«

»Tja …«

»Aha. Und in der Firma kann sich niemand vorstellen, wer ein Motiv gehabt haben könnte? Irgendwelche Mutmaßungen?«

Schneider schüttelte den Kopf. »Der Mann war beliebt und wurde geschätzt, von Männern und Frauen. Der hätte sich als Ortsbürgermeister zur Wahl stellen können – egal, für welche Partei, er hätte viele Stimmen bekommen.«

Romy lächelte. »Verstehe. Was ist eigentlich mit seiner Familie? Hat er Geschwister? Leben die Eltern noch?«

Kasper zog einen Ordner aus seiner Aktentasche zu seinen Füßen und setzte seine Lesebrille auf, die nach Romys Auffassung völlig deplatziert in seinem Gesicht wirkte, aber sie behielt ihre Meinung für sich.

»Geschwister gibt es nicht. Richardt stammt übrigens aus Lübeck, wo die Eltern in einer schnieken Seniorenresidenz leben«, berichtete Kasper und sah kurz hoch. »Ich hab da gleich vom Geschäft aus angerufen. Zurzeit befindet sich das Ehepaar auf Kreuzfahrt im Mittelmeer, wie fast jedes Jahr um diese Zeit.«

»Können wir sie dort irgendwie erreichen?«

»Schon, aber … Wenn es nicht dringend erforderlich ist, sollten wir abwarten, bis sie wieder im Lande sind. Das rät uns auch die Heimleitung.«

»Ach? Warum?«

»Der familiäre Kontakt ist nicht der Rede wert. Richardts Sekretärin verschickt zum Geburtstag der Mutter immer einen üppigen Blumenstrauß. Für den Vater gibt es einen teuren Wein. Zu Weihnachten läuft das ähnlich«, berichtete Kasper. »Wir sollten denen nicht die Reise vermiesen, wenn es nicht unbedingt nötig ist, und bis die Leiche zur Beerdigung freigegeben wird, vergehen noch locker zwei Wochen.«

»Na schön, und falls die Witwe anderer Meinung ist und die Eltern benachrichtigt …«

»Ist das ihre Sache.« Kasper nickte. »Sehe ich auch so.«

»Hast du mal nachgebohrt, was die Ehe der beiden angeht?«, hakte Romy nach.

»Der Mann hat Privates und Geschäft strikt getrennt. Das sagen alle. Zu Vermutungen oder Tratsch wollte sich niemand hinreißen lassen. Wäre auch ein denkbar schlechter Zeitpunkt.« Kasper zuckte mit den Achseln. »Ich denke …«

Er brach ab, als Fine um die Ecke polterte und mit dem Telefonhörer wedelte. »Rechtsmedizin. Wer will?«

Romy streckte die Hand aus. »Guten Morgen. Kommissarin Ramona Beccare am Apparat. Das ging ja schnell«, sagte sie.

»Dr. Möller – Ulrich Möller«, entgegnete eine tiefe Stimme. »Nun, die meisten Untersuchungen stehen noch aus, aber ich glaube, ich habe vorweg schon mal was Interessantes für Sie, das für die weiteren Ermittlungen bedeutsam sein könnte.«

»Ich bin gespannt«, sagte Romy und stellte den Lautsprecher an.

»Der Mann ist am frühen Sonntagmorgen gestorben – er hat heftige Prügel bezogen«, hob der Rechtsmediziner an.

Hochinteressant, dachte Romy. Das habe ich gestern Abend schon gewusst. Sie räusperte sich und hob eine Braue, während sie Kasper einen vielsagenden Blick zuwarf.

»Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber das ist uns bei der Tatortbesichtigung nicht entgangen, Dr. Möller«, bemerkte sie mit einem Lächeln in der Stimme.

Der Mediziner lachte amüsiert auf. »Ich begrüße es sehr, dass Sie offenbar aufmerksam hingesehen haben – das tun beileibe nicht alle Kriminalbeamten. Zugleich gehe ich jedoch stark davon aus, dass ich Ihnen etwas Neues sage, wenn ich darauf hinweise, dass das Opfer nicht etwa verprügelt wurde und kurz darauf verstarb.«

»Sondern?«

»Nach den bisherigen Untersuchungen der zahlreichen Hämatome am ganzen Körper, die aufgrund stumpfer Gewalt entstanden sind, halte ich es für denkbar, dass der Mann ungefähr einen Tag vor seinem Tod massiv geschlagen wurde, aber erst am Sonntagmorgen den tödlichen Hieb auf den Kopf erhielt.«

Das war in der Tat neu. »Interessant.«

»Nicht wahr? Darüber hinaus lässt der Zustand seiner Haut den Schluss zu, dass er ziemlich ausgetrocknet und entsprechend geschwächt war«, ergänzte Möller. »Die Abdrücke der Fesseln belegen, dass er eine ganze Weile daran gezerrt und sich zu befreien versucht und schließlich entkräftet aufgegeben hat. Zum Mageninhalt kann ich noch nichts sagen. Im Moment spricht sehr viel dafür, dass der Mann dort eine ganze Weile festgehalten wurde und keine gute Zeit hatte.«

Romy pfiff leise.

»Sehen Sie. Dachte ich mir doch, dass Sie dieser Information erhöhte Aufmerksamkeit schenken würden«, sagte Möller, und er klang sehr zufrieden. »Haben Sie bereits die Tatwaffe gefunden?«

»Noch nicht. Was käme denn Ihrer Ansicht nach infrage?«

»Ein schwerer, länglicher, glatter Gegenstand«, antwortete Möller prompt. »In der Wunde fanden sich keinerlei Rückstände. Eine Glasflasche wäre denkbar.«

»Danke, Dr. Möller. Ich freue mich schon auf Ihren ausführlichen Bericht. Ach, bevor ich es vergesse: Wir brauchen den Zahnstatus des Opfers für einen Abgleich. Die Witwe wird sich unter Umständen weigern, eine Identifizierung vorzunehmen, und andere nahe Verwandte sind nicht verfügbar.«

»Wird erledigt.«

Romy verabschiedete sich, gab Fine das Telefon zurück und sah Kasper an. »Ich denke, wir sollten noch mal rausfahren.«

Der stand sofort auf. »Bin dabei.«

Romy schlüpfte in ihre Jacke, mit der Hand an der Klinke drehte sie sich noch einmal zu Fine um: »Kannst du dich schon mal um die Genehmigung für die Einsicht in Richardts Telefonverbindungen kümmern und die Alibis abklopfen – die Notizen müssten auf meinem Schreibtisch liegen?«

»Na klar. Mach ich sofort.«

Romy hatte den Roller in Bergen stehen gelassen und war in Kaspers Wagen mitgefahren.

»Wie dürfen wir uns das Szenario vorstellen?«, sinnierte Romy laut. »Jemand überfällt Kai Richardt am Samstagmorgen, als er sein Rad repariert – vielleicht waren es auch mehrere, das ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig offen. Der Mann bezieht Prügel, aller Wahrscheinlichkeit nach aus persönlichen Gründen, denn geklaut wurde ja nichts. Er wird gefesselt und geknebelt zurückgelassen, einen ganzen Tag lang. Am Sonntagmorgen kehrt der Entführer zurück und gibt Kai den Rest. Warum? Ein perfides Spiel?«

»Kurzschlusshandlung«, schlug Kasper vor. Er bog auf die B 96 in Richtung Lietzow ab. »Vielleicht hat Kai etwas gesagt, was den Täter provoziert hat.«

»Ja, möglich, dass sie miteinander gesprochen haben, der Knebel lag daneben … Vielleicht war der Mord aber auch von Anfang an geplant.« Romy starrte zum Fenster hinaus. »Wir müssen uns seine Biografie genauer ansehen. Was ist mit dem ehemaligen Geschäftspartner? Warum haben die beiden sich getrennt? War die Ehe harmonisch?«

Sie schwiegen eine Weile. Als sie das Schloss von Lietzow mit seinem in der Morgensonne weiß schimmernden Turm hinter sich gelassen hatten, klingelte Schneiders Handy. Romy nahm das Gespräch an. Einer der Kriminaltechniker wollte Kasper sprechen.

»Der sitzt am Steuer«, erklärte sie. »Sie müssen mit mir vorliebnehmen.«

Wenn sie die Stimme richtig in Erinnerung hatte, war der hagere, unfreundliche Typ vom Vorabend am Apparat. Pluspunkte hatte der bei ihrer ersten Begegnung nicht gerade gesammelt.

»Ja, muss ich wohl«, gab er lakonisch zurück. »Wir haben in einem der anderen Kellerräume was Interessantes gefunden.« Er legte eine Pause ein.

Romy atmete tief durch. »Machen Sie es eigentlich immer so spannend, Kollege?«

»Nö. Aber bei Ihnen mach ich gern ’ne Ausnahme.«

»Super Idee, aber ich sage Bescheid, wenn ich scharf auf eine Sonderbehandlung bin!« Romy hätte vor Empörung beinahe das Handy fallengelassen. »Legen Sie schon los: Was haben Sie gefunden?«

Kasper warf ihr einen Seitenblick zu und schnalzte mit der Zunge.

»Ein Skelett.«

»Was?«

»Wir haben in einer ausrangierten Gefriertruhe ein Skelett gefunden«, wiederholte der Mann in aller Seelenruhe.

»Bis gleich.« Romy legte das Handy beiseite.

Kasper schnalzte erneut mit der Zunge. »Du, hör mal, der Marko ist ganz in Ordnung – ein guter Mann in seinem Fach, ein bisschen unwirsch manchmal, aber …«

»Der Marko kann mich mal! Der geht mir nämlich, gelinde ausgedrückt, ganz gewaltig auf die Eierstöcke. Aber das jetzt nur mal so nebenbei.« Romy zeigte auf den Tacho. »Gib Gas, Kasper. Die haben noch eine Leiche gefunden.«

In dem Keller standen etliche alte Kühl- und Gefrierschränke zwischen wurmstichigen Büromöbeln, die schon eine ganze Weile vor der Wende nicht mehr modern gewesen sein dürften. Die meisten lagerten dort seit über zwanzig Jahren, wie Bittner auf Nachfrage von Kasper Auskunft erteilt hatte.

»Auf den ersten Blick vermute ich, dass es sich um ein Frauenskelett handelt«, erläuterte Marko Buhl betont sachlich, während Romy ein Frösteln unterdrückte und sich über die Gefriertruhe beugte. »Es dürfte schon eine ganze Weile hier liegen. Nicht mal mehr Fasern von Kleidungsstücken sind vorhanden. Alles ratzfatz weg.«

»Das kann auch bedeuten, dass die Leiche nackt hier abgelegt wurde«, wandte Romy ein. »War der Deckel der Truhe geöffnet?«

Buhl stutzte und nickte dann. »Ja, zumindest einen kleinen Spalt. Insofern konnte Ungeziefer mühelos eindringen.«

»Sie sollte rasch zu Möller auf den Tisch. Können Sie das zwischendurch bewerkstelligen?«, fragte Romy, und sie gab sich Mühe, höflich zu klingen oder zumindest sachlich.

»Ich glaub schon.«

»Danke. Das weiß ich zu schätzen. Sehr sogar.«

Sie hätte durchaus noch die eine oder andere Bemerkung auf der Zunge gehabt, verkniff sich aber weitere Spitzen. Es wäre ziemlich dumm, wenn sie die reibungslose Zusammenarbeit mit den Kollegen von der KTU gefährdete, nur weil es zwischen Buhl und ihr nicht ganz so harmonisch lief – um es behutsam zu formulieren.

Romy drehte sich zu Kasper um, und sie gingen gemeinsam wieder nach oben. Die frische Brise tat beiden gut. Es roch nach Regen. Frühlingsregen.

»Wir müssen noch mal mit Bittner reden«, sagte sie und blickte kurz hinüber zum alten Fährhafen, wo zwei Krähne ihre Hälse in den blaugrauen Himmel reckten. »Die alten Schuppen bergen ja so manche ungute Überraschung. Außerdem können wir Verstärkung gebrauchen. Hier muss alles sehr gründlich durchsucht werden.«

Sie strich sich die Locken zurück. »Erst haben wir monatelang nur Kleinkram und dann gleich zwei Leichen auf einmal. Wer weiß, was da noch auf uns zukommt.«

»Vorschlag zur Vorgehensweise?«

»Ich telefoniere gleich mal mit Stralsund und hoffe, dass die uns ein paar Leute zur Verfügung stellen. Sprich mit Bittner und sorg bitte dafür, dass wir die Pläne von dem Grundstück bekommen. Es wäre mir ganz lieb, wenn du hier vor Ort die Stellung halten und dich auch mit den Sassnitzer Kollegen abstimmen könntest.«

»Schon klar«, stimmte Kasper zu. Abstimmung war seine Spezialität.

»Ich gucke mir in der Zwischenzeit mal Richardts Kontakte an und telefoniere. Ich hoffe, dass Fine mich dabei unterstützt. Sobald die Rechtsmedizin das Skelett zeitlich einordnen kann, geht’s weiter.«

Schneider warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. »Was denkst du? Hat das Skelett in der Truhe was mit dem Richardt zu tun?«

»Kann ich mir nicht vorstellen.«

Ein Kollege aus Sassnitz brachte Romy nach Bergen zurück. Sie öffnete das Seitenfenster einen kleinen Spalt, atmete in tiefen Zügen die kalte Meeresluft ein und hielt nach den Rapsfeldern Ausschau, die in wenigen Wochen leuchten würden.

Wie sie es nicht anders erwartet hatte, war man in der Polizeiinspektion Stralsund alles andere als begeistert über ihre Anfrage nach zusätzlichen Leuten, versicherte ihr aber, dass man sich kümmern würde. Romy war klar, dass der Hinweis zunächst mal gar nichts bedeutete, aber zumindest freundlich klang.

Sie schnappte sich die Unterlagen, die Kasper aus Richardts Geschäft mitgebracht hatte, und teilte sich mit Fine, die darüber hinaus ihre üblichen Koordinierungsaufgaben wahrnahm, die Anrufliste. Die Mails waren auf einem Stick gespeichert, den sie zunächst beiseitelegte.

Nach zwei Stunden hatte Romy den Eindruck, genügend Hintergrundmaterial für eine zwölfstrophige Kai-Richardt-Lobeshymne gesammelt zu haben. Geschäftspartner, Kunden, Sportsfreunde – niemand hatte etwas an dem Mann auszusetzen gehabt oder konnte sich vorstellen, dass er Feinde hatte, und alle zeigten sich entsetzt über das tragische Geschehen. Minuspunkte? Fehlanzeige.

Fine zwängte sich durch die Tür und servierte Romy eine Tasse Kaffee, als die gerade das Gespräch mit Tim Beier beendet hatte, einem Fitnesstrainer und Laufkollegen aus Stralsund, der Inhaber eines Sportgeschäfts war und in den letzten Jahren gemeinsam mit Kai Richardt verschiedene Läufe und Triathlons organisiert hatte. Und natürlich völlig fassungslos war. Hatte Romy etwas anderes erwartet?

»Danke. Kann ich gut gebrauchen«, meinte sie seufzend zu Fine. »Gibt’s auch irgendwas zu essen?«

»Fischbrötchen?«

Romy verzog das Gesicht. »Na, ich weiß nicht. Mein Appetit darauf hält sich gerade in Grenzen.«

Fine lachte. »Wie wäre es mit selbstgebackenem Streuselkuchen?«

»Schon besser.«

»Komm mit nach vorne.«

Zwei Minuten später ließen sie es sich gemeinsam schmecken. Fine nestelte zwischen zwei großen Bissen einen Notizzettel aus ihrer Hosentasche.

»Ich kann schon mal was zu den Alibis sagen«, schlug sie mit undeutlicher Stimme vor und wartete Romys Nicken ab, bevor sie fortfuhr. »Vera Richardt hat die Kinder am Samstag gegen achtzehn Uhr bei ihren Eltern abgeliefert und war dann mit der Freundin im Kino, was von allen Seiten bestätigt wird. Bittners hatten Besuch, und sowohl Ehefrau als auch die Verwandten geben an, dass Thomas Bittner ab dem späten Samstagmittag zu Hause war …«

»Der Sonntagmorgen ist bei beiden nicht wirklich abgedeckt«, wandte Romy ein. »Die Witwe hat ausgeschlafen, Bittner war joggen … Na, mal gucken.«

Fine zuckte mit den Achseln und blickte wieder auf ihren Zettel. »Der Super-Kai war übrigens schon mal verheiratet.«

»Das ist nichts Ungewöhnliches«, entgegnete Romy. »Aber trotzdem ein interessanter Hinweis. Die Mister-Makellos-Nummer bringt uns irgendwie nicht weiter und wird, wenn du mich fragst, außerdem allmählich langweilig. Gibt es schon eine Telefonnummer von der Gattin Nummer eins?«

»Klar.« Fine schob ihr den Zettel über den Tisch zu und stand auf, als das Telefon klingelte. »Ich kümmere mich dann erst mal um den Exgeschäftspartner Jürgen Dreyer.«

»Okay.« Romy goss sich frischen Kaffee ein und ging zurück in ihr Büro.

Gattin Nummer eins hieß Ricarda und war nur vier Jahre mit Richardt verheiratet gewesen: von 1997 bis 2001. Inzwischen hieß sie mit Nachnamen Meinold, war also aller Wahrscheinlichkeit nach zum zweiten Mal verheiratet und lebte in Berlin. Fine hatte zwei Telefonnummern notiert, und Romy erreichte Ricarda Meinold unter dem Geschäftsanschluss einer Cateringfirma. Die Stimme klang herzlich.

»Guten Tag, Frau Meinold, mein Name ist Ramona Beccare«, stellte Romy sich vor. »Ich bin Kriminalkommissarin auf Rügen und rufe aus Bergen an. Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich? Es ist sehr wichtig.«

Ricarda Meinold benötigte einige Sekunden, um ihre Überraschung zu verarbeiten. »Sie sind von der Kripo? Und das ist wirklich kein Scherz?«

»Nein, ganz und gar nicht. Sie können sich gerne vergewissern und mich im Kommissariat zurückrufen.«

»Nein, nein, schon gut … Aber Ihr Name klingt so gar nicht nach Rügen, wenn ich ehrlich sein soll.«

»Mein Vater stammt aus Italien«, sagte Romy ihren üblichen Spruch auf. Zum Heiraten bin ich nicht mehr gekommen. Mein Mann starb vorher.

»Eine Italienerin auf Rügen …« Ricarda Meinold lachte leise. »Mal was anderes. Ja, ich habe ein paar Minuten Zeit für Sie. Worum geht es denn?«

»Um Kai Richardt.«

Diesmal dauerte das Schweigen noch länger.

»Sie waren ein paar Jahre mit ihm verheiratet«, fügte Romy schließlich hinzu.

»Ja. Was ist mit ihm? Er hat doch hoffentlich nichts angestellt?«

»Nein, ganz im Gegenteil – ihm ist etwas passiert.«

Erneutes Schweigen.

»Es liegt ein schweres Gewaltverbrechen vor, Frau Meinold. Kai Richardt wurde getötet.«

Meinold atmete scharf ein. »Wie bitte? Er ist tot?«

»Ja, seit gestern. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er erschlagen worden. Die Ermittlungen sind in vollem Gange, und in diesem Zusammenhang sprechen wir mit so vielen Leuten wie möglich und erhoffen uns Hinweise.«

»Sie haben noch niemanden …?«

»Nein. Und ein Motiv ist bislang auch nicht in Sicht. Ihr Exmann war angesehen und beliebt, sehr erfolgreich im Beruf und ein engagierter Sportler, außerdem verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Niemand kann sich vorstellen, welches Drama sich hinter der Tat verbirgt. Es gibt nicht mal den Ansatz einer Vermutung.«

»Aber … Sie sagten, er sei erschlagen worden. Ging es um einen Überfall oder hatte es jemand auf Kai …?« Sie brach ab.

»Dem Täter ging es um Ihren Exmann«, betonte Romy. »Das jedenfalls ist ziemlich sicher.«

»Ich verstehe, aber … Unsere Ehe liegt sehr lange zurück, und wir waren nicht lange verheiratet«, wandte Frau Meinold zögernd ein.

»Eben. Darf ich Sie fragen, warum Ihre Partnerschaft nach so kurzer Zeit gescheitert ist?«, fragte Romy geradeheraus. Damit kam man manchmal erstaunlich weit.

»Also, eigentlich …«

»Wir würden die Tat gerne aufklären, Frau Meinold, und jeder Hinweis, mag er im Augenblick auch noch so nebensächlich scheinen, kann zu einer Spur führen. Ich bin zurzeit gezwungen, ein wenig im Trüben zu fischen – wenn ich es mal so salopp ausdrücken darf.«

»Ja, klar, also … Moment bitte.« Es raschelte in der Leitung. »Entschuldigen Sie die Unterbrechung. Ich habe meine Bürotür geschlossen«, erläuterte sie kurz darauf. »Ich verstehe natürlich, dass Sie recherchieren und irgendwo anfangen müssen. Was ich Ihnen sagen kann, ist Folgendes: Kai hatte eine gänzlich andere Vorstellung von unserer Ehe als ich, wie sich bald herausstellte. Ich habe viele seiner Ansichten bezüglich unseres Zusammenlebens nicht geteilt, und das führte notwendigerweise zu Konflikten. Die Trennung war nur folgerichtig.«

Romy ließ die Worte einen Moment nachklingen. Allgemeiner konnte man das Scheitern dieser Beziehung wohl kaum ausdrücken, stellte sie im Stillen fest. »Könnten Sie vielleicht etwas konkreter werden, Frau Meinold?«

»Nun, er war altmodisch. Er wollte das Sagen haben, egal, worum es ging. Geschäftlich und auch privat«, ergänzte Meinold. »Es hat sich schnell gezeigt, dass ich so nicht leben wollte. Nicht konnte. Und er sah keine Veranlassung, mir entgegenzukommen.«

»Könnte man sagen, dass er ein herrischer Typ war? Autoritär?«

»Ja, das könnte man. Aber nach außen gab er sich stets freundlich, tolerant, amüsant und offen. Alle mochten ihn.«

»Interessant.« Romy bedauerte, dass sie der Frau nicht gegenübersaß, um ihre Gestik und ihren Gesichtsausdruck beobachten zu können. Sie hatte lange genug bei der Sitte gearbeitet, um leise Zwischentöne zu registrieren, wenn es um Beziehungsstress und Machtspiele ging. »War er gewalttätig?«

Schweigen. »Das ist alles sehr lange her, Frau Kommissarin. Ich will keine schmutzige Wäsche waschen …«

»Darum geht es nicht!«, unterbrach Romy die Frau. »Ich muss das Opfer und seine Persönlichkeit kennenlernen, um Indizien für mögliche Motive und Täter zu gewinnen.«

»Ja, schon … Ich will aber nicht mehr daran zurückdenken. Ich bin froh, längst ein ganz neues Leben begonnen zu haben. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ich denke schon. Aber in einem Mordfall kann ich darauf keine Rücksicht nehmen. Ich darf es nicht! Und an dem Punkt müssen Sie mich verstehen.«

Erneutes Schweigen. »Na schön. Ja – er war gewalttätig, manchmal. Ein Machtmensch, auf subtile Weise. Er hatte Charme für drei, aber wenn man seine Autorität infrage stellte, wurde es sehr ungemütlich. Mehr möchte ich nicht …«

»Glauben Sie, dass er sich geändert hat?«, fiel Romy ihr schnell ins Wort. »Immerhin liegt das alles sehr lange zurück.«

»Das kann ich nicht beurteilen, Frau Beccare. So viel Menschenkenntnis möchte ich mir nicht anmaßen – auf ihn bezogen schon mal gar nicht.«

»Wie meinen Sie das?«, hakte Romy nach.

»Nach einer Scheidung ist man meistens nicht allzu gut aufeinander zu sprechen. Meine Einschätzung wäre subjektiv gefärbt.«

»Das sind Einschätzungen meistens.«

»Ich denke, Sie wissen, was ich meine.«

Da wäre ich mir nicht so sicher, dachte Romy, ließ die Behauptung jedoch stehen. »Kannten Sie seine Eltern?«

»Zu denen bestand wenig Kontakt«, erwiderte Ricarda Meinold. »Die lebten in Lübeck. Und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden …«

»Eine letzte Frage! Jürgen Dreyer, den ehemaligen Geschäftspartner – kannten Sie den?«

»Nein. Als ich Kai kennenlernte, war er bereits alleiniger Geschäftsinhaber.«

»Hat er mal etwas verlauten lassen, warum die Zusammenarbeit nicht funktionierte?«

»Wie viele letzte Fragen haben Sie eigentlich noch?«, bemerkte Meinold in nun deutlich genervtem Ton. »Nein, ich weiß nichts davon. Kai hat nicht darüber gesprochen. Und nun …«

»Danke für Ihre Geduld, Frau Meinold.«

Romy legte auf und stützte ihr Kinn auf die Hand. Mister Makellos hat seine erste Ehefrau geschlagen – davon war sie überzeugt. Sie blickte hoch, als Fine eintrat. »Der Dreyer lebt nicht mehr.«

»Oh.«

»Ist vor zwei Jahren gestorben – Krebs.«

»Versuch doch mal jemanden ausfindig zu machen, der Richardts geschäftlichen Start in Bergen mitbekommen hat und auch was dazu sagen könnte.«

»Ich tue mein Bestes«, erwiderte Fine. »Ich könnte mal bei der Bank nachhaken, aber sehr auskunftsfreudig sind die in der Regel ohne richterlichen Beschluss nicht. Hast du schon was rausgekriegt?«

»Kai hat seine erste Frau geschlagen.«

Fine nickte langsam. »Aha.«

»Und nun interessiert es mich natürlich brennend, was Vera Richardt dazu meint.« Romy stand auf und schnappte sich ihre Lederjacke. »Bis später.«

Die Witwe sah übernächtigt aus. Mit einem erneuten Besuch der Polizei hatte sie so schnell nicht gerechnet, und verschärften Wert legte sie auf eine weitere Befragung auch nicht, das sah Romy ihr an der Nasenspitze an.

»Ich fühle mich unwohl«, bemerkte sie, während sie sich abrupt umwandte und in die Diele ging. »Hätten Sie nicht wenigstens vorher anrufen können?«

»Ich war ohnehin gerade unterwegs, Frau Richardt«, gab Romy lapidar zurück. »Und in einem Mordfall tauchen manchmal ganz unvermutet neue Aspekte und Fragen auf, denen wir so schnell wie möglich nachzugehen bemüht sind.«

Ein schneller abschätzender Blick zurück. »Gehen wir in die Küche? Ich wollte mir gerade einen Tee kochen.«

Romy setzte ihr, wie sie meinte, besonders verbindliches Lächeln auf. Ob es auch so bei der Witwe ankam, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen. »Gerne.«

Die Küche war größer als Romys Wohnzimmer und verfügte wahrscheinlich über gehobenen Gastronomiestandard, wie die Kommissarin nach einem schnellen Rundumblick mutmaßte. Schwarz-weiße Marmorfliesen blitzten vor Sauberkeit, der Herd thronte majestätisch in der Mitte des Raumes, Kupferpfannen hingen von freiliegenden Balken herab, und die Kühl-Gefrierkombination hatte die Dimension eines Kleinwagens.

Gut gefüllt könnte man wahrscheinlich wochenlang über die Runden kommen, ohne zu verhungern, dachte Romy, was in harten Wintern mit viel Schnee – so wie der letzte, als der Verkehr auf der Insel völlig zusammengebrochen war – sicherlich nicht die schlechteste Idee war. Richardts Geschäfte gingen augenscheinlich hervorragend. Oder die Familie hatte von Hause aus Geld. Oder beides.

Auf dem Esstisch am Fenster standen Blumen. Rosen. Es war auffallend still im Haus.

»Wo sind eigentlich Ihre Kinder?«, fragte Romy und blieb neben dem Herd stehen. »Schule? Kindergarten?«

»Nein. Sie sind bei meinen Eltern. Ich brauche Ruhe.«

»Ich verstehe.«

Vera Richardt warf ihr einen zweifelnden Blick zu und gab sich keinerlei Mühe, ihre Skepsis zu verbergen. Prima, sie mag mich nicht, und ich mag sie wahrscheinlich noch weniger, stellte Romy fest. Das war für die Ermittlungen alles andere als hilfreich, aber im Moment unabänderlich.

»Gibt es Neuigkeiten?«, fragte die Witwe und setzte den Wasserkessel auf. Sie bot Romy keinen Sitzplatz an.

»Der Laptop Ihres Mannes gibt nicht allzu viel her«, sagte die Kommissarin. »Die Festplatte wurde gelöscht beziehungsweise neu formatiert, und zwar ziemlich professionell, wie unser Fachmann sagt. Wissen Sie etwas darüber?«

Die Witwe nahm eine Tasse aus dem Schrank. »Kai hatte ihn erst seit kurzem und wollte sich am Wochenende damit beschäftigen«, erwiderte sie.

»Ich weiß, das sagten Sie bereits gestern. Kannte er sich gut aus mit Computern? Hat er häufiger mal einen PC völlig neu aufgesetzt?«

Vera Richardt nickte. »Ja, Technikkram interessierte ihn. Er wusste eine ganze Menge – soweit ich das beurteilen kann.«

»Ihr Mann hatte zu Beginn seiner Geschäftstätigkeit in Bergen einen Partner, Jürgen Dreyer. Hat er mal von dem erzählt?«, fuhr Romy fort.

»Nur beiläufig. Ich kenne den gar nicht.«

Der Wasserkessel pfiff. Die Witwe stellte eine bauchförmige Teekanne bereit und goss das Wasser auf. Dann sah sie auf die Uhr, bevor ihr Blick langsam wieder zu Romy wanderte. Sie strich sich das Haar nach hinten. »Haben Sie noch mehr Fragen? Ich würde nämlich gern …«

»Hat Ihr Mann Sie geschlagen?«

Vera Richardt erbleichte. »Wie bitte?«

»Sie haben mich ganz gut verstanden.«

»Wie kommen Sie …?«

»Ganz einfach. Die erste Ehe von Kai Richardt scheiterte an seiner Gewalttätigkeit.«

Die Frau ließ die Arme sinken und starrte sie perplex an. »Und was hat das mit mir, mit uns zu tun? Ich habe gestern meinen Mann verloren – durch ein schreckliches Gewaltverbrechen, das ich eben erst zu begreifen beginne –, und Sie stellen mir eine solche Frage! Etwas mehr Feingefühl wäre durchaus angebracht.« Ihr Ton war hoch und schrill.

»Ja, ich stelle Ihnen eine solche Frage«, antwortete Romy gelassen. »Weil sie förmlich auf der Hand liegt: Ihr Mann wurde ermordet, und eine geprügelte Ehefrau hat ein ganz gutes Motiv, oder?«

Vera Richardts Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. »Wie kommen Sie dazu …?«

»Erkläre ich Ihnen auch gern: Ich muss alle Möglichkeiten in Erwägung ziehen, auch wenn das nicht immer feinfühlig wirkt. Das ist mein Job, und im Übrigen geht es bei Mord selten feinfühlig zu. Ihr Mann starb am Sonntagmorgen …«

»Ich habe ihn am Samstag als vermisst gemeldet!«, fauchte Vera Richardt.

»Ich weiß.« Romy zuckte die Achseln. »Und?«

»Ich möchte, dass Sie jetzt gehen.«

»Das werde ich. Hat er Sie geschlagen – ja oder nein?«

»So ein Quatsch!«

Das war auch eine Antwort. Romy lächelte und wies auf die Blumen. »Schöne Rosen.« Damit drehte sie sich um und verließ das schmucke Haus.

Als sie zehn Minuten später ihre Vespa vor dem Polizeigebäude abstellte, fuhr Kasper gerade auf den Parkplatz. Sie wartete am Eingang auf ihn.

»Noch mehr böse Überraschungen?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Das nicht, aber …«

»Ja?«

»Lass uns erst mal hochgehen. Dann zeige ich dir die Pläne.«

Kasper nahm sich einen Kaffee und breitete eine Grundrisszeichnung von der Fischfabrik und den Nebengebäuden auf dem Besprechungstisch aus, während Fine nebenan lautstark mit einem Kollegen von der Bereitschaft diskutierte und das Telefon unablässig schrillte. Romy schloss die Verbindungstür.

Schneider wies mit dem Zeigefinger auf eines der alten Gebäude im Hintergrund der Fabrik. »Zur Orientierung: Hier ist die Werkstatt, in der Kai an seinem Rad gebastelt hat …«

»Hat man das eigentlich gefunden?«, fiel Romy ihm ins Wort.

Kasper nickte. »Es stand neben der Werkbank. Bittner hat es identifiziert – er war sich hundertprozentig sicher. Aber wir könnten es der Witwe auch noch mal zeigen.«

»Ja. Bei Gelegenheit.«

Kasper konzentrierte sich wieder auf die Zeichnung. »Hier, diesen kleinen Gang sind wir nach hinten durchgegangen, bis zum Treppenabgang in den Keller. Die Räume sind teils leer, teils voller Müll. Im vorderen Keller rechts von der Treppe lag die Leiche, in der hintersten Rumpelkammer haben die Kollegen das Skelett in der Truhe gefunden.«

Romy nickte, während sie sich auf der Zeichnung orientierte. Karten waren nicht ihre Stärke. Kasper wusste das und beschrieb die Gegebenheiten darum besonders ausführlich.

»Links von der Treppe befinden sich mehrere ineinanderübergehende Kellerräume, in denen die Kollegen sich vorhin gründlich umgesehen haben«, fuhr er langsam fort. »Der hinterste der Räume ist sehr schwer zugänglich und … ja, seltsam unauffällig.«

»Was heißt das?«

»Wenn man nicht sucht, findet man nichts.«

»Das ist meistens so«, gab Romy zurück. Sie lächelte.

Kasper lächelte zurück. »Wohl wahr. Wie dem auch sei. Wenn man sich durch das Gerümpel des vorderen Kellers hindurchgearbeitet hat, steht man ganz unvermutet vor einem leeren Stahlregal, hinter dem sich eine Tür befindet. Das Regal sieht relativ neu aus – jedenfalls nicht nach jahrzehntealtem Sperrmüll – und es lässt sich ohne sonderlichen Aufwand beiseiteschieben. Die Tür verfügt über ein neues Schloss, in dem ein Schlüssel von innen steckte, und der Keller ist geräumig und leer.«

»Aha. Na ja, vielleicht hat da kürzlich jemand aufgeräumt. Bittner dürfte das wissen.«

»Ganz sicher hat da jemand aufgeräumt. Es ist ungewöhnlich sauber in dem Keller. Da wurde vor nicht allzu langer Zeit gründlich geputzt. Außerdem gibt es ein Stromkabel neueren Datums. Bittner habe ich dazu schon befragt: Der weiß nichts davon.« Kasper strich sich durch den Bart.

»Vielleicht sollte ein zusätzlicher Lagerraum für Sportgeräte oder Ähnliches entstehen«, vermutete Romy. »Richardt hat unter Umständen eigenmächtig gehandelt, oder Bittner erinnert sich nicht an eine entsprechende Nachfrage von ihm. Die alten Gebäudeteile werden ihn kaum großartig interessieren.«

»Möglich, ja – die beiden waren eng befreundet, wie es scheint. Aber warum hat er einen Keller ausgewählt, der so weit von der Werkstatt entfernt ist? Warum nicht einen, der neben der Treppe liegt?«

»Hm, gute Gegenfrage«, kommentierte Romy. »Wie lange gibt es eigentlich diese Werkstatt schon?«

»Seit zehn, elf Jahren«, erwiderte Kasper prompt. »Bittner erzählte, dass Kai sie nahezu allein ausgebaut hat. Er hat sich da richtig reingestürzt. Das war wohl kurz nach der Trennung und Scheidung von seiner ersten Frau. Bittner schätzte, dass er sich ablenken musste, und hat ihm völlig freie Hand gelassen.«

Romy stutzte. »Will Bittner damit sagen, dass ihn die Trennung sehr mitgenommen hatte?«

Kasper nickte. »So habe ich das verstanden.«

»Interessant«, bemerkte Romy. »Seine Exfrau klang eher erleichtert.« Sie berichtete von ihrem Telefonat mit Ricarda Meinold.

»Oh.«

»Tja, und Vera Richardt hat mich fast rausgeschmissen, als ich sie vorhin fragte, ob ihr Mann gewalttätig war.«

»Was alles Mögliche bedeuten kann«, sinnierte Kasper mit zusammengezogenen Brauen. »Wie geht’s jetzt weiter?«

»Wir sollten ein bisschen Hintergrundarbeit leisten und uns im Archiv schlaumachen«, schlug Romy vor. »Gab’s Anzeigen wegen häuslicher Gewalt? Vielleicht anonym? Ist der Richardt sonst mal irgendwie aufgefallen? Außerdem möchte ich, dass wir die Witwe im Auge behalten.«

»Gut.« Er faltete die Zeichnung zusammen. »Und was den Hafen angeht: Die anderen Gebäude werden natürlich auch noch gründlich durchsucht. Dem Bittner schmeckt allerdings nicht, dass die Polizei das Gelände tagelang besetzt, aber …«

»Das können wir nicht ändern«, warf Romy ein. »Vielleicht sollten wir, um das Ganze zu beschleunigen, zusätzlich einen Leichenspürhund einsetzen.«

»Hab ich schon veranlasst.«

Romy lächelte anerkennend. »Ich bin beeindruckt.«

Das Telefon klingelte. Kasper nahm ab. Er lauschte eine ganze Weile konzentriert und sah Romy an. Das Ding hat eine Lautsprecherfunktion, dachte sie, aber sie verkniff sich den Hinweis. Schneider, ansonsten mit einem beeindruckenden Gedächtnis gesegnet, vergaß häufig, technische Finessen zu nutzen.

»Ja, danke. Ich werd’s ihr ausrichten.« Kasper legte auf. »Dr. Möller kann noch keine genaueren Angaben zum Skelett machen, außer dass es sich um eine Frau handelt – eine jüngere Frau. Grob geschätzt geht er davon aus, dass sie seit gut zehn Jahren dort unten liegt. Betonung liegt auf: grob. Es können auch acht sein oder zwölf oder sogar mehr …«

»Todesursache?«

»Dazu kann er im Augenblick natürlich auch noch nichts sagen. Er versucht DNA-Spuren zu gewinnen und macht eine Aufnahme vom Zahnschema. Vielleicht findet sich eine Übereinstimmung in der DNA-Datenbank, die uns weiterbringt.«

»Das wäre zu schön, um wahr zu sein«, seufzte Romy. »Klingt, als müssen wir alte Vermisstenfälle durchgehen, solange keine eindeutigen Hinweise vorliegen. Und zwar nicht nur von Rügen – die Frau kann ja von sonst wo stammen und hier abgelegt worden sein, zufällig oder geplant.«

Schneider runzelte die Stirn. »Das bedeutet, dass wir jetzt zwei Fälle an der Backe haben.«

»Genau. Hattet ihr so was schon mal auf Rügen?«

»Nö.«

Es klopfte, und Fine trat ein.

»Die Verstärkung aus Stralsund«, sagte sie in gewichtigem Tonfall und verdächtig breit lächelnd.

Hinter ihr tauchte ein zarter junger Mann mit langem seidigem Haar auf, das er zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Er trug Anzug und Krawatte, trat scheu lächelnd zwei Schritte nach vorne und nickte freundlich in die Runde.

Wahrscheinlich macht er eine Rolle vorwärts oder gleich einen Salto, wenn Fine ihm auf den Rücken klopft, überlegte Romy verblüfft, während sie die weichen Gesichtszüge des Mannes musterte.

»Maximilian Breder – er hat vor kaum einem Jahr seine Ausbildung beendet«, stellte Fine die Verstärkung vor. »Stralsund könnte ihn ein paar Tage entbehren.« Sie lächelte noch breiter, als würde sie dafür bezahlt werden.

Kasper hob die Hand. »Willkommen.«

Romy versuchte, ihre Überraschung zu verbergen, und ging ihm mit schnellen Schritten entgegen.

»Gut, dass Sie da sind«, erklärte sie. »Wir brauchen jemanden, der das Archiv durchforstet und zudem alte Vermisstenfälle durchgeht. Wäre das was für Sie?«

»Und ob«, sagte Maximilian mit bemerkenswert kräftiger Stimme. »Womit soll ich anfangen?«

3

Der Fünf-Uhr-Glockenschlag der nahen St. Marienkirche war gerade verklungen, als er sich entschied aufzustehen. Es hatte keinen Sinn, sich hin und her zu wälzen, wenn ihn ein Fall bis in den Schlaf verfolgte. Er warf einen Blick auf die leere Bettseite neben sich und warf die Decke zurück.

Früher hatte Anna seine Unruhe meistens mitbekommen und war wortlos aufgestanden, um ihm einen Tee zu kochen. Diese stille Übereinstimmung zwischen ihnen vermisste er am meisten. Er ging in die Küche und setzte den Wasserkessel auf.

Anna hatte ihn vor fast elf Jahren verlassen. Von einem Tag auf den anderen. Nach fünfundzwanzig Jahren Ehe. Er verstand das bis heute nicht. Es gab keinen anderen. Und keine andere. Sie hatten zwei Kinder großgezogen, die ihren Weg gegangen waren, und die DDR vergleichsweise unbeschadet überstanden. Keine dubiosen IM-Akten und bösen Überraschungen, keine heftigen Erschütterungen und starken Ausschläge. Keine großen Krisen und schlimmen Krankheiten. Keine Hochs und Tiefs. Vielleicht war es gerade das gewesen.

»Ich will noch was haben vom Leben«, hatte sie gesagt, aus dem Nichts heraus, wie es ihm vorgekommen war, aber sicherlich hatte er die Anzeichen schlicht übersehen, verdrängt, für unwichtig erachtet. »Was anderes als diese Insel, so schön sie auch sein mag, die Gleichförmigkeit unseres Alltags und all die Selbstverständlichkeiten zwischen uns. Zufriedenheit und Behaglichkeit allein reichen mir nicht. Nicht bis ans Lebensende. Wer weiß, wie schnell das kommt. Verzeih mir.«

Kasper goss den Tee auf und rieb sich die Stirn.

Nein, er verzieh ihr nicht. Nicht tief drinnen im Herzen – dort, wo er sich so schmerzhaft genau an alles erinnerte. An ihr Lächeln und ihre Worte, an ihre zärtlichen Berührungen und den lasziven Klang ihrer Stimme, wenn sie sich geliebt hatten und sie seinen Namen flüsterte, dass es ihm einen Schauer über den Rücken jagte – auch noch nach Jahren.

Er wusste immer noch, wie ihr Haar roch, wenn sie halbe Tage im Garten verbracht hatte oder mit den Kindern in Zittvitz am Bodden gewesen war, und sah immer noch vor sich, wie sie die Stirn runzelte, wenn sie die Aufsätze ihrer Schülerinnen und Schüler korrigierte. Anna war Deutschlehrerin am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium gewesen und hatte ihren Beruf geliebt. Wahrscheinlich mehr als mich, dachte Kasper, denn Lehrerin war sie immer noch, soweit er informiert war.

Manchmal verfluchte er sein gutes Gedächtnis. Es ließ ihn auch jetzt nicht schlafen.

Ein alter Vermisstenfall. Vielleicht erinnerte er sich so besonders gut daran, weil er in den gleichen Zeitraum fiel wie Annas Entscheidung, ihn zu verlassen. Seine plötzliche Einsamkeit und der unerträgliche Schmerz, der nicht abebben wollte, hatten seine Sinne zusätzlich geschärft.

Kasper rührte braunen Zucker in den Tee und trank zwei kleine Schlucke. Er war sicher, dass das Skelett im Sassnitzer Hafen einer jungen Frau gehörte, nach der in jenem Spätsommer gefahndet worden war, auch auf Rügen. Deren Großvater auf der Insel lebte und seinerzeit fassungslos und feindselig zugleich auf die Polizisten reagiert hatte. Und der allen Grund dazu gehabt hatte, ihnen nicht über den Weg zu trauen.

Kasper trank seinen Tee aus. Dann ging er unter die Dusche. Eine Viertelstunde später machte er sich auf den Weg ins Kommissariat.

Boxen macht den Kopf frei. Völlige Konzentration auf den Augenblick. Kein Abschweifen und Hadern mit dem Gestern, kein Abdriften ins Morgen. Der Ring und die Begegnung mit dem Gegner im Hier und Jetzt. Nur das zählte.

»Sonst ist die Nase schneller krumm, als ihr gucken könnt!«, erklärte Romy den vier fünfzehn- und sechzehnjährigen Jugendlichen, die an diesem frühen Morgen den Weg in die kleine Sporthalle gefunden und sich gemeinsam mit ihr aufgewärmt hatten.

»Okay, es geht weiter mit Schattenboxen. Achtet auf die technisch saubere Ausführung der Schlagkombinationen. Lieber langsamer, aber dafür korrekt.«

Sie boxte seit ihrer Polizeiausbildung. Ihr Vater war fast in Ohnmacht gefallen, als er davon erfuhr, und ihre Mutter hatte auch nicht gerade begeistert gewirkt, eher brüskiert und genervt, dass die Tochter mal wieder derart aus der Reihe tanzte und für familiären Unfrieden sorgte. Abgesehen davon, dass das Boxen ihre Reaktionsschnelligkeit sowie ein gutes Auge schulte und körperliche Fitness und Kampferfahrung wichtige Aspekte ihres Berufes waren, hatte die Abwehr ihrer Eltern den Sport für Romy umso interessanter gemacht.

Die Idee, mit Jugendlichen zu trainieren, vornehmlich jugendlichen Straftätern und sogenannten Problemkids, hatte sie schon in Köln in die Tat umgesetzt. Seit einigen Monaten engagierte sie sich im alten E-Werk in Sassnitz, in dem seit der umfangreichen Sanierung die unterschiedlichsten Jugendprojekte realisiert wurden, und bot Boxtraining an.

Anfangs war sie bestaunt, ausgelacht und angegafft worden. Das kannte sie schon: Sie war nicht nur eine Frau, noch dazu mit südländischem Aussehen, sondern gerade mal eins fünfundsechzig groß und höchstens achtundfünfzig Kilo schwer. Allein damit entsprach sie nicht unbedingt den Vorstellungen der Jugendlichen.

»Klitschko kann ich euch nicht bieten«, hatte sie gesagt. »Ich bin Romy, und meine Rechte ist ganz ordentlich. Davon abgesehen: Ihr lernt bei mir garantiert nicht, wie ihr wild zuschlagt und euren Gegner fertigmacht. Ihr lernt bei mir, Regeln einzuhalten und Respekt vor dem anderen zu zeigen – hier im Ring und vielleicht auch außerhalb.«

Das Motto hatte auch nicht gerade für Begeisterungsstürme gesorgt, doch mittlerweile nahmen regelmäßig zwischen zwei und acht jungen Leuten am Training teil. Zu einem Probekampf forderte sie niemand mehr heraus, seitdem sie Daniel – zwanzig Jahre alt, hundert Kilo schwer, große Klappe und tendenziell aggressiv – in der zweiten Runde auf die Bretter geschickt hatte. Nicht um ihn zu blamieren und vor den anderen kleinzumachen, sondern weil ihr nichts anderes übrig geblieben war. Der Junge hatte es darauf angelegt, sie aus dem Ring zu prügeln.

Daniel hatte sich wochenlang nicht sehen lassen, tauchte aber neuerdings hin und wieder auf, um aus sicherer Entfernung zuzusehen. Romy schätzte, dass er irgendwann wieder am Training teilnehmen würde.

Eine Stunde später verließ sie hellwach und frisch geduscht den Umkleideraum. Ihr Handy klingelte, als sie die Treppen des alten Fachwerkhauses hinuntereilte und gerade ihren Schlüssel aus der Tasche fischte.

»Bist du auf dem Weg?«, fragte Kasper.

»Ja, ich komme gerade aus dem E-Werk. Was Besonderes?«

»Gut möglich. Kannst du direkt hoch nach Glowe fahren?«

»Was wollen wir da?«, fragte Romy.

»Wart’s ab – wir treffen uns an der Hauptstraße, in circa zwanzig Minuten.«

Glowe war ein ehemaliges Fischerdorf im Nordosten der Insel zwischen Ostsee und Bodden. Romy, die kurz nach ihrem Umzug Rügen durchstreift und sich stückchenweise der so schmerzvoll nachklingenden Erinnerung an die wunderbaren Tage mit Moritz gestellt hatte, sah vor ihrem inneren Auge die Schaabe aufsteigen, den kilometerlangen malerischen Strand mit langgestrecktem Waldgebiet hinter den Dünen, die Fischerhäuser, den Seglerhafen, wo Moritz ein Boot gemietet hatte, mit dem sie zum Königsstuhl gefahren waren, wie Tausende andere Touristen auch. Ihr Herz klopfte plötzlich ungestüm.

Er hatte sein lachendes Gesicht mit geschlossenen Augen und weiß blitzenden Zähnen in die Sonne gehalten, das Haar zerzaust, auf der Nase tummelten sich die Sommersprossen, und er roch nach Sonnenmilch und Salz, nach der betörenden Süße eines perfekten Sommers. Romy hatte sich gar nicht sattsehen können an ihm. Ihre Sehnsucht war groß und intensiv gewesen. Kaum zum Aushalten, hatte sie damals gedacht und den Gedanken im Nachhinein mehr als einmal verflucht.

Bei ihrem zweiten einsamen Besuch in Glowe war sie mit zittrigen Beinen zum Strand hinuntergegangen. Auf den Buhnen hatten Möwen gesessen und sich das Gefieder vom Wind glätten lassen. Es war ein klarer Tag gewesen, und sie konnte bis hoch zum Kap Arkona sehen. Eine halbe Stunde hatte sie es dort ausgehalten, dann war sie zurückgegangen. An einem Imbissstand hatte sie einen Döner gekauft, der erstaunlich gut geschmeckt hatte.

Kasper parkte bereits vor dem »Schaabe«-Restaurant und öffnete die Wagentür, als Romy auf der L 30 in den Ort fuhr und neben ihm hielt.

»Willst du mich zum Essen einladen?«, fragte sie, als sie den Helm abgesetzt und sich zu ihm heruntergebeugt hatte.

»Ein anderes Mal, aber dann koche ich selbst.« Er strich sich nachdenklich durch den Bart und stieg aus.

»Ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen«, meinte er unvermittelt. »Um sechs bin ich in die Dienststelle gefahren, weil ich keine Ruhe mehr hatte.«

Romy betrachtete ihn aufmerksam und schwieg. Zwischenfragen würden jetzt nur hinderlich sein.

»Ich hatte da was im Hinterkopf – einen Vermisstenfall, der bis heute unaufgeklärt ist – und habe mir vorhin die Akte rausgesucht.«

Auf Kaspers Gedächtnis war Verlass. Er erinnerte sich, wie Fine gern bestätigte, auch noch nach Jahren an scheinbar nebensächliche Einzelheiten, zumindest in besonderen Fällen.

»Die Frau wohnte in Rostock«, fuhr er fort. »Die Kollegen fragten auch bei uns nach, weil die Vermisste einige Wochen vor ihrem plötzlichen Verschwinden aus dem Rügen-Urlaub zurückgekehrt war. Das war im Spätsommer 2000.«

Kasper wandte sich um und bückte sich nach einem Ordner, der auf dem Beifahrersitz lag. »Beate Lauber, achtundzwanzig, Anwaltsgehilfin. Sie hat damals hier nicht nur Ferien gemacht, sondern auch ihren Großvater besucht, Heinrich Lauber, einen alteingesessenen Rüganer. Der Mann verlor völlig die Nerven, als wir bei ihm auftauchten, und hat uns quasi rausgeschmissen.«

»Verständlich.«

»Ja, schon. Aber dabei ging es nicht allein um das Verschwinden der Enkelin. Ein damaliger älterer Kollege erzählte mir mehr zu der Familiengeschichte.«

Romy wartete ab.

»Sagt dir die Bezeichnung ›Aktion Rose‹ etwas?«

Romy runzelte die Stirn. »Hilf mir auf die Sprünge.«

»Rügen zur DDR-Zeit. Walter Ulbricht hat bei einem Besuch festgestellt, dass sich viele Hotels und Pensionen in Privatbesitz befanden – zu seinem großen Ärger«, erzählte Kasper und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wurde jedenfalls so berichtet. Passte nicht in die SED-Planwirtschaft, falls dir das überhaupt noch was sagt.«

»So jung bin ich nun auch wieder nicht, und zur Schule bin ich auch gegangen …«

»Umso besser. Jedenfalls war der große Genosse der Meinung, dass hier dringender Handlungsbedarf bestand, was im Übrigen recht gut zu dem Vorhaben passte, im Nordosten der Insel einen Kriegshafen auszubauen und darüber hinaus eine sogenannte Schutzzone Ostsee einzurichten. Kurzum, die Immobilien wurden also gebraucht: für die Armee, Arbeiter, Polizei. So hat man die Geschäftsinhaber in einer Nacht- und Nebelaktion kurzerhand wegen angeblicher Wirtschaftsvergehen eingesperrt, verurteilt und enteignet. Das war Anfang 1953 und nannte sich, wie gesagt, ›Aktion Rose‹. Immerhin: Die Verbrecher haben sich wenigstens eine hübsche Bezeichnung ausgedacht, findest du nicht?«

Romy schluckte. »Sag es durch die Blume, oder was? Und wie ging es weiter?«

»Nach dem Volksaufstand am 17. Juni wurde eine ganze Reihe der Verurteilten wieder freigelassen, ohne dass man sie jedoch rehabilitierte«, setzte Kasper seinen Bericht fort. »Viele haben die DDR damals verlassen. Von denjenigen, die geblieben sind, bekamen einige wenige die Möglichkeit, ihre Häuser teilweise wieder als Hotels zu nutzen. Sie waren jedoch gezwungen, sie zu den staatlich verordneten Niedrigpreisen zu vermieten, womit der Verfall vorprogrammiert war. Nach der Wiedervereinigung wurden die Geschädigten dann zwar rehabilitiert, aber den materiellen Schaden hat man ihnen nicht ersetzt.« Kasper schwieg einen Moment.

»Und Lauber war ein Geschädigter?«, riet Romy.

»Kann man so sagen. Heinrich Lauber war 1953 dreißig Jahre alt. Ihm gehörte ein hübsches kleines Strandhotel hier in Glowe, das er gemeinsam mit seiner Frau betrieben hat«, fuhr Kasper fort. »Die beiden hatten einen Sohn. Man hat Lauber eingesperrt und sein Hotel kassiert. Als er aus dem Gefängnis zurückkam, hatte man es zweckentfremdet.

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