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Hause

INHALT

Vormord

Marlene

Markwart Panke

Der alte Hausmeister

Li-Xin

Amelie

Hironimus Gadowahn

Die Malevic

Mutter

Josef

Nachmord

VORMORD

Sieht er mich? Hat er mich gerade angelächelt?

Nein.

Wenn Josef lächelt, dann nicht für mich. Schon lange nicht mehr.

Für ihn bin ich Luft. Er hat längst vergessen, dass ich sein Ein und Alles bin!

Und doch …

Sein Lächeln ist das Erste, an das ich mich erinnern kann.

Was vorher war? Die Frage ist für mich bedeutungslos. Genauso wie die Frage, was außerhalb ist. Selbstverständlich weiß ich, dass es ein Vorher gab. Und dass es ein Außerhalb gibt. Ich weiß es aus den Fernsehgeräten, wenn ich meinen Bewohnern abends über die Schultern schaue. Doch das berührt mich nicht. Nicht einmal die Frage, ob die anderen meiner Art – diese Millionen, Milliarden – so sind wie ich. Wir haben keine Sprache und können uns keine Zeichen geben. Und die, die in uns leben, kommen als Boten nicht infrage. Denn die wissen nichts von uns. Wir sind allein. Nichts, das uns verbindet oder je verbunden hat.

Aber das ist mir egal.

Ich bin einfach da. Da, wo sie sind. Die Menschen. Meine Bewohner. Meine Besucher. In mir. Ohne die ich nicht wäre und die ohne mich nicht wären.

Mich selbst kann ich nicht sehen. Es gibt ein paar Fotos mit mir, darum habe ich eine ungefähre Vorstellung davon, wie ich ‚aussehe‘. Aber schon dieses Wort mag ich nicht. Es interessiert mich nicht. Ich bin nicht wie sie. Bin keiner, dem es ums ‚Aussehen‘ geht. Äußerlichkeiten. Die Menschen machen zu viel Aufheben um ihre bedeutungslose Hülle. Dabei sind sie nichts anderes als Darmbakterien. Bakterien, die mich bewohnen, deren Augen und Ohren auch meine Augen und Ohren sind. Ich habe keine anderen. Ich sehe nur, wenn sie sehen, höre nur, wenn sie hören. Die Menschen sind wie meine Sinne – ohne selbst einen Sinn für das zu haben, was über ihre eigenen, kleinen Körper hinausgeht. Sie haben nicht die geringste Ahnung von mir.

Wenn ich von Wohnung zu Wohnung treibe, ihnen zusehe, wie sie alle dasselbe tun, dasselbe reden, dasselbe essen oder dasselbe Fernsehprogramm anschauen, spüre ich ihre Langeweile. Und wenn ich höre, wie sie sich streiten, oder wenn ich ihren Geruch ertragen muss, ist mir ihre Existenz lästig.

Aber was soll’s? Ich glaube, ich hätte mir nie viele Gedanken über sie gemacht. Oder über mich. Oder über die Frage, was uns verbindet.

Doch vor vielen Jahren schenkte mir einer von ihnen sein Lächeln …

Da! Schon wieder! Josef lächelt! Das meinte ich.

Stolz zeigt er mir sein Gesicht. Ein engelhaft kindliches Gesicht. Ernst, gütig und immer auch ein wenig geheimnisvoll. Ich wünschte, ich könnte in den tiefgründigen Augen versinken, wenigstens über die hohen Wangenknochen streichen! Würde so gerne das kurze, von kräftigen Kiefern gerahmte Kinn berühren. Oder die hohe Stirn küssen.

Ein schönes Gesicht. Von langen, silbergrauen Haaren gekrönt, die, wie bei seiner Mutter, hinten zusammengebunden sind. Jetzt betastet er mit schlanken Fingern seinen Mund. Schaut mich konzentriert an und schürzt die Lippen. Zieht Grimassen. Die oberen Schneidezähne gebleckt, drückt er sie auf seine Unterlippe, die Nase hochgezogen und die dunklen Augen verkniffen unter den feinen Brauen. Er streckt mir die Zunge raus. Mir? Nein, sich selbst! Josef schaut in den Wandspiegel über der Werkbank. Er sieht nur sich selbst.

Und trotzdem: Ich lächle zurück. Noch immer …

Damals, vor über 40 Jahren: Du warst zwei Jahre alt, als du mich bezogen hast. Ihr seid durch meine Haustür, in das lichte, sonnige Foyer, und Mutter, eine zierliche, schöne Frau mit hochtoupierter Frisur, hat zu dir gesagt:

„Siehst du, Josef, das ist jetzt dein Zuhause!“

Und du hast gesagt: „Hause!“

Ein Knirps, mit tapsigen Schritten, klein und von einer ernsthaften Freude, die tiefer ging als bei den anderen Kindern. Du hast mich angelächelt. Nein, ich täusche mich nicht. Du hast nicht nur gelächelt. Dein Lächeln galt MIR! Ein breites Grinsen, ein zärtlicher Blick. So hast du das Relief an der Wand angeschaut, und mit einer intensiven Geste hast du die Fliesen unter den Briefkästen berührt. MICH hast du berührt. Nicht bloß die Fliesen. ICH war berührt von dir, und diese Berührung sollte anhalten. Bis heute. Bis in alle Ewigkeit!

„Hause!“, hast du gesagt, und immer wieder: „Hause, Hause, Hause!“ Und gekichert hast du, hast mit dem Wort gespielt, hast es in die tiefen Flure gerufen und auf ein Echo gewartet!

Ein Echo?

Josef, das war ich! ICH! Ich habe dir zugerufen: „Hause, Hause, Hause!“

Mit Josefs Lächeln hat es angefangen …

MARLENE

Josef zwinkert seinem Spiegelbild zu. Als wollte er sich beglückwünschen. Li-Xin liegt noch hinten. Ich kann sie sehen. Auf der Pritsche. Das Miststück!

Na ja, ich sollte froh sein. Li-Xin ist nur aus Plastik. Teures Plastik. Mit einer hellen bronzefarbenen Haut aus Kautschuk, über Fleisch aus Silikon gespannt. Ihr dichtes schwarzes Haar ist echt und ihre Knochen und Gelenke sind anatomisch perfekt. Sogar die Mandelaugen haben etwas Menschliches. Und dann gibt es ein paar Programme, die sie vibrieren und stöhnen lassen; wahlweise asiatisch, frivol oder obszön.

Li-Xin ist noch nicht fertig.

Sie säuselt eine ständig wiederkehrende Schleife: „Oh, jaaa, komm … – Oh, jaaa, komm …“, wobei ihr Becken unbefriedigt zuckt.

Josef ist befriedigt. Er lächelt über sein kleines Geheimnis. Über das, was er tut. Hier. In seiner Werkstatt. Tief in mir, wo er sonst Wasserhähne repariert und Glühbirnen lagert. Hier ist er am liebsten. Und deswegen ist auch Li-Xin hier. Hier kommt Mutter nicht hin. Sie könnte wohl, wenn sie wollte, aber seit 28 Jahren mag sie den Keller nicht mehr. Aus gutem Grund.

Mutter würde Li-Xin nicht mögen. Natürlich nicht. Aber Mutter hat auch die anderen nicht gemocht. Man kann über Mutter sagen was man will, aber in der Abwehr unerwünschter Nebenbuhlerinnen war sie immer eine gute Verbündete. Doch ich komme nicht umhin, sie selbst inzwischen als meine schlimmste Konkurrentin zu betrachten. Sie hat Josef fest im Griff. Und der Ärmste leidet darunter. Ich spüre das. Wer liebt, spürt so etwas!

Wenn er mich doch noch einmal ansehen würde. Wie damals – mich so sehen, wie ich wirklich bin …

Mutter ist schon lange wach. Hat im Bett zwei Zigaretten geraucht und ist noch vor Josef aufgestanden. Hat sich mit dem Galgengriff aus dem Bett gehievt, ihre knochigen Finger auf die Griffe des Rollators plumpsen lassen und ist ins Badezimmer gestampft. Immer zu schnell, immer kracht das Gerät an die Fußleiste. Das tut weh! Aber nicht ihr. Mutter ist zäh. Und für den Moment ist sie zufrieden. Überzeugt, alles im Griff zu haben. Sie weiß nicht, dass Josef, nach ihrem letzten abendlichen Anruf, noch einmal seine Wohnung verlassen hat. Und sie weiß auch nichts von dem langsam größer werdenden Fleck in der Tiefgarage.

Während sie sich ihre Zähne einlegt, fällt ihr dieses Mädchen ein. Die Erste, die ihren Sohn verführen wollte. Ich spüre es, wenn sie an Marlene denkt, denn dann sehen mich ihre kleinen Augen immer besonders finster an. Ich erschrecke jedes Mal, glaube für einen Moment, sie meint mich – ist mir auf die Spur gekommen, weiß plötzlich, dass hinter dem Spiegel jemand ist, der Josef tausendmal mehr liebt als sie. Wenn sie das wüsste, dann würde ich Josef verlieren.

Aber nein, sie erinnert sich an Marlene. Lässt die künstlichen Zähne klappern, als wolle sie das Mädchen noch einmal …

Aber Marlene war nicht nur ein Schreck für Mutter gewesen. Diese Vorstellung, der kleine Josef – 17 Jahre war er damals – würde mich – MICH – verlassen! Er war wegen seiner Bäckerlehre ohnehin nur noch selten bei mir – immer um drei aufstehen und schon vor Sonnenaufgang weg! Und dann holt sich der Junge eines späten Abends – der Vater verreist, Mutter im Bett – dieses Mädchen in sein Zimmer.

Marlene, die Bäckerstochter. Sie war so alt wie er, hatte aber den Sprung aufs Gymnasium geschafft. Ein schlankes Mädchen. Richtig dünn und zierlich; man sah ihr an, wie gnadenlos sie ihren Körper vor den Süßigkeiten der Eltern verwahrte. Schwarz gefärbte, lange, glatte Haare rahmten ein fast weißes Gesicht ein. Darin eine winzige Nase und leicht vorstehende Schneidezähne, die ihr was von einem hungrigen Nagetier gaben. Ihre Augen: groß, blau und klar. Selbst ohne Brille – die sie ablegte, als sie Josef küssen wollte – leuchteten ihre Augen wie Kristallkugeln. Vielleicht vor Glück. Auch für Marlene schien es neu zu sein. Das, was sie vorhatte. Was Josef mit ihr vorhatte …

Sie saß auf Josefs Bett, zog ihn zu sich heran und lachte. Marlene lachte sonst nicht viel. Aber jetzt, in diesem kurzen Moment des Glücks, da tat sie es. Und wie! Kein verschämtes Kichern, nein, ein richtiges Lachen, und Josef musste ihr mehrmals den Finger auf den Mund legen. Wegen Mutter. Nicht wegen mir. Was war ich einsam in diesem Moment! Habe sogar geglaubt, wenn Marlene meinen Josef glücklich macht, dann soll es so sein.

Marlene wollte. Wollte ihn, wollte seinen Körper. Seinen wohlgeformten Körper, den ich bis dahin ganz für mich hatte. Sie wollte ihn mir nehmen. Ich sah das in ihren Augen. Endlich weg vom Tisch der Familie, wollte sie Josef mitreißen. Raus, fort von hier. Die Art, wie sie küsste! Gar nicht sanft. Einfach nur gierig, zubeißend. Bis er „Autsch!“ rief. Da hat sie gelacht. Und er auch, wollte sich keine Blöße geben.

Das war es also, habe ich gedacht. Habe versucht, mich dem Schmerz zu entziehen. Bin wie ein einsamer Geist durch meine Wohnungen gestrichen. Bin über die Schlafenden geweht, habe in ihren Gesichtern die Träume gesehen, ihre Grimassen aus Angst oder Lust. Manche waren noch wach, sahen fern oder schwiegen vor sich hin. Aber das kleinste Geräusch, und schon war ich wieder bei Josef. Im Dunkeln war das Hören noch schlimmer. Nichts sehend musste ich mir das Schlimmste vorstellen. Ach Mutter, habe ich gedacht.

Mutter!

Der Vater auf Dienstreise. Hat er behauptet. Sie wusste es besser.

Egal. Im Gegenteil: Endlich los, den alten Säufer! Das hat sie gedacht. Endlich allein mit dem Jungen, mit ihrem Jungen. Mutter ist aufgewacht, weil plötzlich eine Taube auf ihrem Fenstersims saß und gegurrt hat. Braves Täubchen. Und als Mutter zum Fenster ging, hat sie es gehört. Es. Der Wind war’s. Hat es – dieses helle Lachen – herübergetragen, zu ihrem Fenster. Der Wind, der Wind …

Mutters Gebiss sitzt perfekt, und zwischen den Zähnen steckt die nächste Zigarette. Bevor Josef seinen ersten Rundgang macht, bevor er diese Stelle in der Tiefgarage aufsucht, hat Mutter Marlene wieder vergessen. Sie ist schon unten, in meinem Foyer. Gießt die Yuccapalme, dieses bizarre Gewächs, das – ihretwegen – nicht totzukriegen ist. Mein Foyer ist nicht groß. Unscheinbarer Eingang, Riffelglastür, Terrazzofliesen vor einer langen Reihe Briefkästen und darüber ein, die ganze Wand ausfüllendes, sonniges Relief aus glasiertem Ton. Weiter hinten mein kleiner Aufzug: innen Alu und Spiegel, außen grün lackiertes Blech, und daneben die Tür ins Treppenhaus, das kaum jemand benutzt. Außer Achmed, wenn er mal wieder zu spät ist. Oh ja, ich sehe es kommen. Die Malevic schneit herein, zurück vom Nachtdienst, bringt kalte Winterluft mit. Ich kann sie nicht ausstehen, mit ihren hochgesteckten roten Haaren, dem billigen Kunstledermantel und diesen spitzen Pumps, sogar bei diesem Wetter! Die tun wirklich weh, wenn sie auf meine Steinfliesen einschlagen. Die Malevic ist genau eine Sekunde zu schnell für Achmed.

„Guten Morgen, Frau Panke!“, trällert sie.

Mutters Hände zittern, sogar die kleine Blechgießkanne ist ihr inzwischen zu schwer. Besonders, wenn auch noch eine glimmende Zigarette zwischen den Fingern steckt. Und mit dem sperrigen Rollator vor der Brust kommt sie auch nicht überall hin. Sie brummt nur und schaut kaum hoch. Mädchen, denke ich, hilf ihr doch mal, dann schafft es Achmed noch. Aber die Malevic hat schon den kleinen Leuchtknopf gedrückt. Dann erst sieht sie, dass Mutters Arm erschlafft. ‚Klack-Klack‘, springt sie hin und fängt gerade noch die langsam herabgleitende Kanne auf.

„Frau Panke, das kann doch Ihr Sohn machen!“

„Lassen Sie mich!“ Mutter ist sauer, sie kann die alleinstehende Krankenschwester aus dem Achten einfach nicht leiden. Sie findet, die Malevic ist ein Flittchen – und ausnahmsweise gebe ich ihr recht.

„Ohne mich wär’ der Baum längst kaputt!“ Womit ich ihr auch recht gebe.

Wütend reißt sie die Kanne wieder an sich. Wasser wird verschüttet, tropft auf die Glut, die zischend verlöscht, und spritzt auf den Boden. Das muss Josef später aufwischen, denke ich. Ich mag das, wenn Josef mich wischt!

Die Malevic verschwindet im Aufzug, ist, wie so oft, etwas pikiert über Mutters Art. Zupft zwinkernd an ihren Haaren, wobei sie mich ansieht, um eine verrutschte Wimper in den bemalten Augen zu finden. Du kleine Kröte, denke ich, du wirst doch meinem Josef nicht auch irgendwann

Nachdem Mutter im Wind Marlenes Lachen gehört hatte, gab es kein Halten mehr! Es war zwei Uhr morgens, als sie Josefs Zimmertür öffnete. Und jetzt konnte auch ich wieder etwas erkennen: Josef war nackt. Schlank, muskulös, verführerisch. Reine Haut und dunkle Augen. Und Marlene, noch in Slip und Unterhemd, fummelte an dem Jungen herum!

Mutter hat gar nichts gesagt. Ist einfach in der Tür stehen geblieben, hat immer wieder den Kopf geschüttelt, hat mit traurigen, sehr, sehr traurigen Augen ihren Sohn angeschaut, der sich hastig und notdürftig mit der Bettdecke verhüllte.

„Oh, Mutter“, stotterte er, „lass mich das erklären, das … das … das …“

Mutter schwieg, sackte nur immer mehr in sich zusammen, begann zu schniefen und bald hatte sie die ersten Tränen auf den Wangen.

„Mutter, das ist nicht so, wie du denkst!“

„Mein Sohn …“, Mutter schüttelte weinend den Kopf, „mein eigener Sohn! Ich habe dir doch nichts getan … Ich habe dir doch nichts getan!“

„Mutter, das ist nichts Ernstes, das ist nur so, es ist einfach nur so …“

Da erst wurde Marlene auf das aufmerksam, WAS Josef da eigentlich redete. Ja Süße, habe auch ich gedacht, das ist ‚einfach nur so! Mein Josef wird mich wegen so einer Bäckerstochter nicht verlassen! Entsetzt sah sie Josef an, der sich hündisch wegduckte. Der Ärmste! Ist nun mal nicht geschaffen für so was! Marlene lachte nicht mehr. Sie sollte nie wieder lachen. Als sie ging, als sie sich unter Mutters scharfen Blicken angezogen und an ihr vorbeigezwängt hatte, rief sie zurück: „Du feiges Aas!“

Nachdem sie zur Wohnungstür raus war, hat er ihre Brille gesehen. Ein anständiger Kerl, mein Josef! Hat sich nur die Jeans übergestreift und ist trotz flennender Mutter hinter dem Mädchen her. Mit nacktem Oberkörper und ihrer Brille. Josef wäre mit ihr verschwunden. Womöglich für immer!? Da musste ich doch Angst bekommen …

Malevic, denke ich, sieh dich vor! Im Vierten geht die Schiebetür auf und da steht Achmed mit einer Föhnfrisur, die sich, wie eine schwarze Haube, über seinen anatolischen Kopf legt. Aus seiner alten Ledertasche, die er sich vor die Brust hält, duftet es nach Teigtaschen und kleinen Köfte. Die dunklen, sonst so lustigen Augen sind jetzt grimmig verengt. Denn wenn um diese Uhrzeit die Malevic im Aufzug steht, dann weiß Achmed, dass er die Bahn verpassen wird. Erst mit ihr hoch und dann runter sind genau die 60 Sekunden, die ihm fehlen werden. Auch die Malevic weiß das. Und dass sie ihn in diesem Augenblick schon deswegen nicht allzu überschwänglich grüßen sollte, weiß sie auch. Außerdem ist da Frau Şevki, Achmeds Frau, die immer in der Wohnungstür steht, wenn er auf den Aufzug wartet. Dass die Malevic sich gar nicht für Achmed interessiert, sondern seinem Sohn Erhan schöne Augen macht, davon wissen beide nichts. Die Malevic ist ein Luder!

Achmed steigt nicht ein. Er schaut hoch zu der fast einen Kopf größeren Frau und dann schuldbewusst zurück zu seiner eigenen. Während sich der Aufzug wieder schließt, öffnet er die schwere Stahltür zum Treppenhaus. Wenn er sich beeilt, vielleicht! Er rast die Treppe hinunter, Drittes, Zweites, Erstes, und dann an Mutter vorbei, die es gerade mit dem Kreislauf bekommt.

„Günaydın!“, ruft er, die braune Ledertasche immer noch an sich gedrückt, „… eh, gutt’ Morg’n!“, und will schon hinaus, da bleibt er stehen.

„Nicht gutt?“, fragt er und schaut Mutter an, die ihre schmale Hüfte auf den Plastikrand des großen Kübels stützt und vergeblich versucht, sich eine Zigarette anzuzünden. Sie zuckt zusammen. „Hrsngngn …“, brummt sie. Soweit kommt das noch, sich von einem Ausländer in aller Öffentlichkeit helfen zu lassen! Mutter hat was gegen Türken. Sie hat aber vor allem ein Problem damit, dass Achmed ihr eigentlich gefällt. Nur ich weiß, dass sie in ihrer Nachttischschublade ein Foto von ihm verwahrt – aufgenommen beim letzten Sommerfest – welches sie nachts, wenn die Schlaflosigkeit sie plagt, hervorkramt und verschämt lüstern betrachtet.

„Danke, danke, danke!“ Mutter sieht, mit ihren dicken, runden Gläsern auf der spitzen Nase, durch ihn hindurch. Mutter. Schmale, ausgetrocknete Lippen, Altersflecken und flusig-weiße Haare, die sie hinten zu einem dünnen Pferdeschwanz zusammengebunden hat. In ihrem schwarzen, schmuddeligen Strickkleid, das sie seit Markwarts Tod trägt, wirkt sie immer ein wenig hilflos. Aber Mutter weiß sehr genau, bei wem sie diesen Anschein einsetzen will – und bei wem nicht. Jetzt strafft sie sich, kämpft erfolgreich gegen den Schwindel an. Die Flamme steht und schon glimmt die Spitze ihrer Filterzigarette. Mutter nimmt einen tiefen Zug. Dann hustet sie.

„Kann Sie hochbring’!“, sagt Achmed. Der Gute, viel zu besorgt um das alte Weib! Mutter ist zäh. Sie winkt ab, als wäre er eine lästige Fliege, unterdrückt sichtlich ein weiteres Husten, dann wackelt sie rasselnd zum Aufzug. Erst als Achmed mich durch die Glastür verlässt und sich im eisigen Schneetreiben auflöst, schielt sie ihm mit glasigen Augen hinterher.

Ich konzentriere mich wieder auf Josef. Er schließt seine Kammer ab und geht durch den staubig-rußigen Gang zur Tiefgarage. Wie damals. Denkt er an damals? Ich bin sicher, dass er an damals denkt. Heute mehr denn je …

Damals, als er Marlene hinterher gerannt ist. Mit ihrer Brille, ohne die sie so schlecht sah. Sie ist fast blind durchs Treppenhaus runter. Hat die Tür zum Aufzug übersehen, vielleicht auch bloß nicht warten wollen. Jedenfalls ist sie zu tief gewesen, hat vor lauter Kurzsichtigkeit oder Tränen das ‚EG‘ an der Wand nicht gelesen. Und sich dann im Keller verlaufen. Da war dieses Problem mit der Elektrik. Das Licht flackerte, ging an und aus, während sie sich in meinen, schon damals staubigen Gängen verlor. Josef hat erst nicht gemerkt, dass sie zu tief hinunter ist. Er war schon draußen und ich konnte ihm nicht mehr folgen. Dann muss er durch den Lichtschacht mein Flackern gesehen haben und hat wohl auch ihr leises, unterdrücktes, panisches Wimmern gehört. Da war sie genau hier, genau auf diesem Weg zur Tiefgarage, die damals nachträglich eingebaut wurde.

Die Baustelle in mir hat mich mürrisch gemacht. Es war eine Quälerei, dieses Einreißen und Aufpicken und Hämmern und Bohren! Schmerzhaft der Schnitt für das Rolltor in meine östliche Außenwand! In jener Nacht war dieses ein offenes Loch gewesen, durch das die laue Sommernacht hereinwehte. Ein Loch! Wie die Löcher im Boden, dem an vielen Stellen noch der Estrich fehlte. Tiefe Löcher zwischen Sandbergen, Zement und Betonmischern; und überall Werkzeuge, Schnüre und Kabel.

Ja, Marlene wäre fast raus gewesen, weg von mir und Josef vielleicht mit ihr. Doch der ist viel zu unerwartet in der offenen Wand aufgetaucht – das Licht der Straßenlaterne im Rücken. Eine schwarze Gestalt, die ihr entgegenkam. Als sich sein Schatten über ihr weißes Gesicht legte, schrie sie erstickt auf. Ist unüberlegt zurückgestolpert, hat wohl nichts mehr gesehen und wäre beinahe in eine der offenen Gruben gefallen. Panisch griffen ihre Arme ins Leere und dann hingen da zwei dicke Kabel von der Decke, deren kupferne Enden sich aus der Ummantelung schoben wie glänzende Schlangenzungen …

Josef denkt sicher gerade daran, denkt, dass er soeben die gleichen Spinnenweben sieht, die Marlene vor 28 Jahren gesehen hat. So lange ist das schon her. Ach Josef, wenn dir der Staub nicht gefällt, warum putzt du mich nicht mal gründlich? So richtig, mit Inbrunst. So, wie du es diesem Plastikpüppchen heute Nacht besorgt hast.

Nein, es gibt eine Putzkolonne. Die machen das Treppenhaus. Und einmal im Jahr sind sie hier unten. Zu selten, aber Herr Gadowahn muss sparen.

Herr Gadowahn glaubt, mich zu besitzen. Dabei besitze ich ihn viel mehr als er mich. Und er weiß das. Er sitzt gerade auf seinem Spezialbett, ein riesiger Berg aus weißer Haut und teigigem Fleisch. Er trinkt Cola. Aus der Flasche. Hat jede Nacht drei Colaflaschen neben sich stehen. Aber was soll meine Aufmerksamkeit bei Gadowahn, der gleich von seiner Rotkreuzschwester gewaschen wird? Ich bleibe lieber bei Josef.

Jeden Morgen geht er hier prüfend lang, dabei ist nie etwas mit mir. Aber das liebe ich so an meinem Josef! Sein unermüdliches Schauen, ob es mir gut geht.

Dieser Fleck!

Ich weiß, Josef. Und du weißt auch. Josef betritt die Tiefgarage.

Ein langer Schlauch als Fahrgasse, links und rechts die Autos an die Wand gestellt. Viele meiner Bewohner können sich eins leisten. Einige auch nicht. Für diese gibt es den Verschlag hinten links, neben meinem verschlossenen Rolltor. Voller Fahrräder. Düster ist es hier. Die paar Neonröhren kommen gegen den Abgasbelag nicht an. Eine Grundreinigung, das wäre was! Die Autos stinken so sehr, dass ich mich selbst kaum riechen kann. Langsam und besorgt geht Josef durch die Reihen.

Da!

Er ist schon wieder größer geworden. Auf dem Einstellplatz der Lemperts. Die sind immer noch im Winterurlaub, weswegen das so auffällt. Der Tiefgaragenboden ist überall ölig, dreckig und grau. Trotzdem hebt sich hier ein länglicher, dunkler Fleck vom Estrich ab. Ein Fleck, durch den sich ein langer Riss zieht. Josef kniet nieder und legt vorsichtig seine rechte Hand auf den Boden. Es riecht. Riechst du es auch, Josef? Ja, er riecht es auch. Er verzieht das Gesicht. Und der Riss? Hat viele kleine Abzweige bekommen. Wie Eisschollen im Frühling kleben die sich auflösenden Estrichplacken aneinander. Das sieht spröde aus, ich spüre es, das ist spröde! Nein, Josef, fass da nicht rein, der Estrich ist ganz lose! Josef klopft mit dem Knöchel vorsichtig auf das verzweigte Netz am Boden. Es klingt hohl. ICH klinge hohl. Und wir beide wissen warum. Josef klopft fester. Was soll das? Josef! Nein! Jetzt schlägt er mit der Faust auf den Boden, sein Gesicht wird rot, er schwitzt, oder sind das … Tränen?

Hast du Angst, Josef?

Der Beton zerspringt wie brüchiger Lehm. Da ist doch was! Natürlich ist da was, Josef! Mit beiden Händen schiebt er die losen Brocken beiseite. Ein Hohlraum, ein muffiger, schweflig riechender Hohlraum. Unter dem Plastik. Unter einer dicken, durchsichtigen Plastikfolie. Plastik, Josef, wie Deine Puppe, die kleine Li-Xin, nichts …

Ich weiß, was du vorhast, natürlich, das ist klug! Den Zement holen, du hast genug in deiner Werkstatt. Josef reißt mit den Händen weitere Placken aus meiner Bodenhaut, vergrößert das Loch fast auf ganzer Länge. Jetzt sieht man erst, wie groß es ist. Die Folie ist aufgebläht, wie mit Luft gefüllt, es ist aber keine Luft … dahinter ist es ganz schwarz. Und flüssig. Josef würgt, ich höre, wie er immer wieder schluckt. Dann nähert sich seine Hand dem … Ding. Lass es, Josef, lass es einfach! Seine zittrigen Finger schweben darüber, ganz langsam senkt er den Arm hinab, bis er das Material berührt, sehr, sehr langsam, vorsichtig. Es fühlt sich spröde an, so alt ist die Folie schon. Er macht weiter. Seine Fingerkuppen drücken sich ein, in das gefangene Gas, das an unsichtbaren Stellen entweichen kann. Es stinkt; es stinkt fürchterlich! Aber Josef macht weiter, bis das Plastik das Schwarze berührt, eintaucht in diese kalte, dunkle Brühe. Josef? Er ist wie besessen, zittert am ganzen Körper, schwitzt zugleich, trotz der Kälte schwitzt und schnauft er, sein Atem dampft. Und dann taucht für einen kurzen Moment etwas Blankes, Weißes auf …

Achmed, Josef! Da hinten kommt Achmed! Ich hätte dich warnen sollen, aber habe es selber zu spät gemerkt. Natürlich, er hat die Bahn verpasst! Jetzt muss er sein Fahrrad nehmen. Es steht in der Tiefgarage, hinten in dem Verschlag. Die zufallende Eisentür macht hinter Achmed ein schmatzendes Geräusch …

Und plötzlich bin ich bei Mutter! Sie ist mir unheimlich. Ist vom Stuhl hochgefahren, als hätte sie die zufallende Tür gehört. Sie hat sich gerade in ihre schmale Küchenzeile gezwängt, den Rollator neben dem kleinen Resopaltisch abgestellt, sich hingesetzt und eine Tasse löslichen Kaffee aufgebrüht. Hat dabei zwei Zigaretten geraucht und immer wieder eine Nummer in ihr schnurloses Telefon getippt. Und dann, weil keiner rangegangen ist, hat sie es, mit einem Grunzen, neben den vor sich hinschwelenden Aschenbecher geknallt. Das war Josefs Handynummer gewesen. Und der hat sein Telefon nicht dabei, was sie überhaupt nicht leiden kann. Aber dass sie jetzt so aufgeschreckt ist? Beinahe wäre ihr die Tasse umgefallen. Steht vor ihrem Stuhl, ganz wackelig, aber sie steht. Sie zittert. Am ganzen Körper. Irgendwie versucht sie noch einen Schluck Kaffee zu nehmen, aber die Tasse schlackert so sehr in ihrer Hand, dass die Hälfte der schwarzen Flüssigkeit auf den Tisch platscht. Sie lässt es. Greift fest an ihren Rollator und drückt ihr arthritisches Rückgrat durch. Dabei rasselt ihre Lunge wie eine Eisenkette. Sie schnauft. Greift in die Seitentasche ihrer schwarzen Strickjacke und holt eine Schachtel HB heraus. Dazu das kleine Benzinfeuerzeug. Erst, als sie drei tiefe Züge genommen hat, beruhigt sie sich ein wenig. Nun hat ihr Blick etwas Entschiedenes. Qualmend stapft sie zur Wohnungstür. Dort, in diesem etwas zu großen, dunklen Spalt zwischen dem Hängeschrank und der Wand, steckt ein faustgroßer Stahlring mit vielen Schlüsseln …

Achmed eilt durch die Tiefgarage, rennt beinahe, und sieht Josef erst, als der aus der Parklücke heraustritt. „Ah Josef, hallo, ich muss Fahrrad nehm’!“

Josef ist immer noch ganz durcheinander, jetzt aber blass, kalkweiß, gar nicht mehr rot, trotz der Schweißperlen. Er kann nicht reden, hebt nur kraftlos den Arm zum Gruß und versucht, so etwas wie ein Lächeln aufzusetzen.

Achmed ist schon fast vorbei, doch dann bleibt er stehen. Dreht sich um.

„Josef, du okay?“

Josef nickt nur stumm. „Was da gemacht, in Ecke?“

„Eeeh, ni… nichts … is’ okay!“

Achmed ist kleiner, aber es gelingt ihm, einen Blick an Josef vorbei auf das Loch zu werfen.

„Ah, Estrich kaputt! Ich kann mache, ich gut Baustelle, du willst ich helfen?“ Dabei wedelt sein Oberkörper hin und her, weil Josef instinktiv versucht, ihm den Blick zu versperren.

„Ne… nein, danke, nein.“

Doch schon hat sich Achmed an Josef vorbeigeschoben.

Wir halten die Luft an. Auch das noch!

„Das nix gutt Estrich! Ganz viele zu dünn. Estrich muss dicken!“

„Ja, ja, diese Baufehler.“ Josef hat kaum noch eine Stimme, seine Worte kraftloses Japsen.

Achmed drückt Josef die Ledertasche in die Arme. Schon hat er sich gebückt, hat einen der Placken aufgehoben.

„Siehste: dünn! Und was das Folie?“

„Ja, jaaa, Dämmung, schwimmender Estrich halt …“ Josef muss tief einatmen. Die Tasche ist warm. Und duftet. Der Duft verdrängt den Gestank. Ganz langsam hebt er die Tasche hoch, legt sie sich auf die Brust.

„Dämmung? In Keller? Und so dünne? Koste viele Geld in Keller. Muss nix. Nur Wohnung! Was isse stinke hier?“

„Weiß auch nicht …“ Josef flüstert nur noch. Köfte, mit viel Knoblauch und Paprika

Mutter lässt den Schlüsselring in der Strickjackentasche verschwinden und betritt den Aufzug. Sie beachtet Erhan gar nicht, den jungen Kerl, der, von oben kommend, ins EG möchte. Sie schiebt den Rollator vor und drückt zum ersten Mal seit vielen Jahren auf UG.

„Frau Panke, Sie wollen in Keller?“

„Und du, junger Mann, kommst grad’ von der Acht?“

Der Junge grinst. Ich weiß, dass er annimmt, sie denkt, er wäre bei der Malevic gewesen. Ich weiß auch, dass er eigentlich gerne bei der Malevic gewesen wäre. Aber er ist zu schüchtern. Sein Glück.

„Was soll ich in der Acht? Ich wohn’ in Vier, bei mein’ Eltern und muss jetzt zur Schule. Keine Zeit für was Sie denken!“

„In die Acht solltest du auch nicht gehen, Junge. Das ist ein Saustall da oben!“

Erhan sieht sie irritiert an.

„Die Malevic. Und die Türken, was die da treiben …“

„Meine Freunde, im Achten, das sind Araber, wissen Sie …“

„Araber, was?“ Mutter schnaubt.

„Frau Panke, das sind Freunde, egal ob Araber oder Türken. Die sind anständig! Was denken Sie?“

Dabei macht er eine seiner typischen Handbewegungen und verzieht die Lippen zu einem augenzwinkernd provozierenden Kussmund. Während der restlichen Fahrt reden sie kein Wort mehr.

Die Wohngemeinschaft der drei jungen Männer aus dem Jemen, nur zwei Türen neben der Malevic, ist Mutter suspekt. Dabei sind das nur Studenten. Architektur. Hochbau. Wenn die nicht in der Uni sind, dann hängen sie in ihrer Wohnung ab. Und Erhan mit ihnen. Trinken Tee, und manchmal Bier, wenn sie nicht beten müssen. Ansonsten viel zu laute Orientmusik und ständiges Palavern. Entweder in einer Sprache, die ich nicht verstehe, oder, wenn Erhan da ist, auf Deutsch. Aber es wird kaum geredet, wegen der Computerspiele, mit viel Geballer, Mord und Totschlag.

Als Erhan im EG aussteigt, ist Mutter allein. Schweigend und mit einem immer finsterer werdenden Blick sinkt sie hinab …

„Bäh!“, schnaubt Achmed, „was das Folie? Das alles nass und stinke! Josef, was isse das?!“

Josef schüttelt nur noch den Kopf. Steht da, mit eingefallenen Schultern, gebeugt, grau im Gesicht, Achmeds Tasche krampfhaft vor die Brust gepresst. Achmed nimmt eines der Estrichstücke und drückt es vorsichtig auf die Folie. Josef schließt die Lider. So entgeht ihm das bleiche Grinsen schwarzer Augenhöhlen. Hinter einer kleinen Nickelbrille. Achmed kreischt. Mit einer Stimme, viel zu hoch für einen Mann. Er springt auf, der Schädel taucht wieder ein.

„Allah aşkına! Ölu orada! Ölü!“

Josef und ich verstehen kein Wort. Achmed rennt wie angestochen hin und her, gestikuliert wild fuchtelnd mit seinen derben Maurerhänden, und in der ...

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