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Groupie wider Willen

Groupie wider Willen
Esther – eins
Eric - eins
Esther - zwei
Eric – zwei
Esther – drei
Eric – drei
Esther – vier
Eric - vier
Esther – fünf
Eric – fünf
Esther - sechs
Eric – sechs
Esther – sieben
Eric – sieben
Esther – acht
Eric - acht
Esther – neun
Eric – neun
Esther - zehn
Eric - zehn
Esther - elf
Eric – elf
Esther – zwölf
Eric – zwölf
Esther – dreizehn
Eric – dreizehn
Esther – vierzehn
Eric – vierzehn
Esther – fünfzehn
Eric - fünfzehn
Esther – sechzehn
Eric - sechzehn
Esther – siebzehn
Eric - siebzehn
Esther – achtzehn
Eric - achtzehn
Esther – neunzehn
Eric – neunzehn
Esther – zwanzig
Eric – zwanzig
Esther – einundzwanzig
Eric - einundzwanzig
Esther – zweiundzwanzig
Eric – zweiundzwanzig
Esther – dreiundzwanzig
Eric – dreiundzwanzig
Esther – vierundzwanzig
Eric - vierundzwanzig
Esther – fünfundzwanzig
Eric – fünfundzwanzig
Esther – sechsundzwanzig
Eric - sechsundzwanzig
Esther - siebenundzwanzig
Eric – siebenundzwanzig
Esther – achtundzwanzig
Eric – achtundzwanzig
Esther – neunundzwanzig
Eric – neunundzwanzig
Esther – dreißig
Eric – dreißig
Esther – einunddreißig
Eric – einunddreißig
Esther – zweiunddreißig
Eric – zweiunddreißig
Esther - dreiunddreißig
Eric - dreiunddreißig
Esther – vierunddreißig
Eric - vierunddreißig
Esther – fünfunddreißig
Eric – fünfunddreißig
Esther – sechsunddreißig
Eric - sechsunddreißig
Esther – siebenunddreißig
Eric – siebenunddreißig
Esther – achtunddreißig
Eric – achtunddreißig
Esther – neununddreißig
Eric – neununddreißig
Esther – vierzig
Eric – vierzig
Esther – einundvierzig
Eric – einundvierzig
Esther – zweiundvierzig
Eric – zweiundvierzig
Esther – dreiundvierzig
Eric – dreiundvierzig
Esther – vierundvierzig
Eric – vierundvierzig
Esther – fünfundvierzig
Eric – fünfundvierzig
Esther – sechsundvierzig
Eric – sechsundvierzig
Esther – siebenundvierzig
Eric - siebenundvierzig
Esther – achtundvierzig
Eric – achtundvierzig
Esther – neunundvierzig
Eric – neunundvierzig
Esther – fünfzig
Eric – fünfzig
Die Geschichte von Eric & Esther geht weiter ...
Entdecke eine magische Welt voller Gefühle
Groupie wider Willen 2
Über die Autorinnen

 

 

 

 

 

Groupie wider Willen

 

Rose Snow

 

Rockstar Eric Adams hat scheinbar alles: gigantischen Erfolg, kreischende Groupies und mehr Kohle, als er jemals ausgeben kann. Trotzdem ist er nicht glücklich. Bis er auf ein Mädchen trifft, deren sanfte braune Augen ihm seltsam vertraut vorkommen.

Doch sie hat keine Ahnung, wer er ist - und ändert dennoch alles ...

 

Esther – eins

 

Jemand hat mir einmal gesagt, dass man nur springen muss – und dann sieht man schon, was passiert. Entweder es wachsen dir Flügel, oder du landest auf dem Boden, zersprungen und in Scherben zerteilt. Die Idee mit den Flügeln gefiel mir und ich spürte, wie der Geruch nach Freiheit, nach Neuem und Aufbruch ein warmes Kribbeln durch meinen Körper rauschen ließ. Ich konnte schon die Stadt, meine neue Wohnung und mich in ihr vor mir sehen. Ich fühlte, wie ich meine Flügel ausbreitete und zu fliegen begann. Alles schien auf einmal erreichbar; ich war plötzlich irgendwie groß und stark und bereit, diesen neuen Schritt zu gehen. Weg von meiner Familie, weg von Tim, weg von der Gewohnheit und dem Alltag.

Wie jedes Mal dauerte es nicht lange, bis ich den Boden auf mich zurasen sah. Ich fühlte, wie die Schwerkraft an mir zog und mich fallen ließ. Alles Neue verlor seinen Glanz und ich wurde zu einer unscheinbaren Person in einer glänzenden Stadt, die nicht auf mich gewartet hatte.

Ich atmete tief ein, versuchte die Gedanken, die mich nicht weiterbrachten zur Seite zu schieben und konzentrierte mich auf Punkt drei auf meiner Liste:

„Esther, riskier es, trau dich. Wenn du dich nicht bewegst, darfst du dich nicht wundern, wenn du am Ende noch genau dort stehst, wo du angefangen hast.“

Ich lächelte kurz, faltete den Zettel und steckte ihn in meine Hosentasche, während ich den Einkaufswagen vor mir herschob. Die Liste für Tims Überraschungsessen hatte ich im Kopf. Ich musste noch Wein, Tomaten, Milch, Käse, Zwiebeln, Hack und Rucola für den Salat besorgen. Tim liebte es, wenn ich ihm Lasagne kochte. Er liebte Italien und einfach alles an dem Land, obwohl er nur einmal dort gewesen war. Sein Italienisch war grottenschlecht, was ihn jedoch nicht davon abhielt es anzuwenden, wann immer ihm jemand mit italienisch klingendem Nachnamen begegnete (was hier bei uns aber nicht allzu oft der Fall war). Mit seinen blonden Haaren und dem frechen Grinsen konnte Tim zwar nicht unitalienischer aussehen, aber es gefiel mir, mit welcher Leidenschaft er zumindest dieser Sache nachging.

Ich griff nach den Tomaten, packte sie in eine Papiertüte und rollte den Einkaufswagen Richtung Kühltheke. Nachdem mir an der Kassa eingefallen war, dass ich wegen der Petersilie noch einmal zurückmusste, stellte ich mich neu an, zahlte, ging nach draußen und hievte die Einkaufstaschen in meine kleine Schrottkarre. Den blauen Fiat hatte ich von meinem Vater geschenkt bekommen. Als ich ihn damals zu meinem 18. Geburtstag zum ersten Mal sah, mit all seinen Dellen und Kratzern – und dann ins Gesicht meines Vaters blickte, der sich freute, mir so ein schönes Geschenk machen zu können – hatte ich Tränen in den Augen. Meine Eltern waren nicht reich, zumindest nicht im klassischen Sinn, aber das, was sie hatten, war weit mehr wert. Ihre Liebe war tief und bedingungslos. Manchmal verfluchte ich sie, weil sie so glücklich waren, denn nun strebte ich insgeheim nach nichts anderem, wobei mir klar war, dass man im Leben einfach Abstriche machen musste.

Ich startete den Wagen und drehte die Musik an. Im Radio lief irgendein Song, den ich nicht kannte. Es war ein ruhiges, fast trauriges Lied und der Rhythmus gefiel mir. Die Stimme des Sängers klang dunkel und gebrochen, aber total einnehmend. Schon nach kurzer Zeit summte ich ein wenig mit und dachte daran, wie dankbar ich war, dass Tim mich in meinen Plänen bestärkte, dass er zu mir stand, anstatt mich zu blockieren. Immerhin mussten wir in Zukunft eine Wochenendbeziehung führen; die Stadt, in die ich ziehen würde, lag mehr als fünf Stunden von unserem Heimatort entfernt. Ich kannte Beziehungen, die aus harmloseren Gründen auseinandergegangen waren. Ich konnte mich wirklich glücklich schätzen, dass Tim zu mir hielt und immer sagte, dass ich meinen Traum verwirklichen sollte.

Unwillkürlich lächelte ich.

Ich würde studieren. Ich würde nicht mehr in dem Jeansladen arbeiten, ich würde zur Uni gehen und Vorlesungen besuchen, ich würde hart büffeln und eine hervorragende Anwältin werden. Ich würde erfolgreich werden und meinen Eltern etwas von dem, was sie für mich aufgebracht hatten, zurückgeben können. Ich würde zurückkommen und Tim würde seine eigene Klempnerei eröffnen und wir würden in eine große Wohnung ziehen und glücklich werden; wir würden unser eigenes Märchen leben.

Ich parkte das Auto vor Tims Wohnhaus, stellte den Motor ab, nahm die Tüten aus dem Kofferraum und schloss ab. Der frische Nachmittagswind wehte mir entgegen und ich zog meinen Herbstmantel etwas enger, während ich in meiner Handtasche nach dem Hausschlüssel kramte. Bei all dem unnützen Zeug brauchte ich eine gefühlte Ewigkeit, bis ich Tims Schlüssel fand und das Haustor öffnen konnte, wo ich wie immer den Umstand verfluchte, dass es hier keinen Aufzug gab. Dann atmete ich tief durch und erklomm die fünf Stockwerke wie eine Bergsteigerin, die besonderen Wert auf Routine legte. Ab dem 3. Stock begann ich zu schnaufen, im 4. Stock machte ich eine kurze Pause und im 5. Stock angekommen hoffte ich inständig, dass ich nichts im Auto vergessen hatte.

Schwer atmend öffnete ich die Wohnungstür, stellte die Tüte ab, während Musik an mein Ohr drang. Hatte Tim vergessen, das Radio abzustellen?

Mein Puls schoss in die Höhe, als ich seltsame Geräusche vernahm und feststellen musste, dass nicht nur ich schwer atmete. Erst jetzt sah ich die hohen, schwarzen Pumps, die nicht mir gehörten, neben Tims Turnschuhen stehen.

Nein, dafür gab es sicher eine rationale Erklärung. Die musste es geben. Meine Beine setzten sich von ganz allein in Bewegung und steuerten die Schlafzimmertür an. Auch wenn es vielleicht klüger gewesen wäre zu gehen, wusste ich, dass ich es nicht konnte. Ich wusste, dass Klugheit jetzt keine Option war. Ich legte meine Hand auf die Türklinke und öffnete langsam die Tür …

Eric - eins

 

Die Scheinwerfer blendeten mich, mein Schädel dröhnte und die hysterischen Fans kreischten. Ich wünschte, es wäre schon zwei Stunden später, aber es war nicht zwei Stunden später, es war jetzt und ich musste da gleich raus.

„Alles klar?“, fragte ich die Jungs, und Aron und Noah nickten, während Cliff einfach nur stumm dastand und sich in sich selbst zurückzog. Keine Ahnung, was er da genau machte, vielleicht irgend so ein Meditationsding, aber von dem Scheiß hatte ich keine Ahnung. Ich hatte nur Ahnung von Musik und das war’s auch schon wieder, aber da die Musik für den Porsche draußen verantwortlich war, reichte das doch.

„Lass uns die Scheiße rocken“, grinste Noah und boxte mir spielerisch gegen den Bizeps, wahrscheinlich musste er noch die Spannung vor dem Auftritt abbauen. Für einen Moment versuchte ich mich daran zu erinnern, wann ich das zuletzt gefühlt hatte, kam aber nicht darauf und betrat die Bühne.

Sofort schwoll das Kreischen und Johlen an und ich spürte den Kick, als ich nach vorne ans Mikro trat. Die Halle war zum Bersten gefüllt und die Luft schmeckte nach Euphorie und Alkohol. Ich inhalierte tief, aber das Zeug, das ich eingeworfen hatte, wirkte nicht mehr und der Abend würde verdammt lang werden.

Noah positionierte sich links hinter mir, Aron rechts, Cliff nahm seinen Platz am Schlagzeug ein und der fetzige Sound der E-Gitarre ließ das Gekreische in den Hintergrund treten.

Meine Augen glitten über die vordersten Reihen und fingen den Blick einer Brünetten auf, die mir lasziv zulächelte. Ich sah sie einen Moment lang an. Geile Titten, aber das war’s leider auch schon wieder. Betont langsam nahm ich das Mikro aus dem Ständer.

„Hey“, sagte ich und das Gekreische wurde endlich leiser. Meine Stimme klang noch scheiße von dem ganzen Tequila letzte Nacht, aber da sie auf das Raue abfuhren, war es egal. „Wir spielen heute einen neuen Song.“ So, genug Intro. Ich drehte mich zu Noah um und gab ihm ein Zeichen, wollte die Sache einfach schnell durchziehen. Plötzlich kam mir wieder die scheiß SMS von Chris in den Sinn und ich ballte die freie Hand zu einer Faust. Ich hatte echt keinen Bock auf seine beschissenen Vorwürfe, Cousin hin oder her. Noah stimmte die ersten Töne an und ich versuchte, Chris zu vergessen, versuchte, alles zu vergessen und nur den Beat zu spüren. Die Musik flutete durch die Halle, die Scheinwerfer blendeten wieder und ich schloss einfach die Augen. Ließ den Kopf in den Nacken fallen und bewegte den Körper im Rhythmus. Ich wusste, dass sie das anmachte. Langsam hob ich das Mikro an die Lippen und begann zu singen.

 

Ohne Flügel geboren – in der Welt verloren

die Vergangenheit bleibt … aber dich nicht mehr treibt

ohne Sterne die Nacht

die dich dunkel macht

sie lacht dir ins Herz

und du fühlst nur den Schmerz

und du lachst blöd zurück

denkst kleines Drecksstück

du bekommst das nicht mehr

… denn alles ist leer

 

Sie gingen sofort mit. Hinter mir drosch Cliff auf das Schlagzeug ein und vor mir war diese wogende Masse an Körpern, von denen ich einen oder zwei vielleicht später noch zu mir ins Hotel holen würde. Ich ließ die Beats durch mich hindurchfließen und schaltete mein Denken aus, schaltete den kompletten scheiß Apparat aus und ließ mich einfach in die Musik fallen.

Wenn man diesen Zustand mal erreicht hatte, war alles ganz leicht. Ich wusste, ich musste nur noch eine Weile so weitermachen, musste fliegen und abheben, und dann würden sie ausrasten und die ersten BHs auf die Bühne schmeißen.

 

„Super Gig“, grinste Noah im Backstage-Bereich und klatschte mit Cliff und Aron ab. Ich ging zur Bar und schenkte mir einen Whiskey ein, während die anderen über den Auftritt laberten. Die Energie summte regelrecht zwischen ihnen und ich fuhr mir durch die Haare, während ich einen großen Schluck nahm. Die letzte SMS von Chris ging mir noch immer im Kopf herum, obwohl ich versuchte, stattdessen an die Titten von dieser Brünetten zu denken.

Scheiß drauf, brachte ja doch nichts. Ich zog das Handy aus der Tasche und warf einen Blick drauf.

7 verpasste Anrufe, alle von Alex. Ich hatte keinen Bock, diesen geldgeilen Sack von einem Manager zurückzurufen und rief die Kurzmitteilungen auf.

 

Hey, Eric, wollen wir uns das Wochenende treffen und wieder mal über alte Zeiten quatschen? Melde dich. Chris.

 

Hey Eric. Hast du meine Nachricht bekommen? Ich weiß, dass du in der Stadt bist. Das Netz sagt, dass du keinen Auftritt hast – und komm mir jetzt nicht mit einem Privatgig, für so ne Scheiße seid ihr zu groß und das weiß ich.

 

Halloooo, Eric?

 

Bist du inzwischen abgekratzt?

 

Meine Finger verharrten über der letzten SMS von Chris.

 

Okay, Eric. Du hast also keinen Bock, mich zu treffen. Habs verstanden. Seit der Sache damals bist du echt noch abgefuckter als du es ohnehin schon warst. Glückwunsch, irgendwann wirst du auch den letzten richtigen Menschen vergrault haben, bis du völlig allein dastehst.

 

„Hey, Eric, kann’s losgehen?“, fragte mich Cliff und ich steckte rasch das Handy zurück in die hintere Jeanstasche.

„Klar“, murmelte ich und stand auf. Der Boden drehte sich leicht unter mir, aber es war noch nicht so schlimm.

„Findest du, ich bin abgefuckt?“, fragte ich Cliff. Es kam einfach so raus und er sah mich ungläubig an.

„Hey Mann, du bist der abgefuckteste von uns allen“, lachte er und klatschte mir auf die Schulter. „Deswegen stehen auch die ganzen Weiber so auf dich.“

Esther - zwei

 

Als ich die Tür öffnete, wollte mein Herz nicht glauben, was mein Gehirn gerade verarbeitete. Das Keuchen und Stöhnen, das aus dem Schlafzimmer drang, gehörten eindeutig zu Tim und einer schwarzhaarigen Frau, die nackt auf ihm saß und ihre Hüften … Ich wusste nicht, wie ich es geschafft hatte, aber mein Kopf schien trotz des Anblicks noch immer zu funktionieren, denn die Optionen, wie ich nun reagieren konnte, ratterten durch meinen Kopf:

 

Ich könnte einfach weggehen und so tun, als hätte ich nichts gesehen. Ich könnte in die neue Stadt ziehen, mit Tim eine Wochenendbeziehung führen, während er unter der Woche nicht nur Rohre im klassischen Sinn verlegte.

 

Ich könnte laut schreien und ihm eine Szene machen. Ich könnte die Lebensmittel, die ich mitgebracht hatte, auf die beiden schmeißen, ich könnte fluchen, kratzen und heulen und dann wieder fluchen, um danach wieder zu heulen und zu kratzen.

 

Ich könnte das hier als Chance sehen, neu zu starten, neu anzufangen und einfach alles hier hinter mir lassen. Ich könnte einen supercoolen Spruch ablassen und mich dann einfach umdrehen und gehen, ich könnte die Tür hinter mir schließen, eine Tür, die ich nie wieder öffnen würde.

 

Für welche Option entscheidet man sich, wenn der Kopf noch immer überlegt und das Herz Ping Pong spielt?

Während ich so dastand und den beiden zusah – es waren nur ein paar Sekunden, aber sie fühlten sich nach einer Ewigkeit an – fasste ich einen Entschluss. Ich griff nach dem Baseball, der auf der dunklen Kommode neben mir lag, und warf ihn mit einer kräftigen Bewegung auf Tims Kopf. Obwohl meine sportliche Kondition zu wünschen übrig ließ, war ich ein Ass im Werfen und traf.

„AUA!“, schrie Tim auf und auch die Schwarzhaarige wirkte irritiert, sodass beide ihre Bewegungsperformance stoppten.

Tim drehte den Kopf in die Richtung, aus der der Baseball gekommen war, und sprang auf. „Esther? Esther, es ist nicht das …“

Ich sah in perplex an. „Es ist nicht das, wonach es aussieht? Also, Tim, was ist es denn dann?“ Ich war überrascht, wie ruhig meine Stimme klang.

„Also, ich …“, stammelte er, während er sich die Bettdecke über seinen nackten Körper zog und rot anlief. Die Schwarzhaarige wirkte erschrocken und begann, ihre Sachen vom Boden zu klauben und in ihre Kleidung zu schlüpfen.

„Also, du …?“, machte ich unbeeindruckt weiter und versuchte, meine Stimme nicht zittern zu lassen, es war absurderweise so, als hätte ich einen Zeugen im Kreuzverhör.

„Ich. Es war. Es war …“, stotterte er und kam mit hochgezogener Bettdecke auf mich zu. „Esther, es war nur ein Ausrutscher.“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist nackt in sie gerutscht?“

Er schüttelte den Kopf und fuhr sich durch die blonden Locken. „Nein, so meine ich das nicht. Ich meine, dass es irgendwie passiert ist, ach – ich weiß auch nicht genau wie.“

Ich zog eine Augenbraue hoch, atmete den Schmerz in meinem Herzen weg und versuchte, die Eindrücke zu verdrängen, die sich unerbittlich in meinen Kopf schoben. Etwas Nasses rollte mir über die Wange.

„Wie konntest du nur?“, fragte ich leise.

„Ich … ich …“, er warf der Schwarzhaarigen einen Seitenblick zu, die mit geducktem Kopf an mir vorbeischlich. „Es war einfach der Moment. Es war mir zu viel. Esther, du gehst jetzt weg, du gehst weg von hier, weg von mir … wer weiß, ob du überhaupt noch zurückkommen wirst.“ Er presste die Lippen aufeinander und sah mich verzweifelt an.

„Ob ich zurückkommen werde? Ich dachte, dass genau das der Plan war. Wie hast du es so schön formuliert? Unser Band ist stärker, als jede Entfernung. Was sind schon 300 Meilen, wenn man liebt, wenn man wirklich liebt?“ Die letzten Wörter kamen nur noch erstickt aus mir heraus. Tim machte einen Schritt auf mich zu und legte mir seine Hand auf den Arm.

„Esther -“, setzte er an, doch ich schüttelte den Kopf.

„Lass es, Tim“, sagte ich und schluckte. „Wenn man wirklich liebt, dann passiert das nicht.“

„Sag so etwas nicht, ich liebe dich doch – gib mir eine Chance, nur eine Chance. Die Tussi hat mir doch nichts bedeutet, es war nur schneller Sex …“

Ich schnaubte und wischte mir die Träne aus dem Gesicht.

„Leb wohl“, sagte ich, drehte mich um und ging. Sobald ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, rannte ich. Ich rannte, so schnell ich konnte, die verdammten fünf Stockwerke wieder hinunter. Ich rannte und wusste, was ich tun würde.

Ich würde springen. Sofort.

Eric – zwei

 

„Hey, bist du nicht dieser Rockstar?“

Ich drehte mich langsam zu der rauchigen Stimme um und taxierte die Schwarzhaarige in dem schulterfreien Kleid. Sie kam mir irgendwie bekannt vor. Vielleicht ein Model, keine Ahnung.

„Bist du nicht diese Schauspielerin?“, fragte ich ohne großes Interesse zurück und kippte den Rest von meinem Drink hinunter.

Sie lachte. Irgendwie lachten sie immer, wenn ich gelangweilt war, vielleicht dachten sie, ich machte Scherze.

„Sag bloß, du hast einen meiner Filme gesehen“, fuhr sie fort und betrachtete mich aus halbgeschlossenen Katzenaugen. Ich ließ meinen Blick ebenfalls über ihren Körper wandern.

Gefiel mir.

„Ne, hab nur geraten. Wie heißt du?“

„Rebecca“, sagte sie und nahm einen Schluck. „Und du bist?“

„Das weißt du doch“, sagte ich. Um uns herum drängten sich irgendwelche superreichen Pseudo-Promis und tanzten zu einer seelenlosen Musik ab, die in mir das Bedürfnis weckte, mich nach Strich und Faden zuzuknallen. Ein Stück entfernt sah ich Aron und Noah auf einem schwarzen Ledersofa sitzen. Beide rauchten und hatten eine Frau auf dem Schoß. Aron lachte immer wieder hysterisch, war vielleicht keine normale Zigarette, die er da in der Hand hielt.

„Harte Nacht gehabt?“, drängte sich Vanessa, oder wie sie hieß, wieder in meine Gegenwart und drückte ihren Busen beiläufig gegen meinen Arm.

Ich ließ meinen rechten Mundwinkel nach oben zucken. „Könnte noch härter werden.“

Sie lächelte wie eine Katze vor dem Mauseloch. Offenbar hatte sie noch nicht begriffen, dass sie die Maus war.

In dem Moment kam Jules, der Gastgeber, auf mich zu. Er war stinkreich und mit jeder Menge Goldschmuck behängt, damit man das auch ja merkte.

„Eric! Wie schön, dass ihr gekommen seid!“ Jules zog mich in eine herzliche Umarmung und legte mir freundschaftlich den Arm um die Schulter. „Ich hoffe, ihr fühlt euch wohl bei mir. Wie ich sehe, hast du Rebecca schon kennengelernt.“

Ich ertrug den Körperkontakt für zwei Sekunden, bevor ich mich seiner Berührung entwand und nickte.

„Wenn du irgendetwas brauchst, sag Bescheid. Dass sich bei mir die schönsten Frauen tummeln, hast du ja schon gesehen.“ Er lächelte und drückte Rebecca einen feuchten Kuss auf die Wange, bevor er Cliff zuprostete und in der Menge verschwand.

„Und, wie ist das so auf der Bühne zu stehen?“, fragte Rebecca, als er gegangen war, und zwirbelte sich ihre schwarzen Haare.

„Kennst du als Schauspielerin doch“, sagte ich, während ich benommen ein neues Glas vom Tablett eines Kellners nahm.

„Ja, klar, aber so meinte ich das nicht“, versuchte sie sich zu retten. „Schließlich ist das Theater ja doch ganz was anderes als der Film. Beim Film kannst du eine verpatzte Szene einfach noch mal drehen, aber auf der Bühne, da muss es einfach sitzen, also ich meine -“

„Lass uns hier abhauen“, sagte ich, weil ich mir ihr Geschwafel nicht weiter anhören wollte.

Sie tat so, als würde sie zögern, aber irgendwie war es mir auch egal. Die Blonde hinter ihr hatte mir schon die ganze Zeit eindeutige Blicke zugeworfen und die würde garantiert nicht zögern.

„Du hast doch nichts dagegen, wenn wir die Party etwas größer machen, oder?“, fragte ich und zwinkerte der Blondine zu. Mein Kopf dröhnte noch immer, oder schon wieder, und ich warf zwei Kopfschmerztabletten ein, die ich mit einem großen Schluck Alkohol runterspülte.

Dann griff ich nach Rebeccas Hand und gab der Blondine einen Wink mit dem Kopf, bevor ich auf den Ausgang zusteuerte.

 

„Cooles Hotelzimmer“, sagte die Blonde. Sie hatte sich vorgestellt, aber ich hatte ihren Namen schon wieder vergessen. Was allerdings nicht schlimm war, weil der unmöglich echt sein konnte, Mandy oder Mary oder irgend so ein Scheiß.

„Wollt ihr was trinken?“, fragte ich und ging zur Bar.

Innerlich hörte ich die Zeilen eines neuen Songs. Sie waren zu depri fürs Radio, weil die Betreiber bei so einem Lied sicher Schiss hätten, dass sich die Selbstmordgefährdeten gleich aus dem Fenster stürzen würden.

„Klar“, sagte Rebecca. „Ich nehme einen Bourbon.“

Die Namenlose schloss sich ihr an, ich nickte und schenkte ein. Vielleicht war Selbstmordmusik aber auch eine neue Sparte für alle jene, die zwar keinen Bock mehr hatten, denen aber noch der Mut fehlte. Wenn die scheiß Moral nicht wäre, ließe sich damit sicher richtig Kohle machen.

„Wollt ihr in den Whirlpool?“, fragte ich die Mädels, als ich ihnen ihre Drinks in die Hand drückte.

„Warum nicht?“, grinste die Namenlose und nahm einen großen Schluck, bevor sie ihr Glas zur Seite stellte und den Reißverschluss ihres Kleides runterzog.

Wenigstens ein Ding, das so lief, wie ich wollte.

Esther – drei

 

Das Bild der nackten Tussi auf Tims Schoß drängte sich vor mein inneres Auge, aber ich schob es beharrlich zur Seite und konzentrierte mich wieder auf die Autobahn. Mein kleiner blauer Fiat vibrierte und röhrte, doch ich nahm den Fuß nicht vom Gas. Ich musste nach vorne kommen, musste Tim und unsere kleine Stadt hinter mir lassen, musste den ganzen Schmerz, die blöden Tränen und das dämliche Geheule hinter mir lassen, das mich eingeholt hatte, als ich aus seiner Wohnung zurück ins Haus meiner Eltern geflohen war.

Es tat so verdammt weh.

Wieso musste das so verdammt wehtun?

Im Radio lief schon wieder „Im Leben daneben“ von dem Sänger mit der tiefen Stimme und ich spürte, wie mir die Tränen über die Wange liefen.

Verdammt, Esther. Reiß dich zusammen, bewahre Haltung und breite endlich deine blöden Flügel aus.

 

Als ich nach den ersten 120 Meilen bei einer Tankstelle hielt, ging es mir schon etwas besser. Ich holte mein Handy aus der Tasche und entschied mich spontan, ein Foto zu machen. Dies war der erste Schritt in mein neues Leben und ich fühlte den Drang, diesen Moment festzuhalten.

Dann betankte ich meinen kleinen Fiat, der bis oben hin mit meinen Habseligkeiten vollgestopft war, tätschelte zärtlich das Autodach, schloss ab und ging in den Laden.

Ein frisch verliebtes Pärchen stand an der Kasse und beriet sich, welche Schokoriegel sie kaufen sollten. Beide hatten die Finger ineinander verschränkt und warfen sich ständig innige Blicke zu. Das Eingangssignal einer WhatsApp-Nachricht ertönte und ich öffnete sie. Sie kam von Tim. Darauf hatte ich jetzt echt keine Lust.

Rasch steckte ich das Telefon zurück in die Tasche, während sich das Pärchen vor mir einen Kuss gab. Ich unterdrückte den Impuls, sie vor dem Schmerz, den eine Beziehung verursachen konnte, zu warnen, kaufte eine Packung Gummibärchen, bezahlte das Benzin und ging wieder nach draußen. Mein Leben wartete auf mich. Ich würde verdammt noch mal keine weitere Zeit damit vergeuden, Tim hinterherzutrauern.

 

„Dr. Heart“, meldete sich eine gestresste, weibliche Stimme am Telefon. Ich drückte das Handy fester an mein Ohr und atmete tief durch.

„Hallo Amy? Ich bin es, Esther. Ich bin gerade auf dem Weg in die Stadt und wollte dich fragen, ob du Zeit hast, dich zu treffen?“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause und ich war mir nicht sicher, ob meine Cousine zu gestresst war, um zu antworten, oder zu geschockt.

„Esther! Du kommst heute schon an?“, fragte Amy und gab gleichzeitig einer Krankenschwester irgendeine Anweisung einen Patienten betreffend, die ich nur halb verstand.

„Ja. Ich habe meine Anreise jetzt doch ein paar Tage vorgezogen“, sagte ich und blickte aus dem Fenster meines Fiats. Die Nachmittagssonne stand am Himmel und tauchte die fremde Stadt in ein weiches, angenehmes Licht. Dennoch fühlte ich mich schrecklich allein. Und aufgeregt. Und ängstlich. Und begeistert. Irgendwie alles zusammen.

„Tut mir furchtbar leid, Süße, aber ich stecke geraden mitten in einer 12-Stunden-Schicht. Wenn Du willst, können wir uns übermorgen auf einen Kaffee treffen“, sagte Amy, während im Hintergrund eine blecherne Krankenhausdurchsage zu hören war.

„Ja, klar. Kaffee klingt gut“, gab ich schnell zurück und versuchte, mir die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Ich muss heute sowieso noch zur Uni und mich für den Ethikkurs anmelden. Da gibt es so viele Bewerber, dass …“

„Wunderbar, Süße, dann bis übermorgen“, unterbrach mich meine Cousine. „Wegen Uhrzeit und Treffpunkt schreib ich dir noch bei WhatsApp. Genieß deinen ersten Abend in der Stadt. Und lass Tim schön von mir grüßen. Ciao!“ Sie legte auf.

Ich machte spontan noch ein Foto vom goldenen Licht der Nachmittagssonne, ließ das Handy sinken und legte es auf den Beifahrersitz. Dann startete ich den Motor.

„Wenn du glücklich sein willst, dann sei es“, stand auf meiner Liste, und ich wollte jetzt verdammt noch mal glücklich sein, auch wenn ich mich gerade ziemlich allein fühlte. Entschlossen machte ich schwungvolle Musik an und parkte aus. Dann machte ich mich auf den Weg zur Uni.

 

Als die Universität schon in Sicht kam, ertönte das Eingangssignal einer WhatsApp-Nachricht. Und einer zweiten. Und einer dritten. Die Plings schienen gar nicht mehr aufzuhören und ich griff genervt nach dem Handy und warf einen Blick darauf. Es war Tim. Er hatte mir sieben Nachrichten geschickt. Mit einem Schnauben öffnete ich die App.

 

Esther, ich war so ein Idiot. Bitte verzeih mir.

 

Instinktiv schüttelte ich den Kopf.

 

Bitte, Esther, es tut mir total leid!

Ich weiß, dass ich ein Idiot war. Du hast allen Grund, nie wieder mit mir zu reden.

Trotzdem hoffe ich, dass du wieder mit mir redest.

Es tut mir wirklich, wirklich, wirklich leid!

Esther, bitte rede mit mir.

 

Die letzte Nachricht war ein Foto von Tim, mit einem Baseballschläger in der Hand. Darunter stand: „Nächstes Mal darfst du auch den Schläger benutzen.“

Das Ganze war so verwirrend, dass ich nicht achtgab und mit dem Reifen gegen den Randstein donnerte. Es gab einen Knall, gefolgt von einem unschönen Zischen.

„Mist!“ Ich sprang aus dem Auto und sah mir den Schaden an. Mein rechter Vorderreifen lag platt auf der Straße. Super, genau das hatte ich jetzt gebraucht.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte in dem Moment eine tiefe Stimme hinter mir.

Eric – drei

 

Mein Schädel dröhnte und das beschissene Handy schrie, schrill und aufdringlich. Wer diesen Ton komponiert hatte, gehörte erschossen. Ich drehte mich zur Seite, aber der Scheiß hörte nicht auf, es wurde immer lauter und dann fiel auch noch die Tür mit einem fetten Knall ins Schloss. Was war das hier für eine verdammte Geräuschkulisse. Wenigstens hatten die Mädels so viel Hirn, um gleich abzuhauen. Ich hasste es, wenn sie blieben und glaubten, dass wir noch zusammen frühstücken und unsere Lebensgeschichten austauschen würden. Die Namenlose hatte eine Flasche nach der anderen geleert, die hatte es ganz schön drauf, Mann, war die beweglich. Dafür hatte die Dunkelhaarige wenigstens große Titten.

Ich griff nach dem scheiß Handy und richtete mich auf. Natürlich war es Chris, das hätte ich schon an dem beschissenen Ton hören müssen.

„Ja, Chris“, murmelte ich schlaftrunken. „Was willst du?“

„Scheinst eine harte Nacht gehabt zu haben, Eric“, sagte Chris mit seiner verdammten Vorwurfsstimme, die er schon mit dreizehn draufgehabt hatte. „Wenigstens gehst du ans Telefon. Mann, ich habe dich gestern Abend zehn Mal angerufen. Deine Mutter liegt im Krankenhaus, sie hat sich den Fuß gebrochen.“

„Dann schick ihr halt ein paar Blumen oder kauf ihr was. Sie ist deine Tante. Wenn’s um die Kohle geht … kannst du von mir haben.“

Ich hörte, wie Chris tief die Luft einzog. „Es geht mir nicht ums Geld. Sie würde dich gern sehen, sie fühlt sich allein und es geht ihr nicht gut. Gib dir einen Ruck und besuch sie. Sie hat es nicht verdient, dass du dich gar nicht mehr bei ihr blicken lässt“, erklärte er mir und ich hätte auf der Stelle kotzen können.

„Nein, ich werde sie nicht besuchen“, sagte ich, „ich hab morgen wieder einen Gig.“

„Aber Eric … sie ist deine Mutter.“

„Ist mir egal.“

Chris machte eine kurze Pause. „Eric“, sagte er etwas leiser, „sie macht sich totale Vorwürfe, wegen allem, was passiert ist. Es tut ihr leid, und wenn sie es rückgängig machen könnte … sie will doch nur eine zweite Chance. Jeder verdient doch irgendwie eine zweite Chance. Ich dachte mir, dass wir sie vielleicht zusammen besuchen …“

Mir wurde kotzübel und ich wollte den Scheiß nicht hören, ich wollte den Scheiß von einer zweiten Chance und das Gelaber über die Vergangenheit nicht hören, ich wollte mir weder ihr trauriges Gesicht, noch ihren von den eigenen Vorwürfen geschwächten Körper reinziehen. Darauf hatte ich echt keinen Bock. Sie musste mir jetzt nicht damit kommen, dafür war es zu spät.

Ich griff nach der Whiskeyflasche, schüttete etwas davon in ein Glas, nahm einen tiefen Schluck, der in der Kehle brannte, und warf mir dazu ein paar von Noahs Pillen ein.

„Mach einfach, was du willst, ich will sie nicht sehen“, herrschte ich Chris an und schmiss das Handy in die Ecke.

Am liebsten hätte ich die ganze Suite auseinandergenommen, wäre aufgestanden, hätte die Tische aus dem Fenster geschmissen, den Flachbildfernseher eingetreten oder einen von den Hotelleuten verdroschen.

 

„Eric, wir könnten die Tour noch größer machen“, sagte mein Manager Alex und fuhr sich durch seine hellbraunen Haare. Dann machte er es sich auf der Couch bequem.

„Hast du dir die Haare wachsen lassen?“, fragte ich und hockte mich mit meinem Whiskeyglas auf den Designerstuhl daneben, der geil aussah, aber scheiße unbequem war und mich an die Schwarzhaarige von gestern Nacht denken ließ.

„Ja. Findest du’s gut?“, fragte er und strich sich über seinen grauen Anzug. Selbst seine Schuhe waren poliert und glänzten wie sein ganzes verdammtes Büro. So ein Typ hätte mir früher nicht mal eine Zigarette gegeben.

„Nein. Musst du jetzt auch noch meine scheiß Frisur imitieren?“, fuckte ich ihn an.

Alex zuckte mit den Schultern. „Miese Nacht gehabt?“

„Mieses Leben“, antwortete ich hart.

„Du könntest einen Song drüber schreiben“, erwiderte der Scheißkerl trocken.

„Damit du noch mehr Kohle scheffelst?“, fragte ich und legte die Füße auf den Tisch.

„Deine Fans lieben deine Texte“, versuchte er meiner Frage auszuweichen, „und sie lieben dich, Eric. Ohne dich wäre die Band nichts. Du bist die Band.“

„Ich weiß.“

Esther – vier

 

Ich drehte mich um. Hinter mir stand ein großer Mann mit dunklen Locken und einem fetten Grinsen im Gesicht. Seine Haut war gebräunt und mit seinen breiten Schultern sah er aus wie einer der Quarterbacks, die mein Vater immer im Fernsehen anfeuerte. Er war einer von denen, die von der Defense nicht so schnell umgeworfen werden konnten. Seine hellen Augen funkelten belustigt, als sie Richtung Randstein wanderten. Lachte der Typ mich gerade aus?

„Nein, danke – ich brauche keine Hilfe“, ging ich auf seine Frage ein und straffte die Schultern. „Ich parke immer so ein.“ Vielleicht war es nicht besonders höflich, aber ich hatte gerade keine Lust auf irgendeine neue Bekanntschaft. Ich hatte keine Lust darauf höflich zu sein, hatte keine Lust auf einen Retter in der Not, auf einen grinsenden Quarterback – ich hatte überhaupt keine Lust auf irgendeinen Mann.

„Das mit dem schnellen Einparken kenne ich. Spart Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben“, sagte in dem Moment eine junge Frau lächelnd. Sie trug eine bunte Bluse und war hinter dem Quarterback zum Vorschein gekommen. Ihre rotblonden Locken wippten bei jeder ihrer Bewegungen und die Grübchen in ihrem Gesicht wirkten freundlich und frech zugleich. Sie schlug dem Typen spielerisch auf die Schulter.

„Hey Mike. Jetzt steh doch nicht so rum. Mach das, was Männer in so einer Situation … eben so tun.“

„Schon gut, schon gut“, entgegnete Mike und trat hinter das Auto, um den Kofferraum zu öffnen.

„Ich komme schon allein zurecht“, sagte ich schnell, obwohl ich genau wusste, dass ich allein in einer fremden Stadt war, die ich nur von ein paar Wochenendausflügen kannte und einen Platten hatte, den ich wiederum nur aus Werbespots mit sexy Anhalterinnen kannte.

„Der macht das schon“, wisperte mir die Frau zu. „Mike ist in solchen Sachen talentiert. Ich bin übrigens Flo, und du bist …?“

Ich beobachtete, wie Mike den Reservereifen aus meinem Kofferraum hievte und dann ganz fachmännisch begann, den Wagenheber zu positionieren.

„Ich bin … überrascht über diese enorme Hilfsbereitschaft“, antwortete ich auf Flos Frage und lächelte sie an. „Mein Name ist Esther.“

„Schön, dich kennenzulernen, Esther“, sagte Flo und lächelte zurück. „Bist du neu hier?“

Ich nickte und strich mir eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Sieht man, oder?“

Flo schüttelte den Kopf und zwinkerte mir zu. „Nein, so schlimm ist es nicht.“ Mit dem Kinn deutete sie auf meinen Fiat. „Dein Kennzeichen verrät, dass du nicht aus der Stadt bist. Studierst du hier?“

Ich blickte zu dem riesigen grauen Gebäude, das vor uns aufragte, und mit seinen zwei Glockentürmen mehr an eine italienische Basilika als an eine Universität erinnerte. Hier würde ich von nun an meine Tage verbringen, Bücher wälzen und meinen Traum verwirklichen. Ich atmete tief durch und schwor mir feierlich, dass ich mich anstrengen und meine Eltern und mich selbst nicht enttäuschen würde.

„Ja, es ist mein erstes Semester. Ich wollte mich gerade für den Ethikkurs anmelden.“ Ich drehte mich zu meinem Fiat und dem helfenden Quarterback um und hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn vorhin so unfreundlich behandelt hatte.

„Es ist furchtbar nett von dir, dass du mir hilfst, Mike. Ich habe echt keine Ahnung, wie man einen Reifen wechselt. Kann ich dir trotzdem irgendwie zur Hand gehen?“, fragte ich, während sich Mike die Finger an seiner Jeans abwischte.

„Zieh sicherheitshalber die Handbremse an und leg einen Gang ein, damit das Auto nicht wegrollt“, wies er mich an.

Nachdem ich das erledigt hatte, machte Mike routiniert mit dem Wagenheber weiter, so als würde er den ganzen Tag nichts anderes tun.

„Macht er das öfter?“, fragte ich Flo, die als Antwort mit den Schultern zuckte. „Keine Ahnung. Ich habe ihn erst vorhin kennengelernt.“

„Du hast ihn erst vorhin kennengelernt?“, fragte ich verblüfft.

Flo nickte und sah mich aus ihren braunen Augen an. „Ja, wieso?“

„Ich … also ich dachte, so wie ihr miteinander umgeht, kennt ihr euch schon länger.“

„So wie wir miteinander umgehen“, schmunzelte Flo. „Du meinst wohl eher, so wie ich mit ihm umgehe, oder?“

„Das hast du jetzt gesagt“, erwiderte ich und konnte nicht umhin, zu lachen.

Flo machte einen Schritt auf mich zu und sah mich verschwörerisch an. „Was hältst du davon, wenn wir Mike die Männersache hier erledigen lassen und ich dich erst mal in der Uni rumführe? Das hier ist zwar auch mein erstes Semester, aber da meine Schwester schon hier studiert hat, kenne ich mich ganz gut aus“, erklärte sie, während ihre rotblonden Locken im Wind wehten. „Und die Sache mit dem Ethikkurs vergiss mal schnell wieder – der Typ, der die Vorlesung gibt, lebt Ethik nicht im Herzen.“

„Er lebt Ethik nicht im Herzen?“, wiederholte ich stirnrunzelnd.

„Ja – das ist ein Euphemismus für“, Flo senkte die Stimme, „er ist ein Grapscher.“ Dann seufzte sie theatralisch. „Ich sehe, ich muss dir noch ganz viel beibringen.“

Eric - vier

 

„War’s das dann?“, fragte ich, stand von dem unbequemen Designerstuhl auf und mein Manager mit seiner scheiß Nachmacherfrisur schüttelte verblüfft den Kopf.

„Du bist doch gerade erst gekommen, Eric. Wir müssen über einiges sprechen.“

„Fühlt sich nicht so an.“

„Okay, okay – ganz wie du willst.“ Alex sprang auf und strich sich den grauen Designeranzug glatt. „Dann maile ich dir und den Jungs die Liste mit den Promoterminen für nächste Woche. Heute Nachmittag hast du ein Home-Interview mit diesem Typen von Success, der ist vielleicht nicht so dein Fall, aber er hat eine Menge Einfluss.“

Ich schnaubte durch die Nase. „Na toll.“

Alex verzog keine Miene. „Er hat Einfluss“, wiederholte er ruhig. „Bands kommen und gehen, Eric, ich will nur das Beste für dich.“

Ich lachte hart auf. „Aha. Und ich dachte, du willst nur das Beste für dich.“

 

„Coole Einrichtung“, sagte der Typ von Success und blickte sich anerkennend in der Suite um. Seine Haare waren zu blond, sein Teint zu stark gebräunt und seine Haut zu glatt. Er sah aus wie eine verdammte Wachsfigur aus einem Gruselkabinett.

„Gehört dem Hotel“, erwiderte ich und zündete mir eine Zigarette an.

„Aber das Tattoo ist schon deins“, sagte er und nickte mit dem Kinn in Richtung meines offenen Hemdes.

Ich lächelte müde.

„Was bedeutet es?“, fragte er weiter und beugte sich interessiert nach vorne.

„Nichts“, erwiderte ich. „Ist nur ein Bild von einem Raben.“

„Sieht aber so aus, als würde es was bedeuten“, beharrte er. „Ganz schön sexy, wenn du mich fragst.“

Ich grunzte unwirsch und schaute auf die Uhr.

„Du bist ein ziemlich geheimnisvoller Typ“, sagte der gelackte Reporter. „Die Leute wollen mehr über den Mann hinter der Legende erfahren. Wo bist du großgeworden? Wie bist du aufgewachsen? Wie war deine Zeit im Heim?“

„Darüber rede ich nicht“, sagte ich kalt und drückte die Zigarette aus.

„Aber es ist ein Teil deiner Geschichte, Mann. Du bist ’ne Inspiration für Tausende von Menschen. Die wollen mehr über dich wissen.“

„Bullshit“, erwiderte ich.

„Doch, doch“, sagte er und machte eine kurze Pause. „Die Leute wollen wissen, woher du kommst. Wer warst du vor deinem Erfolg? Woher kommt die Sehnsucht in deinen Texten? Was genau machte den kleinen Eric so traurig?“

Ich stand abrupt auf. „Willst du jetzt noch das Interview oder willst du mich weiter mit dieser Scheiße löchern?“

„Hey, bleib cool, Mann.“ Der Typ hob beschwichtigend die Hände.

„Hier geht’s nicht um meine scheiß Kindheit.“

„Okay, okay. Dann lass uns über deine Musik sprechen, wenn dir das lieber ist.“ Er schlug die Beine übereinander. „In einigen deiner neuen Songs erzählst du von der Liebe, von dem Unglück der Liebe. Gibt es derzeit eine Frau in deinem Leben?“

„Nein“, erwiderte ich und ging zur Bar. Alex hatte mir eingeschärft, während des Interviews nichts zu trinken, aber es war mir egal, ich brauchte etwas, jetzt sofort. Anders hielt ich den Typen nicht aus.

„Verstehe. In den Medien wird oft spekuliert, dass du schwul bist“, meinte er mit einem herausfordernden Lächeln.“

„Interessant“, erwiderte ich gleichgültig und nahm einen Schluck von meinem Whiskey. Am liebsten hätte ich die ganze Flasche in einem Zug leer gemacht.

„Krieg ich auch so einen?“, fragte er, stand auf und stellte sich neben mich. Ich rümpfte die Nase, der Typ war genauso aufdringlich, wie sein Parfum.

„Bedien dich“, murrte ich und brachte etwas Abstand zwischen uns.

„Klar, kein Problem.“ Er nahm ein sauberes Glas, schenkte sich etwas ein und hob es langsam an seine Lippen, bevor er daran nippte. Dabei fixierte er mich auf eine Art, die den Wunsch in mir weckte, ihm einfach nur in die Fresse zu schlagen.

„Es heißt, dass du schon ganz unten warst“, fuhr er im Plauderton fort. „Wie fühlt sich das an, wenn man plötzlich ganz oben ist?“

„Super“, sagte ich.

„Viele Künstler setzen ihre Popularität dafür ein, Gutes zu tun. Engagierst du dich auch in dieser Richtung? Vielleicht gegen Gewalt an Frauen?“ Er grinste mich unschuldig an.

„Ich denke, wir sind hier fertig“, sagte ich.

Er sah auf die Uhr. „Moment. Dein Manager hat gesagt, ich hätte eine Stunde.“

Ich blickte ihn emotionslos an. „Ist eben abgelaufen.“

Esther – fünf

 

Es gibt Momente, die man im Leben einfach nicht vergisst. Da gibt es die guten Momente wie den ersten Kuss, die ersten Sonnenstrahlen im Frühling oder den Geruch von frisch gefallenem Schnee. Und dann gibt es noch die schlechten Momente, wie den ersten Liebeskummer, den Beinbruch beim Skifahren oder die erste Wohnung – meine erste Wohnung.

 

Als ich die Tür öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Und meiner Nase. Es roch nach altem Fisch und ich musste mir meinen Schal übers halbe Gesicht ziehen, um das kleine Apartment überhaupt betreten zu können. Meine fünfundvierzig Quadratmeter, die ich mir in meinen Gedanken strahlend und einladend vorgestellt hatte, sahen in der Realität leider anders aus. Sie waren weder strahlend noch einladend. Der Putz bröckelte von den Wänden, der Parkettboden war von dunklen Schlieren überzogen und die Fenster wirkten, als wären sie seit Jahren nicht geputzt worden.

„Ich kann keine lauten Nachbarn gebrauchen“, erklang in dem Moment eine kräftige Frauenstimme hinter mir, die mich herumfahren ließ.

„Wie bitte?“, fragte ich und betrachtete die dickliche Dame mit den kurzen roten Haaren, die im Türrahmen der – meiner – Wohnung aufgetaucht war und vom Gang aus hereinspähte.

„Der letzte Mieter war sehr, sehr laut. Ich kann laut nicht gebrauchen und Sie“, sie musterte mich abfällig, „Sie sehen laut aus.“

Ich atmete tief ein und überlegte, wie ich mit meinen Jeans und meinem schlabbrigen Pullover laut aussehen konnte. Die Nachbarin hob abfällig die Nase. „Sie sehen laut aus“, wiederholte sie.

„Wenn die These stimmen würde, dann müssten Sie noch viel unfreundlicher aussehen, so wie Sie mit mir reden“, entgegnete ich, weil mich das neue Apartment und die aufdringliche Nachbarin einfach nur nervten.

Vor ein paar Stunden war doch alles wieder aufwärtsgegangen, dachte ich erschöpft, während ich meine neue Bruchbude betrachtete und meine Nachbarin ignorierte.

Nachdem ich Flo getroffen hatte und sie mir im Schnelldurchlauf die Universität (Hörsäle, Sekretariat, Seminarräume, Bibliothek) gezeigt hatte, hatte sich ein Gefühl der Hoffnung in mir breitgemacht. Alles hatte sich richtig angefühlt und ich war stolz, den ersten Schritt getan zu haben und gleich in die Stadt aufgebrochen zu sein.

Mike hatte in der Zwischenzeit meinen Wagen wieder fit gemacht und ich war mit dem Reserverad zu einer nahegelegenen Werkstatt gefahren, die mir einen neuen Reifen montiert hatte. Natürlich stand diese Ausgabe nicht auf meinem Kostenplan, aber da ich mir ohnehin einen Job suchen musste, verbuchte ich die Sache unter unkalkulierbare Aufwendungen, die nun mal passierten.

Tatsächlich war ich danach so naiv gewesen, zu glauben, dass alles gut werden würde, dass meine Flügel sich gerade ausbreiteten und ich zum Flug ansetzte – bis ich das Apartment sah, und mit einem Knall auf dem harten Boden der Realität landete.

„Keine Musik nach acht Uhr“, murrte meine neue Nachbarin hinter mir, drehte sich um und verschwand genauso schnell, wie sie aufgetaucht war.

Ich ließ mich neben meinen Umzugskartons auf den dreckigen Boden sinken und es war mir egal, ob meine Jeans Flecken bekam. Wenigstens passte ich dann noch besser zu der Wohnung, dachte ich und versuchte die Tränen, die aus mir herauswollten, wegzublinzeln. Vielleicht war es besser, einfach wieder nach Hause zu fahren. Vielleicht war diese Stadt einfach nichts für mich.

Vorsichtig zog ich meine Liste aus meiner Jeans, entfaltete das Papier und las mir Punkt eins wie ein Mantra immer und immer wieder durch. „Esther, du wirst nicht nach Hause gehen. Du wirst die Sache durchziehen, egal wie scheiße es auch sein wird, du wirst nicht aufgeben.“

Ich atmete tief durch und wusste, dass ich es versuchen musste, das war ich mir und meinen Eltern schuldig. Zumindest einen Monat würde ich durchhalten, erklärte ich mir selbst, als meine Augen über den peinlichsten Punkt meiner Liste huschten und ich die aufkeimende Angst hinunterschluckte.

 

„Das hört sich grauenvoll an. Na, zum Glück haben wir uns hier im Café getroffen und nicht bei dir“, sagte meine Cousine und schlürfte an ihrem Cappuccino.

„Danke, du baust mich so richtig auf“, entgegnete ich und ließ mich auf dem bequemen, lilafarbenen Sofa zurückfallen.

„Esther, du machst das schon. Du bist eine Kämpferin“, sagte Amy und band ihre Haare zu einem Knoten zusammen.

„Du sprichst von dir“, entgegnete ich, „diese Stadt kann mich nicht leiden. Zuerst dieser Platten, dann diese Wohnung.“

Amy lächelte und rückte sich ihre schwarze Brille zurecht. „Das liegt nicht an der Stadt.“

„Super, dann liegt es also an mir“, schnaufte ich und kniff amüsiert die Augen zusammen. „Solltest du als Ärztin nicht mehr Empathie besitzen und mich einfühlsam bemitleiden?“

„Assistenzärztin – und du bist keine Patientin, Esther – auch wenn du dich wie eine benimmst.“

Ich nippte an meiner großen Tasse Chai Latte.

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