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Groupie wider Willen 2

Groupie wider Willen 2
Esther – 51
Eric – 51
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Esther – 102
Eric – 102
Esther – 103
Eric - 103
Esther – 104
Eric – 104
Esther – 105
Eric – 105
Die Geschichte von Eric & Esther geht weiter ...
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Über die Autorinnen

 

 

Groupie wider Willen 2

 

Rose Snow

 

Von einem Leben an der Seite von Rockstar Eric Adams träumen viele Mädchen – für Esther ist dieser Traum Wirklichkeit geworden. Dabei ist es gar nicht so einfach, zwischen Uni und Blitzlichtgewitter ein Stück Normalität zu behalten. Vor allem, als Erics bildhübsche Model-Ex Natascha auftaucht, die von der Presse gehypt wird. Und auch Eric kämpft mit seinen Dämonen, denn die Vergangenheit holt ihn erbarmungslos ein und stellt seine Beziehung mit Esther auf eine harte Probe ...

Esther – 51

 

„Fuck.“ Er atmete tief ein und linste über das Geländer. „Fuck, ist das hoch.“

Ich musste lachen, obwohl mir selbst die Knie zitterten. Unauffällig wischte ich meine Handflächen an meiner Jeans ab und trat neben ihn. Der Ausblick von dem Bungee-Kran war überwältigend. Vor uns breitete sich ein Bergpanorama aus, wie ich es sonst nur von den Fotostrecken aus Zeitschriften wie National Geographic kannte. Ein glitzernder See lag eingebettet zwischen zerklüfteten Felsen und hoch über uns drehte ein Raubvogel am wolkenlosen blauen Himmel seine Runden.

„Du wolltest doch einen Punkt von meiner Liste erfüllen“, flüsterte ich Eric zu, der sich gerade durch seine schwarzen Haare fuhr und so aussah, als ob er die ganze Idee heftig bereute. Seine blauen Augen richteten sich auf mich und sofort gesellte sich zu dem Kribbeln, das ich angesichts unseres nahenden Bungee-Sprunges verspürte, noch jenes, das von der Erinnerung an unsere letzte Nacht herrührte.

„Etwas total Verrücktes tun? Den könnten wir auch anders erfüllen“, erwiderte er mit einem unwiderstehlichen Lächeln.

„Bereit?“, fragte in dem Moment unser Teamer und stellte sich hinter uns. Es war ein braungebrannter Typ mit einem blonden Ziegenbart und einem sympathischen Lächeln.

„Yep“, sagte ich.

„Klar“, stieß Eric hervor.

„Super“, grinste unser Teamer und ich musste einfach zurücklächeln. Seine gute Laune war irgendwie ansteckend. „Gleich geht es los. Ihr werdet euch etwa zwei Sekunden im freien Fall befinden. Versucht, eure Körper beim Absprung zu strecken – und lasst einander auf dem Weg nach unten nicht los.“

Ich nickte und stellte mich knapp vor Eric. Links neben mir befand sich der Abgrund und die Kante war nur wenige Zentimeter von meinen Füßen entfernt. Ich spürte die Gurte um meinen Körper, genauso wie das Gewicht des Bungee-Seils, das an den Fußmanschetten befestigt war. Mein Herz schlug so schnell und laut, dass es in meinen Ohren dröhnte. Dennoch wusste ich, dass ich das hier wollte. Auf meiner Liste stand: Tu etwas Verrücktes. Und das hier war verrückt. Ich würde mich gleich mit Eric gemeinsam hundert Meter in die Tiefe stürzen. Allerdings war es noch harmlos im Vergleich zu der Entscheidung, einen weltberühmten Rockstar zu daten. Da ich mir noch immer nicht ganz sicher war, ob ich den ganzen Medienberichten und Paparazzi gewachsen war, schob ich den Gedanken kurzerhand beiseite – wie so oft in den letzten Tagen.

„Verdammte Scheiße“, murmelte Eric bei einem weiteren Blick nach unten und sah so nervös aus, wie ich mich beim Karaokesingen gefühlt hatte.

„Du wirst mir jetzt aber nicht auf die Füße kotzen?“, fragte ich amüsiert und versuchte, meine eigene Angst vor dem Absprung zu vergessen.

Eric schluckte nur und schüttelte den Kopf.

„Ihr könnt euch jetzt umarmen. Habt ihr noch Fragen – oder letzte Worte?“, wollte unser Teamer wissen und wir verneinten beide. Dann war Eric mit einem Schritt bei mir und legte seine Arme um mich. Ich rückte ganz nah an ihn heran und schloss für einen Moment die Augen. Dabei atmete ich tief seinen Duft ein. Selbst hundert Meter über dem Boden fühlte ich mich bei ihm sicher und geborgen.

„Wieso tun wir das nochmal?“, fragte er mich leise ins Ohr.

Ich lächelte. „Jemand hat mir einmal gesagt, dass man nur springen muss – und dann sieht man schon, was passiert. Entweder es wachsen einem Flügel … oder man landet auf dem Boden. Und ich möchte endlich fliegen, Eric.“ Ich blickte zu ihm hoch und begegnete seinem Blick. Ich wusste nicht, was er dachte, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, als würde er mich verstehen.

Die Mitarbeiter vom Bungee-Team kontrollierten in der Zwischenzeit noch ein letztes Mal den Sitz unserer Gurte, dann erhob der Typ mit dem blonden Ziegenbart die Stimme. „Macht euch bereit, Leute!“

Mein Herz machte einen Satz und ich klammerte mich an Eric, dem gegenüber ich eben noch so großspurig verkündet hatte, dass ich endlich fliegen wolle.

Nun war es soweit, und ich machte mir beinahe in die Hosen vor Angst.

In dem Moment hörte ich schon die Stimme unseres Teamers:

„Fünf, vier, drei, zwei, eins … Bungee!“

Eric – 51

 

Sie klammerte sich an mir fest, und es war ein so unglaubliches Gefühl, mein Mädchen im Arm zu halten, dass ich sogar meine beschissene Höhenangst für den Moment vergaß. Und dann ging alles ganz schnell. Der Typ mit dem Ziegenbart zählte von fünf rückwärts nach unten, ich hörte das Wort „Bungee“ und dann hörte ich nichts mehr.

Esther und ich kippten eng umschlungen seitwärts von der Plattform, der Wind brauste an uns vorüber, und ich dachte für einen Moment, dass es wahrscheinlich das war, was die Leute fühlten, wenn sie sich von einem Hochhaus in den Tod stürzten.

Unter ihnen nichts als Leere und die Gewissheit, absolut keine Kontrolle mehr zu haben. Esther schrie und ich brüllte ebenfalls und dann – nach einer Ewigkeit und doch viel zu schnell - gab es schon einen Ruck, der uns wieder zurück nach oben schleuderte.

Wir erlebten einen Moment der Schwerelosigkeit, ihr warmer Körper schmiegte sich an meinen und ich hörte ihr entzückendes Lachen. Und plötzlich war da ein Gefühl in meiner Brust, als ob ich zu klein wäre für all meine Empfindungen, als ob sie mehr Platz brauchten, weil sie so verdammt überwältigend waren, und dann pendelten wir langsam aus und ich sah in ihre strahlenden Augen.

„Das war unglaublich“, hörte ich Esther sagen und konnte nur nicken. Sanft strich ich ihr eine dunkelblonde Haarsträhne von ihrer Wange.

„Willst du nochmal?“, fragte ich rau und brachte sie damit erneut zum Lachen. Dann blickte sie mich an und schüttelte den Kopf.

„Nein, Eric“, entgegnete sie mit Bestimmtheit. „Jetzt machen wir etwas anderes. Etwas, das sich für dich verrückt anfühlt.“

Wir schwangen noch sachte hin und her und dann kam der Erdboden immer näher und das Bungee-Team befreite uns von unseren Gurten und den Fußmanschetten. Schließlich stand ich auf dem weichen Gras und versuchte, ein bisschen weniger zu zittern und ein bisschen mehr wie der Typ auszusehen, dem die Mädels ihre BHs auf die Bühne warfen.

„Wie war’s?“, fragte einer der Bungee-Leute und Esther strahlte ihn überglücklich an. „Es war unbeschreiblich“, meinte sie. Dann griff sie nach meiner Hand und wir gingen ein paar Schritte nebeneinander durch das weiche Gras. Hinter ihr leuchteten die Berggipfel im Sonnenlicht und der Anblick erinnerte mich an einen verdammt kitschigen Cowboyfilm.

„Also“, nahm sie unsere Unterhaltung von vorher wieder auf und ich sah, wie ihr Körper von all dem Adrenalin regelrecht vibrierte. „Was machen wir jetzt?“

Ich warf ihr einen intensiven Blick zu. „Ich hätte da schon eine Idee“, erklärte ich ihr heiser.

Sie stockte für einen Moment und an dem Ausdruck ihrer Augen wusste ich genau, dass sie an letzte Nacht dachte. Dann biss sie sich auf die Lippen.

„Gleich hier?“, fragte sie herausfordernd und ihr Tonfall machte mich total an. Ich zog sie an der Hand zu mir heran und nickte.

Sie schnaubte amüsiert und schüttelte den Kopf. „Das zählt doch nicht, Eric.“

„Wieso nicht?“

„Weil es nicht verrückt genug ist“, erwiderte sie ernst und schlang ihre schlanken Arme um meinen Nacken. Dann blickte sie mich durchdringend an. „Sag mir: Was ist so verrückt, dass du es jetzt auf keinen Fall mit mir tun würdest?“

Ich zog eine Augenbraue hoch und ließ meine Hände zu ihrem Hintern hinunterwandern. „Mit dir in die Kirche gehen“, erwiderte ich mit einem spöttischen Lächeln.

Sie lächelte zurück. „Wann warst du denn das letzte Mal in der Kirche?“, fragte sie neugierig.

Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

Ihre Augen begannen unheilvoll zu leuchten und ich schüttelte den Kopf. „Nein, Esther.“

„Wieso nicht?“

„Weil ich keinen Bock auf den ganzen Scheiß hab“, erwiderte ich ruppig.

Sie sah mich unbeeindruckt an. „Das heißt, du machst es nicht, weil es zu verrückt ist?“

Ich schnaubte.

„Also?“, hakte sie nach und ihr Blick bohrte sich in meinen.

Ich schüttelte den Kopf. „Schön. Dann fahren wir eben in so eine verfluchte Kirche.“

 

Esther – 52

 

Eric war ungewöhnlich still während der Fahrt und ich fragte mich, ob ich zu weit gegangen war. Wir hatten nie über Religion gesprochen, eigentlich hatten wir über so vieles noch nicht gesprochen, auch nicht darüber, was das hier zwischen uns eigentlich war. War es eine Beziehung? Eine Affäre?

Es fühlte sich nach mehr an und ich erinnerte mich an diesen Moment in meinem Vorzimmer, als er mir gesagt hatte, dass er mich liebte. Alles, was ich darauf geantwortet hatte, war ein plumpes „Okay“ gewesen und ich wusste, dass einem ungeschriebenen Gesetz zufolge der Ball nun bei mir lag. Aber irgendwie hatte sich bisher noch nicht der richtige Zeitpunkt ergeben. Oder vielleicht war ich auch einfach nur ein verdammter Feigling.

„Halleluja. Wir sind da“, knurrte Eric in dem Moment und hielt seinen Wagen vor einer weißen Kirche mit einem schlichten Holzkreuz auf dem Glockenturm.

Die Sonne stand schon tief und tauchte das Kirchengebäude in ein goldenes Licht. Ich stieg aus dem Porsche und betrachtete für einen Moment die hübschen Buntglasfenster, bevor ich zu Eric ging. Der weiße Kies knirschte unter meinen Turnschuhen und ich streckte ihm die Hand hin, die er nach kurzem Zögern ergriff. Sein Gesicht zeigte eine Vielzahl unterschiedlicher Empfindungen: Widerwille, Verschlossenheit, Skepsis – und noch etwas, das ich nicht deuten konnte. Einmal mehr überkam mich das Gefühl, dass es eine blöde Idee gewesen war, ihn dazu zu bringen, mit mir hierherzufahren, aber ich war mir nicht sicher, ob ein Rückzieher der Sache nicht noch mehr Gewicht geben würde.

„Was verbindest du mit Kirchen?“, fragte ich nun und strich mit dem Daumen über seinen Handrücken.

„Verschwendete Hoffnungen“, gab er nach einem Moment des Schweigens zurück und setzte sich in Bewegung. Es fühlte sich an, als ob er es einfach nur schnell hinter sich bringen wollte, und ich folgte ihm zu dem großen, schweren Eingangstor. Eric drückte es auf und einen Augenblick später standen wir in der kühlen Stille des Mittelschiffs. Wir waren die einzigen Besucher und ich atmete den vertrauten Geruch nach Stein und Weihrauch ein, der mich in meine Jugend zurückversetzte, als die Kirche noch ein Bestandteil meines Lebens gewesen war. Inzwischen ging ich nur noch einmal im Jahr zur Christmette, weil es eine weihnachtliche Tradition meiner Eltern war, nicht aber, weil es mir so viel bedeutete.

Eric stand still neben mir und blickte unbewegt hinüber zum Altar, über dem der gekreuzigte Jesus hing. Das Schweigen zwischen uns war voller unausgesprochener Worte, und ich hätte gern gewusst, was in ihm vorging, aber ich hatte Angst, ihn zu bedrängen.

„Wir können auch wieder gehen, wenn du willst.“

Er atmete tief durch und schüttelte den Kopf. Dann machte er ein paar Schritte und setzte sich in eine der hinteren Bänke, ohne meine Hand loszulassen. Ich ließ mich neben ihm auf das harte Holz sinken und gab dem Impuls nach, meinen Kopf auf seine Schulter zu legen. Erics vertrauter Duft stieg mir in die Nase und ich seufzte leise.

„Woran denkst du?“, hörte ich seine raue Stimme kurz darauf.

„Daran, dass ich glücklich bin“, erwiderte ich. „Und sehr dankbar.“ Ich hob den Kopf und sah ihn an. „Und woran denkst du?“

„An früher.“ Er stockte. „Es ist lange her, dass ich in einer Kirche war.“

„Glaubst du an Gott?“

Er zuckte mit den Schultern und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Keine Ahnung. Du?“

„Früher hab ich manchmal an ihn geglaubt“, antwortete ich. „Und dann wieder nicht.“

„Und wie ist es jetzt?“

Ich schlug die Augen nieder. „Nachdem mich das Auto … nachdem es mich angefahren hat, hab ich mich selbst da liegen gesehen.“ Mein Blick huschte kurz hinüber zu Eric, der mich gebannt ansah. „Ich habe auch dich gesehen“, flüsterte ich. „Und obwohl ich eigentlich Angst hätte haben müssen, umgab mich ein … ein friedliches Gefühl. Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat, aber seitdem glaube ich zumindest, dass wir nicht einfach verschwinden, wenn wir sterben.“

Er blickte wieder auf die Darstellung von Jesus, der mit geschlossenen Augen am Kreuz hing. „Schade“, murmelte er dann.

Eric – 52

 

Sie erstarrte neben mir und ich hätte mich ohrfeigen können für meine verfluchte Gedankenlosigkeit.

„Wie meinst du das?“, wollte sie wissen.

Ich wich ihrem Blick aus. Es war eine scheiß Idee gewesen, herzukommen.

„Vergiss es“, murmelte ich. „Das hat nichts mit dir zu tun.“

„Hat es denn mit dir zu tun?“, fragte sie zurück.

Ich atmete tief durch. „Ich wollte das nicht sagen.“ In Wahrheit hatte ich es nicht mal denken wollen. Aber mein verfluchter Erzeuger, mit dem ich das letzte Mal in der Kirche gewesen war, schob sich immer wieder in meine Gedanken. Die Vorstellung, dass er noch irgendwo existierte, selbst wenn er tot war, war unerträglich für mich.

Sie nickte und blickte dann an mir vorbei zu den Buntglasfenstern, die von der Abendsonne zum Leuchten gebracht wurden. „Manchmal habe ich das Gefühl, du hast mir mehr anvertraut, als ich noch im Koma gelegen bin“, bemerkte sie leise. In ihrer Stimme lag kein Vorwurf, es war eine bloße Feststellung, aber ihre Worte versetzten mir einen Stich. Hatte sie recht? Gehörte ich zu den Idioten, die alles kaputt machten, weil sie ihre verdammte Fresse nicht aufbekamen?

„Es tut mir leid“, sagte Esther in dem Moment. Es klang aufrichtig und ich sah sie verwirrt an. „Ich hätte dich nicht bedrängen sollen, herzukommen.“ Sie stand auf. „Lass uns einfach wieder gehen, okay?“

Ich sah, wie sie mir die Hand entgegenstreckte und schüttelte den Kopf. „Nein.“ Entschieden zog ich sie zurück auf die Bank. „Mach das nicht. Entschuldige dich nicht für etwas, wofür du nichts kannst.“

Sie sah mich unschlüssig an und ich sprach schnell weiter. „Es liegt nicht an dir. Glaub nicht, dass irgendwas von der Scheiße, die ich mit mir rumschleppe, mit dir zu tun hat.“

„Okay“, flüsterte sie. „Du musst es mir nicht erklären.“

„Ich weiß. Aber ich will, dass das mit uns … funktioniert, verstehst du?“ Ich kam mir wie so ein verdammter Waschlappen vor, als ich die Worte hervorstieß, aber es half nichts, es war nun mal die Wahrheit.

„Was genau …“ Sie räusperte sich. „Was genau ist das denn zwischen uns?“

Ich runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“

Sie errötete sanft. „Ich meine, wie du das bezeichnen würdest.“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Wie würdest du es denn bezeichnen?“

Jetzt blitzte sie mich verärgert an und ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Meine verfluchten Dämonen steckte sie weg wie nichts, aber wenn es darum ging, unsere Beziehung zu definieren, verstand sie offenbar keinen Spaß.

„Hm. Ich schätze, ich würde es als Abenteuer bezeichnen“, sagte sie in dem Moment.

„Als Abenteuer“, wiederholte ich trocken.

Sie nickte. „Ganz genau. Ich wollte schon immer einen Rockstar flachlegen.“ Der Satz hallte laut durch die Kirche, genau in dem Moment, als die Tür von zwei älteren Damen aufgedrückt wurde. Die beiden Omas verharrten auf der Schwelle und starrten neugierig in unsere Richtung. Esther fuhr erschrocken herum und ich musste leise lachen.

„Vielleicht solltest du das noch ein bisschen lauter sagen, falls es nicht alle gehört haben“, flüsterte ich ihr zu. Diesmal konnte ich richtig dabei zusehen, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, und hätte sie am liebsten geküsst.

„Und wie würdest du das zwischen uns bezeichnen?“, gab sie durch zusammengebissene Zähne zurück und wandte sich wieder mir zu.

Ich zuckte mit den Achseln. „Ich hätte gesagt, du bist meine Freundin, aber da wusste ich noch nicht, dass du einfach nur auf Rockstars abfährst.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Freundin also. So was wie Friends with Benefits?“

Ich schmunzelte. „Nach deiner letzten Aussage denke ich eher an Groupies forever.“

Sie schnaubte und gab mir einen leichten Klaps auf die Schulter. Ich grinste und zog sie an mich. „Hast du es denn noch nicht verstanden?“, raunte ich dann leise an ihrem Hals. „Ich will mehr als nur Benefits, Esther. Ich will das andere große B.“

„Brüste?“, fragte sie forsch und ich musste lachen.

„Sind auch nicht schlecht“, gab ich zurück.

„Und was noch?“, fragte sie herausfordernd.

Ich sah ihr direkt in die Augen. „Eine Beziehung.“

 

Esther – 53

 

Da war es also, das Wort, und mir stockte völlig kitschig der Atem, als er es sagte. Eine Beziehung mit Eric, das war mehr, als nur Daten und Sex. Das war doch das, was ich mir insgeheim die ganze Zeit über gewünscht hatte … warum machten mir seine Worte also Angst?

„Begeisterung sieht anders aus“, bemerkte er und strich mir sanft die Haare hinters Ohr.

Ich blickte ihm in seine schönen blauen Augen und versuchte in Worte zu fassen, was ich selbst nicht ganz verstand.

„Ich schätze, ich kann mir das noch nicht so richtig vorstellen“, flüsterte ich. „Ich meine … du bist du und ich bin ich.“

„Das ist richtig“, erwiderte er mit einem unwiderstehlichen Lächeln. „Und ich bin auch verdammt froh, dass du du bist“, fügte er hinzu und küsste meine Fingerknöchel. „Und nicht ich.“

„Hm“, bemerkte ich wenig eloquent.

„Weißt du … jemand hat mal auf einem Bungee-Kran zu mir gesagt, dass man nur springen muss – und dann sieht man schon was passiert. Also spring mit mir, Esther.“

Er sah mich eindringlich an und seine Worte brachten etwas in mir zum Vibrieren. Und dann spürte ich, wie mein Kopf nickte und als nächstes fühlte ich seine Lippen auf meinen und dann war da nichts mehr als die Gewissheit, dass das die richtige Entscheidung war.

 

Nach dem sanften Kuss und einigen neugierigen Blicken der zwei älteren Damen verließen wir die Kirche und Eric fuhr mit mir zurück in die Stadt. Ich wollte noch nicht nach Hause, also gingen wir in ein winziges Kino, in dem es einen super kitschigen Film spielte, den er sich alleine mit Sicherheit niemals angesehen hätte. Doch Eric beschwerte sich nicht. Stattdessen kaufte er mir lächelnd eine Riesentüte Popcorn und drei verschiedene Packungen mit Gummizeug – und als wir dann nebeneinander in dem dunklen Kinosaal saßen, warf ich ihm immer wieder skeptische Seitenblicke zu, da ich nicht glauben konnte, wie zufrieden er aussah. Es schien ihm völlig zu genügen, hier mit mir zu sitzen und Popcorn zu essen, während sich auf der Leinwand ein Liebesdrama abspielte, das stellenweise sogar mir zu schnulzig war.

Es war ein seltsames Gefühl. Tim war mit mir so gut wie nie in irgendwelche Liebesfilme gegangen – und wenn, dann nur mit dem allergrößten Widerwillen. Ich konnte mich noch an sein genervtes Stöhnen erinnern, wenn die romantische Musik einsetzte und fragte mich nun, ob das an Tim oder an mir gelegen hatte.

Würde Tim bei einer Frau, für die er wirklich viel empfand, seine Liebesfilm-Aversion über Bord werfen? Oder interpretierte ich in diese Sache zu viel hinein?

Ich starrte noch immer gedankenversunken auf Eric, der selbst beim Popcorn-Essen sexy aussah, als sich das Pärchen auf der Leinwand zum ersten Mal im Regen küsste.

Eric fing grinsend meinen Blick auf und plötzlich hatte ich keine Lust mehr, den Film weiter anzusehen. Wieder drängten die Bilder der letzten Nacht in meinen Kopf, als wir uns in meiner Wohnung geliebt hatten, und ich hätte schwören können, dass er an dasselbe dachte. Mit einem Mal war die Luft zwischen uns so aufgeladen, dass ich die Spannung wie ein Prickeln auf meiner Haut fühlte.

Ich beugte mich zu ihm rüber. „Lass uns von hier verschwinden“, hauchte ich in sein Ohr und dann spürte ich schon seine Hand, die nach meiner griff und mich aus dem Kinosaal zog.

 

Wir schafften es bis in den Fahrstuhl. Eric hatte in der Tiefgarage geparkt und ich keuchte auf, als sich die Türen des Aufzugs hinter uns schlossen und er mich im nächsten Moment gegen die Wand drückte. Seine Küsse raubten mir den Verstand und mein ganzer Körper bäumte sich ihm entgegen. Er schaffte es, Empfindungen in mir zu wecken, die noch nie ein Mann zuvor geweckt hatte, und ich konnte es nicht erwarten, endlich mit ihm allein zu sein.

Als der Fahrstuhl hielt, löste er sich widerwillig von mir und sah mich einfach nur an. Wir atmeten beide schneller und Eric war mir so nah, dass ich die straffen Muskeln seiner Brust an meiner fühlen konnte.

Sein Blick brannte sich in meinen und er schüttelte langsam den Kopf. „Verdammt.“ Langsam hob er die Hand und strich mit dem Daumen über meine Unterlippe. „Weißt du eigentlich, wie schön du bist?“

 

Eric – 53

 

Sie blickte mich aus verschleierten Augen an und atmete zitternd ein. Dann lehnte sie sich vorsichtig in meine Richtung und küsste mich zart auf die Lippen. Es war der sanfteste Kuss, den ich je von einer Frau bekommen hatte und verflucht, sie hielt damit mein verkrüppeltes Herz in ihrer Hand. Es machte mir eine Scheißangst und gleichzeitig war es das Beste, was ich jemals erlebt hatte, besser als der Ruhm und die Kohle und die Drogen und der Sex, besser als die Groupies und die Autos und die Partys am Strand, besser als die Clubs und die Bars und die Palmen und das Meer, besser als alles, was ich in meinem beschissenen Leben jemals kennengelernt hatte – und das Wissen, dass ich jemanden wie sie eigentlich gar nicht verdiente und nichts dagegen tun konnte, wenn sie beschloss, mich zu verlassen, machte mich fertig.

Ich war echt am Arsch.

„Lass uns gehen“, flüsterte sie und dann war sie es, die mich aus dem Lift in Richtung Auto zog, und ich schob das ganze Weichei-Gesülze in meinem Kopf zur Seite und schwor mir, heute Nacht nur im verdammten Moment zu leben, wie ich es ja bisher auch getan hatte.

 

Ich wurde am nächsten Morgen von der Sonne geweckt. Sie fiel durch die dünnen Gardinen vor Esthers Schlafzimmerfenster und erinnerte mich daran, dass ich schon länger nicht mehr im Hotel übernachtet hatte. Die letzten Tage waren wir immer in ihrer Wohnung gelandet und ich wusste nicht, ob es nur an dem schwarzen Kater lag, der ohnehin kam und ging wie er wollte, oder daran, dass sie ihre Bruchbude meiner Suite vorzog.

Allerdings war es mir auch ziemlich egal, so lange ich ihren fantastischen Körper im Arm halten durfte. Und ihren Reaktionen von letzter Nacht zufolge, war das auch in ihrem Sinne.

„Hey“, hörte ich ihre leicht belegte Stimme in dem Moment und sah sie nur mit einem T-Shirt bekleidet am Türrahmen lehnen. „Woran denkst du?“

„Komm her und ich zeig’s dir“, gab ich mit einem Grinsen zurück und sie lachte.

„Keine Chance, Eric. Ich muss heute Nachmittag noch arbeiten, und wenn ich wieder zu dir ins Bett komme, kann ich das vergessen.“

„Schmeiß doch den Job“, erwiderte ich. „Du brauchst dort nicht hinzugehen. Ich kann dich doch unterstützen.“

„Mich unterstützen?“, wiederholte sie. „Nein, Eric, so läuft das nicht.“

Ich seufzte. „Was spricht denn dagegen, wenn du dich ganz auf dein Studium konzentrierst?“

Sie schüttelte den Kopf. „So vieles“, entgegnete sie inbrünstig. „Ich möchte es aus eigener Kraft schaffen. Du hast es ja schließlich auch aus eigener Kraft geschafft, oder nicht?“

Ich öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Die Diskussion konnte ich ohnehin nicht gewinnen.

„Okay. Darf ich dich wenigstens zum Frühstück einladen?“

Esther überlegte einen Moment und legte den Kopf leicht schief. „Ich wollte mich vor der Arbeit mit Flo zum Brunch treffen. Willst du mitkommen?“

Ich zog bei der Erwähnung ihrer verrückten Freundin eine Augenbraue hoch. „Krieg ich da noch Bedenkzeit?“

Sie schnappte sich kichernd ein Kissen und warf es nach mir. „So schlimm ist Flo auch wieder nicht.“

Ich schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Ich möchte ihr nur nicht in einer dunklen Gasse begegnen, wenn sie ihre Tage hat. Oder angepisst ist, weil ihr jemand zu wenig Zimt in ihren Chai Latte getan hat.“

Esther lachte. „Jetzt hör aber auf. Erstens gebe ich ihr immer genug Zimt in ihren Chai und zweitens ist sie momentan gut drauf, weil sie einen neuen Freund hat.“

„Aha“, sagte ich, schlug die Decke zurück und stand auf. Esthers Augen huschten über meinen nackten Körper und ich grinste, als ich ihren Blick bemerkte.

„Ganz sicher, dass du brunchen gehen willst?“, fragte ich mit tiefer Stimme nach und machte einen Schritt auf sie zu. „Wir können auch noch umdisponieren.“

Sie atmete hörbar ein und nickte. „Ich bin mir sicher“, erwiderte sie dann und sah aus, als müsse sie sich mit Gewalt davon abhalten, mich anzufassen. Gleichzeitig knurrte ihr Magen und ich spürte, wie meine Mundwinkel nach oben zuckten.

„Okay“, murmelte ich und machte mich auf den Weg zur Dusche. „In fünf Minuten können wir los.“

 

Esther – 54

 

Das Lokal, in dem sich Flo mit mir zum Brunch treffen wollte, war ein neu eröffneter Laden, der alles daransetzte, möglichst bald zu einer der angesagtesten Adressen in der Stadt zu werden.

Bunte Neon-Leuchtröhren verliefen am Boden und die Kellner trugen alle identische graue Ganzkörperanzüge, die irgendwie cool und lächerlich zugleich aussahen.

„Hey Esther, hallooooo!“, rief Flo, kaum, dass ich mit Eric an meiner Seite den Laden betreten hatte, und winkte von einem der zentral gelegenen Tische. Obwohl das Lokal erst eröffnet worden war, war jetzt schon kaum ein Platz frei, was für eine beeindruckende Marketingstrategie sprach.

Ich winkte weniger auffällig zurück und bahnte mir mit Eric meinen Weg durch die Menge.

Eric ließ die Sonnenbrille auf und hielt den Kopf gesenkt, aber ich bemerkte dennoch einige interessierte Blicke in der Nähe. Die Leute, die hier verkehrten, waren jung – und die allermeisten kannten mit Sicherheit seine Band, aber ich hoffte einfach, dass sie uns in Ruhe ließen.

„Hey“, sagte ich, als wir den flachen weißen Tisch erreicht hatten, und umarmte Flo kurz. Dann streckte ich dem blonden Typen neben ihr die Hand hin. „Ich bin Esther“, stellte ich mich vor.

Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, so eine typische Cornetto-Figur, und sah aus wie ein Footballspieler.

„Hank“, antwortete er und blieb sitzen, als er mir die Hand gab. Dafür packte er so fest zu, dass es wehtat und ich war froh, als er wieder losließ.

„Und du bist also der berühmte Eric“, fuhr Hank fort und betrachtete Eric aus halbgeschlossenen Augen. Er sagte es mit einem seltsamen Unterton und war mir von der ersten Sekunde an unsympathisch.

„Ich habe Hank schon ein bisschen was von dir erzählt“, sagte Flo rasch und sah sich suchend um. Sie wirkte total aufgekratzt. „Wo ist denn jetzt nur dieser Kellner hin?“, rief sie dann.

Eric warf mir einen kurzen Blick zu und ließ sich auf einen Sessel fallen, der vom Design her auch in ein Raumschiff gepasst hätte.

„Habt ihr schon bestellt?“, wollte ich wissen, als ich mich ebenfalls setzte.

Flo schüttelte den Kopf. „Wir sind auch gerade erst gekommen“, erwiderte sie mit einem vielsagenden Grinsen.

Hank warf Eric einen überheblichen Blick zu, als wäre es eine Leistung, Zeit mit Flo im Bett zu verbringen, die ihm erst mal einer nachmachen sollte.

„Also … hab gehört, du singst“, sagte Hank jetzt zu Eric, als wäre Eric irgend so ein Straßenmusiker, der sich nur mit Müh und Not über Wasser halten konnte.

Eric nickte knapp und zog die Speisekarte zu sich heran.

„Und was machst du, Hank?“, spielte ich ihm den Ball zu, während ich gleichzeitig einen Blick auf Erics offene Karte warf.

„Ich studiere Sportwissenschaft“, erwiderte Hank selbstzufrieden und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Ich wollte ursprünglich in den wirtschaftlichen Bereich, aber nachdem ich ein Eishockey-Stipendium bekommen habe, dachte ich, ich sollte generell was in der Richtung machen.“

„Hank lebt für Sport“, warf Flo ein. „Er hat schon beide oberen Schneidezähne bei einem Spiel verloren.“

„Gratuliere“, erwiderte Eric trocken und Hank kniff die Augen zusammen. „War keine große Sache, mein älterer Bruder ist Zahnarzt.“

Eric verschränkte schmunzelnd die Arme vor der Brust und erwiderte nichts.

„Super“, sagte ich in die auftretende Stille hinein und wünschte, ich hätte mir die Zeit genommen, Hank und Flo zuerst mal alleine zu treffen. Auf die Art hätte ich wahrscheinlich schon erahnen können, dass die Chemie nicht passen würde.

„Ja, mein Bruder ist gut in seinem Job. Hast du denn Geschwister, Eric?“, fragte Hank in dem Moment und winkte träge einem der Kellner, der augenblicklich auf unseren Tisch zusteuerte.

Erics Körper spannte sich an und mir fiel auf, dass er Hank keine Antwort gab. „Habt ihr Wodka?“, richtete er das Wort stattdessen an den schlanken Kellner, der eben in seinem grauen Science-Fiction-Anzug zu unserem Tisch gekommen war.

„Üblicherweise erst zu Mittag, aber wir können für Sie sicherlich eine Ausnahme machen“, erwiderte der Mann nach kurzem Zögern.

In dem Moment ging eine hübsche Dunkelhaarige in Minirock und Highheels an unserem Tisch vorbei und stockte, als sie Eric sah. Dann wurden ihre Augen kugelrund und sie blieb stehen.

„Eric? Ich glaub’s nicht! Bist du das wirklich?“

 

Eric – 54

 

Ich war noch immer dabei, die Frage von dem scheiß Typen zu verdauen, den Flo da angeschleppt hatte, als ich hinter mir die aufgeregte Stimme einer Frau hörte. Sie kam mir vage bekannt vor und ich hoffte inständig, dass sie kein durchgeknalltes Groupie war. Das hätte mir jetzt noch gefehlt, dass eine Tussi, die ich irgendwann mal gevögelt hatte, ausgerechnet in dem Laden auftauchte, in dem ich mich mit Esther und ihrer Freundin traf. Mister Arschloch-mit-reparierter-Zahnlücke nicht zu vergessen.

Unwillig drehte ich mich zu der Stimme um und begegnete einem Paar türkisgrüner Augen. Farbige Kontaktlinsen, schoss es mir durch den Kopf. Farbige Kontaktlinse war doch die Freundin von … fuck, mir fiel ihr Name nicht ein, mir fiel gerade gar nichts ein.

„Hey“, sagte ich kühl. „Wie geht’s dir?“

„Super“, erwiderte sie und lächelte mich mit ihren gebleichten Zähnen an. Dabei rückte sie ihre Designertasche auf der Schulter zurecht und ich dachte, dass sie sich ganz schön aufgebrezelt hatte für einen Brunch, aber das war wohl so ne Modelkrankheit.

Die Tante schaute von mir zu Esther und ich sah, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Da ich echt keinen Bock darauf hatte, dass sie jetzt noch länger hier rumstand und womöglich irgendwelche Geschichten von früher auspackte, nickte ich ihr nur kurz zu. „Cool. Also dann. Man sieht sich.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Klar. Oder auch nicht. Soll ich Natascha was von dir ausrichten?“

Verdammte Bitch. Ich merkte, wie Esther neben mir nervös an ihrer Bluse nestelte und bereute, dass ich das Gespräch mit der Tussi nicht sofort im Keim erstickt hatte.

Der Kellner glotzte sie in der Zwischenzeit an, als wäre sie ein verdammtes Supermodel, und das nur, weil ihr Rock knapp unterhalb ihres Hinterns aufhörte. „Du kannst ihr sagen, dass ich ihr alles Gute wünsche“, gab ich knapp zurück und wandte mich wieder dem Kellner zu. „Die Wodka-Ausnahme klingt super. Machen Sie einen Doppelten draus. Und was wollt ihr?“ Damit drehte ich mich bewusst von der Tante weg und hoffte, dass sie einen Abflug machte.

„Ich hab mich noch nicht entschieden“, plapperte Flo drauflos und Esther strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr während sie den Blick auf die Karte senkte.

„Gut. Bis dann, Eric“, meinte die Tussi frostig und endlich fiel mir ihr Name ein.

„Tschüss, Melissa“, verabschiedete ich sie.

„Melinda“, knurrte sie und stöckelte davon.

„Ich kann auch später wiederkommen, wenn Sie noch in Ruhe auswählen wollen“, sagte der Kellner im nächsten Moment.

„Gute Idee“, murrte ich, da es mich nervte, dass er noch immer Melissa-Melinda hinterherstarrte.

„Also“, sagte Flo übertrieben fröhlich, kaum, dass der Kellner in seinem glänzenden grauen Strampelanzug abgezischt war. „Wo waren wir stehengeblieben?“

„Ich wollte wissen, ob du Geschwister hast“, hakte das Arschloch von gegenüber sofort wieder ein und ich musste an meine verdammte Mutter denken. Genervt biss ich die Zähne zusammen und befahl mir, sitzenzubleiben und nicht einfach mit Esther abzuhauen.

„Keine, die ich persönlich kenne“, erklärte ich kalt und sah mich nach dem Typen in dem grauen Strampler um. Hoffentlich brachte er mir bald meinen Wodka.

„Das heißt, du hast Geschwister, die du nicht kennst?“, fuhr das Arschloch fort und ich dachte, dass Hank ein Name war, der zu ihm passte. Ein Name, wie geschaffen für jemanden, dem man in die Fresse schlagen wollte.

„Was wird das? Willst du ne Bio über mich schreiben?“, fragte ich zurück und sah, wie Esther und ihre rotblonde Studentenfreundin einen Blick wechselten.

Verdammt, ich war nicht der Typ für so eine Viererscheiße.

„Ne, mit Sicherheit nicht“, entgegnete er überheblich. „Ich dachte, ich betreibe ein wenig Konversation. Kennst du aber anscheinend nicht.“

Ich schüttelte nur den Kopf und klopfte mit den Fingern auf meinen Oberschenkel. Gerade hatte mir der Arsch die Inspiration für eine Textzeile zu einem neuen Song geliefert und ich wusste nicht, ob ich das jetzt gut oder schlecht finden sollte. Bevor ich mir darüber klar werden konnte, vibrierte mein Handy und ich zog es aus meiner Jeans.

„Fuck“, murmelte ich dann nach einem kurzen Blick auf das Display.

Esther - 55

 

Eric fluchte nach einem Blick auf das Display und ich zog fragend die Augenbrauen hoch. Egal, welche Nachricht er bekommen hatte, ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Stimmung dadurch noch mieser werden konnte.

„Was ist los?“, fragte ich leise, als er nicht reagierte.

„Bandprobe“, knurrte er knapp.

„Hast du vergessen, oder was?“, fragte Hank von gegenüber und ich warf ihm einen genervten Blick zu. Flo hatte schon viele Typen gehabt, aber das war mit Abstand der präpotenteste.

Eric ignorierte Hank und beugte sich zu mir rüber. Ich atmete seinen betörenden Duft ein – eine Mischung aus Parfum, Duschgel und ihm selbst – und bekam eine Gänsehaut, als seine Lippen kurz meinen Hals streiften.

„Tut mir leid, Baby, ich muss abhauen. Sehen wir uns heute Abend in meinem Hotel?“

Ich versuchte, die abwertenden Blicke von Hank gegenüber zu ignorieren und schüttelte den Kopf. „Ich muss arbeiten, Eric, das hab ich dir doch gesagt“, flüsterte ich zurück.

„Dann morgen?“, fragte er und sein Blick konzentrierte sich ausschließlich auf mich, als würde es Flo und Hank gar nicht geben. Ich fühlte mein Herz schneller klopfen und nickte. Er grinste mich kurz an, dann drückte er mir einen schnellen Kuss auf die Lippen, verabschiedete sich von Hank und Flo mit einem Nicken und war kurz darauf in der Menge verschwunden.

„Ganz schön stressiges Leben“, bemerkte Hank, als Eric nicht mehr zu sehen war. Seine Stimme hatte so einen gewissen Unterton, auf den ich nicht eingehen wollte.

„Stimmt“, entgegnete ich kühl und bemerkte, wie Flo dem Typen neben sich einen stirnrunzelnden Blick zuwarf.

„Und ihr seid jetzt richtig zusammen?“, fragte ich, um das Thema in eine andere Richtung zu lenken. Dabei hoffte ich inständig, dass die Antwort Nein war. Im gleichen Moment brachte der Kellner von vorhin Erics Wodka und stellte ihn dort ab, wo er gesessen hatte.

„Äh“, sagte Hank auf meine Beziehungsfrage.

„Nein“, erwiderte Flo schnell. „Wir sind nur ein paar Mal miteinander ausgegangen.“

Ich nickte und nahm einen Schluck von dem Wodka.

„Haben Sie inzwischen schon gewählt?“, fragte der Kellner, der neben dem Tisch stehengeblieben war. Mir war irgendwie der Appetit vergangen, aber ich bestellte dennoch etwas von der Karte, um es nicht zu zeigen.

„Und was ist mit dir und Eric?“, fragte Hank, nachdem der Kellner alle Bestellungen aufgenommen hatte und wieder verschwunden war. „Seid ihr jetzt richtig zusammen?“

Ich fing Flos Blick auf, die so aussah, als ob ihr erst in den letzten Minuten bewusst geworden war, was für einen Idioten sie da angeschleppt hatte.

„Mehr oder weniger“, antwortete ich auf Hanks Frage, weil ich mich nicht festlegen wollte.

Hank grunzte. „Ich bewundere dich, dass dich das nicht stört, mit den ganzen Ex-Freundinnen verglichen zu werden.“ Er nahm einen Schluck von seinem grünen Smoothie. „Diese Natascha, ist das nicht ein russisches Unterwäschemodel?“

Ich presste die Lippen aufeinander. „Keine Ahnung“, erwiderte ich dann kurz angebunden. Ich wusste es wirklich nicht und ich wollte es auch nicht wissen. Genauso wenig, wie ich wissen wollte, mit wie vielen Frauen Eric in seinem Leben schon geschlafen hatte. Allerdings war es schwer, solche Fragen beiseite zu drängen, wenn jemand wie Hank daherkam und den Finger genau in die Wunde legte.

„Doch, doch. Ich hab mal einen Bericht über die im Fernsehen gesehen“, setzte er hinzu. Flo fuhr sich unbehaglich durch ihre rotblonden Locken und ich hatte nicht übel Lust, auch den Rest von Erics Wodka auszutrinken. Dabei überlegte ich, ob ich auf die Toilette gehen und meine Mutter bitten sollte, mich in fünf Minuten anzurufen, damit ich unter einem Vorwand ebenfalls verschwinden konnte.

Hank schnalzte mit der Zunge. „Ganz schön schwer, mit so einer zu konkurrieren“, sagte er. „Wenn ich dir einen Tipp geben darf: Du solltest in Zukunft den Zucker bei deinen Bestellungen weglassen. Ich kann auch mit dir trainieren, wenn du Panik hast, dass er dich sonst verlässt.“

„Danke, Hank“, erwiderte ich mit einem falschen Lächeln.

Flo vergrub das Gesicht in den Händen und stöhnte auf.

„Was ist mit dir?“, fragte Hank und legte ihr fürsorglich die Hand auf die Schulter.

„Du bist furchtbar, das ist mit mir“, erwiderte sie vorwurfsvoll und schüttelte seine Hand ab. „Ehrlich, Hank, wieso musst du so ein Volltrottel sein?“

 

Eric – 55

 

Obwohl der Taxifahrer auf dem Weg zum Studio einen Großteil der Verkehrsregeln ignorierte, kam ich eine halbe Stunde zu spät zur Probe.

„Und wieder mal der Letzte“, erklang Arons angepisste Stimme, als ich das kalte Studio betrat. Keine Ahnung, was mit der Klimaanlage los war, aber seit dieser Simon unser Manager war, fror man sich hier immer die Eier ab.

„Hat es hier absichtlich Temperaturen wie am Nordpol?“, knurrte ich, ohne auf Arons pussyhaften Kommentar einzugehen.

„Hey Mann, schön dass du es geschafft hast“, sagte Noah und stellte die E-Gitarre zur Seite. „Die Temperatur hier soll uns schon mal auf unseren neuen Gig einstimmen. Hat dir Simon noch nichts gesagt? Wir machen eine Grönland-Tournee.“

„Wir machen was?“, wiederholte ich gepresst.

„Eine Grönland-Tournee“, sagte Noah und grinste. „Drei Wochen in Kälte und Eis.“

„Nicht dein Ernst“, murmelte ich und drehte mich auf dem Absatz um.

 

Eine Minute später platzte ich in das Büro von Simon hinein. Er saß gerade über einen Stoß Papiere gebeugt und fuhr so heftig zusammen, als hätte ich ihn bei etwas Verbotenem erwischt.

„Eine Grönland-Tournee?“, fragte ich hart. „Seit wann entscheidest du einfach irgendwelche Dinge, ohne dich mit uns abzusprechen?“

Simon schnappte sich die Papiere und ließ sie schnell in seiner Schreibtischschublade verschwinden. Dann räusperte er sich vernehmlich. „Hallo, Eric. Schön, dass du heute da bist.“

„Hast du mir nicht zugehört?“, fragte ich hart.

Simon lächelte gezwungen und stand auf. „Grönland? Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Ich spreche von der verdammten Tournee“, erwiderte ich. „Drei Wochen in Kälte und Eis.“

Unser neuer Manager – der inzwischen gar nicht mehr so neu war – verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei bemerkte ich, dass seine Hände leicht zitterten.

„Kann es sein, dass dich einer der Jungs verarscht hat, Eric?“, fragte Simon nun. „Ich hab keine Grönland-Tournee geplant.“

Ich kniff die Augen zusammen. „Hast du nicht?“

„Hab ich nicht.“ Simon schüttelte den Kopf. „Grönland. Also ehrlich. Ich will euch dort sehen, wo der Schotter wächst.“

„Und wo wächst der Schotter?“

„Vegas“, grinste Simon und wirkte nun schon wesentlich selbstsicherer. „Am Wochenende findet dort ein New Rock- & Pop-Musikfestival statt. Und ich hab organisiert, dass ihr da auftretet.“

„Und wieso weiß ich davon nichts?“, murrte ich, weil es mich noch immer anpisste, dass Noah mich verarscht hatte und ich ihm auf den Leim gegangen war.

„Keine Ahnung, ich hab euch allen eine Mail geschickt. Oder soll ich dich in Zukunft lieber anrufen?“, fragte Simon.

„Nicht nötig“, murrte ich und nahm mir vor, meine Mails regelmäßiger zu checken. Fehlte noch, dass ich seine nervige Stimme öfter als nötig im Ohr hatte.

„Gut“, sagte Simon. „Dann wäre das ja geklärt. Ach, und Eric?“

„Was?“, fragte ich, denn ich hatte jetzt schon die Schnauze voll von dem Gespräch.

„Platz nicht mehr einfach so in mein Büro. Wenn die Tür geschlossen ist, hat das einen Grund, okay?“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Und welchen? Dass du dir vor deinen Provisionsabrechnungen einen runterholst?“

Simon errötete und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er schluckte. „Ich denke, es ist eine legitime Bitte, Eric.“

„Ja ja, schon gut“, knurrte ich, wobei es mir ein wenig seltsam vorkam, dass er auf dem Thema so herumritt. Möglicherweise versteckte er irgendwelche Pornobilder zwischen den Abrechnungen.

„Mir ist auch eine Sache wichtig“, erklärte ich ihm dann. „Erstens: Lass endlich einen Techniker kommen, der die Klimaanlage neu einstellt. Und zweitens: Ruf im Laufe des Tages Noah in dein Büro und erklär ihm, das eine Nummer geplant ist, auf der er Ukulele spielen muss.“

„Hä?“, machte Simon.

„Tu’s einfach“, erwiderte ich und konnte ein Grinsen bei der Vorstellung von Noahs Gesichtsausdruck nicht unterdrücken.

 

Esther - 56

 

„Du nennst mich einen Volltrottel?“, fragte Hank verwirrt und Flo nickte. „Das tue ich. Wobei vielleicht auch ich die Idiotin bin, weil ich es nicht eher gemerkt habe.“

„So kannst du doch nicht mit mir reden“, fuhr Hank sie aufgebracht an.

„Und ob ich so mit dir reden kann“, entgegnete Flo unbeeindruckt. „Siehst du? Ich rede so mit dir.“ Sie machte eine kurze Pause. „Und du solltest jetzt gehen, bevor es noch peinlicher für dich wird.“

Ich starrte auf die Szene wie auf einen Verkehrsunfall, aber ich war nicht die Einzige. Hanks lautes Organ hatte dazu geführt, dass einige Gespräche an den Nachbartischen verstummt waren.

„Das muss ich mir nicht geben“, sagte Hank und stand abrupt auf. Dann stürzte er seinen grünen Smoothie hinunter, warf Flo einen letzten todesverachtenden Blick zu und stapfte aus dem Lokal.

Kaum war er weg, brachte der Kellner unser Essen. Es waren zwei riesige Platten mit Brötchen, Aufstrichen, frisch geschnittenem Obst, süßem Gebäck, Joghurt, Tee und Orangensaft.

„Stellen Sie es einfach hin“, sagte Flo, weil er kurz irritiert wirkte, dass nun auch der zweite Mann unseren Tisch verlassen hatte. „Wir schaffen das schon.“

Da war ich mir nicht so sicher, aber ich widersprach nicht, als der Kellner all die Köstlichkeiten vor uns abstellte.

„Hank ist jetzt also Geschichte“, stellte ich fest, als er gegangen war und Flo gerade herzhaft in ein Buttercroissant biss.

Sie kaute, schluckte runter und seufzte. „Ja, leider“, erwiderte sie. „Dabei war er echt eine Granate im Bett.“

Ich verzog das Gesicht. „Bitte keine Details.“

Flo warf den Kopf in den Nacken. „Seine Zunge, Esther! Ich weiß, er hat nur Scheiße damit gelabert, aber du hättest mal fühlen sollen, was für Bewegungen er draufhatte …“

Ich legte ihr rasch die Hand auf den Arm. „Bitte nicht“, flehte ich inständig. „Erzähl mir das bitte nicht.“

Sie lachte und beugte sich über den Tisch, um sich ein paar Weintrauben zu schnappen.

„Danke“, sagte ich dann aufrichtig.

„Dafür, dass ich dir die Einzelheiten seiner akrobatischen Zunge erspare?“

„Dafür, dass du ihn abgeschossen hast.“

Sie zuckte mit den Achseln. „Er war eben ein Idiot. Leider scheinen mir andauernd solche Typen über den Weg zu laufen.

„Ist diese … Natascha … ist sie wirklich ein Unterwäschemodel?“, fragte ich leise, während ich ein paar Käsestückchen aufspießte.

Flo sah mich streng an. „Nein, Esther, das tust du nicht.“

„Ich mach doch gar nichts.“

„Doch, du vergleichst dich mit ihr“, erwiderte sie verärgert. „Und du hast absolut keinen Grund dazu. Ist dir schon mal aufgefallen, wie Eric dich ansieht? Ich schwöre, ich würde dafür töten, dass mir ein Mann wie er solche Blicke zuwirft.“

Ich spürte die Hitze in meine Wangen kriechen und wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte.

„Abgesehen davon hast du ein viel hübscheres Gesicht als diese blöde Russin. Zumindest siehst du nicht immer so aus, als ob du gerade in eine Zitrone gebissen hättest.“

Ich musste bei ihrem Vergleich lachen. Dann griff ich spontan nach ihrer Hand. „Danke, Flo.“

„Wofür genau?“, fragte sie schmunzelnd.

„Dafür, dass du meinetwegen auf Hanks Zunge verzichtest.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Dafür sind Freundinnen doch da. Und wer weiß … vielleicht sind die Kumpels aus seinem Eishockey-Team ja genauso talentiert.“

Ich grinste. „Ich schätze, um das herauszufinden, musst du dich zu Studienzwecken mit einem oder zwei von ihnen verabreden.“

Flo seufzte tief, doch diesmal klang es kein bisschen schwermütig. „Ja, ich schätze das muss ich wohl“, stimmte sie mir lächelnd zu.

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