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Gringo

Inhalt

Maman

Gringo

Danke Franz

Sommerabend

Der Herr der Straßen

Salario Minimo

Menina Bonita

Glück gehabt

Acapulco

Abgang

J. C.

Der Fischer und seine Frau

Karneval in Bahia

Glückskinder

Ein guter Sonstwas

Der Zahn der Zeit

Ein Sohn Ogums

Nachwort von Wolfgang Rüger

Maman

Sie war eine kleine, breit gebaute Frau mit dunklem Gesicht, schwarzen Haaren und Schneidezähnen aus Gold. Ihre großen Augen waren diese besonderen Augen, in deren fast schwarzer Tiefe man sich verlieren kann, und ihr Mund sah ganz so aus, als wären die Küsse und Bisse der jungen Jahre auf ihm zurückgeblieben. Leicht ausgefranst an den Rän dern. Sie thronte am Ende der langen Theke hinter der Kasse und ihre dicken Finger bewegten die Scheine und Münzen mit einer Geschwindigkeit, die Übung verriet. Sie sprach wenig, und wenn sie sprach, hörte man hinter den knappen Sätzen fast immer Ausrufezeichen. Die Kneipe, ein schlauchartiger, rauchdunkler Raum in einer Seitenstraße der Rue St. Denise, gehörte ihr. Die Wände waren mit Plakaten zugepflastert, die vom Boxen bis Juliette Greco alles ankündigten, und an der Decke klebte die übliche Neonlampe. Es war dämmrig und still und früher Nach mittag, als ich mich zum ersten Mal gegen die lange Theke lehnte. Eine junge Hure saß an einem der drei Tische und starrte in ihr Pastisglas, und der Barmann stocherte mit einem Streichholz in dem Rest seiner Zähne herum. Die Frau hinter der Kasse schickte einen kurzen Blick zu mir herüber, den ich deuten konnte, ohne mich anstrengen zu müssen. Ein anderer, der nicht zum ›Milieu‹ gehörte, hätte diesen Blick gar nicht bemerkt. Die Frau hatte mich wahrgenommen und dabei versucht, mich einzuschätzen. Ein Fremder konnte Verdruss bedeuten. Ein Spitzel, den sie nicht kannte, ein Zuhälter aus einem anderen Revier, der sich hier umsah, ein Gangster, der die Bullen im Genick hatte oder der Vorausmann einer Bande, die hier Terrain gewinnen wollte. Dieses Revier war damals, als es ›Les Halles‹ noch gab, ein heißes Revier, und jeder sah zu, dass er über die Runden kam. Ich war nur ein kleiner Dieb mit einer Pechsträhne und einem Mädchen, das mit einem anderen Dieb, der eine Glückssträhne hatte, in den Süden gefahren war. Mir gefiel diese Kneipe, ich wusste nicht, warum, aber ich hatte gleich beim Eintreten ein gutes Gefühl gehabt. Ich nippte vorsichtig an meinem Bier, ich konnte mir nur eins leisten, und horchte in die Stille. Irgendwann erhob sich die junge Hure und sagte: »Wünsch mir Glück, Maman.« Sie trat vor die Theke und die Frau hinter der Kasse beugte sich vor und berührte mit zwei Fingern ihrer rechten Hand fast zärtlich ihre Stirn und ihren Mund. Sie ging hinaus, und ich sah ihr nach und hatte dabei das ganz sichere Gefühl, dass sie Glück haben würde. Ich nuckelte weiter ganz langsam an meinem Bier und als das Glas leer war, zahlte ich und ging auf die Toilette.

Als ich zurückkam, stand ein frisches Bier an meinem Platz. Ich war der einzige Gast, und das Bier konnte nur für mich da stehen. Ich sah den Barmann an. Er nickte und bewegte einen Daumen. »Von Maman.« Die Frau hinter der Kasse lächelte, und ich sah ihre Goldzähne blinken. Ich deutete, sicher mit einiger Überraschung im Gesicht, eine Verbeu gung an und sagte: »Vielen Dank, Maman«, und im selben Augen blick hätte ich mich ohrfeigen können, ich hatte Madame sagen wollen, aber Maman war mir einfach so rausgerutscht. Sie nickte knapp und murmelte »de rien« und widmete sich wieder ihrer Zeitung. Ich stützte wieder die Ellen bogen auf die Theke und fragte mich, warum die Frau mich auf ein Bier eingeladen hatte. Dass sie mich in ihr Bett transportieren wollte, war vollkommen ausgeschlossen. Ich grübelte, und beim Grübeln öffnete sich die Tür, und ein Mann in einem alten Pfeffer- und Salzanzug betrat die Kneipe. Er hatte ein eckiges Kinn und eine eingedellte Nase und seine kleinen Augen huschten flink über mein Gesicht. Ein Blick, den ich auch deuten konnte. Der Barmann sagte »Salut, Jean«, und er nuschelte »Salut« und als er vor der Kasse stand sagte er »Bonjour Maman«.

Die Frau lächelte und ihre großen, fast schwarzen Augen senkten sich in seine kleinen und nach einer Weile sagte sie ruhig: »Schon wieder in Schwierigkeiten, Jean?!« Es klang nicht wie eine Frage, es war eine Feststellung. Er nickte. Sie schüttelte, immer noch lächelnd, leicht den Kopf und nahm ein paar Geldscheine aus der Kasse. »Hier nimm.« Er nahm das Geld, steckte es in die Hosentasche und sagte: »Danke, Maman. Bis zum Wochenende hast du es zurück.«

»Schon gut.«

»Auf Wiedersehen, Maman.«

Er ging und als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, glaubte ich, etwas kapiert zu haben. ›Maman‹ schien nicht der Spitzname dieser Frau zu sein, dieser Bursche in dem alten Pfeffer- und Salzanzug, vielleicht auch ein kleiner Dieb mit einer Pechsträhne, hatte ihn so ausgesprochen, wie man Mutti oder Mammi oder Mutter oder wie auch immer sagt, und es hatte ganz natürlich geklungen. Spitznamen haben immer einen Unter- oder Nebenton. Bei der jungen Hure hatte ich geglaubt, dass sie ihre Tochter sei, als sie die Frau mit Maman anredete.

Das Öffnen der Tür unterbrach mich in meinen Betrachtungen. Zwei Huren traten ein, eine Afrikanerin, die sich in etwas sehr knappes Weißes gezwängt hatte und eine große Blonde in Leder. Sie waren gut aufgelegt und lachten und wedelten mit Geldscheinen. »Wir haben Glück gehabt«, piepste die Afrikanerin mit Kleinmädchenstimme, »eine Flasche Champagner, Luc.«

»Nein.« Das Nein kam vom Ende der Theke.

»Aber Maman, wir wollen doch nur ...«

»Nein, Kinder.« Die Stimme der Frau war weich. »Ihr müsst für euer Geld zu schwer arbeiten. Lasst den Champagner die Freier bezahlen.« Die Frauen protestierten und als der Protest nicht half, verlegten sie sich aufs Bitten.

»Bitte, Maman, nur eine Flasche.«

Abgelehnt. Kein Champagner. Zu teuer. Spart euer Geld, seid vernünftig. Und die Frauen gehorchten. Sie schmollten ein bisschen, wie kleine Mädchen das so tun, wenn Mami nein sagt, aber sie hockten sich ganz brav an einen Tisch und Luc, der Barmann, brachte ihnen zwei Pastis. Ich hatte auch geschmollt, wenn meine Mutter nein gesagt hatte. Später, als ich richtig fluchen konnte, hatte ich ge flucht. Oder das Nein einfach ignoriert. Meine Mutter war geduldig gewesen.

Am nächsten Tag lehnte ich mich wieder gegen die lange Theke. Luc stellte unaufgefordert ein Bier vor mich hin. Zwei Typen in gutsitzenden Anzügen lehnten sich auch gegen die Theke. Sie hatten harte, wache Augen und trugen Goldketten an den Handgelenken und ein bisschen Gold an den Fingern. Zuhälter. Ein Dritter stand vor Mamans Kasse. Er sah niedergeschlagen aus. Ein großer Bursche in einem gestreiften Maßanzug mit diesen sehr breiten, abfallenden Schultern, wie sie damals, in den frühen Sechzigern, bei den Zuhältern in Paris Mode waren. Er hatte ein scharfgeschnittenes, blasses Gesicht und unter seiner römisch geformten Nase prangte ein sauber ausrasiertes Adolphe-Menjou-Bärtchen. Ein schöner Mann. Aber ein geschlagener Mann.

»Du lügst«, sagte Maman direkt in sein schönes Gesicht und gab sich dabei keine Mühe, besonders leise zu sprechen, »und Lügner sind Feiglinge, und die hasse ich mehr als den Tod. Und ich mag keine Männer, die Frauen schlagen.«

Der Mann zupfte an seinem Bärtchen und starrte auf seine blankpolierten Schuhspitzen. »Bon«, sagte er nach einiger Zeit und hob den Kopf, »ich geb’s zu. Susi’s Veilchen stammt von mir.«

Maman beugte sich vor und tätschelte ihm die Wange. Ego te absolvo, dachte ich. »Tu’s nicht wieder«, sagte sie mit weniger Stimme als vorher, »und vertragt euch wieder, okay?«

»Okay, Maman.«

Der große Zuhälter stellte sich zu seinen Copains an die Theke und sah irgendwie erleichtert aus. Ich nippte an meinem Bier und dachte, wie es scheint, haben diese Leute hier eine richtige Mutter und die Sache funktioniert. Weil Maman wie eine richtige Mutter, ganz ohne Eigennutz, nur ihr Bestes will. Und sie haben es begriffen, und es ist gut für sie.

Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass es schön sein müsste, dazuzugehören, aber diese Wunschvorstellung verscheuchte ich schnell wieder aus meinem Kopf. Dies war nicht mein Revier, mein Revier war auf der anderen Seite der Seine, im 6. Arrondissement hatte ich ein kleines Zimmer und ein paar Copains, mit denen ich kleine Dinger drehte. Eierdiebereien. Ich hatte, seit ich in Paris war, noch nie richtig gearbeitet.

Die Zuhälter verließen die Bar, und jetzt sah ich hinten, im Halbdunkel, an dem letzten der kleinen Tische, eine zahnlose alte Frau, die sich über einen Teller Suppe beugte. Sie machte nicht den Eindruck, als könne sie die Suppe bezahlen. Aber da kann man sich täuschen. Maman kletterte vorsichtig von ihrem Thron hinter der Kasse, drückte sich an Luc hinter der Theke vorbei, legte die massiven Unterarme auf das Zink und sah mir ins Gesicht. »Du bist Deutscher«, sagte sie leise.

Ich nickte. »Ja, Maman, woher wissen Sie?«

»Ich habe es gesehen und an deinem Akzent gehört. Ich mag die Deutschen.«

»Danke, Maman.« Ich sagte ganz automatisch Maman, da bei wäre Madame richtig gewesen. Ich gehörte nicht dazu. Sie lächelte und studierte aufmerksam mein Gesicht. Ich lächelte zurück – und ließ es geschehen. Ich mochte diese Frau. Ich dachte, dass sie mit irgendetwas kommen würde, vielleicht wollte sie etwas von mir, ich wusste es nicht. Aber was es auch sein mochte, es würde nichts Schlechtes sein. Sie machte Luc ein Zeichen, und er stellte ein frisches Bier vor mich hin. Jetzt war ich sicher. Sie wollte etwas von mir. Ihre Goldzähne blinkten, als sie sprach. »Willst du arbeiten?« fragte sie und ihre Stimme hatte einen rauen Unterton.

Es klang wie ein Angebot, aber gleichzeitig auch irgendwie anders. Ich war vollkommen überrascht und bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, nickte ich heftig mit dem Kopf und sagte »Ja, Maman, gerne.«

So wurde ich Barmann in der ›Schwarzen Katze‹. Ich hatte die Tagesschicht und Luc besorgte den Rest. Er ist zu alt für diesen Fulltimejob, hatte Maman gesagt, und Luc war mit der Regelung einverstanden, und wir vertrugen uns großartig. Ich lernte in sehr kurzer Zeit eine Menge Leute kennen und merkte mir die Namen und Gesichter von Dieben, Zuhältern, Huren, Gangstern und Polizisten. Zwei- oder dreimal lehnte sich auch ein weißhaariger, elegant gekleideter alter Herr gegen meinen Tresen und jedes Mal, wenn ich einen Drink vor ihn hinstellte und dabei in seine dunklen Augen sah, spürte ich dieses seltsame Frösteln zwischen den Schulterblättern. Niemand redete ihn, wie das hier üblich war, mit seinem Vornamen an, man sagte, wobei man seine Stimme zurücknahm, Monsieur Paul, oder einfach Patron. Nur Maman nannte ihn Paolo. Er war ein Boss der ›Kor sischen Union‹.

Ich befand mich hier in feiner Gesellschaft, aber ich war ja auch feine Gesellschaft, und somit war alles in Ordnung. Diese Leute waren auf ihre Art ehrlich und geradeheraus, sie benahmen sich tadellos, es gab keine Schlägereien und Messer stechereien, wie ich sie aus anderen Kneipen kannte, und meistens waren sie gut aufgelegt, und es gab immer etwas zu lachen. Und sie hatten mich sehr schnell akzeptiert. Wohl, weil ich meine Arbeit gut machte, nicht zuviel quatschte und mich in nichts einmischte. Und wohl auch wegen Maman. Sie hatten begriffen, dass Maman mich irgendwie an ihre breite Brust gedrückt hatte, und das ge-nügte. Aber keiner wusste genau, warum. Ich auch nicht.

Einmal hörte ich Pierre, ›die Klaue‹, einen Taschendieb, zu Nicole, dem ›Walross‹, sagen: »Dieser Deutsche ist Mamans Liebling.« Und so fühlte ich mich auch. Sie behandelte mich nicht wie einen Angestellten, sie behandelte mich wie einen Sohn, und wer diesem Sohn zu nahe trat, hatte mit ihr zu rechnen. Als Jean-Louis, der ›Henker‹, ein Zuhälter, im Scherz zu mir sagte »He, alter Nazi, gib mir’n Bier«, legte sie ganz ruhig ihre Zeitung zur Seite, blickte dem großen, breiten Mann ohne besonderen Ausdruck ins Gesicht und sagte mit einer Wildheit, die mich erschreckte: »Zügel dein ungewaschenes Maul, du Idiot.«

Der ›Henker‹ stotterte: »Aber Maman, war doch nur’n Scherz.«

»Schon gut«, brummte sie und griff nach der Zeitung. Sie war eine Glucke, und ich wusste, dass mir nichts passieren konnte. Ich liebte sie. Sie hatte mir ihre Wärme und eine Art Zuhause gegeben, und ich war von der Straße weg.

Ich wohnte in einem geräumigen Zimmer über der Bar, trug saubere Klamotten und aß, was Maman mir kochte. Und sie kochte gut. Sie liebte es, mir beim Essen zuzusehen, sie stellte Portionen für Elefanten auf den Tisch und dabei sagte sie »Du musst essen, mein Kleiner, du bist dünn wie ein Straßenköter.«

Na ja, ganz falsch lag sie nicht.

Aber da war noch eine Frage offen, sie bewegte mich die ganze Zeit über, und ich wusste, dass ich sie irgendwann stellen musste, ich musste etwas wissen und ich musste es bald wissen. Aber ich traute mich nicht, die Frage zu stellen, vielleicht hatte ich Angst vor der Antwort, oder vor den Konsequenzen oder Angst davor, Maman zu nahe zu treten oder Angst vor wasweißich. Viel leicht würde ich etwas kaputtmachen. Aber an einem stillen Mittwochnachmittag, ich weiß heute noch, dass es ein Mitt woch war, nahm ich mein Herz in beide Hände und fragte: »Maman, warum hast du das alles für mich getan?«

Sie drehte den Kopf und ein Lächeln, das von sehr weit herzu kommen schien, breitete sich langsam auf ihrem Gesicht aus. Sie strich mir über die Wange, fast scheu, mit einer unendlichen Zärtlichkeit und sagte schlicht: »Weil ich dich mag.«

Ich stand da, still und steif und unbeholfen und war weit davon entfernt zu verstehen. Warum mag sie dich so sehr, dass sie dich wie einen Sohn annimmt und dir diese Zärtlichkeit und diese Wärme gibt? Irgendwann würde ich es erfahren.

»Es sind die Augen«, murmelte sie mehr zu sich selbst, »und, und …« Das Lächeln erstarrte auf ihrem Gesicht. Ihr Blick war jetzt nicht mehr auf mich gerichtet, er ging durch mich hindurch, entfernte sich, war nicht mehr in dieser Bar und durch die Tiefe ihrer Augen kroch langsam eine stumpfe Trauer.

»Maman«, sagte ich leise, erschreckt. Sie holte den Blick zurück, kam zurück wie aus einem anderen Land, zurück in diese Bar und zu mir. »Jetzt weißt du es«, brummte sie und griff wieder nach ihrer Zeitung.

Ich wusste gar nichts. Aber vielleicht ahnte ich etwas. Ich machte mich wieder an meine Arbeit, nachdenklich und besorgt. Die Bar war leer, und ich fegte die Kippen vor der Theke zusammen. Als die Tür geöffnet wurde und zwei schmale, dunkle Männer eintraten, fühlte ich einen kleinen Stoß in der Herzgegend, das sichere Zeichen für Verdruss. Sie waren Korsen aus dem Pigalle-Revier, und ich hatte ihnen vor ein paar Tagen einen geklauten Fotoapparat verhökert. Der Kontakt zu meinen Copains auf der anderen Seite der Seine war nicht ganz abgerissen. Ihre Blicke huschten durch den leeren Raum, und sie grinsten befriedigt. Maman ignorierten sie. Nur eine alte Frau, die hinter der Kasse saß und Zeitung las. »Der Apparat war kaputt«, sagte der Größere der beiden und zupfte dabei spielerisch an meinem linken Ohrläppchen, »nicht zu gebrauchen. Du hast uns Schrott verkauft.«

»Moment mal«, sagte ich und wusste, was kommen würde, »ich guck in die Dinger nicht rein.«

»Solltest du aber, mon ami.« Die Stimme des Kleinen war sehr tief und von vollendeter Sanftheit. »So geht das nicht. Du klaust einen Fotoapparat und bietest ihn an, ohne dich von seiner Qualität überzeugt zu haben.« Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Maman die Zeitung zur Seite legte.

»Ich seh’s anders«, sagte ich schnell und hoffte, dass meine Stimme in Ordnung war. »Der Käufer muss sich von der Qualität der Ware überzeugen, bevor er sie kauft. Tut er das nicht, kann er Pech haben. Ich dachte, ihr seid Profis.«

»Sind wir auch.« Der Große streckte mir seine flache Hand entgegen. »Her mit dem Geld.«

»Nein.« Ich machte eine halben Schritt zurück, um Raum zu haben für das, was jetzt ins Haus stand, und er machte einen halben Schritt nach vorn, und der Kleine versenkte mit einer kaum wahrnehmbaren, gleitenden Bewegung seine rechte Hand in der Außentasche seiner Lederjacke. Meine Güte, dachte ich, die werden doch nicht am hellen Tag mit den Messern hier rumhantieren. Aber bei Korsen weiß man so etwas nie genau, sie haben ihre eigene Logik und sind immer für eine Überraschung gut.

Mir brach der Schweiß überall gleichzeitig aus. Aber ich konnte jetzt keinen Rückzieher machen und auf ihre Forderung eingehen, nicht vor Maman, die gesagt hatte »Feiglinge hasse ich mehr als den Tod«. Ich hörte ein Geräusch und dann das schnelle Schlappen von Mamans Pantoffeln und dann brach ein Wortschwall über die beiden Korsen herein, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Maman brüllte auf korsisch. Sie fuchtelte wild mit den Händen, ihre Stimme dröhnte durch den Raum und in ihren schwarzen Augen brannten heiße, gefährliche Lichter. Der Kleine sagte etwas, das ich nicht verstand, schnell und scharf, und Maman schlug ihm so hart ins Gesicht, dass sein Kopf zur Seite gerissen wurde und er stolperte. Dann packte sie die beiden, drängte und schob sie in Richtung Tür, gab ihnen einen Stoß, und sie waren draußen. Sie atmete heftig, und Schweiß lief ihr über das Gesicht. »Strolche und Tagediebe«, schnaufte sie angewidert. Sie baute sich vor mir auf, mit locker herunterhängenden Armen und leicht gespreizten Beinen. In ihren Augen war immer noch ein Rest der heißen, gefährlichen Lichter. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und dann klatschte etwas hart gegen meine linke Wange, und ich flog gegen die Theke. »Tagedieb.« Ihre Stimme schien wie durch Watte zu kommen. Ich kam mit einiger Mühe wieder auf die Füße und versuchte nicht ohne Not, ihr ins Gesicht zu blicken. Sie machte eine Handbewegung, die die ganze Bar einschloss. »Reicht dir das nicht?« Ihre Stimme klang brüchig.

Ich wusste, was sie meinte. Dieser Junge hatte befunden, dass Maman ihm nicht genug gab, es reichte ihm nicht, was Maman ihm gab, von allem bekam er zu wenig, und er ging los, ein kleiner Dieb, klaute eine Kamera und verhökerte sie an billige, korsische Messerhelden. Maman und die Bar sind ihm nicht gut genug, er muss unbedingt wieder auf die Straße. Das kränkte und verletzte sie und tat ihr weh. Ich hatte ihr weh getan! Und diese Frau hatte mir eben vielleicht das Leben gerettet. Wenn ein Korse ein Messer in der Hand hält, benutzt er es auch. Mein Gott, ich hatte mich noch nie so elend gefühlt.

»Es reicht, Maman, es ist mehr, als ich verdient habe.« Mei ne Stimme klang auch brüchig. Ich machte einen Schritt auf sie zu und tat, was ich zuletzt als kleiner Junge getan hatte. Ich warf mich ihr an den Hals und heulte. »Verzeih mir, Maman, ich bin ein Idiot.«

Sie drückte mich an sich und klopfte mir sanft auf den Rücken. »Schon gut, mein Junge«, murmelte sie, »schon gut. Hab’ ich dir sehr weh getan?«

Meine Wange brannte wie die Hölle und in meinem Kopf arbeiteten diese kleinen Männer mit ihren Presslufthäm mern. Sie hämmerten noch, als gegen Abend ein Fremdenlegionär auftauchte. Er war schon ziemlich hinüber und hatte einen jungen Burschen mit langen, fettigblonden Haaren im Schlepptau. Beide machten ganz den Eindruck von Männern, denen man nicht einmal eine Schachtel Zigaretten zum Aufbewahren anvertraut. »Zwei Bier«, nuschelte der Legionär und lehnte sich schwer gegen die Theke. Er hatte breite Schultern, einen hartkantigen Schä del mit einer kurzgeschnittenen, aschfarbenen Bürste und farblose, ungenaue Augen. Ich zog zwei Bier ab und stellte sie auf die Theke.

»Ein Drecksladen ist das hier«, grunzte der Legionär. In mir zog sich einiges zusammen. Der Mann sprach deutsch.

Sein Partner nickte eifrig. »Genau, ein richtiger Drecksladen.«

Du Penner, dachte ich, gegen die Läden, in denen du verkehrst, ist diese Bar ein Palast. Ich hatte heiße Hände und schielte nach dem Eichenknüppel unter der Theke.

Der Legionär heftete einen starren, wässrigen Blick auf Maman und seine Mundwinkel zogen sich verächtlich nach unten. »Und eine alte, algerische Schlampe hinter der Kasse.« Er gab sich keine Mühe, leise zu sprechen, wer sollte ihn schon verstehen. Ich machte einen Schritt nach rechts, näher an den Eichenknüppel ran. Heiliger Himmel, dieses Schwein. Er lachte. »Sie sieht aus wie ein großer Haufen algerischer Scheiße.« Sein Partner lachte auch und nippte wie angeekelt an seinem Bier. Ich muss ihn gleich mit dem ersten Schlag richtig treffen, dachte ich, wenn ich ihn nicht richtig erwische, legt er mich um, diese Fremdenlegionäre sind harte Hunde und dieser hier, mit seinen Orden und Abzeichen, ist ein Killer. Der hat in Sidi-bel Abbès oder sonst wo die Algerier reihenweise gekillt, und wenn ich ihn nicht richtig erwische, und der Tanz geht los, wer hilft mir? Am Ende der Theke, nah bei der Tür, standen zwei alte Männer aus der Nachbarschaft und tranken ihren Rouge, am hinteren Tisch saß der kleine, illegale Buchmacher vor seinen Zetteln und Tabellen und am mittleren Tisch saß eine dicke Hure und schlief. Das war die Besatzung. Ich warf einen kurzen Blick auf Maman. Mein Gott, Maman, dich muss ich aus dieser Sache raushalten. Der Legionär hob zwei Finger, und ich zog zwei frische Biere ab. Ich schwitzte. Allmächtiger, warum habe ich ihm nicht gesagt, er soll sich zum Teufel scheren? Auf deutsch. Und dann geht der Tanz los und vielleicht erwische ich ihn doch mit dem Eichenknüppel und schlag ihm den Schädel ein. So ein Knüppel knackt einen Schädel wie eine Nuss. Mit Sicherheit würden dann die Bullen kommen und ich wäre erledigt. ›Junger Deutscher erschlägt hochdekorierten Fremden legionär.‹ – Ab ins Kittchen. An meinem Magen nagten Ratten. Herrje, Junge, du scheißt dir noch in die Hose.

»Das Bier schmeckt wie Pisse«, grunzte der Legionär und trank sein Glas aus, »der Laden ist ein Drecksladen, und die Schlampe hinter der Kasse stinkt.«

Das Blut verließ mein Gesicht, und der Schweiß lief mir wie ein Wasserfall aus den Achselhöhlen. Meine rechte Hand tastete nach dem Eichenknüppel. Der Legionär schmiss einen Geldschein auf die Theke, wandte sich ab und draußen waren die beiden. Das Geräusch der sich schließenden Tür dröhnte wie ein Kanonenschlag in meinen Ohren. Ich hatte verloren. Ich hatte zu lange mit meinen Zweifeln gekämpft, anstatt dem Kerl sofort, wie es richtig gewesen wäre, die Eiche zu verpassen. Jetzt stand ich da, schwitzend, mit zitternden Händen und einem Sack voller Demütigungen auf dem Buckel. Nun gut. Mit den Demü ti gungen und der Tatsache, dass dieses uniformierte Schwein Maman beleidigt hatte, würde ich leben müssen. Aber wie? Mit Sicherheit würde ich in der nächsten Zeit in keinen Spiegel blicken. Ich hatte es zugelassen, dass man Maman beleidigt. Sie saß hinter ihrer Kasse, still, mit einem nachdenklichen Zug um den Mund und irgendwie abwesend. Auf ihrem dunklen, korsischen Gesicht lag ein feuchter grauer Schimmer und ihre Augen blickten müde. So hatte ich sie noch nie gesehen. War sie krank? »Maman«, sagte ich schnell, »geht es dir nicht gut?« Sie sah mich an mit ihren müden Augen und dabei hatte ich den Eindruck, dass sie mich nicht richtig wahrnahm.

»Danke, es geht mir gut«, sagte sie leise, wie zu sich selbst. Etwas explodierte in meinem Magen, mein Herzschlag setzte aus und eine eisige Kralle fuhr über meinen Rücken. Maman hatte deutsch gesprochen. Ich starrte sie an, mit offenem Mund, leicht vorgebeugt und kämpfte mit der Übelkeit, die aus meinem Magen hochstieg. Sie sah meine Not und ein kleines, weit entferntes Lächeln spielte um ihre Lippen. »Nit gut sprechen deutsch«, sagte sie, »aber verstehen«, sie deutete auf ihre Ohren, »verstehen alles.«

Ich senkte den Kopf, brachte die Übelkeit irgendwie unter Kontrolle und nestelte meine lange, blaue Schürze auf. Ich nahm die Schürze ab, hängte sie an einen Nagel und drückte mich an Maman vorbei, ohne sie anzusehen. Ich umrundete die Theke und öffnete die Tür. Auf der Straße kam mir der alte Luc entgegen. Er sah mich an, wie man eine Erscheinung ansieht, vor der man sich fürchtet.

»Was ist denn mit dir los?« fragte er benommen, und seine alten, wachen Augen tasteten mein Gesicht ab.

»Nichts, Luc, gar nichts.« Ich packte seinen Arm und meine Finger gruben sich in den dicken Stoff der Tweedjacke. »Luc, wusstest du, dass Maman deutsch versteht?«

»Nein.« Er schüttelte leicht den Kopf. »Aber es erstaunt mich nicht. Sie war mit einem Deutschen zusammen, der sie heiraten wollte, ein Soldat. Ihre große Liebe. Auf dem Rückzug fiel er ein paar Maquisards in die Hände. Sie redet nicht darüber, verstehst du?«

»Ja, Luc.« Ich ließ seinen Arm los. Er lächelte. »Ich hab mal ein Foto von ihm gesehen.« Sein Lächeln vertiefte sich und er zwinkerte mit den Augen. »Du siehst ihm sehr ähnlich.«

»Ach ja?« Das war nicht meine Stimme. Ein leichter Wind kam auf, und ich fror und ging schnell die Straße runter.

Gringo

»Wo ist der Gringo?« Der Junge schiebt die Dominosteine zur Seite und greift nach seinem Bierglas. Das Bier schmeckt warm und abgestanden, und er spuckt es über das Geländer auf die Straße.

»Warm«, sagt er und wischt sich mit dem Handrücken über den Mund. Er wendet sich an den großen, massigen Neger, der auf der Veranda sitzt und ein Fischernetz knüpft.

»Ein frisches, Seu Arlindo, gut gekühlt«. Der Neger nickt bedächtig und kaut auf einer Zigarre, die wie festgerammt in seinem großflächigen Gesicht steckt.

»Der Gringo ist abgereist«, sagt er mit tiefer Flüsterstimme an der Zigarre vorbei und erhebt sich langsam aus seinem blauen Plastikstuhl. Mit der Glatze und der kurzen zerschlissenen Hose sieht er wie nackend aus. Er schiebt seine dunkle Masse ohne Eile durch die Tür und verschwindet im Halbdunkel des kleinen, blaugestrichenen Steinhauses.

»Abgereist?« Der Junge hebt die Augenbrauen, und seine Finger kneten einen Dominostein.

»Wusstet ihr das?«

Die Männer schütteln die Köpfe.

»Nein, keine Ahnung, wo er hin ist.« Sie sitzen unter dem schrägen Wellblechdach vor dem Haus auf Bierkisten und einem flachgelegten Baumstamm, der als Bank dient.

»Der Sommer ist zu Ende«, sagt einer der Männer und deutet mit einem harten knotigen Zeigefinger nach draußen auf den Regen. Der Regen fällt dicht und schwer, und der Wind, der von der See her kommt, biegt die hohen Palmen am Ende der Straße gegen einen niedrigen, bleiblassen Him mel.

»Glaubst du, dass er deshalb abgereist ist?« fragt der Junge und legt den Dominostein auf die Tischplatte zurück. Der Mann mit dem knotigen Zeigefinger dreht die Handflächen nach außen und lächelt. Ein paar Goldzähne blinken in seinem schwarzen Gesicht und setzen ein kleines, schnelles Licht in die frühe Dämmerung.

»Ich weiß es nicht. Diese Gringos kommen und gehen und reisen immer der Sonne hinterher.«

»Genau«. Ein alter Mann mit den wässrigen Augen der Cachaça-Trinker spuckt auf den gestampften Lehmboden, bevor er weiterspricht. »Diese Weißen kommen in der ganzen Welt rum, und wir bringen unseren Arsch kaum aus diesem Dorf raus.«

»Darum geht es doch.« Die Stimme des Jungen hebt sich, und er knetet wieder den Dominostein, ohne es zu bemerken.

»Er wollte mir englisch beibringen, man muss englisch können, wenn man reisen will.«

Die Männer sehen ihn an und einige lächeln.

»Ja«, sagt er, und dann dreht er sich weg und sieht in den Regen hinaus, und er sieht die rotschlammige Straße mit den niedrigen Ziegeldachhäusern an beiden Seiten, von denen einige nie ganz fertiggebaut wurden, weil das Geld fehlte, und vor den Häusern liegen zerrissene Mülltüten herum, in denen nasse knochige Hunde scharren, und am Ende der Straße liegt wie ein totes Tier der zusammengebrochene rostige Volkswagen, von dem schon lange keiner mehr weiß, wem er gehört. Ein Radio schickt von irgendwo das gedämpfte Geschrei einer Tomatenmarkreklame durch den Regen.

»Ja«, sagt er noch einmal und dreht den Kopf, um die Män ner wieder anzusehen, »ich wollte englisch lernen.« Er senkt den Blick und bemerkt den Dominostein in seiner Hand. Langsam legt er den Stein zu den anderen und schüttelt dabei den Kopf. »Und jetzt ist er weg, einfach abgereist.«

Eine Bierflasche erscheint in seinem Blickfeld und wird von einer großen, schwarzen Hand auf die Tischplatte gestellt.

»Danke, Seu Arlindo«. Er lächelt mit steifen Lippen und gießt Bier in die kleinen Gläser, die ihm entgegengehalten werden. Der große Neger klopft ihm sanft auf die Schulter und geht auf die Veranda zurück, und seine harten Hände führen wie in einem weit zurückliegenden Traum das Schiffchen und knüpfen das Netz.

»Ich mochte den Gringo ganz gern«, sagt einer der Männer, »ich mochte, wie er über Brasilien sprach und wie sehr er dieses Land liebt, aber seine Ansichten über Politik waren am Ende etwas eintönig. Die Armut der sogenannten Dritten Welt ist der Reichtum der Industrienationen, hat er gesagt. Und er hat immer von kämpfen geredet, wir müssen kämpfen, hat er gesagt, Widerstand leisten und solches Zeug. Der hat gut reden.«

»Aber er hat recht.« Der Mann mit den Cachaça-Augen spuckt wieder auf den Boden und hebt einen dünnen, zittrigen Zeigefinger.

»Mehr Kampf und weniger Karneval, hat er gesagt.« Die Männer lachen, und dann reden sie alle durcheinander und reden über diesen Gringo, der eines Tages hier aufgetaucht war, verschwitzt und sehr weißhäutig, mit einer abgenutzten Reisetasche über der Schulter, und wie er sich in einem kleinen Haus am Ende der Straße einquartiert hat. Sie haben ihn alle gekannt, er hat jeden Tag hier gesessen und Bier getrunken, und sie haben sich mit ihm unterhalten und Fragen gestellt nach den Lebensgewohnheiten in seiner Welt und ob der Arbeiter da anständig bezahlt wird, ob es Korruption und Armut gibt wie in Brasilien, und wie es mit dem Fußball aussieht. Und er hat auf eine Weise geantwortet, die ihnen gefiel. Es hatte Spaß gemacht, sich mit ihm zu unterhalten, er hat etwas zurückgelassen, der Gringo, ganz sicher, und sie haben ihn alle gemocht. Auch wegen der Bierflaschen, die er bezahlt hat. Er wollte sich in Brasilien niederlassen, hat er gesagt, hier in Bahia, irgendwo an der Küste. Er hatte keine Angehörigen, um die er sich kümmern musste und konnte frei entscheiden. Das war ihnen anfangs seltsam vorgekommen. Wie konnte ein Mann so leben? Ohne Kinder und ohne Adresse? Später, als sie es begriffen, waren sie nachdenklich geworden. Wovon lebte er?

»Weiß ich auch nicht so genau«, hatte er gesagt und die Dominosteine zurechtgerückt und ein frisches Bier bestellt. Zuletzt war er einigermaßen schweigsam gewesen und hatte mehr getrunken als gewöhnlich und immer irgendwelche Zettel bekritzelt. Der Junge hatte ihn gefragt, ob er Heimweh habe, saudade, alle Brasilianer haben saudade, wenn sie nicht an ihrem Ort sein können, meu lugar, und er hatte geantwortet: »Wonach?« und weiter Zettel bekritzelt. Von Abreisen hatte er nichts gesagt.

Der Junge horcht auf den Regen, der gegen das Blechdach trommelt. Die Palmen biegen sich wie gegen den Strich gebürstete Hunde unter dem Wind, und es ist immer noch sehr warm. Der Wetterumschwung hat wenig Kühlung gebracht.

»Warum ist er abgereist?« fragt er laut. Der große Neger auf der Veranda nimmt die Zigarre aus dem Mund und tupft Asche in eine Untertasse.

»Ich weiß es«, sagt er mit seiner tiefen Flüsterstimme. Er fischt einen zerknitterten Zettel aus der hinteren Hosentasche und streicht ihn auf einem Knie glatt.

»Er hat einen von diesen Zetteln hier verloren, ich habe ihn da unter dem Tisch gefunden. Hier.« Er beugt sich vor und reicht dem Jungen das Papier über das Geländer der Veranda.

»Aber ich kann das nicht lesen, Seu Arlindo, ich kann doch seine Sprache nicht lesen.«

»Es steht nur ein Satz drauf, und der ist in Portugiesisch geschrieben.«

Der Junge nimmt den Zettel und legt ihn vor sich auf den Tisch. Seine Lippen bewegen sich, während er liest. Er schüttelt den Kopf, und dann blickt er zu dem Neger hinüber, und der große Mann nickt und lächelt mit der Zigarre im Mundwinkel, und er faltet den Zettel zusammen und steckt ihn in seine Hemdentasche.

»Was steht drauf«, fragt einer der Männer, »ist das sein Testament?«

Sie lachen alle, aber es ist kein Spott in ihrem Lachen, und es hallt unter dem Wellblechdach.

»Nichts besonderes«, sagt der Junge abweisend, »etwas von einem Klavier.«

Er erhebt sich und geht auf die Veranda, um sein Bier zu bezahlen, und als er die Scheine und Münzen in die große schwarze Hand legt, sagt er: »Gerade fällt mir ein, dass ich nicht einmal seinen Namen weiß. Wir nannten ihn immer Careca oder Amigo oder mitunter auch Gringo, und er war mit allem einverstanden. Wissen Sie seinen Namen?«

»Weiß ich, Filho. Carangeijo.«

»Aber Seu, das ist ein Witz.« Der Junge schüttelt den Kopf und bewegt heftig einen Zeigefinger. »Carangeijo ist portugiesisch und ein Carangeijo ist eine Krebsart.«

»Das ist richtig.« Der Neger lässt in ruhigem, vollkommenem Rhythmus das Schiffchen durch die Fäden gleiten und knüpft das Netz.

»Vielleicht war sein Name Krebs.«

»Das ist möglich, Seu, diese Fremden haben ganz andere Namen als wir. Meinen Sie, dass er zurückkommt?«

»Ganz sicher, Filho.«

Der Junge geht durch den Regen die Straße rauf, und seine nackten Füße versinken in rotem Schlamm. Sie hätten es nicht verstanden, denkt er, es war richtig, dass ich es ihnen nicht vorgelesen habe. Was hätten sie damit anfangen können? »Sie war eine große träge Negerin mit grünen Augen und einem Mund wie eine vergessene Rose auf einem schwarzen Klavier.« Sie hätten es nicht verstanden. Er lacht leise und stapft durch den Regen und denkt, dass der Krebs irgendwann zurückkommen würde, um ihm englisch beizubringen.

Danke Franz

»Ich will nur ’ne Chance,« sagte der junge Mann.

»Verstehe«, sagte ich ernst und nickte ein bisschen mit dem Kopf.

»’Ne einfache Chance, verstehst du?«

»Ja, verstehe. Aber für Chancen bin ich nicht zuständig.«

»Bist du doch«. Er hob den Revolver um ein paar Zentimeter. »Ihr Gringos habt alle Chancen in der Welt, weil ihr Gringos seid, und wir haben nichts.«

Er hatte recht und auch wieder nicht, aber wie sollte ich ihm das erklären. Und es war auch nicht der Moment für Er klärungen.

»Kann nichts dafür, dass ich ein Gringo bin«, sagte ich und probierte ein kleines Lächeln, eins von der Sorte, die um Entschuldigung bittet und friedlich stimmen soll, »war ein Zufall, bin so geboren, hätte auch als Brasilianer auf die Welt kommen können. Und Geld habe ich weniger, als du denkst.«

Ich versuchte, nicht auf den Revolver zu starren. »Du willst doch für lächerliche dreihunderttausend keinen Mann töten?« Ich hatte dreihunderttausend Cruzeiros dabei, rund zwanzig Dollar, und sie steckten in meiner rechten Hosentasche. Die achthundert Dollar in meiner Unterhose schienen ein Loch in meine Haut zu brennen, und dabei waren sie einfach nur warm und feucht und klebrig. Wenn er alles richtig machte, würde er sie finden.

Er war ein merkwürdiger Junge. Im Moment hatte ich keine Angst mehr vor ihm, aber das könnte sich ändern, ich machte mir da nichts vor. Am Anfang hatte ich Angst gehabt, wie sie jeder hat, der vor einem Revolver steht. Er war aus einem kleinen Palmenhain gekommen, nachdem der Bus, der mich an der Abzweigung abgesetzt hatte, außer Sicht war. Sehr groß und jung und schwarz, und als er nahe genug dran war, hatte er mit einem Revolver auf mich gezeigt und irgendwas gesagt, das ich nicht gleich verstand. Weil das sehr schnell einsetzende Hämmern meines Herzschlags in meinen Ohren dröhnte und mir die Öffnung der Waffe groß genug schien, um davon verschluckt zu werden. Und dann versteht man kaum etwas von dem, was einem gesagt wird, obwohl man weiß, was es ist. Man hat sich innerlich schon lange darauf vorbereitet. Jetzt war es soweit. Wie oft hatte ich mir vorgestellt, wie es sein würde, wenn es passierte und ob ich wohl ruhig bleiben oder in Panik geraten und irgendetwas Verrücktes machen würde. Natürlich hatte ich mir vorgenommen, ruhig zu bleiben, ganz ruhig, und sie nicht nervös zu machen, die wenigsten sind richtige Profis und wenn sie nervös werden und es mit der Angst zu tun kriegen, lassen sie sich leicht zu etwas hinreißen, und man ist der Dumme. Dafür, dass es mir irgendwann passieren könnte, hatten die Chancen nie schlecht gestanden, es war so vielen anderen passiert, Gringos und Einheimischen, und warum sollte es mir nicht passieren? Dass es mich am hellen Tag auf einer heißen, staubigroten Straße erwischen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Und ich hatte dreihunderttausend in der Tasche. Das würde er mir nicht durchgehen lassen. Ein ausgewachsener Gringo, der mit lächerlichen Dreihunderttausend rumläuft. Wenn er mich auszieht, und die achthundert Dollar findet, bin ich erledigt. Jetzt konnte ich wieder denken, mein Kopf funktionierte und mein Puls war auch in Ordnung. Am Anfang war das an ders gewesen, ganz anders, und ich war nur meinem Instinkt gefolgt und dem, was ich mir vorgenommen hatte. Ich war äußerlich ruhig geblieben, die Hände vom Körper weg und hatte seine Augen beobachtet. Und den Revolver. Der Revolver war ein verchromter 38er Rossi mit langem Lauf und scharfen Lichtreflexen auf dem silbrigen Metall, die schmerzhaft in die Augen stachen. Mit dem Ding kann er mich in Stücke schießen. Und seine Augen zeigten sehr viel Gelb, da wo sie weiß sein sollten, und noch etwas anderes, das ich für Aufregung hielt. Oder vielleicht war es auch Lust am Töten oder etwas ähnliches, ich kannte mich da nicht aus. Ich fühlte einen Stein im Magen, als er mich anredete, aber ich bewegte mich nicht mehr, als zum Atmen nötig war. Und ich verstand erst seinen dritten oder vierten Satz.

»Dein Geld, gib mir dein Geld.« Seine Stimme hatte einen schrillen Unterton.

»Aber ja«, sagte ich behutsam gegen seine Augen und mit einiger Mühe. Ich machte eine Bewegung mit der Hand gegen meine rechte Hosentasche, dahin, wo das Geld steckte, und er ruckte den Revolver in Kopfhöhe und schrie:

»Nicht bewegen, nicht bewegen.«

Ich sah seine Augen und meine Kehle war trocken und ich schwitzte. Zu viel Aufregung in den Augen und zu viel Hysterie. Vielleicht war er gedopt, hatte Maconha geraucht oder geschnüffelt oder eine Flasche Cachaça geleert. Herrje, Mann, bleib ruhig, bleib ganz ruhig. Wenn er dich umlegen will, ist das hier ein guter Platz dafür. Nur die lange, heiße rote Straße mit der Abzweigung und das Palmenwäldchen und kein Mensch, der einen Grund haben könnte, hier vorbeizukommen. Und wenn einer kommt und einen Revolver sieht, wird er schlau genug sein, sich schnell davonzumachen. Es gibt zu viele davon in diesem Land, und sie werden nicht zur Zierde getragen. Meine Aussichten waren nicht gut mit dem, was der Junge da in den Augen hatte. Und vielleicht hatte er einen Partner in dem Palmenwäldchen, der ihm Deckung gab und auch in keinem guten Zustand war. Sie machen es selten im Alleingang, meistens sind sie zu zweit oder zu dritt, vor allem, wenn sie noch sehr jung sind, allein haben sie Angst, und dann geht alles sehr schnell, sie wollen es hinter sich bringen und verschwinden. Ich sah von seinen Augen weg und über seine Schultern nach den Palmen, aber da war nichts. Keine Bewegung, nichts, das die Anwesenheit eines Menschen verriet. Vielleicht war er doch allein. Das war nicht gut, war gar nicht gut. Er könnte mich ohne Zeugen einfach umlegen und hinter die Palmen schmeißen. Aus seiner Sicht wäre es das Vernünftigste, ich könnte ihn dann nicht in Schwierigkeiten bringen. Warum war ich auch hierhergekommen? Ich könnte jetzt zu Hause hinterm warmen Ofen sitzen, mit Wollsocken an, einem soliden Drink in der Hand und der Katze auf den ...

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