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Grimms Erben

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Florian Weber, geboren 1974 in Schrobenhausen, Bayern, ist Schlagzeuger und Mittexter der Sportfreunde Stiller, die mit Liedern wie »Ein Kompliment«, »54, 74, 90, 2006 « und mittlerweile sechs Alben zu Deutschlands bekanntesten Bands gehören. Im Jahre 2006 erschien bei Rowohlt sein erster Roman »You’ll Never Walk Alone«. Mit Illustrator Kai Büschl verbindet ihn eine langjährige, innige Freundschaft (…obwohl beide im gleichen Kaff Anfang der Neunziger Jahre um ein und dieselbe Frau buhlten!!!)

Kai Büschl, geboren 1971 in Augsburg, auch Bayern, ist Grafiker, Illustrator und Dozent an der Designschule München. Er war Gastprofessor an der Hochschule der bildenden Künste in Saarbrücken. Seit vielen Jahren ist er für den geschmackvollen grafischen Stil vieler bekannter Musikbands verantwortlich, so auch für die Sportfreunde Stiller. Seine innovative, originelle und handgemachte Arbeit zeigt sich hier in Grimms Erben. Die stets nervigen, weil nicht umsetzbaren Illustationsvorschläge vom Autor brachten ihn beinahe an den Rande des Wahnsinns.

FLORIAN WEBER

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INHALTSVERZEICHNIS

TEIL EINS

DIE VERMALEDEITE FLUCHT

IN DAS SICH SELBSTÄNDIG VERKLEINERNDE
LABYRINTH DER STERNENTRÄGER

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1 Der Sprinter im Labyrinth

2 Einen Eid im Genick

3 Der Physiker

4 Der Saukerl

5 Der Friedhof der toten Gegenstände

6 Flüssiges Gold

7 Das Kellermärchen

8 Leibesertüchtigung nach Sauckel

9 Die Tänzer mit den zwei Stöcken

10 Die Suche nach Raffael Krupp

11 Die rote Blechschachte

12 Das Mädchen hinter den Büchern

13 Das Märchen aus dem Koffer

14 Von Wölfen und Bären

 

TEIL ZWEI

DIE THEORIEN DES AUGUST LOCHER

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1 Ein Ende Ein Anfang

2 Der graue Wal und der olivgrüne Bär

3 Aufsauger

4 Nachbarland

5 Der Fragenmann

6 Die Supermarktelfe

7 Die Phantasiefabrik

8 Der Utopier

9 Im Bauch des grauen Wals

10 Von Humpelstilzchen und Meerjungfrauen

11 Irrlichter

12 Mann versteckt Leiche im Wald

13 Wo die wilden Kerle tönen

14 Das Joch (Sieben Tatsachen: A—F)

A – KOT FÜR DIE WELT

B – DIE GABELSTOSSLEGENDE

C – DAMOKLES’ FABRIK ODER DIE VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES

D – LOOPING INS WATERLOO

E – BLUTMALE UND ANDERE SCHMIEREREIEN

F – TAPETENFRESKEN

15 Beschaffungsmaßnahmen

16 Betrachtungsmaßnahmen

17 Die Septologie des Glücks oder
Von einem der auszog, anderen das Fürchten zu lehren
(Sieben Märchen: A—G)

A – DIE PUMPE UND DIE BRENNENDE LUFT

B – DAS RASENDE WEIBLEIN

C – DAS BRETTERJÜNGLEIN

D – DAS GLÜHENDE TEILCHEN

E – DIE GEISTERBRAUT

F – KNÜPPEL IN DEM SACK

G – DIE FÜNF KAMERADEN UND DAS EWIGE LACHEN

 

TEIL DREI

OLYMPUS MONS

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Oans

Lügenduell

Zwoa

Die Katze von Anzing

Drei

Hotzenplotz

Viere

Brotzeit is de scheenste Zeit

Fümfe

Stammtischbriada

Sechse

Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd’

Sieme

Der Aufstieg

Achte

Coburg auf 2000 Meter

Neine

Der schmale Grat

Zehne

Camp Hamburgo

Oife

Mitternachtsvesper

Zwoife

Sense hoch!

Dreizehne

Spuren im Schnee

Vierzehne

Der Mann mit dem verlorenen Rucksack

Fuchzehne

Brief und Siegel

Sechzehne

Der Mann, der aussieht wie ein Amokläufer und Märchenfreak

Siebzehne

Go North!

 

TEIL VIER

VON FADEN UND GARN

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1 Die Suche

2 Die Übergabe

3 Der Brief

4 Der Auftrag

5 Die Vollendung

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TEIL EINS

DIE VERMALEDEITE FLUCHT

IN DAS SICH SELBSTÄNDIG VERKLEINERNDE LABYRINTH DER STERNENTRÄGER

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Der Sprinter im Labyrinth

Warschau 1943

Es war einmal ein Sprinter, der rannte wie ein gehetztes Tier durch verwinkelte Gassen. Wie ein Reh sprang er über Tonnen, Fässer, Fahrräder und Mauerwerke, die sich urplötzlich vor ihm auftaten und wie von Geisterhand seinen Fluchtweg versperrten. Im nächsten Moment stolperte er wie ein Betrunkener durch freie Straßen. Er war auf der Flucht – und eine Meute wild gewordener Bestien war hinter ihm her.

Das Ohr vermittelte Geräusche. Schritte, Rufe, Kratzen über Asphalt, Hundegebell, ein Rauschen, Flüche und tatsächlich: Schüsse.

Er erhöhte noch einmal die zyklische Frequenz seines Spurtes. Viel Kraft hatte er nicht mehr. Seine Beine meldeten Müdigkeit und taten ihre Dienste aus nur einem Grund:

Angst.

»Schneller, noch schneller!«, schrie es in ihm. Die Arme holten weiter aus und vermochten durch ihre ausschweifenden Bewegungen den mittlerweile schwankenden Körper nach vorne zu ziehen. Schon längst war er sich nicht mehr im Klaren, wo er war, vor allem aber, und das erschreckte ihn: wohin er wollte. Falsch. Wohin er musste. Der Schweiß in den Augen brannte und schälte die Bilder einzeln von der Netzhaut, die nur noch Schemen und Schatten erkannte. Die einsetzende Dämmerung wurde zu seinem Verbündeten.

Eine Gasse, eine gepflasterte Straße, Torbögen. Wieder eine Kreuzung. Links, hier links, wieder in eine dunkle Gasse. Weg von den Straßenlaternen, die wie stechende Blitzlichtflaggen auf metallenen Fahnenstangen wehten.

Er lief zitternd und planlos durch die hallenden Straßen. Er ermahnte sich, leise zu laufen. Das war Wunschdenken. Ein Ertrinkender schwimmt ums Überleben. Ein Fliehender rennt eben, dass die Sohlen brennen. Er kann ja nicht ums Überleben schleichen.

Sein sich überschlagendes Herz pumpte saures Blut durch die Bahnen, während schwarze Fenster wie tote Augen an ihm vorbeirauschten. Falls er das überlebte, würde ein Muskelkater bleiben.Trotz dieser in diesem Moment unpassenden Erkenntnis trieben ihn seine Beine mechanisch nach vorne. Seine Lunge brannte entsetzlich.

Er sollte tiefer atmen.

Ende. Es gab keinen Ausweg. Das war fatal – hatte aber auch sein Gutes. Das Schicksal, das ihn nun kotzend vor Anstrengung in einer kleinen Sackgasse zum Stillstand hatte kommen lassen, forderte sein Denken ein. Zurück war unmöglich, das Geheul der Meute schob ihn gegen das, wovor er nun ungläubig und dem Zusammenbruch nahe kauerte. Eine Mauer. Auf den ersten Blick unüberwindbar. Eingefasst von zwei fensterlosen Hausmauern, die einige durch abgefallenen Putz heraustretende Backsteine zum Vorschein brachten. Diese freigelegten Mauerwerke wirkten wie ein süffisantes Grinsen, wie der vorweggenommene Triumph der Sieger. Sogar die Häuser waren ihm feind.

Im Nacken polterten die Stimmen seiner Verfolger. Der Verfolger aus Fleisch, Blut, Stahl und Schießeisen. Hier also endete sein Leben. An einer schmucklosen Wand, die sich irgendein Baureferat hatte einfallen lassen, oder ein Eigentümer, um den Besitz zu markieren. Er griff in den Kartoffelsack, den er mit sich führte, und überlegte fieberhaft ein paar letzte Worte. Seine Finger kratzten über den bereits aufquellenden Kartonumschlag des mitgeführten Büchleins. Ein größeres Notizbuch vielmehr. Eigentlich waren es zwei. Das eine war vollgeschrieben. Massenhaft Geschichten darin. Das zweite bot noch genügend Platz. Die Bücher waren sein ganzer Besitz, sein Heiligtum, seine Erfindung – jede einzelne Geschichte ein Teil von ihm und sein eigentlicher Lebenszweck. Seine Hand tastete suchend im Inneren des abgewetzten Leinensacks und fühlte nach einem der drei gestohlenen Bleistifte.

Sein Brustkorb hob und senkte sich wie der Kolben eines mechanischen Antriebs, und er überlegte, ob er auf ein leeres Blatt Papier folgende Abschiedssätze schreiben sollte:

Mein Name ist Ignaz Buchmann.

Mein Leben endet nicht gerade märchenhaft an einer Mauer an diesem Herbsttag im Jahre 43. Meine liebsten Menschen, vor allem meinen Bruder, drücke und küsse ich hiermit bis in alle Ewigkeit.

Meinen letzten Verfolgern erkläre ich feierlich: Ihr habt mich wohl erwischt, aber das, wofür ihr mich jagtet, habt ihr nicht bekommen. Meine Gedanken.

Worte werden den totalen Sieg erringen. Klingt seltsam, ist aber so.

Immer weiter,

Ignaz Buchmann

Er tat es mal vorsichtshalber, riss das Blatt aber nicht aus seinem Buch. Zitternd steckte er es zurück in den Sack. Den Bleistift in die Hosentasche. Er zog seine den Bleistift nicht mehr umklammernde Hand aus der Hosentasche und schätzte anhand des sich stetig nähernden Rumorens seine ihm verbleibende Zeit ein. Ja, es bliebe noch Zeit, um sich zu übergeben. Er tat es. Schade um die Suppe, die er sich vor einer Stunde ohne zu bezahlen »genehmigt« hatte. Sie erst hatte ihm diese Meute an den Kragen gehetzt, die sich aus Jägern verschiedenster Interessen zusammensetzte.

»Haltet den Dieb!« Wie oft er diesen Satz gehört hatte.

Mit dem Ärmel wischte er sich den Mund ab. Schwungvoll schleuderte er den Kartoffelsack über die Mauer. Er ging einige Meter rückwärts und fixierte das Hindernis, das sich vor ihm aufbaute, das er zu überwinden gedachte. Im Rachen brannte refluxierte Magensäure. Er lief los.

Der erste Schritt war explosiv und reichte aus, um sich mit dem anderen Bein, es war das rechte, auf die hochkant an der Mauer lehnende Holzkiste zu befördern, von der er ebenso kraftvoll und parallel zur Wand auf eine Tonne sprang, um sich wiederum mit dem rechten Bein abstoßend nach oben zu schrauben. Geschmeidig wie ein Panther. Eine intramuskuläre Ästhetik der flüchtenden Bewegung. Katzengleich. Buchmanngleich, dachte er nicht ohne Stolz.

Seine Finger erreichten den Sims der Mauer. Sie griffen massiv in den aufgeplatzten Putz und fanden Halt. Einen Halt, der Ignaz’ganzen Körper in der Schwebe hielt, nur kurz. Denn es beugten sich die Arme. Einem Flaschenzug gleich, brachte er das Gewicht seines Körpers gleichmäßig nach oben. Ellbogen stützten sich nun auf die obere Kante, doch Vorsicht, ein aufgedrehter Stacheldraht schlängelte sich auf der Mauer von Hauswand links zu Hauswand rechts. Ein scheußliches Wolfsgeheul drang an sein Ohr. Inmitten der Vorwärtsbewegung spürte er eine enorme Last, ein Gewicht, das nun entgegen seiner Willensrichtung zerrte. Er dachte zuerst, es wäre Todesangst, die ihn lähmte. Aber als er nach unten sah, vernahm er den wütenden Blick eines Schäferhundes. Spürte sein scharfes Gebiss, das sich mühelos durch das Leder in Richtung seiner Mittelfußwurzeln vorarbeitete.

»Verzieh dich, du Todeshund.« Ein freudscher Versprecher, aber immerhin zeigte er zusammen mit dem Fußtritt seines freien Beines Wirkung. Das Zerren hatte ein Ende. Nun wirkte die Arbeit der sich verkürzenden Armmuskulatur wie Butterbrotstreichen. Ignaz kauerte oben angekommen keuchend zwischen den Zähnen des Stacheldrahtes. Er hörte rasche Schritte über das Pflaster hetzen. Kchkch – Kchkch – Kchkch – … Sein rasendes Herz sprach zu ihm.

»Tief atmen.«

Der Köter sah mit wütenden Augen, mit knurrendem Getöse und einem Lederstiefel im Maul zu ihm hoch. Er blickte auf den Hund zurück, und wenn sich zwei Dinge in die Augen blicken – trotz Dunkelheit – dann bleibt die Zeit stehen – einen Augenblick lang.

Dann weitere Augenpaare, die um die Ecke schossen. Hundsaugen, Menschenaugen, Wolfsaugen, Bestienaugen. Und Augen eines Gewehrlaufes.

Ignaz warf sich, das Leben sollte nach dieser spektakulären Flucht nun doch gerettet werden, ohne Rücksicht auf Schmerzen und Blessuren, von dem mit Stacheldraht bezäunten Mauersims. Pfeifend strich eine Kugel unreligiös – von wegen »Du sollst nicht töten« – an Ignaz’ Unterschenkel vorbei und war so frei, die Haut oberflächlich aufzuritzen. Mehr Schaden war der Kugel nicht vergönnt. Pech gehabt, diesbezüglich. Aus Kugels Sicht.

Ignaz hinterließ den Verfolgern einen mutigen Eindruck und ein Dutzend Stofffetzen in den Stacheln des Zauns, die den verblüfften Männern samt ihrer Spürhunde das Ende der Jagd beschämend vor Augen führten.

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Einen Eid im Genick

Der Aufprall war weniger schmerzhaft, als Ignaz’ Sturz als Elfjähriger vom Flachdach des Fleischereibetriebs Blüml, durch dessen Rauchabzug er Dampfwürste zu stehlen erhofft hatte. Das Vorhaben stellte sich als Trugschluss heraus, aber Herr Waldemar Blüml erwischte den Ignaz-Balg und seinen vier Jahre älteren Bruder Zacharias, genannt Aki, auf dem Dach mit provisorischen Angeln in den Händen – Wilhelm Busch lässt grüßen – als er selbst dort oben in der Mittagspause mit der Verkaufsangestellten Rosa Münzinger Nettigkeiten austauschen wollte. Eben zu diesem Austausch hatte die als stets freundlich geltende Angestellte ihre Korsage gelockert, ja gänzlich entflochten, so dass sich den jungen Buben die weiblichen Üppigkeiten saftig entgegenwölbten, im Sinne: »Doppelt guten Tag.«

Ebenso beeindruckend Herr Blümls die lockere Metzgerhose beulende Erektion. Wie ein mahnender Zeigefinger marschierte sie dem Mann voran – aber wer konnte ihr dies verdenken, die saftigen Brüste von Frau Münzinger brachten männliche Kunden regelmäßig ins Stottern. Statt Mettwurst wurden Melonen, statt Burenwürste Busenwürste geordert. So was.

Doch nur dem Metzgermeister war es vergönnt, sich mit diesen weiblichen Kanonenkugeln zu duellieren. Frau Blüml ahnte nichts von diesen lustvollen Kriegsspielen. Sie stach brav im kleinen Schlachthaus den Säuen die scharfen Messer in die Kehle, während Herr Blüml scharf seinen … ach, Sie wissen schon.

»Saububen! Verreckte!« Der hochrot vibrierende Kopf des Metzgermeisters stand kurz vorm Explodieren, ob vor Ärger, weil Buben auf seinem Dach Streiche spielten, oder deswegen, weil sein Tête-à-Tête gestört wurde – ungewiss.

Ignaz wurde durch die wuchtige Ohrfeige vom Dach gefegt und schlug drei Meter tiefer unkontrolliert auf, wo ihn sein fluchtbegabterer Bruder in Empfang nahm und aus der weiteren Gefahrenzone schleppte. Aki hatte nämlich den Besitzer durch die Luke kommen sehen, flott genug den Rückzug angetreten. Zu Hause klärte Ignaz seinen Bruder Aki über die genaueren Umstände seines Abgangs auf.

»Die Schellen war’s wert«, beteuerte Ignaz noch lange danach. »Das was ich gesehen habe, das träumst du bloß. So schnell, wie du das Weite gesucht hast.«

Aber schmerzhaft war nicht die Ohrfeige, sondern der gemeine Aufprall auf das Steißbein, das noch wochenlang seine Lädierung in Form von Sitzschmerzen preisgab, so dass ihm keine Wurst mehr schmecken mochte.

Diesmal landete Ignaz aus ähnlicher Höhe, aber auf seinen Beinen. Er blutete. Stacheldraht, Hundegebiss und Gewehrkugel hatten Spuren hinterlassen, aber die ärgste Verletzung brachte ihm sein Bleistift bei, der sich bei der Landung in seine Leiste bohrte. Warum hatte er ihn diesmal nicht in den Sack zurückgesteckt? Der Stift ließ sich mit einer ruckartiger Bewegung leicht aus dem Oberschenkel entfernen. Es blieb ein Schmerz, der ihn beinahe ohnmächtig werden ließ.

Er hörte nichts mehr. Kein über die Mauer erklingendes Bellen, kein Rumoren. Weder Rufe des Zorns noch gedämpfte Straßengeräusche einer davoneilenden Jägerschar. Es war, als hätte jemand den Ton abgestellt. Eine Stille, die ein rhythmisch monotones Rauschen durch Ignaz’Ohren schickte. Das vernahm er. Seinen Herzschlag und seinen Atem, sonst nichts.

Den Sack mit seinen Heiligtümern konnte er nach wenigen Versuchen ertasten. Alles noch da. Weiter. Wie dunkler Anstrich presste sich Ignaz Buchmann von Hauswand zu Hauswand. Kein Licht stach aus irgendeinem Fenster oder anderen Hausöffnungen. Stille und Dunkelheit schlichen an Ignaz’ Seite. Weggefährten der Nacht, die ihn auf dieser Seite der Mauer beinahe unsichtbar machten.

Durch die Löcher seiner Filzhose pfiff leise der laue Nachtwind und trocknete die Risswunden seiner Haut. Er taumelte, doch Schmerzen verspürte er kaum noch, die Lunge stach leicht, aber die Erleichterung über die geglückte Flucht legte sich wie Balsam über seine körperlichen Blessuren. Auch die Bleistiftwunde pochte schon weniger. Er wurde ruhiger. Ignaz Buchmann erholte sich vom Wettrennen gegen die blutrünstige Meute aus Mensch und Hund. Und ging als Sieger hervor.

Ignaz Buchmann war Autor. Jungautor. Zum Verständnis: Er konnte bisher keine offiziellen Veröffentlichungen vorweisen. Er verfasste in seinem jugendlichen Drang mehr Schriften, als sein Vater ihm Ohrfeigen für seine teilweise untragbaren Streiche verpasst hatte. Er übertrug Realität in Fiktion. Transformierte selbstgetätigte Handlungen und eigene Erlebnisse in seine Phantasiegebilde und fühlte sich dabei ungezwungen und auf eine besondere Weise lebendig. Und ein wenig erwachsener, als er war. Schon sehr früh las er den Nachbarkindern, und mit Vorliebe der rußhaarigen Klara, die auf dem Bauernhof gegenüber wohnte, vor. Nicht aus Büchern renommierter Schriftsteller – nein – selbstverfasste Geschichten. Wundersame Märchen, die er sich zusammenspann und mit denen er große Augen, offene Münder und Aufmerksamkeit erntete. An guten und an schlechten Tagen. Die Geschichten entstanden auf Zetteln, über die er seine kindliche Schrift jagte. Bisweilen versammelten sich zwanzig, dreißig Nachbarn um den erzählenden Knaben.

Aki, sein älterer Bruder, war sein größter Fan und Gönner. Er stahl ihm das Papier und die Graffitgriffel aus den Kramläden des Dorfes und sorgte so für unendlichen Schreibgenuss.

Aki wollte Verleger werden.

Ignaz wollte Schriftsteller werden.

Aki wird nie ein Buch verlegen.

Ignaz nie ein Buch schreiben, das er gedruckt und gebunden in den Händen hält.

Aki hatte eine Idee.

Ignaz raste ihr blind hinterher.

Einen Eid im Genick.

Diesen Eid hatte er mit seinem Bruder geschlossen, bevor die große Flucht begann.

Schließlich landete er hinter einer Sackgassenmauer, auf der ein Stacheldraht gespannt war. Genau so ein Stacheldraht, in dem die Menschen allerorts verreckten, seit der Wahn des Krieges Europa heimgesucht hatte. Auf den Schlachtfeldern. Weggeschmissene Leben, aufgespießt an dünnen Drähten, wie seelenlose Hüllen im Wind flatternd.

An dem Stacheldraht der Sackgassenmauer flatterten nun einige Stofftriangel von Ignaz’ Hose und ein letzter Fetzen Freiheit.

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Der Physiker

Heinrich Nusser, Vater von drei Kindern, Mörder von unter anderem zwei Kindern und zwei Frauen, die er vorgestern erschossen hatte, putzte seine Feldstiefel blank und genoss dazu ein Glas blassen französischen Burgunders aus dem ihm frei zugänglichen Kontingent der Eckkneipe »Niski Mężczyzna«.

Nicht lange fragen. Nicht lange bestellen. Rein. Nehmen. Gehen. Trinken. Es ist so, weil es recht ist. Weil es ihm zusteht. Der Ober sticht den Unter.

Auf einem kleinen Beistelltisch stand das Rotweinglas, in das er immer wieder seinen Putzlappen tunkte, um Feuchtigkeit zur Optimierung des Lederglanzes zu gewinnen. Ihm war, als hätten die Stiefel bereits einen rötlichen Schimmer angenommen. Seine Kameraden flachsten, er marschiere in Trauben aus Leder. Er fasste es als Kompliment auf. Dass sie ihn hinter seinem Rücken die »dumme Nuss« nannten, war ihm gänzlich unbekannt.

Seine drei Kinder hatte er bereits vor einer Stunde mit jeweils zwei liebevollen Gute-Nacht-Küssen zu Bett verabschiedet. Annegret, 7 Jahre alt. Die Zwillinge Fritz und Franz, 4 Jahre alt. Die Nusserkinder schliefen fest. In ihrer Heimat. Er küsste jede Nacht das Familienfoto auf seinem Nachttisch, der scheinbar Lichtjahre entfernt von dem seiner Frau stand.

Als er noch mit seiner Familie in Deutschland vereint gewesen war, putzte er seine Lederschuhe auch mit Rotwein. Mit gutem Lemberger. Dieser edle Tropfen, ein Präsent von Großonkel Jakob, der Bürgermeister in einer Pfälzer Kleinstadt war, war kein Vergleich zu dem Gesöff der Franzosen.

Seine Frau Ursula machte den abendlichen Haushalt und klapperte mit dem Geschirr und sonstigen Utensilien, die es nach einem anstrengenden Familienalltag am Abend aufzuräumen galt.

»’n Schluck Wein?«, fragte Heinrich Nusser seine Frau und streckte ihr komischerweise den Putzlappen entgegen, als solle sie daran saugen. Müde lächelnd schüttelte sie den Kopf.

»Trink nicht so viel, du musst morgen wieder arbeiten.«

In Deutschland hatte Nusser einen ordentlichen Beruf. Er war Lehrer an einem Gymnasium in Augsburg. Für Mathematik und Physik. Ein Pädagoge, der den Gleichungen der politischen Führung durchaus Großes abgewinnen konnte. Hier, nachdem er sich im Krieg all seiner menschlichen Vorsätze entledigt hatte, musste er momentan nur eins: Patrouillieren. Im ausradierten Sektor. Zum Versteckspielen sollten sie doch einen Dümmeren fragen. Wenngleich er auch hier die Zahlen korrigieren musste. Eine triviale Gleichung, die ohne großen mathematischen Aufwand zu lösen war. Einfach so lange subtrahieren, und zwar Menschenleben, bis null herauskam. War Deportieren eigentlich auch eine mathematische Grundrechenart?

Immerhin musste er nicht an die Front. Das hatte sein Gutes. Und Aufregung gab’s auch hin und wieder. Dann erschossen sie ein paar, die sich dazu entschlossen hatten, das Versteckspiel zu verlängern. Die Würmer, die sich ins Gebälk gebissen hatten oder sich wie Asseln in Winkeln und Spalten verkrochen und nach der ersten Vertreibung ihr Verbleiben mit Hartnäckigkeit besiegelten. Sie mussten die Holzwürmer ausfindig machen. Man zwang sie anschließend zum Arbeiten, bei grobem Ungehorsam oder je nach Lage der eigenen Laune erschoss man sie gleich. Ideologisch war dies so korrekt wie die Unantastbarkeit physikalischer Gesetze. Zum Beispiel Actio gleich Reactio. Die hierfür wirksame Reactio des Obersten Befehlshabers war, dass seit 1. September 1939, 5 Uhr 45, zurückgeschossen wurde. Alles, was darauf folgte, rechtfertigte sich an diesem offensichtlichen Akt der Selbstverteidigung.

Nusser, wie es sich für einen gebildeten Soldaten gehörte, verrichtete seine Arbeit mit Akribie und Disziplin.

Er, zusammen mit den meisten seiner Kameraden. Manche schluderten. Zum Beispiel Klaus Sauckel, den alle nur »den Saukerl« nannten.

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Der Saukerl

Klaus Sauckel vergnügte sich mit drei Dirnen in seiner Prunkwohnung, die er einem einflussreichen Obergruppenführer aufgrund sehr, sehr besonderer Dienste zu verdanken hatte. Sauckel übergoss die nackten Frauen mit perlendem »Franzackenwein« der gehobenen Preisklasse und stieß Befehle aus, welche Ausführungen schier unmöglicher Sexualpraktiken zur Folge hatten. Natürlich war er besoffen. Natürlich war er grob. Natürlich war er nackt und verschwitzt, sein Scheitel klebte ihm hitleresk in der Stirn. Ein Führer der Amüsierdamen. Natürlich war ihm egal, dass er morgen früh wieder auf und ab marschieren musste, mit der doofen Nuss, und seine tumben, pfeifenden Ohren nach verdächtigen Geräuschen in den verlassenen Gassen und verlassenen Häusern auszustrecken hatte. Die Amüsierdamen sprangen wie junge Rehe um und auf ihn. In seiner weitläufigen Wohnung waren in mehreren Ecken mehrere Bettstätten. Sie benützten heute Nacht das breite rote Canapé mit den quietschenden Federn. So stöhnte die Federung mit den übertriebenen Lustschreien der Nutten um die Wette, während sie das Auf und Ab der sexuellen Übereinkunft vertikal zu unterstützen suchte. An den Armlehnen zuckten dazu goldene Quasten bei jedem Stoß wie Seismographennadeln.

»Du Saukerl«, schrien die Damen. »Du elender Saukerl!« Weil sie mussten.

Der Gefallen, der Klaus Sauckel diese Bude eingebracht hatte, hatte darin bestanden, die Ehefrau eines Generals zu verführen, und sich auf frischer Tat erwischen zu lassen, damit der seine Ehefrau aus triftigem Grund zum Teufel schicken konnte. Des Generals Arm reichte nicht für eine Beförderung in gemütlichere Arbeitsatmosphären, aber für dieses Eigenheim, in dem Orgien an der Tages- und Nachtordnung standen. Hätte er sich stattdessen für eine Beförderung entschieden, wäre er zum Major Sauckel ernannt worden. Er aber wollte ficken, deshalb dieses elitäre Lustschloss, das er sich in der Beletage eines herrlichen Stadthauses für seine Zwecke dekadent einrichtete. Lange hatte er nicht danach suchen müssen. Und der ehemalige Besitzer, ein betuchter jüdischer Kaufmann samt Familie, wurde schlichtweg »entsorgt«.

In diesem privaten Etablissement feierte er allabendlich wilde Feste, bei denen alkoholische Flüssigkeiten genauso auf dem Speiseplan standen wie der Austausch von Körperflüssigkeiten. Tribut musste er dafür zollen:

Gerädert und gezeichnet trat Sauckel oftmals seinen Dienst an. Der Schritt schmerzend, der Kopf dröhnend, der Magen flau. Er war dennoch absolut sicher: Es gab sehr viel Schlimmeres als das Leben des Lebemann Sauckels.

Und so band er den leichten Damen Zöpfe und ritt mit ihnen durch die Nacht.

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Der Friedhof der toten Gegenstände

Zur gleichen Zeit stieß Ignaz Buchmann mit dem besockten Fuß gegen einen Gegenstand, der scharrend über den Asphalt rutschte. Ein in dieser Stille ohrenbetäubendes Geräusch.

»Oh«, entfuhr es Ignaz, der erschrak. »Was denn…«

Ignaz’Augen starrten in die Dunkelheit und hofften, sichtbare Konturen erfassen zu können. Seine Pupillen gewöhnten sich allmählich an die tiefschwarze Nacht. Trotzdem konnte er kaum etwas sehen.

Ignaz war fokussiert. Fokussiert auf ein bestimmtes Haus, ein bestimmtes Schild, einen bestimmten Namen, einen bestimmten Mann. Seit vielen Monaten hetzte er diesem Ziel entgegen, jetzt, wo es zum Greifen nah schien, war er blind für alle Symbole und Warnungen. Blind für die Geschichte, die einfach weiterlief und Ereignisse knüpfte, die die Welt erschütterten und sie bucklig zurücklassen würde. Oftmals erkannte er Gefahren erst, wenn sie ihm auf die Schulter klopften, so vertieft war er in seine geistigen Phantasieforschungen und den Willen, seinen Plan zu Ende zu bringen.

Dann waren Aufforderungen wie »Ausweisen!« oder »Bezahlen!« die einzig wirksamen Alarmglocken, die ihn aufschrecken und weiterhetzen ließen. Um ihn herum brach sich der Terror Bahn. Und er war irgendwie zwischen die Fronten geraten.

Nun tastete er sich vorsichtig im Dunkeln an einer Hausmauer entlang nach vorne. Immer wieder blieb er stehen, um zu lauschen, ob die Verfolger doch noch um eine Ecke stoben. Er hörte nichts.Trotz seiner Segelohren.

Es war verwunderlich, dass hier in diesem Teil der Stadt kein einziges Licht brannte, kein einziger Laut zu vernehmen war, kein Leben sich regte. Hier war er noch nie gewesen.

Ignaz lachte kurz auf.

Das ist gut, dachte er, hier war ich noch nie.

Ignaz war nicht nur diese Gegend unbekannt, sondern die ganze Stadt war ihm fremd. Er war noch nie in der Hauptstadt des Terrors gewesen. In Warschau. Was nichts daran änderte, dass er diesen einen verfluchten Mann finden musste, koste es, was es wolle.

»Was ist denn das?«

Wieder stieß er gegen den offenbar gleichen Gegenstand wie eben. Er beugte sich nach unten. Seine Handflächen bewegten sich vier- bis fünfmal auf und ab, ehe er einen Lederbollen mit Schnüren daran ertastete. Ein Schuh. Während er sich grübelnd aufrichtete, stockte Ignaz. Seine Augen stocherten im Dunkeln. Erkannte er noch einen Schuh? Es wäre nichts Unlogisches, da Schuhe immer paarweise auftreten, außer man verliert einen, zum Beispiel auf einer Flucht.

Ein zweiter Schuh, ein schwarzer Koffer, dunkle Kleidung, die aussah, als lägen dort kleine, traurige Menschenbündel oder tatsächlich unter Mänteln, Jacken und weiteren Textilien versteckte Personen. Schwarze Gegenstände erhoben sich nun besser sichtbar vor ihm. Wie ein Friedhof toter Gegenstände. Unwillkürlich wich Ignaz zurück. Das Bild, bizarr und schwach, war Ignaz unerklärlich fremd. Es könnte aber auch eine Halluzination sein, die ihm die Dunkelheit, die Anstrengung und die Unsicherheit auf die Netzhaut drückte.

Sich an die Hausmauer pressend, tastete er sich weiter. Im nächsten Moment wurde Ignaz Buchmann verschluckt. Zack und weg.

Von dem Ort genommen, an dem er soeben noch verwundert das unstimmige Straßenbild hinterfragte.

Weggerissen. In die Mauer gesaugt. Das Gleichgewicht verlor er, nachdem die Hauswand seinem Körpergewicht nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Er stürzte seitlich zu Boden und schlitterte auf glattem Stein einige Zentimeter weit. Er begriff sehr schnell. Eine Hausöffnung. Eine Türe, die offen stand, zog ihn förmlich in den Eingangsbereich, und da ihm dieses Gefühl, ein Dach über dem Kopf zu spüren, eine Prise Selbstsicherheit verschaffte, robbte er bis zur nächstgelegenen Wand und ließ die Welt draußen eben für einen Moment die Welt draußen sein. Seine Atmung und sein Herzschlag nahmen nun einen gemächlicheren Rhythmus an sein gehetzter Körper kam zur Ruhe. Endlich. Endlich Rast. Stillstand. Mehr davon. Nur für kurze Zeit. Ein Versteck finden – nur für die Nacht. Nur bis der Tag seine Sonnenstrahlen aussendet und alles von neuem beginnt.

Die schwere Türe zum Kellerabstieg findet er tastend. Er öffnet sie mit Bedacht.Trotzdem hat er nicht das Gefühl, dass er hier in diesem Haus irgendwen wecken könnte. Wie ausgestorben. Alles.

Das Licht im Abgangsbereich versucht er erst gar nicht zu entfachen. Ignaz will Vorsicht und Aufmerksamkeit nicht empfindlich vernachlässigen. So stolpert er mehr, als er geht, die Kellertreppe hinab. Samt seinen unvollständigen Gedanken im Kopf.

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Flüssiges Gold

Mein Name ist Ignaz Buchmann. Ich bin Schriftsteller. Ich verfolge eine Idee. Ich sitze in einem Kellerloch in einem mir fremden Haus. So soll es nicht sein.

Ignaz Buchmann – ein Gepard. Eine Schlange. Ein Rammbock. Ein Fuchs. Ein Wiesel. Ein Pferd. Eine Katze. Nun ein Maulwurf.

Ignaz Buchmann – schnell. Verschlagen. Klug. Ausdauernd. Leichtfüßig. Nun blind und forschend.

In den Dingen anderer Menschen grabend. Wörtlich zu verstehen.

Ah, nun.

Ignaz fand neben ein paar öligen Lumpen in einem Regal, vor dem ein Fahrrad stand, eine Streichholzschachtel und ein paar gebrauchte Kerzen. Eine wurde zur Fackel, die sein unmittelbares Umfeld leicht erhellte. Er stöberte sich durch leere Glasbehälter, Schnitzwerkzeuge, leere Büchsen mit Pinseln darin, Unterlagen und mehrere in Winkeln versteckte Einweckgläser, von denen doch zwei mit buntem Inhalt gefüllt waren. Das erkannte er in dem flackernden Kerzenlicht. Eingelegtes Gemüse und Obst. Das waren brauchbare Gegenstände, die einem im Keller Gestrandeten, aus welchem Grund auch immer, zur Hilfe eilten. Bis er merkte, dass sich unter dem farbigen Inhalt auch ein pelziges Grün befand. Schimmel. Ungenießbar. Ein Fluch stieß aus seinem Mund gegen den hinter dem Glas sitzenden Schimmelpilz.

Er kramte weiter, vorsichtig und leise. Und stieß auf eine Schachtel, in der sich acht leere Gläser befanden.

Aus einem davon und einem Kerzenrest fabrizierte Ignaz eine Lampe. Wohliges Licht erhellte den Kellerteil. Warmes Licht, das Ignaz folgende Erkenntnis brachte: Er war in einem stinknormalem Keller. Vor ihm eine Schachtel mit stinknormalen Gläsern mit stinknormalen Schraubverschlüssen. Moment, eins schimmerte im Kerzenlicht stinknormal bernsteinfarben. Wie Gold. Ein goldener Glasboden. Ignaz riss das Glas an sich und bohrte sein Auge durch das Glas. Sofort spürte er ein Bitzeln auf seiner Zunge. Er drehte wild an dem Verschluss und ein süßlicher Geruch dampfte in seine Nase. Honig! Nicht viel, aber auch nicht nichts. Ein Einweckglas mit Honig ausgelegt. Honigboden. Einen halben Zentimeter dickes Bienenerzeugnis. Er bohrte mit Zeige- und Mittelfinger in den Topf aus Gold und strich sich die Paste in den Mund.

Erlösung!

Die Süßigkeit bot seinem ausgemergelten Körper eine Delikatesse, die ihm triefend in den Mundwinkeln hing. Er wurde zum x-ten Mal zum Dieb.

Ihm war das egal, das Leben geht vor. Vor allem, nachdem man wie ein Tier durch die Straßen gehetzt wurde, nur weil man sich etwas ausborgen wollte. Eine Suppe zum Beispiel. Na gut, für immer ausgeborgt hatte. Hunger und Durst lassen einen oftmals Höflichkeit und Anstand vergessen. Sonst klopft der Tod an die Türe.

Passend dazu: Ignaz’ letzte Geschichte. In seinem Büchlein stand ein Märchen namens »Gebrüder Hunger und Durst«. Es las sich wie folgt:

Gebrüder Hunger und Durst

VERWUNDERLICH, ABER DOCH

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Es war einmal ein unverbesserliches Bruderpaar namens Trimm und Tortl.

Das Leben war ihnen ein Spielfeld aus Schabernack. Streiche, Scherze und Narreteien standen an der Tagesordnung, und die Bewohner der abgeschiedenen Stadt Weithinterheim hatten regelrecht Angst vor ihrem Irrsinn. Die beiden Brüder trieben die Leute an den Rand des Wahnsinns, hier fehlten Instrumente, dort fiel etwas den Schwänken zum Opfer, viel Zeit vertat man damit, zu säubern und zu reparieren, was ihre Schandtaten in Mitleidenschaft zog. Was blieb, war Aufwand, Ärger und Kosten. Eines Tages aber übertrieben sie ihre Albernheiten. Sie kippten blauen Farbstoff in die Wasservorratsbehälter und zerstörten die gesamte Wasserversorgung der Stadt. Ebenso bemalten sie alle Lebensmittel in der Stadtvorratskammer blau. Und damit ihr Spaß noch zunahm, vermischten sie den Farbstoff mit verdorbenen Eiern und Mist, ja herrlich, wenn Wasser und Brot so richtig stinken. Dass sie damit Unheil anrichteten, war ihnen wie immer völlig gleichgültig. Noch als sie, hinter ihren Fässern versteckt, Leute über dieses dumme Bubenstück schimpfen sahen, litten die ersten Menschen, die von der verdorbenen Nahrung oder dem vergifteten Wasser nicht nehmen konnten, Hunger und Durst.

Neue Nahrungsmittel konnten in Weithinterheim auf die Schnelle nicht produziert werden.

Die Menschen blickten machtlos der sich ausbreitenden Not entgegen, und über allem hing das heisere Lachen von Trimm und Tortl. Hunger und Durst wurden zur Qual. Die ersten Menschen starben. Erst die Alten und Gebrechlichen, dann die Kinder. Auswärts konnte keine Hilfe angefordert werden, die nächsten Nachbarn lebten Dutzende Tagesmärsche entfernt. Weithinterheim taumelte einer Katastrophe entgegen.

Trimm und Tortl, die sich etwas genießbares Wasser und Brot beiseitegelegt hatten, konnten dem traurigen Schauspiel keine Freude mehr abgewinnen. Wem sollten sie denn noch Streiche spielen — alle verhungerten oder verdursteten. Achselzuckend machten sie sich mit ihrem Proviant auf den Weg in die nächste Stadt.

Am fünften Tag lagerten sie im tiefen Wald. Am Feuer aßen sie Teile ihrer schon dezimierten Nahrung und schluckten gierig aus dem Wasserschlauch. Da gesellten sich zwei Gestalten zu ihnen. Ob man sich dazusetzen dürfte, fragten sie. Trimm und Tortl war es recht, vielleicht würden sie eine Zielscheibe für einen ihrer Streiche abgeben. Sie plauderten, und Trimm und Tortl erzählten, dass sie Brüder sind und von Weithinterheim stammen. Die beiden Besucher erklärten, sie wären auch Brüder und ebenfalls gerade in Weithinterheim gewesen. Aber komisch, man habe sich nicht getroffen. Nur Leichen wären dort gewesen. Trimm und Tortl lachten.

In der Nacht litten Trimm und Tortl plötzlich starken Hunger, und sie verschlangen ihre mitgeführte Nahrung. Am Morgen begaben sich die beiden Brüderpaare gemeinsam auf den Weg. Trimm und Tortl machte der Marsch zu schaffen, und ein qualvoller Durst ließ sie ihren Wasserschlauch leeren. Ihr Verlangen nach Essen und Trinken war stark wie nie zuvor. Schließlich hatten sie weder Brot noch Wasser. Sie baten ihre Mitreisenden um Nahrung und Getränke. Die beiden seltsamen Brüder antworteten unisono:» Wir haben weder Essen noch Trinken und wir brauchen es auch nicht.«

Trimm und Tortl wollten es den beiden wirklich heimzahlen, aber an Schabernack war mittlerweile nicht mehr zu denken. Sie mussten rasten. Die nächste Stadt war noch einen ganzen Wochenmarsch entfernt, und so baten Trimm und Tortl: »Ihr müsst euch doch ernähren. Bitte, gebt uns von eurem Brot und Wasser, im Namen der Gerechtigkeit.«

»Wir haben weder Essen noch Trinken und wir brauchen es auch nicht.«

Die beiden seltsamen Brüder drängten auf ein schnelles Weitergehen, schließlich benötigte man Wasser für Trimm und Tortl. Am nächsten Tag brach Trimm zusammen, und Tortl fiel ebenso zu Boden: »Hört, holt uns aus dem Wald was zu essen. Grabt nach Wasser. Wir sterben.«

Die Gebrüder fragten unisono: »Im Namen der Gerechtigkeit?«

Tortl antwortete gereizt: »Ja, verdammt, im Namen der Gerechtigkeit!«

So schallte es wieder im Einklang: »Wir haben weder Essen noch Trinken und wir brauchen es auch nicht.«

Trimm war bereits bewusstlos, und Tortl ängstigte sich sehr.

»Wie unbarmherzig seid ihr nur? Helft uns, wir sterben.«

Das seltsame Brüderpaar antwortete: »Im Namen der Gerechtigkeit – wir haben weder Essen noch Trinken und wir brauchen es auch nicht.«

Tortl sah auf seinen toten Bruder, und weinend gab er von sich: »Wer seid ihr bloß, dass ihr hilflose Menschen quält.«

Prompt antworteten die beiden Brüder:

»Wir sind die Gebrüder Hunger und Durst — wir kommen, wenn man uns ruft. Wir gehen, wenn wir gestillt wurden oder nicht mehr gebraucht werden. Wir warten nun hier, bis wir mit dir fertig sind. Im Namen der Gerechtigkeit oder der Ungerechtigkeit.«

Es war das Letzte, was Tortl zu hören bekam.

Und da Trimm und Tortl nun gestorben sind, werden sie keinen mehr mit ihren Streichen quälen können.

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Früher haben sie sich oft versteckt, verstecken müssen, damit die von ihren Streichen gepeinigten Personen sie nicht in der Luft zerrissen. Ihn, Ignaz und seinen Bruder Aki.

Einmal, nachdem sie in der Nacht vor der Beerdigung des alten Kirchenpianisten Bogavac dessen Sarg mit Steinen gefüllt hatten, und ihn selbst, also den Verstorbenen, entwendeten, um ihn in der Friedhofskapelle an eine provisorisch zusammengezimmerte Orgel zu setzen, die sie hinter einem Vorhang an der Fensterseite versteckten, da haben sie auch ein Versteck gebraucht.

Eine Heidenarbeit war das gewesen, und wieso sie auf diese Idee gekommen waren, wusste hinterher keiner von den beiden mehr so genau. Vielleicht, weil der alte Bogavac mit seinen 99 Jahren den Anschein machte, nie von der Erde zu verschwinden. Sein Sohn, selbst schon 78 Jahre zählend, spekulierte seit je auf den Organistenposten in der Dorfgemeinde. Umsonst. Schließlich fand er eine Anstellung im achtzehn Kilometer entfernten Moosburg, was im Jahre 1934 eine aufwendige Reise mit dem Ochsenkarren darstellte, denn ein Auto besaßen die Bogavacs nicht, so wie auch sonst niemand im Dorf. Aber zwei Ochsenstärken, von denen eine den Junior dreimal in der Woche nach Moosburg brachte.

Dann war es so weit, und der liebe Herrgott ließ den alten Bogavac beim Kartein im Rosenbräu mit einem hervorragenden »Herz sticht« in den Händen und auf den Lippen von der Bank gleiten. Später erfuhr man, dass der Bogavac doppeldeutig sprach, da er beim Schafkopfspiel ein Spatzenfreies Solo in der Hand hielt und ihm just im selben Moment eine gemeine Herzattacke stechende Schmerzen in der Brust bereitete. So kann es gehen, und so war der zähe Hund endlich hin, wie mancher Bürger es nicht leise verlauten ließ.

Trotzdem: Die Trauergemeinde heulte Rotz und Wasser, so musste es sein, der Pfarrer fand treffliche Worte, seine jahrelange Organistenzeit huldigend und seine unermüdliche Schafkopfleidenschaft hervorhebend, auch dies war üblich, und bevor man ihn an sein Grab führte, wurde in der Totenkapelle noch ein Lied der Akzeptanz gesungen: »Ja, wir akzeptieren, dass wir irdisch sind und verbleichen müssen.« Das war die Mitteilung – nicht aber der wahre Wortlaut.

Als nun der Pfarrer dieses Lied anstimmte, es müsste »Der Herr, unser Geleit« gewesen sein, also just in diesem Moment sorgte Aki dafür, dass durch eine raffiniert angebrachte Seiltechnik der Vorhang zurückwich und dort der ehemalige Kirchenorganist Bogavac mit starren, verkrampften Gliedmaßen und schon etwas blau im Gesicht, die Trauergemeinde begleitete, die ihm sein letztes Geleit sang. Oft kam das nicht vor, dass ein Toter seinen eigenen Trauermarsch spielte, wenngleich stumm und still, und so waren reihenweise Ohnmachtsanfälle, Schreiattacken und multiple Bekreuzigungen begleitende Vorkommnisse dieser Beerdigung.

»Teifelswerk!«

»Ein Geist!«

»Ein Wunder!«

»Da Bogavac!«

Der Sohn des Verstorbenen bangte wieder um seinen sicher geglaubten Arbeitsplatz und fing bitterlich zu flennen an.

»Ja wird der denn nia hin?«, fragten seine Kartenkumpanen, und der Rosenwirt schrie gar »Freibier!« in die Runde, ohne sich seines Ausrufes bewusst zu sein.

Ein Heidendurcheinander war es, das Aki und Ignaz prächtig amüsierte. Erst nachdem der Dorfarzt den tatsächlichen Tod feststellte und der Sarg geöffnet wurde, in dem Steine anstatt eine Leiche lagen, war klar – die Buchmannbuben waren wieder am Werk gewesen, die Mistbuben, die teuflischen.

»Buchmannwerk!«, schrien einige Aufgebrachte.

Da jagte sie das ganze Dorf, und versteckt hatten sie sich zwei Tage lang, ehe sie vom Vater doch die verdiente Tracht Prügel erhalten hatten. Hunger und Durst trieben sie zurück ins traute Heim. Der Vater stand den Ledergürtel schwingend in der Türe. Weh hatte es getan. Sehr. Aber ein geglückter Streich, wie sie sich noch lange bestätigten.

Aki, sein Bruder. Und er. Gesehen hat er ihn schon länger nicht mehr.

Seinen Bruder Aki.

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Das Kellermärchen

Frieden kehrte ein. Er bettete seinen Körper in einer Ecke des Kellers auf eine schmierige Decke. Das flackernde Licht spielte tänzelnde Schattenspiele an die Wand. Von irgendwoher drang doch ein kühler Luftzug durch den feuchten Keller und ließ die Flamme im Glas mit der Zunge schnalzen, als ob sie Pferde antreiben wolle, die wie Schatten über die grauen Steppen der Kellerwände sprangen.

Luxus war das. Annähernd. Ignaz Buchmann griff sich den Kartoffelsack, holte Bleistift und das noch viele freie Seiten bietende Buch hervor.

Bäuchlings warf er sich auf die kratzige Decke, die ihm in diesem Moment wie ein Bärenfell vorkam. Das Notizbuch, gedruckt aus strapazierfähigem Hadernpapier, lag vor der Glaslampe, die wie ein offener Kamin Licht und Wärme verbreitete, und flehte um eine Geschichte aus der Feder Ignaz Buchmanns, der Schreiber und Verarbeiter von Erlebtem in Märchenform. In seinem Gehirn wurden die Strapazen der Flucht von einer immens auflodernden Phantasie verbannt. Schreibdrang und Erzählwille schickten Befehle zu Herz und Hand und verfrachteten sein Gemüt in einen literarischen Ruhezustand. Im Hier und Nun sollten Geschichten entstehen.

»Ich lebe noch«, flüsterte er müde gegen die kahlen Wände, die anerkennend, so schien es ihm, applaudierten.

»Ich lebe, also schreibe ich.« Ignaz hielt inne – eine dramatische Pause machend. »Ich schreibe, also bin ich.«

Die Kellerwände johlten und schrien vor Begeisterung.

Ignaz nickte, während seine Hand schwungvoll den Stift übers Papier führte.

Von einem, der nicht mehr laufen wollte

VERWUNDERLICH, ABER DOCH

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Es war einmal ein Bote, der Briefe, Schriften und Pakete lieferte. Von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Die Arbeit war mühsam und gewaltig, doch führte er sie stets mit bestem Gewissen und rasend schnell aus. Da Briefe aber immer eiliger den Empfänger erreichen, Pakete schnellstmöglich zum Adressaten gelangen mussten, war selbst das nicht schnell genug. Mit geschundenen Füßen und gebeuteltem Körper stand er oft da und schlief im Stehen ein, so müde war er nach getaner Arbeit. Da beschloss er eines Tages, nicht mehr laufen zu wollen. Er würde nur noch gemächlich gehen. Immerzu zwar, aber ohne Eile.

Just zu dieser Zeit überzog ein dunkler Unfriede das Land. Kriegerische Vorkommnisse verbreiteten Unruhe, Angst und Schrecken. Sie waren geboren durch eine sich hastig entwickelnde Technisierung. Länder und deren Herrscher waren erpicht, sich schnell und schneller zu entwickeln. Maschinen schluckten Maschinen. Die Technik überschlug sich, und da jedes Land die schnellsten Erfindungen und Entwicklungen vorweisen wollte, der Nachweis aber dafür nicht gegeben werden konnte, explodierte der Krieg.

So war es eine schlimme Zeit, in der Hektik und Rennerei, Hast und Kampf an der Tagesordnung standen. Alles hetzte und prallte gegeneinander.

Die Anzahl der Toten stieg, die Humanität nahm Reißaus. Aus den Schloten der Fabriken quollen Rauchzeichen, welche die Produktion von unvorstellbarem Kriegsgerät ankündigten. Sie tauchten das Licht des Himmels in graues Rot.

Wilde, dampfende und schnelle Maschinen bestimmten das Bild der Schlachtfelder. Sich bewegende Bäume aus Stahl stampften gegen springende Eisenkuppeln. Ganze Häuser, welche sich durch Fallen und Aufrichten fortbewegten, zermalmten Gefährte, bestehend aus 28 Rädern und Eisenhäuten, die wiederum des Gegners Geheimwaffe, riesige Metallhände, die auf Zeige- und Mittelfinger liefen, zur Weißglut brachten. Dampf und Düsternis stiegen an allen Ecken und Enden auf, Schreie und schrilles Schaben preschten ohrenbetäubend durch die Luft. Feuer speiende Rösser aus Beton und Stein rammten gegen in Aggression getauchte, sich zyklisch auf und ab bewegende Kruppstahlzähne. Morsepatronen pfiffen und stoben durch die blutende Luft und krachten explodierend in Stacheldrahtwölfe, die durch des Gegners Reihen Furchen rissen.

Ein Krieg ohne Taktik und Hintergrund. Im Wahn vergaß man, wer gegen wen kämpfte, und so war es folglich jedes Land gegen das andere.

Es war ein einziges Verfolgen und Fliehen. Der allgemeine Niedergang von Mensch, Tier und Natur durch Maschinen stand unaufhaltsam bevor.

Da trat der Bote, der nicht mehr laufen wollte, auf das Kriegsfeld und bewegte sich mit der Anmut der Langsamkeit über das blutende Schlachtfeld. Trotz seiner gemächlichen Geschwindigkeit schlugen Arme aus Stahl und scharfe Zahnräder im Boden neben ihm ein. Getroffen wurde er nicht. Blitzende Kanonenkugeln und riesige Wurfscheiben, Raketenklingen und baumlange Eisenpfeile, die Menschen auseinanderrissen, verfehlten ihn. Er schritt langsam und bedächtig durch das Getöse — ohne Hast und Hektik.

»In der Ruhe liegt die Kraft.«

Verzweifiung und Grausamkeit rasten an ihm in unvorstellbarem Tempo vorüber. Er blieb ruhig und schritt einfach weiter. Während über seinem Kopf siebeneckige Flugobjekte und Schnatterbomben explodierten, Torpedoluftkreuzer und Schwirrböcke in die Luft flogen, entstand in seinem Kopf die Lösung zur Beendigung des Desasters.

Er trottete in die Bibliothek der Menschheit, welche durch Hastbaggerattacken schwer lädiert war, und suchte das Dudenbuch der gültigen Wörter. Er fand es unter einem Haufen geborstenem Holz und Papierfetzen. Es hatte keinerlei Schaden davongetragen. Er setzte sich in eine Ecke porösen Mauerwerks und lauschte noch einmal dem Kriegslärm, der sich durch schwarze Quellwolken und Rußschwaden schälte. Mit einem Lineal und einem Fettstift begann er umsichtig und präzise die rettende Arbeit.

Er strich alle Wörter, Synonyme und Ausdrücke, die mit Geschwindigkeit, Hektik, Hast und Eile zu tun hatten, aus den Seiten. So verringerte sich pro gestrichenem Wort das Getöse. Synonyme wurden zerstört, so auch die kriegerischen Handlungen. Je mehr Vokabeln der Eile ausradiert wurden, desto mehr versiegte das Sterben und Töten auf den Schlachtfeldern. Als der Bote den letzten zu streichenden Begriff auslöschte, kam der Krieg zum Erliegen. Nun waren alle Wörter, welche nur annähernd mit Hektik, Hast, Hetze und so fort zu tun hatten, aus dem Dudenbuch der gültigen Wörter verschwunden. Es legte sich Ruhe und Frieden über die Erde.

Der Bote ging in langsamen Schritten zu den Herrschern der Länder und legte den Duden vor sich ab.

Er murmelte: »In der Ruhe liegt die Kraft.«

Dann hob er das Haupt und rief laut: »In der Ruhe liegt die Macht.«

Die Herrscher der Länder jubelten ihm zu und bestimmten ihn zum Wächter des Dudens der gültigen Wörter, den er ab diesem Zeitpunkt immer unterm Arm tragend auf seinen gemächlichen Wegen durch die Länder mit sich führte.

So trat der »Lange ruhige Friede« ein, gewonnen durch einen, der nicht mehr laufen wollte.

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Ein Streifen Helligkeit klopfte gegen die Augen, zog Ignaz’ Lider langsam nach oben, um noch mehr Licht durch die Sehschlitze Richtung Pupillen zu befördern. Im ersten Moment dachte Ignaz, das Licht gehöre zu seinem Flammentraum, dann registrierte er, dass es echtes Sonnenlicht war, das, in Streifen geschnitten, einen klammen, dunklen Kellerraum durch zwei enge Fensterluken zu erhellen versuchte.

»Verdammt«, fiel es aus seinem gähnenden Mund. Weitere Augenblicke später baute er die Worte Flucht, Mauer, Keller zu einem stimmigen und ihn betreffenden Bild zusammen. Er orientierte sich prompt, und die Ereignisse der letzten Nacht waren deutlich präsent.

Von einem, der nicht mehr laufen wollte. Eine Geschichte von Ignaz Buchmann.

Zufrieden steckte er das vorm Schlafen geschriebene Werk ein, sicher, dass es eine gelungene Geschichte war. Nun sollte seine eigene Geschichte gelungen gestaltet werden.

Er schälte sich behäbig aus den Lumpen und Decken, reckte seine steifen Glieder und ließ ein gurrendes Seufzen durch den geschlossenen Mund hören. Ein ähnliches Geräusch ertönte aus seinem Bauch und vermittelte ein leicht stechendes Hungergefühl, mit dem sich Ignaz vorerst nur oberflächlich beschäftigte.

»Der Honig war lecker«, sagte er.

Er tippte sich auf seinen Bauch, und der Magen antwortete mit einem kleinen Rumoren. »Jetzt wartest halt erst mal, oder?«

Sein Durst war weniger geduldig und riss nervend an seiner Zunge. Trinken muss der Mensch, sonst ist er nichts.

»Also wo?«, fragte Ignaz sich selbst. Er klemmte sich seinen Büchersack unter den Arm. Beim Losgehen bemerkte er, dass er nur einen Schuh am Fuß trug.

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Leibesertüchtigung nach Sauckel

Nusser und Sauckel gingen nebeneinander.Tagtäglich machten sie das, weil es war Befehl. Nicht das Nebeneinander, eher das Gehen. Patrouillieren. Korrigieren. Durchforsten. Entsorgen.

Patrouillieren. Wobei diesem Vorgang ein gewisses Nebeneinander nicht abgesprochen werden konnte.

Korrigieren. Im Sinne von den Rotstift anwenden.

Durchforsten. Also aufstöbern von ungebetenen Gästen, vielmehr »Liegengebliebenen«, im ausradierten Sektor.

Entsorgen. Bei Durchforstungserfolg das »Material« entsorgen, also ins Lager damit, außer, falls das »Material« sich stark wehrte, dann konnte man es kaputtmachen. So formulierte es der offiziersinterne Volksmund.

Zurück zu Sauckel und Nusser.

»Leibesertüchtigung«, sagte Nusser. »Gymnastik. Dauerlauf. Gewichte stemmen. So etwas.Training der Ausdauer und Muskulatur.«

»Ach komm, Nusser. Wie viele Kinder hast du?« Sauckel hob zwei Finger in die Höhe, weil er annahm, Nusser hätte bei seinem heimatlichen Erinnerungsschwelgen zwei Bälger erwähnt.

»Drei.« Nusser sagte es mit Stolz und schickte vier liebevolle Gedanken in die Heimat. Drei für die Kinder, einen für seine liebe Ehefrau.

»Na also.« Sauckel stieß Nusser den Ellbogen in die Seite, dabei rutschte ihm das Gewehr von der Schulter. Mit einer schwungvollen Bewegung schnellte er den Riemen nach hinten, so dass die MP43 wieder an ihrer gewohnten Marschierposition verweilte.

»Siehste. Deine Kinder hat doch nicht der Storch gebracht, wie? Verstehst du, was ich meine?«

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Nusser schüttelte mit einer Miene den Kopf, die zu sagen pflegte: Was soll man daran verstehen?

Sauckel schrie: »Geh, Nusser. Vom Bumsen spreche ich. Weiber bumsen. So bleib ich körperlich auf Zack.« Er lachte hysterisch. Plötzlich hielt er inne, packte Nusser am Ärmel und blickte ihn von unten hinauf an.

Nusser erwiderte den Blick – weiterhin ohne Regung.

»Ficken!«, schrie Sauckel erneut. »Ficken!«

Seine Hüfte schnellte vor und zurück, während er mit seinen Händen einen imaginären Gegenstand auf Geschlechtsteilhöhe festzuhalten schien.

»Ruhe, Sauckel«, zischte Nusser. Er blickte sich hastig um. »Nicht so laut.«

Sauckel kicherte dreckig, so wie eben alte Saukerle kichern. Nusser fuhr fast flüsternd fort:

»Ficken… also Geschlechtsverkehr ist doch keine Leibesertüchtigung. Ich rede von Sport.« Er versuchte mit einer gedämpften Stimme Sauckel in eine ähnlich ruhige Verfassung zu bringen. Es gelang. Sauckel antwortete knapp, aber in Zimmerlautstärke, obwohl sie im Freien waren.

»Ficken ist Sport.«

Nusser verzog das Gesicht. »Wer sagt denn so was?«

»Ich. Vor etwa zwei Sekunden«, gab Sauckel selbstverständlich an.

»Geschlechtsverkehr ist ein Akt der Liebe«, entrüstete sich Nusser.

»Haaaaaaaaaaaaaaa!« Sauckel brüllte, dass ihm die Augäpfel hervortraten.

»Mensch Sauckel, Sie Dummkopf.« Nusser befürchtete, dass sie durch Sauckels Lautstärkeüberschwang während ihrer Arbeit mächtig Ärger bekamen. Zwar gingen sie momentan alleine durch die Straßen, aber in diesem von Gott und der Welt verlassenen Areal hallte schon ein normal gesprochenes Wort durch die Mauern wie das Jodeln in den Alpen.

Sauckel boxte Nusser heftig in die Seite und sagte: »Fresse. Mensch, Nusser. Geschlechtsverkehr ist Ejakulation. Orgasmus, kapiert? Und das im besten Falle öfter hintereinander und das im besten Falle täglich mehrere Male und das im besten Falle immer mit einem anderen tollen Weib. Und dann ist das Sport, das kann ich dir sagen.« Sauckel wieherte wie ein Sylvesterheuler auf. Und natürlich krachte erneut seine Faust gegen Nussers Oberarm.

Nusser versuchte auszuweichen, aber Sauckel war schnell und traf hart. Schließlich war er durchaus auch ein guter Faustkämpfer.

»Nusser, du musst perverser werden.«

»Wie bitte?«

»Du musst eine Drecksau sein. Das hilft dir auch bei der Arbeit hier.« Sauckel machte mit dem rechten Arm eine umfangreiche Bewegung, als wollte er die schöne Gegend präsentieren, bis er den Arm ausgestreckt unter Nussers Nase hielt. »Heil Nusser!«, sagte er pathetisch und kicherte dann wie verrückt.

»Sauckel, hören Sie auf. Man verhaftet uns wegen Ihres Blödsinns.« Nusser war sichtlich nervös, und das Gespräch war ihm äußerst unangenehm. Knödel entwickelten sich in seinem Hals. Schweißperlen der Unannehmlichkeit bildeten sich unter seinem Helm.

Sauckels Stimme nahm einen nasalen Ton an, er schürzte die Lippen nach vorne und rollte das R: »Wollt ihrrr den tortalen Fick?« Sauckel explodierte, bleckte aus der Kehle polternd die Zähne. Als er sich endlich wieder beruhigte, fügte er trocken an.

»Du musst perverser werden. Wix in deine Stiefel, Nusser.«

»Was?«

»Wix in die Stiefel. Los. Sofort.« Sauckel blieb stehen, deutete mit der Linken auf Nussers Lederstiefel. Mit der rechten, hohlen Hand vollführte er Auf- und Abbewegungen. Er insistierte:

»Wix in deine Rotweinstiefel. Du liebst doch deine Stiefel oder, Nusser? Welcher Irre putzt seine Lederstiefel mit Rotwein? Im Grunde ist das pervers genug. Also wix da mal rein, du wirst sehen, das ist gut.«

Nusser nahm an, dass Sauckel den Verstand verloren hatte. Er würde sich beim dafür zuständigen Offizier darum bemühen, dass er nur noch mit Seitz, Baumgartner, Müller oder Dehring gehen musste. Oder einem Unbekannten, das war allemal besser. Sauckel war übergeschnappt. Ja, was fällt dem ein?

Folgendes fällt dem ein:

»…oder binde dir mal mit deiner Unterhose die Eier ab, wenn du deine Frau besteigst.«

»Sauckel!«, schrie Nusser hastig, erschreckte sich zugleich für die zu laute Vorgehensweise. Falls sie welche in ihren Verstecken aufspüren wollten, sollten diese nicht mit lauten Wortfahnen zur Flucht aufgefordert werden. Dennoch wollte er Sauckel zur Räson bringen. Leiser fuhr er fort: »Sauckel, ich möchte Sie daran erinnern, dass wir hier im Namen des Führers eine Mission …«

»Fresse, Nusser. Der Führer ist dir so egal wie mir. Ärsche sollen gerettet werden, und zwar in erste Linie meiner, Nusser. Das hier sitze ich ab, bis es vorbei ist, dann gehe ich heim und werde Feste feiern, die auf nackter Haut und in Champagnerbädern stattfinden werden. Übrigens, mit Flaschen kann man im Grunde immer interessantes Zeug ausprobieren. Du kannst die leicht in Öffnungen einführen, das bringt zusätzlich Spaß.«

Nusser wandte sich ekelerregt ab und schritt mit klirrendem Gewehr davon. An seinen Hinterkopf prallten weitere Sexualpraktiken aus Sauckels Schmutzmund, mit denen Nusser sein frommes Gehabe ablegen sollte. Zum Beispiel könnte er eine Melone drei Finger breit aushöhlen, sofern er irgendwoher eine Melone bekomme, und sich darin reiben oder bei Lady Lydia am Bahnhof sich saftig auspeitschen lassen, zusammen mit der flexiblen Rumänin Daria, welche niedliche Beißspuren in der Haut hinterließ, so wahr er »Saukerl« heiße. Oder er solle auf alle Fälle heute Abend mit ihm kommen, er erwarte eine Dame, welche sehr dünn und von leichtem Gewicht sei. Sie könnten sich die Frau zuschmeißen, nackt versteht sich, bevor sie sich von ihr eine Nachwettkampfsmassage verpassen ließen. Das sei Leibesertüchtigung, schrie ihm Sauckel hinterher.

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Die Tänzer mit den zwei Stöcken

Ignaz Buchmann trat aus dem Haus, das ihn gestern wie ein dunkler Schlund verschluckt hatte. Blinzelnd erreichte er die Straße. Euphorisch und im Wissen, ein perfekter Flüchtling zu sein, erwartete er einen guten Tag. Er war weiter im Geschäft. Er würde finden, was er suchte. Den Mann namens Krupp. Nichts anderes hatte er im Sinn. Besessen davon, bekam er vom Krieg nur insofern etwas mit, dass er von ihm nicht heimgeholt werden wollte.

»Ah. Ein Schuh.« Ignaz nahm ihn auf, erkannte sofort, dass es sich um den Schuh von gestern Nacht handelte. Ein Damenschuh dazu. Er ließ ihn achtlos fallen. Er wollte Schuhe haben, weil er sie brauchte. Mit Schuhen ist er schneller, logisch, viel schneller. Eine Frage klopfte an seine Schläfen: Was macht denn ein einzelner Damenschuh auf der Straße?

Langsam, als Ignaz den Kopf hob, rollte sich ein seltsames Bild in sein Blickfeld, das er gestern in der Dunkelheit nur mit verschwommenen Konturen hatte erkennen können.

Das Straßenpflaster zeigte quadratische, abgewetzte Steine, die von allerlei Zeugs bedeckt waren, das nicht auf quadratische, abgewetzte Steine gehörte. Textilien. Utensilien des Hausgebrauchs. Taschen und Koffer. Spiegel, Bürsten und Bücher. Haare. Gardinen, Vorhänge und zerschmetterte Holzbretter und Möbel. Die ganze Straße entlang. Wirr und wild verteilt. Ein seltsames Bild. Beängstigend, weil es so sehr fremd erschien.

»Was zum Teufel ist das hier?«

Ein Meer aus Gegenständen. So weit das perplexe Auge reicht. Die Realität, die sich in Ignaz’Pupillen schob, wirkte grotesk. Ein Grund, die Realität zu hinterfragen. Keine Menschenseele auf der Straße, Millionen Fetzen, Textilien, Utensilien, Gegenstände und Dinge wild durcheinandergewürfelt auf dem blanken Pflaster, aber niemand, der dies dort verstreute, suchte oder gar vermisste. Ein Meer aus herrenlosen Sachen. Und drei herrenlose Körper. Ignaz trat einige Meter in deren Richtung. Drei Leichen. Kinder. Gestern hielt er sie für Mäntel. Ignaz verharrte. »Du lieber Gott, was hält dieser Krieg für uns parat?« Er kämpfte mit den Tränen.

Er hob einen Mantel auf und bedeckte damit die drei erschossenen Kinder. Was hatte das nur zu bedeuten? Aber in dieser grauenhaften Zeit nach Bedeutungen zu suchen war sinnlos. Was ihm der Krieg an rücksichtslosem Handeln und unverständlichem Verhalten von Menschen anderen Menschen gegenüber vorspielte, stumpfte einen ab. Ignaz hoffte, die Kinder wären nun im Himmel. Oder in einem Märchen.

Er wandte seinen Kopf und ließ seine Sehkraft die andere Straßenrichtung abtasten. Das gleiche Bild. Überall lagen Gegenstände auf der Straße – Habseligkeiten irgendwelcher verlorenen Seelen.

Hoppla. Da war doch was.

»Da ist doch was«, murmelte Ignaz in das Meer der Dinge hinein. Keine Antwort, logisch. Er war alleine.

Eben nicht.

»Da ist doch wer, oder?«

Am Ende des surrealen Straßenbildes, und das konnte er nur erkennen, weil er seine Sehkraft durch das Verengen der Augenlider um einige Prozente erhöhte, nahm er zwei menschliche Konturen wahr. Personen. Lebende Personen. Er war nicht allein.

Die Tatsache, dass ihn die gespenstische Szenerie vor ihm zutiefst irritierte, sorgte dafür, dass sein Gespür für die eigene Sicherheit löchrig zu werden schien. Sind es gute Menschen oder schlechte? Sozusagen welche, die Antworten auf dieses Verbrechen geben konnten oder welche, die daran beteiligt gewesen waren und ihm, Ignaz, vor Augen führen sollten: Abhauen. Aber in jedem Falle: Vorsicht. Und die verlor er.

Der eine schien starr dazustehen. Der andere, und daraus schloss Ignaz, dass es Menschen waren, bewegte in seltsamer Weise Arme und Beine. Sie vollführten Hüftbewegungen.

»Ein Tänzer?«, dachte Ignaz, als er einen Koffer und einen Hut mit zwei großen Schritten überstieg.

»Der onaniert.«

Eine weitere Fassungslosigkeit stürmte sein Hirn.

Nun vernahm er auch Wortfetzen, die durch die enge Straße zu ihm herüberwehten.

»Rotweinstiefel, Eier, Saukerl.« Das verstand Ignaz. Er verharrte.

Die von ihm aus gesehen linke Person setzte sich in Bewegung. Offenbar wählte sie den Weg in seine Richtung. Die andere zappelte mühsam weiter.

»Melone, Rumänin, Lady Lydia, Nahkampfmassage, auch Leibesertüchtigung.« Weitere Fetzen, die sich durch sein Trommelfell in das Bewusstsein schälten.

Nun verharrten auch die etwa fünfzig Meter entfernten Personen.

Und siehe da, lag es an der Verharrung oder daran, dass der Wind jetzt noch deutlicher in Ignaz’Richtung blies, Folgendes konnte Ignaz sehr gut verstehen:

»Stehen bleiben!«

Ignaz blieb stehen, so wie seine Gedanken zu stehen schienen. In Zeitlupe, so gaukelten es ihm seine Augen vor, bewegten nun die beiden Menschen ihre Extremitäten. Unregelmäßig klapperten deren Schritte über das Pflaster, je nachdem, ob sie auf Steine oder auf Textilien trafen.

Wie bei einer Tanzkür vollführten sie parallel eine weit schwingende Armbewegung, um plötzlich mit zwei Stöcken, das sah er mittlerweile trotz der Zeitlupe oder genau deswegen sehr deutlich, auf ihn zu deuten.

Und so ist es eben, wenn man in einer temporeichen Situation so sehr gefangen scheint, dass man nur noch alles in Zeitlupe sieht – auch das Schicksal hat hier ein Wörtchen mitzureden – es kann einen nur ein akustisches Signal in die Echtzeit zurückholen.

Ein Knall ertönte, der Ignaz mittlerweile vertraut vorkam. Oder sagen wir bekannt, weil was ist an einem Gewehrschuss schon vertrauenerweckend? Die Kugel sang nicht weit entfernt von seinem rechten Ohr das Lied des Ablebens, und so tat er dann doch das, was er schon beim Erkennen der Konturen hätte machen sollen: Abhauen. Explosiv und raubtierartig, und das kam ihm dann nicht mehr wie in Zeitlupe vor. Er drehte seinen Körper um 180 Grad und begab sich in einen Zustand, der mit Verlaub langsam zum Kotzen war. Flucht.

»Stehen bleiben, Jude!«

Mit diesem Satz im Nacken huschte Ignaz um die Ecke, über Brillen, Blusen, Papier und Schuhe hinweg, in eine Gasse, auf der er nochmals sein Tempo zu verschärfen versuchte. Mit nur einem Schuh an den Füßen.

»Jetzt, Nusser, du Arschloch. Jetzt hast du deine Leibesertüchtigung.«

»Schneller, Sauckel. Schneller.«

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Die Suche nach Raffael Krupp

Ignaz Buchmann wusste mittlerweile, wann er zu rennen hatte. Und in diesem Fall ganz besonders. Nicht alleine die Gewehrpatrone machte ihm Beine. Es war eine Kombination. Kombinationen haben eine verstärkende Wirkung, und verstärkende Wirkungen haben oft etwas Beschleunigendes. Also beschleunigte Ignaz, weil er diese Kombination in seinem nun wieder wachen Gehirn zu deuten wusste.

Zum einen war da die Gewehrkugel mit dem Lied.

Zum anderen war da: »Stehen bleiben, Jude!«

»Schneller, Buchmann. Schneller.« Ignaz’ eigene Worte peitschten ihn durch die Straßen. Wie ein Hase schlug er Haken durch die ihm unbekannte Gegend. Links rein. Wohin? Egal. Rechts herum. Wohin? Egal. Immer weiter. Immer weiter weg von den beiden SS-Soldaten, wie er sich nun sicher war.

Mittlerweile hatte er Übung. Die trainierten Muskeln schoben den sehnigen Körper durch die Gassen, die, und das fiel ihm trotz der bedrohlichen Situation auf, frei von jeglichem Menschen war.

Kein Mensch, kein Tier.

Kein Nichts.

Nur er, und jene zwei, die nach seinem Leben trachteten.

Wenigsten hatte er freien Fluchtweg. Nur hier eine Regenrinne, dort eine Mülltonne, da einige zerstörte Holzmöbel, die es zu umkurven galt in diesem vermaledeiten Labyrinth, zudem Kugeln aus zwei Repetiergewehren auszuweichen, die sich hin und wieder durch Regenrinnen oder Mülltonnen bohrten und in Mauerwerken stecken blieben – in diesem vermaledeiten, sich verkleinernden Labyrinth der Aussortierten.

Der Wahnsinn tobte in Europa, in der ganzen Welt. Krieg und Verderben, dem Ignaz laut des staatlichen Dokuments, das ins Haus seiner Familie geflattert war, hätte an der Front beiwohnen müssen. Nie im Leben hätte er freiwillig bei den kriegerischen Blödheiten des geistig verrohten Menschen aus Österreich mitgemacht. Und auch eine Anordnung des Regimes, sich zu melden und fürs deutsche Vaterland zu kämpfen, konnte seine Einstellung nicht umkehren. Von wegen Veränderung und Umbruch, Wirtschaftsaufschwung und Autobahnen. Das Ganze artete in eine böswillige Geschichte aus, deren schreckliches Ende nur zu erahnen war. Den Organisationen des Widerstandes fühlte sich Ignaz zugehörig. Sein früherer Schulfreund Matthäus Trompler sprach ihn einmal nach einem Kirchgang am Sonntag an. Er lobte Ignaz’ Rhetorik und Phantasie, mit der er in jungen Jahren schon sein Umfeld begeistert hatte. Genau diese beiden Substantive wünschte sich Matthäus Trompler für seine zukünftige studentische Verbindung, welche letztlich ebenso wie die Weiße Rose handeln und werkeln sollte. Nur eben nicht in der »Stadt der Bewegung«, sondern in Freising. Ignaz sollte für sie ein Märchen verfassen. Mit einigen Inhalten, welche der Regierung nicht gefallen würden. Die Idee fand Ignaz stark. Zu einer »Bewegung in Freising« kam es nicht. Dafür der Einzugsbefehl.

Das auffordernde Schreiben, in den Kriegsdienst zu treten, kam nicht überraschend, und der Ton war unmissverständlich. Das Einrücken war ein Befehl, dessen Missachtung in Freiheitsstrafe enden würde, wenn nicht sogar in Todesstrafe.

Anderen Männern stand schon der Stellungsbefehl ins Haus. Also wurde es für Ignaz eng. Er flüchtete auf Geheiß des Vaters. Mit der Fahne oder vor der Fahne. Wie man es nennen mag. Er war an dem Abend seines Aufbruchs betrunken, aber mit einem deutlichen Ziel vor Augen. Mit seinem Bruder Aki sollte er in die Alpen. Den Krieg im Bergmassiv aussitzen, in einer Hütte versteckt.

Ignaz Buchmann, wie sein Bruder Aki Schustergeselle bei seinem Vater, insgeheim aber angehender Schriftsteller, zog achtzehnjährig die Konsequenzen und türmte in ein Vorhaben, das ihn letztlich nach zweijähriger Flucht über eine Mauer springen ließ. Mit einem Stechen in der Lunge und einer Idee in der Tasche. Zur Vollendung dieser Idee benötigte er Raffael Krupp, den Buchdrucker.

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