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Grace

Inhaltsverzeichnis

Vorspann: Wie gespiegelt: Die beiden Leben der Grace Kelly

LEBEN UND WERK

Anno 1870 Eine deutsch-irische (Vor-)geschichte

I. DIE ERSTE LEBENSHÄLFTE

1929–1947 Die Jahre im Elternhaus: Eine Kindheit und Jugend in Philadelphia

1947–1951 New York – Freiheit: Theater, Fernsehen und Mode

1951–1956 Hitchcock und Hollywood: Die Elf Filme der Grace Kelly

Fourteen Hours (Vierzehn Stunden, 1951)

High Noon (Zwölf Uhr mittags, 1952)

Mogambo, 1953

Alfred Hitchcock: »Die Leute glauben, ich sei ein Monster«

Dial M for Murder (Bei Anruf Mord, 1954)

Rear Window (Das Fenster zum Hof, 1954)

The Bridges at Toko-Ri (Die Brücken von Toko-Ri, 1954)

The Country Girl (Ein Mädchen vom Lande, 1954)

»The award for Best actress: Grace Kelly for The Country Girl«

Green Fire (Grünes Feuer, 1954)

To Catch a Thief (Über den Dächern von Nizza, 1955)

Die erste Begegnung: An einem Freitag, dem 6. Mai, gegen 16 Uhr

Berühmt, blond, amerikanisch: Marilyn oder Grace?

The Swan (Der Schwan, 1956)

High Society (Die oberen Zehntausend, 1956)

II. DIE ZWEITE LEBENSHÄLFTE

1956–1976 Monaco: ein Fürst, drei Kinder und ein ganz anderes Leben

1962 Der Fall Marnie – und eine Staatskrise

1976–1982 Die letzten Jahre: Zukunftspläne

1979 Ein versuchtes Comeback: Rearranged (1982)

1980 Der Meister geht: Abschied von »Hitch«

Glaube, Liebe, Hoffnung: Katholizismus, astrologie, Skorpionpartys

1982 Annus horribilis

ABSPANN

Gespräch mit Seiner Hoheit Fürst Albert II. von Monaco

ANHANG

Anmerkungen

Zeittafel

Filmographie

Bibliographie

I. Literatur über Grace Kelly

II. Bild- und Fotobände

III. Weitere Sekundärliteratur

Diskographie

Personenregister

Dank

Bildnachweis

Bildteil

Meinen Eltern – in Gedenken
Ursel Wydra & Siegfried Wydra

Märchen erzählen erfundene Geschichten.

Ich dagegen bin echt. Ich existiere.

Wenn man eines Tages mein tatsächliches Leben als Frau erzählte, dann würde man den Menschen erkennen, der ich wirklich bin.

— Grace Kelly1

Nur Grace hätte Grace Kelly erschaffen können. Sie muss das Konzept dafür schon im Kopf gehabt haben.

— John Foreman2

Schon ihr Name – Grace – hätte passender nicht sein können.

— Louis Jourdan3

— VORSPANN

Wie gespiegelt:
Die beiden Leben der Grace Kelly

Grace ist ein schneebedeckter Berg, und wenn der Schnee
schmilzt, entdeckt man darunter einen glühenden Vulkan.

— Alfred Hitchcock4

Das Letzte, was sie gesehen haben mag: der Blick aus dem Auto auf das Fürstentum Monaco. Auf ihr Fürstentum. Auf das azurblaue Meer. Auf dieses gleißend helle Licht.

Dann muss es schlagartig dunkel um sie herum geworden sein.

Es ist der Morgen des 13. September 1982, kurz nach 9.30 Uhr. Es ist ein Montag, ein herrlicher Spätsommertag an der französischen Riviera. Die Sonne strahlt. Eine neue Woche beginnt.

Der Lastwagenfahrer Yves Raimondo5, der hinter dem braunen Rover 3500 die schmale Serpentinenstraße entlangfährt, von La Turbie hoch oben im französischen Hintergebirge hinunter nach Monaco, bemerkt irgendwann, dass die Bremslichter des Wagens vor ihm nicht zu erkennen sind. Bei dieser Geschwindigkeit, bei diesem Gefälle – die roten Bremslichter müssten längst aufleuchten. Plötzlich gerät der Wagen stark ins Schleudern und schrammt nahezu die Felswand, Raimondo, der all dies sieht, hupt daraufhin heftig. Der Wagen fängt sich wieder, vorerst. Es geht weiter stark bergab, und die nächste scharfe Haarnadelkurve ist bereits zu sehen. Noch immer keine Anzeichen, dass der Rover 3500 seine Fahrt verlangsamt und abbremst. Dann muss Yves Raimondo mitansehen, wie der Rover mit voller Fahrt ungebremst über die Kurve hinausrast. Der Wagen stürzt über die Klippe, den steilen Abhang vierzig Meter hinunter und bleibt zwischen Bäumen und Hecken liegen. Ein Blechhaufen, ein Wrack. In diesem braunen Rover befindet sich Grace Kelly.

Mit im Wagen sitzt ihre siebzehnjährige Tochter, Prinzessin Stéphanie, die den Sturz in die Tiefe überlebt, auf der linken Seite aus dem Wagen herauskriecht und herbeieilende Anwohner bittet, Hilfe zu holen: Maman, ihre Mutter, liege im Wagen. Maman – das ist die Fürstin von Monaco.

Erste Autos halten oben an, Menschen laufen umher. Zwei von einem Bauern gerufene Rettungswagen erreichen die Unfallstelle. Grace Kelly liegt quer im Wageninneren, mit dem Kopf nach hinten, den Beinen nach vorne, ein Bein wirkt seltsam verdreht. Ihre Augen sind glasig, sie reagiert nicht, ist offenbar nicht bei Bewusstsein. Auf ihrer Stirn hat sie eine klaffende Wunde. Sie muss von den Rettungsleuten durch das Heck herausgezogen werden und wird daraufhin sofort in einem der beiden Rettungswagen in das nach ihr benannte Krankenhaus, das »Hôpital Princesse Grace«, transportiert. In dem anderen Rettungswagen liegt ihre Tochter. Im Krankenhaus wird Grace Kelly untersucht und schließlich einer vierstündigen Notoperation unterzogen. Es muss zudem dringend eine Computertomographie ihres Kopfes gemacht werden. Der einzige Tomograph innerhalb des Fürstentums befindet sich jedoch nicht in dem hoch oben am Berghang gelegenen Krankenhaus, sondern in der Praxis des Arztes Dr. Mourou, im »Winter Palace« am zentralen Boulevard des Moulins 4, am anderen Ende des Landstriches. So wird die Schwerverletzte dorthin transportiert, und, da die Tragebahre nicht in den engen Aufzug passt, wo man sie hätte senkrecht aufstellen müssen, über das Treppenhaus hoch in das zweite Stockwerk getragen. Kostbare Zeit, die verstreicht. Am Ende werden es geschlagene dreizehn Stunden sein, seit der Unfall passiert ist.

Die Nacht vom 13. auf den 14. September wird eine Nacht der Ungewissheit werden, eine Nacht des Bangens und des Hoffens eines Ehemannes, Fürst Rainier III., und seiner zwei Kinder, Sohn Albert und Tochter Caroline. Das dritte und jüngste, Tochter Stéphanie, weiß von alledem noch nichts, da sie selbst mit schweren Wirbelverletzungen und einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus liegt und Rainier sie dem Schock nicht aussetzen will. Sie wird erst Tage später vom ganzen Ausmaß der Tragödie erfahren, wird erst nach der Beerdigung, in Begleitung der Familie in die Kathedrale St. Nicholas geführt, an die Grabplatte der Mutter.

Anderntags – noch immer wissen weder die Monegassen noch die Weltöffentlichkeit genau, was mit ihrer Fürstin geschehen ist –, teilen die Ärzte Fürst Rainier mit, wie es wirklich um seine Frau steht. Sie war tags zuvor operiert worden. Ihr Brustkasten war geöffnet worden, ebenso ihre Bauchdecke. Die Blutungen im Kopf waren sehr stark. Die Hirnschäden sind anhaltend und schwer. Sie liegt im Koma, aus dem sie nicht mehr aufwachen wird. Seit sechs Uhr morgens ist sie praktisch klinisch tot. Es besteht keinerlei Hoffnung mehr.

Die Familie kommt, um Abschied zu nehmen. Nachdem sich Sohn Albert und Tochter Caroline von ihrer Mutter verabschiedet haben, bleibt Rainier allein bei seiner Frau zurück. Sie haben sechsundzwanzig gemeinsame Jahre hinter sich. Am Mittag schließlich erteilt Rainier den Ärzten die Erlaubnis, die Geräte abzustellen, die seine Frau bisher künstlich am Leben hielten. Es ist eine schwere Entscheidung in einer einsamen Stunde.

Am 14. September 1982 um 22.35 Uhr stirbt die Schauspielerin Grace Kelly, die Fürstin von Monaco, Gracia Patricia, viel zu jung, im Alter von nur zweiundfünfzig Jahren.

Nun erfährt es die Weltöffentlichkeit.

Eine Legende ist geboren.

Der offene Sarg von Gracia Patricia wird in der Schlosskapelle des auf dem Felsen gelegenen Fürstenpalastes von unzähligen Menschen aufgesucht, um einen letzten Blick auf sie werfen zu können. Um Abschied zu nehmen von ihrer Fürstin, ihrer Landesmutter. Abschied auch von der legendären Schauspiel- und Stilikone. Drei Tage wird sie dort aufgebahrt sein. Am 18. September wird der Sarg von der Schlosskapelle in einer Zeremonie mehrere hundert Meter hinüber zur Kathedrale Notre-Dame-Immaculée, Saint Nicholas, getragen, und in regelmäßigem Abstand ist eine Glocke zu hören, die jeweils nur einmal schlägt. Es ist ein Glockenschlag, der durch Mark und Bein geht und sich über den nur langsam vorankommenden Trauerzug legt.

Etwa einhundert Millionen Menschen sitzen weltweit vor den Fernsehbildschirmen – es ist ein in dieser Größenordnung nie dagewesenes mediales Massenereignis.

Unter den achthundert Trauergästen befinden sich Würdenträger aus aller Welt, langjährige Freunde und Teile ihrer Familie aus Philadelphia. Am 21. September schließlich wird Fürstin Gracia Patricia von Monaco im Chor in der Kathedrale beigesetzt. In jener Kathedrale, in der sich Grace Kelly und Fürst Rainier III. sechsundzwanzig Jahre zuvor am 19. April 1956 das Jawort gaben.

Die Monegassen stehen unter Schock, das kleine Fürstentum versinkt geradezu in Trauer. Eine globale Empathie setzt ein, eine phänomenale Welle der Trauer, vergleichbar etwa nur mit jener um John F. Kennedy im November 1963 oder jener um die im August 1997 in Paris bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommene Lady Diana. Und so wie Kennedy und Diana zu Ikonen der Moderne wurden, so wurden es ein James Dean und ein Elvis Presley, eine Marilyn Monroe und eine Romy Schneider. Oder, später, ein Michael Jackson, eine Amy Winehouse, eine Whitney Houston. Ihnen allen ist der allzu frühe Tod gemein. Ihre Legendenwerdung, ihre Ikonisierung ist allein schon dem Umstand geschuldet, nicht alt geworden zu sein, mitten im Leben gestanden zu haben, als es abrupt endete. Ihnen allen ist eine Singularität zu eigen, die sie ausmacht und abhebt von anderen ihrer Generation: Ihr Leben an sich ist ein Ausnahme-Phänomen. So wie das von Grace Kelly.

Für die Millionen anteilnehmenden Menschen ist Grace Kelly wie nur wenige andere »wie eine vollkommene Leinwand gewesen, auf die jeder seinen persönlichen Traum malen konnte«6, wie es einmal ihr langjähriger Freund Don Richardson formuliert.

Die Weltpresse überschlägt sich mit realen und vermeintlichen Neuigkeiten. Wie konnte die Fürstin durch einen schlichten Autounfall ums Leben kommen? Dieses scheinbar so banale, dunkle Ende scheint zu diesem scheinbar so glamourösen, hellen Leben nicht recht zu passen. Und dann musste sie just auf jener Serpentinenroute verunglücken, auf der sie einst, im Jahr 1954, mit gerade einmal vierundzwanzig Jahren, zusammen mit Cary Grant in Alfred Hitchcocks To Catch a Thief (Über den Dächern von Nizza, 1955) entlangfuhr, ebenfalls mit viel zu hoher Geschwindigkeit.

Erste Spekulationen und Gerüchte um den Tod Grace Kellys und die eigentliche Todesursache kommen auf. Gerüchte, die besagen, die noch nicht volljährige siebzehn Jahre junge Stéphanie habe am Steuer gesessen. Gerüchte, die Mutter und ihre aufmüpfige Tochter hätten, wie so oft in letzter Zeit, auch bei der Autofahrt heftigst miteinander gestritten. Gerüchte, Grace habe gar keinen Schlaganfall gehabt, wie es seitens des Fürstenpalastes offiziell hieß, sie sei vielmehr unglücklich gewesen und daher absichtlich über die Klippe der Haarnadelkurve gerast. Gerüchte sogar, ihr Tod sei durch politische Intrigen herbeigeführt worden. Vom hoch spekulativen Charakter all dieser Theorien einmal abgesehen, dürfte Prinzessin Stéphanie bis heute wohl der einzige Mensch sein, der mehr weiß.

Mit dem Tod von Grace Kelly wurde ein Mythos begründet – der Mythos um eine Frau, die mehrere Rollen innehatte und mehrere Leben gelebt hat. Um eine Frau, in deren Leben – das sich in zwei Hälften aufteilt, die beide genau sechsundzwanzigeinhalb Jahre ausmachen – die unfreiwillige Diskrepanz zwischen Schein und Sein stets groß war. Unter dieser Diskrepanz, die nicht zuletzt auch aus ihrer inneren Zerrissenheit, ihrem ausgeprägten Dualismus herrührt, litt sie selbst am meisten.

Sie selbst trat für das authentische Sein ein, war aber oftmals nur vom schönen Schein umgeben. Sie selbst trug einen Kern in sich, dem alles Artifizielle und Aufgesetzte, alles Prätentiöse und Pathetische letztlich nicht entsprach.

Grace Kelly war vor allem eine Frau, deren komplexer Persönlichkeit eine ausgeprägte Ambivalenz innewohnte. Die von Grace Kelly verkörperten Eigenschaften – eine konsequente Haltung, eine makellose, beinahe kühl wirkende Oberfläche auf der einen Seite und eine hohe Emotionalität und Wärme auf der anderen Seite – bieten bis heute eine Identifikationsfläche für Millionen. Nicht umsonst werben auch heute noch Luxushersteller von Uhren, Schmuck und edlen Füllfederhaltern mit ihr. Zu den berühmtesten Artikeln, die sogar den Namen der Schauspielerin tragen, gehört die sogenannte Kelly Bag.

Als Grace sich 1956 einmal in der Öffentlichkeit eine Handtasche von Hermès – eine ihrer seit jeher bevorzugten Marken – vor ihren Bauch hält, um ihre erste Schwangerschaft vor den Paparazzi zu kaschieren, wird just dieser Moment von einem Pressefotografen festgehalten und im Life Magazine umgehend publiziert: Seither trägt – mit dem Einverständnis des Palastes – die Kelly Bag von Hermès ihren Namen.

Etwa 1935 von Robert Dumas-Hermès für das 1837 gegründete Luxus-Modehaus Hermès entworfen und seinerzeit schlicht »le petit sac haut à courroies« (die kleine Tasche mit Trageriemen) benannt, firmiert einundzwanzig Jahre später eines der eleganten Leder-Handtaschen-Modelle – welches über die Jahrzehnte auch zunehmende Variationen in Design und Farbe und Preis erfährt – des Hauses seit 1956 als eigenständige Serie schließlich unter dem Namen der Aktrice und Fürstin. Die Kelly Bag ist eine Tasche, deren Stil die Verbindung aus Schlichtheit und Noblesse ausmacht. So wie jener seiner Namensgeberin.

Es ist ein Stil vollkommener Zeitlosigkeit und Generationen überdauernder Modernität.

Grace Kelly – das ihren übermächtigen Vater so sehr verehrende fragile Mädchen aus dem amerikanischen Philadelphia, die ätherische Schauspielerin aus Hollywood, die klassische Modeund Stilikone aus New York und Paris, die hilfsbereite Fürstin aus Monaco – hat ihr Leben lang stets innere wie äußere Haltung bewahrt. Um sich selbst nicht zu verlieren, um andere nicht zu belasten. Vielleicht auch, um manchmal eine andere sein zu können.

Darin ist sich Grace Kelly treu geblieben. Und ist postum zur zeitlosen Erscheinung avanciert, zur stilvollen Frau mit Vorbildfunktion. Zu einer Frau, die von innerer und äußerer Klasse zeugt. Trotz ihrer inneren Brüche.

Sie hatte diese innere Stärke, diese Fähigkeit, ganz für
sich zu stehen und an ihren Überzeugungen festzuhalten,
aber gleichzeitig reagierte sie unglaublich sensibel auf ihre
Umwelt, auf andere Leute, ihre Nöte oder Belastungen.
Sie versuchte, den Menschen auf ganz aufrichtige Weise
zu helfen. Und natürlich auch ihren Freunden, wenn
die Probleme im Leben hatten. Sie besaß eine große
Einfühlsamkeit, ein sehr liebevolles Wesen.

— Seine Hoheit Fürst Albert II. von Monaco über seine Mutter7

— LEBEN UND WERK

Anno 1870
Eine deutsch-irische (Vor-)geschichte

We were German girls.

— Grace Kellys ältere Schwester Peggy8

Die Geschichte der Vorfahren jener Frau, die viel später einmal, in den glanzvollen fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, zu einer der meistbewunderten Schauspielerinnen und schließlich zur Fürstin von Monaco avanciert, reicht weit zurück. Es ist nicht nur die amerikanische Geschichte eines blonden, zerbrechlich anmutenden Mädchens aus Philadelphia, das einmal einen Prinzen aus Monaco heiraten wird. Es ist nicht nur diese ganz reale Verwirklichung des American Dream, den Millionen von Menschen mit dieser Frau mitträumen. Es ist – in ihren Ursprüngen – auch eine deutsch-irische Geschichte.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts taucht im südhessischen Odenwald der Familienname Berg erstmals nachweisbar in den Annalen auf. Da gibt es einen gewissen Johann Berg, in den 1650er Jahren geboren, um das Jahr 1731 gestorben. Ihm folgen bis zur Jahrhundertwende des 19. zum 20. Jahrhundert viele Bergs, zwei Frauen mit Namen Margaretha sind darunter, die eine 1688 geboren, die andere 1742, und auch zwei Männer mit Vornamen Johann Georg, die hie und da auch Johann Georg I. und Johann Georg II. genannt werden. Die Linie lässt sich genealogisch weiter verfolgen von den 1650er Jahren bis in das späte 19. Jahrhundert hinein, in dem die Vorgeschichte, die es hier zu erzählen gilt, beginnt.9

Die Bergs leben in kleinen Ortschaften im Umkreis des nahegelegenen Odenwaldes – in Heppenheim, in Sonderbach, in Wald-Erlenbach oder in Erbach. Ihre Ursprünge hat die Familiengeschichte Grace Kellys auf deutscher Seite hälftig direkt im hessischen Heppenheim an der Bergstraße.

Heppenheim war in der Zeit, in der Grace Kellys deutsche Großmutter Margaretha Berg hier lebte, ein kleines, vielleicht auch etwas trostloses Nest. Ein kleiner Ort, überwiegend von Landwirtschaft und Handwerk geprägt. Auch ein wenig Industrie gab es, Steinindustrie, ein Tonwerk, und, ermöglicht durch lokalen Tabakanbau, Tabakindustrie. So gab es in Heppenheim etwa mehrere Zigarrenfabriken. Jedoch war vor allem die Lage des Ortes am Berghang das Kapital Heppenheims. Landschaftlich schön gelegen, jedoch von wirtschaftlichem Reichtum weit entfernt. Und so war man eher darauf bedacht, die alte, an das 19.  Jahrhundert gemahnende Industrie, kleingewerblich und handwerklich, zu betreiben und zu erhalten, als eine neuere, moderne, die das 20. Jahrhundert mit sich brachte. In und um Heppenheim sollte es keine qualmenden Schornsteine geben, war man doch bemüht, Leute mit Geld anzuziehen.

Heppenheim, auch heute mit seinen gut 25 000 Einwohnern die letzte Kleinstadt an der Grenze der Bundesländer Hessen und Baden-Württemberg, zugleich auch Kreisstadt, galt zu jener Zeit als eine Art südhessischer Annex des Großherzogtums. Es war ein Gebiet, das katholisch bestimmt und im Grunde Mainzer Gebiet war. Mit der Zuwanderung von sozial bessergestellten Protestanten machte sich bei den Einwohnern das Gefühl einer »Fremdbesatzung« breit, das relativ lange Zeit anhielt.10

So herrschte eine gewisse Spannung zwischen den Ortsansässigen und den Hinzugezogenen der besseren Gesellschaft, die sich primär in den Villengebieten am Maiberg niederließ. Man lebte nebeneinanderher, blieb konfessionell unter sich. Die Katholiken stellten seinerzeit zwar den Großteil der ansässigen Bevölkerung, waren jedoch in den einfacheren Berufen anzutreffen; während die Protestanten etwa aus dem größeren, überwiegend evangelischen Darmstadt, das zu jener Zeit bereits zehnmal so viele Einwohner wie Heppenheim hatte, nun die Schuldirektoren und andere verantwortliche Ämter bekleideten. Es bildete sich eine Mehrklassengesellschaft aus, und die Angehörigen der oberen Klasse trafen sich beim Stammtisch im prominentesten Haus am Platz, »Zum Halben Mond«. Jene Einwohner, die seit diversen Generationen ihre kleinen Läden betrieben, gehörten nicht dazu.11

Ein wenig erinnert dies an die Situation in Philadelphia, wo später die Familie der Majer-Kellys lebt und dort wiederum als zugereiste Katholiken deutsch-irischer Herkunft einer Minorität angehört, der es schwergemacht wird, wirklich anzukommen. Das katholische Element, das sowohl in ihren deutschen als auch in ihren irischen Wurzeln liegt und sich später im sehr katholischen, dem Vatikan eng verbundenen Monaco weiter fortsetzen wird, wird Grace Kelly ihr Leben lang begleiten – es ist ihr Halt und Last, Segen und Fluch zugleich. Doch diese Geschichte beginnt erst später.

Grace Kellys deutsche Großmutter mütterlicherseits, Margaretha Berg, kommt im Vorfeld historischer Ereignisse an einem Sonntag, »im Jahre Christe 1870, den 10. Juli vormittags um ½ 10 Uhr«12 in Heppenheim zur Welt. So steht es im Taufregister geschrieben. »An diesem Sonntag gaben die Heppenheimer Vereine ›Liderzweig‹ und der ›Instrumentalverein‹ zu Gunsten des hiesigen Verschönerungsvereins im Gasthofe ›Zum Halben Mond‹ ein grosses Konzert.«13 Nur fünf Tage nach Margarethas Geburt, am 15. Juli 1870, bricht der Krieg mit dem Nachbarland Frankreich aus. Getauft wird das Kind laut eines »Auszugs aus dem Taufregister des Jahres 1870 des röm.-kath. Pfarramtes von Heppenheim«14 zehn Tage nach der Geburt, am 20. Juli.

Noch heute steht ihr Geburtshaus mit der Hausnummer 8 (eine am Haus angebrachte Tafel weist darauf hin) am Großen Markt, im historischen Zentrum dieser beschaulichen Kleinstadt. 1869 erwarben Georg Berg II. und seine Ehefrau Elisabetha das zweistöckige, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erbaute Haus mit Stall. Der Große Markt mit dem Marienbrunnen in der Mitte besteht auch heute aus einem Rondell restaurierter hessischer Fachwerkhäuser, alle weiß getüncht und entweder mit rotem oder braunem Fachwerk versehen. Eines davon ist das Haus der Bergs, ein anderes, auch heute noch, das Rathaus mit seinem Glockenturm. Der Große Markt liegt auf einer Anhöhe, etwas oberhalb des Städtchens. Direkt hinter dem Haus der Bergs ist der Schlossberg zu sehen, auf dem hoch oben die Überreste der mittelalterlichen, im 11. Jahrhundert – etwa um 1065 herum – erbauten Starkenburg thronen. Eigentlich ein Postkartenidyll.

Margaretha ist die Tochter des angehenden Sattlermeisters, Spritzereihändlers und Tapezierers Georg Berg II., geboren am 17.  Oktober 1841 in Erbach bei Heppenheim, und seiner Frau Elisabetha Röhrig, die am 23.  Januar 1843 in Sonderbach bei Heppenheim zur Welt kam (Erbach und Sonderbach zählen, wie andere damalige umliegende Ortschaften auch, heute zu den eingemeindeten Stadtteilen Heppenheims). Sie heiraten am 28. Juli 1868 in Heppenheim, und nur zwei Tage später eröffnet Georg Berg »ein Sattlergeschäft, ohne Laden. Er meldete ferner ein Krämergewerbe an, eine Branntweinzapferei über die Strasse, Tapezierer ohne Niederlage und einen Salzverkauf«.15

In diesen siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wächst die katholisch getaufte und erzogene Margaretha zusammen mit dreizehn Geschwistern in dem Haus am Großen Markt auf. 1884 beendet sie die Schule, da ist sie vierzehn Jahre alt. Vierzehn Geschwister – Margaretha ist nach dem erstgeborenen Bruder Georg Nikolaus Berg die Zweitälteste im Verbund –, da geht der Einzelne in seiner Individualität unter, wenn er in diesem beengenden familiären Verband bleibt, wo kein Raum, kein Platz ist.

Doch die junge, ledige Margaretha bleibt nicht hier, in dieser Fünftausend-Seelen-Gemeinde, wo die persönliche Entwicklung allzu eingegrenzt erscheint, wo der Horizont tatsächlich droben am Schlossberg bei den Weinhängen aufhört. Sie bricht aus dieser Enge aus, verlässt im Jahre 1890 die hessische Heimat und gibt ihre geographischen Wurzeln auf: Margaretha ist zwanzig, als sie nach Amerika auswandert, in dieses große, weite, unendlich ferne Land.

Zwei ihrer dreizehn Geschwister werden es ihr gleichtun, die jüngeren Brüder Franz und Philipp Berg.16 Es ist nicht überliefert, ob sie die lange Reise zu dritt antreten oder ob Margaretha unabhängig von ihren beiden Brüdern reist. Familien unternehmen zu dieser Zeit Ortswechsel oder gar Auswanderungen gemeinsam, im Verband. Doch da ihr Bruder Franz, geboren im Februar 1879, zu jenem Zeitpunkt erst elf Jahre alt ist, und ihr Bruder Philipp, geboren im Mai 1881, gar erst neun, ist es wahrscheinlich, dass sie sich über einen der damals üblichen Auswanderungsagenten einer Gruppe aus der Region anschloss.

Etwa ab den 1870er Jahren war das Auswandern in der Großregion beinahe schon etwas Normales.17 So gab es auch im beschaulichen Heppenheim jene sogenannten Auswanderungsagenten, die im Zweifelsfall die entsprechenden Schiffspassagen und Anreisen organisierten. Ihre Dienste annoncierten diese Agenten und Schifffahrtslinien sogar öffentlich in der lokalen Zeitung, mit einem Schiffchen im Emblem. Es gab demnach einen regelmäßigen Strom von legalen Auswanderern, die ihr Hab und Gut veräußerten, um in den Besitz der für Provision und Überfahrt notwendigen Menge Bargeld zu gelangen.

Nur wenige Jahrzehnte früher, noch in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, war es durchaus üblich gewesen, seine Heimat auf illegale Weise zu verlassen und gewissermaßen bei Nacht und Nebel zu verschwinden. Eine teils katastrophale wirtschaftliche Situation oder persönliche Schulden konnten auf diese Weise einfach zurückgelassen werden.

Eine Reise in jener Epoche – zumal vom alten Europa ins neue Gelobte Land Amerika – bedeutete, mehrere Wochen unterwegs zu sein, nur mit dem allernötigsten Gepäck und oft ungewissem Ausgang. Es galt, zunächst einmal aus dem südhessischen Heppenheim an eine der Küstenstädte mit Hafen zu gelangen, indem man über den Rhein in die Niederlande oder nach Belgien gelangte und schließlich, etwa von Rotterdam aus, die Überseepassage antrat. Die großen Dampfer Richtung Amerika kommen auch zu dieser Zeit schon im Hafen von New York an. Jene Einwanderer, die nicht direkt in New York bleiben, erreichen ihr ersehntes Endziel mit der Eisenbahn.

Margaretha Berg lässt sich in ihrem Reisejahr 1890 schließlich in der Stadt Philadelphia im Bundesstaat Pennsylvania nieder. Unter den Einwanderern sind neben Italienern besonders viele Deutsche, und so kommt es nicht von ungefähr, dass ein Stadtviertel Philadelphias seinerzeit früh schon Germantown genannt wird und noch heute so heißt. Südlich von Germantown schließt sich East Falls an, ein weiteres Viertel, das zur neuen Heimat der Immigranten wird – dort wird die Familie der Kellys einmal in der 3901 Henry Avenue, die direkt an der Philadelphia University vorbeiführt, ab den 1920er Jahren ihr Zuhause finden.

Margarethas Eltern bleiben in Heppenheim zurück. Sie verlassen den Ort nicht mehr, bleiben bis an ihr Lebensende in ihrer Heimat. Ihre Mutter, Elisabetha Röhrig, stirbt schon im März 1886 in Heppenheim, dreiundvierzigjährig; ihr Vater Georg Berg wenige Jahre nach der Jahrhundertwende, im August des Jahres 1908, im Alter von immerhin sechsundsechzig Jahren.

Als Grace Kelly im April 1956 Fürst Rainier III. von Monaco heiratet, möchte man dem Hofe auch aus der kleinen Geburtsstadt ihrer Großmutter ein adäquates, möglichst persönlich gehaltenes Präsent zukommen lassen. Der damals amtierende, parteilose Bürgermeister Wilhelm Metzendorf lässt ein Geschenk anfertigen und nach Monaco entsenden, mit persönlicher Übergabe durch den Chef des Protokolls des Bonner Auswärtigen Amtes, Herrn Dr. Mohr – es ist ein schweres Album über die Stadt Heppenheim und ihre über 1200-jährige Historie, mit Schwarzweißfotos sowie einem originalen Merianstich aus dem Jahre 1645, eingebunden in rotes Leder, versehen mit goldenen Streifen, in einem Samtschuber. Noch heute befindet sich von dem Album ein originalgetreu angefertigtes Duplikat im Stadtarchiv der südhessischen Kreisstadt an der Bergstraße.

Herr Dr. Mohr liefert nach der Übergabe des Präsents an den Fürstenpalast schließlich am 2.  Mai 1956 einen schriftlichen Rapport an den Herrn Bürgermeister, in dem es unter anderem heißt: »(…) Miss Kelly war über das beziehungsreiche Geschenk hocherfreut. Wie ich in einem anschließenden Gespräch mit den Eltern von Miss Kelly feststellte, hatten diese ursprünglich die Absicht gehabt, in diesem Jahr Deutschland und dabei auch Heppenheim mit ihrer Familie zu besuchen, konnten dies Vorhaben aber wegen der Hochzeit von Miss Grace mit Fürst Rainier nicht durchführen. Sie wollen die Reise jedoch im kommenden Jahr nachholen.«18

Knapp zwei Jahre nach der Hochzeit, es ist die letzte Februarwoche des Jahres 1958, besucht Margaret Majer-Kelly schließlich ohne ihren Mann Heppenheim. Sie war zuvor lediglich einmal hier gewesen, im Jahre 1914, zusammen mit ihrer Mutter Margaretha Berg. Damals war es ein Besuch von nur kurzer Dauer, am Vorabend des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Der Besuch muss daraufhin kurzerhand abrupt abgebrochen werden, Mutter und Tochter müssen Deutschland umgehend verlassen und nach Amerika zurückreisen.

Was muss das für Margaretha Berg für ein Gefühl gewesen sein – nach beinahe einem Vierteljahrhundert seit ihrer Auswanderung im Jahre 1890 nun wieder in ihrer deutschen Heimatstadt zu sein und, im Alter von vierundvierzig Jahren, vor ihrem Geburtshaus am Großen Markt 8 zu stehen. Dieses Mal nun, in diesem Februar 1958, ist mehr Zeit, und Grace Kellys Mutter, am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen gelandet, wird von einer Heppenheimer Delegation begrüßt und »mit einigen Flaschen edlen Weins überrascht«.19

»In Heppenheim wandelte Frau Kelly, die noch außerordentlich frisch und jugendlich wirkt, auf den Spuren ihrer Ahnen.«20 Sie sieht sich den Ort ihrer Familie sowie die Umgebung genauer an – vom großen Sitzungssaal im ersten Stock des Rathauses blickt sie von oben auf den Marktplatz und kann rechterhand direkt das Geburtshaus ihrer Mutter Margaretha sehen, das Eckhaus an der Einmündung zur Mühlgasse. Stets begleitet von Madame Cornet, der Gattin des damaligen monegassischen Pressechefs, besucht sie die Freilichtbühne auf der Kappel und unternimmt einen Ausflug auf die Starkenburg oben auf dem Schlossberg, es gibt ein Essen im Winzerkeller und einen Spaziergang durch die Altstadt. Auf alten Schwarzweißfotos ist zu sehen, wie sie vor dem Geburtshaus ihrer Mutter steht, wie sie das Rathaus besucht, mit Blumenstrauß beschenkt und zumeist begleitet vom Herrn Bürgermeister Metzendorf höchstselbst.

Ein findiger Lokaljournalist stellt fest, dass Margaret Majer-Kelly während ihres Deutschlandbesuchs ein goldenes Armband trägt, an dem sich acht goldene Anhänger befinden, die mit Edelsteinen besetzt sind – einer der Anhänger trägt eine kleine Krone. Die Anhänger stehen für Margaret Kellys Enkelkinder, deren Namen und Geburtsdaten auf der Rückseite eingraviert sind. Jener mit der Krone gilt Grace Kellys Erstgeborener, Tochter Caroline, geboren am 23.  Januar 1957. Ein neunter Anhänger sei in diesen Februartagen bereits bestellt, wieder mit einer kleinen Krone, werde doch für März die Geburt eines weiteren Enkels erwartet. Es wird Grace Kellys zweites Kind sein, Prinz Albert, der am 14. März 1958 in Monaco zur Welt kommt.21

»Zum Abschied sagte Frau Kelly in fließendem Deutsch – sie bezeichnet es allerdings bescheiden und ungerechtfertigterweise als ›Hausfrauendeutsch‹: ›Bei diesem Besuch ist es mir manchmal vorgekommen, als ob die Zeit stehengeblieben wäre, denn hier ist noch etwas von jenem Deutschland zu spüren, so wie es in der ›guten, alten Zeit‹ meiner Mutter vielleicht gewesen war. Und dem Prinzenpaar werde ich ausrichten, daß es sich lohnt, nach Deutschland und besonders hierher zu fahren.‹«22

Margaret Majer-Kelly reist im Rahmen ihres mehrtägigen Deutschlandbesuchs nach der ausführlichen Besichtigung des Geburtsorts ihrer Mutter weiter nach Konstanz und Immenstaad, zum Geburtsort ihres Vaters Carl Majer.

Einundvierzig Jahre später, es ist der 26. Mai 1999, stattet Prinz Albert Heppenheim einen Besuch ab und besichtigt das Geburtshaus seiner Urgroßmutter.

Keine sieben Jahre vor Margaretha Bergs Geburt beginnt ein anderes junges Leben: Carl Majer wird am 11. Dezember 1863 in Immenstaad am Bodensee geboren und evangelisch getauft. Seine Eltern sind Johann Christian Karl Majer und Luise Wilhelmine Mathilde Adam. Die Familie lebt zu dieser Zeit auf Schloss Helmsdorf am Bodensee, welches sein Vater Johann Christian Karl Majer im Mai des Jahres 1860 für 25 000 Gulden erworben hatte. Der Vater ist seither Gutsherr auf Schloss Helmsdorf und später Weinhändler in Immenstaad und Konstanz, nachdem er das Gut 1872 verschuldet wieder hatte verkaufen müssen. Beide Eltern von Carl stammen ursprünglich aus Tübingen, wo sie beide im Jahre 1837 geboren wurden und 1860 heirateten.

Der junge Carl Majer, dessen ältere Geschwister Emil 1861 und Frieda 1862 im jährlichen Abstand von ein respektive zwei Jahren vor ihm geboren wurden, wächst hier auf, direkt am See, einige hundert Kilometer südwestlich von Heppenheim, wo sechseinhalb Jahre später Margaretha zur Welt kommt, seine zukünftige Frau.

Auch Carl wandert zusammen mit seiner Mutter Luise von Deutschland nach Amerika aus. Und auch er lässt sich dort für immer nieder. Sie folgen Carls Vater Johann Karl Majer, der ihnen vorausreist. Überliefert ist, dass Vater Majer am 27.  April 1888 in Fredericksburg stirbt. Carls Mutter Luise stirbt sechzehn Jahre später, am zweiten Weihnachtsfeiertag 1904 in New York.

Hier, in Philadelphia, lernen sie sich schließlich kennen, die junge Margaretha aus Heppenheim und der junge Carl aus Immenstaad. Hier, wo nicht wenige Deutsche eine neue Heimat gefunden haben. Eine Heimat allerdings, in der der Respekt gegenüber den Einwanderern aus der alten Welt nicht unbedingt der größte ist. Am 22. Januar 1896 heiraten Margaretha und Carl in der St. Paul’s Church in Philadelphia, die Eheschließung erfolgt nach lutherisch-protestantischem Ritus. Fortan leben die Majers im Norden der Stadt, dort, wo sich Teile der mittelständischen Bevölkerung ansiedeln.

Drei Kinder werden sie in den darauffolgenden Jahren bekommen: Der Erstgeborene ist Sohn Carl Titus, der fast auf den Tag genau zum ersten Hochzeitstag zur Welt kommt, am 24. Januar 1897. Knapp zwei Jahre später, auch sie wird ein Winterkind sein, kommt Grace Kellys Mutter Margaret Katherine Majer in Philadelphia zur Welt, am 13. Dezember 1898 (in verschiedenen Publikationen wird auch das Geburtsjahr 1899 angegeben, was jedoch unzutreffend ist23). Das letzte Kind ist Sohn Bruno Majer, der zur Jahrhundertwende geboren wird.

Carl Majer stirbt 1922, so dass Grace Kelly ihren Großvater mütterlicherseits nie kennenlernte. Wohl aber ihre deutsche Großmutter, Margaretha aus Heppenheim. Sie wird als »eine rundliche, fröhliche, kräftige Frau«24 beschrieben, von ihren Kelly-Enkeln stets als »Großmutter« angesprochen. Margaretha Berg stirbt im Alter von neunundsiebzig Jahren 1949 in Philadelphia. Da ist ihre Enkelin Grace zwanzig Jahre jung.

Grace Kellys Vater John Brendan Kelly wird am 4. Oktober 1889 in Philadelphia geboren (immer wieder wird auch der 10. April desselben Jahres 1889 als Geburtsdatum angeführt, der 4. Oktober ist jedoch das wahrscheinlichere Datum25). John ist das letzte und jüngste von insgesamt zehn Kindern – sechs Jungen und vier Mädchen – des irischen Immigrantenpaares John Henry Kelly und Mary Ann Costello.

Kennengelernt haben sich John B. Kellys Eltern, die beide aus der irischen Grafschaft Mayo stammen, erst in Amerika, in Rutland, Vermont, wo John Henry und Mary Ann denn auch 1869, ein Jahr nach beider Überfahrt, heiraten. Sie ist gerade einmal siebzehn Jahre jung, er ist fünf Jahre älter. Auf der Suche nach Arbeit müssen die Kellys mehrfach umsiedeln, eine ihrer Stationen ist Mineville, New York. Durch die Vermittlung einer Cousine Mary Anns gelangen die Kellys schließlich im Jahre 1873 nach Philadelphia, Pennsylvania. Als sie sich dort niederlassen, wird der Grundstein zu einer Familiengeschichte gelegt, die Züge einer Saga trägt.

Es ist das Irland der zweiten Hälfte des 19.  Jahrhunderts, in den 1850er und 1860er Jahren in der irischen Grafschaft Mayo im Nordwesten des Landes, in der John B. Kellys Vater John Henry Kelly aufwächst. County Mayo, Teil der Provinz Connaught, liegt einige wenige Kilometer von der westlichen Atlantikküste entfernt. Es ist eine Landschaft, die von vielen Seen durchzogen ist. Hier, nahe Newport, wird John Henry Kelly im Jahre 1847 geboren. Die Kellys von der in Drumilra gelegenen Farm arbeiten als Bauern, ihr Leben ist hart und von äußerster Armut geprägt. Drumilra, das ist ihr Landfleck, mit einem Wohnhaus und zwei Nebengebäuden.

Die fünfziger und sechziger Jahre dieses Jahrhunderts sind neben Rivalitäten mit und Aufständen gegen die britische Oberherrschaft insbesondere auch von für die irischen Bauern katastrophalen Missernten, Kartoffelmangel und Hungersnot geprägt, die binnen weniger Jahrzehnte dazu führen, dass sich die Bevölkerung Mayos nahezu um ein Drittel verringert. Es mögen vor allem diese beiden Beweggründe sein, die John H. Kelly als dem vierten von fünf Kelly-Brüdern dazu bewegen, schließlich im Jahre 1868 die Überfahrt gen Amerika zu unternehmen.

Als John Henry Kelly schließlich ausgerechnet in der Textilfabrik der aus England eingewanderten Dobsons Arbeit findet, muss dies auf ihn wie die bittere Ironie des Schicksals gewirkt haben, war seine Familie doch aufgrund der englischen Vorherrschaft und Unterdrückung aus Irland ausgewandert. Hier, in Dobsons Textilfabrik, so will es der Zufall, arbeiten auch Carl Titus und Bruno Majer, die beiden Brüder von Margaret, die einmal die Onkel mütterlicherseits der kleinen Grace sein werden. Hier berühren sich die Lebenspfade der deutschen Majers und der irischen Kellys erstmals.

Im »Philadelphia Athletic and Social Club« – einer Art Turngemeinde, einem Sportverein an der Kreuzung der Columbus Avenue und der Broad Street – begegnen sich Margaret Majer und John Kelly zum ersten Mal. Sie sind beide Schwimmer. Sie ist vierzehn. Er ist dreiundzwanzig. Es liegt also ein knappes Jahrzehnt zwischen ihnen.

Margaret ist ein schönes Mädchen, sie ist blond, hat blaue Augen und eine sportliche Figur. In den kommenden Jahren wird die junge energiegeladene Frau mit dem ausdrucksstarken Gesicht, dem breiten Kieferknochen und ihrer gesunden, athletischen Natur als Covergirl die Titelseiten von US-Zeitschriften zieren, darunter etwa jener von The Country Gentleman. Sie wird nach einer zweijährigen Ausbildung an der Temple University ihr Diplom als Sport- und Schwimmlehrerin machen und schließlich als erste Frau überhaupt an der University of Pennsylvania als Dozentin für Leibesübungen unterrichten. Sie wird nach zehn Jahren den erfolgreichen Olympiasportler, Schwimmer und Bauunternehmer Jack Kelly heiraten und vier Kinder in die Welt setzen, die sie diszipliniert und streng erzieht. Ein insbesondere hinsichtlich ihrer Ausbildung und eigenen Lehrtätigkeit für diese Zeit durchaus ungewöhnlicher Weg einer Frau, zumal für die Tochter einer Immigrantenfamilie.

Margaret Majer ist eine willensstarke attraktive junge Frau, die weiß, was sie will – und die bekommt, was sie will. Beruflich wie privat. Eine Haltung, die sie an ihre Kinder weitergeben wird. Auch an Tochter Grace.

Grace Kellys Sohn, Fürst Albert II. von Monaco, erinnert sich an seine deutsche Großmutter: »Ich erinnere mich sehr gut an sie. Ich war sogar einer der Letzten aus der Familie, der sie noch gesehen hat. Sie war in einem Seniorenheim, da habe ich sie noch einmal besucht, kurz bevor sie starb. Da konnte sie schon nicht mehr sprechen. Aber sie war eine unglaubliche Frau, sehr stark, und uns Kindern ließ sie absolut nichts durchgehen. No Nonsense. Wir haben sie fast jeden Sommer besucht. Sie hat uns immer sehr herzlich empfangen, hat für uns gekocht und war für uns da, aber sie legte auch großen Wert auf Disziplin …«26

»Ich hatte eine gute, strenge, deutsche Erziehung. Meine Eltern glaubten sehr an Disziplin und ich genauso – keine Tyrannei oder so etwas Ähnliches, aber doch eine gewisse Festigkeit«27, beschreibt Margaret Kelly selbst einmal die wesentlichen Charakteristika ihrer Herkunft.

Und Robert Dornhelm, Regisseur und langjähriger Freund Grace Kellys, erzählt, hieran anknüpfend, ihre Mutter sei »eine gute, so eine typisch strenge Deutsche, ordentlich, streng, preußisch«28 gewesen. Und weiter: »Graces Mutter habe ich kennengelernt, die hat mich angeschaut und gesagt: ›Wie schauen Sie denn aus?‹ Da habe ich gefragt: ›Wieso?‹ ›Ja, mit solchen Haaren, viel zu lang, so kann man doch nicht herumlaufen.‹ Sofort waren sie ab. Der Vater war auf andere Weise streng. Sie hat es von beiden Seiten ziemlich … (mitbekommen).«29

Graces ältere Schwester Peggy erinnert sich ebenfalls an die Strenge im Elternhaus: »Es war uns nie erlaubt, mit leeren Händen dazusitzen. Wir wussten ganz genau, es wurde von uns erwartet, dass wir stricken. Wir wurden schon mit drei, vier Jahren zum Stricken und zum Häkeln angehalten. Das musste sein, wir waren ja deutsche Mädchen … Es wurde von uns erwartet, und wir mussten es machen.«30

Margaret Kellys Herkunft wird später einmal innerhalb der Kelly-Familie zu Diskussionen führen. Wie auch ihre Sprache, die sie, da im Hause Majer nur Deutsch gesprochen wird, die ersten sechs Jahre ihres Lebens spricht, bis sie schließlich Englisch zu lernen beginnt. Wie gern möchte Margaret Majer daher die ihr so vertraute Muttersprache auch an ihre vier eigenen Kinder weitergeben. Dies zumindest wird ihr letztlich weitgehend versagt. Von ihrem Ehemann, von der Gesellschaft, und nicht zuletzt sogar von ihren eigenen protestierenden Kindern, wie die jüngste, Lizanne, erzählt: »Wir bereiteten ihr solchen Kummer, wenn sie versuchte, uns Deutsch beizubringen. Wir versteckten die Grammatikbücher. Es war die Zeit um den Zweiten Weltkrieg herum, und wir beschwerten uns, wie unpatriotisch das doch sei.«31

»Die meisten Leute in Philadelphia, und auch ich, hatten keine Ahnung, dass Grace Kellys Mutter deutsch war. Ich hatte Freunde in derselben Altersgruppe, deren Eltern ihnen vor dem Gang zur Schule sagten: ›Sprich nicht ein einziges Wort auf Deutsch, nur Englisch, Du kannst hier kein Deutsch sprechen!‹«32, erinnert sich Mary Louise Murray-Johnson, die zu Grace Kellys Zeit in Philadelphia geboren wird, dort aufwächst und bis in das Jahr 1958 auch dort lebt. »Und als eine Freundin von mir doch einmal etwas Deutsch sprach, begannen die anderen Kinder, Steine nach ihr zu werfen. Ich kann daher sehr gut verstehen, warum die Kelly-Familie nicht wollte, dass ihre Kinder draußen Deutsch sprachen. Es war verboten.«33

Das Deutsche und das Irische – die Mutter und der Vater: Die Dualität, die Grace Kellys komplexe Persönlichkeit grundiert, rührt zweifelsohne auch aus den stark ausgeprägten Charakteren ihrer Eltern, sowie deren sehr disparater nationaler und kulturell-sozialer Provenienz. Das deutsche Element mag hierbei tatsächlich für Disziplin, Selbstkontrolle und Ausdauer, für Willenskraft und Arbeitsamkeit, für Bescheidenheit und Sparsamkeit, auch für Verlässlichkeit und Verbindlichkeit stehen; während das irische Element für Dramatik und Humor, Romantik und Naturverbundenheit, für Wildheit und Träumerei steht. Zwei Gegenpole. Margaret Majer und John B. Kelly könnten dies nicht besser verkörpern.

Diese beiden gleichermaßen sowohl konträr als auch komplementär wirkenden Kräfte mögen an Grace ein Leben lang gezerrt haben, in zwei verschiedene Richtungen. Einerseits. Hierin liegt denn auch in Teilen ihre ureigene innere Zerrissenheit begründet. Hieraus rühren ihre zwei Gesichter. Das private und das öffentliche, das offene und das verschlossene, das zugängliche und das schüchterne, das romantische und das disziplinierte, das verträumte und das geordnete.

Andererseits ergänzen sich diese beiden Kräfte nahezu in Perfektion, so kommt in Grace immer wieder das Sanfte, das Zarte, das Weiche, das Sehnsüchtige durch, dieses so ganz andere Gesicht, das sie sehr wohl hat, es nur nicht ins Außen trägt, sondern hinter Haltung und Fassade gut und sicher zu verstecken weiß. Obgleich sie öffentlich ist, als Schauspielerin wie auch als Fürstin, exponiert sie sich nicht, sondern nimmt sich eher zurück. Auch dieser Wesenszug, diese Haltung macht sie zu einer Ausnahme.

Fürst Albert berichtet, dass seine Mutter mit ihm und seinen beiden Schwestern auch etwas Deutsch sprach: »Ja, ein wenig schon. Wissen Sie, sie hat uns das erklärt – meine Großmutter hat natürlich versucht, ihnen Deutsch beizubringen. Aber damals gab es großen Widerstand gegen den Krieg. Und vor allem in den Kriegsjahren herrschte eine ganz andere Haltung. Wahrscheinlich hat sie uns, ihre Kinder – Stéphanie nicht mehr so sehr, obwohl sie auch ein bisschen Deutsch versteht, aber Caroline und mich –, dann doch ermuntert, Deutsch zu sprechen, weil sie selbst es zu früh wieder aufgeben musste. Ich habe also hin und wieder ein paar Worte auf Deutsch zu meiner Großmutter gesagt … Aber sie wollte das eigentlich nicht mehr sprechen, kein einziges Gespräch wollte sie führen. Sicher auch, weil sie mit den Jahren selber etwas aus der Übung gekommen war. Aber manchmal hat sie es eben uns zuliebe noch getan.«34

Bis heute wird die Tatsache, dass die Schauspielerin Grace Kelly, spätere Fürstin Gracia Patricia von Monaco, eine deutsche Mutter hatte, eher vernachlässigt. So hielt man es gerne über die Jahrzehnte, und so nahm sich der mehrheitliche Tenor der US-amerikanischen und englischen Kelly-Biographien auch aus: Es wurde partiell Verfälschendes kolportiert, Simplifizierendes tradiert oder Negierendes aufrechterhalten.

So steht in der ersten Grace-Kelly-Biographie überhaupt, die anlässlich ihrer Hochzeit im Jahr darauf, 1957, in den USA erscheint, zur Herkunft ihrer Mutter de facto lediglich ein einziger knapper Satz: »Mrs. Kelly, eine geborene Margaret Majer aus Philadelphia, hat von ihren deutschen Eltern eine vielseitige Begabung und starke Persönlichkeit geerbt.«35

In der darauffolgenden, ersten etwas umfassenderen US-Biographie von Autorin Gwen Robyns, ebenfalls noch zu Graces Lebzeiten im Jahr 1976 in New York publiziert, ist – nach seitenlangen detailreichen Ausführungen über John B. Kellys irische Provenienz – ähnlich lapidar und knapp zu lesen: »Grace hat von ihrer hübschen Mutter deren gut ausgeprägtes Gesicht geerbt. Hier macht sich der Einfluß der deutschen Vorfahren bemerkbar. Die Familie von Margaret Majer war aus Deutschland eingewandert.«36

Erst 2007 wird in einem US-amerikanischen Buch erstmals überhaupt auf diesen Umstand ein wenig expliziter und kritischer eingegangen: »In den frühen Fünfzigern, eine halbe Dekade nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Mehrheit der Amerikaner die Deutschen nach wie vor als Feind betrachtete, war es für Graces Erfolg entscheidend, dass die Studio-Presseagenten sie als ein All-American Girl irischer Herkunft verkauften – und dabei die Tatsache vollkommen unterdrückten, dass ihr Erbe genauso deutsch wie irisch war.«37

Wird Margaret Majers deutsche Herkunft in wenigen Sätzen marginal erwähnt, so geht dies mitunter mit der durch keinerlei Quellen belegbaren Behauptung einher, ihre Familie stamme angeblich aus Düsseldorf.38

Als Grace und ihre drei Geschwister im Philadelphia der dreißiger und frühen vierziger Jahre aufwachsen, erscheint es ob des sich unheilvoll anbahnenden Weltgeschehens als nicht gerade opportun und ratsam, deutsch zu sein, Deutsch zu sprechen, oder sich zur eigenen deutschen Abstammung zu bekennen.

Im Sommer des fatalen Jahres 1933 – dem Jahr der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten, respektive Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 –, kommt das vierte und letzte Kind der Kellys zur Welt, Lizanne. Und so wird sich Mutter Margaret Majer-Kelly mit ihren wiederholt unternommenen Versuchen, ihre vier Kinder zweisprachig aufzuziehen, nicht wirklich konsequent durchsetzen. Mit der deutschen Sprache will man in diesen schwierigen Zeiten, zumal draußen in Gesellschaft, besser nicht gehört werden. Es ist, als müsse sie, die sie weit fernab ihrer unruhigen Heimat lebt, selbst einen Teil ihrer deutschen Identität verleugnen oder aufgeben. Durchgesetzt hat sich hingegen, dass in der Geschichtsschreibung um die Familie Kelly und insbesondere um die prominente Tochter alles Deutsche nicht nur systematisch marginalisiert, sondern regelrecht weggelassen respektive vollständig negiert wurde.

So konnte sich schließlich weithin das historisch nicht korrekte Bild etablieren, Grace Kelly habe ausschließlich irische Wurzeln.

So ist denn auch später, etwa im Jahr 1947, als sie im Oktober ihr Studium an der New Yorker American Academy of Dramatic Arts aufnimmt, unter dem von der Schule vorgenommenen Eintrag in die Immatrikulationsliste neben anderen Merkmalen wie etwa Alter, Körpergröße, Gewicht und Figur, Haarfarbe und anderes mehr zu lesen: »Nationalität: Amerikanerin irischer Herkunft«.39

Der Kelly-Clan, er gilt als irisch. Über die familiäre Genese der Mutter wird selten ein Wort verloren. Angesichts der bestehenden Querverbindungen – die auch heute in das monegassische Fürstenhaus führen, bis hin zu Fürst Alberts aus Südafrika stammender Gattin Fürstin Charlène und deren familiären Wurzeln (Urgroßvater Gottlieb Wittstock verließ mitsamt Familie im Jahre 1861 Zerrenthin, im heutigen Mecklenburg-Vorpommern gelegen, via Hamburg und wanderte nach Südafrika aus) – ist dieser über Jahrzehnte währende Vorgang sehr erstaunlich.

Es soll noch Jahre dauern, bis sich Margaret und John einander überhaupt annähern. John muss um seine zukünftige Braut zunächst sehr werben. Eine Herausforderung. Denn erst einmal will Margaret Majer nichts von John Brendan Kelly wissen. Eine ungewohnte Erfahrung für den stolzen Frauenschwarm.

Ein Jahrzehnt liegt schließlich zwischen der ersten Begegnung und der Heirat dieser beiden willensstarken Persönlichkeiten. Am 30. Januar 1924 heiraten Margaret und John in ihrer gemeinsamen Heimatstadt Philadelphia, in der römisch-katholischen Kirche St. Bridget’s, im East-Falls-Viertel am Schuylkill River, nachdem Margaret vom Protestantismus – der ihr, gleichwohl ihre hessische Mutter Margaretha Berg katholisch war, von ihrem württembergischen Vater Carl Majer weitergegeben wurde –, zum Katholizismus konvertiert war. Die Familie zieht in das Stadtviertel East Falls, in die längst legendäre 3901 Henry Avenue.

In den ersten neun Jahren ihrer Ehe bekommen sie vier Kinder, nahezu allesamt im Zweijahresrhythmus: Ältestes im Kelly’schen Kinderclan ist »Peggy« (alle drei Mädchen werden mit einem auf einen i-Laut endenden Rufnamen versehen), die eigentlich genau wie die Mutter Margaret Katherine heißt und am 13.  Juni 1925 zur Welt kommt. Der einzige Junge, John Brendan Jr., wiederum genau nach Vater John Brendan Sr. benannt und stets »Kell« gerufen, wird am 24. Mai 1927, geboren.

Ihm folgt am 12. November 1929 Grace – »Gracie« –, die gut dreieinhalb Jahre lang vorerst die Jüngste im Familienbund ist, mit allen damit zunächst verbundenen Vorzügen. Bis schließlich am 25. Juni 1933 Nesthäkchen Elizabeth Anne, stets nur »Lizanne« oder innerhalb der Familie »Lizzie« genannt, kommt. Mit Lizanne, der nunmehr verwöhnten Jüngsten, ist der sechsköpfige Kelly-Clan vollständig.

Die Kellys werden alle nicht sehr alt. Doch werden sie alle – mit Ausnahme nur von Vater Jack Kelly – länger leben als ihre Tochter, ihre Schwester Grace. Das längste Leben von ihnen allen wird Mutter Margaret Kelly zuteil. Sie überlebt ihre längst weltberühmte Tochter auf sehr tragische Art und Weise.

Margaret Majer-Kelly stirbt am 6.  Januar 1990 im Alter von einundneunzig Jahren in Linwood, Atlantic County im Bundesstaat New Jersey, in einem Seniorenheim unweit des Familiensommersitzes in Ocean City – nach einem Schlaganfall und etlichen Jahren senilen Daseins, in dem sie auch den frühen Tod ihrer Tochter Grace schon nicht mehr mitbekommt, nicht mehr wahrnehmen kann.

Beerdigt wird Ma Kelly – wie auch ihr Mann und zwei ihrer vier Kinder, Peggy und Kell – auf dem Friedhof Holy Sepulchre Cemetery von Cheltenham Township, Montgomery County, Pennsylvania – einem Bezirk im Norden Philadelphias.40

John B. »Jack« Kelly Sr. stirbt am 20.  Juni 1960 in Philadelphia im Alter von siebzig Jahren an Krebs. John B. »Kell« Kelly Jr. stirbt am 2. März 1985 im Alter von lediglich siebenundfünfzig Jahren in Philadelphia. Das älteste der vier Kelly-Kinder, Margaret K. »Peggy« Kelly Conlan, ist fünfundsechzig Jahre alt, als sie am 23. November 1991 stirbt.

Einzig Lizanne Kelly LeVine, die Jüngste des sechsköpfigen Familienverbundes, erlebt noch das beginnende 21.  Jahrhundert. In Dokumentationen über das Leben ihrer berühmten älteren Schwester Grace ist sie bis zuletzt zu sehen, gibt Auskunft in Fernsehinterviews, erzählt von ihren Erinnerungen. Von Kindesbeinen an hat sie ihre Schwester Grace oft begleitet, auch in späteren Jahren, bei Dreharbeiten. »Ich kann mich an Lizanne Kelly gut erinnern. Sie war ziemlich bekannt, da sie ihre Schwester Grace immer und überallhin begleiten musste. Also begannen wir, Lizanne zu folgen, in Philadelphia, nur, weil sie die Schwester war«41, erinnert sich Mary Louise Murray-Johnson.

Lizanne Kelly LeVine stirbt im Alter von siebenundsiebzig Jahren am 24.  November 2009 in Haverford, Pennsylvania, an Krebs und wird ebenso auf dem Holy Sepulchre Cemetery beigesetzt, im separaten Grab ihres Mannes, Donald Caldwell LeVine.

Die Einzige der Familie, die hier, im heimischen Philadelphia, nicht liegt, ist Grace Kelly.

Du hast Glück, kleine Blume.
Du stehst in der Sonne.
Und nimmst all die Wärme in dich auf.
Du blühst, ohne mit der Wimper zu zucken.
Während die Menschen um dich her streiten
und kämpfen.

Niemand weiß,
Daß auch du Kämpfe austrägst
Gegen die Kälte der Nacht,
Gegen das Dunkel,
Gegen Wurzeln, die dich umschnüren,
Gegen Regen und Schnee.
Nichts davon sieht man
Auf deinem schlichten Antlitz.
Du lächelst.

(Gedicht der elf- oder zwölfjährigen Grace Kelly, Anfang der vierziger Jahre 42)

— I. DIE ERSTE LEBENSHÄLFTE

1929–1947
Die Jahre im Elternhaus:
Eine Kindheit und Jugend in Philadelphia

Grace war überempfindlich, was ihre eigene Familie betraf.

Sie bedeutete Grace unglaublich viel, mehr – so kam es

mir vor –, als Grace ihnen wichtig war … Auch wenn es in

der Familie Kelly einen starken Zusammenhalt gab, war es

nicht unbedingt herzlich.

— Fürst Rainier III. von Monaco43

Deutsche Mutter und irischer Vater. Da war das

Verträumte, Poetische und da war das sehr strukturierte,

gewissenhafte, pünktliche, perfekte Deutsche. Sie war die

pünktlichste Frau, die ich gekannt habe. Die Verlässlichste.

Wenn sie gesagt hat ›So ist das und das‹, dann war das

so, ganz egal, da konnte nichts dazwischen kommen.

Zugleich konnte sie am Fenster stehen und sich die Wolken

anschauen oder vorm Feuer sitzen und stundenlang

reinschauen und verträumt sein und irgendwie in den

Wolken mit dem Kopf. Das ist ein Widerspruch.

— Robert Dornhelm44

Der 12. November des Jahres 1929 ist ein Dienstag. In Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania kommt das Mädchen Grace Patricia Kelly im Privatkrankenhaus Hahnemann Medical College zur Welt. Das Hahnemann liegt an der Broad Street Ecke Vine Street im zentralen Stadtteil City West, unweit der City Hall, des Rathauses, und ist zu jener Zeit eines der größten amerikanischen Privatkrankenhäuser seiner Art.

Gut zwei Wochen nach der Geburt, am 1.  Dezember, lassen Margaret und John B. »Jack« Kelly ihre Tochter in der nahegelegenen römisch-katholischen St. Bridget’s Church im vertrauten heimischen Viertel East Falls taufen. Ihren würdevollen Namen erhält die kleine Grace, da eine der vier Schwestern Jack Kellys, die im Alter von zweiundzwanzig Jahren während des Eislaufens an Herzversagen verstarb, diesen Namen trug. Just diese Schwester Grace stand, als sie starb, am Beginn einer scheinbar vielversprechenden Bühnenkarriere als Schauspielerin.

Inzwischen wohnen die Kellys nicht mehr in ihrem kleinen Apartment an der Ecke Ridge Avenue und Midvale Avenue in East Falls, in dem sie die erste Zeit nach ihrer Heirat verbrachten. Sie waren noch vor der Geburt von Sohn Kell in das von John B. Kelly ab dem Frühjahr 1925 eigens im Kolonialstil errichtete, zweigeschossige Siebzehn-Zimmer-Herrenhaus mit Schieferdach gezogen, erbaut aus rötlichem Kelly-Backziegelstein, geliefert von der eigenen Firma Kelly for Brickworks. Das am Eingang mit einem weißen Säulenportal versehene Herrenhaus in der 3901 Henry Avenue, Ecke Coulter Street, liegt auf einer nordwärts ansteigenden Anhöhe, hinter der sich eine kleine Grünfläche anschließt. Robert Dornhelm: »Sie haben nicht übertrieben luxuriös gelebt.«45 Von ihrer alten Wohnung, die nur einen Steinwurf vom Schuylkill River entfernt lag, führt die Midvale Avenue vom rechten Flussufer bergauf, an der im Jahre 1853 begründeten katholischen St. Bridget’s Church vorbei, direkt zur Henry Avenue. Die sich über Kilometer erstreckende, bis in die höheren Hügel und Anhöhen von Philadelphias Wissahickon Valley Park führende Henry Avenue ist im Grunde eher dem Stadtteil East Falls zugehörig – und eigentlich nicht, wie es oftmals heißt, dem sich nordöstlich anschließenden, bekannteren Nachbarviertel Germantown. Aus dem im Jahre 1683 von Francis Pastorius für deutsche und holländische Siedler und Zuwanderer gegründeten Germantown, dem ältesten Vorort Philadelphias, und anderen Vororten von einst sind im Laufe vieler Jahrzehnte fest integrierte Stadtviertel geworden. Germantown ist das Viertel, in dem sich die Schulen befinden, die Grace später, in den dreißiger und vierziger Jahren, besuchen wird.

»Philadelphia ist nicht schön. Es ist eine Industriestadt: viele Medizinschulen, viel Forschung, viel Kunst, viel Musik – aber die Infrastruktur ist nicht gut. The Main Line ist die beste Wohngegend. Die Kellys wohnten in East Falls in einem schönen großen Herrenhaus. Es war sehr schön dort, wo sie lebten, aber es war nicht für die Upper class. Die wohnte in The Main Line.«46

Die langgestreckte Henry Avenue in Philadelphia ist eine der Adressen, an der die sozial Bessergestellten leben. Etliche Villen und Herrenhäuser stehen hier, mit recht großen Vorgärten und einer Autozufahrt direkt zum Haus – wohnt man hier, ist man zumindest vermögend. Dennoch wird es Jack Kelly mit seiner Familie trotz aller erdenklicher Bemühungen nie gelingen, vollends akzeptiertes und integriertes Mitglied der städtischen High Society, respektive der alteingesessenen angelsächsischen Gesellschaft zu werden. Jener Gesellschaft, die in Philadelphia die sogenannte Main Line darstellt. Alteingesessene Herkunft und Vermögen sind die Prämissen, von denen die Kellys lediglich Letzteres zu erfüllen vermochten. Doch Neureichen und Immigranten – etwa den Iren, Deutschen und Juden – wird der Eintritt in diese hermetisch abgeschlossene, angelsächsische Gesellschaft ebenso verweigert wie eine Einladung zu den wichtigen Anlässen der Stadt, etwa dem exklusiven Piccadilly-Ball.

Die Kellys, sie bleiben – wenngleich auf einem gewissen Niveau – Outcasts, Außenseiter. Gewiss, über die Kellys spricht man in der Stadt, man kennt sie, sie sind allgemein bekannt, zunächst dank des unermüdlichen Ringens des Vaters um Anerkennung, um politische Ämter, um sportliche Erfolge, um wirtschaftliche Beteiligungen. Später dann vor allem ob ihrer jungen, von der Familie stets vernachlässigten, nun eigenständig die Schauspielkarriereleiter erklimmenden Tochter. Die Kellys, sie sind immer mal wieder talk of the town, das Stadtgespräch.47

John B. »Jack« Kelly statuiert mit seiner Vita eindrucksvoll das Exempel des US-amerikanischen Traumes, es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vom Tellerwäscher zum Millionär zu bringen. Hier, in Philadelphia, diesem Schmelztiegel verschiedenster Nationalitäten, die in der Industrie- und Handwerksstadt einen Neuanfang unternehmen wollen. Die Fabrikgebäude, etwa die Textilfabrik des Engländers Dobson, in der einst John Brendans Vater John Henry Kelly zu arbeiten begann und einige seiner sechs Söhne, vor allem Patrick, Walter und John, sukzessive im jungen Alter von etwa zehn Jahren in die Fabrik holt, sie stehen heute noch in der Scott’s Lane nahe dem Flußufer des Schuylkill Rivers. Hier arbeitet Jack neben der Schule ab seinem neunten Lebensjahr erst als Mörtelträger, um sich ein Taschengeld hinzuzuverdienen, dann als Maurerlehrling. Später arbeitet der junge Jack in dem Bauunternehmen seines achtzehn Jahre älteren Bruders Patrick. Das Unternehmen war um das Jahr 1900 herum gegründet worden und trug denn auch den Firmennamen P. H. Kelly & Co.

1921 – nachdem er im Ersten Weltkrieg aufgrund seiner Kurzsichtigkeit – die im Übrigen auch bei Grace sehr stark ausgeprägt und möglicherweise väterlicherseits vererbt ist – nicht als Pilot der Luftwaffe dienen konnte, sich aber als Freiwilliger für eine Sanitätseinheit in Frankreich verpflichtete –, gründet Jack Kelly schließlich seine eigene Firma, wofür er sich bei zweien seiner Brüder, George und Walter, Geld leiht, und übernimmt die Geschäftsführung des Bauunternehmens Kelly for Brickworks. Bruder Charles wiederum verlässt Patricks Firma P. H. Kelly & Co. und wechselt zu Jacks Kelly for Brickworks. Dieser Wechsel sowie der Umstand, dass beide Firmen nun in Konkurrenz zueinander stehen, sorgt unter den Kelly-Brüdern für eine ungute Atmosphäre. Jack Kellys Bauunternehmen, dem er später als Präsident vorstehen wird, avanciert mit den Jahren zu dem größten seiner Art in den USA. Für den Sohn armer irischer Zuwanderer zweifellos eine kolossale Genugtuung. Als er Margaret Majer am 30. Januar 1924 in der St. Bridget’s Church in East Falls heiratet, jener Kirche, in der die Kelly-Familie jeden Sonntag Vormittag zur katholischen Messe geht, ist Jack Kelly seines Zeichens bereits angehender Millionär.

Fürst Albert erinnert sich an die Erzählungen seiner Mutter über seine Großeltern: »Meinen Großvater John B. Kelly kannte ich gewissermaßen gar nicht. Er starb, als ich zwei Jahre alt war. Leider – ich habe immer sehr bedauert, dass ich ihn nie richtig kennenlernen konnte und es nicht möglich war, mit ihm einige Gespräche zu haben. Er ist ja eine Legende, nicht nur in unserer Familie, sondern überall in den USA. Und er war auch ein sehr großmütiger Mann, er besaß echten Unternehmergeist. Er hat es ganz allein zu etwas gebracht, in einem Land, in dem er nicht geboren war, aber ziemlich schnell Karriere gemacht hat. Außerdem glaube ich, dass diese Seite der Familie, die irische Seite, auch ganz wichtig ist. Wir sind alle sehr stolz auf dieses Erbe, so wie wir auch auf die deutsche Seite stolz sind. Aber ich denke, das hat auch viel zum Wesenszug der Großzügigkeit beigetragen, denn die Iren sind oft sehr großzügig im Geist und im Herzen – das wäre also ein weiterer Aspekt, der hinzukommt.«48

1935 bewirbt sich Jack Kelly für die Demokratische Partei um das Amt des Bürgermeisters von Philadelphia. Gegner ist der republikanische Kandidat S. Davis Wilson, der nach einem hart ausgetragenen Wahlkampf schließlich auch knapp gewinnt. Dass der irischstämmige Katholik Kelly im zu dieser Zeit noch überwiegend protestantisch geprägten Philadelphia unterliegt, ist nicht die einzige schmerzende Niederlage, die er zwar zähneknirschend hinnehmen muss, jedoch mit Haltung trägt.

Immerhin, viele Jahre später zollt die Stadt Philadelphia ihrem populären Bürger Tribut, indem die mehrere Kilometer lange Straße, die am oberen, östlichen Ufer des Schuylkill Rivers entlangführt, in »John B. Kelly Drive« umbenannt wird. Da Vater und Sohn identische Namen tragen, heißt es oftmals, hiermit werde auch Kell, der Sohn, gewürdigt. Zudem steht im East Fairmount Park, der vom Ufer des Schuylkill Rivers und dem John B. Kelly Drive eingerahmt wird, eine Bronzeskulptur, geschaffen 1965 von Harry Rosin, mit der Inschrift John B. Kelly Olympic Champion Singles 1920 Doubles 1920 Doubles 1924 auf dem Sockel. Sein gleichnamiger Sohn, der die Henley-Regatta schließlich an seiner statt gewinnen wird, wird nicht erwähnt.

Erst ein gutes Vierteljahrhundert nach Kellys Niederlage bei den Bürgermeisterwahlen ist es der Demokrat John F. Kennedy (1917–1963), irischstämmiger Katholik aus jenem anderen noch legendäreren Familienclan, der schließlich am 20.  Januar 1961 dreiundvierzigjährig der zweitjüngste US-Präsident werden soll und bis heute der einzige Katholik überhaupt in diesem Amt ist. John B. »Jack« Kelly und Joseph P. »Joe« Kennedy (1888–1969), John F. Kennedys Vater, sind denn auch freundschaftlich miteinander verbunden. Zwei Patriarchen. Zwei Geschäftsmänner. Zwei Multimillionäre. Die Kellys und die Kennedys, das sind zwei sich durchaus sehr ähnelnde Clans, zwei Dynastien, in denen gleiche Wertvorstellungen vorherrschen: Disziplin, Ausdauer, Ehrgeiz, gesellschaftlicher Aufstieg, auf der Siegerseite stehen. Die einen haben sich den Sport auf die Fahne geschrieben, die anderen die Politik.

Eine andere Niederlage neben besagter Bürgermeisterwahl stellt Jack Kellys Bewerbung für die renommierte royale Ruderregatta im englischen Henley dar: Kelly, zu dessen Passionen der spezielle Rudersport des Sculling gehört – in seinen Augen ein veritabler Männersport –, bewirbt sich im Jahre 1919 um die Teilnahme an der unter Ruderern begehrten Meisterschaft, die beinahe den Status der Olympiade innehat. Mit nahezu obsessiver Passion trainiert und trainiert John B. Kelly Sr. eisern, mit seinem eigenen neu erworbenen Skullboot, Tag für Tag. Die Diamond Sculls, die Siegertrophäe des Wettbewerbs – sie sind es, wovon er träumt. Doch was folgt, ist eine herbe Enttäuschung: Nur drei Tage vor dem Wettkampf erhält er via Telegramm Nachricht aus England, dass das britische Komitee ihn ausgeschlossen habe. Für John Brendan »Jack« Kelly muss in diesem Moment eine Welt zusammenbrechen.

Selbst hierfür wird Grace, die ihn ein Leben lang bewundert und verteidigt, später eine Entschuldigung zugunsten ihres Vaters parat haben, zumal die Gründe für diese schon schicksalhafte Absage mannigfaltiger Natur sind. Ein – womöglich vorgeschobener – offizieller Grund der Absage seien der irische Sponsor und Kellys Verein gewesen, der den englischen Organisatoren, die Henley ausrichteten, nicht genehm war. Es ist eine Relativierung der Dinge. Und so ist, was diese Variante anbelangt, der wahrscheinlichere Grund, dass nämlich Vater Jack selbst als gesellschaftlich unerwünschte Person Anlass dieser niederschmetternden Absage durch die Briten war: Jack Kelly war nun einmal kein britischer Gentleman, sondern ein irischer Immigrant und einfacher Maurer. Ein Ire unter Gentlemen, das stelle für die Organisatoren der Regatta eine Unmöglichkeit dar. Dessen ungeachtet gehört Jack Kelly 1920 der amerikanischen Olympiamannschaft an und gewinnt bei den Olympischen Sommerspielen in Antwerpen erst im Einer die Goldmedaille und hernach im Zweier zusammen mit seinem Cousin Paul Costello erneut. 1924, bei den in Paris ausgerichteten Olympischen Sommerspielen, wiederholt Jack Kelly mit seinem Cousin den Medaillenerfolg abermals. Er ist somit gleich mehrfacher amerikanischer Meister im Rudern und gelangt hierdurch zu internationaler Bekanntheit.

Es ist Sohn Kell, der schließlich unter massivem Druck das hehre Ziel erreichen muss, welches dem Vater zuvor verwehrt blieb: die Henley-Regatta, die Rudermeisterschaft in England 1947. Inzwischen sind die Regularien von einst überholt und verändert, ist nunmehr also auch ein Kelly zugelassen. Gemeinsam reisen Jack und Margaret Kelly mit Grace und der jüngeren Schwester Lizanne in der dritten Juniwoche nach England, um Kell beizustehen. Die Kelly-Familie kommt im »Red Lion Hotel« in Henley unter, wo sie allesamt während des Wettkampfes wohnen. Kell, 1947 genau zwanzig Jahre jung, muss die Niederlage von Vater Jack wiedergutmachen. Und er gewinnt tatsächlich, wird am 5. Juli 1947 mit dem Cup der Diamond Sculls ausgezeichnet, dem Pokal für die Sieger der Henley-Regatta. Die Kellys feiern den siegreichen Stammhalter, der unter den Farben der University of Pennsylvania antritt.

Welche Last für einen Sohn, den einzigen zumal, neben seinen drei wiederum untereinander rivalisierenden Schwestern. So wie Kell, einziger Stammhalter und Lieblingskind des Vaters, ohnehin alles zu erfüllen hat, was von einem Kelly vermeintlich erwartet wird: Immer, wirklich immer, auf der Gewinnerseite zu stehen, niemals zu verlieren, niemals Schwäche zu zeigen oder einzugestehen. Eine kaum zu tragende Bürde.

Es ist, als ob Kell gar kein eigenes Leben hätte. Bereits im Alter von sieben Jahren steckt Vater Jack seinen Sohn in ein eigens gezimmertes Boot und stößt dieses raus aufs unruhige Meer vor Ocean City. Der Siebenjährige soll das Rudern von der Pike auf lernen.

Kell, der im März 1954 mit sechsundzwanzig Jahren heiratet, mit seiner Ehefrau Mary Gray Freeman sechs Kinder hat, wird sich in späteren Jahren von seiner Familie vollständig abwenden und Mitte der siebziger Jahre eine Verbindung mit einer bekannten Transsexuellen Philadelphias, der blonden attraktiven Nachtclub- und Restaurantbesitzerin Rachel Harlow, ehemals Richard Finocchio, leben. Harlow ist etwa in Frank Simons Film The Queen (1968) zu sehen. Kells Liaison ist der größtmögliche Gegensatz zum irischen Katholizismus seiner Familie. Es scheint, als wolle der Sohn nun alles nachholen, was ihm aufgrund der rigiden Erziehung durch den Vater über viele Jahre verwehrt blieb. Im Mai 1981 heiratet er ein zweites Mal, die Bankerin Sandra Worley. John B. »Kell« Kelly Jr. verfällt schließlich mehr und mehr dem Alkohol und stirbt zweieinhalb Jahre nach seiner berühmten Schwester, am 2. März 1985 im Alter von nur siebenundfünfzig Jahren in Philadelphia an einem Herzinfarkt. Der Tod ereilte ihn beim Joggen zum »The Athletic Club«, nach seiner allmorgendlichen Ruderrunde unten auf dem Schuylkill River.

Es ist eine der Tragödien des Clans, der in so vielem und auch hierin dem der Kennedys in Boston, eben jener anderen irischstämmigen Einwandererfamilie, auf durchaus frappierende Weise ähnelt.

Als Grace zur Welt kommt, ist es die Zeit der schweren Finanzkrise Amerikas, die Große Depression setzt ein, als Folge des Börsencrashs an der New Yorker Wall Street, der drei Wochen zuvor, am 24. Oktober 1929, dem Black Thursday, die Finanzwelt in ihren Grundfesten erschütterte. Die Kellys bleiben davon auf fast schon wundersame Art und Weise vollkommen unberührt. Vater Jack hat nicht in die Börse investiert, sondern in Staatsanleihen. Und er betreibt sein Bauunternehmen Kelly for Brickworks konsequent weiter. Ein Kelly lässt sich selbst von einem Börsencrash nur wenig beeindrucken.

Graces Konstitution ist von Kindesbeinen an nicht die beste, sie ist jenes der vier Kelly-Kinder, welches den gestrengen Eltern mithin am meisten Sorge bereitet. Fragil und filigran ist die kleine schmale Gracie, wie sie von allen nur gerufen wird, und ob ihrer labilen Physis oftmals krank. Erkältungen fängt sie sich als Erste im Hause ein und trägt sie am längsten mit sich herum. Grace, die mittlere der drei Schwestern – der nach der Geburt von Lizanne am wenigsten Aufmerksamkeit von allen vier Kindern geschenkt wird –, entwickelt seit ihren frühen Kinderjahren eine Anfälligkeit für Stirnhöhlen- und Mittelohrentzündungen sowie für starke Erkältungen. Etwas, was sie auch in späteren Jahren im Fürstentum Monaco, neben Migräne, immer wieder beeinträchtigen wird. Oft liegt sie als Kind in der Henry Avenue oben im Bett, weil sie wieder kränkelt, wieder etwas ausbrütet. »Worüber heult Grace denn jetzt schon wieder?«,49 ist so manches Mal die ungehaltene Reaktion von Jack Kelly gegenüber seiner Frau Margaret, wenn etwas mit seiner mittleren Tochter ist.

Als Grace wieder einmal von einer ihrer beiden Schwestern geärgert wird und in einen Wandschrank gesperrt wird, fällt dies zunächst gar niemandem auf. Niemand in der Familie vermisst Gracie. Derweil sitzt Grace in dem Schrank und spielt mit ihren Puppen, mit denen sie sich sehr oft beschäftigt und denen sie verschiedene Namen und Stimmen verleiht. Es ist ihre ureigene Traumwelt. Als Ma Kelly sie irgendwann darin entdeckt, findet sie Gracie ganz ins Puppenspiel vertieft. Das Kind scheint es längst gewöhnt zu sein, dass sie nicht fehlt, nicht vermisst wird.

Mit Graces physischer Anfälligkeit, die durchaus einer der Gründe ihres oftmals unsicheren, ängstlichen Verhaltens ist, geht einher, dass sie von allen Kellys die mit Abstand unsportlichste ist, sich weder besonders für Sport und schon gar nicht für etwaige Wettkämpfe interessiert noch irgendeine Sportart gern ausübt. In der Schule spielt sie zwar Hockey und Basketball, in den Sommerferien – die die Kelly-Familie wie stets an New Jerseys Küste, unweit von Atlantic City, in Ocean City verbringt, im weiß getünchten Holzhaus in der 2539 Wesley Avenue – geht Grace schwimmen und spielt Tennis. Doch im Gegensatz zu ihrer sportlichen und ehrgeizigen Familie wird das lediglich eine Freizeitbeschäftigung sein, eine Vergnügung vielleicht, die sie nicht sonderlich ernst nimmt.

Für Vater Jack Kelly ist dieses, sein drittes Kind irgendwie anders, er kommt mit Gracie nicht zurecht, kommt nicht an sie ran, es mag sich seinerseits keine wirkliche emotionale Bindung zu ihr herstellen. John B. Kelly kann für seine ätherische Tochter, die sich, wie sonst nur noch ihr Onkel George, früh schon dem Künstlerischen, dem Musischen zugehörig fühlt, keine Zugewandtheit entwickeln. Zwischen ihnen wird immer etwas Unüberbrückbares stehen. Ein Zustand, der sich bis zu Jack Kellys Tod im Jahre 1960 nicht ändern wird. Grace Kelly wird genau hierunter ein Leben lang leiden und es immerfort zu kompensieren versuchen. Zugleich ist ihr ausgeprägter Wunsch nach väterlicher Anerkennung Antriebsfeder für so manches, was sie in den kommenden Jahren ihres Lebens angehen wird. Jack Kelly ist das dauernde Kränkeln seiner Tochter und ihr Desinteresse an allem Sportiven ein doppelter Dorn im Auge, er kann keinerlei Verständnis für Graces Veranlagung aufbringen, und sein Interesse gilt ohnehin vor allem Kell, den er, angefangen mit der vollkommen identischen Namensgebung, zu seinem jüngeren Ebenbild heranzuziehen versucht.

»Die ganze Familie, wir hatten alle ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken. Ich glaube, nein, ich weiß, dass wir das von unserer Mutter und unserem Vater mitbekamen. Sie erzogen uns zur Liebe zum Sport, zum Wettstreit – wir wollten gewinnen«50, so Graces jüngere Schwester Lizanne Kelly LeVine.

Einmal, es ist im Sommer 1937, die kleine Gracie ist sieben Jahre jung, geschieht etwas, wonach sie sich in den Jahren zuvor und in den Jahren hernach zumeist vergeblich sehnt: Als es am Strand von Ocean City bei einer Gelegenheit darum geht, aus Publicity-Gründen wieder für Fotografen zu posieren, das Familienleben der Kellys zu veranschaulichen, da nimmt Vater Jack seine Tochter Grace plötzlich und wirbelt sie – sie an den Füßen haltend und sich dabei um sich selbst drehend – durch die Luft. Die kleine Gracie streckt dabei die Arme weit weit aus, streckt sie in die Luft, durch die sie der starke Vater im gestreiften Dreißiger-Jahre-Badeshirt sicher wirbelt. Es gibt eine einzige sepiafarbene Fotografie hiervon, im Archiv des Fürstenpalastes von Monaco, von diesem Moment zwischen Vater und Tochter. Grace ist darauf mit wuschelig fliegendem Haar zu sehen, und in ihrem Mädchengesicht ist ein freudiges Lächeln auszumachen. Kurz nur ist da eine Nähe. Wenn auch nur für die Kamera des Fotografen. Es muss für sie ein unendlich kostbarer Moment sein. Ein ganz seltener zumal.

Im Alter von zwölf Jahren steht die junge Grace erstmals überhaupt auf einer Bühne. Es ist die Bühne der in East Falls in der Indian Queen Lane ansässigen Laiengruppe Old Academy Players. Das unter der Leitung von Ruth Emmert von der Theatergruppe aufgeführte Stück, in dem Grace mitspielt, heißt Don’t Feed The Animals. Eine andere, ungleich bedeutendere Aufführung ist jene von The Torch Bearers (Die Fackelträger, 1922), eines von Graces Lieblingsonkel George verfassten, auch am Broadway aufgeführten Theaterstücks über Philadelphia.

Grace, das fällt ihrer ersten Schauspiellehrerin sofort auf, kommt nie zu spät zu den Proben, ist zu allen stets höflich und freundlich, und sie kann immer ihren Text. Genau diesen Eindruck, den Ruth Emmert 1941 von Grace gewinnt, geben Arbeitskollegen und Teammitglieder wieder, die sie in den fünfziger Jahren an Filmsets in Hollywood und New York erleben. »Sie war die Pünktlichste und die Verlässlichste«51, und sie verfügte über eine vollkommene Textsicherheit. Beides ist bei Schauspielern alles andere als eine Selbstverständlichkeit – jene andere Hollywood-Blondine dieser Epoche, Marilyn Monroe, kommt mitunter Stunden zu spät an den Set und kann nicht eine Zeile ihres Dialogtextes.

George Edward Kelly (1887–1974), einer der Brüder von Graces Vater und nur wenige Jahre älter als dieser, ist für seine Nichte Grace, deren Patenonkel er ist, eine durchaus wichtige Figur. Wenngleich der Bruder Walter C. Kelly (1873–1939) Vaudeville-Schauspieler ist und auf landesweiten Tourneen in den USA und in England mit dem Musical Virginia Judge (Der Richter von Virginia) – welches im Jahre 1935 mit ihm in der titelgebenden Hauptrolle auch verfilmt wird – allenthalben gefeiert wird, gilt George Kelly, ebenso wie Walter unverheiratet, viel mehr noch als jener Vertreter der Kellys, der sich den Künsten, der Literatur, dem Theater wirklich und wahrhaftig verschrieben hat und allein hierdurch den Ruf des Exoten innehat. George Kelly ist – wie seine Nichte Grace – ein Phantast, ein Träumer, einer, der Bücher liebt und es ablehnt, aus Beuteln zubereiteten Tee zu trinken. Überdies aber ist der eigenwillige und verschrobene Mann mit seinem leicht versnobten, jedoch stilvollen Habitus, im Gegensatz zum schauspielernden Bruder Walter, homosexuell. Ein Leben lang ist George Kelly mit seinem Partner William Weagly zusammen, einem ehemaligen Buchhalter, der für George zugleich auch eine Art persönlichen Allround-Bediensteten darstellt. Als George Kelly stirbt und die Trauerfeier in der St. Bridget’s Church in der Midvale Avenue abgehalten wird, sitzt Weagly – über fünfundfünfzig lange Jahre Georges getreuer Wegbegleiter und von den Kellys stets nur als dessen Kammerdiener betrachtet –, seitens der Kellys weder eingeladen noch beachtet, allein in der letzten Reihe der Kirche und weint bitterlich.

Für seinen Bruder Jack Kelly und ihre anderen gemeinsamen Brüder Patrick, Walter und Charles ist Georges Homosexualität ein kompromittierender Umstand, den es konsequent und strikt zu negieren und kaschieren gilt. Es soll ein Familiengeheimnis bleiben. Ein Homosexueller unter lauter Katholiken irischer Provenienz, denen die erarbeitete gesellschaftliche Reputation und die Ausübung viriler Sportarten heilig sind.

George Kelly kennt das Gefühl nur zu gut, anders zu sein, nicht dazuzugehören. Es ist ein Gefühl, das auch Grace in sich trägt.

Just dieser Onkel ist es, der Grace am nahesten steht und ihr vielerlei Anstöße gibt für ihre Karriere. Nicht zuletzt bei Graces Aufnahme in die American Academy of Dramatic Arts in New York, die nicht ganz ohne Komplikationen verläuft, wird der Name George Kellys eine ganz entscheidende Rolle spielen. George Kelly verabscheut Sport und liebt Shakespeare. Und so ist dieser Onkel George – der nach seinem Stück The Show-Off (1924) für das darauf folgende Craig’s Wife (1925) im Jahre 1926  mit dem renommierten Pulitzerpreis für Theater ausgezeichnet wird – letztlich der einzige Kelly, der Grace voll und ganz versteht, der ihr Empathie und Verständnis entgegenbringt, der sie fördert und anspornt. Auch später, als Grace längst eine Berühmtheit ist, trifft sie sich immer wieder mit ihrem Lieblingsonkel, etwa zu gemeinsamen Essen, bis zu dessen Tod im Juni 1974.

Onkel George bringt für Grace das mit, was Vater Jack ihr nie gezeigt und stets verwehrt hat: Er ist stolz auf seine Nichte. »Oft gingen wir Sonntags in die Kirche. Danach kam Onkel George (…), holte uns ab, machte mit uns eine Spritztour und lud uns zum Mittagessen ein. Sie (Grace) genoss diese Ausfahrten mit George sehr. Sie redeten die ganze Zeit. Ich saß hinten und döste, aber die beiden redeten über Theater, Bücher und Gedichte«52, so Schwester Lizanne Kelly LeVine.

Wenige Wochen vor seinem Tod schreibt George Kelly in einem Brief: »Ich bin so stolz auf meine Nichte Grace. Sie war eine bewundernswerte Schauspielerin, aber vor allem ist sie eine Frau mit einer Mischung aus ungewöhnlich guten Eigenschaften. Hätte sie ihre Karriere als Schauspielerin fortgesetzt, sie wäre heute an der Spitze aller Stars.«53

Für Die Fackelträger erhält Grace ihre erste Rezension in einer heimischen Zeitung Philadelphias, in der ihre Darstellung hervorgehoben und ihr als einer jungen unerfahrenen Laiendarstellerin in Anspielung auf den Titel des Stücks bescheinigt wird, dass sie einmal auf der Theaterbühne als Fackelträgerin aus der Kelly-Familie hervorgehen werde. Grace nimmt bereits in diesen jungen Jahren jede ihrer Rollen sehr ernst.

Seit Herbst 1935, Grace ist in ihrem sechsten Lebensjahr, besucht sie das katholische Convent of the Assumption in der School House Lane, gemeinhin als Klosterschule Ravenhill geläufig. Sie ging auf »hervorragende Schulen, sie war sehr gebildet«.54 Zu dieser Zeit ist es dort alljährliche Tradition, das Krippenspiel darzubieten, und Grace spielt – und dies mag wie eine Antizipation ihres später etablierten Typus der jungfräulich Unnahbaren wirken – die Jungfrau Maria. In späteren Jahren, es ist bereits nach der Eheschließung mit Fürst Rainier III., wird ihr die Rolle der Jungfrau Maria erneut angeboten, in zwei Kinoprojekten gleich.

»Sie hatte eine große Hingabe an das Gebet und die Gemeinschaft der Heiligen. Deshalb haben wir auch immer füreinander gebetet«, erinnert sich die auf Ravenhill lehrende Klosterschwester und Äbtissin Francis an ihre Schülerin Grace. Und weiter: »Sie hatte schon als Kind etwas Spirituelles. Ich erinnere mich noch genau an eine Theateraufführung zu Weihnachten. Sie spielte die heilige Maria und sie tat das sehr andächtig.«55

Hier, auf Ravenhill, ist es auf Anweisung der Nonnen auch Brauch, dass die Mädchen auf dem Weg zur Klosterschule sowie auf dem Nachhauseweg weiße Handschuhe tragen. Grace, die diese Regel unter dem strengen Regiment von Ma Margaret bereits kennt, die zudem bei ihren drei Töchtern manchmal auch auf das Tragen von Hüten insistiert, wird diesen Brauch übernehmen, und es wird später eines ihrer unverkennbaren stilistischen Markenzeichen werden, in der Öffentlichkeit mit weißen Handschuhen aufzutreten.

Als Grace ab September 1943 auf die High School geht, die Stevens School, lernt sie Harper Davis kennen, der gemeinsam mit ihrem Bruder Kell die William Penn Charter School besucht. Beide Schulen liegen in Germantown nicht weit voneinander entfernt. Zu jener Zeit ihres Schulwechsels hat sich aus dem dünnen, schmalen, zerbrechlich anmutenden Mädchen, das oft kränklich ist, ein bildhübscher Teenager entwickelt, groß gewachsen, mit feinem blondem Haar, strahlend blauen Augen und langen Beinen. Schlank und adrett, wird sie gerne als gazellenartig bezeichnet. Die junge Grace ist dabei, sich zu einer natürlichen Schönheit zu entfalten. Ihre einzige Problemzone ist ihr Hinterteil, wo sie zu Rundungen neigt. Später, bei Dreharbeiten, ist ihr dies stets unangenehm, und sie achtet tunlichst darauf, diese Schwachstelle zu kaschieren.

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