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Goya

Inhaltsübersicht

Erster Teil

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Zweiter Teil

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Dritter Teil

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Zu diesem Band

Erster Teil

1

Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts war fast überall in Westeuropa das Mittelalter ausgetilgt. Auf der Iberischen Halbinsel, die auf drei Seiten vom Meer, auf der vierten von Bergen abgeschlossen ist, dauerte es fort.

Um die Araber von der Halbinsel zu verdrängen, hatten vor Jahrhunderten Königtum und Kirche ein unlösliches Bündnis eingehen müssen. Der Sieg war möglich nur, wenn es den Königen und den Priestern gelang, die Völker Spaniens durch strengste Disziplin zusammenzuschweißen. Es war ihnen gelungen. Sie hatten sie vereinigt in einem inbrünstig wilden Glauben an Thron und Altar. Und diese Härte, diese Einheit war geblieben.

Zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts war die iberische Tradition auf tragisch lächerliche Art erstarrt. Zweihundert Jahre zuvor schon hatte sich der größte Dichter des Landes aus diesem finster grotesken Willen zur Beharrung seinen Stoff geholt. Er hatte in der Geschichte von dem Ritter, der von den alten, ritterlichen, sinnlos gewordenen Bräuchen nicht lassen kann, ein für immer gültiges Gleichnis geschaffen, und sein höchst liebenswerter Held, rührend und lächerlich, war berühmt geworden über den Erdkreis.

Die Spanier hatten über Don Quijote gelacht, aber ihren Willen zur Tradition nicht aufgegeben. Länger als sonstwo in Westeuropa hielt sich auf der Halbinsel das mittelalterliche Rittertum. Kriegerische Tugend, bis zur Tollheit heldisches Gehabe, hemmungsloser Frauendienst, herrührend aus der Verehrung der Jungfrau Maria, diese Eigenschaften blieben die Ideale Spaniens. Die ritterlichen Übungen, längst ohne Sinn, hörten nicht auf.

Verknüpft mit diesem kriegerischen Gewese war eine leise Verachtung der Gelehrsamkeit und des Verstandes. Desgleichen ein ungeheurer Stolz, berühmt und berüchtigt über die Welt, Stolz der Gesamtheit auf die Nation, Stolz des einzelnen auf seine Kaste. Das Christentum selber verlor in Spanien seine Demut und seine Heiterkeit, es nahm ein wildes, düsteres, herrisches Gepräge an. Die Kirche wurde hochfahrend, kriegerisch, männlich, grausam.

So war noch um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts das Land das altertümlichste des Erdteils. Seine Städte, seine Trachten, die Bewegungen seiner Menschen, ja, ihre Gesichter muteten den Fremden seltsam starr an, Überbleibsel der Vorzeit.

Aber jenseits der nördlichen Berge, abgetrennt von Spanien nur durch diese Berge, lag das hellste, vernünftigste Land der Welt: Frankreich. Und über die Berge drang trotz aller Absperrmaßnahmen seine Vernunft und seine Beweglichkeit. Unter der starren Oberfläche, sehr langsam, änderten sich auch die Menschen der Halbinsel.

Es herrschten damals über Spanien fremde Könige, Herrscher französischen Ursprungs, Bourbonen. Wohl konnten die Spanier sie zwingen, sich ihnen anzupassen, so wie sie früher die Habsburger gezwungen hatten, sich zu hispanisieren. Doch der spanische Adel lernte durch die französischen Könige und ihre französische Umgebung die fremden Sitten kennen, und manche lernten sie lieben.

Die Gesamtheit indes hielt, während sich der Adel langsam änderte, zäh am alten fest. Mit ernster Gier übernahm das Volk die Rechte und Pflichten, welche die großen Herren hatten fallenlassen. Der edelste Sport waren die Stierkämpfe gewesen, ein Privileg des Hochadels. Die Übung selber wie der Anblick war Adeligen vorbehalten gewesen. Jetzt, da sich die Granden nicht mehr im Stierkampf betätigten, übte um so leidenschaftlicher das Volk die wilde Sitte. Und wenn die Granden ihre Manieren lockerten, so wurde die Etikette des Volkes um so strenger. Schuhmacher legten Gewicht darauf, als kleine Adelige, als Hidalgos, angesehen zu werden, und Schneider begrüßten sich mit umständlichen Titeln. Don Quijote hatte abgedankt, Don Quijote hatte sich in einen eleganten Herrn von Versailles verwandelt; nun übernahm das Volk seinen Schild und sein klappriges Streitroß. Sancho Pansa wurde Don Quijote, heroisch und lächerlich.

Drüben, jenseits der Pyrenäen, köpfte das französische Volk seinen König und jagte seine großen Herren davon. Hier in Spanien vergottete das Volk seine Monarchen, wiewohl sie französischen Ursprungs waren und höchst unköniglich. König blieb dem Volke König, Grande blieb ihm Grande, und während diese Granden, französischen Sitten mehr und mehr zugetan, sich schon damit abgefunden hatten, auch mit einem republikanischen Frankreich zu paktieren, kämpfte das spanische Volk begeistert weiter gegen die gottlosen Franzosen und ließ sich totschlagen für den König, seine Granden und seine Priester.

Spanier gab es freilich, welche

Diesen Widerspruch verspürten

In sich selber, und sie kämpften

In der eignen Brust den Streit aus

Zwischen altem Brauch und neuem,

Zwischen Fühlen und Verstehen,

Schmerzhaft oft und leidenschaftlich,

Siegreich manchmal, doch nicht immer.

2

Doña Cayetana, Dreizehnte Herzogin von Alba, gab einen Theaterabend für ihre Freunde in ihrem Madrider Palais. Eine Truppe royalistischer Pariser Schauspieler, die vor dem Terror der Republik über die Pyrenäen hatte fliehen müssen, führte ein Stück des Schriftstellers Berthelin auf, »Das Martyrium der Marie-Antoinette«, ein Drama, das trotz seines zeitgenössischen Inhalts im klassischen Stil gehalten war.

Die Zuhörer – es waren ihrer nicht viele, zumeist Herren und Damen des Hochadels – verloren sich in dem weiten Saal, der nur mäßig erhellt war, auf daß die Vorgänge auf der Bühne besser beleuchtet seien. Edel und eintönig klangen von der Szene herab die sechsfüßigen Jamben, ihr erhabenes Französisch war spanischen Ohren nicht immer ganz verständlich, der Saal war warm, es überkam die Zuhörer in ihren bequemen Sesseln allmählich eine melancholische, behagliche Schläfrigkeit.

Die königliche Dulderin auf der Bühne gab jetzt ihren Kindern, der vierzehnjährigen Madame Royale und dem neunjährigen König Louis dem Siebzehnten, noble Lehren. Dann wandte sie sich an ihre Schwägerin, die Prinzessin Elisabeth, und gelobte, sie werde, was immer über sie kommen möge, mit einer Fassung tragen, die ihres gemordeten Gemahls, des Sechzehnten Louis, würdig sei.

Die Herzogin von Alba selber hatte sich noch nicht gezeigt. Wohl aber saß in der ersten Reihe ihr Mann, der Marqués de Villabranca, der, gemäß dem Gebrauch, zu seinen vielen anderen Titeln auch den ihren angenommen hatte. Der stille, elegante Herr, eher schmächtig, doch vollen Gesichtes, schaute aus schönen, dunklen Augen nachdenklich auf die hagere Schauspielerin, die da oben sentimentale, pathetische Verse deklamierte, vorgebend, sie sei die tote Marie-Antoinette. Der Herzog von Alba war empfindlich vor Kunstleistungen nicht allerhöchsten Ranges und war von vornherein skeptisch gewesen. Aber seine liebe Herzogin hatte erklärt, infolge der Trauer, welche der Hof anläßlich des schauerlichen Ablebens der Königin Marie-Antoinette angeordnet hatte, sei das Leben in Madrid tödlich langweilig geworden, und irgend etwas müsse sie unternehmen. Eine solche Aufführung wie die des »Martyriums« bringe Leben ins Haus und beweise Teilnahme an der Trauer über den Untergang der Könige von Frankreich. Der Herzog konnte es verstehen, daß seine Frau, die um ihrer Capricen willen an allen Höfen Europas berühmt war, sich in der weiten Einsamkeit ihres Madrider Palais langweilte, er hatte ohne weiteres zugestimmt und ließ nun diese Vorstellung über sich ergehen, geduldig und skeptisch.

Seine Mutter, die Witwe des Zehnten Marqués de Villabranca, saß neben ihm, lässig und zuhörend. Die Habsburgerin auf der Bühne, wie war sie laut und tränenselig! Nein, so war Marie-Antoinette nicht gewesen, die Marquesa de Villabranca hatte sie gesehen und gesprochen seinerzeit, in Versailles. Sie war eine charmante Dame gewesen, Marie-Antoinette von Habsburg und Bourbon, heiter und liebenswert, ein wenig zu auffällig vielleicht und zu laut. Aber schließlich war sie eben nur eine Habsburgerin und hatte nichts von dem unaufdringlichen Adel einer Villabranca. Das Verhältnis Marie-Antoinettes zu ihrem schweigsamen, unaufdringlichen Louis, hatte es nicht Ähnlichkeit gehabt mit dem Verhältnis Cayetana de Albas zu ihrem Don José? Verstohlen schaute sie auf ihren Sohn, er war ihr Lieblingssohn mit seiner Zartheit und Schwäche, und was sie sah und lebte, bezog sie auf ihn. Er liebte seine Frau, und das verstand ein jeder, der sie einmal gesehen hatte; aber es war keine Frage, er stand in ihrem Schatten, der Welt war er der Mann der Herzogin von Alba. Ach, nur wenige kannten ihren Sohn José. Sie sahen und rühmten seine stille Vornehmheit. Allein um seine innere Musikalität, um das wunderbar ausgeglichene Schwingen seines Wesens wußten wenige, auch seine Frau wußte zu wenig darum.

Oben auf der Bühne war jetzt der Präsident des Revolutionstribunals, ein brutaler Mann, um der Königin das Urteil zu verkünden. Zunächst hielt er ihr noch einmal alle ihre Schandtaten vor, er verlas eine ebenso dumme wie scheußliche Liste maßloser Verbrechen.

In seinem weiten Sessel verloren, saß dürr und schmächtig in der strotzenden Gesandtenuniform Monsieur de Havré, der Geschäftsträger des Thronfolgers, der von Verona aus an Stelle des kleinen, von den Republikanern gefangenen Königs Frankreich regierte. Es war nicht leicht, ein Land zu regieren, von dem man keinen Quadratzoll besaß, noch weniger leicht, der Botschafter eines solchen Regenten zu sein. Monsieur de Havré war ein alter Diplomat, er hatte jahrzehntelang den Glanz von Versailles repräsentiert, er fand sich schwer in seine neue, klägliche Lage. Die Botschaften, die er im Auftrag seines Herrn, des Regenten, dem Hofe von Madrid zu bestellen hatte, sehr großspurig manchmal, nahmen sich merkwürdig aus im Munde eines Mannes, dessen Diplomatenuniform fadenscheinig wurde und der ohne die Unterstützung des spanischen Hofes sein Mittagessen nicht hätte bezahlen können. Da saß Monsieur de Havré, die schäbigsten Stellen seines Rockes mit dem Schiffhut deckend, seine schmale, bläßliche, hübsche, sechzehnjährige Tochter Geneviève neben sich. Auch sie hätte neue Kleider gut brauchen können, im Interesse Frankreichs und in ihrem eigenen. Ach, man war heruntergekommen. Man mußte froh sein, wenn die Herzogin von Alba einen einlud.

Oben auf der Bühne hatte der Mann vom Tribunal der königlichen Dulderin das Todesurteil verkündet, und sie hatte erwidert, sie sehne sich danach, mit ihrem Gatten vereint zu werden. Doch so leicht machte man ihr das Sterben nicht: vielmehr hatten sich die gottlosen Schurken eine letzte Schmach ausgedacht. Marie-Antoinette habe, erklärte, immer in Versen, der Schreckensmann auf der Bühne, Frankreich durch die langen Jahre ihrer zügellosen Wollust in den Augen der Welt erniedrigt; deshalb sei es der Wille des Volkes, daß sie, selber entwürdigt, entblößt bis zum Nabel, zum Richtplatz geführt werde.

Die Zuschauer hatten viele Berichte über das gräßliche Ereignis gelesen, aber das war neu. Sie horchten auf, schaudernd und gekitzelt, sie schüttelten die Schläfrigkeit von sich, das Schauspiel ging unter allgemeinem Interesse seinem Ende entgegen.

Jetzt schloß sich der Vorhang, man klatschte höflich. Die Gäste standen auf, froh, die Glieder zu bewegen, sie promenierten durch den Saal.

Mehr Kerzen wurden angezündet. Man konnte sehen, wer da war.

Auffiel ein Mann, der sich inmitten dieser gepflegten Herren und Damen trotz seiner sorgfältigen, ja kostbaren Kleidung ein wenig ungelenk ausnahm. Er war nicht groß, unter schweren Lidern lagen tief die Augen, die Unterlippe war voll und gewalttätig vorgeschoben, die Nase kam gerade, fleischig und flach aus der Stirn heraus, der Kopf hatte etwas Löwenhaftes. Er schlenderte durch den Saal, fast alle kannten ihn und erwiderten seinen Gruß mit Achtung. »Es ist angenehm, Sie zu sehen, Don Francisco«, hörte er wieder und wieder.

Don Francisco de Goya freute sich, daß ihn die Herzogin von Alba zu diesen erlesenen Gästen eingeladen hatte, er freute sich der Achtung, deren man ihn würdigte. Es war ein langer Weg gewesen aus dem Bauerndorfe Fuendetodos hierher in das Palais Alba, es war kein leichter Weg gewesen, aber hier war er, der kleine Francho, Maler des Königs jetzt, Pintor de Cámara, und wenn er diese großen Damen und Herren porträtierte, war es unentschieden, wer wem eine Gunst erwies.

Er neigte sich tief vor der alten Marquesa de Villabranca. »Wie fanden Sie Stück und Aufführung, Don Francisco?« fragte sie. »Ich kann mir nicht denken«, antwortete er, »daß die Königin Marie-Antoinette so sollte gesprochen haben. Und wenn, würde ich ihren Tod weniger bedauern.« Die Marquesa lächelte. »Immerhin ist es schade«, meinte sie, »daß die Majestäten nicht da waren.« Es lag aber in ihrem Ton eine kleine Spitzbüberei, sie schaute ihn an mit ihren schönen, ungenierten Augen, den breiten, schmallippigen Mund um ein Winziges verzogen. Und auch er lächelte und dachte mit, was die Marquesa nicht aussprach, daß nämlich die spanischen Bourbonen vermutlich ein unangenehmes Kitzeln verspürt hätten, wenn sie den ganzen Abend von dem hätten hören müssen, was den Hälsen ihrer französischen Verwandten zugestoßen war.

»Wann endlich werden Sie mich malen, Don Francisco?« fuhr die Marquesa fort. »Ich weiß, ich bin eine alte Frau, und Sie haben Besseres zu tun.« Er bestritt das, leidenschaftlich und mit Überzeugung. Die Marquesa war mit ihren Fünfundfünfzig noch immer schön, es war um sie der Hauch eines noch nicht lange vergangenen reichen Lebens. Goya sah das vielwissende, freundlich resignierte Gesicht, er sah das einfache, kostbare, dunkle Kleid, den zarten, weißen Schal, aus dem eine Rose hervorkam. Sie war genau das, was er sich in den Träumen seiner Jugend unter einer großen Dame vorgestellt hatte. Er freute sich darauf, sie zu malen.

Der Mayordomo bat die Gesellschaft in den großen Empfangssaal, wo die Herzogin sie erwarte. Goya begleitete die Marquesa. Langsam gingen sie durch die Gemäldegalerie, welche den Theatersaal mit dem Empfangsraum verband. Da hingen ausgewählte Bilder der alten spanischen, flämischen, italienischen Meister, es war schwer, nicht stehenzubleiben vor diesem Bilde, vor jenem; so eindringlich von den Wänden in dem flackerigen Lichte der Kerzen strahlte das alte Leben.

»Ich kann mir nicht helfen«, sagte die Marquesa zu Goya, »aber ich liebe meinen Raphael. Von allem, was hier hängt, ist mir ›Die Heilige Familie‹ das liebste.« Goya, entgegen dem allgemeinen Urteil, war kein Anhänger des Raphael, er schickte sich an, etwas freundlich Unverbindliches zu erwidern.

Da aber waren sie an der Wendung der Galerie angelangt, und durch die Flügeltür des großen Empfangssaals sahen sie Cayetana de Alba. Sie saß, nach alter Sitte, auf einer niedrigen, mit Teppichen belegten Estrade, die durch ein kleines Gitter mit weiter Öffnung vom übrigen Saal geschieden war, und sie trug nicht wie die übrigen Damen ein modernes Kleid, sondern ein spanisches von altem Zuschnitt. Die Marquesa lächelte. So war Doña Cayetana: sie nahm von Frankreich, was von Frankreich Gutes kam, aber sie wollte nicht verleugnen, daß sie Spanierin war. Es war ihr Abend, die Einladungen waren in ihrem, nicht in ihrem und in ihres Gatten Namen ergangen, niemand durfte es ihr verdenken, wenn sie auf den ersten, französischen Teil des Abends einen zweiten, spanischen setzte. Aber sich im eigenen Haus inmitten einer Abendgesellschaft in spanischer Tracht zu zeigen, fast wie eine Maja, ein solcher Effekt war ein bißchen sehr laut. »Sie hat immer neue Einfälle, unsere Doña Cayetana«, sagte die Marquesa zu dem Maler. »Elle est chatoyante«, fuhr sie fort, französisch.

Goya antwortete nicht. Töricht, wortlos stand er unter der Tür und starrte auf die Alba. Über dem silbergrauen Kleid trug sie schwarze Spitzen; bräunlichweiß leuchtete die warme Blässe des ungeschminkten ovalen Gesichtes, krauses, schwarzes Haar, gekrönt von einem hohen Kamme, umrahmte es üppig; winzig, zierlich, in ihren spitzen Schuhen, schauten die Füße aus dem weitfallenden Rock. Ein lächerlich kleiner, weißer, wolliger Hund saß auf ihrem Schoß, sie streichelte ihn mit der linken, behandschuhten Hand. Die Rechte aber, nackt, schmal, fleischig, kindlich, lag halb auf der Lehne des Sessels, und lässig, mit spitzen, leicht gespreizten Fingern, hielt sie den Fächer, beinahe geschlossen, nach unten.

Die Marquesa, da Goya noch immer schwieg, glaubte, er habe ihr Französisch nicht verstanden, und übersetzte: »Sie schillert wie eine Katze.« Don Francisco indes starrte weiter. Er hatte die Herzogin oft getroffen, er hatte ein Porträt von ihr gemalt, unbeteiligt, es war auch nichts Rechtes geworden, er hatte spielerisch das Gesicht der großen Dame, von der Madrid so viel und so gerne sprach, in den galanten, unverbindlichen Entwürfen verwandt, die er für die Gobelins der königlichen Schlösser anfertigte. Nun aber erkannte er sie nicht, er hatte sie niemals gesehen, und war das die Alba?

Die Knie zitterten ihm. Jedes Haar von ihr, jede Pore ihrer Haut, die starken, hohen Augenbrauen, die unter den schwarzen Spitzen halbentblößten Brüste erregten ihm eine Leidenschaft ohne Maß.

Die Worte der Marquesa klangen in ihm nach, ohne daß er ihren Sinn recht erfaßt hatte; mechanisch antwortete er: »Ja, sie ist erfrischend unabhängig, Doña Cayetana, überaus spanisch.« Er stand noch immer unter der Tür, die Augen auf der Frau. Nun aber hob sie den Kopf in seiner Richtung. Sah sie ihn? Schaute sie blicklos über ihn weg? Sie sprach weiter, streichelte weiter mit der Linken den kleinen Hund. Die Rechte indes hob jetzt den Fächer, entfaltete ihn ganz, so daß das Bild des Fächers sichtbar wurde – ein Sänger, der zu einem Balkon hinaufsang –, schloß ihn wieder und entfaltete ihn von neuem.

Freudiger Schreck lähmte Francisco den Atem. Es gab eine Fächersprache, in welcher die Majas, die Mädchen aus dem Volke, in der Kirche, bei öffentlichen Festen, in den Schenken, sich Unbekannten verständlich machten, und das Signal, welches da von der Estrade kam, war eine starke Ermunterung.

Vielleicht hatte die alte Marquesa inzwischen weitergesprochen, vielleicht hatte er geantwortet. Er wußte es nicht. Jetzt jedenfalls verließ er sie brüsk, unmanierlich, und ging durch den Saal der Estrade zu.

Gedämpfte Stimmen waren überall, Lachen, Klirren von Tellern und Gläsern. Durch das leise Gelärm indes kam von der Estrade her eine Stimme, etwas hart, doch keineswegs schrill, eine sehr junge Stimme, ihre Stimme. »War sie nicht ein wenig dumm, Marie-Antoinette, alles in allem?« fragte die Alba, und da sie offenbar wahrnahm, wie diese dreisten Worte befremdeten, erläuterte sie mit freundlichem Spott: »Ich meine natürlich die Antoinette in dem Stück Monsieur Berthelins.«

Nun war er auf der Estrade. »Wie hat Ihnen unser Stück gefallen, Señor de Goya?« fragte sie. Er antwortete nicht. Er stand da und schaute sie an, unbekümmert. Er war nicht mehr jung, fünfundvierzig Jahre alt war er, und er war nicht schön. Das runde Gesicht mit der flachen, fleischigen Nase, den tiefliegenden Augen und der üppigen, vorspringenden Unterlippe war sonderbar bekränzt von dem vollen, modisch gepuderten Haar, sein Körper, prall in dem eleganten Rock, war dicklich. Der ganze Mann mit seinem Löwengesicht wirkte gerade durch seine Gepflegtheit ungeschlacht, ein Bauer in übermodischer Hoftracht.

Er wußte nicht, ob er schließlich doch geantwortet hatte, wußte nicht, ob andere gesprochen hatten. Aber jetzt kam die bestürzende Stimme von neuem aus dem bräunlichweißen, hochmütigen, launischen Gesicht. »Gefallen Ihnen meine Spitzen?« fragte sie. »Der Feldmarschall Alba hat sie erbeutet, vor dreihundert Jahren in Flandern oder in Portugal, ich weiß nicht mehr.« Goya antwortete nicht. »Was entdecken Sie sonst an mir?« fuhr sie fort. »Sie haben mich gemalt, Sie sollten mich kennen.« – »Das Porträt ist nichts geworden«, brach es aus ihm heraus, seine Stimme, klingend sonst und schmiegsam, war heiser und ungebärdig laut. »Auch die Gesichter auf den Gobelins sind nichts als Spielerei. Ich möchte es nochmals versuchen, Doña Cayetana.«

Sie sagte nicht ja, nicht nein. Sie schaute ihn an, das mattleuchtende Gesicht unbewegt, aber die dunkeln, metallischen Augen voll und dringlich auf ihm. Drei Augenblicke lang schaute sie ihn so an, und für die Ewigkeit dieser drei Augenblicke waren sie allein in dem menschenvollen Raum.

Unvermittelt aber brach sie die zauberische Gemeinsamkeit. Beiläufig meinte sie, für die nächste Zeit werde sie für Sitzungen leider keine Zeit haben; sie sei beschäftigt mit dem Bau und der Einrichtung eines Landhauses in Moncloa. Von diesem Projekt sprach man viel in Madrid; die Herzogin, wetteifernd mit der toten Königin von Frankreich, wollte sich ihr Trianon bauen, ein kleines Schloß, gelegentlich dort ein paar Tage allein zu verbringen, nicht mit den Freunden der Familie, sondern mit ihren eigenen.

Sogleich indes nahm sie den früheren Ton wieder auf. »Wollen Sie mir in der Zwischenzeit etwas anderes malen, Don Francisco?« fragte sie. »Einen Fächer vielleicht? Wollen Sie mir ›El Abate y la Maja‹ malen?« Es war aber »El Fraile y la Maja«, »Der Mönch und das Mädchen«, ein Zwischenspiel von Ramón de la Cruz, eine gewagte kleine Komödie, die, für die öffentliche Aufführung verboten, in einer heimlichen Liebhabervorstellung gespielt worden war.

Die Herzogin von Alba bat den Hofmaler Francisco de Goya, ihr einen Fächer zu malen. Daran war nichts Ungewöhnliches, oft ließ sich eine Dame einen Fächer malen, Doña Isabel de Farnesio war berühmt für ihre Sammlung von mehr als tausend Fächern. Nichts Auffallendes geschah auf der Estrade. Trotzdem war denen ringsum, als wohnten sie einem vermessenen, unerlaubten Schauspiel bei.

Armer Don Francisco, dachte unten im Saal die alte Marquesa, vor ihrem innern Aug stand ein Bild des Rubens, das sie soeben in der Galerie gesehen hatte, der Herkules, den Omphale spinnen macht. Die alte Dame hielt auf Manieren, doch sie nahm es dem Maler, dem einzigen Bürgerlichen übrigens in dieser Gesellschaft von Granden, nicht übel, daß er sie so unerzogen hatte stehenlassen. Auch nahm sie es der Frau ihres Sohnes nur wenig übel, daß sie sich auf so bedenkliche, ja schamlose Art vergnügte. Sie verstand Doña Cayetana, sie hatte selber viel erlebt, sie liebte das Leben. Ihr Sohn, der schwach und zart war, brauchte starken Zustrom, das dünne Rinnsal des eigenen Lebens zu speisen, es war gut für ihn, daß er diese Frau zur Seite hatte, man mußte der Frau vieles nachsehen. Die großen Häuser Spaniens verdämmerten, die Männer wurden immer feiner und schwächer, und was noch an Kraft da war, das war in den Frauen, in dieser zum Beispiel, der Frau ihres lieben Sohnes, die da oben so frech und anmutig mit dem Maler spielte, einem der wenigen Männer des Landes.

Der Herzog von Alba selber, mit seinen großen, nachdenklichen Augen, verfolgte das Spiel, welches seine Frau mit dem Maler trieb. Da saß er, Don José Alvarez de Toledo, Dreizehnter Herzog von Berwick und Alba, Elfter Marqués de Villabranca und Inhaber vieler anderer Titel; unter den hundertneunzehn Granden des Königreichs waren nur zwei ihm gleich an Rang, er war gesegnet mit allen Glücksgütern dieser Welt. Da saß er, schmächtig, vornehm, sehr elegant, und es verlangte ihn nicht, einzugreifen in die Geschicke dieser Welt, wozu ihm seine Abkunft und der erworbene Name das Recht gegeben hätten, der große, stolze, finstere Name Alba, heute noch gefürchtet in Flandern. Vielmehr war dieser Alba müde der Hoheit und des vielen Denkens über die komplizierten Dinge des Lebens, es lüstete ihn nicht, einem andern was vorzuschreiben oder zu verbieten. Wahrhaft froh fühlte er sich nur, wenn er Musik hörte oder selber Musik machte. Ging es um Musik, dann fühlte er Kraft in sich, und er hatte sich kühn gegen den König gestellt, als dieser sich weigerte, die Oper im Coliseo del Príncipe weiter zu subventionieren; herausfordernd hatte er damals selber den Unterhalt der Oper auf sich genommen, bis es ihm der König verbot. Nun also schaute er auf seine schöne Herzogin, wie sie den Köder nach dem Maler auswarf. Er war sich bewußt, daß seine Kraft gering war, er begriff, daß sich Cayetana angezogen fühlte von Don Francisco, der ein Künstler war und ein Mann. Sie war ihm zugetan, seine Herzogin, doch er spürte gut, daß diese Zuneigung nicht frei von Mitleid war, niemals hatte sie ihm einen Blick gegeben wie den, mit dem sie Don Francisco angeschaut hatte. Eine leise Traurigkeit war in ihm. Wenn er allein ist, wird er zu seiner Violine greifen und sich mit Haydn oder Boccherini das »Martyrium der Marie-Antoinette« und was darauf folgte von der Seele waschen. Er fühlte auf sich den zärtlich besorgten Blick seiner Mutter; mit einem fast unmerklichen Lächeln wandte er ihr den Kopf zu. Sie verstanden sich ohne Worte, sie wußte, er gönnte der Frau auf der Estrade ihr Spiel.

Goya, auf der Estrade, nahm wahr, daß sich die Frau nicht mehr mit ihm befaßte, und wußte, daß sie ihn an diesem Abend nicht mehr ansehen würde. Er ging, unziemlich früh.

Draußen empfing ihn unwirtliches Wetter, eine jener unangenehmen Madrider Januarnächte, voll von Wind und Schauern schneevermischten Regens. Sein Wagen wartete, mit livrierten Bedienten, das gehörte sich so für den Maler des Hofes, wenn er bei der Herzogin von Alba eingeladen war. Aber zur Verwunderung seiner Leute schickte er den Wagen fort. Er zog es vor, zu Fuß nach Haus zu laufen, und achtete, der sparsame Mann, nicht darauf, daß sein hoher Seidenhut und seine Schuhe Schaden leiden mochten.

Wild, verlockend, herausfordernd und furchterregend stand die nächste Zukunft vor ihm. Vor zwei Tagen erst hatte er seinem Freunde Martín Zapater nach Saragossa geschrieben, wie gut geregelt jetzt endlich seine Dinge seien, und das war die Wahrheit gewesen. Es gab keinen Zank mehr mit seiner Frau Josefa; er hatte Freude an seinen Kindern; von den vielen Kindern, die sie ihm geboren hatte, waren freilich nur drei am Leben geblieben, aber es waren nette, gesunde Kinder. Der Bruder seiner Frau, der unleidliche Bayeu, Erster Maler des Königs, redete ihm nicht mehr ein in seine Kunst und seine Lebensführung, sie hatten sich versöhnt, übrigens litt Bayeu schwer am Magen und wird es nicht mehr lange machen. Auch setzten ihm, Francisco, seine Angelegenheiten mit Frauen nicht mehr so heftig zu wie früher; Pepa Tudó, mit der er es jetzt schon seit acht Monaten hielt, war vernünftig. Den schweren Krankheitsanfall, der ihn vor einem Jahr heimgesucht, hatte er überwunden, und er war schwerhörig nur dann, wenn er’s sein wollte. Auch um seine Finanzen stand es nicht schlecht. Die Majestäten zeigten ihm bei jeder Gelegenheit, wie sehr sie ihn schätzten, so tat Don Manuel, der Herzog von Alcudia, der Favorit der Königin, und alles, was in Madrid Namen und Geld hatte, drängte sich, von ihm porträtiert zu werden. »Komm bald, Martín meines Herzens«, hatte er seinen Brief geschlossen, »und schau Dir an, wie zufrieden lebt Dein wohlbestellter ewiger Freund, Dein kleiner Francho, Francisco de Goya y Lucientes, Mitglied der Akademie und Maler des Hofes.« Oben und unten aber hatte er den Brief mit einem Kreuz versehen, auf daß sein Glück daure, und in einer Nachschrift hatte er den Freund aufgefordert, der Jungfrau del Pilar zwei vielpfündige Kerzen zu stiften, daß sie ihm sein Glück erhalte.

Aber Kreuze und Kerzen halfen nicht, und was vor zwei Tagen wahr gewesen, war es heute nicht mehr. Die Frau auf der Estrade hatte alles umgeworfen. Es war Seligkeit gewesen, die großen, metallischen Augen aus dem launischen, hochmütigen Gesicht auf sich zu spüren; neues Leben hatte ihn überschwemmt. Aber er wußte: was gut ist, will bezahlt sein, so besser es ist, so höher. Er wußte, er werde um die Frau kämpfen und leiden müssen, denn man war umgeben von bösen Geistern, immerfort, und wenn man nicht achtgab und sich seinem Gewünsche und Geträume ohne Vorsicht überließ, dann fielen die Ungeheuer einen an.

Er hatte schlecht gesehen. Er hatte eine launische Puppe aus der Frau gemacht. Das war sie, unter anderm; aber das andere, das dahinter, hatte er nicht gesehen. Dabei war er damals schon kein schlechter Maler gewesen, ein besserer jedenfalls als alle andern, auch als die beiden, die ihm bei Hofe voranstanden, Bayeu und Maella. Die mochten mehr gelernt haben bei ihrem Mengs und in ihrem Winckelmann, aber er hatte das bessere Aug und zu Lehrern den Velázquez und die Natur. Und trotzdem war er ein Stümper gewesen. Er hatte nur das Klare der Menschen gesehen, das Deutliche, aber das Vielerlei, das Verworrene, das in jedem Menschen ist, das Gefährliche, das hatte er nicht gesehen. In Wahrheit zu malen angefangen hatte er erst in den letzten Jahren, eigentlich erst seit wenigen Monaten, seit seiner Krankheit. Älter als vierzig hatte er werden müssen, ehe er auch nur zu begreifen begann, was Malen heißt. Aber nun hatte er’s begriffen, nun arbeitete er, jeden Tag viele Stunden. Und da mußte ihm diese Frau dazwischenkommen. Sie war eine großartige Frau, und es wird ein großartiges Erlebnis sein, und sie wird ihm viel zu schaffen machen, und sie wird ihm die Zeit und den Geist für die Arbeit wegstehlen, und er verwünschte sich und sie und das Schicksal, weil er sie so hoch wird bezahlen müssen.

Ein kleines Klingeln kam durch den Schnee, und dann sah er, wie sich ein Priester und ein Chorknabe mit dem Allerheiligsten durch das Wetter arbeiteten, offenbar auf dem Wege zu einem Sterbenden. Leise fluchend zog er sein Taschentuch heraus, breitete es in den Matsch und kniete nieder, wie es der Brauch, die Inquisition und sein Herz verlangten.

Es war ein schlechtes Vorzeichen, daß er der Monstranz auf dem Weg zu einem Sterbenden begegnete. Es wird nicht gut ausgehen mit der Frau. Lieber einem neunjährigen Stier in einer Sackgasse in den Weg laufen, murrte er in seinem Innern, als einer Frau, wenn dein Herz geil ist. Er war aus dem Volk, und sein Inneres war voll von den alten Sprüchen des Volkes.

Er schnaufte unwillig durch die Nase, während er sich durch das Wetter weiterarbeitete, die Hausmauern entlang; denn die Mitte der Straße war knöchelhoher Matsch. Nichts als Ärger hatte man. Unvermittelt dachte er an Monsieur de Havré, den französischen Gesandten. Er hatte sein Porträt gemalt, und der Franzose hatte nicht bezahlt. Nachdem er die Rechnung ein drittes Mal geschickt, hatte man ihm überdies bei Hofe bedeutet, man sähe es nicht gern, wenn der französische Herr weiter behelligt werde. Francisco hatte Aufträge, so viele er wollte, doch wenn es galt, Zahlung zu erhalten, gab es oft Schwierigkeiten. Dabei mehrten sich die Ausgaben. Der Wagen und die Pferde waren kostspielig, die Bedienten waren unverschämt und verlangten immer mehr, auch stahlen sie, aber man konnte nichts machen, ein Hofmaler konnte sich nicht lumpen lassen. Wenn sein seliger Vater wüßte, daß er, der kleine Francho, in zwei Tagen ausgibt, was die ganze Familie Goya in Fuendetodos in einem Jahr verbraucht hat, in seinem Grabe drehte er sich um. Aber war es nicht herrlich, daß er, Francisco, so viel ausgeben konnte? Und ein Schmunzeln ging über sein Gesicht.

Er war vor seinem Hause; der Sereno, der Blockwächter, sperrte ihm das Tor auf. Goya stieg hinauf, warf die nassen Kleider ab, legte sich zu Bett. Allein er konnte nicht schlafen. Im Schlafrock ging er in sein Atelier. Es war kalt. Auf leisen Sohlen schlich er über den Korridor. Aus dem Türspalt des Bedienten Andreo kam Licht. Goya klopfte; wenn der Bursche schon seine fünfzehn Realen bekam, sollte er wenigstens Feuer anmachen. Unwillig tat der halbangezogene Mensch, wie ihm geheißen.

Goya saß nieder und schaute ins Feuer. Schatten kletterten die Wand hinauf, hinunter, fratzenhaft, unheimlich anziehend, bedrohlich. Ein Gobelin hing an der einen Wand, darstellend eine Prozession, das züngelnde Licht riß Teile heraus, den riesigen Heiligen, der auf einem Podium getragen wurde, Gesichter der wilden, inbrünstigen Menge. Der kinnbärtige Kardinal, der, von Velázquez gemalt, aus finstern, etwas gelangweilten Augen von der andern Wand schaute, wurde gespenstisch in dem Geflacker, und selbst die uralte, bräunlichschwarze Holzfigur der Jungfrau, die eckig anmutige Virgen de Atocha, Franciscos Schutzheilige, wurde spöttisch und bedrohlich.

Goya stand auf, räkelte sich, riß sich mit kräftiger Schulterbewegung aus dem Geträume. Lief auf und ab. Nahm Streusand, schüttete ihn über den Tisch.

In den Sand zu zeichnen hub er

An. Es wurde eine nackte

Frau; sie hockte auf dem Boden,

Mit gekreuzten Beinen, lässig.

In den Sand zurück verwischte

Goya sie und machte eine

Zweite, nackt auch sie und tanzend.

In den Sand zurück auch diese

Wischte Goya, machte eine

Dritte. Aufrecht ging sie, stolzen

Ganges, auf dem Kopfe trug sie

Einen Krug. Auch diese mußte

In den Sand zurück. Er griff zum

Stifte. Zeichnete die vierte.

Einen hohen Kamm trug diese,

Und vom Kamm die schwarzen Spitzen

Der Mantilla fielen über

Ihre weiße Nacktheit. Seufzend,

Hilflos zornig, durch die Nase

Schnaubend, sah Francisco Goya

Auf die Zeichnung und zerriß sie.

3

Er arbeitete. Von der Leinwand schaute eine Dame, sehr hübsch, das längliche Gesicht leicht maskenhaft und spöttisch, die Augen weit auseinanderstehend unter hohen Brauen, den breiten Mund mit schmaler Ober- und starker Unterlippe geschlossen. Dreimal bereits war ihm die Dame gesessen. Außerdem hatte er verschiedene Skizzen von ihr gemacht. Jetzt arbeitete er an der Vollendung des Bildes. Er war seines Handwerks sicher und ein rascher Arbeiter. An diesem Porträt werkelte er schon die vierte Woche, und es wollte und wollte nicht glücken.

Dabei war alles »richtig«. Dies war die Dame, die er darstellen wollte, er kannte sie genau und seit langem, er hatte sie mehrmals gemalt, sie war die Frau seines Freundes Miguel Bermúdez. Alles war da, das Verschwiegene, Spöttische, tief Verschmitzte, welches sie hinter ihrer damenhaften Maske versteckte. Aber ein Winziges fehlte, und dieses Winzige war für ihn das Entscheidende. Er hatte sie gesehen bei einer Gesellschaft Don Manuels, des Herzogs von Alcudia, des allmächtigen Günstlings, dessen vertrauter Sekretär Miguel Bermúdez war, sie hatte ein hellgelbes Kleid getragen, weißes Spitzengewebe darüber: und da auf einmal hatte er sie ganz gesehen, das Verschwebende, Verwirrende, das Abgründige, worauf es ankam. Es war ein gewisser silbriger Ton über ihrer Erscheinung gewesen, ganz genau hatte er damals beim Anblick dieser Doña Lucía Bermúdez in dem hellgelben Kleid mit dem weißen Spitzengewebe erkannt, was er machen wollte, machen mußte. Nun quälte er sich damit ab, und es war alles da, das Gesicht und das Fleisch und die Haltung und das Kleid und der helle, graue Hintergrund, der bestimmt richtig war. Und doch war nichts da: die Tönung war nicht da, auf die es ankam, und was fehlte, war ein Winziges, und was fehlte, war alles.

In seinem Heimlichsten wußte er, warum das Bild nicht geriet. Mehr als zwei Wochen waren jetzt vergangen seit dem Theaterabend im Palais Alba, und er hatte von der Frau auf der Estrade nichts gehört. Er war erbittert. Wenn die Frau nicht kam, warum nicht wenigstens rief sie ihn und verlangte den Fächer? Gewiß, sie war beschäftigt mit ihrem frechen, lächerlichen Schloß in Moncloa. Auch hätte er ja wohl ungerufen zu ihr gehen und ihr den Fächer bringen können. Allein das litt sein Stolz nicht. Die Frau mußte ihn rufen. Die Frau wird ihn rufen. Ein Vorgang wie der auf der Estrade konnte doch nicht einfach weggewischt werden wie die Figuren, die er in den Sand zu zeichnen pflegte.

Francisco war nicht allein im Atelier. Wie beinahe immer war sein Schüler und Mitarbeiter Agustín Esteve da; der Raum war groß genug, daß man einander nicht störte.

Heute malte Don Agustín an einem Reiterbild des Generals Ricardos. Das kalte, grämliche Gesicht des alten Generals hatte Goya gemalt, das Pferd und die zahllosen Einzelheiten der Uniform und der Medaillen, auf deren genaue Wiedergabe der General Gewicht legte, überließ er seinem gewissenhaften Agustín. Agustín Esteve, ein hagerer Mensch Anfang der Dreißig, hügeliger Kopf, hohe, gebuckelte Stirn unter zurückweichendem Haar, hohle Wangen, dünne Lippen, das ganze Gesicht länglich, ziemlich spitz zulaufend, war nicht redselig; Francisco indes, mitteilsam von Natur, liebte es, auch während der Arbeit zu schwatzen. Heute aber war auch er schweigsam. Gegen seine Gewohnheit hatte er von dem Abend bei der Alba nicht einmal seinen Nächsten erzählt.

Agustín, auf seine leise Art, trat hinter Goya und beschaute die silbriggraue Leinwand mit der silbriggrauen Frau. Er lebte nun sieben Jahre bei Goya, sie waren beinahe den ganzen Tag zusammen. Don Agustín Esteve war kein großer Maler und war sich dessen schmerzhaft deutlich bewußt. Aber er verstand viel vom Malen, und da war kein zweiter, der so genau gewußt hätte, was stark an Francisco war und was läppisch. Goya brauchte ihn, sein mürrisches Lob, seinen mürrischen Tadel, seine stummen Vorwürfe. Goya brauchte Kritik, er begehrte dagegen auf, er verhöhnte und beschimpfte den Kritiker, er bewarf ihn mit Schmutz, aber er brauchte ihn, seine Bestätigung und seine Verneinung. Er brauchte seinen schweigsamen, immer verdrossenen, tief verständigen, viel wissenden, kennerischen, hageren Agustín, der herumging wie die sieben mageren Kühe, er beschimpfte ihn wüst, wünschte ihn zum Teufel, liebte ihn. Er konnte ohne ihn nicht auskommen, sowenig wie Agustín ohne seinen großen, kindischen, bewunderten, unerträglichen Freund.

Agustín schaute lange auf das Bild. Auch er kannte die Dame, die da so spöttisch von der Leinwand auf ihn schaute, er kannte sie sehr gut, er liebte sie. Er hatte kein Glück bei Frauen, und er wußte, wie wenig reizvoll er war. Doña Lucía Bermúdez war bekannt als eine der wenigen Frauen von Madrid, die neben ihrem Manne keinen Cortejo hatte, keinen erklärten Liebhaber. Francisco, dem, wenn er’s nur darauf anlegte, jede Frau zufiel, hätte sicher ihr Cortejo werden können. Daß er’s offenbar nicht wollte, befriedigte Agustín, doch kränkte es ihn auch. Er war bei alledem Kenner genug, das Bild nur auf seinen künstlerischen Wert hin anzuschauen. Er sah, daß es gut war, und daß gerade das, was Francisco anstrebte, nicht erreicht war. Er bedauerte das und freute sich, ging zurück zu seiner großen Leinwand und arbeitete schweigend weiter am Hinterteil seines Generalspferdes.

Goya war es gewohnt, daß Agustín hinter ihm stand und auf seine Leinwand schaute. Das Porträt der Doña Lucía war nicht geglückt, immerhin war, was er da machte, neu und verwegen, und er hatte auf Agustíns Urteil gespannt gewartet. Nun dieser wiederum stumm vor seinem berittenen General saß, stieg Wut in Goya hoch. Wie frech er war, dieser verkrachte Student, der sich hatte nähren müssen von Bettelsuppen an Freitischen. Wo wäre der Jämmerling hingekommen, wenn sich er, Francisco, seiner nicht angenommen hätte? Der Kastrat, der alle Frauen anschmachtete und sich nichts traute und nichts erreichte. Und so einer wagte es, sich wortlos von seinem Bilde abzukehren. Aber er hielt an sich. Tat, als habe er nicht gemerkt, daß sich der andere das Bild angeschaut hatte. Arbeitete weiter.

Zwei Minuten hielt er’s aus, dann, grimmig, gefährlich sanft, sagte er über die Achsel: »Was hast du zu äußern beliebt? Du weißt doch, daß es heute um meine Ohren wieder schlechter steht. Du hättest ruhig deine faulen Lippen ein wenig weiter aufmachen können.« Don Agustín erwiderte sehr laut und sehr trocken: »Ich habe nichts gesagt.« – »Wenn man von dir was hören will«, schimpfte Francisco, »dann spielst du Salzsäule, und wenn du nicht gefragt bist, dann geht es wie ein Wasserfall.« Agustín erwiderte nichts. Goya aber, böse, fuhr fort: »Ich habe dem General Ricardos versprochen, den Schinken noch diese Woche abzuliefern. Wann endlich wirst du mit deinem Pferd fertig?« – »Noch heute«, antwortete trocken Agustín. »Aber dann werden Sie finden, daß Sie an der Seele des Generals noch eine ganze Menge zu arbeiten haben.« – »Es ist deine Schuld«, empörte sich Goya, »wenn ich nicht rechtzeitig abliefern kann. Ich hatte geglaubt«, höhnte er, »so viel Handwerk wenigstens hättest du dir zugelegt, daß du nicht eine ganze Woche auf einen Pferdearsch verwenden mußt.«

Agustín nahm dem Freunde die Grobheit nicht übel. Was Francisco sagte, zählte nicht; es zählte nur, was er malte. Ins Bild malte er seine Empfindungen und Ansichten treu und wahr bis an die Grenze der Karikatur. Und die Bilder, die Francisco von ihm, Agustín, gemalt hatte, trugen nicht nur die Inschrift: »Dem Don Agustín Esteve sein Freund Goya«, sie waren in Wahrheit das Werk eines Freundes.

Goya machte sich wieder an das Porträt, und wieder arbeiteten beide eine Weile schweigend. Dann klopfte es an die Tür, und herein kam ein unangemeldeter Gast, Don Diego, der Abate.

Goya störte es nicht, wenn man ihm bei der Arbeit zuschaute; er war diszipliniert und verhöhnte jene Maler, die, wie Antonio Carnicero, der Nichtskönner, viel von Stimmung redeten. Franciscos Freunde und seine Kinder mochten jederzeit ins Atelier kommen, Fragen an ihn richten und nach Belieben schwatzen, während er malte. Versperrt war sein Atelier erst nach der sehr frühen Abendmahlzeit; dann ließ er nur zu, wen er sich selber aussuchte, einen Freund oder eine Freundin, oder er blieb auch allein.

Er war also nicht eben ungehalten, als der Abate kam, beinahe war er ihm heute willkommen. Er spürte, er werde das, was ihm vorschwebte, heute doch nicht »sehen«, es gehörte zu dem wenigen, was sich durch Arbeit nicht erzwingen ließ, worauf man zu warten hatte.

Müßig schaute er zu, wie der Abate im Atelier herumging. Der schwere Herr saß niemals still, auffallend leichten Schrittes ging er durchs Zimmer; er hatte, Don Diego, eine selbstverständliche Art, wo immer er war, alles zu untersuchen, es in die Hand zu nehmen, wieder hinzulegen, Bücher, Schriftstücke, Gegenstände jeder Art. Goya, der Menschen schnell durchschaute, kannte den Abate seit langem, aber er war sich über sein Wesen nie klargeworden, ihm war, als trüge der sehr intelligente Mann ständig eine kunstvolle Maske. Unter der hohen, schönen Stirn Don Diegos schauten kluge, lustige Augen, darunter war eine flache, gerade Nase; voll, überaus breit, genießerisch streckte sich der Mund. Das ganze Gesicht saß blaß, jovial, gescheit und sehr unpassend über der schwarzen geistlichen Gewandung. Der Abate war eher ungeschlacht, doch war alles an ihm gepflegt, und er vermochte selbst die geistliche Gewandung elegant zu machen; kostbare Spitzen schauten aus der schweren, schwarzen Seide, steinbesetzt glänzten die Schnallen der Schuhe.

In dem großen Atelier umherwandernd, erzählte der Abate allerlei Klatsch, freundlich ironisch, manchmal auch scharf, niemals langweilig. Er war gut informiert, er war bei den Herren der Inquisition ebenso zu Hause wie in den Kreisen der Freigeister.

Francisco zollte ihm wenig Aufmerksamkeit. Da aber hörte er ihn sagen: »Als ich heute beim Lever Doña Cayetanas war, –« Er zuckte hoch in jäher Erregung. Doch was war das? Er sah den Abate die Lippen bewegen, aber er hörte kein Wort. Ungeheurer Schreck faßte ihn. War jene Krankheit zurückgekommen, die er für immer überwunden glaubte? War er taub? Er schickte einen Blick des Grauens und der Hilflosigkeit hinüber zu dem alten Holzbild der Jungfrau de Atocha. Was die Jungfrau und alle Heiligen verhüten mögen, dachte er, er dachte es mehrere Male, es war alles, was er denken konnte.

Als er wieder hörte, erzählte der Abate von dem Doktor Joaquín Peral, der offenbar auch bei dem Lever der Alba gewesen war. Doktor Peral war erst vor kurzem aus dem Ausland zurückgekehrt und über Nacht der Wunderarzt der Madrider Gesellschaft geworden; es hieß, er habe den Grafen Espaja vom Tode auferstehen machen. Überdies, erzählte der Abate, sei der Doktor beschlagen in allen Künsten und Wissenschaften und ein ausgezeichneter Gesellschafter, man reiße sich um ihn. Allein er sei verwöhnt und mache sich kostbar. Der Herzogin von Alba freilich warte er täglich auf, und sie schätze ihn außerordentlich.

Francisco bemühte sich, den Atem ruhig zu halten. Hoffentlich hatten Agustín und dieser Don Diego nichts von seinem Anfall bemerkt; sie waren luchsäugig, beide. »Mir hat noch keiner geholfen«, sagte er grimmig, »von diesen Bartkratzern und Aderlassern.« Es war aber noch nicht lange her, daß sich die Ärzte aus der Innung der Barbiere hatten aussondern dürfen. Der Abate lächelte. »Ich glaube, Don Francisco«, sagte er, »dem Doktor Peral tun Sie unrecht. Er versteht sein Latein und seine Anatomie. Von seinem Latein kann ich es mit Sicherheit sagen.«

Dann aber verstummte er für eine kleine Weile. Er stand im Rücken Goyas und schaute auf das Porträt, an dem dieser arbeitete. Agustín beobachtete ihn scharf. Der Abate gehörte zu dem Freundeskreise der Bermúdez, und Agustín glaubte wahrgenommen zu haben, daß die Aufmerksamkeiten, die er der schönen Lucía sagte und erwies, zuweilen mehr waren als die üblichen Galanterien eines mondänen Abate.

Jetzt also stand Don Diego vor dem Bilde Doña Lucías, und Agustín wartete gespannt auf das, was er sagen werde. Doch der sonst so beredte Herr äußerte sich nicht.

Vielmehr erzählte er weiter von Doktor Peral, dem großen Arzt. Der habe aus dem Ausland herrliche Gemälde mitgebracht, sie seien aber noch nicht ausgepackt, Doktor Peral suche ein Haus für seine Sammlung. Vorläufig habe er sich einen wunderbaren Wagen angeschafft, einen schöneren sogar, als Don Francisco ihn fahre. Die Karosserie sei in englischem Stil gehalten, vergoldet, den Bildschmuck habe Carnicero entworfen, der übrigens auch Doña Cayetanas Lever beigewohnt habe. »Auch er?« konnte sich Goya nicht enthalten auszurufen. Er befahl sich, ruhig zu bleiben, sich keine neue Welle der Wut und der Taubheit zu gestatten. Es gelang ihm, doch mit Mühe. Er sah sie alle, mit seinen Maleraugen sah er sie, den Abate, den Bartkratzer und den Carnicero, den Kleckser, den Pfuscher, der sich den Titel eines Hofmalers erschlichen hatte, wie sie herumsaßen, die drei Widerwärtigen, während man die Frau anzog und frisierte. Er sah sie schwatzen, sah ihre gespreizten Gesten, sah sie sich weiden am Anblick der Frau, und er sah die Frau ihnen zulächeln, hochmütig und trotzdem ermunternd.

Er hätte ja einfach selber hingehen können zum Lever der Frau. Für ihn hätte sie bestimmt ein tieferes, freundlicheres Lächeln als für die andern. Aber mit diesem Knochen mochte sie einen andern Hund locken. Er wäre nicht hingegangen, und wenn er die Sicherheit hätte, daß sie ihm sogleich ins Bett spränge. Nicht um ein Indien wäre er hingegangen.

Der Abate mittlerweile berichtete, sowie die Hoftrauer abgelaufen sei, in wenigen Wochen also, gedenke die Herzogin eine Gesellschaft zu geben zur Einweihung ihres Schlößchens in Moncloa, des Palais Buenavista. Freilich sei es jetzt schwer, Pläne zu machen, infolge der militärischen Nachrichten von gestern.

»Was für militärische Nachrichten?« fragte Agustín, schneller als sonst. »In was für einer Welt leben Sie, meine lieben Freunde?« rief der Abate. »Bringe wirklich ich Ihnen die böse Nachricht als erster?« – »Was für eine Nachricht?« drängte Agustín. Und der Abate erwiderte: »Sie wissen wirklich nicht, daß die Franzosen Toulon zurückerobert haben? Beim Lever Doña Cayetanas war von nichts anderm die Rede. Abgesehen natürlich«, setzte er mit freundlicher Bosheit hinzu, »von den Aussichten des Costillares beim nächsten Stiergefecht und von dem neuen Wagen des Doktor Peral.« – »Toulon ist gefallen?« fragte heiser Agustín. »Die Nachricht scheint schon vor einigen Tagen eingetroffen zu sein«, antwortete der Abate, »man hat sie wohl zurückgehalten. Ein ganz junger Offizier hat die Festung zurückerobert, unserer und der englischen Flotte vor der Nase weg, ein einfacher Hauptmann. Buonafede oder Buonaparte oder so ist der Name.«

Goya sagte, und es war nicht zu erkennen, ob in seiner Stimme Schmerz war oder Zynismus: »Nun ja, dann werden wir bald Frieden haben.« Agustín schaute ihn finster an. »Wenige in Spanien«, grollte er, »werden wünschen, daß der Friede auf solcher Grundlage zustande kommt.« – »Manche werden es gewiß nicht wünschen«, stimmte der Abate zu.

Er sprach leichthin und zweideutig, und die andern schauten hoch. Es war viel Zwielicht um den Abate. Seit Jahren trug er den Titel »Sekretär der Inquisition«, selbst der neue, sehr fanatische Großinquisitor hatte ihm den Titel belassen. Einige sagten geradezu, Don Diego spioniere für die Inquisition. Andernteils war er eng befreundet mit fortschrittlichen Staatsmännern, es hieß, er sei der Autor gewisser Werke, die unter dem Namen dieser Staatsmänner gingen, und manche erklärten, er sei ein geheimer Anhänger der Französischen Republik. Ganz klug wurde auch Goya nicht aus dem spöttisch duldsamen Herrn; soviel war gewiß: der genießerische Zynismus, den er zur Schau trug, war eine Maske.

Als der Abate gegangen war, sagte Agustín: »Nun wird sich ja Ihr Freund Don Manuel doch wohl herbeilassen müssen, die Regierung zu übernehmen, und dann sitzen Sie noch bequemer im Sattel.« Es hieß nämlich, Don Manuel Godoy, Herzog von Alcudia, der Günstling, sei von Anfang an ein Gegner des Krieges gewesen und habe die offizielle Übernahme der Regierung abgelehnt.

Goya hatte Don Manuel mehrmals zu dessen höchster Zufriedenheit gemalt und sich vor Agustín gerühmt, er glaube, er gelte was bei dem mächtigsten Manne in Spanien. So hörte er aus dem Hohn Agustíns doppelte Schärfe heraus. Der nämlich beschäftigte sich voll brennenden Interesses mit den öffentlichen Dingen, sprach darüber mit Eifer und Verstand und nahm es dem Freunde bitter übel, daß dieser die Sorge darüber von sich wegschob. Was Agustín jetzt geäußert hatte, kratzte Goya sehr. Es war wirklich sein erster Gedanke gewesen, daß nun bald Friede sein und daß sein Gönner Don Manuel die Regierung übernehmen werde. Aber war es nicht natürlich, daß ihm das Freude machte? Er war nun einmal kein Politiker, die politischen Dinge waren ihm zu verworren. Krieg oder Friede, das ging den König an, seine Räte und seine Granden. Seine, Franciscos, Sache war es nicht, er war Maler.

Er antwortete nicht. Er trat vor das Bild, vor das Porträt der Doña Lucía. »Kein Wort hast du gesagt über das Bild«, beklagte er sich. »Sie wissen ja von allein, wie es darum steht«, antwortete Agustín und trat, auch er, vor das Bild. »Es fehlt nichts, und es fehlt alles«, erklärte er mürrisch und autoritativ. »Einen angenehmeren Gesellschafter für dunkle Stunden hätte ich mir nicht aussuchen können«, höhnte Goya. Und da Agustín vor dem Bilde stehenblieb, es betrachtend, fuhr er fort: »Aber da ist sie, deine Lucía, sehen kann man sie, oder nicht?« Und bedenkend, wie er den andern kränken konnte, fuhr er hämisch fort: »Schau sie dir nur an. Was anderes kannst du ja doch nicht mit ihr anfangen, du Pla-to-ni-ker.« Er sprach das Wort mit Mühe, die Silben zerteilend. Agustín preßte die Lippen zusammen. Er selber redete niemals von seiner Liebe zu Doña Lucía, doch Goya verhöhnte ihn damit, sooft er schlechter Laune war. »Ich weiß, daß ich nicht anziehend bin«, antwortete er, und seine Stimme klang noch scholleriger als sonst. »Aber auch wenn ich Sie wäre, mit Ihrer Begabung und mit Ihren Titeln, würde ich keinen Versuch machen, die Frau unseres Freundes Don Miguel Bermúdez zu verführen.«

»Edle Lebensregeln«, höhnte

Don Francisco. »Stolze Sätze.

Von den Füßen bis zum langen

Kopf ein Tugendbold. Nur schade,

Daß sie niemals deine Tugend

Auf die Probe stellt, die ange-

Schmachtete Geliebte.« Keine

Antwort gab Esteve. Düster

Strich er sich das Kinn, beschaute

Schweigend die gemalte Liebste.

Goya aber zürnte: »Keinem,

Auch dem Besten nicht, kann Farbe,

Tönung, Rhythmus kommen in der

Sauern Luft, die von dir ausgeht.«

Und er nahm sich Hut und Mantel,

Zornig, und verließ die Werkstatt.

4

Wenn er, wie an diesem Tage, nichts Besonderes vorhatte, liebte er’s, den Abend mit seiner Familie zu verbringen; er hatte seine Frau gern und ergötzte sich an seinen Kindern. Aber er fürchtete, in seiner heutigen Stimmung werde ihm das harmlose Geschwätz des Familientisches schwer erträglich sein. Er zog es vor, zu seiner Freundin Pepa Tudó zu gehen.

Pepa war angenehm überrascht. Sie war niemals schlampig angezogen wie so viele andere Madrileninnen; auch heute trug sie einen hübschen, blauen Schlafrock, aus dem ihre weiße Haut strahlend herauskam. Zurückgelehnt auf dem Sofa saß sie, träg, üppig, mit dem Fächer spielend, und führte mit ihm ein langsames Gespräch.

Ihre Dueña kam, Conchita, und fragte, was Don Francisco zum Abendessen wünsche. Die dürre Conchita hatte Pepa seit ihrer Geburt betreut und durch alle Wechselfälle ihres jungen und bewegten Lebens bei ihr ausgehalten. Sie berieten über die Zusammenstellung des Essens; dann entfernte sich die Alte, um einzuholen, was nötig war, vor allem den etwas vulgären Manzanilla, den Francisco bevorzugte.

Er blieb schweigsam, auch als Conchita gegangen war. Es war sehr warm in Pepas hübschem Wohnzimmer, das Kohlenbecken war hoch gefüllt, beide fühlten sich faul und behaglich, wiewohl sie wußten, daß einiges zu besprechen war. Pepa hatte eine seltsam schamlose Art, einem unverwandt das Gesicht zuzukehren, ein sehr weißes Gesicht mit breiter, niedriger Stirn unter schönem, rotblondem Haar und grünen, weit auseinanderstehenden Augen.

»Wie hast du die letzten Tage verbracht?« fragte schließlich Francisco. Sie hatte gesungen, sie hatte drei hübsche Couplets gelernt, welche María Pulpillo in der neuen Zarzuela sang, dann hatte sie Karten gespielt mit der Dueña; es war merkwürdig, Conchita war goldehrlich, aber beim Spielen mogelte sie; es war keine Frage, sie hatte sie um drei Realen betrogen. Ferner war Pepa bei der Schneiderin gewesen, bei Mademoiselle Lisette an der Puerta Cerrada. Ihre Freundin Lucía hatte ihr versichert, Mademoiselle Lisette werde ihr einen Ausnahmepreis machen. Aber auch mit Ausnahmepreis wäre der Mantel, den sie benötigte, viel zu teuer gekommen. Sie mußte also weiter bei der Buceta arbeiten lassen. »Übrigens war ich auch bei Lucía«, erzählte sie, »und einmal war Lucía hier.«

Goya wartete darauf zu erfahren, was Lucía über das Porträt gesagt hatte. Aber Pepa ließ ihn warten, er mußte fragen. Ja, von dem Porträt hatte sie auch gesprochen, mehrmals. »Du malst sie doch in dem gelben Kleid. Das hat sie von Mademoiselle Lisette. Achthundert Realen hat sie ihr dafür abgenommen. Da siehst du ihre Preise.« Goya bezähmte sich. »Und was meint Doña Lucía zu dem Porträt?« fragte er. »Sie wundert sich«, erzählte Pepa, »daß es so gar nicht fertig wird. Sie findet, es sei längst soweit, und versteht nicht, daß du dich sträubst, es ihrem Mann zu zeigen. Ich wundere mich auch, offen gestanden«, schwatzte Pepa weiter. »Freilich ist Don Miguel schwierig und hat an allem zu mäkeln. Aber du quälst dich doch sonst nicht so ab. Und was wird dir Don Miguel schon zahlen? Wahrscheinlich gar nichts, weil er dein Freund ist. Und sicher nicht deine dreitausend Realen.«

Goya stand auf und ging hin und her. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, er hätte mit seiner Familie gegessen.

»Sag mir, Francisco«, beharrte Pepa, »warum wirklich plagst du dich so? An meinem Porträt für den Admiral hast du keine drei Tage gearbeitet, und er hat dir viertausend gezahlt. Ist Lucía soviel schwerer als ich? Oder was ist es? Willst du mit ihr schlafen? Oder hast du schon mit ihr geschlafen? Sie ist sehr hübsch, das ist wahr.« Pepa sprach beiläufig, ohne Emotion.

Goyas massiges Gesicht war finster. Wollte Pepa ihn aufziehen? Wahrscheinlich nicht. Sie war häufig so unheimlich sachlich. Wenn er’s ernstlich wollte, hätte er Doña Lucía sicher haben können bei all ihrer maskenhaften Damenhaftigkeit. Aber – da waren viele Aber. Pepa war manchmal schwer erträglich. Und im Grunde war sie gar nicht einmal sein Geschmack. Sie war füllig, eine Jamona, ein hübsches, anmutiges Schweinchen, mit ihrer glatten Haut.

Pepa holte ihre Guitarre und sang. Sie sang leise, mit Hingabe. Sie war schön, wenn sie so dasaß und ihre alten, volkstümlichen Romanzen trällerte, sich mit der Guitarre begleitend. Goya wußte, daß sie im Geiste den alten, poetischen Versen ihre eigenen Erlebnisse unterlegte.

Die Dreiundzwanzigjährige hatte viel erlebt. Sie war in den Kolonien groß geworden, in Amerika, als Tochter eines wohlhabenden Pflanzers. Als sie zehn Jahre alt war, hatte ihr Vater seine Schiffe und sein Vermögen verloren. Er war mit seiner Familie nach Europa zurückgekehrt, aus einem weiten, üppigen Leben war Pepa in ein enges, dürftiges versetzt worden. Ein glückliches Naturell hatte sie davor bewahrt, unter diesem Umschwung ernsthaft zu leiden. Dann war der junge Seeoffizier Felipe Tudó in ihr Leben getreten, er war hübsch und leicht lenkbar, es war eine angenehme Ehe gewesen, aber er war arm und hatte für sie Schulden machen müssen. Wahrscheinlich hätten sie auf die Dauer wenig Freude aneinander gehabt. Nun war er umgekommen auf einer Fahrt seines Geschwaders, in mexikanischen Gewässern, und sicher war er im Paradiese, er war ein guter Mensch gewesen. Als Pepa dann dem Admiral de Mazarredo ihre Bittschrift um Erhöhung der Pension überreichte, hatte sich der dicke, alternde Herr maßlos in sie verliebt. Eine Viudita, eine kleine, leckere Witwe, hatte er sie genannt und ihr die hübsche Wohnung in der Calle Mayor eingerichtet. Pepa hatte es verstanden, daß der Admiral sie nicht seinen Freunden aus dem Hochadel vorführte; es bedeutete viel, daß er sie von dem berühmten Hofmaler porträtieren ließ. Jetzt, im Krieg, kreuzte Don Federico mit seiner Armada auf fernen Meeren, und es war gut gewesen, daß sie ihren Maler getroffen hatte, der sich feurig bereit erklärte, der Einsamen Gesellschaft zu leisten.

Pepa war von ruhiger Gemütsart und erfreute sich dessen, was sie hatte; aber oft erinnerte sie sich des breiten Lebens in den Kolonien, der riesigen Landgüter, der unzähligen Sklaven. Von dem ganzen Überfluß war ihr nichts geblieben als ihre alte, treue Conchita, die goldehrlich war und nur beim Kartenspiel mogelte. Francisco, Francho, war ein wunderbarer Freund, ein richtiger Mann, an dem eine Viudita ihre Freude haben mochte, und ein großer Maler: aber er hatte viel zu tun, seine Kunst nahm ihn in Anspruch, der Hof nahm ihn in Anspruch, seine vielen Freunde und Frauen nahmen ihn in Anspruch, und selbst wenn er bei ihr war, gehörten seine Gedanken nicht immer ihr.

Von alledem träumte Pepa Tudó, wenn sie ihre Romanzen trällerte. Sie träumte wohl, sie sei selber die Heldin einer solchen Romanze, eine schöne, junge Frau zum Beispiel, von Mauren überfallen oder von ihrem Liebhaber an die Mauren verkauft. Es mußte seine Vorteile haben, die vergötterte weiße Geliebte eines tapfern braunen Fürsten zu sein. Sie träumte auch wohl davon, daß ihr hier in Madrid das Glück nochmals begegnen könnte, und sie sah sich als eine jener Damen, die drei- oder viermal im Jahr von ihren Stadtpalästen nach ihren ländlichen Schlössern reisten und wieder zurück an den Hof, immer umgeben von Haushofmeistern, Zofen und Friseuren, angetan mit den schicksten Pariser Kleidern und mit Schmuck, den vor Jahrhunderten die Feldherren der Katholischen Isabella oder Karls des Fünften erbeutet haben mochten.

Die Dueña bat Pepa, ihr beim Zurichten des Tisches zu helfen. Sie aßen. Das Mahl war gut und reichlich, sie genossen es.

Auf sie herunter schaute das Bild des Admirals Federico de Mazarredo. Der Admiral hatte sich von Goya malen lassen für seine Schwester und dann eine Kopie bestellt für Pepa. Agustín Esteve hatte die Kopie gewissenhaft ausgeführt, und nun also schaute der Admiral zu, wie Pepa und der Maler aßen.

Es war keine große Leidenschaft, die Goya zu Pepa getrieben hatte, aber die Selbstverständlichkeit und die Wärme, mit der sie sich ihm gegeben hatte, freute ihn und füllte ihn mit Genugtuung. Sein bäuerlich realistischer Sinn erwog, daß Pepa ihrer Liebe Opfer brachte. Er wußte Bescheid um ihre Vermögensumstände. Nach dem Tod ihres Seeoffiziers hatte sie bei der großen Tirana Schauspielstunden genommen, dabei war das wenige draufgegangen, das ihr geblieben. Jetzt, seit Kriegsbeginn, wurden ihr fünfzehnhundert Realen im Monat angewiesen. Es war nicht ganz klar, wieviel davon Pension der Regierung, wieviel persönliches Geschenk des Admirals war. Fünfzehnhundert Realen waren viel und waren wenig. Kleider bei Mademoiselle Lisette konnte man sich davon nicht machen lassen. Goya war nicht geizig, und er brachte seiner schönen, angenehmen Freundin häufig Geschenke, kleine, manchmal auch ansehnliche. Aber immer wieder überkam ihn die Rechenhaftigkeit des aragonesischen Bauern, und oft, wenn er den Preis eines ihr zugedachten Geschenkes erkundet hatte, kaufte er’s lieber nicht.

Der Tisch war abgeräumt, es war sehr warm, Doña Pepa lehnte in ihrem Sofa, schön, bequem, träg begehrlich, sich mit der wohlgeformten Hand lässig fächelnd. Offenbar dachte sie wieder an Doña Lucía und ihr Porträt; denn, mit dem Fächer auf das Bild des Admirals weisend, sagte sie: »Viel Mühe hast du dir mit dem auch nicht gegeben. Sooft ich ihn anschaue, muß ich denken: der rechte Arm ist viel zu kurz.«

Goya war mit einemmal überschwemmt von dem Gefühl des vielfachen Mißgeschicks, das ihn in diesen letzten Tagen heimgesucht hatte: das aufreibende Warten auf die Alba, das Unvermögen vor dem Bilde der Doña Lucía, der Ärger mit der Politik und dem kritischen Agustín. Und nun kam ihm auch noch die Pepa mit albernen Frechheiten. Mußte ein Mann, den die Alba in Gegenwart der Granden Spaniens angeschaut hatte, als ob sie mit ihm im Bette läge, sich derart blödes Geschwätz anhören und von einer solchen Jamona? Er nahm seinen grauen Seidenhut und stülpte ihn ihr über den Kopf. »Jetzt siehst du von dem Bild des Admirals genausoviel wie vorher«, erläuterte er grimmig.

Sie arbeitete sich aus dem Hut heraus, sie sah komisch und hübsch aus mit der zerstörten hohen Frisur. »Conchita«, rief sie wütend, und als die Alte erschien: »Sperr Don Francisco die Haustür auf.« Aber Francisco lachte nur. »Unsinn, Conchita«, sagte er. »Geh zurück in deine Küche.« Und als sie gegangen war, entschuldigte er sich: »Ich bin heute ein bißchen schwer zu haben, ich hatte viel Ärger. Übrigens war, was du über das Bild gesagt hast, wirklich nicht sehr gescheit. Schau genau hin, dann wird dir der Arm nicht zu kurz vorkommen.« Sie maulte und bestand: »Er ist doch zu kurz.« – »Blind bist du, aber hübsch mit den verwirrten Haaren«, sagte er gutmütig. »Und eine neue Coiffure schenk ich dir auch«, tröstete er sie weiter, und er küßte sie.

Später, im Bett, sagte sie: »Weißt du, daß Don Federico in allernächster Zeit zurückkommt? Kapitän Morales hat es mir gesagt, in seinem Namen, mit Grüßen.« Das stellte Francisco vor eine neue Situation. »Was wirst du tun, wenn der Admiral wirklich zurückkommt?« fragte er. »Ihm sagen, was ist«, antwortete sie. »Ihm sagen: ›Und zwischen uns beiden / Ist alles vorbei‹«, zitierte sie eine ihrer Romanzen. »Das wird unangenehm für ihn sein«, überlegte laut Goya. »Erst verliert er Toulon, und dann dich.« – »Eigentlich hat nicht er Toulon verloren«, verteidigte sachlich Pepa ihren Admiral, »sondern die Engländer. Aber ihm gibt man schuld, das ist nun einmal so.«

Nach einer Weile ließ Francisco einen Gedanken laut werden, der ihn die ganze Zeit beschäftigte. »Und wie wird das mit deiner Pension?« fragte er. »Das weiß ich nicht«, erwiderte sie, nicht sehr besorgt. »Etwas wird mir wohl bleiben.«

Es war nicht Goyas Sache, eine Frau auszuhalten; ein großer Maler hatte dergleichen nicht nötig. Auch überlegte er, daß er Pepa sehr wohl aus seinem Leben wegdenken könnte. Andernteils fand er es natürlich, daß eine hübsche Frau in angenehmen Umständen leben wollte, und es hätte ihn gekränkt, wenn sie, nur weil er ihr nicht genügend Geld gab, schließlich einem andern anheim- oder gar an den Admiral zurückgefallen wäre.

»Laß es dich nicht kümmern«, sprach er.

»Denn ich werde dafür sorgen,

Daß du weiter leben kannst wie

Bisher.« Doch er sprach es schwunglos.

»Danke«, sagte Pepa träge.

»Und den Admiral, den hängen

Wir dann von der Wand weg«, schlug er

Vor, belebt. »Warum denn?« fragte

Pepa. »Weil der Arm zu kurz ist?

Nein, er ist gar nicht zu kurz. Ich

Hab es nur gesagt, weil du dir

Soviel Müh gibst mit Lucía.«

5

Er stand vor dem Porträt, allein, und beschaute es, schärfsten Auges nach Fehlern spähend. Das war Doña Lucía, keine Frage. So lebte sie, so leibte sie, so sah er sie. Alles war da, das Maskenhafte, das etwas Künstliche, das Hintergründige. Denn etwas Hintergründiges hatte sie, und manche glaubten, die Frau, die jetzt dreißig Jahre alt sein mochte, schon früher gesehen zu haben, ohne die damenhafte Maske.

Ob er mit dieser Frau schlafen wolle, hatte die Pepa ihn gefragt. Alberne Frage. Jeder gesunde, im Saft stehende Mann möchte mit jeder halbwegs hübschen Frau schlafen, und Doña Lucía Bermúdez war aufreizend hübsch, damenhaft hübsch, anders hübsch als andere.

Ihr Mann, Don Miguel, war sein Freund. Aber er gestand sich ehrlich zu, daß es nicht das war, was ihn abhielt, Mühe und Zeit auf die Gewinnung Lucías zu verwenden. Vielmehr war, was ihn hemmte, gerade jenes etwas Rätselhafte, Ungewisse. Das reizte den Maler in ihm, aber nicht den Mann. Was sie war und was sie nicht war, ging ineinander über, es ließ sich nicht trennen, es war gespenstisch, unheimlich. Einmal hatte er’s gesehen, damals, im Ballsaal Don Manuels. Der Silberton auf dem gelben Kleid war es gewesen, das Flirrende, jenes verdammte, gesegnete Licht. Das war ihre Wahrheit, seine Wahrheit, das war das Bild, das er machen wollte.

Und mit einemmal sah er es von neuem. Mit einemmal wußte er, wie er jenes schimmernde, schillernde, silbrig verfließende Grau herstellen konnte, das er damals gesehen hatte. Nicht der Hintergrund tat es, nicht das weiße Gewebe über dem gelben Kleid. Diese Linie hier mußte aufgeweicht werden, und hier diese, die Fleischtöne mußten mitwirken, das Licht, das von der Hand ausging, vom Gesicht. Es war ein Winziges, es war alles. Er schloß die Augen und sah. Er wußte, wie er’s zu machen hatte.

Arbeitete. Änderte. Nahm ein Winziges weg, tat ein Winziges zu. Es kam alles von selbst, ohne Mühe. In einer unglaublich kurzen Zeit war es da.

Er beschaute sein Werk. Es war gut. Er hatte es geschafft. Da war etwas Neues, Großes. Das war die Frau, die sie wirklich war, mit all ihrem Geflirre. Er hatte das Verfließende, Verschwebende festgehalten. Das war sein Licht, seine Luft, die Welt seines Auges.

Sein Gesicht entspannte sich, wurde fast töricht vor Genugtuung. Er hockte sich in einen Sessel, leicht erschöpft, müßig.

Agustín kam. Grüßte mürrisch. Machte ein paar Schritte. Ging an dem Porträt vorbei, blicklos. Allein es mußte ihm etwas aufgefallen sein. Er wandte sich mit einem Ruck, Schärfe kam in sein Aug.

Er schaute lange. Räusperte sich. »Das ist es, Don Francisco«, sagte er schließlich, heiser. »Jetzt haben Sie es. Jetzt haben Sie die Luft und das Licht. Jetzt hast du dein richtiges Grau, Francisco.« Goya strahlte knabenhaft über das ganze Gesicht. »Ist das dein Ernst, Agustín?« fragte er und legte ihm den Arm um die Schultern. »Ich scherze selten«, sagte Agustín.

Er war tief aufgerührt, mehr beinahe als Francisco. Er hatte nicht gelernt, mit Zitaten aus dem Aristoteles und dem Winckelmann um sich zu werfen wie Don Miguel Bermúdez oder der Abate. Er konnte nichts, er war ein miserabler Maler, aber er verstand mehr vom Malen als irgendwer sonst, und er wußte, daß dieser Francisco Goya, sein Francho, jetzt etwas erreicht hatte, wovon das ganze Jahrhundert noch keine Ahnung hatte; er war losgekommen von der Linie. Die andern hatten die Linie nur immer reiner herausarbeiten wollen, ihre Malerei war schließlich nichts mehr gewesen als kolorierte Zeichnung. Dieser Francisco lehrte die Welt neu sehen, vielfältiger sehen. Und bei all seiner Einbildung wußte er wahrscheinlich nicht einmal, was er da Großes und Neues gemacht hatte.

Goya jetzt, auffallend langsam, nahm seine Pinsel und wusch sie umständlich aus. Während dieser Arbeit, mit stillem Jubel, doch immer langsam, sagte er: »Ich werde dich nochmals malen, Agustín. Du mußt deinen braunen, schlampigen Rock tragen und dein mürrischstes Gesicht. Das wird großartig werden mit meinem Grau, meinst du nicht? Dein Mürrisches und mein Leuchtendes, du wirst sehen, das wird ein ganz besonderer Effekt.« Er trat vor das riesige Bild des berittenen Generals, an dem Agustín noch immer arbeitete. »Recht gut, der Pferdearsch«, anerkannte er. Dann, überflüssigerweise, wusch er nochmals seine Pinsel.

Agustín indes war voll von

Tiefer Freude, dieses Mannes

Freund zu sein und sein Genosse.

Ja, er hatte ihm auf seine

Ungeschickte Art geholfen

Und den rechten Weg ihn finden

Machen. Voll von Freundschaft blickte

Er auf Don Francisco, seinen

Francho, väterlich beinahe,

So wie auf ein sehr begabtes,

Liebenswertes Kind, das immer

Neue, wilde, dumme Streiche

Macht. Und er gelobte sich’s, den

Unerträglichen Genossen,

Seinen lieben Freund, für stets und

Ewig zu ertragen.

6

Andern Tages, davon verständigt, daß das Porträt nun fertig sei, stellten sich Don Miguel und Doña Lucía Bermúdez in Franciscos Atelier ein.

Francisco Goya und Miguel Bermúdez waren, wiewohl einer am andern manches auszusetzen fand, nahe befreundet. Don Miguel, der Erste Sekretär des allmächtigen Don Manuel, Herzog von Alcudia, leitete aus dem Hintergrund die Geschicke Spaniens. Der fortschrittliche, im Grunde franzosenfreundliche Mann mußte viel Geschick aufwenden, um sich in diesen Zeiten gegen die Intrigen der Inquisition zu halten, und Francisco bewunderte die Bescheidenheit, mit welcher Miguel seine Macht mehr verbarg als zeigte. Als Wissenschaftler hingegen, vor allem als Kunsthistoriker, war Miguel weniger bescheiden, und das von ihm veröffentlichte große Künstlerlexikon gab sich überaus autoritär. Señor Bermúdez ließ, den Theorien eines Winckelmanns und Raphael Mengs folgend, nur die einfache, erhabene Linie gelten, die Nachahmung der Alten. Raphael Mengs und Goyas Schwager Bayeu waren ihm die größten zeitgenössischen Meister Spaniens, und er tadelte seinen Freund Francisco mit höflich pedantischem Bedauern, weil er in der letzten Zeit immer häufiger von der klassischen Theorie abwich.

Francisco freute sich mit spitzbübischer Erwartung darauf, dem Freunde gerade am Porträt seiner Frau zu zeigen, was alles man durch Verletzung der Regeln erreichen konnte; er war überzeugt, daß Miguel trotz seiner strengen Doktrin für wahre Kunst empfänglich war. Er wollte den korrekten Freund, der, bei aller gespielten Gelassenheit, sicher höchst gespannt war auf das neue Werk, seine kostbaren Prinzipien wieder einmal in langen Erörterungen von sich geben lassen, ehe er ihn mit der flirrenden Doña Lucía überraschte. Er hatte also die gemalte Dame mit all ihrer Luft und ihrem Licht und ihrer Schönheit gegen die Wand gekehrt, so daß nur der rauhe, nackte, graubraune Rücken des Bildes sichtbar war.

Es kam, wie er sich’s erwartet hatte. Don Miguel saß da, ein Bein übers andere geschlagen, und wies, ein kleines Lächeln auf dem weißen, leicht gepuderten, viereckigen, klarstirnigen Gesicht, auf eine große Mappe, die er mitgebracht hatte. »Es ist mir geglückt«, führte er aus, »trotz des Krieges dieser Pariser Stiche habhaft zu werden. Da werdet ihr Augen machen, meine Lieben, du, Francisco, und Sie, Don Agustín. Die Stiche sind von Morel und geben wieder das Wichtigste, was Jacques-Louis David in diesen letzten Jahren geschaffen hat.« Es war aber Jacques-Louis David der bekannteste Maler Frankreichs, das Haupt jener klassischen Schule, welche Señor Bermúdez so hoch schätzte.

Die Stiche stellten neben Szenen aus dem klassischen Altertum Menschen und Vorgänge der allerneuesten Geschichte dar, auch sie gehalten in antiker Manier: die französischen Abgeordneten etwa in der Tennishalle, schwörend, sie würden keine weitere Willkür der Tyrannei dulden, Porträts ferner des Danton und des Desmoulins, und vor allem war da Marat, ermordet in der Badewanne.

Das Werk des französischen Malers war dem Wesen und dem Werk Franciscos entgegengesetzt. Doch konnte keiner besser erkennen als er, mit wieviel Kunst diese Bilder gemacht waren. Der tote Marat zum Beispiel. Schlaff nach der Seite lehnte sein Kopf, schlaff fiel der rechte Arm aus der Wanne, während die Linke noch die Bittschrift hielt, welche die listige Mörderin überbracht hatte. Mit kalter Meisterhand war das gemacht, mit überlegener Ruhe, und trotzdem: wie war es erregend. Wie schön und groß bei aller Realistik sprang das häßliche Gesicht des Toten einen an. Wie sehr mußte der Maler diesen »Freund des Volkes« geliebt haben. So stark traf das Geschehnis des Bildes in seiner scheußlichen und großartigen Wirklichkeit den schauenden Goya, daß er für eine Weile nicht mehr der Künstler war, der kritisch das Werk des andern prüft; vielmehr packte ihn Beklemmung, die Angst vor dem Schicksal, das auf einen jeden lauert, ihn aus dem Hinterhalt anzufallen, vor der Staffelei, während man arbeitet, im Bett, wenn man liebt, im Bade, wenn man sich entspannt.

»Es friert einen, wenn man seine Bilder anschaut«, sagte er schließlich. »Ein großer, verabscheuungswürdiger Mann«, und alle dachten daran, wie der Maler und Revolutionär David im Nationalkonvent für den Tod seines Gönners, des Sechzehnten Louis, gestimmt hatte. »Auch nicht auf einen Monat«, schloß Goya, »möchte ich sein Leben gegen das meine eintauschen, nicht für den Ruhm des Velázquez.«

Señor Bermúdez aber erläuterte, wie sich an den Bildern des Franzosen wieder einmal erweise, daß alle wahre Kunst auf dem Studium der Antike basiere. Auf nichts als auf die Linie kam es an. Die Farbe war ein notwendiges Übel und hatte eine einzige Funktion: die, zu gehorchen.

Francisco grinste gutmütig. Nun aber mischte Don Agustín sich ein. Er hatte Respekt, ja, Bewunderung vor der tapfern und gleichwohl geschmeidigen Politik des Señor Bermúdez. Aber alles andere an dem Mann stieß ihn ab. Vor allem verdroß ihn seine Trockenheit, seine pedantische, enthusiastische Schulmeisterei. Es war nicht zu begreifen, daß eine so delikate und lieblich krause Dame wie Doña Lucía diesen Menschen hatte heiraten können, der nichts war als eine zweibeinige Enzyklopädie und im Innersten steril. Grimmig freute er sich darauf, ihn und seine ganze albern gelehrte Theorie vor Doña Lucía durch das Werk Franciscos zuschanden zu machen.

Er tat den breiten, dünnen, mürrischen Mund auf und sagte mit seiner schollerigen Stimme ungewöhnlich höflich: »Die Bilder Davids, die Sie uns da haben sehen lassen, Don Miguel, scheinen wirklich ein Gipfel.« – »Der Gipfel«, verbesserte Bermúdez. »Der Gipfel«, gab Agustín zu. »Trotzdem könnte ich mir vorstellen«, fuhr er mit tückischer Freundlichkeit fort, »daß man auch mit der von Ihnen so gescholtenen Farbe neue, überraschende Wirkungen erzielen könnte. Gipfel-Wirkungen.« Und stakigen Schrittes ging er zur Wand und hob mit kräftiger Bewegung die Leinwand hoch, die dort graubraun lehnte.

»Ich kann mir schon denken«, sagte lächelnd Don Miguel, »wovon Sie sprechen, Don Agustín. Wir sind beide, Doña Lucía und ich, gespannt auf das Porträt, das so lange –« Er vollendete den Satz nicht. Denn jetzt schaute von der Staffelei die gemalte, flirrende Lucía.

Er stand und schwieg. Der Kunstkenner, gewohnt, Bilder an seinen wohlerwogenen Theorien zu messen, vergaß seine Prinzipien. Die Frau auf der Leinwand war die Lucía, die er kannte, und gleichzeitig eine verwirrend andere. Wiederum gegen seine Grundsätze schaute er hinüber zu der Lucía in Fleisch und Blut, seine Bestürzung nur mit Mühe verbergend.

Damals, vor Jahren, als er sie heiratete, war Lucía eine »Maja« gewesen, ein Mädchen aus dem Volk, impulsiv, unberechenbar, und sie zu heiraten, war ein Entschluß gewesen, ebenso schnell wie kühn und gefährlich. Aber Instinkt, Erfahrung und das Studium der Klassiker hatten ihn gelehrt, daß, wer nicht rasch zugreift, häufig leer ausgeht und daß die Götter einem Sterblichen die große Gelegenheit nur einmal zuwerfen. Er hatte auch seine rasche Tat nie bereut. Er liebte und begehrte seine schöne Frau heute wie am ersten Tag; sie hatte sich überdies aus dem zweideutigen Mädchen von der Straße in eine repräsentative Señora Bermúdez verwandelt, um die man ihn beneidete. Eine Dame der Gesellschaft, begehrenswert und repräsentativ, sah sie ihn auch von der Leinwand her an, aber da war um sie herum ein Ungreifbares, Silbriges, Schillerndes, und Don Miguel wußte auf einmal: die Lucía, die er doch während dieser Jahre bis in ihr Letztes ergründet zu haben glaubte, war ihm heute noch so erregend und fremd, so bedrohlich unberechenbar wie am ersten Tag, auch heute noch eine Maja.

Goya nahm mit heiterer Genugtuung die Verblüffung wahr auf dem sonst so beherrschten Antlitz des Freundes. Ja, mein lieber Miguel, die Methoden deines Monsieur David sind gut; klare Linien sind eine gute Sache, und klare Dinge lassen sich damit klar wiedergeben. Aber Welt und Menschen sind nun einmal nicht klar. Das Bösartige, das Gefährliche, das Kobold- und Hexenhafte, das Dahinter, das läßt sich mit deinen Mitteln nicht malen, das kann man den verehrten Alten nicht abschauen. Da wissen sich dein Winckelmann und dein Mengs und da weißt auch du dir keinen Rat.

Er selber, Francisco, blickte von der gemalten Frau zu der lebendigen. Die stand da, tief schweigend und schauend auch sie. Ihre schmalen, schrägen Augen unter den hohen, höflich befremdeten Augenbrauen schauten auf das flirrende Licht, welches sie auf dem Bilde umspielte, ihr launisches Gesicht hatte etwas von seiner Maskenhaftigkeit abgelegt, ihr breiter Mund hatte sich leicht geöffnet, ein Lächeln war um ihn, doch nicht fein und spöttisch wie sonst zumeist, sondern tiefer, gefährlicher, wohl auch vulgärer, lasterhafter. Und plötzlich erinnerte sich Francisco Goya einer Episode, die er vergessen und lange gesucht hatte. Einmal war er mit einer Frau im Prado spazierengegangen, es war viele Jahre her, und eine Avellanera, eine Mandelverkäuferin, halbwüchsig, sie mochte vierzehn oder fünfzehn sein, hatte sich an ihn herangemacht. Er hatte Mandeln für seine Dame kaufen wollen, das Kind hatte ihn überfordert, er hatte einen niedrigeren Preis geboten, und die junge Verkäuferin, eine richtige Maja, hatte ihn ertränkt in einem Strom von Hohn und Geschimpfe: »Zwei Realen. Ich will meinen Patron fragen. Warten Sie hier, schöner Herr, in einem halben Jahr bin ich zurück mit der Antwort.« Und sie hatte andere ihrer Rotte herbeigeschrien: »Kommt her, meine Lieben. Hier ist einer, der das Geld springen läßt. Er hat die Spendierhosen an. Er will zwei Realen für seine Dame springen lassen.« Und beschämt und zornig hatte er dem frechen Balg die fünf Realen hingeworfen. Es war ihm ein Triumph, daß er etwas aus dieser abgelebten Zeit in seine Lucía hineingemalt hatte, etwas von dieser vulgär spitzbübischen Lucía und ihrer verfänglichen Lust an dreisten Antworten und derben Späßen. Und es war ihm ein Triumph, daß sein Bild sie trieb, die Maske ein wenig zu lüften.

Don Agustín seinesteils, als jetzt Lucía vor dem Porträt stand, sah, wie die Schönheit der Frau im Fleische die Schönheit des Bildes erhöhte, und die Herrlichkeit des Bildes die Herrlichkeit der Frau, und das Herz war ihm gepreßt von Begierde und von Genuß.

Noch immer schwiegen alle. Da endlich tat Doña Lucía den Mund auf. »Ich habe gar nicht gewußt«, sagte sie mit ihrer etwas schleppenden Stimme zu Don Francisco, »daß ich auch lasterhaft bin.« Diesmal aber verriet ihr spielerischer Ton und ihr Lächeln mehr, als es versteckte. Sie forderte Francisco heraus, des war kein Zweifel, sie schickte sich an, gerade in Gegenwart ihres Mannes, seines Freundes, ein bedenkliches Spiel mit ihm zu beginnen. Er aber begnügte sich, sehr höflich zu erwidern: »Es freut mich, daß mein Porträt Ihnen gefällt, Doña Lucía.«

Diese Wechselreden rissen Agustín aus seiner Verzückung und brachten ihn zurück auf sein Geschäft, die Demütigung Don Miguels. »Ich bin neugierig«, sagte er mit seiner brüchigen Stimme, »ob auch der Herr Gemahl so zufrieden ist mit dem Bilde wie Sie.«

Don Miguel hatte sich nach der ersten Betroffenheit bemüht, die allzu persönlichen Gesichtspunkte zurückzudrängen, doch der Kunsttheoretiker stand vor dem Gemälde nicht weniger verwirrt wie der Mann der Doña Lucía. Er konnte es nicht leugnen: dieses regelwidrige Produkt bewegte ihn, sprach ihn an, es war schön. »Das ist alles ganz falsch«, sagte er schließlich, »aber ich gebe zu, es ist großartig.« – »Sie sind ein Bekenner«, sagte Agustín und grinste über sein knochiges Gesicht.

Der ehrliche Miguel aber rang sich noch stärkere Anerkennung ab. »Ich habe dich doch gesehen, Lucía«, sagte er, »in diesem gelben Kleid, bei dem Ball Don Manuels, und du sahst wunderbar aus in dem Licht der vielen Kerzen. Aber auf dem Bild siehst du noch schöner aus. Und dabei bleibt dieser Teufelsmensch durchaus bei der Wahrheit. Wie hast du es nur angestellt, Francisco?« – »Das kann ich Ihnen sagen, Don Miguel«, erklärte trocken Agustín, »es gibt eben mehr als die Wahrheit.«

Doch vermochten die Anrempelungen Agustíns Don Miguel nicht zu ärgern, und auch die Beklemmungen und Bedenken, welche ihm das Porträt bereitet hatte, quälten ihn nicht länger. Er war ein fanatischer Sammler großer Kunst, und sein Herz wärmte sich an der Freude, daß ihm für wenig oder eigentlich für nichts dieses zwar regelwidrige, aber erregende und kunsthistorisch bedeutsame Gemälde zufallen sollte.

Die wichtigsten Geschäfte Don Manuels lagen in seiner Hand, seine Zeit war bemessen. Trotzdem verzog er im Atelier des Freundes. Ein Bein über das andere geschlagen, mechanisch mit den Davidschen Stichen spielend, meinte er: »Ich bin neugierig, Francisco, ob du deine neue Methode auch anwenden wirst, wenn du jetzt meinen Herzog porträtierst.« Und da Goya hochsah, fuhr er fort, sehr beiläufig: »Denn selbstverständlich werden wir jetzt, nachdem Don Manuel das Ministerpräsidium übernommen hat, dich bitten müssen, mindestens zwei weitere Porträts von ihm zu malen, und wir benötigen eine ganze Reihe von Kopien für die Ministerien und für die öffentlichen Institute.« Goya freute sich. Sein Freund Miguel ließ sich nichts schenken; er bezahlte nichts für Lucías Porträt, aber er verschaffte ihm den ehrenvollen und einträglichen Auftrag. Der Fall Toulons griff wahrhaftig in sein Leben ein; er nötigte ihm die Sorge für Pepa auf, doch brachte er ihm auch den dicken Auftrag.

Don Miguel, mittlerweile, im gleichen, leichten, beiläufigen Ton, fuhr fort: »Wenn es dir recht ist, arrangiere ich also eine längere Sitzung in den allernächsten Tagen, beginnend beim Lever.« – »Das ist besonders freundlich von dir«, bedankte sich Francisco.

Allein Señor Bermúdez war noch nicht zu Ende. »Es wird sich manches ändern«, plauderte er, »nun Don Manuel in Person die Leitung der Geschäfte übernommen hat. Das Land wird sich daran gewöhnen müssen, die Französische Republik als einen Faktor anzuschauen, der sich nicht mehr aus der Welt schaffen läßt.« Agustín sah hoch. »Verstehe ich Sie recht«, fragte er eifrig, »wird Don Manuel die Innenpolitik des Landes wieder auf die früheren Prinzipien stellen? Beabsichtigt er, gewisse Maßnahmen gegen die Liberalen aufzuheben?« – »Eben das«, erwiderte Bermúdez, und, immer mit den Stichen spielend, ohne Francisco anzuschauen, wandte er sich an diesen: »Übrigens könntest du uns helfen, Francisco. Du weißt, wie gerne dich Don Manuel um sich sieht. Vielleicht könntest du ihm bei deinen Sitzungen eine gewisse politische Maßnahme nahelegen.« Und noch leichter, im Konversationston, mit dem übergeschlagenen Bein wippend, schloß er: »Ich denke, es wäre an der Zeit, Don Gaspar zurückzurufen.«

Der ruhige Agustín stand auf, erregt. Goya atmete stark durch die flache Nase, Unbehagen über dem ganzen Gesicht.

Es war nämlich Don Gaspar Melchor de Jovellanos der angesehenste liberale Staatsmann und Schriftsteller des Landes, allgemein nannte man ihn den »spanischen Voltaire«. Als Minister des vorigen Königs hatte er eine Menge wohltätiger Reformen durchgesetzt. Dem Vierten Carlos indes und Don Manuel war der strenge, stets fordernde Mann bald unbequem geworden, er hatte die Krone in immer neue Zwistigkeiten mit der Inquisition und dem reaktionären Hochadel gebracht, und der Ausbruch der Französischen Revolution hatte willkommenen Vorwand gegeben, den Führer der Liberalen, den Umstürzler, beiseite zu schieben; man hatte ihn in seine fernen heimatlichen Berge verbannt und ihm die Veröffentlichung weiterer Werke untersagt. Es war keine angenehme Aufgabe, Don Manuel um die Begnadigung dieses Mannes zu bitten.

Francisco schwieg. Agustín ging auf und ab, unmanierlich, erregt, stakigen Schrittes. Doña Lucía, mit ihrem Fächer spielend, schaute neugierig aus ihren schleierigen Augen auf Goyas verdrossenes Gesicht. »Wieso brauchst du für eine solche Anregung mich, Miguel?« fragte Francisco schließlich. »Warum trittst du nicht selber für Jovellanos ein?« – »Von der Stunde an«, erwiderte freundlich gelassen Don Miguel, »da mein Herzog die Regierung übernahm, war ich entschlossen, die Rehabilitierung meiner liberalen Lehrer und Freunde zu verlangen. Aber Don Manuel weiß natürlich wie jedermann, wie sehr ich Don Gaspar verpflichtet bin, daß ich ihm meine ganze Karriere verdanke und wohl auch meine Philosophie. Du, Francisco, bist unverdächtig, du giltst als politisch neutral und keinesfalls als Parteigänger Don Gaspars, wiewohl er, wenn ich mich recht erinnere, auch für dich einiges getan hat. Es wäre ohne Zweifel wirksam, wenn der erste Anstoß von dir käme. Ich werde dann nachdrücken, und wenn wir erst Jovellanos wieder hier haben, werde ich auch die Rehabilitierung des Grafen Cabarrús und der andern erwirken.«

Francisco strich sich verdrossen das dichte Haar weiter vors Ohr. Der Hinweis auf die Dienste, welche ihm Jovellanos erwiesen hatte, ärgerte ihn. Es war richtig, Jovellanos hatte ihm, als er unbekannt und bettelarm nach Madrid kam, einen großen Porträtauftrag gegeben und wirksame Empfehlungen. Doch im Grunde war ihm der unerbittlich strenge Mann fremd geblieben, er verspürte vor ihm die gleiche frostige Bewunderung wie vor dem Maler David, er verstand es, daß der leichtherzige Don Manuel den grimmigen Jovellanos nicht leiden mochte, der immer als ein lebendiger Vorwurf herumging. Nun also forderte der tugendhafte Miguel, daß er, Francisco, sich großherzig und dankbar zeige. »Gute Taten«, dachte er eine alte Volksweisheit, »machen sich gewöhnlich erst im Himmel bezahlt, schlechte auf Erden.«

Don Miguel redete ihm zu: »Gerade jetzt, da Don Manuel dem Frieden mit Frankreich zusteuert, ist eine solche Anregung aussichtsreich.«

Vermutlich stimmte das. Trotzdem blieb Miguels Bitte eine Zumutung, und Goyas unbeherrschtes Gesicht zeigte deutlich sein Widerstreben. Sein Aufstieg war langsam gewesen, er hatte ihn sich erkämpfen müssen durch Leistung, Zähigkeit, List und Vorsicht. Jetzt sollte er das Erreichte gefährden dadurch, daß er sich in Staatsgeschäfte mischte. »Schließlich bist du der Politiker«, sagte er unmutig, »ich bin Maler.« – »Begreife doch, Francisco«, erklärte ihm nochmals geduldig Señor Bermúdez, »daß in diesem Fall du der bessere Fürsprech bist, eben weil du keine politischen Ambitionen hast.«

Doña Lucía schaute Francisco noch immer an, unverwandt. Den Fächer hielt sie jetzt fast geschlossen, der Brust zugekehrt, in der Sprache der Majas bedeutete das spöttische Ablehnung, und das Lächeln um ihre langen Lippen hatte sich vertieft. Auch Agustín starrte auf Goya, gespannt, geradezu höhnisch, und dieser wußte, daß auch der treue Freund sein Zögern mißbilligte. Es war niederträchtig von Miguel, daß er ihm seinen peinlichen Vorschlag in Gegenwart Doña Lucías und Don Agustíns machte.

»Gut denn«, sagte er verdrossen,

Schwunglos, »gut, ich werd es machen,

Und es möge Unsre Jungfrau

Von Atocha mich bewahren,

Daß es nicht zum Bösen ausgeh.«

Und er schaute nach dem Holzbild,

Sich bekreuzend.

Doch Lucía

Sagte lächelnd zu dem Gatten:

»Wußt ich’s doch, dein Freund Francisco

Ist voll Hilfsbereitschaft, edel,

Tapfer, selbstlos, ein Hidalgo

Von dem Kopf bis zu den Füßen.«

Grimmig schaute Don Francisco.

Als die beiden dann gegangen

Mit dem Bild Doña Lucías,

Wandte sich Francisco böse

Gegen Agustín. »Da sitzt du«,

Hub er an, »und lachst und freust dich.

Du hast’s leicht mit deiner Tugend,

Hungerleider. Was hast du schon

Zu verlieren?« Und er seufzte.

»Wo man hinkommt, nichts als Ärger«

Murrte er das alte Sprichwort,

»Wo man hinkommt, stets das gleiche:

Pflichten, Schulden, Kinder, Unkraut.«

7

Als am übernächsten Tage Goya beim Lever Don Manuels erschien, um das bestellte Porträt zu beginnen, fand er den Vorsaal dicht gefüllt. Durch die geöffnete Tür sah man in das üppige Schlafzimmer, wo der Herzog angekleidet und frisiert wurde.

Es waren da Lieferanten aller Art, Spitzenhändler, Juwelenhändler, ein Kapitän, soeben aus Amerika zurückgekehrt, der dem Herzog seltene Vögel zum Geschenk machen wollte. Da war Señor Paván, der die neugegründete, von Don Manuel subventionierte geographische Zeitschrift »Der Weltreisende« redigierte, und da war Don Roberto Ortega, der große Botaniker, um dem Herzog sein letztes Werk zu überreichen; Don Manuel ließ es sich angelegen sein, die botanische Wissenschaft zu fördern. Die meisten Besucher aber waren junge, hübsche Frauen, die dem Minister Bittschriften präsentieren wollten.

Sowie ihm Goya gemeldet wurde, kam Don Manuel ins Vorzimmer, halb angezogen, den Schlafrock flüchtig übergeworfen, gefolgt von Sekretären und Bediensteten. Die Lakaien trugen rote Strümpfe, ein Abzeichen, das dem königlichen Haushalt vorbehalten war; aber der Vierte Carlos hatte den Herzog ermächtigt, auch seine Dienerschaft die auszeichnenden Strümpfe tragen zu lassen.

Don Manuel begrüßte Goya herzlich. »Ich habe Sie erwartet«, sagte er und hieß ihn in das innere Zimmer treten, während er selber im Vorraum noch eine Weile verzog. Er sprach den und jenen an, lässig, nicht unfreundlich, hatte ein paar nette Worte für den Kapitän, der die feindliche Blockade durchbrochen hatte, dankte liebenswürdig dem Botaniker, schaute sich jovial, ungeniert abschätzend die wartenden Frauen an, ließ die Bittschriften von seinen Sekretären entgegennehmen, schickte dann die ganze Versammlung fort und ging zurück in sein Ankleidezimmer, zu Goya.

Während man ihn vollends ankleidete und während ihm Señor Bermúdez, sie erläuternd, allerlei Papiere zur Unterschrift vorlegte, machte sich Francisco ans Werk. Das hübsche Gesicht des Ministers, voll, faul, mit dem kleinen, üppigen, sehr roten Mund hatte etwas sonderbar Starres. In seinem Innern, während er arbeitete, lächelte Goya über die vielen stümperhaften Bilder dieses Gesichtes, die andere gemacht hatten. Sie waren gescheitert, weil sie sich bemüht hatten, es zu heroisieren. Es war nicht leicht, Don Manuel richtig zu sehen, es war viel Haß um ihn. Die öffentlichen Dinge standen schlecht, und die königstreuen Spanier maßen die Schuld nicht ihrem Monarchen bei, sondern eher der Königin, der Fremden, der Italienerin, und vor allem ihrem Freund, ihrem Cortejo, Don Manuel. Der kam von unten, er hatte nichts als sein unverschämtes Glück, und er hatte sich zu benehmen wie sie selber, nicht wie ein großer Herr oder der König.

Goya dachte anders. Gerade sein Glück, sein märchenhafter Aufstieg, machten ihm den jungen Herrn sympathisch.

Geboren in Badajoz, in der herdenreichen Estremadura, aus kleiner Familie, war Manuel jung als Gardeleutnant an den Hof gekommen und dort durch seinen strammen, wohlgebildeten Körper und seine angenehme Stimme der Frau des Thronfolgers, der Prinzessin von Asturien, aufgefallen. Die lebensgierige Dame ließ nicht mehr von ihm, als Kronprinzessin nicht und nicht als Königin. Heute, mit siebenundzwanzig Jahren, nannte sich der stattliche Jüngling Manuel de Godoy y Alvarez de Faria, Herzog von Alcudia, er war Generalkapitän der wallonischen Leibgarde, Geheimsekretär der Königin, Präsident des Kronrats, Ritter des Goldenen Vlieses, im Besitz aller Reichtümer, die er begehrte, und Vater der beiden jüngsten königlichen Kinder, der Infantin Isabella und des Infanten Francisco de Paula, sowie zahlreicher Bastarde.

Goya wußte, daß es schwer war, so viel Glück zu ertragen, ohne bösen Herzens zu werden. Don Manuel blieb gutmütig, er hatte Respekt vor Kunst und Wissenschaft, war empfänglich für Schönes und wurde gemein und grausam nur, wenn ihm jemand nicht den Willen tat. Es wird nicht einfach sein, Leben in das breite Gesicht des jungen Herzogs zu malen; denn der repräsentierte gern und legte zu diesem Zweck eine hochmütig blasierte Maske an. Francisco, infolge der Sympathie, die er für ihn spürte, wird es vermögen, die Lust zum Leben und zum Lachen sichtbar zu machen, die sich hinter der leicht gelangweilten Miene verbarg.

Don Manuel hatte die vorgelegten Akten unterzeichnet. »Und nun«, sagte Señor Bermúdez, »habe ich Eurer Exzellenz einige Mitteilungen zu machen, die nicht für die Öffentlichkeit geeignet sind«, und er schaute mit lächelndem Blick auf Goya. »Don Francisco ist keine Öffentlichkeit«, sagte liebenswürdig der Herzog, und Don Miguel schickte sich an, Vortrag zu halten.

Der Geschäftsträger des Regenten von Frankreich, Monsieur de Havré, hatte in anmaßendem Ton verlangt, Spanien solle den Krieg gegen die gottlose französische Republik mit mehr Intensität führen. Don Manuel war eher amüsiert als ungehalten. »Unser dicker Prinz Louis kann leicht kriegerisch sein in seinem Hotelzimmer in Verona«, meinte er, und er erläuterte dem Maler: »Er lebt im Gasthof ›Zu den Drei Buckligen‹, und wenn wir ihm nicht Geld schicken, muß er eines von seinen zwei Zimmern aufgeben. Stellt er bestimmte Forderungen?« wandte er sich wieder an Bermúdez. »Havré hat mir eröffnet«, erwiderte dieser, »zehn Millionen Francs und zwanzigtausend Mann mehr seien das mindeste, was sein fürstlicher Herr von der Krone Spaniens erwarte.« – »Havré hat eine hübsche Tochter«, meditierte Don Manuel, »freilich mager, hundsmager. Ich habe nichts gegen Magere, aber zu dürr, das ist auch nichts. Was meinen Sie, Don Francisco?« Und ohne die Antwort abzuwarten, gab er Miguel Weisung: »Teilen Sie Monsieur de Havré mit, daß wir unser Äußerstes getan haben. Und weisen Sie ihm in Gottes Namen nochmals fünftausend Francs an. Haben Sie übrigens die Zahlung erhalten für Ihr Porträt?« wandte er sich wieder an Goya. Und da Goya verneinte, kommentierte er: »Da sieht man es. Noch vor fünf Jahren war dieser Monsieur de Havré einer der glänzendsten Herren am Hofe von Versailles, jetzt zahlt er nicht einmal seinen Maler.«

»Monsieur de Havré«, berichtete Bermúdez weiter, »ist leider nicht der einzige, der verlangt, daß Verstärkungen an die Front gehen. General Garcini tut es noch viel dringlicher. Die Nachrichten vom Kriegsschauplatz sind schlecht«, fuhr er fort und blätterte in seinen Akten. »Figuera ist gefallen«, schloß er.

Der Herzog hatte bisher seine Pose festgehalten. Jetzt sah er hoch, peinlich überrascht, und wendete sich Bermúdez zu. Doch gleich wieder drehte er den Kopf zurück in die Pose. »Entschuldigen Sie, Don Francisco«, sagte er.

»Garcini fürchtet«, erklärte Don Miguel, »nun unsere Alliierten geschlagen seien, würden die Franzosen Truppen von den andern Fronten abziehen und in die Pyrenäen schicken. Garcini fürchtet, wenn er keine Verstärkungen erhält, könnten die Franzosen in drei Wochen am Ebro sein.«

Goya nahm an, nun werde Don Manuel ihn wegschicken. Aber der blieb in der Pose. »Ich glaube nicht«, überlegte er laut, mit sanfter Stimme, »ich glaube nicht, daß ich Garcini Verstärkungen schicken werde.« Und da Bermúdez erwidern wollte, fuhr er fort: »Ich weiß, die Kirche wird ungehalten sein. Aber das muß ich eben auf mich nehmen. Wir haben mehr getan als die Alliierten. Soll das Land sich ausbluten? Der Hof schränkt sich ein, mehr und mehr. Doña María Luisa hat zwei Stallmeister entlassen und zehn Lakaien. Ich kann der Königin keine weiteren Entbehrungen zumuten.« Er hatte die Stimme leicht gehoben, aber der Kopf blieb in der Stellung, die Goya ihm angewiesen hatte. »Was soll ich also General Garcini mitteilen?« fragte sachlich Bermúdez. »Die Französische Republik«, antwortete Don Manuel, »pflegt Generäle, die versagt haben, zu guillotinieren; wir begnügen uns, ihnen keine Verstärkungen zu schicken. Das, bitte, teilen Sie General Garcini mit, aber in höflicher Form.«

»Offenbar«, berichtete Don Miguel weiter, »haben unsere Alliierten alle Hoffnung aufgegeben, Frankreich niederzuwerfen. Der preußische Gesandte hat die Ansichten seiner Regierung über die Kriegslage in einem Memorandum niedergelegt, in einem langen Memorandum.« – »Bitte, machen Sie es kurz«, forderte Don Manuel ihn auf. »Herr von Rohde«, antwortete Bermúdez, »deutet an, seine Regierung beabsichtige, Frieden zu machen, wenn sie halbwegs erträgliche Bedingungen erzielen könne. Er rät uns das gleiche.« – »Was hält er für halbwegs erträgliche Bedingungen?« fragte Don Manuel. »Wenn uns«, antwortete Bermúdez, »die Französische Republik die Kinder der toten Majestäten auslieferte, dann, findet Preußen, wäre das ein ehrenvoller Friede.« – »Die königlichen Kinder von Frankreich«, meinte Don Manuel, »sind, wenn sie kein Land mitbekommen, mit fünfzig Millionen Realen und zwölftausend toten Spaniern ein wenig hoch bezahlt. Finden Sie nicht, Don Francisco?« Goya lächelte höflich; er fühlte sich geschmeichelt, daß ihn Don Manuel in die Unterredung zog. Er malte weiter, aber er hörte gespannt zu. »Wenn der kleine König Louis und Madame Royale in unsern Schutz gerettet werden«, erläuterte Bermúdez, »dann lebt die Idee der französischen Monarchie auf unserm Boden fort. Das ist kein unehrenhafter Friede.« – »Ich hoffe, Don Miguel«, antwortete der Herzog, »Sie werden uns für die Kinder wenigstens noch das Königreich Navarra herausschlagen.« Bermúdez entgegnete liebenswürdig: »An mir soll es nicht fehlen, Exzellenz. Aber ich fürchte, da wir Garcini keine Verstärkungen schicken, werden wir uns mit den Kindern begnügen müssen.« Er raffte seine Akten zusammen, verabschiedete sich, ging.

Goya hatte über dem politischen Gespräch den Zweck vergessen, zu welchem Don Miguel diese Zusammenkunft mit dem Herzog arrangiert hatte. Jetzt fiel ihm die Angelegenheit Jovellanos schwer aufs Herz.

Er fragte sich, wie er sein Ansuchen vorbringen sollte. Doch bevor er sprechen konnte, nahm Don Manuel das Wort. »Viele werden verlangen«, sagte er nachdenklich, »ich solle Garcini abberufen. Viele verlangen auch, ich solle den Admiral Mazarredo abberufen, weil er den Fall Toulons nicht verhütet hat. Aber Krieg ist Glückssache, und ich bin nicht rachsüchtig. Haben Sie nicht übrigens ein paar Porträts für den Admiral gemalt?« fuhr er fort, lebhafter. »Mir ist, als hätte ich ein Bild von Ihnen in seinem Hause hängen sehen. Ja«, bestätigte er sich selbst, »es war bei dem Admiral, wo ich dieses ungewöhnlich gute Damenporträt sah.«

Verwundert hörte Goya zu. Wohinaus wollte Don Manuel? Die Frau, die er für den Admiral gemalt hatte, war Pepa Tudó gewesen, bei den Sitzungen für dieses Porträt hatten sie sich kennengelernt. Er war auf der Hut. »Ja«, sagte er unverbindlich, »ich habe für den Admiral eine Dame seines Bekanntenkreises gemalt.« – »Das Bild ist wunderbar geworden«, meinte Don Manuel. »Die Dame dürfte übrigens auch in Fleisch und Blut sehr hübsch sein. Eine Witwe, eine Viudita, hat mir, glaube ich, der Admiral mitgeteilt. Ihr Mann soll umgekommen sein, in Mexiko oder so, und der Marineminister hat ihr eine Pension ausgesetzt. Oder irre ich mich da? Eine ungewöhnlich hübsche Dame.«

Jetzt hatte Goya mit seinem bäuerlich realistischen Verstand begriffen, wohinaus Don Manuel wollte, und er war verwirrt, hin und her gerissen. Er sah sich mit einemmal verstrickt in eine komplizierte Intrige. Er begriff, warum Miguel nicht selber für Jovellanos sprach, sondern ihn vorschickte; Miguel hatte keine Pepa anzubieten für den alten Liberalen. Francisco kam sich ein bißchen blöd vor. Vielleicht stak sogar Doña Lucía hinter dem ganzen Handel. Vielleicht hatte sie ihn darum so niederträchtig gespannt angestarrt mit ihrem dreisten Lächeln, als er nicht gleich ja sagte. In all seinem Ärger aber amüsierte er sich auch über die seltsamen Wege, welche da der Tugendbold Miguel Bermúdez ging, um einen noch Tugendhafteren aus der Verbannung zu holen. Wahrscheinlich hielt es Miguel für seine, Goyas, Pflicht, die Freundin aufzugeben, wenn dafür etwas so Großes wie die Rückberufung des Jovellanos erreicht werden konnte. Wahrscheinlich auch hielt Miguel das Opfer, welches er ihm zumutete, für nicht übermäßig groß, und das war richtig: er konnte sich sein Leben schließlich auch ohne Pepa vorstellen. Aber die Rolle, in die man ihn da hineindrängte, war widerwärtig, sie kränkte seinen Stolz. Ihm lag nicht übermäßig viel an Pepa, aber abzwingen, abkaufen läßt er sie sich nicht. Er wird sie diesem eingebildeten Lümmel Manuel nicht abtreten, bloß, weil den nach ihr juckt.

Andernteils war er Don Gaspar zu Dank verpflichtet, und es war nicht recht, daß der in seinen Bergen sitzenbleiben sollte, zum Müßiggang verurteilt in einer Zeit spanischen Elends, bloß weil er, Francisco, eine Frau festhielt, an der ihm nicht viel lag, eine Jamona.

Zunächst einmal wird er selber vorstoßen und mit der Angelegenheit Jovellanos kommen. Don Manuel wird ein Gesicht machen; aber wer sauren Wein anbietet, darf sich nicht wundern, wenn man ihm sauren Wein zu trinken gibt, wie es im Sprichwort hieß. Schwerlich wird, wie jetzt die Dinge liegen, Don Manuel nein sagen können, und dann wird er, Francisco, weitersehen.

Ohne sich zu dem Thema Pepa Tudó zu äußern, immer arbeitend, sagte er also nach einer Weile: »Das Land wird Ihnen dankbar sein, Don Manuel, wenn Sie den Frieden bringen. Madrid wird ausschauen wie früher, und das Herz wird einem warm werden, wenn man wieder die Gesichter zu sehen bekommt, die man so lange vermißt hat.« Don Manuel, wie es Francisco erwartet hatte, war erstaunt. »Vermißt?« fragte er zurück. »Sie glauben ernstlich, Don Francisco, Madrid hat die paar allzu eifrigen Fortschrittler vermißt, die wir haben bitten müssen, Landaufenthalt zu nehmen?« – »Es fehlt einem was«, antwortete Goya, »wenn gewisse Leute nicht da sind. Sehen Sie, Exzellenz, meine Bilder verlören ihr halbes Leben mit gewissen winzigen Lichtern. So fehlt was an Madrid, wenn zum Beispiel, sagen wir, Graf Cabarrús oder Señor de Jovellanos nicht da sind.« Don Manuel fuhr ärgerlich hoch. Aber: »Bitte, Exzellenz, halten Sie den Kopf ruhig«, befahl furchtlos Goya.

Don Manuel gehorchte. »Wenn unser Freund Miguel derlei Dinge äußerte«, sagte er dann, »würde es mich nicht wundern. In Ihrem Munde klingen sie überraschend.« Goya malte. »Es sind Gedanken«, meinte er leichthin, »die mir kamen, als Sie mich der Ehre würdigten, Ihrem Gespräch mit Don Miguel beizuwohnen. Ich bitte um Entschuldigung, Don Manuel, wenn ich zu kühn war; ich hatte das Gefühl, ich dürfte mir vor Ihnen Offenheit erlauben.«

Der Herzog mittlerweile hatte begriffen, wie der Handel ging. »Ich höre immer gern eine offene Meinung«, sagte er liebenswürdig, ein wenig herablassend. »Ich werde Ihre Anregung in wohlwollende Erwägung ziehen.« Und dann, ohne Übergang, sehr viel lebhafter, fuhr er fort: »Um auf jene Dame zurückzukommen, von deren geglücktem Porträt wir soeben sprachen, wissen Sie zufällig, ob sie noch hier in Madrid ist? Sind Sie ihr in der letzten Zeit begegnet?«

Es amüsierte Goya, welch ungeschickte Umwege zu machen der Herzog sich bemüßigt fühlte. Es wurde über das, was einer tat und ließ, in den Akten der Polizei so genau Buch geführt wie in den Registern der Santa Casa, der Inquisition, und Don Manuel wußte natürlich Bescheid über alles, was Pepa Tudó anging und ihre Beziehungen zu ihm, Francisco. Wahrscheinlich hatte er auch mit Miguel darüber gesprochen. Don Francisco blieb zurückhaltend. »Gewiß, Don Manuel«, antwortete er ziemlich kühl, »ich sehe die Dame zuweilen.«

Dem Herzog blieb nichts übrig als klare Sprache. Er hielt den Kopf brav in der Richtung, in welcher Goya ihn wünschte, und sagte beiläufig: »Es wäre nett von Ihnen, Don Francisco, wenn Sie mir die Bekanntschaft der Dame vermittelten. Vielleicht auch sagen Sie ihr, daß ich nicht so wahllos gierig bin, wie feindliche Gerüchte mich hinstellen, sondern ein heißes und zuverlässiges Herz habe für das wahrhaft Schöne. Das Porträt der Señora ist das einer intelligenten Frau. Ohne Zweifel kann man mit ihr reden. Die meisten Frauen können nichts als sich hinlegen, und wenn man das dritte Mal mit ihnen zusammen war, weiß man nichts mehr mit ihnen anzufangen. Hab ich nicht recht?« In seinem Innern dachte Goya etwas ungeheuer Obszönes. Laut sagte er: »Ja, Exzellenz, philosophieren kann man nur mit wenigen Frauen.« Jetzt wurde Don Manuel vollends offen. »Wie wäre es«, legte er Francisco nahe, »wenn wir einmal einen vergnügten und vernünftigen Abend zusammen verbrächten, Sie, die liebenswürdige Viudita und einige andere Freunde, mit denen zu essen, zu trinken, zu schwatzen und zu singen sich lohnt? Wenn ich nicht irre, kennt auch unsere Doña Lucía die Viudita. Aber Voraussetzung bleibt, daß Sie einer solchen Tertulia beiwohnen, mein lieber Don Francisco.«

Klarer konnte der Handel nicht sein: Don Manuel war bereit, über Jovellanos mit sich reden zu lassen, wenn Goya mit sich reden ließ über die Viudita. Im Geiste sah Francisco die Pepa, wie sie lässig, üppig und begehrlich dasaß, ihn anblickend aus den grünen, weit auseinanderstehenden Augen. Jetzt erst könnte er sie richtig malen, in ihrem schweren, grünlichen Kleid zum Beispiel mit den Spitzen darüber, das wäre das Richtige für sein neues silbriges Grau. Schlecht war auch jenes andere Bild nicht gewesen, das er für den Admiral Mazarredo gemalt hatte, er war damals recht verliebt gewesen in die Pepa, das hatte er in das Bild hineingemalt. Es war eigentlich spaßhaft, daß er selber Don Manuels Appetit geweckt hatte mit seinem guten Bild. Ganz deutlich jetzt sah er die Pepa, wie sie war und wie er sie hätte malen müssen und wie er sie vielleicht malen wird. Und wiewohl er vorhatte, noch ein paarmal mit ihr zu schlafen, nahm Francisco Goya in diesem Augenblick Abschied von seiner Freundin Pepa Tudó. »Es wird«, sagte er formell, »Señora Josefa Tudó sicherlich eine Ehre und eine Freude sein, Eure Exzellenz zu sehen.«

Bald darauf erschien einer der rotbestrumpften Diener und meldete: »Die Dame wartet bereits zehn Minuten, Exzellenz.« Das unbewegte, diskret respektvolle Gesicht des Mannes zeigte, wer die Dame war: die Königin. »Schade«, seufzte Don Manuel, »da müssen wir wohl aufhören.«

Zwiespältigen Gefühles ging Goya nach Hause. Er hatte Frauen schlecht behandelt, hatte Frauen aufgegeben um seiner Karriere willen. Aber niemals hatte jemand gewagt, an ihn ein Ansinnen zu richten wie dieses, und er konnte sich nicht vorstellen, daß er ein solches Ansinnen hingenommen hätte, ginge es nicht um Jovellanos.

In seinem Atelier fand er Agustín. Der mit seinem sauren, immer fordernden Gesicht hatte auch sein Teil dazu beigetragen, ihn in diesen unbehaglichen Handel hineinzuhetzen. Francisco nahm die Skizzen vor, die er von Don Manuel hatte. Er zeichnete weiter; aus dem fleischigen Gesicht des Herzogs schwand die Gutmütigkeit, schwand der Geist, er wurde immer faunischer, schweinischer. Goya zerriß die Skizze, streute Sand über den Tisch, zeichnete in den Sand. Eine begehrliche, tief verspielte Lucía mit dem Gesicht einer bösen Katze, einen schlauen, eckigen Miguel mit dem Gesicht eines Fuchses. Unmutig seufzend wischte er die Gesichter weg.

Schlecht gelaunt verbrachte Goya

Diese Nacht und schlecht gelaunt die

Nächste. Doch am dritten Tage

Kam ihm Botschaft aus dem Hause

Alba. Ein livrierter Diener

Überbrachte eine Karte,

Darin wurde Don Francisco

Eingeladen zu dem Fest, mit

Dem die Herzogin von Alba

Ihr Palais Buenavista

Einzuweihn gedachte, ihre

Neue Wohnstatt. Ferner hieß es

Auf der Karte: »Und wann krieg ich

Meinen Fächer, Don Francisco?«

Lächelnd sah, tief atmend, Goya

Auf die krause, kleine Handschrift.

Dieses war Bestätigung, dies

War der Lohn des Himmels, weil er

Sich und seine Hoffart hatte

Überwunden für die Sache

Spaniens, für Jovellanos.

8

Der preußische Gesandte, Herr von Rohde, berichtete nach Potsdam über Don Manuel Godoy, Herzog von Alcudia:

»Er steht früh auf und gibt seinen Stallmeistern und andern Angestellten ausführliche Weisung für den Tag und die nächste Zeit. Um acht Uhr geht er dann in die Reitbahn seines Landhauses; jeden Morgen, gegen neun, besucht ihn dort die Königin, um ihm beim Reiten Gesellschaft zu leisten. Er ist ein ausgezeichneter Reiter. Das geht so bis elf. Wenn der König von der Jagd zurückkommt, reitet er mit. Auf den Herzog warten mittlerweile schon zahllose Leute, die mit ihm Geschäfte aller Art bereden wollen. Sie werden binnen einer Viertelstunde abgefertigt. Dann findet sein offizielles Lever statt, gewöhnlich sind ein halbes Dutzend Damen von Rang anwesend, und die besten Musiker konzertieren. Um ein Uhr begibt sich Don Manuel in das königliche Palais. Dort hat er sein eigenes großes Appartement, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Schlafzimmer. In seiner Eigenschaft als Kammerherr nimmt er an dem offiziellen Diner des Königs teil. Nach dem Diner begibt er sich in seine Privaträume, diese befinden sich unmittelbar unter dem Appartement der Königin. Dort nimmt dann Don Manuel seine wirkliche Mahlzeit ein, in Gegenwart der Königin, die über eine versteckte Treppe zu ihm herunterkommt, während der König bereits wieder auf der Jagd ist. Bei diesen Zusammenkünften pflegen sich Doña María Luisa und Don Manuel über die Maßnahmen zu einigen, die sie dem König vorschlagen.

Gegen sieben Uhr begibt sich Don Manuel zum König, um ihm Vortrag zu halten. Um acht Uhr geht er wieder in seine Privatwohnung, wo sich gewöhnlich dreißig bis vierzig Frauen aller Stände und Klassen mit ihren Bittgesuchen eingefunden haben. Die Erledigung dieser Bittgesuche nimmt ihn länger als zwei Stunden in Anspruch. Für zehn Uhr nachts pflegt er seine Herren zu bestellen, mit ihnen geht er dann an die eigentliche Arbeit. Im allgemeinen hat er dafür nur diese zwei Nachtstunden. Doch hält er darauf, daß die laufenden Geschäfte rasch und pünktlich erledigt werden. Briefe, die keine längere Bedenkzeit erfordern, beantwortet er fast immer am gleichen Tag. Seine Auffassung ist schnell und richtig, und wenn er die Geschäfte bald satt zu haben pflegt, so gleicht er durch die Sicherheit des Urteils die Schäden aus, die aus der Kürze seiner Arbeit entstehen könnten.

Alles in allem versieht er trotz seiner Jugend sein schwieriges Amt nicht schlecht, und es stünde gut um Europa, wenn alle Staaten an der verantwortlichsten Stelle solche Beamte hätten.«

9

Die Gesellschaft für Don Manuel und die Viudita Josefa Tudó fand bei Doña Lucía Bermúdez statt.

Das Haus des Señor Bermúdez war groß und weit; und es war vollgestopft mit Kunstgegenständen. Die Wände hinauf und hinunter, dicht aneinander, hingen Gemälde, alte und neue, große und kleine, in verwirrender Fülle, gleich einem Teppich.

Hier also empfing Doña Lucía ihre Gäste, auf ihrer Estrade sitzend, unter einem hohen Baldachin, nach altspanischer Art. Sie war ganz in Schwarz, und gleich dem Kopf einer Eidechse, zierlich und maskenhaft, äugte ihr Gesicht unter dem hohen Kamm hervor. So also saß sie, schmal und gehalten, doch spitzbübisch erregt, sich freuend der Dinge, die da kommen sollten.

Don Manuel erschien früh. Er war sorglich angezogen, elegant und nicht übertrieben. Er war ohne Perücke, er hatte das rotblonde Haar nicht einmal gepudert. Von seinen vielen Orden trug er nur das Goldene Vlies. Auf seinem weiten Gesicht lag nichts von der gewohnten Blasiertheit. Er bemühte sich, mit der Hausfrau galante Konversation zu machen, aber er war nicht recht bei der Sache, er wartete.

Der Abate stand vor Goyas Porträt der Doña Lucía. Zuerst hatte Miguel dem Bilde einen gesonderten Platz geben wollen, aber dann fand er, daß seine Eigenart noch mehr herausstach, wenn es von andern Kostbarkeiten umringt war. Da hing es also unter den vielen andern Gemälden des Raumes. Don Diego merkte, daß er nicht länger stumm davor verharren könne. Vielwortig, seine Rede mit lateinischen und französischen Zitaten schmückend, rühmte er die Neuartigkeit und Vorzüglichkeit des Werkes, und es klang wie eine Liebeserklärung an Doña Lucía. Mit geteilter Freude hörte Don Miguel die Lobpreisung der lebendigen und der gemalten Lucía; dabei mußte er zugeben, daß Don Diego das Werk und seine neue Tönung vielleicht noch kennerhafter rühmte, als er selber es hätte tun können.

Pepa kam. Sie trug ein grünes Kleid mit hellem SpitzenÜberwurf und als einzigen Schmuck ein edelsteinbesetztes Kreuz, ein Geschenk des Admirals. So hatte Goya sie gesehen, als ihm Don Manuel seinen unverschämten Vorschlag machte, so hatte er sie malen wollen mit seiner neuen Kunst. Sie entschuldigte sich gelassen, daß sie so spät komme; ihre Dueña habe Mühe gehabt, eine Sänfte zu finden. Goya bewunderte ihre dreiste Gelassenheit. Es war zwischen ihnen nur in leisen Andeutungen die Rede gewesen von dem, was heute abend vor sich gehen sollte. Er hatte erwartet, er hatte gehofft, sie werde ihn mit Klagen und Verwünschungen überschütten. Nichts dergleichen war erfolgt, nur leise, spöttische, vieldeutige Sätze. Wie sie sich jetzt hatte, das war natürlich einstudiert und voll Absicht. Sie kam mit Absicht zu spät, sie zeigte mit Absicht die Dürftigkeit ihrer Verhältnisse. Sie wollte ihn beschämen vor dem Herzog, daß er sie kärglich halte. Dabei hätte sie nur den Mund auftun müssen, dann hätte er ihr mehr Bedienung gestellt, freilich grollend. Es war niederträchtig.

Don Manuel hatte wohl kaum gehört, was sie sagte. Er hatte sie angestarrt, unziemlich, doch voll einer Verehrung, deren ihn die andern nie für fähig gehalten hätten. Als Doña Lucía ihn endlich vorstellte, neigte er sich tiefer, als er sich je vor der Königin oder den Infantinnen geneigt hatte. Ungehemmt sprach er ihr davon, wie sehr Goyas Bild ihn vom ersten Augenblick an begeistert habe, und wie weit in diesem besonderen Fall das Porträt auch eines so großen Meisters hinter der Wirklichkeit zurückbleibe. Sein Blick war Hingabe und Dienstbereitschaft.

Pepa war übertriebene Huldigungen gewöhnt: darin waren sich alle Spanier gleich, madrilenische Majos, Hidalgos aus den Provinzen, Granden des Hofes. Aber sie hatte Sinn für Nuancen, sie erkannte rasch, daß dieser große Herr ihr tiefer verfallen war als der Admiral Mazarredo, dessen Rückkehr bevorstand, und vielleicht sogar tiefer als ihr in Gott und der See ruhender Mann, der Marineleutnant Tudó. Wenn Francisco sie verriet und verkaufte, dann sollte er sehen, daß er etwas Kostbares aufgab, und sie beschloß, sich sehr teuer zu machen. Ihr breiter Mund mit den großen, strahlend weißen Zähnen lächelte freundlich und unverbindlich, ihr Fächer lehnte zwar nicht ab, doch lud er nicht ein, und sie sah vergnügt, daß Francisco herüberschaute, die Bewerbungen Don Manuels mit widerwilligem Interesse verfolgend.

Der Page meldete, der Tisch sei bereit. Man ging ins Speisezimmer. Auch hier waren die Wände hinauf und hinunter bedeckt mit Gemälden, mit Stilleben und Küchenstücken flämischer, französischer, spanischer Meister. Da waren Männer, geschäftig um einen Herd, gemalt von Velázquez, da war eine Hochzeit von Kana des Van Dyck, da war Geflügel, Wild, Fische und Früchte, so saftig gemalt, daß dem Beschauer das Wasser im Munde zusammenlief. Die Tafel selber war erlesen, doch nicht zu üppig bestellt; es gab Salate, Fische, Kuchen und Süßigkeiten, Malaga und Jerez, Punsch und gesüßtes Eiswasser. Keine Bedienten waren anwesend, nur der Page; die Männer bedienten die Frauen.

Don Manuel war eifrig bemüht um Pepa. Sie sei voll von jener heitern Ruhe, versicherte er ihr, welche Franciscos Porträt ausstrahle. Nicht aber habe er geahnt, wieviel Erregendes in ihrer Ruhe verborgen sei. Wie sei sie in all ihrer Gelassenheit aufrührend, émouvante, bouleversante. Ob sie französisch spreche? »Un peu«, antwortete sie mit schwerem Akzent. Das habe er erwartet, daß sie gebildeter sei als die andern madrilenischen Frauen. Den andern, den Damen des Hofes und all den Petimetras und Majas, könne man nur leere Galanterien sagen, mit ihr könne man über die Dinge des Lebens und des Geistes reden. Sie aß und trank und hörte zu; durch die Spitzen des Handschuhs schimmerte zart und weiß das Fleisch ihres Armes.

Später, durch ihren Fächer, ließ sie ihn wissen, daß er ihr nicht unwillkommen sei. Stürmisch daraufhin erklärte Don Manuel, Goya müsse ein weiteres Bild von ihr malen; so wie sie dasitze, müsse er sie malen, alle seine Kraft müsse er zusammennehmen; für ihn, für Manuel, müsse er sie malen.

Ihn, Goya, hatte Doña Lucía in ein Gespräch gezogen. Sie saß da, still, überlegen, und schaute hinüber zu Don Manuel, der sich um Pepa abmühte. Aus der Art, wie er sie anschaute, wie er sich über sie neigte, mußte jetzt ein jeder erkennen, in welche Leidenschaft er sich verstrickt hatte, und Doña Lucía genoß den Anblick.

Sehr beiläufig, an ihrem Eisgetränk nippend, sagte sie: »Ich freue mich, daß sich unsere Pepa unterhält. Das arme Kind. Eine so junge Witwe, und obendrein ohne Eltern. Sie hat die Auf- und Abschwünge ihres Schicksals mit bewundernswerter Ruhe ertragen, finden Sie nicht?« Und, immer hinüberblickend zu Don Manuel, fuhr sie fort: »Wie merkwürdig, Don Francisco, daß es im Grunde Ihr Bild war, welches Don Manuels Anteilnahme an unserer armen Pepa erregte. Sie machen Schicksale, Don Francisco. Mit Ihren Bildern, meine ich.«

Goya hatte geglaubt, er wisse mehr um Frauen als alle andern Männer, die er kannte. Aber da saß nun diese Lucía, lieblich, dünn, lang, maskenhaft, damenhaft und verrucht, und trieb ihr freches Gespött mit ihm. Im Ohr klangen ihm die unverschämten, schreienden Sätze, mit denen damals die Mandelverkäuferin des Prado, diese Avellanera, dieses Lausemädchen, die andern ihres Gelichters auf ihn gehetzt hatte, und er kam sich dumm vor. Er wußte nicht einmal, wieweit Pepa mit dem Hintergrund der ganzen Angelegenheit vertraut war, ob sich nicht Lucía und sie gemeinsam über ihn lustig machten. Ein tiefer Groll packte ihn, doch er bezwang sich, antwortete einsilbig, gab sich blöde und erwiderte stumpfen Auges die Blicke ihrer schleierigen, weit auseinanderstehenden Augen. »Sie sind heute noch stacheliger als sonst, Don Francisco«, sagte sie freundlich. »Freuen Sie sich denn gar nicht über Pepas Glück?«

Er war froh, als der Abate zu ihnen trat, so daß er Gelegenheit hatte, aus dem unerquicklichen Gespräch zu kommen.

Kaum aber hatte er Lucía verlassen, als Pepa ihn rief. Sie forderte ihn auf, ihr ein Glas Punsch zu bringen. Don Manuel merkte, daß sie mit Goya allein sein wollte; er verstand das und wollte sie nicht verstimmen. Er ging zu den andern.

»Wie sehe ich aus?« fragte Pepa, sie saß träg und zärtlich in ihrem Sessel. Francisco war unsicher. Er war immer bereit gewesen, offen mit ihr zu sprechen; es war ihre Schuld, wenn sie nun ohne Aussprache auseinandergingen und nicht so freundlich, wie es hätte sein können. Wenn einer Ursache hatte zu zürnen, so war es er.

»Ich möchte nicht lange bleiben«, fuhr sie fort. »Soll ich zu dir kommen, oder kommst du zu mir?« Sein Gesicht wurde töricht vor Verblüffung. Was wollte sie? So dumm war sie doch nicht, daß sie, als sie zu diesem Abend eingeladen wurde, nicht verstanden hätte, worum es ging. Oder hatte Lucía sie doch nicht aufgeklärt? Vielleicht war doch er es gewesen, der alles falsch gemacht hatte.

In Wahrheit wußte Pepa seit Tagen, worum es ging, aber die Entscheidung fiel nicht so leicht, wie er sich’s vorstellte. Tagelang hatte sie sich gefragt, warum er nicht spreche und ob nicht sie die Auseinandersetzung herbeiführen solle. Bei aller Gelassenheit ihres Gemütes war sie erbittert, daß er sie so leicht preisgab, sei es um seiner Karriere willen, sei es, weil er sie los sein und ihrem Fortkommen nicht im Wege stehen wollte. Inmitten all dieser Erwägungen erkannte sie, wie sehr sie an ihm hing.

Sie war trotz ihrer vielen Erlebnisse in ihrem Empfinden einfach geblieben. Sie hatte mit Männern geäugelt und geliebelt, aber ihr Felipe Tudó war der erste gewesen, mit dem sie geschlafen hatte. Als sich später, vor allem während ihrer Schauspielstudien, Männer handgreiflicher um die Viudita bewarben, hatte sie das mehr abgestoßen als angezogen. Dann war mit vielen Masten der Admiral in ihr Leben gesegelt, und das hatte ihr Selbstgefühl sehr erhöht. Aber was Lust ist, tiefe, wirkliche Lust, das hatte sie erst Francisco Goya spüren machen. Es war schade, daß er sie nicht mehr liebte, als er’s tat.

Als Lucía ihr davon sprach, daß dem allmächtigen Minister viel daran liege, sie kennenzulernen, hatte sie natürlich begriffen, daß sich da ein breiter, sehr besonnter Weg vor ihr auftat; der Traum ihrer Romanzen von prächtigen Schlössern und demütiger Dienerschaft konnte sich verwirklichen. Sie hatte sich in Phantasien verloren, wie das sein werde, wenn jetzt der Herzog von Alcudia, der Cortejo der Königin, ihr Cortejo werden würde, und sie hatte sich beim Kartenspiel von der Dueña noch mehr betrügen lassen als sonst.

Bei alledem war sie entschlossen gewesen, Franciscos Freundin zu bleiben, wenn der nur wollte, und dazu entschlossen war sie noch.

Nun also hatte sie ihm eine klare Frage gestellt: »Soll ich zu dir kommen heute nacht, oder kommst du zu mir?« Und da saß er, so dummen Gesichtes, wie nur er es machen konnte.

Da er schwieg, fragte sie weiter, liebenswürdig: »Hast du eine andere gefunden, Francho?« Und da er immer noch schwieg: »War ich dir lästig? Warum wirfst du mich dem Herzog hin?« Sie sprach freundlich, nicht laut, die andern mußten glauben, sie mache belanglose Konversation.

Sie saß da, schön, begehrenswert, seinem Mannes- und seinem Malerauge wohlgefällig, und ärgerlicherweise hatte sie recht: er hatte eine andere gefunden, nicht gefunden, sie war einfach in sein Leben getreten, diese andere, und hatte ihn gepackt mit Haut und Haaren, und darum gab er sie, Pepa, dem Herzog preis. Aber sie hatte nur zum Teil recht. Von den Zusammenhängen, von dem Opfer, das er für den Jovellanos und Spanien brachte, ahnte sie nichts. Unvermittelt stieg eine wilde Wut in ihm hoch. Immer wird man verkannt. Am liebsten hätte er sie geschlagen.

Agustín Esteve schaute von Pepa zu Lucía und von Lucía zu Pepa. Er ahnte die Zusammenhänge. Francisco war in Not. Francisco brauchte ihn, sonst hätte er ihn heute abend nicht hierher mitgenommen, und das zeigte ihm, wie fest sie zusammenhingen. Trotzdem hatte Agustín wenig Freude an diesem Abend. Er stand verloren herum, beneidete Francisco um seine Nöte.

Lucía hatte Champagner bringen lassen. Agustín, gegen seine Gewohnheit, begann zu trinken. Abwechselnd trank er von dem Malaga, der ihm nicht schmeckte, und von dem Champagner, der ihm nicht schmeckte, und er war traurig.

Don Manuel fand, er habe jetzt dem Anstand Genüge getan und dürfe sich wieder der Viudita widmen. Diese sah das nicht ungern. Sie hatte sich Francisco angeboten, klar und deutlich, sie hatte sich erniedrigt, und wenn Francisco sie verschmähte, gut, so wird sie den Weg gehen, den er sie wies. Aber dann soll es auch werden wie in ihren Romanzen. Dann will sie dastehen, geschmäht vielleicht, aber bewundert und erhöht über die andern. Es ist nicht so, daß ein großer Herr wie dieser Herzog einfach hergehen kann und sie auflesen. Vielmehr wird sie von diesem Manuel ihren Preis verlangen, einen guten Preis, einen überaus hohen Preis, da er bereit scheint, ihn zu zahlen.

Pepa Tudó war mit Lucía Bermúdez befreundet, sie erschien häufig in deren Tertulia, aber nicht wohnte sie den repräsentativen Abenden bei, welche Señor und Señora Bermúdez zuweilen gaben. Sie war vernünftig und verstand es, daß die große Gesellschaft die Witwe eines kleinen Seeoffiziers nicht in ihren Kreis aufnahm. Aber das sollte jetzt anders werden. Wenn sie eine Bindung mit Don Manuel einging, dann wollte sie nicht eine seiner kleinen, versteckten Freundinnen sein, sondern seine offizielle Mätresse, die Rivalin der Königin.

Don Manuel hatte getrunken, er war heiß, erregt von seinem Champagner und von der Nähe der Viudita. Er wollte sich ihr vorführen. Ob sie reite, fragte er sie. Das war eine ungewöhnlich törichte Frage: auf Pferden ritten nur die Damen der Granden und der Allerreichsten. Gelassen erwiderte sie, auf den Pflanzungen ihres Vaters habe sie zuweilen auf einem Pferde gesessen, aber hier in Spanien nur auf Eseln und Maultieren. Da sei vieles nachzuholen, antwortete er. Sie müsse reiten, sie werde göttlich aussehen zu Pferde. Er selber sei kein schlechter Reiter.

Pepa sah ihre Gelegenheit. »Ganz Spanien weiß«, erwiderte sie, »was für ein guter Reiter Sie sind, Don Manuel.« Und: »Kann ich Sie nicht einmal reiten sehen?« fügte sie hinzu. Es war aber diese unschuldige Frage überaus kühn, ein Ansinnen, eine richtige Zumutung, selbst im Munde der schönsten Viudita des Landes; denn den Reitübungen Don Manuels pflegte die Königin beizuwohnen und häufig auch der König.

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