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Goodbye Guru

Aida Karnowski

Goodbye Guru

Aufstieg und Fall des schönen Münchner Gurus authentisch erzählt


für meinen Sohn


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

1. Kapitel

München 1979

 

Auf dem ersten Blick erscheint die Begegnung zwischen Anna und Zacharias wenig spektakulär. Eine junge Frau trifft in einer Diskothek auf einen jungen Mann. Sie trinken und tanzen die ganze Nacht und landen bei Sonnenaufgang in seinem Bett. Er trug einen dunklen Anzug, sein helles Hemd darunter war bis zur Brust geöffnet und beim lachen zeigte er seine weißen Zähne. Er hielt seinen Kopf nach hinten gebeugt und führte elegant sein Getränk zum Mund. Er begann ein oberflächliches Gespräch über die Musik, die aus den großen Boxen klang. Seine strahlenden Augen waren faszinierend, noch mehr war es der Klang seiner Stimme, der Ton, in dem er nach einer langen Pause tief in ihre Augen blickend zu ihr sprach: „Du gehörst mir, du hast auf mich gewartet, du musst leben.“ Es wurde so still und gleichzeitig laut in ihr, als würde in diesem Moment das Univer-sum den Atem anhalten. Etwas, wofür sie keine Erklärung hatte, auch keine suchte, berührte sie zutiefst und wie auf Befehl, wandte sie sich von ihm ab. Sie tat so, als könne sie ihm die kalte Schulter zeigen, als hätte sie diesen Satz überhört, als würde er keinen Eindruck auf sie machen, und sie überspielte ihre Aufregung und lies ihren Blick über die weite Tanzfläche schweifen. Ein Zustand zwischen Hoffen und Bangen überfiel sie und doch hatte sie sich schon ergeben. Er tippte ihr auf die Schulter und reich-te ihr freundlich einen Cocktail. Sie trank gierig. Der Alkohol betäubte ihre Sinne und mehr und mehr konnte sie ihn gewähren lassen. Er legte seinen Arm um ihre Taille und führte sie zum Tanz.

Es war Sommer und bereits hell, als sie die Diskothek verließen. Die Fahrt in seinem Cabriolet endete bei ihm zu Hause. Nach den ersten leidenschaftlichen Berührungen war schnell klar, dass er kein zärtlicher Liebhaber war. Er nahm sie, wie ein Eroberer, der seine Fahne in fremdes Land steckt. Sofort danach stand er auf, ohne ein Wort zu sprechen und verließ den Raum. Sie lag benommen und genommen in einem fremden Bett. Bis in alle Ewigkeit, bis sie eine Melodie hörte, ein Geklimper auf einem Klavier, nein, kein Geklimper, eine Unterhaltung zwischen den einzelnen Tönen, wie ein Dialog von gut und böse oder von Liebender zur Liebenden. Die hohen Töne fragten, und die tiefen Töne antworteten, und die Töne dazwischen, das Vibrieren, klang wie Romeo's Seufzen unter Julias Fenster. Es folgte ein besonders tiefer Ton und Annas Herz pochte im selben Takt. Nach kurzem Stillstand drehte sich das Spiel, es fragten die tiefen Töne und die hohen antworteten, fast hysterisch, schrill und endgültig bis zum Ende der Tonleiter, doch ihr war, als hätte der Spieler noch viel mehr von diesen hohen Tönen gebraucht, um seine Geschichte zu Ende zu bringen, doch da waren keine Töne mehr. Mit der letzten Taste endete die Tonleiter, weitere Tasten gab es nicht auf dem Klavier. Der lautlose Ruf. Dann fing es wieder von vorne an, die dunklen Töne fragten und die hohen Töne antworteten, sanfter wie zuvor doch immer noch verzweifelt. Wie das Unaussprechliche aussprechen und das Unberührte berühren?

Sie wickelte sich schnell in das herumliegende Badetuch und fand ihn in einem nobel eingerichteten Salon im Erdgeschoss. Die Sonne schien durch die großen Fenster der Veranda. In weiter Ferne waren die Alpen zu sehen. Im strahlend weißen Bademantel saß er vor einem schwarzen glänzenden Flügel. Im Gegenlicht wirkte er wie eine Lichtgestalt, unberührt von ihrer Anwesenheit. So dazustehen ohne wahrgenommen zu werden, so bedeutungslos, so ganz ohne Resonanz, so unbegrenzt, nicht fest sondern flüssig, konnte sie ihm nicht widerstehen. Vom ersten Moment an war ihr klar, dass sich durch ihn ihr Leben vollkommen verändern würde. Er blickte auf, als habe er ein stilles Zeichen erhalten, und er verneigte sich vor ihr, bevor er sprach: „Das nächste Lied spiele ich nur für dich, als Dankeschön für diese Nacht.“

Jede Geste, jedes Wort von ihm, ging ihr ständig im Kopf um. Die Frage, ob sie verliebt sei, hätte sie vermutlich bejaht, doch insgeheim wusste sie, dass es keine Liebe war. Was Anna verunsicherte, war dass das, was sie für Liebe hielt, nämlich das sexuelle Verlangen, der Sex zwischen ihnen nicht stimmte. Und dennoch hauchte er ihr auf magische Weise den Atem des Lebens ein. Und obwohl sie es nicht verstehen konnte, unterlag sie dem Zwang, bei ihm sein zu wollen. In seiner Gegenwart fühlte sie sich schöner, besser und größer.

Auf Fotografien fand sie sich unbeschreiblich hässlich mit der dominanten Nase und den schmalen Augen. Nur ihre slawischen Wangen, die sie vom Vater hatte, fand sie schön. Überhaupt fand sie alles gut, was mit ihrem Vater zu tun hatte. Er war das vierte oder fünfte Kind einer Flüchtlingsfamilie aus Gumbinnen, dem heutigen Gussew, was zum Ende des zweiten Weltkrieges unter erheblichen Zerstörungen von der Roten Armee erobert und als Teil des nördlichen Ostpreußens unter sowjetische Verwaltung gestellt worden war. Eine kleine Stadt nur hundert Kilometer vom heutigen Kaliningrad, dem früheren Königsberg, entfernt. Anna fühlte die russische Seele in sich oder zumindest das, was sie sich darunter vorstellte: anders, ausgegrenzt, fremd, geheimnisvoll und stark. Wie über Nacht begann sie als pubertierender Teenager mit einem fremden Akzent zu sprechen, sie rollte das „r.“ Sie gurrte es geradezu, sie turtelte damit. Sie verschluckte die Endungen der deutschen Wörter, als sei deutsch für sie die Fremd- und nicht die Muttersprache, sie verleugnete die Mutter und gab dem Vater eine Bedeutung. Auf diese Weise holte sie ihn sich an ihre Seite, so manifestierte sie ihn in ihr Leben. Sie liebte es, wenn fremde Menschen sie wegen ihrer Art zu sprechen nach ihrer Herkunft fragten und sie stolz antworten konnte, dass ihr Vater aus Russland käme. Sie erfand Geschichten um den Vater herum, denn sie hatte nur ein einziges Foto von ihm. Auf dem er in der Hocke neben ihr kniete und sie stützte beim geradestehen. Da war sie gerade einmal ein Jahr alt oder ein paar Monate älter und das Kleinkind Anna versuchte sich mit den ersten Schritten. Sie war ausstaffiert mit einem weißen Ausgehanzügelchen. Die Hände des Vaters umfassten ihren Brustkorb. Der Kopf des Vaters war nach unten geneigt, und sein Mund war leicht geöffnet, so als spräche er zu ihr und deutlich waren seine breiten Wangen zu sehen, wie bei einem Relief.

Zacharias wohnte im Villenviertel von München. Sie wuchs in Trabanten im Osten der Stadt auf. Dort hinter überfüllten Mülltonnen hatte sie ihre Kindheit verbracht, und sie spielte mit Schnecken. Jeden Abend baute sie ihnen ein neues Haus aus Holz und Gras, sammelte alle ein, deckte sie mit Blättern zu, wünschte ihnen eine gute Nacht und war am nächsten Morgen traurig und enttäuscht darüber, dass sie alle verschwunden waren.

Neben seinem Job als Model für Herrenunterwäsche entwickelte er ein raffiniertes Konzept für Kapitalanlagen und war im Begriff, als Neunzehnjähriger seine eigene Firma zu gründen. Mir steht die ganze Welt offen: Das war seine Aura, die ihn umgab, und Anna schwärmte ihm zu. Sie hatte eine gute Anstellung als Marketing- und Verkaufsassistentin. Seit Wochen tippte sie heimlich in der Nacht, für ihn die Konzepte seiner Firmengründung. Er schwärmte ihr von der Altstadt in Köln vor, wo er bereits ein Büro gemietet hatte. Sie war sich nicht sicher, ob sie mit ihm gehen würde. Denn er sah die Beziehung zu ihr ziemlich locker. Dass sie sich wegen ihm von ihrem ersten Freund getrennt hatte, erschien ihm als Selbstverständlichkeit und bewog ihn keines Falls ernste Absichten zu signalisieren. Sie waren manches Wochenende zusammen und machten Ausflüge im Cabriolet zu den nahegelegenen Seen. Wenn Anna ihre neue Sonnenbrille aufsetzte, verwandelte sie sich in die Frau an seiner Seite, und Zacharias zwinkerte ihr zu. Er kaufte ihr Dessous und manchmal tauchte er mitten in der Nacht in ihrem Appartement auf, jedoch nur dann, wenn ihm die Heimfahrt von der Diskothek in sein Villenviertel zu lang war und gerade nicht, wenn Anna es sich wünschte. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass er sich von ihr nicht verführen ließ. Er bestimmte ihr Aussehen, er bestimmte ihre Kleidung, und er bestimmte, wann sie Sex hatten. Über Liebe wurde nie gesprochen.

Er versorgte sie mit spirituellen Büchern: Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum!, um nur eines zu nennen. In diesen Büchern stand viel von Erfolg und positivem Denken und über die Macht der Gedanken. Anna beeindruckte das sehr und gleichzeitig war sie hin und her gerissen, innerlich zerrissen, wie wenn ein Schwert sie in zwei Hälften teile. Die eine schrie: „Nichts wie weg“ und die andere schrie: „Er ist mein Leben.“

Nichts wie weg und wieder zurück zu ihrem ersten Freund, der sie mit offenen Armen empfangen hätte. Als vierzehnjährige war sie zu ihm in seine große Familie gezogen. Sie war dankbar für die Geborgenheit, die ihr dort entgegen gebracht worden war. Die ungarischen Eltern und seine drei Brüder hatten sie wie ein fünftes Kind aufgenommen. Es war eine schöne Zeit. Als sie diesen Jugendfreund nach sehr langer Zeit und nach dieser ganzen hier im Buch beschriebenen Geschichte, wiedertraf und er ihr von seinen fünf Kindern von drei verschiedenen Frauen erzählte, dachte sie: „Ja, diese Kinder könnten alle meine sein, und ich würde in einem Reihenhaus leben, den Garten pflegen und Kochrezepte ausprobieren, wenn da nicht Zacharias gewesen wäre.“ Sie wusste genau, wann sie den anderen Lebensweg eingeschlagen und ihre Komfortzone verlassen hatte. Es war in jener Nacht, als der Jugendfreund sie mit Zacharias im Bett erwischte. Es kam zu einem Kampf zwischen diesen beiden so unter-schiedlichen Männern. Der sonst so sanfte Freund holte in seiner Wut sein Messer aus dem Schrank. Als Zacharias das bemerkte, verstummte seine großspurige Art, und er stürzte aus der Tür. Sie rannte hinter ihm her, setzte sich neben ihn in sein Cabriolet, und er fuhr los. Damit besiegelte sie schließlich ihr Schicksal.

In den Mittagspausen im Café gegenüber hatte sie manchmal ein Gespräch angefangen mit einem Mann, der immer in schwarz gekleidet war, seine Haare streng zurück gekämmt hatte und vorgab, ein berühmter Plattenproduzent zu sein. Bei einer passenden Gelegenheit bot er ihr an, ihn einmal zu besuchen, um unveröffentlichte Schallplatten zu hören und reichte ihr seine Visitenkarte. Dies hatte sie längst vergessen bis zu jenem Abend, als Zacharias ihr kurzfristig eine Verabredung absagte. Es war keine normale Verabredung, es wäre ihr letztes Treffen vor seinem Umzug nach Köln gewesen, und sie war enttäuscht und traurig.

Aus einem Impuls heraus kramte sie die längst vergessene Visitenkarte aus ihrer Brieftasche heraus. Der Mann war von ihrem Anruf begeistert und lud sie sofort zu sich nach Hause ein.

In seinem Wohnzimmer stand ein Klavier, auf dem einige Schallplatten gestapelt waren. Dieses kleine Indiz reichte für Anna aus, um ihm seine Geschichte als Plattenproduzent zu glauben. Die Einrichtung war nicht besonders modern, auch nicht spießig, eher gemütlich mit antiken Möbeln eingerichtet. Sie setzte sich auf das Sofa. Wenn sie beim Servieren aufgeschaut hätte, als er das Glas griffbereit vor sie stellte, hätte sie möglicherweise noch eine Chance gehabt, den Hinterhalt in seinen Augen zu entdecken.

Später, als sie sich immer wieder nach dem Warum fragte, wusste sie nur noch, dass er am Plattenspieler stand und Musik auflegte. Sie konnte sich nicht erklären, wie sie in sein Schlafzimmer gekommen war. Immer wieder musste sie an die ersten Sekunden denken, als sie zu sich gekommen war. Sie lag eingequetscht unter ihm. Sie konnte sich nicht bewegen. Alles in ihr und um sie herum war ein hohler und atemloser Raum. Ihre Arme schmerzten und ihre Hände fühlte sie nicht. Er hatte sie voll im Griff. Anna hatte sich angeeignet, beim Sex einfach still zu halten, wenn es ihr nicht mehr gefiel. Doch dieses Mal gefiel es ihr nicht nur nicht, sondern es machte ihr Angst, unsägliche Angst. Von weit her hörte sie in ihrem Kopf das Klaviergeklimper. Die lauten und die leisen Töne, die sich einander eine Geschichte erzählten, die ihr so nah war und die sie dennoch nicht erkannte. Die sie einfach nicht verstand. So sehr sie sich anstrengte, sie verstand sie nicht. Ihr Herz raste und mit jedem Laut, den dieses schwarz gekleidete Monster aus sich heraus presste, spürte sie das blanke Entsetzen. Er fauchte, knurrte und schmatzte. Sie konnte seinen stinkenden Atem auf ihrer Haut spüren, wie kalten Wind auf nasser Haut. Es roch nach verbrannter Milch, und alles um sie herum war eine Kloake aus Kot und Urin. Diese Hilflosigkeit brachte sie um den Verstand, den sie glaubte, gänzlich zu verlieren, als sie ihre Augen öffnete und in die Fratze des Teufels schaute. Sie bekam keinen Schock. Sie blieb da. Sie schaute sich alles genau an. Die glühenden Augen, die borstigen Augenbrauen, das beben der Nasenflügel, die schwülstigen Lippen. Seine riesigen Pranken, die ihre Schenkel hart anpackten. Das schwarze, ungepflegte Fell aus dem verwilderte Zotteln hingen und in dem einiges Getier wohl ein zu Hause gefunden haben mochte. Erst als er ihrer gewahr wurde und sie seinen Blick befürchtete, schloss sie schnell wieder ihre zuckenden Lider. Seinen Blick würde sie nicht noch einmal erwidern. Sie versank in der Dunkelheit. Die Dunkelheit kannte sie. Da war sie zu Hause. Die Dunkelheit war ihr Freund, sie verhüllte das, was im gleißenden Licht für jedermann sichtbar gewesen wäre. Das Schwarze unter dem weißen Kleid. Die rebellische Ungewollte und Ungeliebte, dem Tod Entronnene, die selbst vor Missbrauch und Zerstörung nicht zurückschrecken würde. Es war ihre gerechte Strafe, vom Teufel gefickt zu werden.

Sie sammelte wortlos ihre Klamotten ein und schlich wie eine Diebin aus der dunklen Wohnung. Die Treppen waren mit frischem Wachs behandelt. Das verstärkte ihren Ekel. Über den Dächern hing hellgrauer Nebel, und die Sonne kam nicht durch. Es brannte zwischen ihren Beinen, und sie fühlte sich wie ein Klumpen Dreck. Der Teufel hatte sich an ihr vergriffen, und sie fühlte sich schuldig. Deswegen zog sie nur kurz in Erwägung, zur Polizei zu gehen und eine Anzeige gegen den berühmten Plattenprodu-zenten zu erstatten. Es würde nichts verändern, dachte sie, denn wer würde ihr schon diese unglaubliche Geschichte glauben.

Sie dachte die ganze Zeit an Zacharias! Sie stand ewig unter der heißen Dusche und wartete ungeduldig, dass die Zeit vergehen möge, um ihn endlich anrufen zu können. Er wurde zornig, wenn er aus dem Schlaf gerissen wurde. Schließlich erzählte sie ihm, dass irgendein Typ ihr Drogen ins Glas geworfen und sie vergewaltigt habe, dass sie zwischendurch bewusstlos gewesen war und dass dieser schwarze Kerl kein Wort mit mir gesprochen habe.

Sie unterdrückte ihre Tränen, und es brach aus ihr heraus: „Als ich endlich zu mir kam, lag er neben mir, die Arme hinter seinem Kopf verschränkt, und er hatte so ein unverschämtes Grinsen im Gesicht. Neben dem Bett auf einem kleinen Tisch waren in einer Dose Bonbons aus Pfefferminz in bunten Farben, wie sie am Kiosk für Kinder verkauft werden und ich sollte eins raus nehmen. Doch ich wollte nicht. In seinem Mund knirschte es, es war so laut wie ein Donner, und ich konnte nicht verstehen, wie das Zerkauen eines Bonbons in mir so laut dröhnen konnte.“

Sie lieferte ihm quasi einen Bericht ab, so kam es ihr jedenfalls vor, als sie ihm alles erzählte. Sie verschwieg ihr Entsetzen darüber, wie normal der Anblick des Teufels für sie gewesen war. Und sie schaufelte ein tiefes Grab, in dem die kleine, unschuldige Anna lag und schüttete viel Erde darüber. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Vergewaltigung, um davon abzulenken, dass sie einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte. Sie war das Opfer einer Vergewaltigung. Doch Zacharias tröstete sie nicht. Mit dem, was er ihr sagte, bestärkte er ihre wirren Gedanken: „Das ist nicht schlimm, du hast das gesehen, was du sehen wolltest, du hättest auch einen Engel sehen können. Das ist genauso, wie wenn du dich im Spiegel betrachtest: du kannst einen Engel oder einen Teufel sehen. Du hast dich für den Teufel entschieden!“

2. Kapitel

Anna und Zacharias waren ein perfektes Team! Das Finanzierungs­geschäft lief anfangs sehr gut. Erst nach und nach begriff Anna, dass sich sein Lebensmotto: Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum, nicht verwirklichte, sogar dass es sich bei der angeblich so erfolgreichen Kapitalanlage nur um eine ausgetüftelte Zusammen­setzung verschiedener Versicherungen und Bausparverträgen han­delte, die bei genauer Sicht und Kalkulation keinesfalls den ver­sprochenen Profit abwerfen würde. Dass Zacharias das Wasser bis zum Hals stand, wurde Anna spürbar klar, als er sie bat, den Firmenwagen zurückzugeben. Er dagegen versprühte weiter unbekümmert seinen Charme und immer öfter führte er eine attraktive Geschäftspartnerin in die besten Lokale der Stadt aus. Anna dagegen behandelte er wie seinen persönlichen Besitz, mit dem er tun und lassen konnte, was er wollte und vor allem wollte er, dass sie sich noch mehr anstrengte, um Umsatz zu machen. Sie bemerkte nicht, wie sehr sie sich verwandelt hatte. Bei genauem Hinsehen hätte sie im Spiegel erkennen müssen, dass ihr eine zwanzigjährige Frau entgegenblickte, die ihr vollkommen fremd war, nicht nur fremd, sondern zuwider. Sie hatte ihr Lachen verloren. Ihr privates Konto war maßlos überzogen und bei allen Leuten, denen sie begegnete, schätzte sie deren Bonitätstauglichkeit ein, teilte sie in arm und reich, im Begriff, ihnen eine Versicherung zu verkaufen, von der sie inzwischen wusste, das sie nichts taugte. Wieder war sie wie zweigeteilt, einerseits hielt sie sich mit den Versprechen auf ein besseres Leben über Wasser und andererseits imponierte ihr die Macht, die Arroganz, und die kriminelle Energie klebte an ihr wie Bonny an Clyde. Bis sie eines Abends im Büro einen Zacharias erlebte, der außer sich war. In den vergangenen Tagen hatte sie mehrfach beobachtet, dass lange Telefonate nach München von ihm geführt worden waren. Sie wusste, dass er sich zur Gründung seiner Firma vom Kapital eines Geldgebers bediente, der ihm dieses gegen Beteiligung und Zinsen geliehen hatte. Die Stimmung war zum Zerschneiden angespannt, und Anna wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte, am liebsten wäre sie unsichtbar geworden, was sie versuchte zu werden, so gut sie konnte, und sie drückte sich am Kopierer und im Nebenzimmer herum. Andererseits war es ihr ein dringendes Bedürfnis, sich in seiner Gegenwart nützlich zu machen. Sie meinte, ihn auf diese Weise beschwichtigen zu können, was ihr nicht gelang, er wurde noch aggressiver. Auf dem Weg nach Hause drückte er voll aufs Gaspedal und fuhr einen mörderischen Stil. Im Appartement angekommen, schlug er die Schranktüre der Vitrine auf, in der sich das gute Geschirr befand. Er holte dort aus einer Ecke eine Flasche heraus. Wahllos griff er nach einem Wasserglas, füllte es randvoll und trank, was immer sich in dieser Flasche befand in einem Zug leer. Alleine von dem Geruch wurde ihr ganz übel, es ekelte sie an, und sie begann zu frösteln. Sie wartete, doch worauf, wusste sie nicht, sie hatte alle Sinne geschärft und war auf alles gefasst. Schweigend setzte er sich an den großen Esstisch. Noch beim Hinsetzen legte er die Jacke ab, krempelte seine Hemdsärmel hoch und löste seine Krawatte. Sie fröstelte weiter, fühlte sich miserabel und bemerkte, dass sie sich noch keinen Schritt von der Stelle entfernt hatte, an der sie seit Eintritt in das Zimmer stand. Der Wortstamm Misere ist im lateinischen Elend: es war ein Elend, in was Anna hinein geboren worden war. Ihre Mutter war noch nicht volljährig und in den schönen jungen Kotschwar verliebt, einer der gern groß tat und die Zeche prellte und spielte. Sein ganzes Geld verspielte. Die Lieblingsgeschichte der Mutter über den Vater war, dass sie ihn weggeschickt hatte, um Essen einzukaufen für sich und das Baby, Semmeln sollte er kaufen, zurück kam er betrunken und legte ihr eine Schachtel Zigaretten auf den Tisch, sie sagte, er hätte uns lieber verhungern lassen, als mit dem Trinken und mit dem Spielen aufzuhören. Immer wieder wird sie diese Geschichte erzählen, und jedes Mal wird sich ihr Gesicht dabei verändern zu einer Grimasse voller Ekel und Abwehr, voller Verachtung spuckte sie diese Geschichte aus, die sie nicht losließ und die dramatisch endete: „Ab da konnte ich nicht mehr, ich hab ihn raus geworfen Deinen tollen Vater, diesen Nichtsnutz.“ Ab da konnte ich nicht mehr: Was bedeuten diese Worte einer jungen Mutter, die die Schwangerschaft, die Geburt eines Kindes auf sich genommen hatte, um, ja um was, was hatte sie sich versprochen davon, was wollte sie erreichen damit, brauchte sie die Tochter um den schwierigen Geliebten an sich zu binden, hoffte sie auf ein idyllisches Familienleben, hoffte sie, dass der Mann dann endlich Verantwortung übernehmen würde für sie und das Kind? Verantwortung! Ich kann nicht mehr? Weil sie nicht mehr konnte, weil sie für sich keine Verantwortung übernehmen konnte aus ihrer Geschichte heraus: Ihr Vater war gefallen im Krieg, ihre Mutter bewirtschaftete einen kleinen Hof mit Ziegen und ein paar Kühen und hatte drei Kinder durchzubringen mit der Angst im Nacken, täglich von morgens bis spät zerbombt zu werden, ganz allein. Schließlich war es die Großmutter, die das Baby Anna aus der Misere herausholte. Von der verteufelten Großstadt mit zu sich aufs Land nahm in ihr kleines Dorf, weil sie sagte, die Kleine erfriert ja im Winter hier in deinem Verschlag. Die Bauern auf der verschneiten Dorfstraße munkelten, dass ist der Balg' von der Josie, weißt noch damals mit dem Herzog Sepp, und der Rest wurde verschwiegen hinter der Hand getuschelt.

Anna inspizierte die verschmutzen Spitzen und Absätze ihrer schwarzen Pumps. War sie je glücklich mit ihm gewesen, das fragte sie sich. Er hatte seinen Platz gewechselt und saß nun auf dem Sofa in der Ecke des Wohnraums. Mit gespreizten Beinen saß er da, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und sie beobachtete ihn ganz genau, wie er mit seinem Daumen und der Innenseite des Zeigefingers einen Bart am Kinn glatt strich wo gar keiner war. Er war in sich versunken und stark betrunken. So hat sie ihn noch nie gesehen, und es erschreckte sie. War sie glücklich mit ihm? Sie wusste nichts von ihm, er erzählte nie etwas über sich. Seinen Vater hatte sie einmal kurz gesehen, es kann sogar nach der ersten Nacht gewesen sein. Ein alter untersetzter Mann, der sich beflissentlich um den Bungalow kümmerte, und seine Mutter kannte sie nur vom Telefon. Sie hatte eine schrille Stimme und verleugnete jedes Mal die Anwesenheit ihres Sohnes, wenn Anna anrief. Glücklich, wann war Anna glücklich gewesen? Es wird eine Zeit geben, da beantwortete Anna die Frage nach dem Glück in ihrem Leben mit:„In Frankreich, in der Bretagne, am Meer, am Felsen, in der bretonischen Familie war ich glücklich.“ Dort gab es niemand, der ihr sagte, wie sie sein sollte, noch was sie zu tun habe. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte, obgleich selbst das Anna verunsicherte. Sie hatte die Sprache, die sie nicht konnte, das Französisch, damit konnte sie ihre Unsicherheit erklären, und es fiel nicht weiter auf, dass Anna in Wahrheit von Grund auf unsicher war. Erstmals in ihrem Leben erlebte sie Herzlichkeit, Verbundenheit, Respekt ihrer Person gegenüber, und sie hat es geliebt, am Abend Feuer zu machen und mit ihrer Aupair-Mutter dazusitzen, im War­men einen Grog zu trinken und über das Leben zu reden.

Wie sehr sie es liebte, das Knistern und Lodern der Flammen, das fackelnde Licht, die Funken, die sprühten, den Geruch von verbranntem Holz, den Rauch: Dazu gibt es die Geschichte, die ihr ihre Mutter öfters erzählt hatte aus der Zeit, als Anna als Baby bei der Großmutter im Haus lebte: Die Großmutter hatte Socken aufgehängt über dem Kohleofen, die brannten lichterloh und nur weil sie, der kleine Balg, lauthals weinte, wurde die Großmutter wach in der Nacht, entsetzt, und konnte so verhindern, dass der kleine Hof lichterloh abbrannte. Die Mutter war froh darüber: „So hast du der Oma das Leben gerettet!“

Anna beobachtete ihn eine Weile in seiner Berauschtheit. Sie wollte ihn retten: Wie viel Geld ist es denn? Er schaute nicht mal auf, machte eine abwehrende Geste und strich weiter über seinen nicht vorhandenen Bart. Er reagierte nicht mehr.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, war ihr Körper schon auf Überlebensmodus eingestellt. Sie wusste nicht mehr, wie sie ins Bett gekommen war. Sie hatte keine Erinnerung mehr an das, was geschehen war. Der Platz neben ihr war einfach leer. Die Sonne schien. Aus dem Fenster beobachtete sie Menschen, die am Ufer des Rheins spazierten, als sei nichts geschehen. Die Bäume hatten nicht aufgehört, sich im Wind zu wiegen und selbst das Nebelhorn war wie so oft über den Fluss hinweg zu hören. Ihr Körper fühlte sich dumpf und schwer an, sie hatte keinerlei Empfindung, als gäbe es zwischen ihr und der Welt da draußen eine Mauer aus Watte. Ihr war übel, als müsse sie sich übergeben, dem Leben hingeben, was immer das bedeuten würde, es machte ihr alles Angst.

Im Kamin entdeckte sie angesengte Dokumente und Urkunden. Sie fischte aus dem Weidenkorb Zeitungspapier und kleine Späne und zündete alles an. Ein Scheit nach dem anderen legte sie nach, bis es lichterloh brannte. Sie entfachte ein großes Feuer, und die Hitze legte sich auf ihre Haut, sie hockte davor mit in sich verschränkten Beinen, rauchte eine Zigarette nach der nächsten, und sie wartete. Sie trug immer noch ihr langes Nachthemd aus Spitze, und die Träger waren herunter gerutscht.

Es klingelte an der Tür. Anna zuckte zusammen. Sie vermutete den Hausmeister, den sie vor Tagen darauf angesprochen hatte, warum das Schwimmbad unten noch immer wegen Renovierungsarbeiten geschlossen sei. Er würde ihr wohl sagen wollen, dass die Reparaturen abgeschlossen sind. Sie zog sich schnell ihre Strickjacke an, die an der Garderobe hing und öffnete, ohne durch den Spion zu schauen. Ein fremder Mann stand vor ihr mit einem grünen Ausweis in der Hand, Frau Kotschwar, wir möchten zu ihrem Mitbewohner. Sie starrte in das strenge Gesicht und auf den abgewetzten Mantel­kragen und schneller als sie verstand, was geschehen war, und wen sie vor sich hatte, füllte sich die Wohnung mit Polizisten, die am Treppenabsatz auf ein Kommando von dem Mann vor ihr gewartet hatten. Sie räumten alle Schubfächer aus, warfen ihre Kleider aus dem Schrank und stülpten die Blumentöpfe um. Einer griff mit einem Tuch nach dem Glas, aus dem Zacharias am Abend zuvor getrunken hatte und steckte es in einen durchsichtigen Beutel aus Plastik.

3. Kapitel

10 Jahre später

Sie war auf dem Land in einem kleinen Dorf, unweit von München, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Es krähten frühmorgens die Hähne und ganz nah läutete die Kirchturmglocke die Stunden ein. Vor den Ställen waren die Kannen voll frischer Milch fein säuberlich hingestellt, bereit zum Abtransport. Die Frauen in ihren groben Baumwollschürzen hängten unter blühenden Apfelbäumen die frisch gebleichten Tücher auf lange Leinen. Sie bewunderte die Gartenzäune, sie waren sicher über hundert Jahre alt und noch so gut erhalten. So ein Gartenzaun in seiner Machart erzählt viel über die Menschen, die da wohnten. Ein „Dr.“ oder ein „Prof.“ vor dem Nachnamen zeigte ihr einen gesetzten Mann, die Brille herunter gerutscht auf der Nase, in seiner Bibliothek vor einem antiken Schreibtisch sitzend, studierend, mit einer Tasse Tee vor sich, die ihm die beflissene Haushälterin wie immer hingestellt hat und an der er nippte, um seine Konzentration zu fördern oder um sich abzulenken und seine Lippen zu befeuchten, um das trockene Thema, das ihn beschäftigt, erträglicher werden zu lassen. Wenn er Hunger hatte, klatschte er dreimal, und die Haushälterin erschien in ihrer blendend weißen Schürze und fragte den alten Professor nach seinen Wünschen. Oder die bunten Namens-schilder aus Ton: Jeder Buchstabe in einer anderen Farbe von kindlicher Hand gemeistert; und stolz von Mama oder Papa an den Gartenzaun gehängt. Eine idyllische Familie, in der alles seine Ordnung hatte, der Vater fuhr morgens in sein Büro, schikanierte die Mitarbeiter und setze sich abends an den schön gedeckten Abendbrottisch, den seine Frau liebevoll gedeckt hat. Die Kinder präsentierten sich in frisch gebügelten Hemden und Hosen und hatten in der Schule gute Noten. Es wurde darüber geschwiegen, dass er der Sekretärin unter den Rock griff, während seine Ehefrau dem Handwerker, der die Fassade strich, mit Sex die Mittagspause versüßte. „Ach Anna“, ermahnte sie sich selbst: „so schlecht ist die Welt doch wirklich nicht. Die Sonne scheint! Dein Sohn ist gesund!“ Gedanken solcherart gingen ihr durch den Kopf, wenn ihr Sohn zufrieden in dem Kinderwagen vor sich hin plapperte und sie mit ihm bei schönem Wetter an den Gartenzäunen vorbeispazierte.

Mein Lebensretter, ja ich weiß, diese Bürde sollte ich ihm nicht auferlegen, doch die endlosen Tage und Wochen bevor ich von seiner Existenz erfuhr, haderte ich stündlich mit meinem Leben, ich fand nicht genug Mut, um es zu beenden, ich fand einfach keine Lösung ohne Schmerzen. Der Arzt, der sagte: „Schauen Sie, dieser kleine weiße Punkt da, ist das Herz ihres Kindes“, dieser alte Professor holte mich ins Leben zurück.

Die Schwangerschaft wurde im dritten Monat festgestellt. Als ich seinerzeit die Praxis verließ, hörte ich in weiter Ferne aus dem nahe gelegenen Park lautes Trommeln, waren es Afrikaner die trommelten? Mit jedem Schritt nahm ich die Welt um mich herum deutlicher wahr. Ich spürte wieder den Boden unter meinen Füssen. Der Rhythmus zog mich magisch an, und ich folgte meinem Gehör, bis ich an einem schmiedeeisernen Tor ankam, es behutsam öffnete und sich mir ein unvergessener Anblick darbot: ein unendlich langer Kiesweg an dessen Ende ein prächtiges weißes Schloss im blauen Horizont prunkte. Eine Allee mit saftig grünen Eichen, dazwischen fließendes Wasser in einem angelegten Kanal mit einem Steinbrunnen verziert. Es spritze das Wasser und glitzernde Fontänen sprudelten empor und leuchteten in allen Regenbogenfarben. Daneben wurde die Wiese gemäht, und es roch so frisch. Auf den Parkbänken, die Menschen, Männer und Frauen unterschiedlichen Alters blickten auf, als sie mich sahen und lächelten freundlich. Besonders beeindruckte mich, ein sehr alter Mann, in einer abgewetzten schwarzen Hose und einem Hut auf dem Kopf. Er holte eine Schnupftabakdose raus, in die Kuhle zwischen Daumen und Zeigefinger klopfte er das schwarze Pulver und schnäuzte es geräuschvoll in seine Nase hoch. Er sah still zu mir auf und blickte mich lange an, solange, dass ich mich bis heute an ihn erinnern kann. Mei, vielleicht war es mein Großvater, der im Krieg gefallen war, den ich nie gesehen hatte und von dem es noch nicht mal ein Bild gab. Wer weiß das schon? Wer wie viel vom Himmel aus sieht und die Strippen zieht?

Im Jahre 1989 liefen in jedem Programm die Berichte über den Mauerfall. Der Kanzler höchstpersönlich drehte sich bei jeder Diskussion wie ein Fähnchen im Wind. Das langweilte mich, und ich erhob mich von dem altmodischen Zweisitzer, um die mit viel Mühe genähten Gardinen zuzuziehen. Das gegenüberliegende Fenster vom Nachbarn war dunkel. Da, die Stimme aus dem Fernseher, die kannte ich! Ich drehte mich blitzschnell um. Erst waren, in den Farben eines vergilbten Fotos in braun mit einem Gelbstich, nur Umrisse und dann bis zum Horizont, die Weite und Leere der Savanne, wilde Steppen und verdorrte Kakteen zu sehen. Die Einstellung wurde langsam herangezoomt und sofort erkannte ich sein Gesicht. Sie zeigten ihn in Großaufnahme, seine strahlend weißen Zähne, das rosige Zahnfleisch und seine Lippen bewegten sich und priesen die Vorzüge der amerikanischen Kreditkarte an.

In seinen Augen suchte ich die Antwort auf so viele Fragen. Doch schon erschien der nächste Trailer. Er war weg, wie vom Erdboden verschluckt, ein Replay gab es nicht. Ein Replay! Es war doch kein Video! Ich war schon froh, dass sich die Sender einstellen ließen in der ollen Fernsehkiste und ich ihn nicht verpasst hatte. Er war also hier, er lebte, er drehte wieder Werbespots! Ich drehte die Lautstärke auf leise, um den Hall seiner Worte in mir nachklingen zu lassen. Ja, er war es, darin bestand kein Zweifel!

In meiner Wohnung war es mucksmäuschenstill. Max, mein Sohn schlief, Pascha, der Hund lag zu meinen Füssen, und der Ofen war aus. Das war bedauerlich, abends würde ich nicht mehr in den Keller gehen, um Kohlen zu holen, das war mir tagsüber schon unheimlich. Mit dem großen Kohleofen in der Küche wurde über ein Wasserdampfsystem jeder Raum geheizt. Es fröstelte mich. Ich wollte mir nur eine Decke aus dem Schlafzimmer holen und blieb dann doch vor dem Schrank stehen, öffnete ihn und hob die alte Schuhschachtel raus. Darin wühlte ich und fand ihn schnell den gelben Zettel, den ich noch gerettet hatte. Für die Zeit nach Zacharias, gab es für mich nur eine einzige Erklärung: Er war ein dämonischer Engel, der mich in die Finsternis gelockt hatte. Mit seinem Verschwinden und allein in der fremden Stadt fing mein Untergang an. Dann sollte er mich gefälligst aus meinem Gefühlschaos befreien und seine leeren Versprechen von damals endlich einlösen! Das glaubte ich wirklich. Dank der modernen Technik war es möglich, einen Menschen nur mit seinem Namen bundesweit ausfindig zu machen, eine sehr erfolgreiche Errungenschaft in meinem Fall. Sie sagte, der Herr ist mit seinem Anschluss in München gemeldet. Er war also nach Hause zurückgekehrt. Bei den ewigen Verhören damals in Köln ließ ein Beamter durchblicken, dass er sich abgesetzt hätte, auf eine kleine Insel in Spanien. So lange ist das her! Ob er sich überhaupt an mich erinnert?

„Zacharias Markovic, guten Abend.“

Ich hatte gar nicht auf die Uhr gesehen, wie spät war es denn, es überraschte mich, dass er sofort den Hörer abgenommen hatte: „Hallo, wer ist denn da?“ „Ja, ich“, besser ich lege wieder auf, schoss es mir durch den Kopf, doch ich sagte nochmals: „Ja, ich, Anna.“ „Anna!“, rief er aus, „das ist ja eine tolle Überraschung, dass du anrufst, ich habe soviel an dich gedacht, wo bist du denn, was machst du, wie geht es dir?“

Es war unwahrscheinlich, dass er viel an sie gedacht hatte, das hätte ihr auffallen können, doch allein die Tatsache, dass er sein Interesse signalisierte, löste bei ihr große Vertrauensseligkeit aus, denn ohne große Umschweife erzählte sie aus ihrem Leben: „Bis vor zwei Jahren war ich noch in Köln. Ich war sogar verheiratet. Dann sind die Geschehnisse etwas aus den Fugen geraten, und ich musste abhauen, weil ich schwanger war, und der Vater das Kind nicht wollte. Jetzt bin ich hier in München und habe mit Malen angefangen. Ich hab das ja nie gelernt, aber manchmal kommen richtig gute Bilder dabei raus. Eigentlich male ich immer dasselbe, immer das Yin-Yang Zeichen, nur mit verschiedenen Materialien.“ Mit etwas Verzögerung fragte sie ihn: „Und du, was treibst du so?“ Noch während sie dies aussprach, empfand sie sich als aufdringlich. Was sollte diese Frage bewirken? Glaubte sie wirklich in seiner Antwort eine Entschuldigung oder gar eine Wiedergutmachung entdecken zu können?

Ich beschäftige mich mit dem Universum, ich erforsche den Lauf der Sterne und male dies auf opulente Bilder in Öl, war seine Antwort und er stellte eine Frage, deren Antwort er schon kannte: „Wann besuchst du mich?“

Eine Woche später stand sie vor seiner Tür. Kurz nach dem Klingeln öffnete er ihr und begrüßte sie mit dem umwerfenden Lachen, das sie aus dem Werbespot noch klar vor Augen hatte. Er bat sie höflich, die Schuhe auszuziehen, und er nahm aus einem Regal ein Paar Sandalen, wie tibetische Mönche sie tragen, prüfte die Größe und legte sie ihr zu Füßen. Anna bewunderte die große hell erleuchtete Diele und bestaunte den goldenen Buddha, der auf einer Steinsäule saß, mit seinem dicken Bauch und einer Lotusblüte, die in seinen offenen Händen lag. Eine ganze Weile ertrugen sie die Stille, wusste doch keiner von Beiden, was sie von diesem Abend zu erwarten hatten. Anna war erschienen, weil sie hoffte, Antworten auf so viele offene Fragen zu finden, für die er ihrem Glauben nach verantwortlich war. Darüber zu sinnieren, was der wahre Hintergrund seiner Einladung war, bliebe reine Spekulation. Doch dass der Abend nicht in einem gemütlichen téte-a-téte enden würde, war Anna sofort klar, nachdem Zacharias die Küchentüre geöffnet hatte und sie einer strahlend schönen Frau gegenüber stand. „Das ist meine Freundin, Olivia“, und während er sie vorstellte, nahm er ihr das Geschirrtuch ab und benutzte dieses, um den heißen Deckel vom Topf zu nehmen. Zu Anna gewandt sagte er: „Wir sind gerade erst nach Hause gekommen, ein opulentes Mahl wird es nicht geben“, und Olivia fügte abwehrend hinzu: „Na, verhungern werden wir schon nicht!“

Sie zeigte auf den gedeckten Tisch und bat Anna dort Platz zu nehmen, ohne sie begrüßt zu haben. Zu sagen, es wäre eine Verlegenheitsgeste gewesen, dass Zacharias Anna eine Flasche Wasser hinstellte und ihr ein Glas voll davon eingoss, würde ihm nicht gerecht werden, vielmehr genoss er diese Situation. Er streckte seinen Körper, lehnte sich schmeichelnd an Olivia, während er über ihre Schulter blickend sie bei den Vorbereitungen beobachtete und gleichzeitig lächelte er Anna an. Die das als konspiratives Zeichen verstand, das Gespräch zu beginnen, was sie auch tat: „Wegen dem Abendessen, das ist nicht schlimm, erzähl mir doch lieber, was du so getrieben hast in den letzten Jahren?“ Dafür erntete sie von Olivia einen Blick, den sie nicht zu deuten vermochte.

Ich war keine Konkurrentin für diese Frau oder wollte sie ausdrücken, dass die Beweihräucherung für ihn nur ihr zustand. Wir saßen zusammen am Tisch, als er begann, von seinem Buch zu erzählen, in dem er versucht habe, seinen Weg in die Freiheit zu beschreiben.

„Die zu leben mir bis auf manchmal ganz gut gelingt, nicht wahr Olivia?“ Die Selbstironie darin war nicht zu überhören. Sie reagierte nicht darauf. Aber er wurde ernsthafter, bevor er weiterredete: „Die Menschheit ist, so Krishnamurtis These, immer an die Zeit und an das Denken gebunden. Ängste und Erinnerungen aus der Vergangenheit sind ein ständiges Hindernis für ein freies Handeln in der Gegenwart, während Projektionen in eine imaginäre Zukunft uns davon abhalten, die Gegebenheiten des ‚heute’ wirklich wahrzunehmen. All diese Ausflüchte, die uns vom ‚Jetzt‘ wegführen, stürzen uns in beständiges Elend. Freiheit kann nur gefunden werden, wenn das Persönliche ‚Ich’ verschwindet.“

Bevor er weiter sprach, fixierte er mich, so als wollte er mich hypnotisieren. Damit das, was er weiter sagte, ja in die tiefsten Schichten meines Seins eindringen solle: „Schau, so wie du deine Frisur trägst, deine Haare nach hinten, wie du da sitzt, wie du isst. Das könnte in mir alte Erinnerungen auslösen. Möglicherweise an meine Mutter, die sich ihre Haare so frisierte wie du, vielleicht hat sie auch ihre Gabel so gehalten, wie du sie gerade hältst. Es können viele Kleinigkeiten sein, die im Verstand unschöne Erinnerungen wach rufen. Möglicherweise an eine entsetzliche Demütigung oder an eine grausame Verletzung, die unauslöschlich in meinem Verstand gespeichert sind.“

Was soll das denn, überlegte ich, wenn ihm meine Frisur nicht gefällt, könnte er das doch einfacher sagen. Er ignorierte mein verständnisloses Gesicht und redete einfach weiter: „Kein Mensch, der nicht erleuchtet ist, lebt im Hier und Jetzt. Keiner ist wirklich präsent zu dem, was gerade Jetzt passiert.“ Er knöpfte sich seinen Hemdkragen auf, um sich Luft zu verschaffen, und redete weiter wie ein donnernder Wasserfall: „Schau, du musst dir das so vorstellen: Dein Verstand ist wie eine Schaltzentrale. Alles was du mit deinen fünf Sinnesorganen wahrnimmst, wird von einem ‚kleinen Männchen‘ zensiert und in eine Schublade gelegt. In diesen Schubladen ist alles abgespeichert, was dir seit Anbeginn widerfahren ist. Das Erlebnis mit den stärksten Emotionen taucht auf, also zum Beispiel: Schwarzer Hund beißt! Vorsicht! Diese Information wird dich jedes Mal beim Anblick eines schwarzen Hundes in Alarmbereitschaft versetzen. Oder wie in unserem Fall mit der Mutter werde ich die Demütigung und Verletzung wieder und wieder durchleben und entsprechend skeptisch auf dich reagieren. Das alles passiert ständig, und du hast überhaupt keinen Einfluss darauf, weil du nichts davon ahnst, und selbst wenn, wird dir jeder bestätigen, wie schwer es ist, einen nicht denkenden Zustand zu erreichen und präsent zu sein zu dem, was gerade ist. Wenigen, die nicht erleuchtet sind, gelingt es, bei einer tiefen Meditation oder bei langen Dauerläufen, möglicherweise.“ Es war mir unverständlich, was er von mir wollte, aber etwas von seiner langen Rede nistete sich in meine Gehirnzellen ein, und es breitete sich ein Gefühl der Erlösung in mir aus. Ich wollte gerade etwas sagen, als er mir mit ausgestreckter Hand Einhalt gebot und energisch weiter redete: „Lass mich dir erklären, was ich gesagt habe.“

Er machte eine kurze Pause, um nochmals Luft zu holen, dann fuhr er in einem gemäßigten Ton fort: „Sobald mein Verstand an diese alte Verletzung oder Demütigung angedockt ist, reagiere ich auf dich nicht mehr wie auf Anna, sondern wie damals in meiner Kindheit auf meine Mutter. Egal was du dann sagst oder tust. Alles fällt auf diesen alten morastigen Boden aus Leid und Schmerz. Unsere Kommunikation findet auf grundverschiedenen Ebenen statt. Also nicht im „Jetzt“. Das führt zu unwiderruflichen Missverständnissen und letztendlich trennen wir uns, sind energielos und haben das unangenehme Gefühl, dass wir uns dieses Gespräch hätten sparen können.“

Ich hatte ein beklemmendes Gefühl. Olivia mischte sich in Zacharias Monolog ein. Sie erzählte ausführlich darüber, was sie im Training bei Zacharias erfahren habe. Seitdem sei das Verhältnis zu ihrer Mutter einfach phantastisch, und erstaunt fragte ich: „Welches Training?“

„Ach so, ja“, mischte sich Zacharias wieder ein, „nachdem viele meiner Freunde von meinem Buch so begeistert waren, bestärkten sie mich darin, daraus ein Training zu konzipieren und zu veranstalten.“ Er tat so, als sei etwas von außen an ihn heran getragen worden, eine großartige Sache, an die er selbst nicht einmal im Traum gedacht hätte. Doch das war nicht der Fall, und das wusste ich. Es war eines seiner Geheimnisse, wie er Menschen dazu bringen konnte, genau das zu tun, was er von ihnen erwartete, ohne diese Erwartung jemals zu formulieren oder an sie heran zu tragen. Olivia kannte diesen Zug an ihm offenbar nicht. Sie unterstützte ihn mit ihrer Begeisterung und wollte mich sofort anwerben: „In vier Wochen wird das nächste Training stattfinden, du kannst ja mitmachen, wenn du willst.“

Sie war eine aufregende Frau mit einem makellosen Teint und blendend weißen Zähnen, die sie mit ihrem breiten Lächeln stolz zur Schau stellte. Ihre Bewegungen und Gesten forderten geradezu dazu auf, sie ununterbrochen anzuschauen. Sie hatte kein Gramm überflüssiges Fett auf den Hüften, eine gerade Nase und einen klaren Blick. Das musste ich nicht ohne Neid anerkennen. Sie war im aktuellen Trend gekleidet, ungeschminkt schön und lag nachts in seinen Armen. Ich weiß nicht, woher ich die Gewissheit nahm, dass es ihr eines Tages mit ihm nicht anders ergehen würde wie mir. So wie ich damals für ihn Versicherungen verkauft und die Werbetrommel gerührt hatte, tat sie dies nun, um seine Trainings voll zu kriegen und verkaufte Bewusstseinserweiterung. Ich fand sie nett, trotzdem wollte ich mich nicht darauf einlassen, also antwortete ich ausweichend: „Zunächst würde ich gerne das Buch von Zacharias lesen.“

Der schaute auf seine Armbanduhr und erhob sich unerwartet schnell aus seinem Stuhl. Ich wunderte mich darüber und fragte mich, ob seine Erleuchtung schon so weit fortgeschritten war, dass er bereits meine Gedanken lesen konnte. Er bat mich höflich, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen. Er holte sein Buch aus dem Regal heraus und schrieb in schnellen Zügen eine Signatur auf die Innenseite des Deckels. Dann überreichte er es mir mit einer huldvollen Geste. Olivia stand im Türrahmen und schaute ihm dabei zu. Ganz freundlich sagte sie zu mir: „Du kannst uns ja deine Adresse da lassen, dann werde ich dir in den nächsten Tagen ein paar Unterlagen wegen des Trainings schicken.“ Sie war an den Schreibtisch heran getreten, der aus einer dicken Glasplatte und zwei Holzsockeln bestand. Sie drückte mir Papier und einen Bleistift in die Hand. Zacharias war hinaus in die Diele gegangen und machte sich an dem Schuhregal zu schaffen. Olivia und ich waren allein im Raum. Für einen kurzen Moment lang überkam mich das sonderbare Gefühl, dass sie und ich das gleiche Geheimnis hüteten.

Sie verabschiedete sich von mir, ging vor mir hinaus, und ich folgte ihr. Sie verschwand hinter einer Tür, die sie nur einen Spalt breit öffnete und sofort wieder hinter sich verschloss. Ich konnte nur wenig von dem erkennen, was diesen Raum so geheimnisvoll für mich machte. Aber das reichte aus, um meine Neugierde zu wecken. Es waren keine Möbel in dem Zimmer. Im flackernden Licht der Kerzen hatte ich nur einen orientalischen Teppich und viele bunte Kissen gesehen, die jemand kreisrund am Boden hingelegt hatte. Ich lauschte der stillen meditativen Musik, und es roch stark nach Weihrauch oder indischen Räucherstäbchen. Das beeindruckte mich sehr, und Zacharias, der neben mich getreten war, bemerkte in einem leisen Ton: „Du bist ja total fasziniert von Olivia.“ Ich zog die tibetischen Sandalen aus und schlüpfte wieder in meine Straßenschuhe. Danach bedankte er sich bei mir für den gemeinsamen Abend und verabschiedete mich freundlich an der Haustür.

4. Kapitel

Später…

In der Jugendstilvilla, vor der ich stand, waren auf vier Etagen Firmen untergebracht: ein Maklerbüro, eine Computerfirma und eine Firma für ontologisches Bewusstsein. Dort hatte ich einen Termin, für den ich mich richtig fein heraus geputzt, für den ich sogar meine Bluse gebügelt hatte. Ich duftete nach meinem neuen Parfum, das ich mir tags zuvor erst gegönnt hatte. Es sollte mich auf dem Weg in mein neues Leben begleiten und berauschen. Wie ein Rausch war die Vorstellung, dass es tatsächlich ein Mittel gegen meine Ängste und Sorgen, einen Weg aus meiner Depression gäbe. Olivia hat den Kontakt zu mir beibehalten und irgendwann hatte sie mich so weit, dass ich einer Anmeldung zustimmte.

Der Türöffner surrte, und ich stieg Stufe für Stufe meinem Schicksal entgegen. Im ersten Stock stand auf einem halbrunden Beistelltisch eine kleine Vase mit roten Rosen unter einem Porträt eines orientalischen Weisen namens Muktananda. Ein dünner, fast ausgemergelter alter Mann, der in ein weißes Tuch gehüllt war, und aus dessen Blick eine himmlische Sanftheit sprach. Auf einer Bildunterschrift unter dem Gemälde stand zu lesen: „Finde Gott in deinem Herzen.“ Es öffnete mir ein sensibler Mann, der mich mit einem festen Händedruck begrüßte: „Hey, ich bin Jochen. Olivia ist leider verhindert, deswegen werde ich mich um dich kümmern.“ Jochen war ein interessanter Typ! Jedoch verunsicherte mich seine attraktive Ausstrahlung. Ich spielte nervös an meinen frisch lackierten Fingernägeln herum. Mein Sitzplatz war mit Paravents von dem großflächigen, hellen Büro abgeschirmt. Zwischen den gläsernen Schreibtischen standen wuchtige Grünpflanzen und an den Wänden hingen esoterische Bilder. Neben den hochmodernen Computern stieg gekräuselt Rauch von Harzen in die Luft. Leise erklang ähnliche Musik wie aus dem geheimnisvollen Zimmer, in das Olivia an jenem Abend verschwunden war.

Anna erzählt hier von zwei Ereignissen, dem Abendessen bei Zacharias und ihrer Anmeldung zum Training, die sich scheinbar in ihrem Leben in kurzer Folge ereignet haben. Doch dem ist nicht so, dazwischen liegen einige Jahre, ihr Sohn ist inzwischen fünf und besucht einen privaten Kindergarten. Sie hat sich im normalen Leben etabliert. Sie ist angestellt in einem großen Unternehmen und eine gern gesehene Kollegin. Der Kampf ums Überleben war vorbei und insgeheim hoffte sie darauf, dass damit auch der innere Kampf ausgefochten wäre, dass sich ihre Ruhelosigkeit legen würde, dass sich das um sich selbst kreiselnde Gedankenkonstrukt auflösen würde, sich wandeln könnte in ein angstfreies Leben, erleuchtet zu sein, so meinte Anna, bedeute die Abwesenheit von Angst und Leid.

Sie war so sehr in ihrer Vergangenheit verstrickt, dass es keinen Platz für einen Mann an ihrer Seite gab und so stützte sie sich blind auf die einzige männliche Energie, die ihr bereitgestellt wurde.

Obwohl sie mit Zacharias nie mehr etwas zu tun haben wollte, war sie bereit, ein Training zu absolvieren, von dem sie sich erhoffte, von ihrer Angst befreit zu werden, und Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Dafür nahm sie alle Unannehmlichkeiten in Kauf, die sie wegen Zacharias erfahren hatte. Ein Phänomen in Annas Leben, dem sie nicht das erste Mal begegnete. Sie konnte Unangenehmes einfach ausblenden. Was sie nicht sehen oder hören wollte, sah oder hörte sie nicht.

Deswegen verwundert es letztlich nicht, dass Anna den freundlich blickenden Mann auf den Werbebroschüren, Zacharias, nicht als den identifizierte, der ihr Leid zugefügt hatte, sondern noch immer den blonden Jüngling darin sah, der ihr einst gesagt hatte: Du musst leben. Ich bin das Leben!

Ich schaute zu Jochen, der mir vorkam wie ein Versicherungsvertre­ter, wie er sich seinen Füllfederhalter zurecht legte. Ich wollte ihm und mir die Mühe eines Verkaufsgesprächs ersparen. Wohl wissend, dass ihm Zacharias die Verkaufstechniken beigebracht hatte. Einer von Zacharias liebsten Sätzen war der: Woher wollen Sie wissen wie eine Erdbeere schmeckt, wenn sie nicht hinein beißen. Jemand kann ihnen in schillernden Farben den Geschmack einer Erdbeere be­schreiben, dann können Sie in der Vorstellung davon leben, wie eine Erdbeere schmecken könnte, aber sie wissen es nicht! Sie werden es auch nie erfahren, wenn sie nicht endlich selbst hinein beißen. Ja, ich hatte genug davon, anderen beim Leben zuzuschauen, nur zu beob­achten wie andere sich auf der Sonnenseite des Lebens vergnügten. Ich wollte endlich leben, koste es was es wolle und entschlossen fragte ich ihn: „Wie teuer ist dieses Training?“

Koste es, was es wolle, ich wollte meinem sinnlosen Dasein ein Ende bereiten. Ich holte mein Scheckheft aus der Tasche. Keinen Tag länger wollte ich so nah am Abgrund stehen und mich von Albträumen verfolgen lassen. Jochen wirkte unschuldig und wohlerzogen, wie er mir so gegenüber saß. Er räusperte sich:

„Das Training beginnt am Freitagabend um 18.00 Uhr und dauert bis Sonntagabend 19.00 Uhr. Es kostet 480 Mark, alles inklusive. Das Einzige, was du mitbringen solltest, ist Schreibzeug und eine Decke.“

„Wozu um Himmels willen, brauche ich für ein Selbsterfahrungstrai­ning wie dieses eine Decke?“, wollte ich äußerst skeptisch wissen, denn er entschuldigte sich: „Es tut mir leid, das kann ich dir jetzt nicht sagen. Du wirst es schon sehen.“

Ich beließ es dabei und füllte den Scheck aus. Als ich damit fertig war, wartete er ab, bis ich ihm den Füller zurückgab, und rückte das vor ihm liegende Formular zurecht: „Dann wollen wir mal.“ Ich buchstabierte ihm meinen schwierigen Namen und gab meine Adresse und Telefonnummer an. Aber auch als ich schon unterschrieben hatte, entspannte er sich nicht, ganz im Gegenteil, er wurde richtig aufdringlich. Er schaute mich dauernd an wie ein Studienobjekt, so als gäbe es etwas Besonderes an mir zu entdecken. Ich fragte mich ununterbrochen, was er von mir wollte, und rutschte dabei auf der Stuhlkante nervös hin und her. Bis er endlich etwas sagte: „Bei uns ist es so“, er räusperte sich und fing von vorne an: „Bei uns ist es so, wir möchten, dass sich jeder Teilnehmer vor dem Training Gedanken darüber macht, wozu er dieses absolvieren möchte.“ Er setzte sich auf und fragte mich eindringlich: „Mit welchem Resultat willst du am Sonntagabend nach Hause gehen?“ Mit welchem Resultat willst du am Sonntagabend nach Hause gehen? Was war das denn für eine Fragestellung? Ich musste mir den Satz erst zurecht legen, bevor ich begriff, dass er wissen wollte, warum ich dieses Training machen will. Meine Gründe waren sehr privat, und ich sah nicht ein, warum ich gerade ihm das sagen sollte.

Eigentlich war ich mit Olivia verabredet und deswegen sagte ich: „Das werde ich mit Olivia besprechen oder mit Zacharias persönlich.“ Bei dem Namen Zacharias zuckte er zusammen. Ich tri­umphierte insgeheim. Ich legte noch ein Ass nach und erklärte ihm mit unschuldiger Miene: „Ich kenne Zacharias schon sehr lange.“ Es kam mir so vor, als würde er überlegen, ob es unangebracht war, sich in die persönlichen Verhältnisse seines Chefs einzumischen. Er lehnte sich langsam in seinen Stuhl zurück, vielleicht wollte er Zeit gewinnen. Jedenfalls machte er keinerlei Anstalten, das Gespräch zu beenden. Er legte ein Bein über das andere und faltete seine Hände im Schoß. Danach sah er mich so an, als handele es sich bei mir um einen besonders schweren Fall. Während ich noch überlegte, was er denken könnte, redete er schon eine ganze Weile: „Das Verharren in einem abstumpfenden oder gar tödlich langweiligen Leben mit Frustration und Verzweiflung ist nicht das, was du freiwillig gewählt hast. Du hast vielleicht versucht, es wieder mit Leben zu füllen, musstest aber feststellen, wie vergeblich deine Bemühungen sind.“ Mit dem blonden Flaum auf seinen Kopf sah er aus wie ein frisch geschlüpftes Küken mit blauen Knopfaugen, und so tollpatschig war er auch mit einem Mal. Seine eigene Rede machte ihn offensichtlich nervös und mich ebenso. Ich hatte ihn unterschätzt. Er referierte leidenschaftlich über Liebe, Freiheit und Erfolg. Er schaffte mich. Meine Seele spürte, dass es hier was zu holen gab. Mein Schutzwall schmolz dahin wie Butter in der Sonne. Sehnsucht, die in meinem Herzen brannte, mich antrieb, die Wahrheit zu finden, machte sich breit. Es hatte keinen Sinn, ihn länger hinzuhalten, und mir war es ernst mit dem, was ich sagte: „Ich will wissen, wer ich wirklich bin und wie sich Sein - ohne das ganze Kopfkino anfühlt. Ich will endlich frei sein! Er nickte nur. Ich war mir nicht sicher, ob er die Tragweite meiner Worte verstanden hatte. Deswegen wurde ich noch deutlicher: „Verstehst du, Jochen, anderen ist es wichtig, zu erfahren, wie sie Millionäre werden oder wie sie ihren Lebenspartner und somit ihr Glück finden. Ich aber will wissen, wer ich bin und was ich hier auf Erden zu tun habe. Verstehst du, ich werde erst wieder lieben können, wenn ich das ganz genau weiß.“ Jochen schaute mich lange an: „Weißt du denn überhaupt, was Liebe ist, Anna?“

Als sei sie überglücklich, dass ich nach vielen Jahren endlich den Weg nach Hause gefunden hatte, so streckte mir eine fremde Frau ihre zierliche Hand entgegen und strahlte mich an: „Herzlich will­kommen. Ich bin Gerlinde. Ich werde bei deinem Training assistieren. Wenn du etwas brauchst oder Fragen hast, sprich mich ruhig an.“ Die junge Frau nahm meine Jacke entgegen und zeigte auf ein reichhalti­ges Büfett. Es war wunderschön mit weißen Orchideen und leuchten­den Kerzen dekoriert.

Das Training war gut organisiert. Ich fühlte mich nicht wohl unter so vielen unbekannten Leuten, deswegen verzichtete ich auf die Snacks und Salate. Vor der Eingangstüre hatten sich einige Gruppen gebildet. Die Leute unterhielten sich lebhaft, nippten zwischendurch an ihren Getränken oder zogen nervös an ihren Zigaretten, wie ich auch. Ich erkannte einige von denen wieder, die ich im Zentrum gesehen hatte. Noch waren es Gesichter ohne Namen. Ich versuchte herauszufin­den, wer zum ersten Mal hier war und wer schon ein Training hinter sich hatte. Schließlich hatte mir Olivia erklärt, dass der Erfolg des Trainings sofort Wirkung zeigen werde. Meine Lebensqualität würde sich um ein vielfaches verbessern. Genau diese Verbesserung suchte ich in den Gesichtern der umstehenden Menschen. Was ich da tat, sollte sich lohnen. Es war ja auch nicht gerade billig! Mein Konto war überzogen. Ganz abgesehen davon hatte ich meiner Mutter gegen­über eine betriebliche Weiterbildung vorgegeben, damit sie auf meinen Sohn Max aufpasste. Es gab kein Zurück mehr. Ein Gong ertönte. Daraufhin wurden alle gebeten, sich im Trainingsraum einzufinden. Auf einer Flip-Chart stand in Großbuch-staben: „Jeder Teilnehmer wird an der Stelle abgeholt, an der er gerade steht.

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