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Goethes Reimsprüche

1. Einleitung

Bei diesem Büchlein handelt es sich um nichts weniger als um ein Werk der Schriftgelehrsamkeit. Die Herren Goethe-Forscher tun manchmal, als ob Goethe nur für sie gedichtet habe; er hat aber gar nicht für sie gedichtet.

Mit Goethe-Philologie und überhaupt mit Literaturkunde hat dieses bescheidene Werkchen nichts zu tun. Weder ist sein Herausgeber ein Zunftgelehrter noch wendet er sich an solche.

Er wendet sich an das Volk im besten Sinn des Wortes. Ihm möchte ich damit ein weltliches Gebetbuch, ein Erbauungsbuch, ein Laienbrevier geben.

Wohl weiß ich, dass ich damit einen Leckerbissen darbiete; aber nicht nur Gelehrte wissen Leckerbissen zu würdigen (vielleicht wissen sie es am allerwenigsten), und wenn auch natürlich nicht jedermann, nicht die ganze Krethi und Plethi (um mit Luther zu reden) zu jenem »Volk« gehört, für das bekanntlich nur das Beste gut genug ist, so gehören doch sehr viele dazu.

Die Deutschen insbesondere lesen zwar zum großen Schaden ihres Geistes nicht nur, sondern auch unseres Schrifttums, mehr Schund als irgendein anderes Volk.

Gott verzeih es Ihnen, sie wissen nicht, was sie tun; aber sie lesen zugleich – nur sind es dann andere Personen – auch mehr des Guten und des Besten.

Für diese möchte ich mein Büchlein gemacht haben als ein Vademekum fürs Leben.

Und ganz besonders empfehle ich das zierliche Büchlein den poesiebeflissenen jungen Leuten, die ja in Deutschland nach vielen Tausenden zählen (welche Herrlichkeit!); sie werden manches Sprüchlein darin finden, das recht eigentlich auf sie gemünzt ist.

Was soll uns Gelehrsamkeit? Besinnung brauchen wir und daraus hervorgehende sittliche Wirkung. Und in diesem Sinn habe ich das zu Bietende innerlich eingerichtet und absichtlich zu jedem gelehrten Zweck unbrauchbar gemacht.

Zunächst gebe ich keine Vollständigkeit, sondern nur eine Auswahl. Denn Zwecke gibt es und Aufgaben, wo es die Menge nicht tut; wir wissen das heute, was auch Herr Heinrich Heine dazu sagen mag; sie soll es auch nicht tun.

Ich habe also ausgewählt, was ich nach Form und Inhalt für das Bedeutendste, Stärkste und Wirksamste hielt. Dabei hatte ich freilich zum Ratgeber nur mein höchsteigenes persönliches Urteil. Das mag ein Übelstand sein, aber man wird mir zugeben, dass derselbe nicht eigentlich zu vermeiden war.

Goethes Sprüche ziehen sich über viele Jahre hin; es ist also nicht zu verwundern, dass öfter der gleiche Gedanke in verschiedener Prägung wiederkehrt; ich habe dann diejenigen ausgewählt, die ich für die besten hielt.

Weggelassen habe ich auch alle wissenschaftlich polemisierenden Sprüche mit Ausnahme einiger besonders schöner Strophen über die Farben.

Außerdem haben noch manche andere Sprüche eine weniger allgemeine als mehr zeitliche, zeitgebundene, und für uns einigermaßen verblasste Bedeutung, die darum einer historischen oder philologischen Erklärung bedürfen; ihnen bin ich fast durchweg aus dem Weg gegangen.

Denn das ist der zweite Punkt meines ungelehrten Unternehmens: Ich gebe keinen Kommentar. Der scharfgespitzte Goethesche Pfeil

»Im Auslegen seid frisch und munter,

Legt ihr's nicht aus, so legt was unter –«

sollte mich nicht treffen.

Auch tun wir wahrlich unrecht, nicht besser den Rat von Friedrich Rückert zu befolgen:

»Das Heer der Schrifterklärer

Macht Leichtes schwer und Schweres schwerer.

Halte dich an einfachen Text,

Nicht, was in den Noten wird gekleckst.«

Denn:

»Des Schrifterklärers Fluch ist

Alles zu erklären,

Als ob am Himmel nicht

Auch Nebelsterne wären.«

Gewiss gibt es Dinge, die einen Kommentar brauchen, aber die Sprüche dieses Buches brauchen nach meiner Ansicht keinen, und ich halte es, was mich persönlich anlangt, für ebenso unanständig wie anmaßend, einem erwachsenen Menschen die Speise, die man ihm bietet, erst vorzukauen und mit dem eigenen Speichel zu verunreinigen.

Wir leben in der Zeit der Volkssouveränität – ja, dass Gott erbarm – hüten wir uns also vor jeder wenigstens unnötigen Bevormundung, und möge jeder die Goetheschen Sprüche verstehen und genießen, sich auslegen und zurechtlegen, ganz nach seiner eigenen geistigen Verfassung, nach seinem eigenen Vermögen eben; anders hätte er dessen doch seinen rechten Gewinn. Denn wer in ein Buch oder einen Spruch nichts hineinzulesen versteht, der wird auch nicht viel herauszulesen haben; nur wer zu geben hat, dem wird gegeben.

Aber ganz konsequent kann man nicht immer sein, und dem Gesagten zum Trotz enthält dieses Buch der Sprüche dennoch einen Kommentar, wenn auch nicht in Worten; er liegt in der von mir gegebenen Anordnung. Darüber ist Folgendes zu sagen:

Den Grundstock der Sprüche bilden die Zahmen Xenien. Sie stehen im dritten und vierten Band der Gedichte, denen sie sozusagen als Füllsel angeheftet sind.

Der Famulus Eckermann, dem übrigens mancher Goethe-Gelehrte nicht das Wasser reichen darf, hat dieses Geschäft besorgt; ihm war ganz allein die Aneinanderreihung der einzelnen Sprüche überlassen, wenigstens im Großen und Ganzen.

Dazu kommen dann die nachgelassenen Zahmen Xenien, die Abteilungen Gott, Gemüt und Welt, Sprichwörtliches, Epigrammatisches, die Spruchdichtungen des Westöstlichen Diwans, die Weissagungen des Bakis, die chinesisch-deutschen Jahres- und Tageszeiten, die Politica, einiges aus dem Band XLVII und selbst mehreres aus den lyrischen Sammlungen und vermischten Gedichten, alles das über sechs bis sieben Bände sich verbreitend.

Wie war das nun zu ordnen? Nach meiner Ansicht nur nach der sinngemäßen innern Zusammengehörigkeit, wobei, vor- und rückwärtsweisend, die einzelnen Sprüche sich dem Sinn nach miteinander verbinden und wechselweise ergänzen.

Wenigstens eine erbauliche Wirkung, wie ich sie mir zum Ziel gesetzt habe, war auf andere Weise nicht zu erreichen; denn nichts Ermüdenderes und Abstumpfenderes gibt es, als hintereinander eine lange Reihe von kurzen Sprüchen zu lesen, die keinen gedanklichen Zusammenhang haben.

Diesen so viel wie möglich durchweg herzustellen war mein Bemühen, das mir der Leser hoffentlich auch dann noch danken wird, wenn er auch mit meiner Anordnung – wozu auch die Einteilung in sieben Gruppen gehört – nicht in allen Einzelheiten ganz einverstanden ist; denn wie bei der Auswahl so war es auch bei der Anordnung einfach nicht zu verhindern, dass nun an den objektiven Farben (weil wir doch einmal bei Goethe sind) ein psychologischer Reflex mitschillert und ein gewisses Subjektives wortlos mitspricht, ohne welches man nicht einmal einen Schuh machen kann, geschweige denn ein Buch.

Darin aber liegt das Subjektive, dass eben ganz natürlich jeder Spruch je nach seiner Nachbarschaft ein etwas verschiedenes Licht erhält, durch die Reflexe eben dieser Nachbarschaft. Und gewiss konnte man manches auch anders machen, als ich es gemacht habe; ich war selber sehr oft im Zweifel und habe deshalb sogar einige Sprüche zweimal eingereiht; aber ich glaube nicht, dass man es, um einen starken Eindruck zu erzielen, viel besser machen könnte.

Und soll ich nun über den Inhalt des Buches viel Rühmens und Anpreisens machen? Ich denke, das ist bei Goethe kaum nötig. Nur so viel: Außer den zwei letzten Gruppen, die zum Teil Goethes tiefste Philosophie in gesteigertster poetischer Sprache zum Ausdruck bringen, sind Goethes Sprüche eigentlich das populärste und volkstümlichste, was er überhaupt geschrieben hat, und zwar nach Form wie nach Inhalt. Nur so, dass der Hauptreiz des einzelnen Spruches bald mehr im Gedanken, bald mehr in der Prägung zu suchen ist.

Diese besonders ist das volksmäßig Deutscheste, was wir von Goethe besitzen außer seinen Liedern und seinem Faust. In besonders hohem Maße gilt dies von den Zahmen Xenien. Die ersten derselben erschienen erst 1820, und es ist bekannt, dass Goethe zu jener Zeit in seiner Prosa einen etwas feierlich-steifen oder, wie man es gewöhnlich ausdrückt, geheimrätlichen Stil geschrieben hat.

Seine Sprüche sind das Gegenteil davon. Wie wenn es ihm ein Bedürfnis gewesen wäre, sich an ihnen von jener Prosa zu erholen. Dass sie dabei in Sprache und Gedanken manchmal etwas derb sind, gehört mit dazu.

I

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