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Gnadenlose Gedanken - Thriller

Peter Wagner

Gnadenlose Gedanken - Thriller


Meine Inge. Immer wieder meine Inge!!!


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Vorwort

Cogito ergo sum.

Ich denke, also bin ich.

( Rene´ Derscartes)

Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, die Gedanken anderer Menschen lesen zu können? Wäre es nicht wunderbar, in das wahre Ich eines Fremden blicken zu können?

Träume, Sehnsüchte, Ideen, Wünsche. Dies alles läge ausgebreitet vor einem, man könnte sie auflesen und vernaschen.

Könnte es nicht auch der Schlüssel zu einer absoluten Macht sein? Wenn ich die Gedanken meiner Mitmenschen kennen würde, könnte ich sie doch auch beherrschen und manipulieren.

Ich habe in den vergangen Monaten unzählige Gedanken gelesen. Phantasievolle, zärtliche, liebevolle, selbstlose, verträumte, optimistische Gedanken.

Und ich habe Gedanken gesehen, die zerstörerisch, fanatisch, unmenschlich, grausam, tödlich und pervers waren.

Ich habe in dem Kopf meines Mörders gelesen und gnadenlose Gedanken gesehen, die jeden vernichteten, der zwischen mir und meinem unbesiegbaren Jäger geriet.

Ich denke, also bin ich? Wenn diese Theorie stimmt, dann möchte ich nicht sein!

1

Ich weiß noch sehr genau, wann und wo es das erste Mal geschah. Eigentlich geschah es nicht, es ereignete sich. Das erste Mal, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte ich mich ohne Begleitung aus dem Haus getraut. Auch nach den vielen Wochen in der Reha-Klinik hatte ich mich immer noch nicht an den Rollstuhl gewöhnen können.

Nun stand ich an der Supermarktkasse, hatte ein paar Waren, die ich mehr oder weniger dringend benötigte, auf meinem Schoß deponiert, und versuchte die neugierigen Blicke der anderen Kunden zu ignorieren.

In wenigen Tagen würde ich meinen zwanzigsten Geburtstag feiern, obwohl ich eigentlich tot sein müsste.

Nach dem Unfall hatte ich mehr als nur Glück gehabt. Im Grunde hätte ich doch sterben müssen. Dies hatte ich mir auch in den vielen Wochen, die ich voller Selbstmitleid im Krankenbett gelegen hatte, immer wieder gewünscht. Dass ich nicht gestorben war, hielt ich damals eher für eine Strafe als für einen Glücksfall. Ich tat mir so leid! Drei Monate vor den Europameisterschaften war innerhalb von wenigen Augenblicken meine Karriere als Schwimmer beendet gewesen. Ausgerechnet im Wasser fand sie ihr Ende. Wie hatte ich nur so dämlich sein können?!

Es war nach der Abiturfeier gewesen. Mit ein paar Kumpeln hatte ich den Heimweg angetreten, irgendwann erreichten wir die kleine Brücke, die schon so oft eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt hatte. Hier hatte ich mich das erste Mal in meinem Leben geprügelt, (und natürlich das erste blaue Auge kassiert!), hier hatte ich das erste Mal ein Mädchen geküsst. Und unter dieser kleinen Brücke hatte ich vor über fünfzehn Jahren meine ersten Schwimmversuche unternommen. Mittlerweile war ich schon zweimal Deutscher Jugendmeister geworden, und ich galt als sicherer Kandidat für eine Medaille bei den kommenden Jugendeuropameisterschaften.

Doch mein Übermut und mein Stolz hatten diese Hoffnungen jäh zerstört.

Als Jürgen anzweifelte, dass ich nach den zehn oder elf Bieren noch in der Lage sei, von der Brücke zu springen, konnte ich natürlich nicht anders, als ihm das Gegenteil beweisen zu müssen. Obwohl ich wusste, dass er es nicht allzu ernst gemeint hatte, nahm ich die Herausforderung an, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern.

Als ein junger Mann mit einem erstklassigen Abitur, welches ihm alle Türen öffnen würde, und als die Hoffnung des Deutschen Schwimmverbandes, sprang ich in den kleinen Fluss. Aber als Krüppel, der nie wieder seine Beine benutzen würde, wachte ich im Krankenhaus wieder auf. Mein junges Leben war mit einem Schlag auf den Kopf gestellt worden. Was gestern noch weiß war, das war heute plötzlich schwarz. Und ich war nicht in der Lage, dies auch nur ein wenig zu beeinflussen. Ich sah noch nicht einmal eine Chance, mir ein trübes Grau mischen zu können.

Die Ärzte waren von Anfang an offen zu mir gewesen. Sie machten mir keine falschen Hoffnungen, ich würde nie wieder Laufen können, auch nicht mit Hilfe von Krücken. Keine Chance. Was mir blieb, waren mein Selbstmitleid und mein Rollstuhl.

Eine Querschnittslähmung verändert nicht nur deinen Körper, deine Mobilität. Nein, vor allen Dingen verändert sie deinen Kopf. Da bist du wirklich behindert! Dein Hirn sagt dir, dass du eine Null bist, die absolut unbrauchbar ist. Dein Kopf rät dir, mit dem Leben Schluss zu machen, da du doch eigentlich sowieso schon am Ende bist. Dein Kopf sagt dir, dass du aus dem achten Stock des Krankenhauses springen sollst, und dein Kopf sagt dir dann auch, dass du es nicht machen kannst, weil deine Beine dich bei dem Versuch im Stich lassen würden.

Ich hatte nur noch meine Eltern, die allerdings noch hilfloser waren als ich. Wenn sie mich besuchten, dann konnte ich in den Augen meiner Mutter sehr genau erkennen, dass sie die gesamte Fahrt über Tränen des Mitleides geweint hatte. In den Blicken meines Vaters erkannte ich nur stumme Vorwürfe. Vorwürfe, die er mir natürlich, schon alleine aus Rücksicht auf meine Mutter, nie laut machte. Wahrscheinlich gestand er sie sich noch nicht einmal selber ein. Sie waren ihm wohl gar nicht bewusst. Doch seine Augen klagten mich an. Deshalb konnten wir uns auch nicht in die Augen sehen. Meine Mutter war eigentlich ganz tapfer, wenn man bedachte, wie sehr sie an mir hing. Schließlich war ich ein typisches Einzelkind, und kostete dies auch mit allen Annehmlichkeiten aus. Ich bewohnte zwar eine eigene Wohnung, das hielt mich aber nicht davon ab, mir von ihr meine Wäsche machen zu lassen, oder mich von meinem Vater finanziell unterstützen zu lassen. Natürlich hatte der Nebenjob als Bademeister schon damals nicht ausgereicht, um meine Bedürfnisse befriedigen zu können. Seit ich den nicht mehr ausüben konnte, war ich noch mehr auf die Finanzspritzen meiner Eltern angewiesen. Seit dem Unfall sind sie natürlich nicht kleiner geworden. Wahrscheinlich wollten sie sich mit dem Geld von ihrem schlechten Gewissen freikaufen. Heute glaubten sie, dass sie mich viel zu früh hatten ausziehen lassen, obwohl vor allen Dingen mein Dad mich immer dafür gelobt hatte, dass ich unbedingt unabhängiger leben wollte.

Heute war ich abhängiger als je zuvor, welche Ironie! Verdammt! Ohne fremde Hilfe konnte ich noch nicht einmal pissen, außer ich hätte es in Kauf genommen, diese grässlichen Windeln zu tragen, in denen man sich fühlte, als wäre die Selbstachtung in einem Knäuel Mull gefangen. Lieber hätte ich mir die Hosen nass gemacht, als diese Dinger noch einmal zu tragen.

Die Krankenkasse hatte mir einen Pfleger zugewiesen. Der wischte mir nun den Arsch ab, badete mich, wie man einen kleinen Säugling badete.

Er hieß Manfred, und er hatte mehrere Gemeinsamkeiten mit mir. Auch er war knapp zwanzig, und auch er hatte ein gutes Abi gebaut. Er lebte auch nicht mehr bei seinen Eltern, sondern mit drei anderen Pflegern in einer Wohngemeinschaft. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie ihr gemeinsames Leben aussah, obwohl Manfred nicht viel davon erzählte. Sie würden wohl den ganzen Tag kiffen, und über die Übel der Welt philosophieren. Dabei verzehrten sie Unmengen von Müsli, das sie sich mit Kakerlaken teilen mussten, da Hygiene ein Fremdwort für sie war.

Aber eigentlich war Manfred ganz in Ordnung, obwohl er manchmal ziemlich stur sein konnte. Heute Morgen hatte er zum Beispiel darauf bestanden, dass ich die fehlenden Lebensmittel einkaufen müsste. Er wäre lediglich bei mir, um mir bei den Dingen zu helfen, die ich nicht alleine bewältigen konnte. Da er noch alle Fenster zu putzen hätte, wäre es langsam an der Zeit, dass ich auch einmal in unserer Zwangsgemeinschaft mit anpackte. Ich wusste genau, was seine Intention war, deshalb hatte ich mich auch nur halbherzig gewehrt, denn im Stillen war ich ihm dankbar, dass er mir in den Hintern getreten hatte. Natürlich war ich nicht absolut unselbstständig und ausschließlich auf Hilfe angewiesen, ich traute mich nur einfach nicht.

Heute Morgen hatte ich also den ersten Schritt gewagt, (sehr gute Beschreibung für die erste Solofahrt mit dem Rollstuhl!), und war zu dem großen Abenteuer Einkauf gestartet. Dabei hatte ich einen kleinen Umweg gewählt, denn ich wollte nicht in den Supermarkt, der direkt neben unserem Haus war, da dieser zwei Stufen im Eingangsbereich hatte. Zwar hatte ich in der Reha-Klinik gelernt, solche Barrieren zu überwinden, doch ich fürchtete, es heute nicht zu schaffen, und dann wohlmöglich auf die Hilfe eines Passanten angewiesen zu sein. Ich wollte es auf jeden Fall vermeiden, jemanden um Unterstützung bitten zu müssen, egal, ob auf der Strasse oder im Geschäft. Mir waren diese Situationen einfach zuwider. Die unsicheren und mitleidigen Blicke der Menschen konnte ich nicht ertragen.

Also hatte ich den Supermarkt gewählt, der fünf Strassen weiter lag, in der Hoffnung, dort ohne Hilfe reinzukommen. Tatsächlich war ich auch ohne Komplikationen in den Laden gelangt. Allerdings bekam ich dort dann doch einige Schwierigkeiten.

Direkt nach meinem Eintreten, (schon wieder so eine treffende Umschreibung!), bot mir der Filialleiter seine Mithilfe an, die ich jedoch erfolgreich ablehnen konnte. Innerhalb des Ladens musste ich dann nur noch eine Hausfrau bitten, ihren Einkaufswagen etwas bei Seite zu schieben, was sie mit dem karitativen Lächeln einer mehrfachen Mutter tat.

Natürlich konnte ich von meinem Rollstuhl aus nicht die gesamte Höhe der Regale erreichen, so dass ich auf den Erwerb einiger Waren verzichten musste, aber ich würde Manfred einfach sagen, sie seien ausverkauft gewesen. Bestimmt würde er meine Lüge bemerken, sie aber ignorieren und die fehlenden Lebensmittel später selber besorgen.

Daran musste ich gerade denken, (und dass die kalte Milch auf meinem Schoss, meine Eier auf die Größe von Haselnüssen hatte zusammenschrumpfen lassen), als es sich das erste Mal ereignete.

Zuerst konnte ich die Stimme nicht genau zuordnen, vielleicht weil ich gleichzeitig von dem kleinen Stich abgelenkt war, den ich plötzlich hinter meinem rechten Ohr verspürte. Doch dann wusste ich, wer gesprochen hatte. Aber die Kassiererin konnte diese Worte doch unmöglich gesagt haben!

[Du armes Schwein! So hübsche blaue Augen, und dann diese verkrüppelten Beine, die aussehen als hätte ein kleines Mädchen seine Puppe zu oft gegen die Wand geworfen. Ganz dünn und verdreht. Die passen überhaupt nicht zu den muskulösen Armen und dem breiten Oberkörper. Also wenn Du nicht im Rollstuhl sitzen würdest, dann würde ich dich jetzt bestimmt anbaggern!]

Das konnte sie doch unmöglich gesagt haben!

Dann begriff ich es. Sie hatte nicht laut gesprochen, sie hatte noch nicht einmal ihre Lippen bewegt. Was ich so deutlich vernommen hatte, waren die Gedanken der Kassiererin gewesen!

Das konnte doch nicht möglich sein! Wahrscheinlich waren meine Ängste und meine Unsicherheit so groß, dass ich schon an Wahnvorstellungen litt. Ich war der erste Mensch, der im wachen Zustand Albträume hatte. Denn so sahen meine Träume aus. Früher war ich so etwas wie ein Mädchenschwarm gewesen. Ich sah nicht gerade hässlich aus, meine Schwimmerfigur und die eigene Bude hatten die Mädchen wie ein Magnet angezogen. Ich hatte immer zwischen mehreren Schönheiten aussuchen können, und dies natürlich auch voller Genuss gemacht. Welcher Neunzehnjähriger hätte nicht so gehandelt?

Doch seit dem Unfall hatten die Frauen einen großen Bogen um mich gemacht. Ich vermutete, das hing mit genau jenen Gedanken zusammen, die der Kleinen hinter der Kasse gerade durch ihren hübschen Kopf gekreist waren.

Plötzlich wurde mir schwindelig, mein Herz raste wie eine Mondrakete. Kalter Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Ich musste hier schnellstens raus; warum hatte mich Manfred denn nur alleine losgeschickt? Hatte dieser miese Pfleger etwa sadistische Züge? Mir wurde klar, was er mir damit angetan hatte.

Die Kassiererin sah mich stumm an. Sie wurde langsam nervös, denn hinter mir hatte sich eine lange Schlange von Ungeduldigen gebildet, die so schnell wie möglich nach Hause zu ihren Fernsehgeräten wollten. Aber sie wagte nicht, mich anzusprechen.

[Mein Gott, hoffentlich bekommt der jetzt nicht auch noch einen Anfall, oder so etwas! Hätte ich doch bloß nicht mit Jutta die Schicht getauscht! Die bleibt selbst bei den unverschämtesten Kunden ruhig und freundlich. Ich verliere schon bei den geringsten Kleinigkeiten die Nerven. Was soll ich nur machen, wenn er plötzlich anfängt zu sabbern und zu zittern? Oder er schreit hier plötzlich rum wie ein Irrer! Scheiße, warum muss immer ich so ein Glück haben?]

Ich wollte tatsächlich schreien. Ich wollte meine Angst und mein Entsetzen rausbrüllen. So plötzlich, wie der Stich, den ich eben hinter meinem rechten Ohr gespürt hatte, wusste ich, dass es kein Albtraum war. Es war auch keine Wahnvorstellung; es war die pure Realität. Es war so real wie das Quietschen meiner Rollstuhlreifen, wenn ich über Linoleum fuhr.

Ich hatte soeben die Gedanken eines fremden Menschen gelesen.

Wir hatten das Phänomen des Gedankenlesens einmal im Biologieunterricht besprochen. Dabei war eine hitzige Debatte zwischen dem Bio-Lehrer und mir entstanden. Ich hielt es für absoluten Unfug, und es machte mich total wütend, dass ausgerechnet ein Naturwissenschaftler es zumindest nicht ausschließen wollte, dass es Menschen mit dieser besonderen Fähigkeit gab.

Innerhalb von Sekunden war mir klar geworden, dass er Unrecht gehabt hatte. Es bestand nicht nur die Möglichkeit, es war eine Tatsache! Ich konnte Gedanken lesen, so wie andere Menschen Bücher lasen. Überwältigt von dieser Einsicht bezahlte ich so schnell wie möglich die Waren, und ohne auf das Wechselgeld zu warten, ergriff ich die Flucht. Ich hielt es keine Sekunde mehr aus; ich nahm mir noch nicht einmal die Zeit, mich zu entschuldigen.

Undeutlich konnte ich noch hören, (nicht lesen!), wie eine Kundin, die hinter mir gewartet hatte, sagte, ich sei doch wirklich ein armes Schwein.

Dann war ich schon auf der Strasse, und drehte die Räder des Rollstuhls so schnell, dass mir schon nach wenigen Metern die Handflächen brannten.

2

Irgendwann blieb ich stehen. Ich konnte nicht mehr, weder physisch noch psychisch. Ich begann zu flennen, die Tränen strömten einfach aus mir hinaus. Plötzlich stand eine alte Frau vor mir, ich hatte ihr Kommen überhaupt nicht bemerkt, so sehr war ich mit mir und meinem Selbstmitleid beschäftigt gewesen. Sie legte mir ein Geldstück in die Hände, und sagte:

„Ich habe meinen Mann schon vor vielen Jahren an den Russen verloren. Er kam nach über vier Jahren Kriegsgefangenschaft heim, er hatte beide Beine für sein Vaterland geopfert. Nach nur zwei Jahren starb er. Das ist nun schon so viele Jahre her, doch ich weiß, wie Sie sich fühlen. Bitte seien Sie tapfer, es ist einer der Prüfungen, die Gott uns auferlegt. Verzweifeln Sie nicht!“

Bevor ich ihr antworten konnte – und ich hätte ihr einiges zu sagen gehabt – war sie weitergegangen. Mit ihrem gesenkten Kopf und dem kleinen Buckel sah sie aus wie eine reuige Pilgerin auf Wallfahrt. Mit hastigen, kleinen Schritten ging sie die Strasse hinauf, als ob sie nicht schnell genug von mir wegkommen konnte.

Hätte ich mir doch damals nur das Genick gebrochen!

Als ich wieder zu Hause angekommen war, sah Manfred mich wortlos an. Er konnte in meinem Gesicht lesen, dass meine erste Ausfahrt nicht so positiv verlaufen war, wie er es sich erhofft hatte. Doch er ahnte ja nicht, was so schiefgelaufen war! Sollte ich es ihm erzählen? Würde er es mir glauben? Würde ich denn jemanden ernst nehmen, der mir erzählte, er hätte die Gedanken eines anderen Menschen gelesen?

Ohne ein Wort fuhr ich in mein Zimmer, und Manfred spürte, dass er mich in Ruhe lassen musste. Ich versuchte, über den Vorfall nachzudenken, doch meine Gedanken schweiften immer wieder in die Vergangenheit ab.

Ich hatte eine sehr schöne Kindheit gehabt, glaubte ich. Da ich das einzige Kind meiner Eltern war, und mein Vater als Rechtsanwalt nicht schlecht verdiente, wurden mir alle Wünsche erfüllt. Heute glaubte ich, dass sich meine Eltern mit den vielen Geschenken, mit den teuren Spielzeugen, nur freikaufen wollten. Mein Vater schuftete wie ein Besessener, obwohl ich später begriff, dass es nicht unbedingt notwendig gewesen wäre. Mein Vater lebte das Leben eines Workaholics. Er arbeitete jeden Tag 12 bis 14 Stunden, nur am Sonntag beschränkte er sich auf den Vormittag,( der allerdings für ihn bereits um 5Uhr30 begann und bis 14 Uhr dauerte). Mein Vater war nie ein Familienmensch gewesen, er hatte immer nur für seine Arbeit gelebt. Selbst nach seinem zweiten Herzinfarkt hatte er damit nicht aufhören können. Aber man hat ihn in der Kanzlei nie zum Partner gemacht, man hatte seine Arbeitssucht einfach nur schamlos ausgebeutet.

Eigentlich war mein Vater für mich nur während seiner seltenen Urlaube da, die übrige Zeit war er lediglich ein Fremdkörper in unserer Familie. Nur im Urlaub nahm er sich etwas Zeit für mich, dann allerdings hatte er den Anspruch, alles Versäumte innerhalb von zwei Wochen nachzuholen.

Als ich vier Jahre alt war, versuchte er mir innerhalb von zehn Tagen Schwimmen, Tauchen, Radfahren und Rollschuhfahren beizubringen. Ich konnte bis heute noch nicht auf einem Fahrrad sitzen, ohne herunterzufallen, geschweige denn, damit auch nur einen Meter fahren. (Das galt natürlich auch schon für die Zeit vor der Querschnittslähmung!).

Ich wollte es meinem Vater immer beweisen, wollte es ihm immer recht machen. Doch natürlich konnte ich seinen Ansprüchen nie genügen. Verdammt, ich war doch noch ein halbes Baby gewesen! Unbewusst hatte ich wohl geglaubt, dass er mehr für mich da sein würde, wenn ich diese ganzen Kunststücke beherrschen würde. Aber das war nie eingetreten.

Ich konnte mich noch sehr genau an den Tag erinnern, an dem ich das erste Mal für die Jugennationalmannschaft angetreten war. Alle meine Freunde waren gekommen, sogar die Mitschüler, die mich eigentlich nicht ausstehen konnten. Sie alle hatten mich angefeuert, sogar die alte Frau Meißner, meine Klassenlehrerin, hatte mir zugejubelt. Sie hatte zwischen meinen Großeltern gesessen, und ständig war sie aufgesprungen, um mir zu applaudieren. Doch ich hatte kaum ein Auge für diese Menschen gehabt. Ich hatte nur ständig nach meinem Vater Ausschau gehalten. Selbst als ich bereits auf dem Startblock stand, hatte ich zu meiner Mutter geschielt, in der Hoffnung, sie würde mir ein stummes Zeichen für die baldige Ankunft meines Vaters geben.

Er ist an diesem Tag nicht gekommen, er ist nie zu einem meiner Wettkämpfe gekommen! Ich schlug als Vorletzter an, und mein Trainer machte mir große Vorwürfe, weil ich am Start so unkonzentriert gewesen war. Er sagte, dass ich die Konkurrenten locker hätte schlagen können, und noch heute wusste ich, wie sehr er recht gehabt hatte. Jedoch war ich mit einem Handicap in das Rennen gegangen; das Gewicht meines Vaters hatte das gesamte Rennen über versucht, mich auf den Grund des Beckens zu ziehen.

Ich hatte es ihm beweisen wollen. Danach hatte ich es dann immer nur noch mir selber beweisen wollen, und es war mir selten nicht gelungen. Ich hatte kaum einen Wettbewerb verloren in meiner kurzen Karriere. Mein Vater hatte es nie miterlebt. Die Termine mit seinen Klienten waren ihm immer wichtiger gewesen.

Meine Mutter hatte mich zu fast allen Wettkämpfen begleitet, allerdings nur, weil sie mit sich und ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen wusste. Es war mir gleichgültig gewesen, ob sie dabei war, oder nicht. Sie hatte mich immer gelobt, auch dann, wenn ich einmal nicht so gut geschwommen war. Das hatte mir nichts bedeutet. Sie hatte mich nach den Rennen nur gestört, wenn ich die Frauen anmachen wollte, die reichlich vorhanden waren. Viele waren auch nicht abgeneigt gewesen, sich einen Schwimmer mit nach Hause zu nehmen. Wir hatten halt zwangsläufig ganz passable Körper durch unseren Sport.

Norbert aus meinem Verein hatte dies schamlos ausgenutzt. Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht ein Mädchen abschleppte. Er hatte auch wirklich sehr gut ausgesehen, mit seinen schwarzen Locken und den blauen Augen, die geleuchtet hatten, wie die eines Huskies. Allerdings hatte er eine ziemlich seltsame Macke gehabt, er hatte die Unterhöschen seiner one-night-stands gesammelt, wie ein Jäger seine Trophäen. Nur dass Norbert sie nicht ausstopfen ließ, um sie sich dann über den Kamin zu hängen. Seltsamerweise hatten die Weiber ihm stets das gegeben, was er von ihnen verlangt hatte. Ich wusste nicht, warum sie stets unten-ohne nach Hause gegangen waren. Möglicherweise hatten sie gedacht, dies wäre eine Garantie für ein Wiedersehen gewesen. Doch er hatte sich nur selten ein zweites Mal mit einem Mädchen getroffen, wahrscheinlich hatten sie keinen Reiz mehr auf ihn ausgeübt, nachdem er das von ihnen bekommen hatte, was er am meisten gewollt hatte.

Er hatte mir einmal erzählt, dass er die Eigentümerin des 99. Schlüpfers einmal heiraten wollte. Allerdings hatte er irgendwann einmal versäumt, Buch zu führen. Als er dann nachzählte, kam er auf genau 107 weibliche Unterhosen. Nur hatte er sich leider nicht mehr daran erinnern können, mit welcher Frau er vor einer Woche rumgemacht hatte. Dumm gelaufen!

Letzten April war Norbert an Aids gestorben. Er hatte seinen Eltern 184 Damenschlüpfer der Größen 34 bis 44 und einen Haufen Scham und Ratlosigkeit hinterlassen.

Natürlich hätte ich auch ohne die Anwesenheit meiner Mutter es nicht so maßlos wie Norbert übertrieben. Allerdings hatte sie schon manches Mal zwischen mir und einer geilen Nacht gestanden. Aber ein Mönch war ich auch nie gewesen. (Wobei ich mir nicht so sicher war, ob die es nicht noch wilder trieben als Norbert, und wahrscheinlich auch nicht so sehr darauf achteten, ob denn nun ein Weibchen oder ein Männchen unter ihren Kutten rumfummelte).

Dieser ganze Nonsens war mir durch den Kopf gegangen. Vielleicht hatte ich nur deshalb an meine Weibergeschichten denken müssen, weil die Kassiererin so abwertend über meine Qualitäten als Mann gesprochen hatte.

Hatte ich gerade „gesprochen“ gesagt? Mann, nur gedacht hatte sie es, und ich hatte es gehört!

Vielleicht war der Stress für mich zu groß gewesen. Ich war es noch nicht gewohnt, alleine unterwegs zu sein. Möglich, dass ich mich daran nie gewöhnen würde.

Möglicherweise hatte mich das so sehr unter Druck gesetzt, dass mein Kopf mit Halluzinationen reagiert hatte. Und dann hatte ich nur das gehört, was ich und mein krankes Hirn hören wollten.

Oder aber der Unfall hatte nicht nur Auswirkungen auf meine Beine gehabt, sondern auch auf meinen Kopf. Schließlich hatte ich diesen seltsamen Stich hinter dem Ohr verspürt. Zwar hatte ich nach dem Unfall des Öfteren Kopfschmerzen gehabt, allerdings hatten sie meistens den ganzen Tag angedauert, und waren nicht wie ein Blitz gekommen und gegangen.

Außerdem hatte ich noch nie gehört, dass eine Querschnittslähmung Auswirkungen auf die Fähigkeit hatte, die Gehirnströme anderer Menschen wahrnehmen zu können. In der Reha-Klinik waren zwar die wildesten Theorien kursiert, von Telepathie war aber nie die Rede gewesen.

Ein Mann, der sich mir einem Güterzug angelegt hatte, wobei er im wahrsten Sinne des Wortes den Kürzeren gezogen hatte, denn man hatte ihm nach diesem unfairen Duell beide Beine amputieren müssen, hatte mir erzählt, dass er seit seinem Unfall viel besser Klavier spielen könnte. Er hatte dies darauf zurückgeführt, dass seine Hände die nicht mehr benötigten Energien seiner Beine übernommen hätten. Ähnlich, wie der Blinde, der besser riechen konnte als ein Sehender. Ich hatte ihm nie gesagt, dass es für ihn vorteilhafter gewesen wäre, wenn sein Gehirn auch ein wenig Energie abbekommen hätte. Ich hatte einfach zu viel Mitleid mit ihm gehabt. Jeden Abend war er den anderen Patienten mit seinem Geklimper auf die Nerven gegangen, aber niemand hatte es gewagt, es ihm zu verbieten. Eine seltsame Art von Solidarität war das gewesen. Angeblich wollte keiner Mitleid bekommen, aber alle hatten Mitleid gehabt. Mitleid mit den anderen Kranken, und natürlich auch mit sich selber.

Ich hatte diese Märchen nie glauben können, dass die Behinderung positive Auswirkung auf andere Körperteile haben könnte. Im Gegenteil, zwar funktionierten meine Beine nicht mehr, aber dafür hatte ich seit dem Unfall auch keine Erektion mehr gehabt. Obwohl mir alle Ärzte versichert hatten, dass ich noch in der Lage dazu wäre. Schöne Kompensation. Keine Beine, aber allzeit einen dicken Schwanz. Von wegen! Meiner hätte auch einen Rollstuhl nötig gehabt. Eigentlich hatte ich seit damals vergessen, dass ich einen besaß. Hätte ich ihn nicht zum Pissen gebraucht, ich hätte ihn schon längst einem mittellosen Macho gespendet.

Und jetzt sollte ich glauben, dass der Unfall bewirkt hatte, dass ich die Gedanken anderer Menschen lesen konnte? Unsinn! Der Zeitpunkt für die erste Solofahrt war einfach zu früh gewesen. Manfred hatte sich verkalkuliert. Das war alles. Oder? Man hätte es noch einmal ausprobieren müssen. Es würde ja keiner merken.

Ich beschloss, es an Manfred zu testen. Mein kleiner Pfleger war die richtige Versuchsratte dafür. Ich war zu ihm in die Küche gefahren, wo er am Tisch saß, und die Kartoffeln für das Mittagessen schälte. Dazu hatte er sich glücklicherweise seine langen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden.

„Na, Robert, alles klar?“, fragte er ohne von seiner Arbeit aufzusehen.

„Natürlich, warum auch nicht?“, antwortete ich; froh, dass er mich nicht ansah.

„Ich dachte nur. Aller Anfang ist schwierig. Es war für dich bestimmt nicht leicht, alleine loszufahren.“

„Ach, Quatsch! Nimm dich bloß nicht zu wichtig. Soo abhängig bin ich nun auch nicht von dir. Ich hab`s ja auch ganz gut gepackt. Dass der dämliche Supermarkt keine Butter mehr hatte, dafür kann ich ja auch nichts. Musst du halt später noch mal losgehen.“

Er hatte mich angesehen, und auch ohne seine Gedanken lesen zu können, ahnte ich, was ihm durch die Birne geisterte: du bist nicht drangekommen, an die Butter, und du warst zu feige, um Hilfe zu bitten.

Doch er hatte nichts gesagt. Stumm hatte er die Vorbereitungen für das Essen fortgeführt. Das war eine seiner großen Leidenschaften, das Kochen. Darüber war ich sehr froh gewesen, denn ich hasste Kochen. Ich war mir ziemlich sicher, dass Manfred nie auf die Idee gekommen wäre, mich Kochen zu lassen. Er hatte zwar gewollt, dass ich selbstständiger wurde, aber bestimmt nicht beim dem Thema Kochen. Er hatte immer eine riesige Show daraus gemacht. Für ihn war es eine wahre Wissenschaft, was man auch an seiner dicken Wampe sehen konnte.

Ich fuhr mit dem Rolli auf die andere Seite des Tisches, ihm direkt gegenüber. Ich schaute ihn an, und versuchte, mich ganz auf seine Gedanken zu konzentrieren. Glücklicherweise beachtete er mich nicht. Wenn er bemerkt hätte, wie dämlich ich ihn anstarrte, und versuchte in seine Gehirnwindungen vorzudringen, hätte er mich wahrscheinlich sofort in die Klapsmühle gebracht.

Ich schloss die Augen und fokussierte mich auf sein Hirn. Doch nichts geschah. Gleichzeitig erleichtert und verunsichert, öffnete ich wieder meine Augen. Ich hatte doch recht gehabt. Es war einfach nur der Stress gewesen, mehr nicht. Aber welche Auswirkungen würde dieser Stress noch auf meine Psyche haben? Wenn ich nun jedes Mal so ausflippen würde, wenn ich einmal alleine unterwegs sein würde, wie lange würde ich dann noch einigermaßen klar denken können? Ich hatte wirklich schon genügend Ärger am Hals, da konnte ich mich nicht auch noch mit so einer Psycho-Scheiße herumärgern.

Die Türklingel erlöste mich von meinen Qualen.

„Wer kann denn das sein? Erwartest du Besuch?“, fragte er mich.

Was für eine dämliche Frage! Seit ich aus der Klinik zurückgekehrt war, hatten mich nur zwei Menschen besucht, meine Eltern. Und die warnten mich glücklicherweise stets mit einem Anruf, bevor sie hier auftauchten. Wahrscheinlich wollten sie damit einer möglichen peinlichen Situation aus dem Weg gehen, obwohl ich nicht so genau wusste, wie die hätte aussehen können. Wenn sie hier reinschneiten, wenn Manfred mich gerade badete, hätte sie das sicher aus der Fassung gebracht. Sie wollten nicht Zeugen werden, wie ihr großer Sohn versorgt würde, als sei er ein kleiner Säugling. Wahrscheinlich hatten sie Angst davor, Manfred hätte ihnen mit einer Dose Babypuder in der Hand die Türe öffnen können.

„Der Kleine ist gleich soweit. Nur noch das Popöchen pudern, dann ist er wieder wie neu. Und stellen Sie sich vor: heute Morgen hat er das erste Mal „Manni“ gesagt! Ist er nicht goldig?“

So, oder so ähnlich, hatte sich das wohl in ihren Köpfen abgespielt.

Meine Eltern waren über das Wochenende nach Genf gefahren. Mein Vater war dort auf einem Juristenkongress, und meine Mutter war mitgefahren um ein bisschen Abwechslung von ihrem harten Leben als Hausfrau zu bekommen.

Wer konnte es also sein? Wahrscheinlich einer von den Gaswerken, oder ein Zeitungswerber.

„Robert, hier ist Besuch für dich“, hörte ich Manfred aus der Diele rufen.

Langsam wurde ich neugierig. Neugierig und nervös. Ich hatte heute schon genug Ärger gehabt, ich hatte einfach keine Lust mehr auf irgendwelche Leute. In diesem Moment hätte ich viel darum gegeben, wenn ich die Gedanken des unerwarteten Besuchers hätte lesen können. Doch da betrat er auch schon die Küche.

„Guten Tag, Herr Braun. Ich hoffe, ich störe Sie nicht allzu sehr.“

In der Küchentür hatte sich ein großer, dicker Mann aufgebaut, der eine typische Kirchenkleidung trug. Ich ahnte Schlimmes.

„Mein Name ist Hofgang. Pfarrer Hofgang. Ich leite die Gemeinde St. Sebastian. Ich hätte vorher gerne angerufen, doch ich bin eher zufällig in der Nähe. Da dachte ich mir, ich sehe einmal nach, wie es dem Herrn Braun so geht.“

Ich verspürte wieder einen kleinen Stich hinter meinem rechten Ohr. Ich wusste genau, was jetzt kommen würde, als ob ich schon seit meiner Geburt die Gedanken fremder Menschen lesen konnte. Seltsamerweise überraschte es mich überhaupt nicht mehr.

[Herr! Lass mich diese Prüfung bestehen! Oh Herr! Ich fürchte mich!]

„Entschuldigen Sie bitte meinen plötzlichen Besuch. Vielleicht sollte ich ja besser zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen? Ich sehe, Sie bereiten gerade das Essen vor…“

Ich hatte nicht vor, ihn aus seiner Scheiße herauszuholen.

„Aber Sie stören doch nicht, Herr Pfarrer! Bitte setzen Sie sich doch. Manfred, bitte biete unserem Gast doch etwas zu Trinken an. Möchten Sie einen Kaffee? Oder einen Cognac?“

Mit Genugtuung bemerkte ich den dünnen Schweißfilm auf seiner Stirn. Eines wusste ich genau: Er war nicht freiwillig hier, und so schnell würde ich ihn nicht wieder von der Angel lassen.

„Oh, vielen Dank. Ich habe wirklich nicht viel Zeit, und ich möchte Sie auch wirklich nicht lange belästigen.“

Vorsichtig setzte er sich auf einen Stuhl. Dabei schaute er sich schnell in dem Raum um, als wollte er sichergehen, dass er einen möglichen Fluchtweg sofort erreichen könnte.

Ich war sehr neugierig zu erfahren, was dieser armselige Pfaffe von mir wollte. Doch ich sagte nichts, ich ließ ihn zappeln.

Schnell bemühte er sich, die Stille zu unterbrechen.

„Eigentlich hat mich ihre Mutter gebeten, ihnen einen Besuch abzustatten.“

Daher wehte also der Wind! Schlau eingefädelt, Mama! Mir einen Gottesmann auf den Hals hetzen, und dann ins Ausland fliehen!

„Um ehrlich zu sein, ihre Frau Mutter macht sich große Sorgen um Sie.“

Frau Mutter! Der Mann war wirklich köstlich. Langsam fing es an, mir richtigen Spaß zu machen.

Manfred unterbrach die Komödie für einen kurzen Augenblick.

„Wenn du mich im Moment nicht brauchst, besorge ich noch schnell ein paar Dinge.“

Scheinbar wollte er uns ungestört wissen. Sehr sensibel, mein kleiner Pfleger.

„Alles klar, Manfred. Ich komme schon zurecht. Denkst du bitte ans Klopapier?“

Schnell verabschiedete Manfred sich vom Pfarrer. Nun saß er mir ohne Schutz gegenüber, und er war mir hilflos ausgeliefert.

„Warum sorgt sich denn meine Frau Mutter? Sie hat mir noch nie etwas davon gesagt. Ich dachte immer, die einzige Sorge, die meine Mutter hat, bezieht sich auf die Sauberkeit der Hemden meines Vaters.“

Beiläufig wischte der Pfarrer eine Schweißperle von seiner Augenbraue.

[Warum bin ich nicht damals nach Afrika gegangen? Ich hätte auf den Bischof hören sollen! Ich bin zu schwach für diese Arbeit. Als Missionar hätte ich viel mehr bewegen können. Neger lassen sich viel leichter lenken, sie sind anspruchsloser als dieser Rotzlöffel. Doch ich war damals zu ängstlich.]

Der Mann hatte ja wahrlich teuflische Gedanken!

„Nun, ihre Mutter hat die Befürchtung, dass Sie sich zu sehr zurückziehen könnten. Sie ist der Meinung, dass sie zu wenig unter die Menschen kommen.“

„Ach wissen Sie. Ich bin zwar noch relativ jung, aber eines habe ich gewiss schon kapiert: Halte dir die Menschen vom Leib, und du hältst dir Ärger vom Leib! Es ist zwar ein bisschen einfach ausgedrückt, jedoch trifft es den Kern ziemlich genau. Bisher ging es mir immer dann besser, wenn ich auf mich alleine gestellt war. Nur hat sich meine Situation leider sehr verändert, seit dem Unfall.“

Der Pope sah mich besorgt an. Er machte noch nicht einmal den Versuch, sein Mitleid zu verbergen.

„Sie haben sicher eine schwierige Zeit hinter sich, Herr Braun. Allerdings sind die Prüfungen, die Gott uns auferlegt, selten einfach. Wir müssen uns dem stellen, und wenn wir uns bewähren, so werden wir in sein Reich aufgenommen werden. Und von all unseren Leiden erlöst werden. In seinem Reich werden wir frei sein. Frei von jeglicher Sünde. Frei von Hass und Zwietracht. Diese Prüfungen ergeben einen Sinn. Viele von uns können oder wollen dies nur leider nicht akzeptieren!“

Aber Hallo! Jetzt wurde er aber richtig frech, der Herr Pfarrer!

„Amen“, sagte ich, und war dabei sehr bemüht, besonders diabolisch auszusehen.

Allein mein Blick sollte ihm verraten, was ich von ihm und seiner Kirche hielt. Langsam ging der Pfaffe mir auf den Sack, mit seinem Gerede von Prüfungen und Reich Gottes.

[Herr, vergib ihm! Er hat große Qualen erlitten, und seine Jugend erlaubt es ihm nicht, die wahre Erleuchtung zu erfahren. Noch nicht.]

Langsam wurde es Zeit, eine richtige Attacke zu starten.

„Herr Pfarrer, ich weiß genau, was Sie jetzt von mir denken. Sie glauben, ich sei noch zu jung, um Sie zu verstehen, und die wahre Erleuchtung würde mir erst kommen, wenn ich älter geworden bin.“

Zufrieden bemerkte ich, dass er blass geworden war. Er war so weiß wie ein Schneeball, der an einer Igluwand klebte. Doch ich wollte ihm keine Zeit lassen um sich zu erholen, oder um göttlichen Beistand bitten zu können.

„Mal ganz im Vertrauen. Manchmal denke ich, dass der Teufel in mir wohnt. Dann glaube ich, er hat mich auf die Erde gesandt, um gegen die falsche Moral in den Kampf zu ziehen. Seiner besonderen Art von Humor habe ich es zu verdanken, dass mein Streitross ein Rollstuhl ist. Oder wie sehen Sie das?“

[Oh, mein lieber GOTT! Es steht ja viel schlimmer um ihn, als es seine Mutter befürchtet hat! Wie kann ich nur seine arme, verlorene Seele retten? Wie kann ich ihn von seinem Irrweg abbringen?]

„Oh, mein lieber Herr Braun! Sie dürfen nicht verzweifeln! Auch wenn ihre derzeitige Situation hoffnungslos und unbarmherzig scheinen mag, so kann ich ihnen versichern, dass es sehr vielen Menschen schlechter als ihnen geht. Sie müssen sich auf die Dinge besinnen, die Sie noch bewältigen können. Verschwenden Sie doch nicht so viele Gedanken an die Dinge, die ihnen aufgrund ihrer bedauerlichen Behinderung verwehrt bleiben.“

Es war Zeit für die Schlussoffensive. Ich konnte es nicht mehr ertragen.

„Eine Frage noch. Wann hatten Sie eigentlich das letzte Mal einen Steifen? Als es bei mir das letzte Mal geschah, da stand ich noch auf meinen Beinen. Und das dritte Bein hat ohne Erfolg versucht, ein Loch durch meine Jeans zu bohren. Wann war es bei ihnen? Während der letzten Messe, als der Messdiener sich vor ihren geilen Augen bückte, um das Gesangsbuch aufzuheben, was ihnen rein zufällig aus den feuchten Händen geglitten war? Oder war es während der letzten Taufe? Als Sie den kleinen Säugling, den Sie als neues Mitglied in ihren Verein aufgenommen haben, um seine Mutter beneidet haben? Weil Sie auch so gerne einmal an diesen warmen und prallen Brüsten liegen würden, um diesen ganz besonderen Lebenssaft zu kosten?“

Ich hätte gar nicht einige Wörter so genau betonen müssen. Der Schock saß auch ohne diese Unterstreichungen tief genug.

Er sprang von seinem Stuhl auf, und eilte in Richtung Wohnungstür. Dabei stammelte er etwas von „arme, verlorene Seele“, dann war er auch schon verschwunden. Scheinbar hatte ich ihn an seinem wunden Punkt getroffen. Seine Achillesferse baumelte ihm zwischen den Beinen, wenn sie nicht gerade stand wie eine Kerze am Altar.

3

 

 

Als Manfred kurze Zeit später von seinen Besorgungen zurückkam, lächelte ich ihn an.

„Das Gespräch mit Pfarrer Hofgang scheint dir ja richtig gutgetan zu haben. Manchmal können diese Kirchenleute wirklich wahre Wunder bewirken!“, sagte er und legte die Einkaufstasche vorsichtig auf den Küchentisch.

 

„Ja, tatsächlich“, erwiderte ich.

„Manchmal geschehen wirklich Wunder. Das Gespräch war wirklich sehr aufschlussreich für mich. Ich denke, ich fahre jetzt in mein Zimmer, um ein wenig alleine zu sein. Wenn du nichts dagegen hast, lasse ich dich beim Kochen im Stich. Ich würde das Essen sowieso nur versauen. Du kennst ja meine Kochkünste.“

 

„Ach, du unterschätzt dich immer so, Robert. Du müsstest es nur einmal richtig ausprobieren. Aber ich kann es verstehen, wenn du ein bisschen deine Ruhe haben willst. Ist ja ne Menge passiert, heute Vormittag. Erst deine erste Solofahrt, und dann das Gespräch mit Pfarrer Hofgang. Ich kann sehr gut nachempfinden, dass du das erst einmal verarbeiten musst. Ich sag dir Bescheid, wenn das Essen fertig ist.“

 

Ach ja, mein verständnisvoller Pfleger. Aber ich musste wirklich die Geschehnisse des Vormittages überdenken. Es kam ja nicht so oft vor, dass man seine übersinnlichen Fähigkeiten entdeckte. Oder dass man feststellen musste, dass man plötzlich wahnsinnig geworden war. Um das herauszufinden, rollte ich in mein Zimmer.

 

Es war seit dem Unfall nur unwesentlich verändert worden. Lediglich die Pokale und Medaillen waren entfernt worden. Dies hatte meine Mutter für mich erledigt, als meine Entlassung aus der Reha-Klinik bevorgestanden hatte. Unter Tränen und leisem Protest hatte sie meinen Wunsch akzeptiert, und hatte diese Erinnerungen meiner kurzen Sportlerkarriere in den Keller verschwinden lassen. Ich hatte Angst davor gehabt, sie mir bei meiner Ankunft ansehen zu müssen. Ich wollte nicht an meine zerplatzten Träume erinnert werden. Alles hatte ich ertragen können, aber nicht diese Enttäuschung. Wenn dir dein (sehr kritischer) Trainer einmal gesagt hat, du hast das Zeug dazu, ein zweiter Michael Groß zu werden, dann leckst du Blut. Dann stellst du alle anderen Dinge deines Lebens in den Hintergrund. Du wirst ein absoluter Egoist. Du hast nur ein Ziel, du willst der Schnellste sein. Dafür vergisst du deine Familie, deine Freunde, deine Schule.

In dieser Zeit schaffte ich es, innerhalb von knapp sechs Monaten meine Zeit über 200 Meter Freistil achtmal zu verbessern. Eigentlich war das gar nicht möglich. Meine Vereinskameraden glaubten schon an Doping, obwohl sie es natürlich nie laut ausgesprochen hätten. Aber ihre neidischen Blicke verrieten es mir.

Sogar mein Trainer versuchte mich zu bremsen, er riet mir, das Trainingsprogramm zu reduzieren. Ich sollte mal wieder mit einem hübschen Mädchen ausgehen, sonst würden mir noch Kiemen an meinem Sack wachsen. Doch ich verkniff mir sogar das Onanieren, um nicht unnötig meine Körper zu schwächen. Lieber schwamm ich zehn Bahnen mehr.

In dieser Zeit sammelte ich Pokale, wie ein Penner Pfandflaschen. Sie waren meine Bestätigung. Die Bestätigung dafür, dass ich alles erreichen konnte, wenn ich nur hart genug dafür arbeitete. Und ich arbeitete sehr hart. Wenn ich abends meine Hanteln stemmte, dann sah ich mir die Pokale an, und ich konnte es kaum abwarten, den nächsten zu gewinnen. Es war eine schöne Zeit.

Obwohl ich jede freie Minute im Wasser verbrachte, schaffte ich mein Abitur. Und danach sollte es erst richtig losgehen. Bisher hatte ich nur Wettbewerbe gegen durchschnittliche Konkurrenten gewonnen. Es war an der Zeit, mich international zu messen. Es war an der Zeit Rekorde zu brechen.

Doch der erste und letzte Rekord, den ich brach, war der im Dämlichsein. In der Sekunde, in der ich von der Brücke sprang, vernichtete ich das Leben eines Sportlers und gebar einen Krüppel. Den einzigen Rekord, den ich jetzt noch brechen konnte, war der im Windelvollpissen.

Nein, den Anblick meiner Pokale hätte ich nicht überleben können. Meine Mutter ließ sie alle verschwinden.

 

Ansonsten sah mein Zimmer so aus, wie ich es auf zwei Beinen verlassen hatte. Sogar meine Sporttasche und meine Hanteln lagen noch auf der Kommode. Über meinem Bett hing immer noch das Bild eines Delphines. Wenn ich im Wasser schwamm, und sich Krämpfe ankündigten, hatte ich immer versucht, mich wie ein Delphin zu fühlen. Manchmal hatte es sogar funktioniert. Andere junge Leute hatten Nelson Mandela oder Lionel Messi als Vorbilder, mein Idol war ein Delphin. Für mich war ein Delphin stets das Symbol für Schnelligkeit, gepaart mit Eleganz, gewesen. Diese intelligenten Säugetiere glitten durch das Wasser wie ein nasses Stück Seife durch die Hand eines Badenden. Sie schienen niemals müde zu werden und waren selbst ihren gefährlichsten Gegnern überlegen. Dabei sahen sie stets so locker und gutgelaunt aus, als ob das Leben ein einziges Planschen und Toben sei. Diese Lockerheit versuchte ich auch während den Wettkämpfen zu erreichen, manchmal gelang es mir auch. An diesen Tagen schien ich tatsächlich unschlagbar zu sein.

 

Auch jetzt sah ich zu dem Bild auf, allerdings konnte es mir heute nicht mehr weiterhelfen. Niemand konnte mir helfen, ich musste mit meiner Situation alleine klarkommen. Ich war ein querschnittsgelähmter Krüppel im Rollstuhl, der scheinbar die Gedanken anderer Menschen lesen konnte. Na prima!

 

Oder war ich nur ein querschnittsgelähmter Krüppel im Rollstuhl, der langsam verrückt wurde? Eine interessante Frage, über die es sich lohnte, näher nachzudenken.

Ich hatte keine Ahnung, wie man den Irrsinn erkennen konnte, wenn er sich einstellte. Ich hatte allerdings auch keine Ahnung gehabt, wie es sich anfühlte, wenn man in einem Rollstuhl saß. Heute wusste ich, dass es sich, - vor allen Dingen vom Bauch an abwärts- sehr taub anfühlte. Man fühlte sich, als lebte man in einem großen Berg aus Watte. Alles schien so weit weg zu sein, und so verschwommen.

Es war einfach ein Scheißgefühl.

 

 

Meine Oma hatte die letzten Jahre ihres Lebens in einer Irrenanstalt verbracht. Meine Eltern nannten es „Psychiatrische Klinik“, doch ich dachte, dass es letztendlich unwichtig war, wie man so ein Haus nannte. Meinen Eltern gelang es ein paar Mal, mich zu einem Besuch zu nötigen. Ich wollte nicht in ein Haus, das nach Omapisse und Desinfektionsmitteln stank. Ein Haus, in dem auch tagsüber die Türen verschlossen wurden, und nur die Krankenschwestern die Schlüssel in ihren Kitteltaschen aufbewahrten.

Meine Oma hatte nach dem Tod meines Opas alleine in ihrem großen, alten Haus gewohnt. Dies hatte auch wunderbar funktioniert, bis sie eines Tages begann, ihre eigene Scheiße zu fressen. Die Putzfrau, die ihr zweimal in der Woche half, fand sie eines Tages, wie sie in der Waschküche saß, und sich die Scheiße in ihren zahnlosen Mund stopfte, als sei es Schokolade. Völlig außer sich hatte die Putzfrau meinen Vater verständigt, und seitdem hatte meine Oma in dem Irrenhaus gelebt. Dort war sie unter ständiger Aufsicht gewesen und mit diversen Medikamenten ruhiggestellt worden. Um sich die Zeit zu vertreiben, bis meine Oma endlich das Erbe freigeben würde, besuchten meine Eltern sie jeden Sonntag. Natürlich hatten sie ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht bei ihnen lebte. Aber sie wischten es weg, mit der Entschuldigung, dass es aus beruflichen und familiären Gründen nicht möglich war. Wie diese Gründe im Konkreten aussahen, hatte ich nie erfahren können. Meine Eltern hatten aber auch keine großen Anstrengungen gemacht, sie mir zu erläutern.

An manchen Sonntagen gelang mir nicht die Flucht, und so musste ich meine Eltern begleiten. Dabei interessierte ich mich weniger für meine Großmutter, die ich schon nicht hatte leiden können, als sie noch wusste, wer ich war. Vielmehr interessierte ich mich für ihre Mitbewohner. Dabei machte ich eine wichtige Entdeckung. Kaum ein Irrer schien mit dem Leben hinter verschlossenen Türen unglücklich zu sein. Die meisten Patienten lächelten ständig und murrten nur, wenn es eine Schwester einmal wagte, den Fernseher auszuschalten. Entweder wirkten die Pillen aufheiternd, oder aber es war lustig, verrückt zu sein.

Jene, die noch einigermaßen klar und verständlich reden konnten, versicherten jedem, der es hören wollte, dass es nichts Schöneres für sie gab, als in diesem „wunderbaren Haus“ zu leben. Und ich wollte es hören! Wann hatte man schon einmal die Chance, mit einem Irren zu sprechen? Ich meinte nicht solche Irren wie meine Oma, die der Meinung war, ich sei ihr im Krieg gefallener Bruder, sondern jene Wahnsinnige, die mir versicherten, dass Lenin im Begriff war, unser aller Leben auszulöschen.

Ein Mann von vielleicht vierzig Jahren versuchte tatsächlich mich zu überreden, in seine Partei einzutreten, die da hieß: „Partei zur Verhinderung des Weltunterganges“, kurz PVW. Er hatte es sich zum Lebensziel gemacht, die Welt zu retten. Ich konnte allerdings nie herausfinden, wovon die Bedrohung ausging. Das wechselte von Besuch zu Besuch. Einmal waren es die Chinesen, die in ihren Radios und Fernsehgeräten heimlich Überwachungschips eingebaut hatten. Diese Chips seien in der Lage, den Chinesen alle Informationen zu übermitteln, die sie zur Erlangung der Weltherrschaft benötigten.

Aber auch die Affen waren sehr gefährlich. Sie waren in Wahrheit verkleidete Außerirdische, die in unseren Zoos lebten, um uns Erdbewohner zu studieren.

Die Gespräche mit diesem Mann waren immer sehr interessant gewesen, und er hatte in mir einen dankbaren Zuhörer gefunden. Das war für mich dann das Traurigste an dem Tod meiner Oma gewesen; dass ich keinen Grund mehr hatte, diesen Verrückten im Aufenthaltsraum der Irrenanstalt besuchen zu können.

 

Auf jeden Fall hatte ich nie herausfinden können, wie sich ein Wahnsinniger wirklich fühlte. Sie schienen aber fast immer glücklich zu sein. Doch war das für mich Grund genug, selber verrückt zu werden? Wohl kaum!

Aber möglicherweise war ich überhaupt nicht verrückt. Vielleicht gab es ja doch einen siebten Sinn? Warum nicht? Schließlich wollten die Menschen vor hundertfünfzig Jahren auch noch nicht glauben, dass ein Mensch in der Lage sei, fliegen zu können wie ein Vogel. Und heute flogen die Menschen rund um die Erde, die übrigens doch keine Scheibe war!

Klar, das Phänomen des Gedankenlesens existierte. Oder doch nicht? Ich musste es herausfinden. Und das schnell, bevor ich doch noch ein Parteibruder meines Freundes aus der Klapsmühle werden würde.

 

 

Es gab nur eine Möglichkeit, herauszufinden, ob ich nun verrückt, oder übersinnlich begabt, war. Ich musste meine Fähigkeit testen. So läuft das in der Wissenschaft. Wenn du eine These aufstellst, musst du sie durch Experimente verifizieren. Also beschloss ich meine zweite Solofahrt zu starten; sofort nach dem Essen sollte es losrollen.

 

 

Manfred hatte mich erneut erstaunt angesehen, als ich ihm beim Essen von meinen Plänen für den Nachmittag berichtete, aber auch dieses Mal kommentierte er diese Mitteilung nicht weiter. Er fragte mich lediglich, ob er während meiner Abwesenheit in den Buchladen gehen könne, wo er sich das letzte Werk seines bevorzugten Genies besorgen wollte. Ein Genie, dessen Namen ich mir nie merken konnte. Ich glaubte, außer Manfred las auch kein Schwein seine Bücher.

Also verließen wir beide das Haus, er Richtung Buchladen, und ich Richtung Wahrheitsfindung. Ich wusste noch nicht, wo ich diese Wahrheit finden sollte, ich fuhr einfach los.

 

 

Als ich etwa eine halbe Stunde durch die Stadt gerollt war, kam ich zum Kennedy-Platz. Es war ein bunter Ort, ein Treffpunkt für alle Bewohner dieser Stadt. Egal, ob jung oder alt, ob arm oder reich, hier trafen sich alle Menschen. Aber nicht miteinander! Die jeweiligen Gruppen waren sehr darauf bedacht, keine Fremde in ihre Mitte zu lassen.

 

Da waren junge Mütter, die ihre Kinderwagen nebeneinander her schoben, und die neuesten Sonderangebote für Wegwerfwindeln austauschten. Da waren Schulkinder, die ihre Schultaschen, die natürlich alle von demselben Hersteller stammen mussten, als Fußbälle missbrauchten. Da waren Jugendliche, die stolz und hustend ihre ersten öffentlichen Zigaretten pafften. Da waren verschwitzte Bauarbeiter, deren Rücken von der Sonne verbrannt waren, die sich über die verfehlte Einkaufspolitik ihres Fußballvereins aufregten. Da waren Abiturienten, die ein Wirtschaftsmagazin und ein Comic in ihren Aktenkoffern mit Zahlenschloss trugen. Da waren Hausfrauen, die mit prallgefüllten Einkaufstaschen über den Platz hetzten, verängstigt darum bemüht, das Essen auf dem Tisch zu haben, bevor der Alte von der Arbeit zurückkam. Da waren Neonazis, deren ausländerfeindliches Gegröle dank übermäßigen Bierkonsums unverständlich blieb.

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