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Gestern war alles anders

Erklärung und Widmung

Die Geschichte „Kazimiroff“ beruht auf Tatsachen. Lediglich die erwähnten Namen wurden geändert.

Alle übrigen Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind somit rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt.

***

Für Oma! Kazimiroff wird Dich unsterblich machen! Aus diesem Grund habe ich dieses Erlebnis hier veröffentlicht.

Kazimiroff

1944 fiel mein Großvater an der russischen Front. Meine Oma hatte zu dem Zeitpunkt vier kleine Kinder, das jüngste davon war meine Mutter mit weniger als fünf Jahren. Vom Tod ihres Mannes erfuhr sie erst Wochen später, ein Brief erreichte sie über die sogenannte Feldpost. Dabei hatte sie ihn doch erst dreizehn Jahre zuvor geheiratet. Die beiden hatten viele Pläne. Bevor er das letzte Mal in den Krieg zog, versprach er ihr, dass sie gemeinsam ein eigenes Haus bauen würden, wenn all das hier vorbei wäre. Dann hätte das beengte Wohnen in nur drei Zimmern endlich ein Ende und die Kinder könnten so aufwachsen, wie es ihnen zustünde. Meine Oma war zuversichtlich. Sie hatte Hoffnung, dass er die Gefahr, welche er sich täglich auszusetzen hatte, überstünde und er heil zurück zu ihr kehren würde.

Genau diese Hoffnung starb mit dem Brief, den sie an jenem Tag in den Händen hielt. Es war ein Schriftstück wie viele andere. Der Postbote hatte die Angewohnheit, die täglichen Sendungen immer auf eine der Stufen zu legen. Er sah aus, wie all die anderen Briefe, die mein Großvater ihr sonst immer geschrieben hatte, es war derselbe Umschlag und er trug ähnliche Schriftzüge. Nur dieses Mal war es kein Schreiben von ihm, sondern über ihn. Eine Mitteilung der Endgültigkeit, der Trauer, der Wut und der zerplatzten Träume. Meine Mutter war fest davon überzeugt, dass ihr Vater wieder geschrieben hatte. Sie freute sich noch so sehr, als sie meiner Oma den Umschlag überreichte, so wie sie es immer tat, wenn mal wieder einer davon auf der Treppe lag. Was hätte sie auch anderes tun sollen, sie wusste von alldem ja nichts. Als meine Großmutter las, was ihr dort mitgeteilt wurde, riss es ihr den Boden unter den Füßen weg. Am Allerschlimmsten war es für sie, dass sie sich noch nicht einmal von ihrem Mann hatte verabschieden können. Er war schon bestattet. Das war die Aussage. Auf einem Heldenfriedhof in Kazimiroff bei Zhlobin in Mittelrussland - für Oma, die in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen lebte, unerreichbar.

„Jetzt nur nicht aufgeben, nicht versagen!“, sprach sie zu sich selbst und fuhr unter Tränen mit ihrer alltäglichen Arbeit fort.

Sie musste Geld verdienen, sofern das funktionierte. Milch verkaufen - portionierte Ware aus schweren Kannen an ihre Stammkunden. Omas Schicksal – es interessierte niemanden. Die Leute schauten weg, es war ihnen egal, alle hatten ihr eigenes Päckchen zu tragen. Viele Menschen im Dorf waren krank, die medizinische Versorgung war sehr schlecht. Es gab nur einen Arzt und seine medizinische Kenntnisse waren mit denen eines Stallpferdes zu vergleichen.

Trost bekam sie von niemandem, sie musste funktionieren, sonst wäre sie Gefahr gelaufen, noch mehr zu verlieren. Immerzu dachte sie an ihre Kinder. Sie hatten Hunger. Allein für so viele Münder zu sorgen, war nicht einfach. Häufig verließ sie die Kraft, doch immer wieder stand sie auf und machte weiter. Meine Großmutter war eine starke Frau.

Als der Krieg endlich ein Ende fand, musste sie zuschauen, wie Männer aus der Nachbarschaft nach Hause kamen. Sie hatten Glück gehabt. Auch Oma hoffte. Vielleicht war es ja ein Versehen und er war überhaupt nicht tot. Eventuell war er ja auch in Gefangenschaft geraten und würde zu einem späteren Zeitpunkt heimkehren. Sie begann zu harren. Täglich, stündlich, ja fast jede Sekunde verbrachte sie mit dem Gedanken, dass er noch leben könnte. Sie lenkte sich ab, doch das gelang ihr nicht. Aber sie war sich sicher, dass, wenn es sich um einen Irrtum handeln würde, er alles daransetzen würde, so schnell wie möglich zu seiner Familie zu kommen. Er kam aber nicht!

Meine Mutter heirate 1959. Somit war auch das letzte Kind aus dem Haus und Oma war von nun an allein. Das Bild meines Großvaters hing in ihrer Stube. Er war ein stattlicher Mann mit den Augen eines Engels. Bei der Wahl ihres Lebensgefährten hatte sie Geschmack bewiesen. Das Foto war sechs Wochen vor seinem Tod aufgenommen worden. Es war ein Abzug eines Familienfotos, welches sie sich hatte vergrößern lassen. Noch gut konnte sie sich an den Tag der Aufnahme zurückerinnern. Es war im Frühling gewesen, einer der ersten warmen Tage im Jahr. Auf dem Foto konnte man das Glück in ihrem Gesicht erkennen. Sie war glücklich, bis zum Tag der Gewissheit, dass ihr Mann niemals aus Russland zurückkehren würde.

Oma fand sich irgendwann mit ihrem Schicksal ab. Es war ihr bewusst, dass sie für den Rest ihres Lebens allein bleiben würde. Kein anderer Mann würde jemals in der Lage sein, ihr den bereits verlorenen Menschen zu ersetzen.

Es kamen die Jahre des Wirtschaftswunders und Oma ging es immer besser. Das Milchgeschäft lief gut - sie konnte sich zwar keine großen Sprünge erlauben, doch zum Überleben reichte es allemal. Es war schon immer einer ihrer größten Wünsche gewesen, zur Nordsee zu fahren. Dort war sie noch nie, deshalb legte sie sich Monat für Monat ein wenig Geld zur Seite und buchte dann für sich eine Ferienwohnung auf einer nordfriesischen Insel. Zum allerersten Mal hieß es für sie „Urlaub machen“. Oma hatte kein Auto und auch keinen Führerschein, deshalb reiste sie mit der Bahn an. Die vielen neuen Eindrücke verblüfften sie. Stundenlang schaute sie aus dem Fenster und genoss die vielseitige Landschaft, die an ihr vorüberzog.

„Entschuldigen Sie, ist hier noch ein Platz frei?“

Oma erschrak. Vor ihr stand ein Mann, groß und gut gebaut. Er hatte wunderschöne blaue Augen und ein Lächeln, das es ihr leicht machte zu nicken. Der Herr verstaute seinen Koffer und setzte sich. Immer wieder lächelte er zu ihr herüber.

„Fahren Sie auch in den Urlaub?“

Oma nickte ein weiteres Mal. Sie blieb jedoch still, denn sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Es war ihr ein wenig peinlich, dass ihr die passenden Worte fehlten, doch sie verstand es, ihre Unsicherheit zu überspielen. Ihr Gegenüber erzählte einfach weiter. Er sagte, er wäre schon seit sieben Jahren nicht mehr verreist und er hätte dieses noch niemals ohne Begleitung getan. Nach kurzem Zögern hakte sie nach.

„Meine Frau ist an Krebs verstorben, es war kurz nach dem Krieg. Sie war schon krank, als ich noch an der Front war, doch sie hatte es in den vielen Briefen, die sie mir schrieb, niemals erwähnt. Sie wollte mich nicht beunruhigen. Als ich dann heimkam, war sie schon am Ende. Der Tumor hatte bereits gestreut. Es war zu spät.“

Dem Mann standen die Tränen in den Augen. Auch Omas Blick konnte man ansehen, dass sie von der Geschichte mehr als berührt war.

„Wo waren Sie denn?“, fragte sie.

„Was meinen Sie?“

„Na ich meine, wo waren Sie im Krieg? Frankreich?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, ich war in Russland. Direkt an der Front. Es war fürchterlich. Noch heute träume ich von vielen Hinterhalten, in denen wir hineingerieten und von der Brutalität, die dort verübt wurde. Ich kann das nicht vergessen. Und dann auch noch meine Frau …“

Oma fragte ihn nach seinem Namen. Er hieß Eickmann. Friedrich Eickmann. Es lief ihr heiß und kalt den Rücken herunter, als sie diesen Namen in ihren Ohren klingen hörte. So oft hatte ihr geliebter Mann diesen Namen erwähnt. Das konnte einfach nicht sein. Weshalb hatte man ihr diesen Menschen geschickt? Für einen Moment hielt sie inne.

„Mein Name ist Böning. Mein Mann hieß Gustav. Er fiel in Weißrussland. Im April 1944.“

„Ach du meine Güte. Dann sind Sie …“

„Ja, ich bin Erna Böning.“

Nun war er sprachlos. Dann stand er auf und umarmte Großmutter. Sie redeten nicht mehr, bis der Zug den Zielbahnhof erreicht hatte. Dann stiegen sie aus und gingen noch eine Weile gemeinsam. Es war für Oma der erste und wohl auch wichtigste Urlaub in ihrem Leben.

„Ich kannte Ihren Mann gut. Bevor er starb, sagte er mir, ich solle Ihnen Lebewohl sagen. Er ist in meinen Armen von uns gegangen. Ich war dabei, als er in Kazimiroff beigesetzt wurde. Es war neben meiner Frau der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich bezeichnete ihn schon früher als meinen besten Freund. Glauben Sie mir, liebe Frau Böning, es ist ein Gottesgeschenk, dass ich Sie hier treffen durfte. Entschuldigen Sie bitte, ich hätte ja versucht, Sie …“

Oma nickte und lächelte. Es war dasselbe Lächeln wie auf dem Familienfoto, von dem sie den Teil, auf dem Großvater zu sehen war, hatte vergrößern lassen.

„Es ist in Ordnung“, sprach sie leise.

Endlich war sie in der Lage, loszulassen und Abschied zu nehmen. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich frei.

Das Versprechen

 In der zweiten Märzwoche setzte nach langem Warten endlich die Schneeschmelze ein und die Natur nahm sich sehr zur Freude der meisten Menschen vor, der Kälte zu trotzen und den Frühling ins Land zu lassen. Der letzte Winter war hart genug gewesen und hatte den Menschen in den vergangenen Monaten viel Kraft gekostet.                                                                        

 

In jener Woche waren sogar an den Straßenrändern des kleinen Dorfes Betzen, welches ungefähr eine Autostunde von München entfernt lag, die ersten Krokusse zu entdecken. Der kleine Bach, welcher sich direkt durch die Ortsmitte durchschlängelte, führte Hochwasser - nicht bedrohlich, ein wenig über die Ufer getreten war er aber schon. In den meisten Fällen verlief dieses alljährliche Spektakel aber glimpflich, nur selten gab es mal den einen oder anderen vollgelaufenen Keller.

 

Opa Mühlstein musste jedoch in jenem Jahr all seine eingelagerten Kartoffeln entsorgen, da er direkt neben dem Fluss wohnte und es sein Häuschen immer als Erstes traf. Seine Wutausbrüche und sein heftiges Geschrei waren in der gesamten Nachbarschaft zu hören.

 

Das Dorf Betzen bereitete sich in jener Woche auf das baldige Osterfest vor, Bäume wurden mit bunten Plastikeiern geschmückt und im Garten vieler Anwohner konnte man zur Frühlingszeit passende Dekorationen erkennen. Es war auch nicht mehr weit bis zu Claras nächstem Geburtstag. Wie doch die Zeit verging.

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