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Georg - Doppeltes Spiel

Adora Belle

Georg - Doppeltes Spiel

Band III


Für mein Tigerlein! Das mir hoffentlich auch weiterhin einsame Abende verschönt!


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Alle Jahre wieder

Heiligabend.

Eigentlich für mich immer ein Tag wie jeder andere. Alle Jahre wieder.

Kunststück - bisher verlief dieser Tag ja auch praktisch jedes Jahr so ziemlich nach dem gleichen Schema, wie alles bei mir. Schlafen bis gegen acht Uhr, Frühstück, anschließend ein bisschen Aktendurchsicht oder Schreibkram, ein kleines Mittagessen, am Spätnachmittag dann die Fahrt zur Villa meiner Eltern und dort schließlich das gemeinsame Essen mit der ganzen Familie und die Bescherung. Meistens lag ich spätestens gegen elf Uhr abends zuhause im Bett.

Aber dieses Jahr ist alles anders. Meine gesamte gut eingespielte Routine ist beim Teufel und wer ist schuld daran?

Ich könnte jetzt sagen, mein jüngster Bruder, Benjamin, von allen nur Ben genannt.

Streng genommen ist er auch wirklich die Wurzel allen Übels, aber gleichzeitig weiß ich, dass ich es mir damit zu einfach machen würde. Und ich mache es mir NIE einfach. So bin ich nicht. Scheint irgendwie ein Genfehler von mir zu sein und darum widerstrebt es mir auch in diesem Fall.

Denn genauso sehr wie bei Ben kann ich die Schuld für meine momentane … Gemütsunordnung  bei meinem ältesten Bruder Markus suchen, den ich jetzt seitein paar Tagen am Hals habe.

Oder eben bei Hubert Wusternhagen, dem Rechtsreferendar unserer Kanzlei.

Wenn ich genau darüber nachdenke, dann hat Letzterer wohl den größeren Anteil an meinem Unbehagen, denn ihm ist etwas gelungen, was selbst die härtesten Fällen aus meiner Mandantenkartei nicht schaffen: Er bringt mich aus dem Gleichgewicht. Einfach durch seine bloße Anwesenheit.

Dabei entspricht er nicht mal meinem Beuteschema …

Nun, wenn ich von Beuteschema spreche, dann muss ich das wohl erklären. Es ist eigentlich ganz einfach, aber andererseits auch wieder kompliziert, denn … naja, ich bin schwul.

Nicht anders als mein jüngster Bruder Ben, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Von Ben wissen es inzwischen alle, aber von mir niemand. Und wenn es nach mir geht, dann soll das vorläufig auch so bleiben.

Was schwierig werden könnte, wenn ich mich nicht endlich zusammenreiße.

Vor rund drei Monaten kam Hubert als Referendar in unsere Kanzlei und anfangs dachte ich mir rein gar nichts dabei. Ich trenne grundsätzlich und sehr sorgfältig zwischen Arbeit und Privatleben. Und noch sehr viel sorgfältiger zwischen Privatleben und Privatleben, um es mal so auszudrücken. Soll heißen, nie im Leben würde mir einfallen, einen jungen Mann, mit dem ich beruflich zu tun habe, als potentiellen Sexualpartner in Betracht zu ziehen. Und einen wie Hubert schon mal gar nicht.

Nicht dass er unansehnlich wäre, im Gegenteil, aber er entspricht nun mal so überhaupt nicht dem Typus Mann, den ich normalerweise bevorzuge. Und dieser Umstand irritiert mich noch sehr viel mehr als alles andere.

Ungefähr ein Mal im Vierteljahr fahre ich für ein Wochenende nach Berlin. Offiziell treffe ich mich dort mit einem Mandanten und erstatte ihm Bericht über dessen diverse Vermögensangelegenheiten und genau genommen tue ich das auch, allerdings dauern diese Termine nie länger als ein paar Stunden am frühen Freitagabend. Den Rest der Zeit verbringe ich auf gänzlich andere Art.

Man könnte wohl am ehesten sagen, ich gehe auf die Jagd.

In einschlägigen Clubs und Bars suche ich gezielt nach Männern, die meine Libido ansprechen und die sind für gewöhnlich um einiges kleiner und schmaler als ich, mit wenig Muskeln ausgestattet und ein bisschen androgyn angehaucht. Habe ich etwas Passendes gefunden, suchen wir entweder gemeinsam den Darkroom auf, oder – in Ausnahmefällen – nehme ich ihn mit in mein Hotel.

Böse Zungen würden mir jetzt ein Doppelleben unterstellen und vielleicht ist da was Wahres dran, ich selber sehe das aber längst nicht so dramatisch.

Der Georg, der in Berlin schick gestylt auf die Pirsch geht und sich Männer sucht, mit denen er seinen Sexualtrieb ausleben kann, ist ein völlig anderer als der, welcher zuhause jeden Tag brav in Anzug und Krawatte an seinem Schreibtisch sitzt.

So gesehen also kein Doppelleben, sondern einfach zwei voneinander völlig unabhängige Personen.

Im Ernst – wer mich hier zuhause erlebt, würde mich in Berlin nicht mal erkennen und umgekehrt!

Ich bin nicht gerade klein, aber auch nicht auffällig groß, meine Haare sind nicht ganz glatt, blond und einigermaßen störrischund meine blauen Augen verstecke ich im Alltagsoutfit hinter meiner Brille, die ich wegen einer leichten Weitsichtigkeit tragen muss.

Ich achte stets darauf, dass meine Anzüge nicht zu modisch sind und kämme die Haare schlicht und unauffällig zurück. Das vollkommene Bild eines trockenen, langweiligen Juristen.

Bei Besuchen in meinem Stammclub in Berlin sieht das anders aus. Ich weiß, mit welcher Kleidung ich meine körperlichen Vorzüge betonen kann, ohne billig zu wirken, benutze farbige Kontaktlinsen und style mir die Haare gewollt lässig, mit locker in die Stirn hängenden Fransen.

Und es wirkt. Jedes Mal!

Ich habe mir mittlerweile einen echten Ruf erarbeitet, glaube ich, obwohl mich das eigentlich nicht interessiert. Zum Teil wird das wohl auch daran liegen, dass ich so ein Geheimnis daraus mache, wie ich wirklich heiße und wo ich herkomme.

Keiner meiner Bettgespielen erfährt meinen wirklichen Namen, oder wo ich lebe, in Berlin bin ich einfach nur „Jo“ und fertig. Und keiner von den wenigen Auserwählten, die ich mit in mein Hotel nehme, bleibt über Nacht dort. Das ist eine eiserne Regel. Sie kommen mit zu mir, wir ficken, sie können gerne noch duschen, aber dann – Ciao, bello!

Natürlich sind manche trotzdem neugierig, aber ich kann schon von Berufs wegen Dinge gut für mich behalten. Aus Gründen der Diskretion erfolgt die Buchung des Hotelzimmers immer durch das Sekretariat meines Mandanten, welcher  nicht möchte, dass Einzelheiten seiner finanziellen Lage bekannt werden. Für das Hotel bin ich daher einfach nur 'Jürgen Schmidt', guter Freund und Golfpartner eines ortsansässigen Unternehmers, also besteht von daher auch keine Gefahr, dass meine Tarnung auffliegt.

Für den Rest sorge ich selbst, indem ich als farblose, unauffällige Figur einchecke und auch wieder abreise. In dem gewöhnlichen Anzugtypen würde keiner den Kerl vermuten, der zwei Nächte lang erfolgreich in der Gay-Szene gewildert hat.

Einer meiner One-Night-Stands hat sogar mal am Morgen danach, als ich gerade abreisen wollte, vor dem Eingang des Hotels auf mich gewartet. Aber da hat sich gezeigt, wie gut meine Alltagsverkleidung funktioniert. Ich bin in meinem gewöhnlichen Aufzug aus der Tür gekommen, auf dem Weg zum Auto, die Brille auf der Nase, Haare zurückgekämmt, Koffer und Aktentasche in den Händen. Ich bin fast über ihn gestolpert, wie er da stand und den Eingang im Auge behielt.

Er hat mich direkt angesehen, die Stirn gerunzelt und sich für den Beinah-Rempler entschuldigt. Erkannt hat er mich aber ganz offensichtlich nicht.

Ich bin dann vor mich hin schmunzelnd in meinen Wagen gestiegen und nach Hause gefahren, zurück in mein „echtes“ Leben.

Wieso der ganze Aufwand?

Dafür gibt es mehrere Gründe, aber der wichtigste ist der, dass ich weiß, wie mein Vater, welcher die Kanzlei - noch - leitet, über das Thema Homosexualität denkt. Für ihn ist das was Widernatürliches.

Zumindest war es das immer. Allerdings scheint die Haltung meines alten Herrn in letzter Zeit etwas … aufzuweichen.

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, er hätte Manuel Lewin, den Partner seines jüngsten Sohnes voll akzeptiert, aber seit dieser Mann infolge einer unerwarteten Erbschaft zu einer Menge Geld gekommen ist und es daraufhin verstanden hat, seine Karten bei der Aufdeckung einer Intrige rund um den Kanzleivorsitz geschickt auszuspielen, sieht Paps ihn, glaube ich mit anderen Augen. Bester Beweis ist die Tatsache, dass besagter Manuel am heutigen Abend ebenfalls eingeladen ist, Weihnachten mit unserer Familie zu feiern.

Davon mal abgesehen würde ich aber auch etliche meiner Mandanten zumindest als latent homophob einschätzen.

Wieso latent? Ganz einfach, weil sie der Fraktion Sowas betrifft immer nur die Anderen und das ist auch gut so!“ angehören. Mit anderen Worten: nach außen hin sind sie liberal, aber in ihrem eigenen Umfeld würden sie nach Jod und heißem Wasser schreien, sollte da jemand offen zeigen, dass er schwul ist.

Bisher hat mich das nie gestört. Mit meinem Arrangement bin ich immer gut gefahren und mir ist auch noch nie ein Mann begegnet, der mehr in mir geweckt hätte, als das Verlangen nach einer heißen Nummer, oder höchstens einer Nacht. Ehrlich gesagt bezweifle ich mittlerweile fast schon, dass ich überhaupt die Fähigkeit besitze, zu lieben, mich zu VERlieben. Ist vielleicht noch so ein Genfehler, wer weiß?

Auf jeden Fall bin ich mittlerweile dreißig Jahre alt und hatte noch nie Schmetterlinge im Bauch, wie man so schön sagt.

Obwohl … das stimmt nicht so ganz. Als Hubert kürzlich, stark angetrunken, vor meiner Tür stand und was von Liebe faselte, da hatte ich schon ein kleines Kribbeln im Magen.

Oder vielleicht auch ein größeres …?

Dabei ist das total verrückt! Ohne lange drüber nachzudenken fallen mir spontan ein halbes Dutzend Gründe ein, warum ich nie, unter gar keinen Umständen, was mit Hubert Wusternhagen anfangen wollen würde!

Zunächst mal ist da sein Äußeres. Er ist nicht nur NICHT klein und schmal - ganz im Gegenteil ist er sogar eine knappe halbe Handbreit größer als ich - und von androgyn kann nun erst recht keine Rede sein bei dem Kerl! Alles an ihm schreit geradezu „Mann!“, angefangen von den breiten Schultern, über das markante Kinn, bis hin zu seinen großen Händen und Füßen.

Allerdings ist mir schon bald nach seinem Eintritt in die Kanzlei aufgefallen, wie er mich ansieht, wenn er denkt, ich merke es nicht. Das und seine plötzliche Nervosität, immer wenn ich in der Nähe bin, haben mich aufmerksam werden lassen und irgendwann dazu gebracht, ihn sozusagen mal mit anderen Augen unter die Lupe zu nehmen. Wobei ich ganz automatisch meine persönliche Männer-Checkliste zu Rate gezogen habe und bei so gut wie allen wichtigen Punkten KEINE Häkchen machen konnte.

Trotzdem beschäftigt er mich mehr als für mich gut sein kann und seit der verunglückten Liebeserklärung hier vor meiner Tür noch mehr.

Logisch, dass ich ihn damals ziemlich barsch abgefertigt und weggeschickt habe. Wo kämen wir denn hin, wenn ich mich auf so etwas einlassen würde?

Mal abgesehen davon, dass er nicht mein Typ ist und noch dazu in der Kanzlei arbeitet, werde ich einen Teufel tun, auf diese Weise womöglich ein Outing zu provozieren!

Fakt ist trotzdem, dass ich ihn nicht aus meinem Kopf bekomme und kürzlich habe ich mich doch wahrhaftig dazu hinreißen lassen, ihn zu mir einzuladen. Auf ein Glas Rotwein!

Keine Ahnung was mich da geritten hat. Lag vielleicht daran, dass ich ein bisschen neben mir stand an dem Tag. Mein ältester Bruder Markus hatte eine ziemliche Dummheit gemacht, die leicht böse hätte ausgehen können und dass das letzten Endes doch nicht der Fall war, ist wirklich eine reine Glückssache und eben auch besagtem Hubert Wusternhagen zu verdanken gewesen.

Eine weitere Konsequenz dieses Tages und vor allem dieser Dummheit ist, dass ich Markus nun am Hals habe.

Natürlich lief an dem besagten Abend mit Hubert dann auch rein überhaupt nichts, schon allein deshalb, weil mein Bruder als heulendes Elend in meinem Gästezimmer kampierte. Er war nach allem was er angestellt hatte, ziemlich durch den Wind, aber im Nachhinein bin ich trotzdem froh über seine Anwesenheit, denn so bin ich nicht mal in die leiseste Versuchung gekommen, irgendwas Dummes zu machen, was ich später unter Garantie bereut hätte!

Naja, zumindest wenn man mal davon absieht, dass ich Hubert schon für den übernächsten Tag erneut eingeladen habe … offiziell um juristische Sachfragen zu besprechen.

Was wir auch getan haben.

Schließlich bin ich kein notgeiler Teenager, sondern ein erwachsener Mann.

Aber es ist auch nicht bei diesem zweiten Besuch geblieben.

Ehe ich so richtig wusste, wie mir geschah, ertappte ich mich dabei, wie ich eine weitere Einladung aussprach. Ins Theater diesmal.

Und so ging es weiter. Jedes Mal. Wir sahen uns bald mehr oder weniger regelmäßig, machten Spaziergänge, gingen zusammen essen und diskutierten über Gott und die Welt. Aus „Herr Dr. Böttinger“ und „Herr Wusternhagen“ wurden sehr schnell Georg und Hubert und nur allzu bald war esnormal, mich mit Hubert zu treffen, ihn einzuladen, weil er selber ja viel zu schüchtern ist, von sich aus um eine Verabredung zu bitten.

Kunststück – seine Eltern haben ihn kürzlich vor die Tür gesetzt, weil er es gewagt hat, sich zu outen, oder besser gesagt, weil mein geliebter Hornochsen-Bruder Markus das ja unbedingt für ihn erledigen musste! Bis dato hat er also noch überhaupt keine Erfahrungen auf dem schwulen Sektor gesammelt, jedenfalls soweit wie ich das überblicke.

Naja, wenigstens war ich bisher noch immer so weit bei Verstand, dass unsere Treffen bis auf die ersten beiden Male außer Haus stattfanden. Wenn ich auf irgendwas weniger Lust habe, als darauf, das Kindermädchen für Markus zu spielen, dann ist es ihm erklären zu müssen, wieso andauernd unser Referendar bei mir hockt, auch wenn da bis jetzt wirklich noch gar nichts Verfängliches dahinter steckt und das, wenn es nach meinem gesunden Menschenverstand geht, auch so bleiben wird.

Markus weiß aber wie gesagt, dass Hubert schwul ist, schließlich hat er ihn ja damit erpresst und schlafende Hunde wecke ich bestimmt nicht freiwillig.

Man muss allerdings der Fairness halber dazu sagen, dass Hubert sich stets vollkommen korrekt benimmt, wenn er mit mir zusammen ist. Seit er sich bei mir für seine alkoholgeschwängerte Liebeserklärung entschuldigt hat, hat er nie wieder auch nur ein einziges verfängliches Wort gesagt oder ist mir irgendwie zu nahe getreten. Das Einzige, was ich ihm demnach vorwerfen könnte, wäre die Art wie er mich manchmal ansieht.

Denn noch immer hängen seine Augen mit einem sehnsüchtigen Welpenblick an mir, wann immer er meint, ich bekomme es nicht mit und das Ärgerliche ist, dass ich allmählich wirklich anfange, seine Gegenwart zu genießen - und diese Blicke ebenfalls!

Weiß der Himmel was ich tun würde, wenn er seine Zurückhaltung auch nur ein einziges Mal vergäße! Das will ich mir lieber gar nicht vorstellen!

Und nun habe ich ihn tatsächlich gerade gefragt, ob er heute Abend schon was vorhat!

Heute!

An Heiligabend!!

Natürlich ist mir längst klar, dass er nichts vorhat. Sein engstirniger Vater hat ihn nämlich nicht nur zuhause rausgeworfen, sondern ihm auch gleich noch den Geldhahn zugedreht. Damit ist wohl klar, dass trautes Familienleben nicht auf seiner heutigen Agenda stehen wird.

Im Augenblick logiert er übrigens bei meinem Bruder Ben, ist aber auf der Suche nach einer kleinen, bezahlbaren Wohnung.

Das ist wahrscheinlich eine ziemliche Umstellung für ihn, immerhin ist er der einzige Sohn des Vorstandsvorsitzenden der Wusternhagen Bank, Helmut Wusternhagen, seines Zeichens schwerreich, langjähriger Klient von Markus, aber auch schwer cholerisch und im Nebenberuf ein selbstgerechtes Arschloch.

Zumindest ist das der Eindruck den ich von ihm gewonnen habe, wenn er mir in der Kanzlei über den Weg gelaufen ist.

Nicht dass ich das jemals jemandem gegenüber so aussprechen würde, Gott bewahre, aber die Gedanken sind ja immer noch frei, nicht wahr?

Natürlich hat Hubert sofort eingeräumt, dass er nichts vorhat. Er ist viel zu geradlinig, um sich eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen und ich gebe zu, genau darauf habe ich mich wohl irgendwie verlassen. Und noch ehe ich so richtig kapiere, was ich tue, lade ich ihn ein, den Abend mit mir zu verbringen und er nimmt tatsächlich an.

Zwar mit roten Ohren und allen Anzeichen einer mittelschweren Verlegenheitskrise, aber immerhin.

Und ich stehe auf einmal da wie der sprichwörtliche begossene Pudel und weiß nicht so richtig, was ich denken oder fühlen soll.

Einerseits beharrt ein nicht unerheblicher Teil von mir darauf, sich wirklich ehrlich zu freuen, auf der anderen Seite könnte ich mir selbst in den Hintern treten!

Wieso? Ganz einfach. Weil ich gerade auf dem besten Wege bin, meine eigenen Prinzipien über den Haufen zu werfen! Und das ist gefährlich, wie mir sehr wohl bewusst ist.

Irgendwie setzt mein gesunder Menschenverstand immer wieder aus, wenn es um Hubert geht, aber auch wenn ich mich jetzt noch so sehr darüber ärgere, ich habe ihn nun mal eingeladen und kann nun nicht einfach wieder einen Rückzieher machen.

Meine Familie wird nichts Anrüchiges dahinter vermuten, wenn ich ihn mitbringe, im Gegenteil. Wie ich meine Mutter kenne, wird sie in ihm ein armes, verstoßenes Lämmchen sehen und ihn augenblicklich adoptieren.

Immerhin ist es ja die Schuld ihres ältesten Sohnes Markus, dass Hubert zuhause rausgeflogen ist. Er hat Hubert erpresst, ihm dabei zu helfen, seine immensen Schulden loszuwerden, indem er ihm gedroht hat, seinen Eltern von dessen Homosexualität zu erzählen. Wusternhagen Senior war nämlich nicht nur Markus` langjähriger Klient, sondern auch sein Hauptgläubiger und deshalb wusstemein Bruder sehr genau, wie der über dieses Thema denkt.

Als Hubert sich jedoch irgendwann geweigert hat, weiter mitzuspielen, hat Markus seine Drohung tatsächlich wahrgemacht und prompt wurde unser Referendar von seinem alten Herrn vor die Tür gesetzt. Aber das ist längst nicht das Einzige, was Markus getan hat. Er hat Hubert auch noch einen Diebstahl angedichtet und auf diese Weise in der Kanzlei für seine Entlassung gesorgt.

Gut, nachdem alles aufgeflogen ist, hat Hubert seine Stelle natürlich wieder zurückbekommen. Aber die Beziehung zu seinen Eltern ist fürs Erste im Eimer. Und ob sich die irgendwann wieder einrenkt, muss die Zeit erst zeigen.

Auf jeden Fall wird es in den Augen meiner Eltern nur für mich sprechen, wenn ich den „armen heimatlosen Jungen“ heute Abend mitschleppe. So gesehen bräuchte ich mir gar keine Sorgen zu machen, wenn ich gleich zusammen mit Hubert in der Villa aufschlage. Was mir Kopfzerbrechen bereitet, bin ich dagegen selber. Ich und meine mir selbst immer suspekteren Anwandlungen der letzten Zeit. Ich reagiere viel zu sehr auf diesen übergroßen Schoßhund. Und das gefährdet nicht nur meinen inneren Frieden, sondern auch die Art, wie ich mein Leben führe und das eigentlich auch weiter zu tun gedenke.

Er weckt Begehrlichkeiten in mir, Wünsche, die ich mir versagen muss.

Ich bin Georg Böttinger, dreißig Jahre alt, ein farbloser, langweiliger, aber beharrlicher Jurist, Spezialist für die Verwaltung von Stiftungen und anderen großen Vermögen.

Der andere Georg, der den Männern zuerst auf den Arsch und dann in die Augen sieht, der ist eine andere Person, die sich nur zufällig mit mir den Körper teilt, aber im normalen Leben nichts zu sagen hat, die nur hin und wieder aus der Versenkung auftauchen und sich austoben darf, damit sie dem 'echten' Georg nicht dazwischenfunkt.

So habe ich mich eingerichtet und so soll es auch gefälligst bleiben!

Ich muss den Abend also irgendwie hinter mich bringen und mich zusammenreißen, damit ich nichts Blödes mache. Dass Markus kurz vor unserer geplanten Abfahrt einen emotionalen Tiefpunkt erreicht, hilft da schon ganz gut.

Obwohl ich ihn eigentlich scharf im Auge behalte, ist es ihm irgendwie gelungen, sich eine Flasche Schnaps unter den Nagel zu reißen und entsprechend ins Nirwana zu befördern. Er ist noch betrunkener als an dem Tag, an dem er mit einem Messer in der Aktenmappe bei Ben aufgetaucht ist, allerdings diesmal kein bisschen aggressiv, sondern im Gegenteil furchtbar weinerlich und selbstmitleidig.

Hubert und ich haben zusammen Kaffee getrunken und als wir gerade aufbrechen wollen, torkelt er ins Wohnzimmer, schaukelt auf Hubert zu und hängt sich ungefragt an dessen Arm.

Mit vielen unverständlich genuschelten Entschuldigungen pustet er ihm seine Fahne ins Gesicht und es braucht wirklich und wahrhaftig uns alle Beide, um ihn halbwegs zur Räson zu bringen und in sein Bett zu verfrachten. Zum Glück dauert es nicht lange, bis er in einen komatösen Tiefschlaf fällt, sodass wir nur eine knappe halbe Stunde zu spät in der Villa eintreffen.

Alle Anderen sind schon da und haben ihre Geschenke bereits in der Bibliothek unter dem Baum platziert. Ich stelle meine dazu und begrüße dann meine Eltern.

Erwartungsgemäß läuft Hubert rot an, als er hinter mir hereinkommt, immerhin habe ich ihm erst auf der Fahrt hierher reinen Wein eingeschenkt, wo es hingeht und seine Reaktion schwankte zwischen größtmöglicher Verlegenheit und totalem Entsetzen. Ben und Manuel machen sich, kaum dass wir da sind, quasi augenblicklich an ihn heran und das trägt auch nicht unbedingt zu seiner Entspannung bei wie`s aussieht.

Ich kann mir schon denken, was sie von ihm wollen, denn wenn irgendjemand in meiner Familie wegen Hubert und mir misstrauisch werden könnte, dann am ehesten mein jüngster Bruder Ben. Hubert wohnt wie gesagt momentan bei ihm und ich habe keine Ahnung, was er ihm so alles erzählt oder vielleicht sogar schon erzählt hat.

Glücklicherweise stürmen just in diesem Augenblick meine Nichten und Neffen auf mich zu und belegen mich mit Beschlag, sodass ich eine Entschuldigung habe, Hubert allein der brüderlichen Inquisition zu überlassen.

Möglichst unauffällig schiele ich trotzdem ein paar Mal zu ihm hinüber, während ich so tue, als brächte ich dem, was die Kleinen mir erzählen die gebührende Aufmerksamkeit entgegen. Als Jörgs Älteste mich allerdings stirnrunzelnd fragt, ob mit meinen Augen was nicht stimmt, weil ich sie so komisch verdrehe, lasse ich das lieber wieder sein.

Schon kurz darauf bittet meine Mutter zu Tisch und ich beeile mich, mir einen Platz möglichst weit entfernt von Hubert zu suchen. Ich glaube, wenn ich jetzt neben ihm sitzen muss, werde ich kein gutes Beispiel für Tischmanieren abgeben.

Beim Essen schwirren die üblichen Gespräche um den Tisch, aber dieses Mal können sie mich nicht fesseln. Ich beobachte verstohlen Ben und Manuel, wie sie einander verliebt anhimmeln und frage mich, ob es wirklich so toll ist, Sex nur noch mit einer einzigen Person zu haben.

Also, immer mit ein und demselben Typen ins Bett zu gehen, meine ich.

Unwillkürlich wandert mein Blick dabei wieder zu Hubert, doch als ich es merke, reiße ich mich ganz schnell los und sehe unwillkürlich in die Runde. Hat jemand etwas gemerkt?

Scheinbar nicht. Erleichtert atme ich auf und esse weiter.

Neben mir sitzt Daniels Verlobte, meine zukünftige Schwägerin Gabriele und versucht tapfer, sich mit mir zu unterhalten, aber ich bin heute Abend nicht wirklich in Stimmung dafür und dementsprechend einsilbig. Irgendwann gibt sie es auf und wendet sich zur anderen Seite, wo mein älterer Bruder Thomas seinen Platz hat. Soll mir egal sein.

Wieder ertappe ich mich dabei, dass meine Augen nach Hubert suchen, der neben meiner Mutter sitzt und von ihr mit Beschlag belegt wird.

Plötzlich sehe ich, wie Ben und Manuel die Köpfe grinsend zusammenstecken und sich mit einem Seitenblick auf mich etwas zuflüstern. Ich runzle die Stirn, aber die Zwei feixen weiter und sitzen auch sowieso zu weit weg. Ich schüttle also nach einem Moment den Kopf, beuge mich, Konzentration vorschützend, über meinen Teller und gebe mich desinteressiert.

Nach dem Essen ist Bescherung in der Bibliothek und ich setze alles daran, nicht zusammen mit Hubert dort zu erscheinen. Zu diesem Zweck halte ich Jörg zurück und verwickle ihn in ein Gespräch über eigentlich Nebensächliches, was wir genauso gut auch nach Neujahr klären könnten, wenn die Kanzlei ihre Pforten wieder öffnet. Unser Vater hat vor kurzem verkündet, sich binnen eines Jahres zurückziehen und seine Nachfolge an Jörg und mich übergeben zu wollen. Natürlich steht da das Eine oder Andere an, was geregelt werden muss, aber so eilig ist es nun auch wieder nicht.

Doch auf diese Weise kommen wir Beide als Letzte in die Bibliothek, wo die Schlacht um die Päckchen und Pakete unter dem Baum bereits in vollem Gange ist. Leider kann ich es mir nicht verkneifen, mich als Erstes nach Hubert umzusehen und natürlich steht wieder Ben parat und registriert es mit einem amüsierten Schmunzeln.

Ich tue so, als hätte ich nichts bemerkt und rede weiter auf Jörg ein, der sich jedoch bald von mir verabschiedet und zu seiner Familie hinübergeht.

Tja, und dann stehe ich alleine da und habe die Wahl, entweder zu Hubert zu gehen, oder den einsamen Wolf zu geben. Alle meine Brüder sind mit ihren Familien oder Partnern beschäftigt und auch meine Eltern stecken irgendwo im Getümmel. Mich ebenfalls dazwischen zu werfen liegt mir nicht wirklich, auch wenn ich meine Neffen und Nichten aufrichtig liebe. Ich fürchte, heute Abend fehlt mir dafür die Geduld.

Ben und Manuel verabschieden sich bald und ich würde sonst was verwetten, dass sie noch ganz unheilige Pläne für den heiligen Abend haben. Zum ersten Mal, seit ich denken kann, verspüre ich so etwas wie Neid, als die Beiden sich von mir verabschieden und staune über mich selber. Ben kann es nicht lassen, mir zuzuzwinkern und noch einen schönen Abend zu wünschen. Innerlich stöhne ich auf, aber äußerlich gebe ich mich möglichst entspannt und wünsche ihm und Manuel lächelnd dasselbe.

Auch die Anderen brechen nach und nach auf, sodass ich schließlich zu Hubert hinüberschlendere und mit einem demonstrativen Blick auf die Uhr vorschlage, ebenfalls die Zelte abzubrechen. Er ist einverstanden, darum verabschieden wir uns bei meinen Eltern und schlüpfen in unsere Mäntel. Meine Mutter drückt Hubert noch einmal an ihre Brust und dann sind wir endlich draußen.

Schleudergang

Ich atme auf.

Die Winternacht ist sternenklar und frostig kalt. Unser Atem dampft, während wir schweigend zu meinem Wagen gehen. Mich fröstelt nach der überheizten Wärme in der Bibliothek und auch Hubert neben mir zieht die Schultern hoch und schüttelt sich ein paar Mal. Ich sehe zu ihm hinüber und bereue es sofort, denn natürlich fallen mir augenblicklich so unwillkommene Dinge auf, wie der Widerschein der Außenbeleuchtung auf Huberts braunem Haar, oder der scharfe Schnitt seines Profils.

Er bemerkt meinen Seitenblick und schaut mich an, lächelt herrlich schüchtern und ich habe plötzlich das nahezu unwiderstehliche Verlangen, seine schmalen Lippen zu küssen, einfach weil ich wissen möchte, wie sie schmecken.

Irritiert hebe ich den Blick wieder zu seinen Augen und wie schon so oft steht darin dieses sehnsüchtige Verlangen. Ich muss schlucken und balle in den Manteltaschen die Fäuste, um meine gelassene Fassade zu wahren. Hastig sehe ich wieder nach vorn und zum Glück erreichen wir gleich darauf meinen Wagen, dessen Karosserie räumliche Distanz zwischen uns schafft.

Verblüfft stelle ich fest, dass in meiner Magengrube ein heftiges Gekribbel und Gekrabbel eingesetzt hat und auch mein Herz klopft schneller als es der Situation eigentlich angemessen wäre. Ich steige ein und mit plötzlich zittrigen Fingern versuche ich den Wagenschlüssel ins Zündschloss zu fummeln.

Ich bin mir Huberts Nähe überdeutlich bewusst, rieche sein frisches Aftershave und vermeide es tunlichst, in seine Richtung zu sehen, während ich mich anschnalle. Vor lauter Nervosität verfehle ich das Gurtschloss ein paar Mal, bis Hubert schließlich zugreift und mir hilft, den Gurt zu schließen. Seine Finger legen sich warm und sicher über meine und ich zucke so heftig zurück, als hätte ich mich verbrannt. Ich fahre hoch und finde mich Auge in Auge mit Hubert, der sich ein bisschen in meine Richtung gebeugt hat, um mir zu helfen.

Dicht, viel zu dicht vor mir befinden sich die Lippen, die mich vorhin schon so gelockt haben. Mein Blickfeld verengt sich, in meinen Ohren dröhnt der Herzschlag und alles was ich sehe, ist Huberts Gesicht, seine dunklen Augen, die schmale Nase, der Mund …

Ich kämpfe dagegen an, will zurückweichen, raus aus dem Bannkreis dieser Verlockung. Wir stehen hier schließlich vor der Villa meiner Eltern – was wenn uns jemand sieht?

Dieser Gedanke ernüchtert mich und ich setze mich mit einem tiefen Atemzug wieder aufrecht.

„Wir … sollten fahren“, sage ich und meine Stimme ist noch nicht wieder ganz fest. Hubert wirkt ein bisschen verwirrt, nickt aber und rückt ebenfalls in seine Ausgangsposition zurück.

Im zweiten Anlauf gelingt es mir, den Wagen zu starten und als wir das weitläufige Grundstück hinter uns gelassen haben, atme ich ein bisschen auf.

Zwar sitzt Hubert nach wie vor neben mir und allein seine Gegenwart und sein Duft bewirken, dass sich die Härchen auf meinen Armen aufstellen, aber zumindest laufen wir nicht mehr Gefahr beobachtet zu werden.

Jetzt bleibt mir nur noch eins zu tun: Ich muss Hubert so schnell wie möglich nach Hause bringen und dann in meine eigenen vier Wände - schlafen!

Genau! Ich brauche ganz dringend Schlaf, damit ich wieder einen klaren Kopf bekomme und überhaupt sieht ja bei Tag auch alles ganz anders aus! Das hier ist nur eine momentane Verwirrung, befeuert von der rührseligen Weihnachtsstimmung, die einem an jeder Ecke buchstäblich ins Gesicht schlägt!

Ich atme etwas freier bei dem Gedanken, trete unwillkürlich kräftiger aufs Gas, im Bestreben Hubert schneller loszuwerden.

Tatsächlich dauert es um diese Uhrzeit und am heutigen Abend keine Viertelstunde bis wir vor dem Haus halten, in welchem Bens Wohnung liegt. Ich halte an und Hubert steigt ohne zu zögern aus, steht dann aber mit dem Türgriff in der Hand da, als wollte er noch irgendwas sagen.

Ich halte unwillkürlich den Atem an und krampfe die Finger ums Lenkrad, bis er schließlich doch nur schüchtern lächelt, sich artig für den Abend bedankt und die Tür schließt. Ohne noch eine einzige Sekunde länger zu warten, lege ich den Gang ein, setze den Blinker und schere wieder auf die Straße, kann mich gerade so beherrschen einen Kavaliersstart hinzulegen.

Im Rückspiegel sehe ich, dass Hubert noch einen Moment lang dasteht, mir nachsieht und dann mit gesenktem Kopf ins Haus geht. Kaum ist er außer Sicht, überfällt mich ein bleischweres Gefühl und ich brauche ein bisschen, bis ich es identifizieren kann: es ist unzweifelhaft das Empfinden, eine einmalige Chance verpasst zu haben.

Ja, bin ich denn verrückt? Einmalige Chance? Ich sollte froh und dankbar sein, dass ich zumindest einigermaßen rational und standhaft geblieben bin!

Zehn Minuten später bin ich zuhause und sehe zuerst im Gästezimmer nach Markus. Er schnarcht im Tiefschlaf wie ein kanadischer Holzfäller und im Zimmer stinkt es nach Schnaps wie in einer billigen Spelunke. Ich halte die Luft an und gehe zum Fenster, um es wenigstens zu kippen. Es steht sonst nämlich zu befürchten, dass Markus bis zum Morgen erstickt …

Anschließend gehe ich in mein eigenes Schlafzimmer, ziehe mich aus und krieche unter die Bettdecke. Leider kommt der Schlaf nicht so zügig, wie ich das gerne gehabt hätte. Stattdessen liege ich mit unter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Rücken und starre an die dunkle Decke über mir.

Vor meinem inneren Auge erscheint ohne mein Zutun wieder nur Huberts Gesicht. Wie er heute Abend verlegen in der Ecke herumstand, wie er am Tisch mit meiner Mutter geredet hat und natürlich die Szene im Auto.

Mein Gesicht wird heiß und ich weiß nicht, ob ich mich nun ärgere, weil ich ihn nicht geküsst habe oder weil er mir einfach nicht aus dem Kopf gehen will.

Gott verdammt! Das darf doch alles nicht wahr sein!!

Wie habe ich mich nur überhaupt erst in so eine Lage bringen können? Okay, mein letztes Berlin-Wochenende ist schon wieder ziemlich lange her, aber so lange nun auch wieder nicht, oder? Untervögelung ist also definitiv keine Entschuldigung für meine momentane amouröse Verwirrung!

Wann steht eigentlich die nächste Fahrt nochmal an? Hmm, Mitte Januar, wenn mich nicht alles täuscht.

Was bedeutet, ich habe noch rund drei Wochen vor mir, in denen ich mich gewaltig zusammenreißen muss, um der Versuchung nicht doch noch zu erliegen.

Was doch an sich schon völlig verrückt ist! Die ganzen Jahre, seit meiner Pubertät, als ich festgestellt habe, dass ich schwul bin, habe ich mich immer unter Kontrolle gehabt! Immer! Egal wie heftig die Hormone mich gebeutelt haben! Es gab keine „Ausrutscher“, egal welcher Art und meine Fassade war bis heute stets makellos. Also, was hat jetzt ausgerechnet Hubert an sich, dass er mich so ins Schleudern bringt?

Je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass es nur einen Ausweg für mich gibt: Abstand!

Keine weiteren Treffen mehr mit Hubert. Kein Kaffeetrinken, kein Essen gehen, keine Spaziergänge, rein gar nichts, abgesehen von der Arbeit! Unsere einzige Beziehung darf ab sofort die berufliche sein.

Er und ich – das hätte doch sowieso keine Zukunft. Hubert ist vollkommen unerfahren und ich bin kein Mann für feste Bindungen, einer der nicht riskieren will, dass sein so sorgfältig ausgerichtetes Leben dadurch womöglich in ein ungeordnetes Chaos stürzt. Das hat nichts mit Bequemlichkeit oder Angst zu tun. Ich schätze nur einfach die geordneten Bahnen, in denen die Jahre vergehen und an die Beständigkeit langjähriger Beziehungen glaube ich auch nicht. Zumindest nicht soweit es mich betrifft. Und ich kann mir auch nichts vorstellen, was diese Überzeugung erschüttern sollte.

Entschlossen drehe ich mich auf die Seite und ziehe mir die Decke über die Ohren, mache die Augen zu und hoffe, dass der Schlaf schnell kommt …

Der erste Weihnachtstag vergeht unspektakulär. Markus hat nach seiner Verbrüderung mit dem Schnapsteufel einen mächtig dicken Kopf, aber mein Mitleid mit ihm hält sich in Grenzen. Ich klappere heute vielleicht sogar absichtlich ein bisschen mehr mit dem Frühstücksgeschirr als sonst und grinse leicht schadenfroh, als er zusammenzuckt und sich an den Kopf greift. In einem Anflug schlechten Gewissens stelle ich ihm dafür anschließend wortlos ein Glas Wasser hin, in welchem sich eine Kopfschmerztablette sprudelnd auflöst und er greift dankbar danach.

Zwei Scheiben Toast, mehreren Tassen schwarzer Kaffee und ein Glas Orangensaft später räume ich den Tisch ab, zumal es nicht so aussieht, als würde Markus noch irgendetwas Essbares anrühren. Er steht einfach nur wortlos auf und geht wieder ins Bett.

Also ziehe ich mich in mein Arbeitszimmer zurück und vertiefe mich in einige Akten, von denen immer welche in meiner Tasche auf Bearbeitung warten. Mir ist es dabei gleichgültig, dass heute Feiertag ist. Ich habe Zeit, niemand wartet auf mich, also wieso soll ich nicht meine Nase in die Arbeit stecken? Nur weil die Kanzlei über die Feiertage geschlossen ist, muss ich noch lange nicht auf der faulen Haut liegen. Und der ganze Weihnachtsrummel fällt mir ohnehin meistens nur auf die Nerven.

Mittags raffe ich mich auf und gehe in die Küche, um nachzusehen, was ich an Essbarem im Haus habe. Wenn ich in der Kanzlei arbeite, esse ich für gewöhnlich auswärts, sodass es mir reicht, Brot und die eine oder andere Kleinigkeit im Haus zu haben. Am Wochenende oder wie jetzt an Feiertagen, ernähre ich mich dagegen überwiegend von Fertiggerichten, denn wenn ich auch ein Mann mit vielen Talenten bin, kochen gehört nicht dazu.

Ich öffne also das Eisfach, lasse meinen Blick prüfend über die verschiedenen Kartons und Plastikverpackungen gleiten und entscheide mich schließlich für eine Lasagne.

Während die sich auf einem Teller in der Mikrowelle dreht, sehe ich nach, wie es meinem Bruder geht.

Er liegt wieder im Bett, hat sich ganz offensichtlich weder geduscht, noch rasiert und schaut kaum hoch, als ich hereinkomme.

„Willst du was essen?“, frage ich, bekomme aber nur ein müdes Kopfschütteln als Antwort.

Seufzend stemme ich die Hände in die Seiten, denn so geht das nun wirklich nicht weiter! Seitdem er bei mir wohnt, vergräbt er sich praktisch hier im Zimmer und weder beruflich noch privat ist im Augenblick irgendetwas mit ihm anzufangen.

Irgendwo verständlich, aber Himmelherrgott nochmal - er hat sich den Schlamassel in dem er gerade steckt, einzig und allein selbst zuzuschreiben! Er hatte eine Position innerhalb der Kanzlei, danach hätte sich mancher von uns Brüdern alle zehn Finger geschleckt! Er ist der älteste Sohn unseres Vaters, des Kanzleivorstandes, war dessen rechte Hand, der Kronprinz, könnte man sagen.

Aber es hat ihm nicht gereicht!

Er wollte mehr, wollte selbst im Chefsessel sitzen und hat auf eine wirklich hässliche Art und Weise an den Stuhlbeinen unseres Vaters gesägt. Es hätte auch durchaus klappen können, denke ich, aber das hat es zu seinem Pech nun mal nicht. Er ist aufgeflogen und nur der Intervention von Ben und seinem Partner hat er es zu verdanken, dass er nicht auf der Straße sitzt, noch dazu ohne Zulassung.

Ich gebe zu, das hat mich überrascht.

Bens Freund Manuel hatte vor einigen Jahren eine mehr als unerfreuliche Begegnung mit Markus vor Gericht. Manuel hat den Prozess damals verloren und war von daher naturgemäß nicht besonders gut auf Markus zu sprechen. Dass nun ausgerechnet er für Markus` Verbleib in der Kanzlei gesorgt hat, ist meiner persönlichen Meinung nach der schlagende Beweis dafür, wie sehr er Ben liebt.

Am Tag vor Heiligabend hat Markus eine Übertragungsurkunde unterzeichnet, mit denen er seine Firmenanteile an „Böttinger und Söhne“ auf Benjamin überschreibt. Das war Manuels einzige Bedingung und Markus hat gut daran getan, sie anzunehmen.

Leider hat seine bessere Hälfte, Liz, das nicht ganz so gesehen. Was mich persönlich nicht im Mindesten wundert. Schon als ich meine - demnächst Ex - Schwägerin kennenlernte, lange bevor sie und Markus geheiratet haben, war sie mir unsympathisch bis an die Grenze zum Ekel.

Was finden Heteromänner bloß immer an diesen blondierten, aufgedonnerten Weibern, die sich selbst für den Nabel der Welt und die bedingungslose Anbetung ihrer Männer für ein gottgegebenes Recht halten? Das werde ich nie verstehen.

Ich gebe zu, Liz mag vieles sein, billig ist sie auf jeden Fall nicht (in keiner Hinsicht!), hat Geschmack und Köpfchen. Das hat sie ja allein schon dadurch bewiesen, dass sie sich meinen ältesten Bruder gekrallt hat, aber auch ihr sonstiges Auftreten hat durchaus Klasse. Das muss ich ihr zugestehen, auch wenn ich es nicht gerne tue.

Und dass sie sich nun von Markus getrennt hat, spricht in gewisser Weise vermutlich nur für ihre Cleverness.

Er hat Schulden in fünfstelliger Höhe und seine Position als Juniorpartner und zukünftiger Chef der Kanzlei verloren, ihr also, wenn man so will, nichts mehr zu bieten.

Dafür scheint er sie aber wirklich und ehrlich geliebt zu haben, ich bin sogar überzeugt, dass er das noch immer tut, der arme Trottel. Immerhin war er nach ihrem Abgang so verzweifelt, dass er betrunken zu Manuel gefahren ist und ihn mit einem Küchenmesser angreifen wollte, weil er ihm die Schuld an allem gab. Glücklicherweise war der aber nicht zuhause, sodass Markus stattdessen eine Etage höher zu Ben gegangen ist. Auch ihn hat er mit dem Messer bedroht, aber Hubert ist noch rechtzeitig eingeschritten.

Ich wollte Markus danach ja endgültig den Behörden übergeben, aber wieder hat er einen unerwarteten Fürsprecher gefunden, diesmal in Ben!

Und so kam es, dass ich meinen großen Bruder am Ende mit zu mir genommen habe, um ihn im Auge zu behalten und dafür zu sorgen, dass er sich zusammenreißt. Wovon er allerdings im Augenblick meilenweit entfernt ist …

Seine Sachen hat er mittlerweile aus seiner Penthousewohnung zu mir geschafft, zumindest die, die er braucht und nach den Feiertagen werden wir ein Maklerbüro mit dem Verkauf der Wohnung beauftragen. Gott sei Dank gehörte die Markus schon vor seiner Hochzeit und es existiert sogar ein Ehevertrag, in dem ausdrücklich Gütertrennung vereinbart wurde, sodass Liz ihre sorgfältig manikürten Krallen erst mal nicht danach ausstrecken kann.

Ich mache mir trotzdem keine Illusionen. Diese Frau wird versuchen, für sich rauszuschlagen, was sie nur kann, alles Andere sollte mich schwer überraschen. Umso wichtiger, dass Markus seine restlichen Schulden so schnell wie möglich los wird! Der Erlös aus dem Verkauf des Penthouses wird diesen Betrag wohl abdecken, aber noch ist es nicht soweit. Und selbst wenn er seine Schulden los wird, in seiner jetzigen Verfassung stellt er für Liz und einen gewieften Scheidungsanwalt ein leichtes Opfer dar.

Aber das können und werden wir nicht zulassen. Trotz allem was er getan hat, ist er doch immer noch unser Bruder und darüber hinaus auf eine gewisse, zugegeben ziemlich schräge Art, auch ein Opfer.

Das Opfer seiner Frau, seiner Ehe und seiner eigenen Intrige. Frei nach dem alten Spruch wonach wer anderen eine Grube gräbt, selbst hineinfällt.

Und das reicht eigentlich, würde ich sagen. Es ist nichts darunter, wofür ich ihn ehrlich bedauere, aber zusehen wie er vor meinen Augen buchstäblich im Morast versinkt, werde ich auch nicht.

Ich setze mich neben ihn aufs Bett. „Markus, du tust dir keinen Gefallen, wenn du aufhörst zu essen und dich wie ein ungewaschener Penner hier im Bett verkriechst, um deinen Kummer in Schnaps zu ersäufen!“, sage ich eindringlich. Er schaut mit trübem Blick zu mir hoch und erwidert nichts.

Okay, dann vielleicht ein bisschen Schocktherapie um ihn aufzurütteln?

„Na gut, von mir aus bleib` da liegen. Ich empfehle dir dann aber auch gleich, eine Generalvollmacht für Liz auszustellen. Damit kannst du dir den Umweg übers Gericht et cetera sparen und ihr einfach alles in den Rachen werfen, als Belohnung dafür, dass sie dir in der schlimmsten Krise deines Lebens einen Arschtritt verpasst hat. Ich bin sicher, sie freut sich, wenn sie eine Penthousewohnung und zwei Sportwagen besitzt anstatt einem und für den Rest findet sie unter Garantie auch eine Verwendung, das geldgeile Miststück.“

Ich spreche mit Absicht so abfällig wie möglich und wirklich gelingt es mir, eine Reaktion zu provozieren.

„Wie sprichst du von meiner Frau?“, fährt Markus mich an und innerlich rolle ich die Augen.

Es mag ja sein, dass ich den einen oder anderen genetischen Webfehler habe, aber das hier, das toppt doch wohl alles!?

„Mensch, Markus!“, blaffe ich in der gleichen Lautstärke zurück, „Mach` die Augen auf! Begreifst du es immer noch nicht? Liz ging es immer nur um deine Kohle! Und jetzt wo du keine mehr hast, lässt sie dich fallen, wie die sprichwörtliche heiße Kartoffel!“

Störrisch schüttelt er den Kopf, steigt aber immerhin aus dem Bett.

„Nein!“, beharrt er. „So ist Liz nicht! Du kennst sie doch gar nicht! Sie ist wütend auf mich, ja, und sie hat auch das Recht dazu! Ich hab` Mist gebaut, deshalb ist sie so sauer. Aber so wie du sie hinstellst, so … gemein und … hinterhältig ist sie nicht!“ Er sackt auf der Bettkante in sich zusammen.

„Sie verdient eben was Besseres als mich! Jemanden der ihr alles das bieten kann, was sie sich wünscht! Verstehst du nicht, Georg – eine Frau wie Liz, die trifft man nur ein einziges Mal im Leben! Sie ist wie ...“, er sucht nach Worten, „wie eine Prinzessin! Was ganz Besonderes – ein Wunder!“

Mit Hundeblick schaut er zu mir hoch und ich kann mir einen genervten Seufzer nicht verkneifen. Nicht schon wieder diese Leier! Die hab` ich in den letzten Tagen schon so oft gehört, dass sie mir zu den Ohren rauskommt! Echt mal, das ist doch krank!

Aber wie es aussieht, werde ich Markus heute genauso wenig von seiner fixen Idee kurieren, wie die Tage zuvor und zumindest habe ich es ja endlich geschafft, ihn aus dem Bett zu treiben.

„Was auch immer du sagst, Bruderherz,“ murmle ich und ziehe ihn vollends auf die Füße. „Aber jetzt tust du erst mal  uns beiden einen Gefallen und gehst dich duschen, denn mit Verlaub gesagt: du stinkst wie ein Iltis. Und glaub mir eins, darauf steht keine Frau, Prinzessin oder nicht. Anschließend komm` in die Küche. Ich mach dir auch eine Portion Lasagne.“

Er nickt unerwartet folgsam und schiebt tatsächlich ab, Richtung Badezimmer. Puh. Ein hartes Stück Arbeit und ich weiß nicht, ob ich mir das einbilde, oder ob es wirklich so ist: es scheint mit jedem Tag härter zu werden, ihn zu den simpelsten Dingen zu bewegen.

Während ich eine zweite Packung Lasagne für ihn in die Mikrowelle packe, kreisen meine Gedanken um Markus und seinen Durchhänger. Es ist furchtbar ermüdend, tagtäglich dieselben Diskussionen um die einfachsten Dinge mit ihm zu führen. Mittlerweile bin ich wirklich gespannt, was passiert, wenn die Scheidungsklage ankommt. Denn DASS sie kommt, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel. Ob Markus dann völlig zusammenbricht, weil seine "Prinzessin" nichts mehr von ihm wissen will?

Oh, Mann! Was er dringender braucht als alles andere ist irgendeine Beschäftigung!

Aber was für eine?

Die Kanzlei hat geschlossen und Fälle lassen wir ihn momentan sowieso nicht bearbeiten. Das hat in seinem desolaten Zustand keinen Sinn und würde uns nur Mandanten kosten. Offiziell ist Markus wegen Überlastung bis auf weiteres freigestellt und ob und wann er jemals wieder voll einsteigen kann, steht in den Sternen, so wie er drauf ist.

Ob ich ihm vielleicht nahelegen soll, sich mal psychologisch beraten zu lassen?

Naja, vielleicht jetzt noch nicht. Aber wenn das so weitergeht, wird wohl kein Weg dran vorbeiführen. Ich habe weder die Zeit, noch den Nerv, geschweige denn die Ahnung, um für Markus den Seelentröster zu spielen. Mir reicht schon was sich in den letzten Tagen hier abspielt.

Nein, nicht jeder schwule Kerl steht auf „Drama, Baby! Drama!“. Ich für mein Teil kann jedenfalls gut drauf verzichten!

Markus kommt aus der Dusche getrottet, während ich bereits am Tisch sitze und esse. Er sieht deutlich frischer und wacher aus als vorhin und riecht auch besser. Sogar rasiert hat er sich. Na also, geht doch!

Ich deute mit der Gabel. „Deine Lasagne ist noch in der Mikrowelle. Grade eben fertig.“

Markus dreht sich um, öffnet das Gerät und nimmt sein Essen heraus. Dann setzt er sich zu mir an den Tisch, greift nach dem Besteck, das ich schon bereitgelegt habe und die nächsten zehn Minuten vertilgen wir schweigend unser Mittagessen.

Ich bin natürlich früher fertig als er, aber weil ich weiß, was sich gehört, bleibe ich sitzen, warte und mustere ihn dabei.

Er hat abgenommen und ist ziemlich blass. Ihm fehlt auf jeden Fall frische Luft, klar.

„Sollen wir nachher mal einen Spaziergang machen?“, frage ich ihn spontan und er schaut überrascht hoch.

„Wir? Du meinst - du und ich?“, vergewissert er sich und ich verdrehe genervt die Augen.

„Nein, ich rede mit der Spülmaschine!“, gebe ich zurück. „Natürlich meine ich du und ich, was denn sonst?“

Noch immer sieht er überrascht aus. Meine Güte, ist das so etwas Besonderes, wenn ich am ersten Weihnachtsfeiertag einen Spaziergang mit meinem Bruder machen will, der zufällig im Moment bei mir wohnt?

„Okay“, sagt er schließlich zögernd und nickt.

„Gut“, befinde ich und schiebe meinen Stuhl zurück, denn soeben steckt er sich die letzte Gabel voll Lasagne in den Mund. Ich greife nach unseren Tellern und dem Besteck, befördere alles in die Spülmaschine und werfe die Aluschalen, die noch auf der Anrichte stehen, in den Mülleimer.

Als ich mich umdrehe, steht Markus immer noch unschlüssig am Tisch und sein Blick, der sich mit meinem kreuzt, wirkt unsicher.

Er hat sich wirklich stark verändert in den paar Tagen. Ich hätte nie gedacht, dass eine so tiefgreifende Veränderung in so kurzer Zeit überhaupt möglich wäre.

Flüchtig denke ich an Hubert. In gewisser Weise hat er bei mir auch für gewaltige Veränderungen gesorgt. Aber ich denke gar nicht dran, mich dem widerstandslos zu ergeben. Noch entscheide ich, wo es in meinem Leben langgeht!

Entsprechend schnell schiebe ich die Gedanken an unseren Referendar beiseite und konzentriere mich wieder auf Markus

„Was ist?“, frage ich.

„Können … können wir vielleicht jetzt gleich gehen?“, bittet er. „Ich werde noch verrückt, wenn ich dauernd hier drin sitze. Meine Gedanken kreisen immer nur um dasselbe, dass ich das Gefühl habe, mein Schädel platzt!“

„Okay“, stimme ich zu und hebe die Schultern. Mir ist es schnurz, ob wir jetzt losgehen, oder später. Draußen scheint die Sonne von einem blanken, frostklaren Winterhimmel und frische Luft wird auch mir definitiv gut tun.

Ich ziehe also Stiefel und Mantel an, wickle mir einen Schal um den Hals und greife nach meinen Handschuhen. Eine Mütze nehme ich nicht mit. Ich hasse Mützen. Vielleicht weil ich als Kind immer gezwungen war, diese grässlichen, kratzigen Wolldinger aufzusetzen.

Patricia, unser englisches Kindermädchen, machte immer ein wahnsinniges Theater, wenn sie einen von uns Jungs im Winter ohne Mütze draußen erwischte. Man konnte glatt meinen, mützenlose Kinderköpfe wären die achte Todsünde!

Dabei hat es mir nie geschadet. Ich war und bin so gut wie nie krank und meiner festen Überzeugung nach liegt das in erster Linie daran, dass ich mich nicht mit solchen überflüssigen Dingen wie Mützen verzärtele.

Kaum bin ich fertig angezogen, kommt auch Markus aus seinem Zimmer, ebenfalls dick eingepackt. Bei ihm hat Patties Drill scheinbar größeren Eindruck gemacht, denn er trägt eine schwarze, warme Mütze, passend zu Schal und Handschuhen. Natürlich aus Kaschmir und zweifellos elegant, was auch sonst. In der Hinsicht haben die zehn Jahre Ehe mit Liz definitiv auf ihn abgefärbt.

Aber egal, Hauptsache, er geht ins Freie und atmet mal den Mief aus seinen Lungen. Vielleicht sind anschließend ja auch seine Gehirnwindungen ein bisschen durchgängiger?

Feste wie sie fallen

 

Wir nehmen meinen Wagen und fahren an den Stadtrand. Markus möchte, dass wir um den See laufen, wo wir schon als Kinder im Sommer oft zum Schwimmen hingefahren sind und im Winter zum Schlittschuhlaufen.

Es handelt sich dabei um ein komplettes Naherholungsgebiet für die gestressten Städter, mit gepflegten Wegen und malerisch bewachsenen Uferstreifen. Jetzt im Winter sind natürlich sämtliche Bäume und Büsche kahl und das Gras entlang der Schotterwege fahl und gelb, aber die Gegend ist trotzdem unter Spaziergängern sehr beliebt.

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