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Geisterfahrer

Über Tom Liehr

Tom Liehr, geb. 1962 in Berlin, war Redakteur, Rundfunkproduzent und DJ. Seit 1998 Besitzer eines Software-Unternehmens. Er lebt in Berlin. Bislang erschienen bei Aufbau seine Romane »Radio Nights« (2003), »Idiotentest« (2005), »Stellungswechsel« (2007), »Geisterfahrer« (2008), »Pauschaltourist« (2009), »Sommerhit« (2011) und »Leichtmatrosen« (2013). Mehr zum Autor unter: www.tomliehr.de.

Informationen zum Buch

Das Leben – zu kurz, um davor wegzulaufen …

Als Ex-DJ Tim Köhrey endlich zu sich kommt, ist es fast zu spät – Berlin ist weit weg, die große Liebe längst vorbei, und seine Zukunftsaussichten sind trübe: Provinzleben, Reihenhaus, zerrüttete Ehe. Er kehrt zurück in die neue Hauptstadt und sucht nach dem Glück seiner Jugend.

Eine rasante Geschichte über verpasste Chancen, Liebe, Freundschaft, Musik und die goldenen Achtziger.

Eins
1974–1984

Prolog

In einer Samstagnacht im September 1974 fuhr ein fast fabrikneuer, senffarbener VW-Golf S auf der Bundesautobahn 2, vom Kreuz Hannover-Ost kommend, mit etwa 160 Stundenkilometern an der Ausfahrt Lehrte vorbei. Der Wagen wurde plötzlich so stark abgebremst, dass Reifenabrieb auf der Fahrbahn verblieb, und hielt mit zwei Rädern dies- und zwei Rädern jenseits der Standstreifenmarkierung. Da es auf vier Uhr morgens zuging, war so gut wie kein Verkehr auf der Strecke. Der Fahrer legte den Rückwärtsgang ein; die verpasste Ausfahrt Lehrte lag etwa 500 Meter hinter dem Fahrzeug. Der Wagen wurde so stark beschleunigt, wie dies im Rückwärtsgang eben möglich war. Der Fahrer eines in diesem Moment auf der Überholspur mit knapp 200 Stundenkilometern vorbeirasenden Porsche 911 beobachtete, wie der Golf zwischen rechter Fahrbahn und Standspur stark hin und her schlingerte. Offenbar hatte der Fahrer des Wagens Mühe, die Kontrolle über das schnell rückwärtsfahrende Auto zu behalten. Der Porschefahrer hupte, wurde aber nicht wahrgenommen. Er hielt an der nächsten Notrufsäule und alarmierte die Polizei.

Kurz bevor der Kleinwagen die Ausfahrt erreichte, traf dort, ebenfalls vom Kreuz Hannover-Ost kommend, ein unbeladener, zweistöckiger Sattelschlepper ein, der sich auf dem Weg zum Volkswagenwerk befand. Der Fahrer des LKW sah den Golf sehr spät, weil er eine angeregte Diskussion per CB-Funk führte, und glaubte erst nicht, tatsächlich ein rückwärtsfahrendes Fahrzeug vor sich zu haben. Dann bremste er stark, aber es war bereits zu spät. Die Aufprallgeschwindigkeit betrug insgesamt noch etwa 85 Stundenkilometer, bei einem Masseverhältnis von ungefähr fünfzehn zu eins.

Die Insassen des senffarbenen Golfs, der durch den Zusammenstoß auf zwei Drittel seiner ursprünglichen Länge zusammengestaucht und über die rechte Leitplanke katapultiert wurde, waren sofort tot. Der Fahrer des Lastwagens erlitt beidseitig komplizierte Brüche im Unterschenkelbereich sowie eine starke Gehirnerschütterung, sein Fahrzeug wurde vergleichsweise gering beschädigt. Im Volkswagen hatte sich ein Ehepaar befunden, der Mann zweiunddreißig Jahre alt, die Frau achtundzwanzig. Bei ihm wurden posthum 2,4 Promille Blutalkohol festgestellt, bei ihr immerhin noch 1,5 Promille. Sie kamen von einer Feier bei Freunden in Hannover-Langenhagen, denen sie versichert hatten, sie würden nur ihre Sachen aus dem Auto holen und sich dann ein Taxi rufen.

Die Eheleute hießen Rolf und Sabine Köhrey und waren meine Eltern.

Der Nummer-eins-Hit in Deutschland an diesem Tag war »Rock Your Baby« von George McCrae.

1. Haarausfall

Ich war am Todestag meiner Eltern sechs Jahre alt. Wir wohnten in einer Reihenhaussiedlung in Lehrte. Am späten Nachmittag hatten sie mich zur Nachbarin gebracht, die ich »Tante Ina« nennen musste und in deren Wohnung es stark nach Zigarettenqualm roch. Ich hatte meine Matchboxautos mitgebracht und auf dem Wohnzimmerteppich gespielt, der voller Hundehaare war, weil Tante Ina zwei Collies besaß, die Haarausfall hatten, wie ich annahm. Papa jedenfalls hatte welchen und redete andauernd darüber; in der Duschtasse lagen manchmal Büschel seiner dunkelblonden Locken. Ich schob die gelbweißgrauen Hundehaare zu kleinen Hügeln zusammen und umkurvte sie mit meinen Lieblingsautos, einem roten Chevrolet mit Flügeln an der Heckklappe und einem VW-Käfer, dessen Lack schon stark zerkratzt war. Als Tante Ina den Ton am Fernseher ausschaltete und eine Zigarette in den Berg drückte, der aus dem Aschenbecher emporragte, um mir mitzuteilen, dass es Zeit fürs Bett wäre, nahm ich den Feuerwehrwagen mit der abgebrochenen Leiter und ließ ihn in den Chevy krachen.

»Poing!«, rief ich.

Tante Ina sah mir beim Zähneputzen zu, dann musste ich mich in ihr Ehebett legen, das auf einer Seite eine tiefe Kuhle hatte, in die ich mich immer rollen ließ. Ina war geschieden. Ihr Bett roch auch nach Rauch und nach etwas Anderem, etwas Süßlichem, Fauligem, Fleischigem, das ich nicht kannte und das mich ein bisschen ekelte.

Als sie mich weckte, war es draußen noch dunkel, und das war ungewöhnlich. Tante Ina schlief im Wohnzimmer, wenn ich bei ihr war, und meine Eltern holten mich immer erst am nächsten Vormittag ab; meistens wurde ich vor Ina wach. Sie sah zerzaust aus, über dem Haar trug sie eine Art Badekappe aus Frischhaltefolie, durch die man Lockenwickler sehen konnte. Im Flur waren Menschen, ich hörte Männerstimmen.

Ina flüsterte: »Tim, du musst aufstehen. Es ist etwas Schreckliches passiert.«

Ich nickte und kletterte aus der Kuhle. Ich nahm an, dass es brennen würde. Mama und Papa unterhielten sich oft darüber, wie gefährlich es sei, dass Tante Ina so stark und auch noch im Bett rauchen würde und dass sie sich sicherlich irgendwann mal die »Bude über dem Kopf anzünden« würde, was sie allerdings nicht davon abhielt, mich in ihre Obhut zu geben. Ich nahm den roten Plastikkoffer mit den Matchboxautos, der neben dem Bett stand, und ging im Pyjama in den Flur. Den Schlafanzug mochte ich, er war mit Donald-Duck-Figuren bedruckt.

Aber im Flur standen keine Feuerwehrmänner, sondern Polizisten. Feuerwehrmänner hatten Helme, diese Männer trugen Mützen zu ihren schwarzen Hosen und blauen Uniformjacken.

»Ist das der Kleine?«, fragte einer von ihnen und beugte sich zu mir herunter. Ina nickte nur, sie hatte Tränen in den Augen, aber es roch nicht nach Rauch, nur ganz normal nach kaltem Zigarettenqualm.

»Er muss sich anziehen. Wir nehmen ihn mit.«

»Was ist denn?«, fragte ich – und brach spontan in Tränen aus, denn plötzlich hatte ich Angst. Die Polizei holte mich, also hatte ich etwas verbrochen. Nur was? Hatte mich Stefan angezeigt, den ich gestern »Doofi« genannt hatte? War doch herausgekommen, dass wir das Markstück, das wir im Sandkasten des Kindergartens gefunden hatten, unter uns aufgeteilt hatten, statt es abzugeben? Welches meiner schlimmen Verbrechen brachte mich jetzt ins Gefängnis?

Ich kam nicht ins Gefängnis, sondern in die Obhut einer sehr netten Psychologin, die mir sanft zu erklären versuchte, dass meine Eltern tödlich verunglückt waren. Ich war erleichtert. Ich hatte schon mehrfach mitbekommen, wie Menschen im Fernsehen gestorben waren, aber wenige Tage später wieder auftauchten. Kekse-Opa, der Vater meiner Mutter, war zwar vor einigen Monaten gestorben und bisher nicht wieder zu uns gekommen, aber ich war sicher, dass er das früher oder später tun würde. Ich war so erleichtert, nicht ins Gefängnis zu kommen, dass ich der Psychologin die Sache mit dem Markstück gestand. Sie lächelte und strich mir über die Haare. Ich nahm an, dass das ein gutes Zeichen war.

2. Fliege

Wenige Wochen später holte mich ein fremdes Ehepaar aus dem eigentlich recht netten Heim ab. Ich hatte rasch Freunde gefunden, und es war interessant, in einem kleinen Schlafsaal mit zwanzig anderen Kindern zu übernachten, aber ich rechnete jeden Tag damit, dass meine gestorbenen Eltern erschienen und mich wieder nach Hause nahmen. Oder wenigstens Kekse-Opa. Andere Verwandte hatte ich nicht, soweit ich wusste.

Stattdessen kamen Jens und Ute.

»Das sind deine Pflegeeltern. Sie kümmern sich ab jetzt um dich«, sagte die nette Psychologin, die mich auch schon in der Nacht des Unfalls betreut hatte. Dass es einen Unfall gegeben hatte, hatte ich verstanden. Auf der Autobahn. Ein großer LKW war in das Auto meiner Eltern gerast. Ich hatte nur den Feuerwehrwagen mit der abgebrochenen Leiter, aber ein gelbes Auto, das dem funkelnagelneuen Golf meiner Eltern ziemlich ähnlich sah, also stellte ich den Unfall mit dem Feuerwehrwagen nach. Ich kniete auf dem Linoleumboden, drehte mich auf meinen Knien und ließ das größere, rote Auto dem gelben Wagen folgen. Irgendwann holte es das kleinere Auto ein, weil ich den rechten Arm schneller bewegte.

»Poing!«, rief ich dann und ließ beide Autos in den Händen durch die Luft fliegen. Meine Knie brannten ein wenig von diesem Spiel.

Jens war ein sehr blasser, dünner, nicht sonderlich großer Mann mit rötlichen Haaren, die auf der Mitte des Kopfes einen Hautkreis freiließen, und einem Vollbart. Ich fand, er sah sehr alt aus, aber nicht so alt wie Kekse-Opa, der auch einen Vollbart hatte und dessen Haare nach Zigarren stanken. Ute sah meiner Mutter ähnlich; ihr Haar war kurz und graublond, ihre Nase spitz und ihr Mund sehr schmal. Beide hatten braune Augen, die Augen von Jens waren ganz klein, wie bei einem Meerschweinchen. Wir hatten mal ein Meerschweinchen gehabt, ein dreifarbiges Rosettenmeerschwein, aber das war eines Tages einfach verschwunden. »Wir haben es freigelassen«, hatte Mama gesagt.

»Da werden sich Frank und Mark aber freuen«, sagte Jens, nahm mich bei der Hand und führte mich zu einem blauen Auto, dessen Marke ich nicht kannte. Ute ging uns hinterher.

»Was ist das für ein Auto?«, fragte ich.

»Willst du nicht wissen, wer Frank und Mark sind?«, fragte Ute.

»Warum?«, fragte ich zurück und wiederholte meine Frage an Jens.

»Das ist ein BMW«, erklärte er, wobei er zum ersten Mal und auch nur kurz lächelte, strich mit der rechten Hand über das Autodach, öffnete die Beifahrertür und ließ mich nach hinten klettern. Es roch nach Leder. Mama hatte von Papa ein teures Lederportemonnaie zu Weihnachten bekommen, und Mama hatte darauf bestanden, dass ich ebenfalls daran roch.

»Was ist Leder?«, hatte ich am nächsten Tag Stefan gefragt, den Kindergärtner. Er hatte gelächelt. »Die Haut von toten Kühen«, hatte er geantwortet. Das fand ich irgendwie gruselig, ein Portemonnaie aus Haut. »Kann man auch aus Menschenhaut so was machen?« Stefan hatte gelacht. »Könnte man schon. Aber man darf das nicht.«

Ute legte die Tasche, in der sich meine Sachen befanden, in den Kofferraum, ich nahm den Koffer mit den Matchboxautos mit ins Auto, und dann fuhren wir los.

»Was ist mit meinen Eltern? Wann kommen sie zurück?«, wollte ich wissen. Jens sagte nichts, Ute drehte sich vom Beifahrersitz zu mir um und sah mich traurig an. Dann wiederholte sie die seltsame Bemerkung über Frank und Mark, die ich beide überhaupt nicht kannte.

Frank und Mark waren die Söhne von Jens und Ute, Frank war sieben, also ein Jahr älter als ich, Mark vier. Sie standen in der Tür der Wohnung, die im vierten Stock lag. Frank hatte eine dicke Brille auf. Seine Augen waren hinter den Gläsern fast so klein wie die von Jens.

»Habt ihr keinen Garten?«, fragte ich, nachdem mir meine Pflegebrüder die Wohnung gezeigt hatten. Frank schüttelte den Kopf. »Aber im Hof ist ein Spielplatz.«

Es dauerte ungefähr ein halbes Jahr, bis ich begriff, dass meine Eltern endgültig nicht mehr zurückkommen würden. Weil ich immer wieder darauf bestand, dass die gestorbenen Menschen im Fernsehen ja früher oder später auch wieder auftauchten, erklärte mir Ute irgendwann den Unterschied zwischen Schauspielern und echten Menschen. Tatsächlich aber war es Frank, der mir die Sache verdeutlichte. Trotz seiner Sehschwäche hatte Frank ein ziemlich gutes Reaktionsvermögen, und so fing er eines Nachmittags in unserem Zimmer eine Fliege. Er hielt mir die Faust ans Ohr, ich hörte das Summen des Insekts. Dann schlug er mit der sich öffnenden Hand auf die Platte des Kiefernholzschreibtisches. Er zeigte auf die zermatschte Fliege, deren Flügel und Beine verdreht waren und deren Körper keine erkennbare Form mehr hatte. Anschließend fasste er sie am nach hinten gebogenen Flügel, wobei sie einen winzigkleinen, schillernden Fleck auf der Schreibtischoberfläche hinterließ, an dem ein abgerissenes Bein kleben blieb, und legte sie in mein bestes Matchboxauto, einen Bugatti, das kein Dach hatte.

»Die Fliege ist tot. Matsch. So sehen deine Eltern auch aus. Nichts mehr zu machen.«

Frank war so wortkarg wie sein Vater, aber es war ihnen beiden gemein, dass ihre Botschaften leicht erfassbar waren, und diese Botschaft verstand ich fast sofort. Ich nahm das Auto mit der toten, zermatschten Fliege und setzte mich auf mein Bett, das unterste in dem Dreistockbett, in dem über mir Mark und ganz oben Frank schliefen. Ich hielt den Wagen in den Händen und pustete auf das tote Insekt; die Flügel flatterten ein bisschen, aber ich erkannte, dass da nichts mehr zu machen war – so wie Frank gesagt hatte. Dann stellte ich das Auto auf mein Nachtschränkchen. Am nächsten Morgen war die Fliege immer noch tot, und als ich am Abend nachsah, war sie für immer verschwunden.

3. Streife

Mein Pflegevater Jens, der eigentlich viel jünger war, als er aussah, hatte vier Leidenschaften. Eine davon war sein BMW, der die Familie viel – zu viel – Geld kostete und der, wie ich später erfuhr, einer der Gründe dafür gewesen war, dass sie meine Pflegschaft übernommen hatten, wenn auch nicht der Hauptgrund. Außerdem gab es da den Schrebergarten im Südosten von Hannover, der sommers wie winters an jedem Wochenende aufgesucht, gehegt, gepflegt und den Bestimmungen entsprechend akkurat gestutzt, gemäht und entunkrautet wurde; immerhin hatte Jens einen nicht unwichtigen Posten im Vorstand des Kleingärtnervereins inne, einen Job, der seiner vierten Leidenschaft sehr entgegenkam. Auf dem etwa hundert Quadratmeter großen Grundstück verbrachte die Familie nicht nur die Wochenenden, sondern auch den Urlaub. Bis zu unserem Umzug nach Berlin kam ich deshalb niemals aus Hannover heraus. »Deutschland ist hier so schön wie woanders auch, wozu also irgendwo hinfahren? Außerdem gibt es das Fernsehen«, sagte Jens, und damit hatte es sich. Fernsehen war seine dritte Leidenschaft; er liebte Krimiserien und vor allem »Der Kommissar« mit Erik Ode und später dann »Derrick«. Zwar schimpfte er bei jeder zweiten Szene, sagte Dinge wie: »Das würde ein Polizist niemals so machen« oder: »Im Gerichtssaal sitzt der Verteidiger links vom Richter«, aber er öffnete den Mund ehrfürchtig beim Erklingen der Vorspannmelodie und schloss ihn erst wieder, wenn der Abspann eingeblendet wurde. Danach sah er nickend in die Runde, vergewisserte sich, dass wir ebenso andächtig zugesehen und gelauscht hatten, jedenfalls ab der Zeit, ab der wir abends bis kurz nach neun fernsehen durften, und dann trank er sein freitagabendliches Bier aus, das einzige, das er sich überhaupt genehmigte, rülpste leise hinter vorgehaltener Hand, nickte abermals und stand auf, um eine »Schlussrunde« zu gehen, wie er es nannte. Er trat dann in den Flur, zog seine Wildlederstiefel und die Regenjacke an, nahm seinen Notizblock, einen Kugelschreiber, die Kodak-Instamatic-Kleinbildkamera und ging Streife. Ute folgte ihm in den Flur und sagte: »Sei vorsichtig!«

Jens arbeitete in der Justizvollzugsanstalt Hannover. Er und Ute schwiegen sich, wenn wir fragten, darüber aus, was genau er in der JVA tat, aber sie gaben uns das Gefühl, ohne Jens würde Niedersachsen vor kriminellen Schurken ersticken. So oder so, es genügte Jens nicht, je nach Schicht tagsüber oder auch mal in der Nacht dafür zu sorgen, dass die Mörder und Halunken hinter Schloss und Riegel kamen oder blieben, er lebte diese Leidenschaft, seine vierte, auch in der Freizeit aus.

Jens’ Lieblingssatz war: »Das ist illegal.« Bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr, als mich ein Deutschlehrer aufklärte, sprach ich es wie Jens und alle anderen in der Familie aus: ill-egal. Mir war also lange nicht bewusst, dass es dabei nicht um eine Variante des Wörtchens egal ging.

»Das ist illegal«, sagte Jens und legte einen erbarmungslosen Gesichtsausdruck auf, wenn wir nach der Schokolade griffen, obwohl Ute bereits dabei war, das Abendessen zu kochen, und seine Mimik ließ keine Fragen offen. Die gleiche Formulierung benutzte er, wenn er in der Nachbarschaft seine Runden drehte und auf jemanden traf, der sein Auto parkte, ohne die fünf Meter Abstand zur Einmündung einzuhalten – Jens hatte stets ein ausziehbares Bandmaß dabei –, der seinen Hund auf den Gehsteig kacken ließ, der in der Schrebergartenkolonie außerhalb der dafür vorgesehenen Zeiten Laub verbrannte, der mit seiner Hecke die vorgeschriebenen eins fünfundzwanzig Meter Maximalhöhe überschritt. In solchen Fällen kannte Jens keine Gnade. Er schoss ein Foto mit seiner Kleinbildkamera und notierte auf dem A5-Block alle Beweise, deren er habhaft werden konnte. Ab und zu gingen wir mit ihm, und ich entwickelte beinharte Ehrfurcht vor dem, was mein Pflegevater da tat. Wenn er einen Rechtsbruch sah, schritt er ein, und zwar beweissichernd. Er sprach den Delinquenten nicht an, obwohl sehr viele Leute, denen wir in entsprechenden Situationen begegneten, mit ihm zu disputieren versuchten. Das ignorierte er einfach. Manchmal wurden sie sogar handgreiflich.

»Ich bin kein Richter«, erklärte er uns, gelegentlich auch den Leuten, die eine Diskussion anzustrengen versuchten. »Ich habe nicht darüber zu urteilen, was mit diesen Verdächtigen geschehen soll. Ich sichere nur die Beweise. Urteilen sollen dann andere.«

Er ließ sich nie auf Diskussionen mit den Haltern scheißfreudiger Hunde oder den Besitzern vermeintlich widerrechtlich abgestellter Fahrzeuge vor Feuerwehreinfahrten oder Bordsteinabsenkungen ein; »Bordsteinabsenkung« war eine Zeitlang mein Lieblingswort. Er tat, als wären sie überhaupt nicht vorhanden, jenseits des Verstoßes.

»In der Justiz hat jeder seine Position«, sagte er kryptisch. »Jedes Rädchen muss wissen, wohin im Getriebe es gehört.« Nach solch einem für seine Verhältnisse vor Eloquenz übersprudelnden Satz schrieb er wieder Kennzeichen auf und fotografierte Hund und Halter, zuweilen gegen ernsthaften Widerstand. Wenn eine Situation zu eskalieren drohte, brüllte Jens: »Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu tun haben!« Der täglich größer werdende Kreis auf seinem Kopf verfärbte sich dann rot, Schweißperlen traten auf seine Stirn, seine Miniaugen wurden noch schmaler. Jens war kein sehr emotionaler Mensch, wie das gesamte Familienleben ziemlich an einem Mangel an Herzlichkeit litt, euphemistisch gesagt. Ich erlebte nie, dass meine Pflegeeltern Frank und Mark herzten, in den Arm nahmen oder gar küssten. Eine gewisse Distanziertheit hing über allem, was in unserer Dreizimmerwohnung geschah. Streicheln über den Kopf angesichts eines guten Zeugnisses war die zärtlichste Geste, die ich bei dieser Familie je erlebte.

Einmal in der Woche marschierte Jens auf die Polizeiwache und gab das Material ab. Es waren Listen, dicke Umschläge mit Fotos, Aufzeichnungen aller kleinen Vergehen, die bei uns in der Nachbarschaft begangen wurden, und das waren verdammt viele. Manchmal, wenn wir mit ihm unterwegs waren, musste er einen von uns nach Hause schicken, um einen neuen Film für die Kamera zu holen, oder ein weiteres Notizbuch.

»Um diese Zeit darf man nicht den Rasen mähen. Los, Frank, wir haben nicht viel Zeit«, sagte er, ohne von seiner Armbanduhr aufzusehen, und schon spurtete mein Pflegebruder los, um einen neuen Kleinbildfilm zu holen.

»Was passiert mit diesen Leuten?«, fragte Frank einmal, als er keuchend zurückkam, während wir von der anderen Straßenseite jemanden beim Ölwechsel beobachteten.

»Sie bekommen ihre gerechte Strafe«, sagte Jens, dabei nickte er, wie er nickte, wenn Erik Ode mit zwingender Argumentation den Neffen der verstorbenen Erbtante als Täter überführte. Und er lächelte. Jens lächelte nicht oft.

»Kommen sie ins Gefängnis?«, fragte ich, und ich dachte dabei an die eine Mark, die wir nicht zurückgegeben hatten. Das übereilt der Psychologin gegenüber abgegebene Geständnis verfolgte mich immer noch, mehr sogar, seit ich Bestandteil dieser gesetzesliebenden Familie war. Von denen kannte noch keiner die Verbrechen meiner Kindheit.

»Das kann passieren«, sagte Jens nickend. »Wer ein Verbrechen begeht, der kommt ins Gefängnis. Dafür sind Gefängnisse da. Wir nennen sie Justizvollzugsanstalten.« Ich schauderte, merkte mir das Wort »Justizvollzugsanstalt« und hoffte, meine sich rotglühend anfühlenden Ohren würden mich nicht verraten.

»Du bekommst deine gerechte Strafe«, war eine Formulierung, die sehr bedrohlich in unseren Ohren klang und die wir genau deshalb, ohne sie vollständig zu begreifen, beim Spielen auch oft benutzten. Im Hof des siebenstöckigen Hauses war Frank der Cowboy, ich der Indianer und der arme kleine Mark immer die Squaw. Frank nahm alle Arten von Spiel sehr ernst, und er vermied es, mit uns Dinge zu unternehmen, die ihn dazu nötigten, seine dicke Brille abzunehmen; deshalb spielten wir auch nie mit anderen Kindern. Der drei Jahre jüngere Mark stand im Schatten seines großen Bruders, den er auf eine seltsame Art zu fürchten schien, obwohl ich niemals Gewalt zwischen den beiden erlebte; es schien eher eine freiwillige Unterordnung zu sein. Ich war etwas wie ein Freund, kein Familienmitglied, aber ich hatte meine klare Position in der Hierarchie – gerade noch über Mark. Weder Frank noch Mark oder gar Jens und Ute nannten mich jemals Bruder oder Sohn, wie ich auch immer, wenn ich versehentlich etwas Derartiges sagte, sofort korrigiert wurde. In problematischen Situationen benutzen Jens und Ute meinen Nachnamen, den sie dann besonders betonten:

»Tim Köhrey, das ist jetzt unangemessen«, sagten sie, den Nachnamen laut hervorhebend. Und irgendwann übernahmen Frank und Mark das auch, schließlich hießen sie anders.

»Tim Köhrey, du bist gefangen!«, rief Frank, kam um den Baumstamm herum, hinter dem ich mich versteckt hatte, und zielte mit der Knallplättchenpistole auf meine Stirn. Nie aufs Herz, immer auf die Stirn.

4. Erbe

In den nächsten vier, fünf Jahren bekamen wir gelegentlich Besuch von fremden Paaren, die zuerst mit Jens und Ute und anschließend mit mir sprachen – meistens nur sehr kurz. Die Leute saßen nebeneinander auf der Couch im Wohnzimmer, ich gegenüber auf dem Sessel, von dem aus Jens abends fernsah, er und nur er. Sie fragten mich Dinge wie: »Gehst du gerne in die Schule?« oder: »Was ist dein Lieblingsspiel? Magst du Tiere?«, wobei sie sich gegenseitig die Hände drückten, ab und zu merkwürdige Blicke wechselten.

»Was sind das für Leute?«, fragte ich Ute nach dem zweiten Besuch dieser Art.

»Paare, die ein Kind adoptieren möchten«, sagte sie. »Aber du bist ihnen zu alt.«

»Zu alt wofür?«

»Das weiß ich auch nicht. Sie wollen jüngere Kinder.«

An meinem zwölften Geburtstag ging Jens mit mir in den Keller und zeigte auf vier Umzugskisten, die in einer Ecke des muffigen Kabuffs gestapelt waren. »Das ist von deinem Vater. Ich denke, du bist alt genug, es zu bekommen.« Er gab mir das Vorhängeschloss und den Schlüssel, der immer noch darin steckte, und ließ mich allein in dem kleinen Raum, der durch Maschendraht von den Nachbarkellern abgetrennt war und von einer lichtschwachen Baulampe beleuchtet wurde. In allen vier Ecken hingen dunkle, dicke Spinnenweben, der Boden war feucht.

In den Kisten befanden sich Schallplatten, in der Hauptsache Singles, massenweise davon. Die unterste Kiste enthielt die Anlage meines Vaters, zwei Plattenspieler, einen Verstärker, zwei selbstgebaute Regalboxen und eine fahlweiße Apparatur von der Größe eines Schuhkartons, die in der Hauptsache aus einer Anzahl Buchsen und zwei Drehreglern bestand, die in das Sperrholz eingelassen waren. Ich schleppte die Anlage und einen Teil der Singles nach oben und fand schließlich heraus, was es mit dem weißen Kistchen auf sich hatte – es war ein Mischpult Marke Eigenbau. Man musste die beiden Plattenspieler mit dem Mischpult und das Pult mit dem Verstärker verbinden, und dann konnte man die Schallplatten, die sich auf den beiden Tellern drehten, miteinander abmischen. Es dauerte eine Weile und brauchte, wie so oft, eine zündende Erklärung von Frank, um hinter den Sinn des Ganzen zu kommen. Bis ich irgendwie verstand: Mein Papa war eine Art Ur-Discjockey gewesen. Das war fast ein Musiker.

Nach meiner Erinnerung hatte er einen Bürojob gehabt, aber welchen genau, das wusste ich nicht. Manchmal brachte er mir stapelweise Formulare mit nach Hause, weil ich kleiner Furz alte Akten über alles liebte und stundenlang die wichtig aussehenden Formulare mit Krakeleien überzog, die außer mir niemand verstand. Meine Mama betrieb eine Art Kosmetikstudio im Wohnzimmer. »Kosmetik« war eines der ersten komplizierteren Wörter, die ich früh aussprechen konnte. Nachmittag für Nachmittag kamen Nachbarinnen in unser Haus, um sich von Mama schminken und maniküren zu lassen. Das Wort »Maniküre« gefiel mir auch gut.

»Du erbst außerdem etwas Geld, aber erst, wenn du achtzehn bist«, sagte Ute, als wir im Wohnzimmer meinen Geburtstagskuchen anschnitten, einen Butterkuchen von Meyer, der mit Zucker bestreut war. »Die anderen Sachen sind verkauft worden.« Was etwas Geld bedeutete, wusste ich nicht. Etwas Geld, das waren für mich zu diesem Zeitpunkt neunzig Pfennige, viel Geld vielleicht fünf oder zehn Mark.

Das waren nicht die einzigen Überraschungen des Tages.

»Wir ziehen nach Berlin um«, eröffnete Jens, kurz bevor es in die Betten ging. »Nächsten Monat. Ich bin versetzt worden.«

Als ich Frank sehr viel später wiedertraf, lange nach meinem Ausscheiden aus der Familie, erzählte er mir, dass die Verantwortlichen in der JVA Hannover die Nase voll gehabt hatten von den Sheriffallüren meines Ziehvaters und seinem damit notwendig gewordenen häufigen Auftreten als Zeuge bei belanglosen Gerichtsverhandlungen – zuweilen mehrmals pro Woche. Außerdem hatte er seine Kollegen überwacht und sie bei Regelübertretungen angezeigt. Man hatte sich seiner entledigt.

Zwei Wochen nach dieser Eröffnung holten wir Jens zum ersten und letzten Mal von der JVA ab – Frank, Mark und ich. Es sollte eine Überraschung sein, und wir wollten endlich herausfinden, welche unglaublich wichtige Stellung er im Gefängnis innehatte, von der aus er an eine noch wichtigere und nach Berlin, wo auch immer das lag, abberufen worden war. »Er ist Direktor«, hatte Frank beschlossen. »Er foltert die Gefangenen, damit sie Geständnisse ablegen«, mutmaßte Mark. Wir hatten keine Ahnung, welche Jobs es in einer Justizvollzugsanstalt gab. Wärter, natürlich. Aber Jens konnte kein einfacher Wärter sein.

Wir umkreisten das weitläufige Gelände zweimal, bis wir endlich den Mut fanden, zur Pförtnerloge am Eingang zu gehen. Und da saß er dann auch schon, mit einer Mütze auf dem Kopf und durch ein Loch in der Fensterscheibe starrend, Jens, der Landlord der Hannoveraner Vororte. Er war der Pförtner. Als er uns sah, nahm sein Gesicht einen gequälten Ausdruck an. Ich glaube, er hat uns diesen Überraschungsbesuch niemals verziehen.

5. Transit

Nach Jens’ überraschender Ankündigung ging es ziemlich schnell. Noch im August 1980, dem Monat meines zwölften Geburtstags, fuhr ein LKW vor, ein Wagen, der einen großen Kasten huckepack trug, in den wir mit Hilfe zweier einsilbiger, griesgrämiger Arbeitskollegen von Jens die Möbel und einen ganzen Haufen Kisten verluden, einschließlich der vier, in denen sich mein Erbe befand. Einige Möbelstücke waren verkauft oder auf den Sperrmüll gebracht worden, dazu gehörte das Drei-Etagen-Bett, in dem wir in der vergangenen Nacht unsere letzte gemeinsame verbracht hatten; Frank war immerhin schon dreizehn, und ich fühlte mich mit zwölf auch fast erwachsen, jedenfalls zu alt, um mit meinen Pflegebrüdern weiterhin ein Zimmer zu teilen – nach dem Umzug würde ich aufs Gymnasium gehen, durch das Drama meiner Eltern hatte ich ein Grundschuljahr verpasst. Meine Klassenkameraden lachten mich schon aus, weil ich in einem Etagenbett mit meinen Pflegebrüdern schlief. In Berlin sollten wir getrennte Zimmer bekommen, aber wie das genau aussehen würde, wussten wir noch nicht.

Nach ein paar Stunden war die Wohnung leer. Überall gab es Flecken, Stellen, an denen sich Möbel befunden hatten, und die wenigen Bilder, die an den Wänden gehangen hatten, hinterließen helle Rechtecke. Während der sechs Jahre, die ich nunmehr bei Jens und Ute verbracht hatte, war die Wohnung niemals umgeräumt oder renoviert worden; meine Pflegeeltern hatten auch kein einziges neues Möbelstück dazugekauft.

Ute würde noch ein paar Tage in Hannover bleiben, um die Handwerker zu überwachen, die ab dem Nachmittag tapezieren und streichen sollten. Darüber hatte es für Jens’ und Utes Verhältnisse heftigen Streit gegeben – eine etwa fünfminütige Diskussion, an deren Ende Jens leicht die Stimme hob, wobei sich seine mittlerweile fast bei den Ohren angekommene Glatze rötete, seine Stirn sich leicht mit Schweiß belegte und seine Augen zu winzigen Schlitzen wurden. »Ich will keinen Ärger bekommen«, sagte er.

Ich saß mit Mark bei Jens im BMW, dem selben Wagen, mit dem mich die beiden damals abgeholt hatten, und dank Jens’ akribischer Pflege sah das Auto praktisch unverändert aus, nur roch es schon lange nicht mehr nach der Haut von Kühen. Frank durfte mit den beiden Arbeitskollegen im LKW fahren, worum ich ihn beneidete, aber wenigstens saß ich vorn. Wir fuhren etwas später ab, weil der LKW viel langsamer fahren musste. Jens hatte es so berechnet, dass wir ungefähr zur gleichen Zeit ankommen würden.

Am Kreuz Hannover-Ost fuhr er auf die A2. Etwas später hob er die rechte Hand und zeigte auf ein Ausfahrtsschild.

»Hier ist es passiert«, sagte er und senkte die Hand wieder.

»Was ist hier passiert?«, fragte Mark. »Lehrte« hatte auf dem Schild gestanden.

»Hier sind Tims Eltern verunglückt«, erklärte Jens.

»Hier?«, war das Einzige, was ich herausbrachte. Ich war schockiert. Über den Unfall hatten wir nie wieder gesprochen, meinen Klassenkameraden hatte ich erklärt, dass meine Eltern gestorben seien, und ich hatte auch nicht weiter darüber nachgedacht. Wenn ein Mitschüler nachfragte, sagte ich automatisch: »Bei einem Autounfall.«

Jens nickte. Ich betrachtete die Fahrbahn, die keine Spuren aufwies, sah mir die Leitplanken an, das Gras und die Büsche beiderseits der Fahrbahn. Ich erwartete, dass dort irgendwas sein müsste. Ein Schild oder so was. Reste von dem zerstörten Auto. Ein Hinweis darauf, dass hier die Eltern von Tim Köhrey mit einem Sattelschlepper zusammengeprallt und gestorben waren. Aber es gab nichts. Einfach überhaupt nichts. Das verstand ich nicht. Da musste doch etwas sein. Meine Hände begannen zu zittern, und ich spürte, dass ich weinte, fand aber auch dafür keine Erklärung. Ich schloss die Augen, weil ich nicht sehen wollte, dass da nichts war. In diesem Augenblick vermisste ich meine Eltern schmerzlich, und die wenigen Erinnerungen, die ich an sie hatte, rasten durch meinen Kopf. Die erste Fahrt im neuen Golf, dem Auto, das die Welt ein bisschen verändern würde. Das Gesicht meines Vaters, wenn er mir einen neuen Stapel Formulare mitbrachte. Der Geruch meiner Mutter, das Wort »Kosmetik«.

Im Radio lief »Rock Your Baby« von George McCrae, ich kannte den Titel, weil es die oberste Single in der Kiste mit den neuesten Platten gewesen war, beim Erbe, der Plattensammlung meines Vaters.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah Jens kurz zu mir herüber und nickte wieder, aber er sagte nichts. Mark legte mir die Hand auf die Schulter – die einfühlsamste Geste, die ich in dieser Familie jemals erlebt hatte und erleben sollte. Sekunden später zog er sie wieder weg.

Nach der Autobahnraststätte Helmstedt, auf der wir kurz anhielten, weil Jens uns fast zwang, zur Toilette zu gehen – »In den nächsten zwei Stunden können wir nicht mehr anhalten« –, erreichten wir den Grenzkontrollpunkt Marienborn. Ich war verblüfft. Über die DDR wusste ich so gut wie nichts, Thema in der Grundschule war das Land bisher nicht gewesen, ich hatte den Begriff zwar schon einige Male gehört, konnte aber wenig damit anfangen, und auch dass es eine Mauer gab und derlei, hing irgendwo in meinem Hirn, aber gleich neben Informationen über Irland, Island und Italien. Dass wir eine Grenze überqueren würden, irritierte mich.

»Liegt Berlin denn nicht in Deutschland?«, fragte ich unsicher, als wir am Ende einer der Dutzend Warteschlangen anhielten.

»Berlin-West schon«, sagte Jens.

»Berlinwest?«, murmelte Mark, während er seine Nase gegen die Fensterscheibe drückte. »Da sind Soldaten mit Gewehren«, sagte er und klatschte mit der linken Hand gegen die Scheibe.

»Und Berlin-Süd? Berlin-Ost? Berlin-Nord?«, fragte ich, mit den Fingern die Himmelsrichtungen abzählend.

»Es gibt nur zwei, Berlin-West und Ostberlin«, erklärte Jens, wobei er »Ostberlin« verächtlich aussprach. Er nahm seine Männerhandtasche aus Kunstleder auf den Schoß und zog seinen Pass und zwei Milchkarten heraus, Ausweise für Kinder. Auf dem Foto war ich acht Jahre alt.

»Warum gibt es zwei Berlins?«, wollte Mark wissen.

Jens ließ ein sehr leises Stöhnen hören. Er legte den Gang ein und schloss zu dem Auto vor uns auf, das sich einen halben Meter vorwärts bewegt hatte.

»Das erkläre ich ein andermal«, sagte er.

Als wir neben dem Häuschen hielten, in dem eine Art Polizist saß, versteifte sich Jens.

»Ist das ein Polizist?«, fragte Mark, der auf die Fahrerseite herübergerückt war.

»Pscht«, zischte Jens. Er starrte stur geradeaus, seit er die Papiere abgegeben hatte. Mark ließ sich gegen die Lehne zurückfallen. Aber nicht für lange. Als wir zwei Meter vorgefahren waren, zeigte er auf die merkwürdige Konstruktion, die das Häuschen, an dem wir eben gehalten hatten, mit einem baugleichen verband, das sich einige Meter vor uns befand.

»Wozu ist das?«

»Das ist ein Fließband. Unsere Ausweise werden damit transportiert.«

»Und wozu?«

Jens drehte sich um.

»Halt die Klappe.«

Was auch immer geschehen würde, diese Reise entleerte ein Füllhorn von Emotionen über mich, die ich von dieser Familie so nicht kannte.

Ein paar Minuten später hatten wir unsere Ausweise zurück und fuhren auf einer Autobahn, die aus hellgrauen Zementplatten zusammengesetzt zu sein schien, wodurch ein gleichförmiges Rattatt-Rattatt von den Reifen des BMW erklang. Die Nadel des Tachometers zeigte exakt auf die 100. Jens saß ein bisschen steif im Fahrersitz, und alle paar Sekunden blickte er zum Geschwindigkeitsanzeiger.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass wir seltsame Gesellschaft hatten. Die wenigen Überholversuche, die Jens unternahm, betrafen in der Hauptsache LKWs oder ziemlich ulkige Autos, die irgendwie nach Spielzeug aussahen. Manchmal winkten die Menschen, die in diesen Autos saßen, zu uns herüber. Ich warf einen Blick zu Jens, aber der saß immer noch da, als hätte ihm jemand den Pullunder mit Blei ausgegossen, also fragte ich nicht. Ich winkte auch nicht zurück, lächelte den Leuten jedoch zu.

Die Landschaft, durch die wir fuhren, erschien mir etwas farbloser als die, die ich kannte.

»Das ganze Land ist von einer Mauer umschlossen«, sagte Jens nach einiger Zeit. »Ich erkläre euch das, wenn wir in Berlin sind.« Er wirkte bedrückt.

Von einer Mauer. Davon hatte ich gehört. War das eine Art Gefängnis? Bestand hier möglicherweise die Gefahr, dass man das vermauerte Land nicht verlassen dürfte, wenn man eines Verbrechens überführt würde? Ein unbehagliches Gefühl von Schuld überkam mich. Ich drückte mich in den Sitz und sah stur geradeaus, wie Jens das die ganze Zeit über tat.

Nach fast zwei Stunden ohne Pause oder die geringste Abweichung von konstanten hundert Stundenkilometern Reisegeschwindigkeit – »Das ist illegal«, flüsterte Jens auf meine Frage, warum wir nicht schneller fuhren – wiederholte sich das Procedere der Grenzkontrolle. Jens hatte gelbliche Zettel bekommen, die der polizistenartige, sogar im Vergleich zu Jens sehr blasse Mann in dem Kabäuschen behielt, dann fuhren wir auf die Avus; am Rand dieser Autobahn war mehr Wald, als ich bisher auf einmal gesehen hatte, aber Jens nickte auf Marks Frage, ob wir wirklich schon in Berlin wären. Einige Minuten später sah ich den Funkturm und das raumschiffartige, silbrig glitzernde ICC, das, wie mein Pflegevater erläuterte, der jetzt etwas gesprächiger wurde und sich sichtlich entspannte, im vergangenen Jahr eröffnet worden war.

»Vielleicht besichtigen wir das mal«, versprach er. Das Versprechen sollte er nie einlösen.

Jens hielt mit der linken Hand das Lenkrad und gleichzeitig einen Zettel, auf dem er den Weg notiert hatte. Er war zwar schon hier gewesen, um die Wohnung zu mieten, aber er hielt sich das Stück Papier trotzdem immer wieder vor die Nase.

»Kaiserdamm«, sagte er, als wir auf eine mächtige Allee einbogen. »Ernst-Reuter-Platz«, wenig später. An diesem Platz standen die höchsten Häuser, die ich je gesehen hatte, an einem war der Schriftzug »Telefunken« zu lesen, in der Mitte des Platzes sprudelte ein Springbrunnen.

»Großer Stern. Das ist die Goldelse.« Mark und ich reckten die Köpfe, drückten unsere Wangen an die Scheiben, um den goldfarbenen Engel auf dem grauschwarzen Turm sehen zu können.

Bald darauf hielten wir in der Turmstraße in Berlin-Wedding, die ab diesem Tag unser Zuhause sein würde. Jens fuhr einen kleinen Umweg, um uns die JVA Moabit zu zeigen, seinen zukünftigen Arbeitsplatz. Die Türme, die auf dem Gelände standen, ähnelten denen, die wir zuvor an der Grenze gesehen hatten, wirkten aber moderner. Er sagte nichts darüber, ob wir ihn dort würden besuchen dürften. Oder welche Position er bekleiden würde.

»Gefängnisse überall«, dachte ich, fand die Stadt aber trotzdem vom ersten Eindruck her prima.

Der Nummer-eins-Hit in Deutschland an diesem Tag war »Funkytown« von Lipps Inc.

6. Mauer

Ich habe kaum visuelle Erinnerungen an meine Eltern, natürlich war mein Vater riesengroß für mich gewesen. Erstaunlicherweise gab es nur den musikalischen Nachlass und keine Fotos, vielleicht hatte irgendwer entschieden, es wäre besser für den kleinen Pflegefall, keine Bilder von seinen Eltern zu sehen. Aber ich erinnerte mich an scherzhaft-liebevolle Äußerungen meiner Mutter, die meinen Vater manchmal »knochig« oder »spack« genannt hatte.

Ich war mit zwölf spack und knochig, und seit etwa einem halben Jahr wuchs ich wie der Teufel. Als mich mein Pflegevater am Montag nach unserem Umzug ins Gymnasium brachte, zur letzten Stunde, weil Jens dem neuen Arbeitgeber einen Antrittsbesuch abstatten musste, wurde mir schon beim Betreten des Klassenzimmers bewusst, dass ich zu den größten Schülern dieses Jahrgangs gehörte. Vorher, in der Grundschule, hatte ich das kaum bemerkt. Ich lächelte schüchtern in die Runde grinsender Gesichter, der Lehrer forderte die Schüler auf, zur Begrüßung aufzustehen, und ich kam mir vor wie der Funkturm, den ich am Tag zuvor zum ersten (und vorläufig letzten) Mal gesehen hatte. Ich nahm neben einem unglaublich dicken Jungen Platz, der hellblonde Stoppelhaare hatte und überhaupt nicht mehr aufhörte zu lächeln. Er war mit Abstand der fetteste Mensch, den ich je in meinem Leben gesehen hatte.

»Das ist Tim Köhrey aus Hannover«, sagte der Lehrer, ein auch ziemlich kleiner, rundlicher Mensch, der sich als Herr Pirowski vorgestellt hatte, unser Klassen- und Mathelehrer.

»Weiß jemand, von welchem Bundesland Hannover die Hauptstadt ist?«

Ich war ziemlich überrascht, dass um mich herum gut und gerne zwanzig Hände in die Höhe schossen. Hauptstadt? Bundesland? Ich wusste nicht einmal, wovon der Mann da vorne redete.

»Niedersachsen«, sagte ein Mädchen zwei Reihen hinter mir.

»Niedersachsen«, flüsterte ich. Es kam mir vor, als hörte ich dieses Wort zum ersten Mal. Nieder. Sachsen.

»Hast du Heimweh?«, fragte der dicke blonde Junge leise.

Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste ja nicht einmal, wo genau ich mich befand.

»Ich bin Micha. Aber alle nennen mich nur Kuhle.« Er reichte mir unter dem Tisch die Hand.

»Tim«, flüsterte ich.

»In dieser Klasse schenken wir zwischen den Pausen unserem Lehrer uneingeschränkte Aufmerksamkeit«, sagte jemand direkt neben mir. Da stand Herr Pirowski, aber er lächelte.

Nach der Schule und dem Händeschütteln mit einigen neuen Mitschülern fragte mich Kuhle, wo ich wohnte. Jens hatte mir Kleingeld gegeben, um mit dem Bus zu fahren, und er hatte aufgeschrieben, welche Busse ich zu nehmen hatte.

»Wir haben den gleichen Weg«, sagte er. »Wie lange bist du schon in Berlin?«

»Seit gestern.«

»Und warst du schon mal hier?«

»Nein, noch nie.«

»Ich zeig dir was.«

Nach einigen Schritten fragte ich: »Warum wirst du Kuhle genannt?«

Er grinste. »Das hat zwei Gründe. Erstens heiße ich Kuhlmann mit Nachnamen. Und zweitens hinterlasse ich überall, wo ich mich hinsetze, eine tiefe Kuhle. Ausgenommen Holzstühle natürlich.«

Dann musterte er mich einen Moment lang. »Wir sehen wahrscheinlich aus wie Spejbl und Hurvinek«, erklärte er.

»Speibel und wer?«

»Hurvinek. Hattet ihr kein Ostfernsehen in Hannover?«

Ich schüttelte den Kopf. »Was ist Ostfernsehen?«

Er grinste wieder. »Du musst noch verdammt viel lernen!«

Wir wanderten durch einige Straßen – langsam, weil Kuhle mit seinen Beinen, von denen jedes mehr als den Umfang meines Brustkorbes hatte, eine nach der Seite ausholende Schlenkerbewegung machen musste, die ihn ziemlich ausbremste. Ich sah quasi auf ihn hinunter, er war anderthalb Köpfe kleiner als ich. Mir fiel auf, dass er Jeans trug wie wir alle, aber bei seinen waren an den Seiten Stoffstreifen eingenäht, gute zwanzig Zentimeter breit, von der Hüfte bis zu den Schuhen reichend. Dadurch verliefen die Nähte nicht an der Seite, sondern im Nordosten.

»Alle meine Hosen sehen so aus«, sagte er, als ich ihn darauf ansprach. »Meine Mutter macht das. Es gibt keine Jeans in meiner Größe.«

»Wie viel wiegst du eigentlich?«

Er verzog das Gesicht. »Das ist ein Geheimnis.«

Die Straßen hier im Wedding sahen anders aus als alles, was ich aus Hannover kannte, was genau genommen nur unser kleines Neubauviertel, in dem auch meine Grundschule gelegen hatte, die Kleingartenkolonie und einige Bereiche des zerbauten Stadtzentrums waren. Hier standen Altbauten dicht an dicht, in den Erdgeschossen gab es Läden für Knöpfe, Änderungsschneidereien, sehr viele Tabakwarenhandlungen und Kneipen, in deren Fenstern gelbliche Gardinen hingen, immer die Hälfte des Fensters bedeckend, als wäre das Vorschrift. Einige Häuser hatten seltsame trichterförmige Löcher in den Fassaden.

»Das sind Einschusslöcher, noch aus dem Krieg«, erklärte Kuhle.

»Welcher Krieg?«

Er blieb stehen und musterte mich einen Moment.

»Bist du in den letzten Jahren auch wirklich zur Schule gegangen?«

Ich nickte langsam, bekam aber das ungute Gefühl, einen gewissen Rückstand aufarbeiten zu müssen.

»Der Zweite Weltkrieg, Mensch. Der große Krieg, den die Deutschen verloren haben.«

Auf den Bürgersteigen gingen einige fremdartige Menschen, viele hatten pechschwarze Haare.

»Türken«, sagte Kuhle leise. »Sind aber nett. Wir haben in der Klasse auch einen. Gürsel. Ich stell ihn dir morgen vor.«

Kuhle erzählte ziemlich viel in den wenigen Minuten, die wir gemeinsam durch meine neue Heimat gingen. »Proletengegend«, erklärte Kuhle, grinsend, eigentlich grinste er pausenlos, außer wenn man ihn nach seinem Gewicht fragte. So nannte sein Vater den Wedding, Proletengegend. Kuhles Vater war Bauarbeiter, Kuhle hatte drei Schwestern, über die er gekünstelt stöhnte.

»Das ist sie«, sagte er irgendwann. Wir blieben stehen. Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht.

Auf der anderen Seite der Straße, in die wir gerade aus einer Einmündung kamen, stand die Mauer.

Eigentlich sah sie harmlos aus. Übereinandergelegte Betonplatten, dazwischen Stahlträger, und als Krone eine Röhre aus etwas, das wie Eternit aussah, alles relativ hell, jedenfalls heller als die Fassaden der meisten Häuser, die wir auf dem Weg hierher gesehen hatten.

In beide Richtungen der Straße, auf die wir nun traten, zog sie sich dahin.

»Da kommt man doch leicht drüber«, sagte ich.

»Du siehst ja auch nicht alles.«

Wir gingen ein paar Meter, währenddessen erzählte Kuhle.

»Hier drüben standen mal Wohnhäuser. Erst haben sie die Fenster zugemauert, später die Häuser abgerissen, weil immer wieder Leute durch die Keller oder die Kanalisation geflüchtet sind.«

Wir kamen an ein Holzgerüst, eine Leiter mit einer Plattform. Oben stand ein junges Paar und fotografierte.

»Du zuerst, ich will nicht auf dich drauffallen«, sagte Kuhle grinsend.

»Das ist der Todesstreifen, da sind Minen. Bomben, die explodieren, wenn man drauf tritt. Dahinter siehst du die Drähte? An denen sind Hundeleinen festgemacht. Wie bei einer Seilbahn. In den Hütten dort sind scharfe Hunde. Und die Soldaten in den Türmen haben Maschinengewehre.«

Ich konnte nichts sagen, ich war nur beeindruckt.

»Das da drüben ist die Versöhnungskirche. Die wird natürlich nicht mehr benutzt. Vielleicht reißen sie die auch noch ab.«

»Wer sind die denn überhaupt?«

Kuhle sah mich verdutzt an

»Na die DDRler. Die Kommunisten. Die Russen. Der Ostblock.«

Er sah auf seine Armbanduhr.

»Ich muss jetzt. Komm, beeilen wir uns!«

Auf dem verbleibenden Rückweg sah ich in alle Straßen, die wir überquerten. Obwohl ich bei der Einreise nach Berlin einen anderen Eindruck bekommen hatte, fragte ich Kuhle: »Ist die Mauer hier überall in der Nähe?«

Kuhle lachte. »Nein. Die Stadt ist sehr groß. Wahrscheinlich viel größer als dein Hannover.«

Ich nickte, obwohl mir das erstens nicht als schlüssiges Argument erschien und Kuhle ja zweitens nicht wissen konnte, wie klein mein Hannover gewesen ist.

Zu Hause war noch niemand, ich hatte einige Schwierigkeiten gehabt, unseren Wohnblock zu finden, und im Treppenhaus war mir ein alter Mann entgegengekommen, der nach Scheiße stank und vor sich hin murmelte.

Jens hatte die Umzugskisten nach Räumen sortiert. In der zweiten, auf der »Wohnzimmer« stand, fand ich den Brockhaus. Viele Bücher besaßen Jens und Ute nicht, aber wenigstens eine Enzyklopädie. Ich kramte Band »M« heraus, wo unter »Mauer« nur ein Querverweis auf »Berliner Mauer« zu finden war. Also zog ich »B« hervor.

Was mich am meisten beeindruckte, war die Tatsache, dass die Mauer am 13. August gebaut worden war, am 13. August 1961. Auf den Tag genau sieben Jahre später war ich zur Welt gekommen.

Der Nummer-eins-Hit in Deutschland am 13. August 1961 war »Wheels« von Billy Vaughn, am Tag meiner Geburt, sieben Jahre später, also 1968, war es »Du sollst nicht weinen« von Heintje.

7. Wichsen

Schon nach zwei Wochen war das Leben in Berlin für mich die normalste Sache der Welt – nein, mehr als das. Normalität, das war die Zeit in Hannover gewesen, die Zeit der Grundschule, der Streifengänge mit Jens, des Drei-Etagen-Bettes. In Hannover hatte ich keine Freunde gehabt und all meine Zeit mit Frank und Mark verbracht.

Es gab eine Gemeinsamkeit, die mir bereits klargeworden war, als wir die Wohnung inspizierten, nachdem wir die ersten Kisten abgestellt hatten. Die Wohnung hatte nur ein Zimmer mehr als die alte, und dieses zusätzliche Zimmer war nur so groß wie das Bad in der vorigen Wohnung, in das mit Ach und Krach eine kurze, schmale Wanne gepasst hatte. Das neue Minizimmer wurde Franks Refugium, und dieserart entpuppte sich Jens’ Ankündigung als Lüge, wenigstens als halbe Wahrheit. Wir hatten zwar zu dritt kein gemeinsames Zimmer mehr, aber Mark und ich bekamen ein neues Doppelstockbett. Unser Raum war zwar deutlich größer als der von Frank, und ich beanspruchte unwidersprochen die obere Etage des Bettes, aber in Ruhe wichsen war ein Ding der Unmöglichkeit.

Wichsen hieß die größte Neuentdeckung dieser ersten Wochen, die überfüllt waren mit neuen Eindrücken.

Kuhle und ich waren schnell gute Freunde geworden. In meiner Grundschulklasse hatte es kein Kind gegeben, das auch nur annähernd an Kuhles Leibesfülle herangereicht hätte, aber selbst diese vergleichsweise schlanken Dicken waren permanentes Ziel des allgemeinen Spotts gewesen, mussten sich pausenlos gegen Schmähungen wehren, in eine besondere Ecke des Schulhofs zurückziehen, vielstimmige Gesänge über sich ergehen lassen. Kuhle hingegen genoss in der Klasse großes Ansehen, denn er war der Klassenbeste und gleichzeitig hilfsbereit und freundlich. Seine Freundlichkeit überstieg alles, was ich je erlebt hatte, und es gab kaum etwas, das Kuhle aus der gemütlich-dicken, aber keineswegs trägen Reserve locken konnte. Seine Mitschüler achteten ihn, er war eine Art Jahrgangsweiser und der unangefochtene Sieger bei den Wahlen zum Klassensprecher. Dabei kannten sich die Schüler nur drei Wochen länger, als ich sie kannte.

Jens hatte Frank und mir Schülermonatskarten gekauft, hellblaue, A6-große, etwas dickere Stücken Papier, auf denen das eigene Passfoto mit Nieten befestigt war, auf die man monatlich eine Art Rabattmarke kleben musste und die fast alle Schüler in einer Klarsichthülle mit Paketschnur um den Hals trugen, wenn sie in den Bus einstiegen. Franks Realschule befand sich im selben Gebäude wie mein Gymnasium, was ihm schrecklich peinlich zu sein schien, vor allem in dem Moment, wenn wir uns trennten und ich, der ein Jahr Jüngere, in die Gymnasialklasse stiefelte, während er zu den Realschülern abbog. Frank vermied es, mit mir gemeinsam zur Schule zu fahren, auch wenn wir gleichzeitig Unterrichtsbeginn hatten. Als ich das bemerkte, sprach ich ihn auch nicht mehr darauf an, wartete einfach ab, bis er gegangen war.

Ich genoss es, in den ockergelben Doppeldeckern nach oben zu rasen, mich in die vorderste Reihe zu schmeißen und meine Füße direkt unter dem riesigen Doppelfenster auf die Haltestange zu legen. So große (und laute und volle) Busse hatten wir in Hannover nicht gehabt, aber ich war dort sowieso so gut wie nie mit dem Bus gefahren; unsere Grundschule hatte ich in wenigen Minuten zu Fuß erreichen können.

Trotz der Monatskarten gingen Kuhle und ich fast immer zu Fuß nach Hause. Nur bei Regen nicht. Kuhle mochte keinen Regen.

Auf diesen Wegen redeten wir über alles Mögliche, auch über sehr private Dinge, wobei Kuhle dramatisch mehr zu erzählen hatte als ich. Er war der zweite Mensch, dem ich die Sache mit dem Markstück gestand, die mich zwar nicht mehr beschäftigte, die aber als Schuld aus der Vergangenheit nach wie vor in meinem Kopf herumgeisterte. Er schüttelte sich vor Lachen, als ich ihm das erzählte. Es war das erste Mal, dass mich jemand »naiv« nannte, ein Wort, das ich wieder im Brockhaus nachschlagen musste, wie einiges von dem, was mir der dicke, freundliche Micha offenbarte. Immerhin konnte ich ihn mit dem Unfalltod meiner Eltern beeindrucken.

»Manometer«, sagte Kuhle und legte mir kurz den Arm um die Hüfte. »Manometer«, wiederholte er, während ich erstarrt neben ihm herging.

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