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Geheimnisse

Caro Sodar

Geheimnisse


Eine Erinnerung an ein anderes Leben!


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Geheimnisse

 

 

 

 

Geheimnisse

 

 

Caro Sodar

 

 

 

 

 

 

 

„Es ist soweit. Wir werden Ausreisen.“

„Wann?“

„Morgen Mittag müssen wir weg sein.“

„Schon morgen?“

„Ja.“

„Wann kommst du wieder?“

„Gar nicht.“

 

 

 

 

 

 

Heute (Andreas)

 

Ich bin immer noch nicht sicher, ob meine Entscheidung eine gute Idee ist. Sechzehn Jahre ist es her, seit ich Leipzig verlassen habe, und ich bin seitdem nie wieder hier gewesen. Ich konnte es einfach nicht. Obwohl ich schon so lange mit der Vergangenheit abgeschlossen habe, oder vielleicht doch nicht? Keine Ahnung.

 

Natürlich war die Jobanfrage vom MDR mehr als verlockend und eigentlich hielt mich ja auch nichts mehr in Köln. Ludwig ist mehr unterwegs als in unserer Bude anzutreffen und Constantin wollte ich nach meinem unrühmlichen Abgang auch nicht unbedingt über den Weg laufen. Nicht, dass ich ihm in letzter Zeit begegnet wäre, aber man soll sein Glück ja nicht überstrapazieren. Also kam das Stellenangebot genau zur richtigen Zeit.

Ein wenig Heimweh hatte ich auch, obwohl ich es nicht gerne zugebe.

 

Die Stadt ist kaum wiederzuerkennen, soviel hat sich getan. Ganze Häuserzüge wurden saniert, die Innenstadt sieht aus wie gemalt und auch die Kanäle sind wieder mit Wasser gefüllt. Ich stehe in meinem neuen Loft, das direkt am Karl-Heine-Kanal liegt. Die Maler sind gestern fertig geworden und auch der Boden ist verlegt. Jetzt fehlen nur noch die Möbel. Bis diese übermorgen angeliefert werden, übernachte ich bei Hugo. Er kommt gleich vorbei und holt mich ab.

 

Ich trete noch einmal auf meine Terrasse heraus, die schon wunderschön begrünt ist. Zwei bequeme Liegen laden zum Verweilen ein und mein eigenes kleines Boot ist am Anleger festgezurrt. Ich habe noch ein bisschen Zeit, bis Hugo hier sein wird, und lasse mich deshalb in eine der Liegen fallen. Die Klingel funktioniert noch nicht, darum habe ich den Schnapper nach oben gedrückt, so kann Hugo einfach hereinkommen.

 

Es dauert nicht lange und die Erinnerungen greifen nach mir. Ich habe keine Kraft, mich gegen sie zu wehren. Heute lasse ich sie gewähren und sie nutzen diese Chance auch prompt, um mich umgehend zum 23. Juni 1989 zurückzuversetzen. Ich bin wieder sechzehn Jahre alt und werde morgen meinen besten Freund, Florian (Ryan) Descher, verlieren.

 

 

Rückblick (Andreas) - Leipzig 1989

 

 

Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war.

Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar.

Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht.

Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht.

Und doch gelingt’s ihm nicht, da es,

soviel erstrebt,

verhaftet an den Körpern klebt.

- Mephisto aus Faust -

 

 

Seit der ersten Klasse sind wir befreundet und gehen zusammen durch dick und dünn. Niemand weiß mehr von mir oder kennt mich besser als er.

 

Natürlich weiß ich es. Wahrscheinlich war ich die erste Person, die es von ihm erfahren hat und seitdem hängt der Ausreiseantrag, den seine Mutter gestellt hat, immer wieder wie ein dunkler Schatten über uns. Seit eineinhalb Jahre warten sie darauf, dass sie endlich ausreisen dürfen und ich hoffe darauf, dass es nie passierten wird.

 

Ryans Vater ist vor etwas über zwei Jahren von einem Geburtstagsbesuch, für den er in den Westen reisen durfte, nicht mehr zurückgekommen. Damit wurde er zum Vaterlandsverräter und für seine zurückgebliebene Familie, die aus Ryan, seiner Mutter und der kleinen Schwester Maja besteht, begann eine schlimme Zeit. Sie wurden verhört, ob die Flucht geplant gewesen wäre, dass sie es doch sicher gewusst und warum sie ihn dann nicht gemeldet hätten. Ryans Mutter beteuerte immer wieder, dass sie völlig ahnungslos gewesen war und dass ihr Mann sie niemals absichtlich im Stich lassen würde. Sie könnte es sich nur so erklären, dass es eine Kurzschlusshandlung von ihm gewesen wäre.

 

Man glaubte ihr nicht. Natürlich nicht. Paranoia gehört zur DDR wie Erbsen in die Schote.

 

Frau Descher wurde auf der Arbeit degradiert, durfte nicht an Ausflügen des Kombinats teilnehmen und erhielt auch keine der Gratifikationen mehr, die man bei uns doch so gut gebrauchen konnte. Kurz vor Herrn Deschers Verschwinden hatten sie einen Telefonanschluss genehmigt bekommen. Darauf wartet man hier entweder viele Jahre oder manchmal auch vergebens. Die darauffolgenden zwei Monate wurde jedes Telefonat abgehört, man konnte es deutlich an den Knackgeräuschen erkennen und manchmal hörte man jemanden in der Leitung atmen. Das hatte sogar schon etwas von einem schlechten Horrorfilm. Irgendwann wurde der Anschluss einfach abgestellt. Keine Erklärung, keine Begründung. Von einem Tag auf den anderen war die Leitung tot.

 

Ryan durfte nicht mit zur Klassenfahrt, womit für mich klar war, dass ich auch nicht fahren würde. Meine Eltern unterstützten mich, indem sie mir anstandslos eine Krankmeldung schrieben.

 

Maja ließ man wenigstens in Ruhe. Ein siebenjähriges Mädchen zu quälen, war dann wohl auch für die Stasi zu viel oder man stufte so kleine Kinder als unwichtig ein.

 

Nach über einem halben Jahr erhielten sie über Dritte endlich eine Nachricht von Herrn Descher. Es war nur eine Postkarte und er schrieb, dass es ihm gut gehen, dass er auf seine Familie warten und sie schrecklich vermissen würde. Nach den Schikanen der letzten Monate war diese Karte der letzte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte.

 

Ryans Mutter stellte für sich und ihre Kinder einen Ausreiseantrag.

Begründung: Familienzusammenführung.

Jetzt wurde es noch einmal richtig heftig. Man versuchte sie umzustimmen, drohte ihr, hielt ihr die Konsequenzen vor Augen, berichtete ihr von der Unmenschlichkeit beim Klassenfeind und fragte sie, ob sie das wirklich für ihre Kinder wolle. Ihr Mann hätte doch sicher schon längst eine neue Frau. Im Westen würde man nicht lange fackeln.

 

Die Taktik war ganz simpel - mürbe machen.

 

Aber Frau Descher hielt stand. Sie weinte zwar viel, wurde auch um einiges dünner und lachen sah man sie auch nur noch selten, aber nachgeben, das tat sie nicht.

 

Die Freundschaft zwischen Ryan und mir ist dadurch noch enger geworfen. Wir verbringen jede freie Minute zusammen. Viele Freunde sind ihm sowieso nicht geblieben, was die verbliebenen umso wertvoller macht.

 

Da ist zum einen seine beste Freundin Ella Kowalsky, die Bunny gerufen wird, weil sie ständig heimlich die Zeichentrickserie auf ARD ansieht. Ella ist wirklich lustig. Sie erzählt die verrücktesten Geschichten und bringt uns damit zum Lachen. Man kann jetzt schon sehen, dass sie mal eine Schönheit wird. Schwarze, glänzende Haare, blaugraue Puppenaugen und ein Mund, so rot wie frische Erdbeeren. Schneewittchen wäre auch ein guter Spitzname für sie.

 

Der Zweite im Bunde heißt Hugo Feldmann. Ein komischer, langer Kerl mit einem ausgesprochen hübschen Gesicht, der erst in der fünften Klasse hergezogen ist. Warum auch immer, er mag uns und hängt öfters mit uns ab. Bis auf seinen Musikgeschmack - er hört so komisches Zeug wie ‚Nitzer Ebb‘ und ‚Front 242‘, was auch noch super schwer in der Zone zu bekommen ist - ist er schon in Ordnung. Er hat eine rege Fantasie und schreibt ständig irgendwelche Geschichten in linierte Hefte. Zeigen tut er uns allerdings nie was davon. Vielleicht fragen wir auch einfach nicht hartnäckig genug danach.

 

Und ‘last but not least’: Ich, Andreas Kramer. Mich kann man wohl am besten als den völlig normalen Durchschnittstyp bezeichnen. Mittelbraune Haare, blaue Augen und Sommersprossen. Mein Körper sieht schon ziemlich gut aus, weil ich leidenschaftlicher Schwimmer bin. Da ich aber am liebsten weite Klamotten trage - passen halt auch am besten zu meinen Turnschuhen, die ich immer anhabe - fällt das gar nicht weiter auf.

 

Das sind also wir, Ryans Freunde, die wie ein Fels in der Brandung hinter ihm stehen. Ryan, mit den blonden langen Haaren, die ihm bis zu den Schultern reichen und den grünen, fast türkisen Augen. Seine Nase ist ein wenig schief, weil er sie sich einmal gebrochen hat, als er mit dem Fahrrad über eine Schotterpiste geheizt und auf die Fresse gefallen ist. Ein paar Schottersplitter konnten nicht entfernt werden und jetzt hat er über der Oberlippe zwei weiße, kleine Narben. Ich finde ja, dass dieser Unfall sein Gesicht noch interessanter gemacht hat. Eine weitere Besonderheit an ihm ist seine Stimme. Sie ist ganz hell und klar und wenn er etwas erzählt, klingt das so, als würde er singen. Ziemlich cool.

 

23. Juni 1989

 

Den letzten Abend unseres Freundes in Leipzig wollen wir noch einmal richtig genießen, damit ja keine Abschiedsstimmung aufkommen kann. Erst gehen wir in unserem Lieblingsrestaurant, der „Stötteritzer Margerite“ essen, danach in unserem Stammbistro Billard spielen.

 

Die Nacht wird Ryan bei mir verbringen. Meine Eltern sind über das Wochenende zu Bekannten gefahren, das passt also gut. Ich habe schon sämtliche seiner Lieblingsschweinereien gebunkert. ‚Bambina‘, eine pervers leckere Schokolade mit Haselnussfüllung, rote Fassbrause und frisches Bauernbrot mit Krakauer Wurst.

 

Dann werde ich mich von meinem Lieblingsshirt trennen, das mir meine Omi mal aus dem Intershop (da kann man mit Westmark einkaufen) mitgebracht hat. Er trägt es sowieso öfter als ich. Zum Schluss habe ich noch eine Collage erstellt, zusammengeschnippelt aus mehreren Fotos von uns, damit er eine Erinnerung an die gemeinsame Zeit mit uns hat.

 

Gegen elf beginnt die große Verabschiedung. Ryan verspricht, sofort zu schreiben, wenn er angekommen ist. Ein Brief aus der BRD bis zu uns dauert bestimmt sieben Tage. Da werden wir uns eine Weile gedulden müssen. Gerührt drückt er Ella an sich, die ein paar Tränen nicht zurückhalten kann, und auch Hugo scheint sehr bewegt zu sein.

 

Ich muss mich sowieso schon den ganzen Abend zusammenreißen, weil dieses flaue Gefühl in meinem Magen einfach nicht weichen will. Ich bin mir sicher, hier läuft etwas absolut und unweigerlich falsch!

 

Wenn ich mich jetzt auch schon von ihm verabschieden müsste, würde ich schreien!

 

Schweigend laufen wir nebeneinander in Richtung meiner Wohnung. Vorbei an der Steinpyramide, quer über die kleine Insel, die die Naunhofer Straße trennt, dann biegen wir rechts in die Kommandant-Prendel-Allee ein, die auf der linken Seite von so schönen alten Villen gesäumt ist, noch mal rechts abgebogen und wir stehen vor der richtigen Haustür. Ich lasse Ryan vorgehen und kann kaum meine Augen von seinen weichen Haaren abwenden. Es sieht immer unglaublich toll aus, wenn er sie offen trägt und der Wind sie zerstrubbelt.

 

‚Das werde ich heute zum letzten Mal sehen‘. Stechend durchzuckt mich dieser Gedanke. Nein, rufe ich mich zur Ordnung. Wir werden uns wiedersehen. Das ist fast ein Naturgesetz. So sicher wie morgens die Sonne aufgeht und so gewiss wie es nach dem Herbst Winter wird. Wir werden uns wiedersehen!

 

Ich schließe die Tür auf und wir trotten hintereinander in die Küche. Auf dem Tisch habe ich alles bereitgestellt. Nur die zwei Limos warten im Kühlschrank.

Ryan gibt einen komischen Laut von sich, als er meine Vorbereitungen bemerkt und dreht sich zu mir um. „Andi, hast du das alles für mich gemacht?“

Ich kann nur mit dem Kopf nicken, weil mir sein Blick durch und durch geht. Er sieht so - ich denke, aufgewühlt trifft es am besten - aus.

 

Der Ausdruck ist wieder verschwunden, als er meint: „Dann lass uns anfangen, den Kram zu verputzen!“

Wir nehmen Platz und legen los. Eine halbe Stunde später ist uns beiden so schlecht, dass wir lachen müssen. Grölend rollen wir uns über den Küchenboden und kriegen uns gar nicht mehr ein.

 

Als unsere Knochen anfangen zu schmerzen, verziehen wir uns auf die Couch im Wohnzimmer. Ich schnappe mir noch das Shirt und die Collage, dann falle ich neben ihn auf die Sitzfläche. Ein paar Minuten sagen wir gar nichts und hängen einfach unseren Gedanken nach.

 

 

„Ich will nicht weg.“

„Und ich will nicht, dass du gehst.“

„Ich kenne dort niemanden und es ist eine völlig andere Welt.“

„Dein Vater ist dort und du wirst dich eingewöhnen. Du findest überall Freunde.“

„Ich habe Freunde. Neue brauche ich nicht.“

„Du kannst den ganzen Tag Westfernsehen gucken. Keinen interessiert das mehr.“

„Andi, ich kann nicht ohne dich weggehen.“

„Ich kann aber nicht mitkommen. Auch wenn ich es gern möchte.“

„Wenn du könntest, würdest du wirklich mitkommen?“

„Wenn ich könnte, würde ich dir überallhin folgen.“

„Wir sollten schlafen gehen. Es war ein langer Tag.“

 

 

Zur Feier des Tages - ja, das ist Ironie! - pennen wir im Doppelbett von meinen Eltern. Ich will nicht, dass Ryan unsere letzte Nacht auf der Luftmatratze vor meinem Jugendbett verbringen muss. Wir ziehen uns beide bis auf die Slips aus und Ryan wirft mir einen ganz seltsamen Blick zu.

„Du hast ja einen heftigen Oberkörper“, höre ich ihn verwundert sagen.

„Du tust ja gerade so, als würdest du den zum ersten Mal sehen“, scherze ich. „Lass uns endlich ins Bett gehen.“

 

Wir machen es uns unter den flauschigen Bettdecken gemütlich und drehen uns einander zu. Obwohl der Mond schon wieder abnimmt, ist es hell genug im Zimmer, sodass ich Ryan gut erkennen kann.

 

„Was wirst du als erstes machen, wenn du da bist?“, frage ich ihn.

Er überlegt, dann sagt er: „Ich werde ein ganzes Glas Nutella essen und dann setze ich mich hin und schreibe euch.“

Ich lache und er stimmt ein.

 

Wir liegen da und sehen uns an. Mir fällt nichts ein, was ich sagen könnte. Sonst haben wir uns immer etwas zu erzählen, aber diese Situation ist neu. Die Zeit rinnt uns durch die Finger und es wird nie wieder so sein wie in diesem Moment.

 

Ich weiß nicht mehr, wer zuerst seine Hand ausgestreckt hat, aber im nächsten Moment halten sich unsere Hände fest umschlungen. Als würden wir die Zeit anhalten können, wenn wir nur fest genug zudrücken.

 

Die zweite Hand streckt mir Ryan zuerst entgegen. Mit einem Finger fährt er über meine Stirn, meine Nase, umrundet meinen Mund. Dann führt ihn sein Weg über mein Kinn, den Hals hinunter. Sanft legt er seine ganze Handfläche auf meinen Brustkorb. Er spreizt den Daumen ab und berührt meine Brustwarze.

 

Ich erschauere unter der Berührung und sehe ihn verwirrt an. Er stoppt die Bewegung und schaut bittend zurück.

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