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Gefährliche Enthüllung

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der

gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Suzanne Brockmann

Gefährliche Enthüllung

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Anita Sprungk

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1. KAPITEL

S ie wollen was tun?“

„Eine Leibesvisitation durchführen“, antwortete der FBI-Agent und schritt zur Tür. „Folgen Sie mir bitte.“

Dr. Anne Morrow verschränkte die Arme vor der Brust und blieb stocksteif stehen, exakt dort, wo sie war. Sie würde nirgendwohin gehen, das stand für sie fest. „Sie haben mein Gepäck so gründlich gefilzt, dass Ihnen nicht mal irgendwelche Flöhe entgangen sein sollten. Sie haben meine Handtasche mehrfach durchleuchtet. Und jetzt soll ich noch eine Leibesvisitation über mich ergehen lassen? Wissen Sie, was das in meinen Augen ist? Schikane! Das ist pure Schikane, nichts anderes! Sie halten mich jetzt seit beinah fünf Stunden hier fest, ohne mir Gelegenheit zu geben, mit einem Anwalt zu sprechen. Sie treten meine Rechte mit Füßen, und ich habe jetzt endgültig die Nase voll!“

Auf der anderen Seite der Spiegelwand des Verhörraums stand CIA-Agent Kendall „Pete“ Peterson und beobachtete Dr. Anne Morrows Reaktionen schweigend. Die renommierte Archäologin und Kunsthistorikerin verdiente ihren Lebensunterhalt damit, Kunstgegenstände und Antiquitäten auf Echtheit zu überprüfen und Gutachten zu erstellen. Laut ihrer Akte war Dr. Morrow – Spitzname Annie – zweiunddreißig Jahre alt und zählte zu den renommiertesten Experten in Sachen antike Metall-Artefakte sowie Münzen, Statuen, Schmiedekunst und Schmuck. Als Archäologentochter war sie in Ägypten zur Welt gekommen, während ihre Eltern dort an einer Ausgrabung teilgenommen hatten. Sie hatte in dreizehn verschiedenen Ländern gelebt und sich an neunzehn unterschiedlichen Ausgrabungen beteiligt, noch bevor sie das College besucht hatte.

Was aus der Akte nicht hervorging, war Dr. Morrows scheinbar unbegrenzter Energieüberschuss. In den fünf Stunden, die er sie inzwischen beobachtete, hatte sie nur wenige Augenblicke still gesessen. Meistens ging sie auf und ab. Wenn sie mal für eine Weile stehen blieb, verlagerte sie permanent das Gewicht von einem Fuß auf den anderen oder trommelte ungeduldig mit den Fingern. Im Großen und Ganzen bewegte sie sich in dem kleinen Verhörraum wie ein Raubtier im Käfig.

In der Akte hatte auch nichts davon gestanden, wie störrisch sie wirken konnte und wie ihre blauen Augen blitzten, wenn sie zornig war. Das Foto zeigte eine ganz durchschnittlich wirkende Frau, an der höchstens das lange braune Haar und die beinah zu sinnlich wirkenden Lippen auffielen.

Aber in natura, in Bewegung, war sie wunderschön …

„Das ist also unsere kleine Dr. Morrow“, sagte jemand hinter ihm.

Peterson wandte sich um und sah Whitley Scott, den Mann, der die FBI-Untersuchung leitete.

Scott lächelte ihn an. Lachfältchen bildeten sich hinter den dicken Brillengläsern. „Entschuldigen Sie, dass ich jetzt erst aufkreuze, Pete“, fuhr er fort. „Mein Flieger hatte Verspätung.“

Peterson erwiderte sein Lächeln nicht. „Wir halten die Lady schon seit Stunden fest“, erklärte er, „und sie ist inzwischen stinksauer.“

Über die Lautsprecher hörten sie, wie Dr. Morrow weiter mit Agent Collins diskutierte.

„Ich habe es Ihnen neun Millionen Mal gesagt, oder sind es inzwischen sogar schon zehn Millionen Mal? Ich war in England, um dort für einen Kunden einen Kunstgegenstand abzuholen – eine goldene Totenmaske aus dem neunzehnten Jahrhundert. Ich war nicht lange genug außerhalb der Vereinigten Staaten, um die Verbrechen zu begehen, die Sie mir offenbar anhängen wollen. Die Transportunterlagen für die Totenmaske sind alle in Ordnung – das haben Sie selbst gesagt. Mich interessiert jetzt nur noch eins: Wann lassen Sie mich endlich gehen?“

„Nach der Leibesvisitation“, erwiderte Richard Collins ruhig.

Er ist genau der Richtige für diesen Job, dachte Peterson. Collins behielt bei jeder Diskussion die Oberhand. Er war stur, immer gelassen und extrem geduldig. Außerdem ließ er sich nie aus der Fassung bringen.

„Sie ist ganz und gar Ihr Typ, Pete“, sagte Whitley und warf dem hochgewachsenen Agenten einen Seitenblick zu. „Irgendetwas sagt mir, dass Sie diesen Job genießen werden.“

Peterson verzog keine Miene, ließ aber seinen Blick ganz kurz zu Scott hinüberschweifen. „Sie ist viel zu dünn“, entgegnete er.

Im Verhörraum hatte Annie Morrow endgültig genug. Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und sprang vom Stuhl hoch, auf den sie sich gerade erst hatte fallen lassen. „Sie wollen also eine Leibesvisitation, ja? Fein, dann legen Sie mal los. Und dann lassen Sie mich endlich gehen!“

Mit diesen Worten zog sie ihre weite Leinenjacke aus und warf sie auf den Stuhl, während sie sich schon die Schuhe abstreifte. Mit einem Schwung zog sie sich die lose sitzende rote Bluse über den Kopf und knöpfte sich die Hose auf.

„Ähm“, stotterte Collins verunsichert. „Nicht hier …“

„Warum nicht?“, fragte Annie scheinbar ganz unschuldig. Sie stand mitten im Raum, nur noch in Unterwäsche, und ihre Augen funkelten vor Zorn. „Oh, ich bitte Sie! Entspannen Sie sich. Ich besitze Badeanzüge, die viel mehr enthüllen als diese Unterwäsche.“

Ganz langsam stahl sich ein Grinsen auf Petersons Gesicht. Junge, Junge, die kleine Annie hatte es tatsächlich geschafft, Collins aus der Fassung zu bringen! Natürlich war Dr. Morrow bewusst, dass er sie in einen anderen Raum hatte führen wollen, damit sie dort von einer FBI-Agentin durchsucht werden konnte. Trotzdem hatte sie sich vor ihm ausgezogen, nur um ihn zu verunsichern. Ein unerwartetes Gefühl durchströmte Peterson, und er registrierte überrascht, dass er Annie Morrow sympathisch fand. Ihr Kampfgeist, ihre Energie, ihre Courage – das alles gefiel ihm. Er runzelte die Stirn. Sie war eine Verdächtige und stand im Mittelpunkt seiner Ermittlungen. Da durfte er keinen Gefallen an ihr finden. Respekt, ja sogar Bewunderung, aber keine Sympathie. Wenn er sie jedoch so anschaute, entdeckte er erschreckend viel an ihr, was ihm ausgesprochen sympathisch war.

Annie drehte sich um, deutete auf die verspiegelte Wand und stemmte die Hände in die Hüften. „Meinen Sie nicht, dass die anderen Jungs auch gern ein bisschen Spaß hätten?“

Sie wusste also, dass sie beobachtet wurde. Sie war wirklich etwas Besonderes und hochintelligent. In ihrer Akte stand, dass sie durchgängig sehr gute Schulnoten eingeheimst und ihren Doktortitel in Windeseile erlangt hatte. Peterson mochte kluge Frauen, besonders wenn sie auch noch so viel fürs Auge boten wie diese.

Annies BH und das Höschen waren aus schwarzer Spitze und standen in reizvollem Kontrast zu ihrer hellen, samtig glatten Haut. Volle Brüste, eine schmale Taille, wohlproportionierte Hüften und lange schlanke Beine vervollständigten das ansehnliche Bild, das sie bot. „Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil“, meinte Peterson zu Whitley Scott, „sie ist nicht zu dünn.“

Sie schien ihn direkt anzuschauen. Er konnte ihre Halsschlagader pulsieren sehen. Ihre Brüste hoben und senkten sich bei jedem ihrer wütenden Atemzüge.

„Haben Sie die Absicht, mich jedes Mal so zu schikanieren, wenn ich ein- oder ausreise?“, fragte sie.

Peterson warf Whitley einen fragenden Blick zu. Der ältere Mann zuckte die Achseln. „Sie schaut Sie an“, sagte er.

„Sie wissen, dass sie mich nicht sehen kann“, entgegnete Peterson, sprach dann aber in das Mikrofon, damit Annie Morrow ihn im Nebenraum hörte: „Wir haben die Ermittlungen zu dem Zwischenfall in Athen noch nicht abgeschlossen.“

Annie warf frustriert die Arme hoch und begann wieder auf und ab zu laufen. „Na also, geht doch! Endlich mal so etwas wie eine klare Ansage. Sie wollen mich also wirklich nur schikanieren. Es geht Ihnen überhaupt nicht um diese Totenmaske. Sie glauben immer noch, ich hätte etwas mit diesen Verrückten zu tun, die im Athener Museum eine Bombe gelegt und es ausgeraubt haben.“

Peterson versuchte sich auf ihre Worte zu konzentrieren und sich nicht von Annies Anblick ablenken zu lassen. Leicht fiel ihm das nicht. Sie bewegte sich wie eine Katze, das Muskelspiel ihrer Beine …

„Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass ich keine Diebin bin?“, fuhr sie fort. „Verdammt noch mal, allmählich wünschte ich mir, ich wäre eine. Dann gäbe es wenigstens einen schnellen Ausweg für mich. Aber ich denke gar nicht daran, Verbrechen zu gestehen, die ich nicht begangen habe.“

Sie blieb abrupt vor der verspiegelten Glasscheibe stehen und starrte ihn wieder direkt an. Es war ein wenig unheimlich, gerade so als könnte sie ihn wirklich sehen.

„Zwei Stunden nachdem Sie die English Gallery in London verlassen haben, ist es dort zu einer Bombenexplosion und einem Raubüberfall gekommen“, erklärte Peterson. Die billigen Lautsprecher ließen seine Stimme blechern klingen. „Diesmal gab es Tote.“

Peterson beobachtete Annies Mienenspiel sehr genau. Die widerstreitenden Gefühle, die sie durchtosten, spiegelten sich in ihrem Gesicht. Schließlich siegte der Zorn.

„Also glauben Sie natürlich, ich hätte etwas damit zu tun. Großartig, wirklich großartig! Unschuldige Menschen sterben, und Leute wie Sie haben nichts Besseres zu tun, als mich zu schikanieren, wenn ich ein Flugzeug besteige oder verlasse. Sie sollten in London sein und die Bombenleger jagen, statt hier mit einer Frau Verstecken zu spielen, der schon ganz anders wird, wenn sie sich nur in den Finger schneidet.“

„Kommt es Ihnen nicht auch ein wenig seltsam vor, dass Sie zweimal innerhalb von fünf Monaten eine europäische Kunstgalerie besuchen, in der nur wenige Stunden nach Ihrem Besuch eine Bombe hochgeht und ein Raubüberfall stattfindet?“ Peterson war schon zu lange dabei. Er wusste, dass es keinen Rauch ohne Feuer gab. Er kaufte Annie die Empörung nicht ab, auch wenn sie äußerst gut gespielt war. „Nennen Sie uns einen plausiblen Grund dafür, dass Sie die Tagung im Athener Museum mehrere Stunden früher verlassen haben als alle anderen Teilnehmer!“

„Ich denke gar nicht daran!“, fuhr Annie ihn an, und ihre Augen blitzten vor Wut. „Ich habe es bereits dem FBI und der CIA und jedem, der sonst noch danach gefragt hat, erklärt: Ich bin gegangen, weil ich mir die komplette Ausstellung bereits angeschaut hatte und einen frühen Heimflug nehmen wollte.“ Wieder lief sie sichtlich aufgebracht im Verhörraum auf und ab. „Was ist aus dem Grundsatz geworden, dass jeder als unschuldig zu betrachten ist, solange seine Schuld nicht erwiesen ist? Gilt der für mich etwa nicht? Was zum Teufel geht hier überhaupt vor?“, schrie sie Peterson durch die Glasscheibe hindurch an.

Er gab ihr keine Antwort. Schweigen hing im Raum. Genau wie Peterson es erwartet hatte, nahm ihr das den Wind aus den Segeln. Dr. Anne Morrow war kein Musterbeispiel für Geduld, und ungeduldige Menschen warteten natürlich nicht gern. Sie drehte sich um und nahm ihre Kleidung an sich. „Wenn das also alles war …“, sagte sie spitz.

„War es nicht“, widersprach Peterson. „Auf Sie wartet eine Leibesvisitation. Schon vergessen?“

Jetzt riss ihr endgültig der Geduldsfaden. „Oh Mann, nun machen Sie aber mal halblang“, stieß sie hervor, ließ die Kleidung zu Boden fallen und trat vor den Spiegel. Sie kam ganz nah heran – so nah, dass Peterson jede einzelne ihrer langen dunklen Wimpern und die Farbschattierungen ihrer blauen Augen sehen konnte. So nah. Er erkannte: Ihre Haut war tatsächlich so glatt und seidig, wie sie aus größerer Entfernung gewirkt hatte. Ohne das Spiegelglas zwischen ihnen hätte er sie berühren können.

Peterson spürte, dass Whitley ihn genau beobachtete. Irgendwie schaffte er es, keine Miene zu verziehen, obwohl er schon lange keine Frau mehr angeschaut und so heftig begehrt hatte. Sehr lange nicht mehr.

„Ich versichere Ihnen, Kumpel, dass alles, was ich in meiner Unterwäsche verstecke, fest mit mir verwachsen ist“, sagte sie. „Keine losen Teile.“

„Tut mir leid“, erwiderte er, „aber ich werde gut dafür bezahlt, Ihnen nicht zu trauen.“

„Wonach genau suchen Sie eigentlich? Wenn Sie es mir verraten, kann ich vielleicht selbst nachschauen, ob ich es irgendwo versteckt habe?“

„Sie haben bestimmt schon von Drogenkurieren gehört?“

Sie erstarrte.

Er hatte es tatsächlich geschafft, sie zu schockieren, aber es wollte sich kein Triumphgefühl bei ihm einstellen. „Von Leuten, die illegale Substanzen in ihrem Körper ins Land schmuggeln?“

„Natürlich habe ich das, und ich weiß sogar, wie diese Leute das tun“, rief sie erzürnt. „Jetzt mal ehrlich: Glauben Sie allen Ernstes, ich hätte die Kronjuwelen verschluckt? Im Ganzen?“

„Nicht verschluckt“, antwortete er – und schwieg. Sollte sie ruhig selbst darauf kommen, was er meinte.

„Großer Gott!“ Sie wurde blass, und er entdeckte überrascht, dass sie Sommersprossen im Gesicht hatte. „Sie wollen mich also wirklich bis aufs Letzte demütigen, richtig?“

„Ich halte mich nur an die Vorschriften“, sagte Peterson in das Mikrofon. „Und die Vorschriften besagen, dass Sie durchsucht werden. Vollständig. In einem der Nebenräume wartet eine Ärztin auf Sie.“

„Ach, wollen Sie damit etwa sagen, dass Sie das nicht gleich hier erledigen möchten?“ Annie kochte vor Wut. Er konnte beinah sehen, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Ihre Halsarterie pulsierte deutlich sichtbar. „Sind Sie sicher, dass Sie der Ärztin vertrauen können? Dass sie das richtig macht, Kumpel? Ich hätte gedacht, dass Sie lieber zuschauen würden.“

„Das würde ich wirklich gern.“ Wie er das sagte, klang es trotz der miserablen Lautsprecher leise und vertraulich. „Ach übrigens, ich heiße nicht Kumpel.“

„Ich ziehe es vor, wenn meine Gesprächspartner einen Namen haben“, entgegnete sie. „Das hilft mir, meine menschliche Würde zu wahren. Aber das verstehen Sie sicher nicht, richtig?“

Sie wandte sich abrupt ab. Trotzdem entging ihm das verräterische Glitzern aufsteigender Tränen in ihren Augen nicht.

Peterson schämte sich. Was war nur los mit ihm? Warum musste er sie so grob behandeln?

Dumme Frage. Er war grob zu ihr, weil sie ihm leidtat, weil er feststellte, dass er ihr glaubte. Dabei gab es keinerlei Fakten, die für ihre Unschuld sprachen, nur ein Bauchgefühl. Pah, Bauchgefühl, dachte Peterson. Von wegen Bauchgefühl. Das Gefühl sitzt ein bisschen tiefer … Er durfte nicht vergessen, dass Dr. Anne Morrow eine Verdächtige war. Wahrscheinlich war sie eine Diebin und arbeitete mit Leuten zusammen, die keine Hemmungen hatten, zu töten, um ihr Ziel zu erreichen.

Er sah, wie sie sich Hose und Bluse wieder anzog und sich von einer Agentin aus dem Verhörraum führen ließ. Dann schaltete er das Mikrofon aus.

Whitley Scott beobachtete ihn noch immer.

„Sie hat Courage, das muss man ihr lassen“, sagte Peterson.

„Ich glaube, sie versucht etwas zu verbergen“, erwiderte Scott. „Wir müssen einen Weg finden, näher an sie heranzukommen. Aber wie?“

„Gute Frage.“ Peterson lehnte sich an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe nicht die richtige Qualifikation, um mich als Laborassistent bei ihr zu bewerben. Oder um als Archäologe an einer ihrer Ausgrabungen teilzunehmen.“

„Sie könnten als Kunde auftreten“, schlug Whitley vor. „Sie weiß nicht, wie Sie aussehen. Legen sie ihr einfach irgendein seltenes Artefakt zur Begutachtung vor. Dann führt eins zum anderen: ein nettes Essen, ein bisschen mehr, und schon teilt sie ihre tiefsten und schwärzesten Geheimnisse mit Ihnen.“

„Perfekt“, erwiderte Peterson ausdruckslos. „Wenn man davon absieht, dass sie grundsätzlich keine Einladungen von Kunden annimmt. Ohne Ausnahme.“

„Als neuer Nachbar?“

„Sie wohnt in einem viktorianischen Haus im Westchester County ein Stockwerk über ihrem Labor. Teures Viertel. Übersteigt unser Budget bei Weitem. Es würde uns ein Vermögen kosten, ein Haus in der Nachbarschaft zu kaufen. Mal ganz abgesehen davon, dass keiner ihrer Nachbarn verkaufen will. Und ich habe nachgeforscht: Vermieten will auch keiner.“

Whitley nickte und wandte sich zur Tür. „Schön, denken Sie weiter über geeignete Wege nach. Früher oder später wird uns schon was einfallen.“

2. KAPITEL

Annie steuerte ihren kleinen Honda in die Einfahrt und schaltete den Motor aus. Verdammt, war sie müde. Zum Teufel mit der CIA, zum Teufel mit dem FBI, zum Teufel mit all den Leuten, die sich solche Mühe gaben, ihr das Leben schwer zu machen.

Fünf Monate. Seit fünf Monaten wurde sie nun schon pausenlos schikaniert. Und jetzt, nach der Bombenexplosion in England, konnte es nur noch schlimmer werden. Dabei wusste auch so schon jeder in der Stadt, dass das FBI gegen sie ermittelte. Die Agenten hatten mit jedem gesprochen, den sie kannte, und vermutlich auch mit vielen, die sie nicht kannte. Selbst ihre ehemalige Zimmerkollegin aus Collegezeiten hatte vor einem Monat bei ihr angerufen und erzählt, sie sei vom FBI befragt worden. Dabei hatten sie sich das letzte Mal vor fünf Jahren gesehen …

Verdammt, verdammt, verdammt! Ganz besonders verfluchte sie den schrecklichen Kerl hinter der Spiegelwand, der mit ihr gesprochen hatte. Irgendwer hatte ihn Agent Peterson genannt. Wenn er ihr jemals über den Weg laufen sollte, dann würde sie ihm einen gezielten Tritt verpassen. Dorthin, wo es richtig wehtat. Nur leider hatte sie keine Ahnung, wie er aussah. Sie würde ihn nicht einmal an der Stimme erkennen können, weil die billigen Lautsprecher im Verhörzimmer die Töne so verzerrten.

Sie stieg aus dem Wagen und ging um ihn herum, um das Paket aus England vom Beifahrersitz zu nehmen. Innerlich stieß sie einen weiteren Fluch aus. Sie konnte die Kiste kaum heben. Wieso mussten diese Dinger immer mindestens eine Tonne wiegen!

Das Auto ihrer Assistentin stand noch in der Einfahrt. Deshalb ging Annie nicht hinauf in ihre Wohnung im obersten Stockwerk des Hauses, sondern ins Labor. Sie konnte die Tastatur des Computers klappern hören und folgte dem Geräusch in das Hinterzimmer, in dem sie ihr Büro eingerichtet hatte.

Cara MacLeish gab – wie immer in halsbrecherischer Geschwindigkeit – Daten ein und ließ sich dabei auch nicht stören. Immerhin schaute sie auf und lächelte.

„Willkommen daheim“, sagte sie. Kurze braune Löckchen kringelten sich um ihren Kopf, und die Augen hinter der Hornbrille leuchteten voller Wärme. „Ich hatte dich früher erwartet. Vor etwa sechs Stunden schon.“

Annie stellte die Kiste mit der goldenen Totenmaske auf ihrem Schreibtisch ab und strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Man hat mich festgehalten“, erklärte sie kurz.

Jetzt nahm Cara doch die Hände von der Tastatur, schaute ihre Chefin voller Mitgefühl an und ließ ein paar erlesene Flüche vom Stapel.

„Du nimmst mir die Worte aus dem Mund.“ Annie lächelte kläglich.

„Schon wieder das FBI?“

„FBI, CIA.“ Annie zuckte die Achseln. „Die reißen sich alle um mich.“

„Hmm, sieh es von der positiven Seite.“

Die beiden Frauen schwiegen einen Moment. Es war gar nicht so einfach, der Sache etwas Positives abzugewinnen.

„Bis jetzt haben sie dir nichts anhängen können“, meinte Cara schließlich.

Annie zog einen Drehstuhl an den Computertisch und ließ sich hineinfallen.

„Und du hast deswegen noch keinen einzigen Auftrag verloren“, fuhr Cara fort. Bestimmt würde ihr gleich noch mehr einfallen. Sie streckte ihre dünnen Arme über den Kopf, gähnte und stand dann auf, um ihre Beine ein wenig zu lockern. „Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass das Geschäft davon profitiert. Während du weg warst, sind jede Menge Anrufe gekommen.“

Annie sah zu, wie ihre Assistentin zum Anrufbeantworter hinüberging. Gleich neben dem Gerät stand eine leuchtend rote Holzente, die in ihrem Schnabel – einer Wäscheklammer – viele rosa Notizzettel hielt.

„Jerry Tillet hat angerufen“, fuhr Cara fort. „Er ist zurück aus Südamerika, und er möchte, dass du dir einige Maya-Kunstwerke anschaust.“

„Hast du mit ihm gesprochen, oder war er auf dem Anrufbeantworter?“, fragte Annie.

Cara errötete. „Ich habe mit ihm gesprochen.“

„Wollte er sich wieder mit dir verabreden?“ Annie lächelte spitzbübisch.

„Ja.“

„Und?“

„Wir verabreden uns nicht mit Kunden. Schon vergessen?“

Annie widersprach: „Jerry ist kein Kunde. Er ist ein Freund.“

„Er ist auch ein Kunde.“

„Na schön, er ist also auch ein Kunde“, räumte Annie ein. „Aber nur, weil ich mich nicht auf Kunden einlassen möchte, musst du nicht auch darauf verzichten, Cara. Willst du dem Mann nicht wenigstens eine Chance geben?“

„Das habe ich.“

„Du hast … was?“

Annies Assistentin lächelte zufrieden, strich sich die Haare aus der Stirn und setzte sich auf den Schreibtisch. „Ich habe ihm gesagt, dass ich bereit bin, mich mit ihm zu verabreden. Er kommt am Samstag vorbei und bringt uns seine Funde. Anschließend gehen wir aus.“

Annie schaute sich in dem gemütlichen Büro um. Das Zimmer war eigentlich recht groß, aber mit den beiden Schreibtischen, zwei Computern, einem Faxgerät, einem Kopierer und jeder Menge Stühle und Bücherregalen war es so vollgestellt, dass man sich kaum darin bewegen konnte. Cara MacLeish gehörte zum unverzichtbaren Inventar. „Lass dir ja nicht einfallen zu heiraten, MacLeish“, sagte sie streng. „Kommt überhaupt nicht infrage, dass du mit Jerry Tillet nach Südamerika durchbrennst.“

Cara lachte. „Ich gehe nur mit ihm ins Kino. Als Nächstes käme vielleicht eine Einladung zum Essen infrage. Von Heiraten kann keine Rede sein.“

„Du kennst Tillet längst nicht so gut wie ich“, murmelte Annie. „Der Mann hat es definitiv auf dich abgesehen …“

„Wo wir gerade vom Heiraten reden“, warf Cara ein und blätterte die Telefonnotizen durch. „Nick York hat angerufen. Insgesamt fünf Mal. Es geht um einen Empfang im Museum für Moderne Kunst, irgendwann diesen Monat.“

Annie zog das Haargummi von ihrem Pferdeschwanz und schüttelte die glänzenden braunen Haare aus. Dann lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und legte die Füße auf den Computertisch. „Schäm dich, Cara. Du weißt ganz genau, dass die Begriffe ‚Heiraten‘ und ‚York‘ unmöglich in einem Satz untergebracht werden können. York will nur zwei Dinge von mir. Erstens: Laborarbeit, die ihn nichts kostet. Zweitens: etwas, das nichts mit Heiraten zu tun hat. Wer hat sonst noch angerufen?“

„Jemand von der Frachtabteilung am Westchester Airport. Er hat für Samstag ein Paket aus Frankreich angekündigt.“

„Großartig.“ Annie seufzte. „Als ob ich auch nur die geringste Chance hätte, mich innerhalb der nächsten zehn Jahre damit zu befassen.“ Sie schloss die Augen. „Na schön, ich hole das Paket am Samstag ab. Sonst noch was?“

„Ein Typ namens Benjamin Sullivan. Sagt dir der Name was?“

Annie öffnete die Augen. „Ja, natürlich. Der Eigentümer der Goldmaske, die ich gerade abgeholt habe. Was wollte er?“

„Er hat eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen: Falls Alistair Golden anruft, sollen wir ihn einfach ignorieren.“ Cara lachte. „Sullivans Name hat mir nichts gesagt, aber die Aufforderung, Golden zu ignorieren, hat sich sehr gut angefühlt. Ich ignoriere Alistair Golden immer. Alistair Golden zu ignorieren gehört zu den Dingen, die ich am allerbesten kann.“

Golden war Annies schärfster Konkurrent. Normalerweise kümmerte er sich um alle von der English Gallery in die Vereinigten Staaten eingeführten Kunstwerke und Artefakte.

„Und natürlich“, fuhr Cara kichernd fort, „hat das kleine Wiesel angerufen. Er war ziemlich stinkig und hat mir die Ohren vollgejammert. Leider weiß ich nicht, worum es eigentlich ging, weil ich mir größte Mühe gab, ihn zu ignorieren.“

Annie lachte. „Ich glaube, ich weiß, welche Laus ihm über die Leber gelaufen ist. Als ich in der Gallery ankam, war Sullivans Paket schon fertig verpackt und versiegelt. Golden war sich offenbar ganz sicher, dass er das Stück begutachten würde. Deshalb hatte er schon mal das Verpacken übernommen.“

„Golden hat die Kiste für dich gepackt?“ Die Vorstellung bereitete Cara sichtlich Vergnügen. „Kein Wunder, dass sein Gejammer so ohrenbetäubend war. Er wollte, dass du ihn zurückrufst. Aber wenn du nicht willst, dass er dir geschlagene fünfundvierzig Minuten die Ohren volldröhnt, täte ich das an deiner Stelle nicht. Ich erlaube dir hiermit ganz offiziell, bei seinem nächsten Anruf zu behaupten, deine Angestellte hätte ein Gedächtnis wie ein Sieb und vergessen, dich zu informieren.“

Annie lächelte. „Danke. Hat Ben Sullivan um Rückruf gebeten?“

„Er sagte, er sei in nächster Zeit nicht in der Stadt“, antwortete Cara mit kurzem Blick auf die Telefonnotiz. „Wer ist er? Woher kennst du ihn? Nun komm schon, lass mich nicht dumm sterben. Wie groß, wie schwer, solo oder verheiratet?“

„Soweit ich weiß, ist er alleinstehend“, antwortete Annie und fuhr dann lächelnd fort: „Und er ist knackige fünfundsiebzig Jahre alt. Schmink dir also deine Ambitionen, mich mit ihm zu verkuppeln, zügig wieder ab.“

Cara verzog enttäuscht das Gesicht.

„Ben ist ein alter Freund meiner Eltern.“ Annie lehnte sich wieder in ihrem Stuhl zurück und atmete tief durch. „Ich glaube, ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit ich, warte mal, seit ich ungefähr fünfzehn war. Offenbar hatte er kürzlich Kontakt zu meinen Eltern, und sie haben ihm von mir erzählt. Du weißt schon … dass ich mich vor ein paar Jahren mit diesem Labor selbstständig gemacht habe. Als ihm diese Goldmaske zum Kauf angeboten wurde, hat er deshalb darauf bestanden, dass mir der Auftrag für die notwendige Authentifizierung gegeben wird.“

„Statt ihn Golden zu geben“, warf Cara ein.

Annie schmunzelte. „Statt ihn Golden zu geben.“ Sie richtete sich auf und streckte sich. „Sonst noch irgendwelche Anrufe?“

Cara nickte. „Ja. Das Beste habe ich bis zum Schluss aufgehoben. Das war auf dem Anrufbeantworter, und du hörst es dir besser selbst an.“

Damit glitt sie vom Schreibtisch herunter, reichte Annie die Telefonnotizen und drückte die Abspieltaste am Anrufbeantworter.

Die Stimme, die daraufhin ertönte, klang merkwürdig. Ein heiseres, seltsam verzerrtes Flüstern, so als hätte der Anrufer sich bewusst bemüht, seine Stimme zu verstellen: „Die Maske, die in Ihren Besitz gelangt ist, gehört nicht in die Welt der Lebenden. Sie ist Eigentum von Stands Against the Storm. Geben Sie diese Maske sofort seinem Volk zurück. Wenn Sie das nicht tun, bekommen Sie den Zorn seines bösen Geistes zu spüren. Die Türen zur Dämmerwelt stehen weit offen, und Stands Against the Storm wird kommen und Sie holen.“

Cara drückte die Stopp-Taste und lächelte amüsiert. „Das war’s. Wer deiner durchgedrehten Freunde hat diese Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen? Und wer zum Teufel soll Stands Against the Storm sein?“

Aber Annie lachte nicht. Im Gegenteil, sie fluchte leise in sich hinein, stand auf, hob die schwere Kiste mit der Totenmaske vom Tisch und schleppte sie durch den Flur Richtung Labor. Caras amüsiertes Lächeln erstarb, während sie aufsprang und ihrer Chefin folgte.

„Was ist los?“, fragte sie und sah verblüfft zu, wie Annie die Kiste abstellte, zur Eingangstür eilte und abschloss. „Was ist denn los, Annie?“

„Wir müssen das hier im Tresor einschließen“, antwortete Annie und hob die Kiste wieder auf.

„Annie, wer war das auf dem Anrufbeantworter?“ Caras Augen wurden schmal.

„Irgendein Spinner“, antwortete Annie und schleppte die Kiste in den Tresorraum mitten im Haus. Er lag zwischen dem Labor im vorderen Bereich und dem Büro hinten. Dieser Raum war sicher, hier kam kein Einbrecher so leicht herein. Sie würde sich gleich sehr viel wohler fühlen, wenn sie die goldene Totenmaske im Tresor eingeschlossen hatte.

„Wenn das einfach nur ein Spinner war“, ließ Cara nicht locker, „warum bist du dann zur Eingangstür gerannt, um abzuschließen?“

Annie öffnete die völlig unverfänglich wirkende Tür eines Wandschranks, hinter der sich das Kombinationsschloss des großen Tresors verbarg. Sie drehte die rote Wählscheibe etliche Male, bevor sie die richtigen Ziffern eingab. „Weil es leichtsinnig und dumm wäre, nicht auf Nummer sicher zu gehen, unabhängig von diesem Spinner.“ Sie drehte sich zu ihrer Assistentin um. „Du hattest offenbar keine Gelegenheit, die Hintergrundinformationen zu lesen, die ich dir zu diesem Projekt zusammengestellt hatte?“

Cara zuckte die Achseln. „Ich will dir nichts vormachen. Gestern Abend hatte ich etwa eine Stunde Freizeit, und die habe ich dazu benutzt, mir eine Folge von ‚Zurück in die Vergangenheit‘ anzuschauen, statt mich mit irgendwelchen Indianerhäuptlingen aus dem neunzehnten Jahrhundert zu befassen.“

Annie stellte die Kiste im obersten Fach des Tresors ab, zog die schwere Tür wieder zu und verschloss sie sicher. „Amerikanische Ureinwohner, nicht Indianer“, korrigierte sie Cara. „Um es kurz zu machen: In dieser Kiste ist vermutlich eine Totenmaske aus Gold, und zwar von einem Diné – sie wurden früher Navajo genannt – namens Stands Against the Storm. Er war einer der wichtigsten Anführer der amerikanischen Ureinwohner. Ein hochintelligenter Mann, der die westliche Kultur verstand und durchschaute. Er versuchte, den weißen Anführern die Gebräuche seines eigenen Volkes nahezubringen.“

Cara folgte ihr zurück ins Büro. „Und wie kommt es, dass ich noch nie von ihm gehört habe?“, fragte sie. „Ich meine, praktisch jeder kennt Sitting Bull und Geronimo. Aber diesen Typen?“

Annie setzte sich an ihren Schreibtisch und runzelte die Stirn angesichts der Unordnung darauf. Warum vermehrte sich der Papierkram immer auf wundersame Weise, wenn sie für ein paar Tage unterwegs war? „Sitting Bull und Geronimo waren Krieger“, antwortete sie. „Stands Against the Storm war ein Mann des Friedens. Er erregte nicht so viel Interesse wie die großen Krieger, aber versucht hat er es. Übrigens hielt er sich in England auf und bemühte sich dort um Unterstützung für seine Landsleute, als er starb.“ Sie schüttelte den Kopf. „Sein Tod war ein schwerer Schlag für die Sache der Diné.“

„Wenn Stands Against the Storm so ein friedfertiger Mensch war“, bohrte Cara nach, „warum sollte er dann einen bösen Geist haben?“

„Die Diné glauben, dass Menschen zu Geistern werden, wenn sie sterben“, erläuterte Annie. „Dabei ist es egal, wie gütig, menschlich oder freundlich der Betreffende im Leben war. Wenn er stirbt, wird er böse und rächt sich an all den Leuten, die ihm während seines Lebens unrecht getan haben. Es ist sogar wahrscheinlich, dass der Geist eines Verstorbenen noch viel böser wird, wenn der Mensch im Leben sehr nett war. Ganz einfach, weil nette Menschen mehr Unrecht hinnehmen. Die Rache folgt dann nach dem Tod.“

„Aber wenn Stands Against the Storm in England starb, wie kann es dann sein, dass sein Geist hinter dir her ist? Immer vorausgesetzt, die Diné liegen mit ihrem Glauben richtig.“

„Der Tod ist für einen Diné ein gewaltiges Problem“, sagte Annie. Sie lächelte. „Naja, soweit ich weiß, gibt es nicht allzu viele Kulturen, in denen man dem Tod freudig entgegensieht, aber die Diné verabscheuen ihn wirklich. Wenn jemand in einem Haus stirbt, dann kann es heute noch passieren, dass das Haus aufgegeben wird. Schau, die Diné glauben, dass der Ort, an dem ein Mensch stirbt, und die Dinge, mit denen er vor oder auch nach seinem Tod in Berührung kommt, seinen bösen Geist beherbergen können. Eine Totenmaske anzufertigen kommt also einer Einladung für allergrößtes Unheil gleich. Die Diné würden niemals so etwas wie eine Totenmaske anfertigen. Aber in England war es damals üblich, einen Gesichtsabdruck von Verstorbenen zu nehmen und nach diesem Abdruck eine Maske anzufertigen, um ein möglichst ähnliches Abbild zu erhalten. Ich vermute, dass Stands Against the Storm eine Art Berühmtheit war. Auf jeden Fall aber ein Kuriosum, eine echte Rothaut aus dem Wilden Westen. Deshalb wurde eine Totenmaske von ihm angefertigt, als er starb.“

Annie schaute kurz zum Anrufbeantworter hinüber. Ihr wollte nicht in den Kopf, woher der Anrufer wusste, dass sie die Echtheit dieser Totenmaske überprüfen sollte. Vielleicht hatte Ben Sullivan mit der Presse darüber geredet. Oder der Käufer, Steven Marshall, hatte etwas durchsickern lassen.

„Du, Annie?“

Annie schob ihre Gedanken beiseite und schaute auf, direkt in Caras besorgt dreinblickende braune Augen.

„Mir ist gerade bewusst geworden, dass die Nachricht auf dem Anrufbeantworter im Grunde eine … Naja, das ist eine Morddrohung.“

„Das war nur ein Spinner“, wehrte Annie ab. „Außerdem glaube ich nicht an Geister.“

„Du musst aber zugeben, dass das Ganze ziemlich unheimlich ist“, beharrte Cara auf ihrer Meinung. „Vielleicht sollten wir … ich weiß auch nicht. Sollten wir nicht die Polizei informieren?“

Annie stöhnte auf und stützte ihren Kopf schwer in ihre Hände. „Ich will nichts mehr von der Polizei oder vom FBI hören. Keine Polizei, auf gar keinen Fall. Lieber nehme ich in Kauf, dass mich der Geist von Stands Against the Storm heimsucht.“

Annie setzte sich im Bett auf und starrte erschrocken in die Dunkelheit, als die Alarmanlage schrillte.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, weil sie aus dem Tiefschlaf geholt worden war. Sie schaltete das Licht an und griff nach ihrem Morgenmantel. Grundgütiger! Der verdammte Alarm würde noch die ganze Nachbarschaft wecken.

Jeweils zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte sie die Treppen hinunter. Auf dem Weg zur Schalttafel schaltete sie das Licht im Foyer ein.

Oh mein Gott, durchfuhr es Annie. Das war kein Fehlalarm. An der Schalttafel leuchtete das Signal für einen Einbruch im ersten Stock. Offenbar war jemand durch ein Fenster des Labors eingedrungen.

Plötzlich war sie sehr dankbar für das Schrillen der Sirene. In den Häusern auf der anderen Seite der Straße gingen bereits die Lichter an, und sie wusste: Die Nachbarn würden die Polizei rufen. Das taten sie immer. Annie rannte in ihr Zimmer zurück und riss die Schublade ihres Nachtschränkchens auf. Oh verdammt, verdammt, verdammt, wo war das blöde Ding?

Sie zerrte die Schublade heraus und kippte sie auf ihrem Bett aus. Da war sie.

Hastig schnappte sie sich die Spielzeugpistole, befreite sie von einem Stück Schnur, das sich um den Lauf gewickelt hatte, und eilte wieder in Richtung Treppe. Sie rannte hinunter, stieß die Tür zum Labor auf, schaltete mit dem Ellbogen die Deckenbeleuchtung ein, und schon lag der Raum in hellem Licht vor ihr.

Er war leer, niemand zu sehen. Kein Mensch, kein Geist.

Aber die Fensterscheibe war zertrümmert worden.

Jetzt kam Annie sich ein bisschen albern vor mit ihrer Spielzeugpistole. Sie legte sie auf den Labortisch und trat vorsichtig an den großen Stein heran, der durchs Fenster geworfen worden war. Jemand hatte mit einem Gummiband ein Stück Papier daran befestigt.

Aha, die Polizei rückte an. Zwei Einsatzwagen mit eingeschaltetem Blaulicht bogen in die Einfahrt ein. Annie konnte die zuckenden Lichter durchs Fenster sehen. Sie ging zurück zur Eingangstür und deaktivierte den Alarm. Das grässliche Schrillen der Sirene verstummte augenblicklich. Annie atmete tief durch und öffnete den Polizisten die Tür.

Sie kamen herein, schauten sich die zerbrochene Fensterscheibe an. Einer sah sich kurz im ganzen Haus um und überprüfte, ob alle anderen Fenster und Türen intakt und geschlossen waren. Ein anderer erstattete über Funk Meldung.

Für eine Kleinstadt war ein Vorfall wie dieser eine große Sache. Annie seufzte. Sie ging in die Küche und setzte Kaffee auf. Das würde bestimmt eine lange Nacht werden.

Peterson war sofort wach und ging nach nur einem Läuten des Handys dran.

„Ja“, meldete er sich und warf gleichzeitig einen Blick auf die Leuchtziffern seines Weckers. Drei Uhr siebenundvierzig. Er strich sich mit der Hand übers Gesicht. „Ich hoffe für Sie, dass dieser Anruf einen guten Grund hat.“

„Ich bin es. Scott. Können Sie reden?“ Whitley Scott, leicht an seinem New-Jersey-Akzent zu erkennen.

„Ja, ich bin wach“, antwortete Pete, setzte sich auf und schaltete das Licht an.

„Nein, ich meine … sind Sie allein?“

„Ja, ich bin allein.“ Pete rieb sich die Augen. „Wenn Sie einen Blick in meine Akte werfen, werden Sie feststellen, dass ich seit letztem März keine Beziehung mehr hatte.“

„Ihre Akte habe ich mir längst angesehen“, gab der FBI-Agent ungerührt zurück, „und daraus geht hervor, dass Sie den Ruf eines streunenden Katers haben.“

Pete schwieg. Für einen Moment kam ihm die neue Verwaltungsassistentin im New Yorker Büro in den Sinn. Carolyn Dingsbums. Sie hatte lockiges braunes Haar und endlos lange Beine. Dazu Augen, die ihm mehr als deutlich zu verstehen gaben, dass sie Interesse an ihm hatte und dabei nicht an eine feste Bindung dachte. Sie hatte ihn am Abend zuvor auf einen Drink eingeladen. Wenn er mit ihr gegangen wäre, läge sie jetzt vermutlich neben ihm im Bett.

Aber er hatte ihr einen Korb gegeben.

Warum eigentlich? Vielleicht weil er es satthatte, ehrgeizigen jungen Frauen auf dem Weg nach oben als Eroberung des Monats zu dienen. Wobei er zugeben musste, dass er die Frauen ganz genauso benutzte.

Er war nicht gerade groß, wusste aber doch, dass er mit seinen schwarzen Haaren und den dunkelbraunen Augen nicht nur sehr attraktiv war, sondern auch faszinierend und geheimnisvoll wirkte.

Jahrelang hatte er Vorteile aus seinem attraktiven Äußeren geschlagen, aber seit einiger Zeit behagte ihm das nicht mehr. Seine Beziehungen, die selten länger als ein paar Monate hielten, wurden immer kürzer. Als er am Abend zuvor diese Verwaltungsassistentin angeschaut hatte, war ihm plötzlich bewusst geworden, dass etwas fehlte: Ihm wurde nicht heiß bei dem Gedanken, dass sie ihn begehrte. Er empfand nichts, höchstens Verachtung.

In den letzten Monaten hatte er öfter als einmal daran gedacht, aus der CIA auszuscheiden. Je näher sein vierzigster Geburtstag rückte, desto bewusster wurde ihm eine gewisse Leere in seinem Leben.

Er hätte nicht sagen können, wonach er eigentlich suchte. Um noch an echte Liebe zu glauben, war er viel zu abgebrüht. Im Grunde war er sogar zu abgebrüht, um überhaupt an so etwas wie Liebe zu glauben. Und wenn ihn jetzt nicht einmal mehr Affären locken konnten, die auf nichts weiter als Sex beruhten, dann lagen sehr, sehr viele kalte und einsame Nächte vor ihm …

„Sind Sie noch da?“, fragte Whitley Scott.

„Ja.“

„Wir haben eine Möglichkeit gefunden, wie Sie an Anne Morrow herankommen“, sagte Scott. „Dr. Morrow hat sie uns quasi auf dem Silbertablett serviert.“

Pete lauschte aufmerksam, während Scott erklärte. Das würde funktionieren. So würde es garantiert funktionieren.

Nachdem er aufgelegt und das Licht wieder ausgeschaltet hatte, starrte Pete noch eine Weile in die Dunkelheit. Erwartung und Vorfreude erfüllten ihn mit Macht. Das Gefühl war so intensiv, dass es fast sexueller Erregung glich. Vor seinem inneren Blick tauchten plötzlich Erinnerungsbilder auf: schwarze Spitze auf blasser Haut und ein Paar großer blauer Augen …

„Auf dem Zettel stand was?“, hakte Cara scharf nach.

„Nichts als Blödsinn“, antwortete Annie und versuchte ein wenig Ordnung auf ihrem Schreibtisch zu schaffen. „Ich begreife einfach nicht, wieso die Polizei so etwas ernst nimmt.“

„Wenn sich jemand die Mühe macht, dich so nachdrücklich zu warnen – und ein Stein, der durchs Fenster fliegt, ist eine ziemlich nachdrückliche Warnung –, dann sollte das vermutlich schon ernst genommen werden“, gab Cara verärgert zurück.

„Ja, vielleicht schon, aber mussten sie unbedingt das FBI einschalten? Weißt du, die FBI-Agenten waren verflixt schnell hier. Ich frage mich, ob sie nicht irgendwie dahinterstecken. Sieh mal, sie schikanieren mich seit geraumer Zeit, wie und wo sie nur können. Da traue ich ihnen durchaus zu, dass sie mir einen Stein durchs Fenster werfen.“

„Mit einem Zettel, auf dem steht: ‚Bereite dich auf deinen Tod vor‘?“ Cara schüttelte den Kopf. „Das bezweifle ich, Annie.“

„Und ich hege ernsthafte Zweifel daran, dass eine Gruppe amerikanischer Ureinwohner zu solch unsinnigen Drohungen greifen würde. Selbst radikale Randgruppen täten das nicht. Soll das FBI ruhig ermitteln, aber ich halte das für Zeitverschwendung.“ Annie ließ sich in ihren Stuhl zurücksinken. Ihre blauen Augen schauten müde und erschöpft. „Es ist nur so, dass ich schon mehr als genug um die Ohren habe und den FBI-Zirkus drum herum nicht auch noch gebrauchen kann. Weißt du, sie wollen mir Personenschutz geben. Rund um die Uhr. Ich würde das eher als Überwachung bezeichnen. Deshalb habe ich ihnen auch gesagt, dass ich ihren Schutz nicht brauche und allein auf mich aufpassen kann. Nein, danke.“

„Ich schätze, du hast ihnen nicht gesagt, dass der Hauptverdächtige ein Geist namens Stands Against the Storm ist“, meinte Cara. „Vielleicht hätten wir die Ghostbusters rufen sollen, statt uns an die Polizei zu wenden.“ Sie stimmte den bekannten Titelsong des Films an.

Annie lachte, kramte nach einem handlichen Gegenstand auf ihrem Schreibtisch, den sie nach ihrer Freundin werfen konnte, und entschied sich für einen abgebrochenen Bleistift.

Cara wich dem Wurfgeschoss mit Leichtigkeit aus und lächelte amüsiert. „Wenn ein Geist als Hauptverdächtiger noch nicht abgedreht genug ist, kann man ja jederzeit auf die Diné-Hexen ausweichen.“

Annie schloss müde die Augen. „Wie ich sehe, hast du inzwischen die Hintergrundinformationen gelesen, die ich dir zusammengestellt hatte.“

„Gestern Abend lief nicht eine einzige Wiederholung von ‚Zurück in die Vergangenheit‘, also hatte ich ein bisschen Zeit. Faszinierendes Material. Besonders gefallen hat mir die Vorstellung der Diné, dass manche Menschen, die tagsüber als ganz normale Zeitgenossen erscheinen, in Wirklichkeit Hexen sind, die Menschen und Tiere verzaubern und Chaos anrichten können. Natürlich handelt es sich um ganz besondere Hexen. Sie können sich nämlich bei Bedarf in riesige Wölfe verwandeln, die auf der Suche nach Beute durch die Gegend streifen. Wirklich nett.“

„In den meisten Kulturen gibt es die Vorstellung von Geschöpfen der Finsternis“, erwiderte Annie. „Werwölfe sind ja auch nichts Neues.“

„Ja, schon, aber diese Werwölfe sind Nachbarn, ja sogar Verwandte“, widersprach Cara. „Und sie fangen mit ihrer Hexerei an, wenn sie jemandem den Wohlstand oder das Glück missgönnen oder … He, das ist es!“ Cara feixte. „Pfeif das FBI zurück. Ich habe alles durchschaut. In Wirklichkeit ist Alistair Golden eine solche Hexe, und er hat dich mit einem grässlichen Fluch belegt, weil du anfängst, ihm zu viel Konkurrenz zu machen. Obwohl ich ihn mir eher als Werwiesel vorstellen kann denn als Werwolf.“

„Deine Theorie hat ein Riesenloch“, warf Annie ein. „Golden ist kein Diné.“

„Da ist was dran.“ Cara musterte Annie und nahm besorgt wahr, wie blass und müde ihre Freundin aussah. „Der Typ, der das Fenster repariert, braucht bestimmt noch eine Stunde oder länger“, fuhr sie fort. „Warum gehst du nicht nach oben und gönnst dir ein bisschen Schlaf? Ich kann solange die Stellung halten.“

Das Telefon klingelte.

„Das ist bestimmt für mich. Ein Anruf aus Dallas“, sagte Annie. „Ich habe bei Ben Sullivan angerufen, aber der ist zurzeit auf einer Ausgrabung in der Türkei und schwer zu erreichen.

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