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Gayles Hamburg

Waldmeisterbowle

Zum hundertsten Mal sah ich auf die Einkäufe, die ich auf meinem Küchentisch aufgereiht hatte. War alles da? Hm, Waldmeister, klar. Die Erdbeeren, eine Vanilleschote, Wodka und zwei Flaschen Sekt warteten nur darauf, zu einer köstlichen Bowle verarbeitet zu werden. Allerdings fehlte zu dem Ganzen noch etwas Entscheidendes: mein Arbeitskollege Ole. Denn nur der kannte das Rezept, welches, so wie er mir noch gestern verraten hatte, ein Geheimrezept seiner Oma war.

Ole und ich arbeiteten seit fünf Jahren für einen Softwareentwickler, der komplizierte Programme für Funkpeiler vertrieb. Aber an die Arbeit wollte ich in diesem Moment nicht denken. Die Bowle stand im Vordergrund und die Fete, für die wir sie vorbereiten wollten. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, zu dieser Party zu gehen, aber Ole hatte mich einfach überredet.

Tja, Ole hatte mich schon zu manchen Sachen überredet. Am Schlimmsten war die Sache mit dem Wildwasserrafting gewesen. Ich wäre fast ertrunken, nachdem sich unser Kanu in den Stromschnellen einfach umgedreht hatte. Aber Ole hatte mich gerettet, aus dem Wasser gezogen und einer Herz-Lungen-Massage unterzogen, inklusive Mund-zu-Mund-Beatmung. Wahrscheinlich wäre ich auch ohne diese Behandlung nicht gestorben, aber es hatte sich gut angefühlt, so umsorgt zu werden. Es klingelte, endlich.

„Mensch, Michi, zieh mal um. Der Fahrstuhl ist schon wieder kaputt, ich krieg keine Luft mehr.“

Atemlos wankte Ole an mir vorbei in die Küche, plumpste auf einen Stuhl. Er übertrieb natürlich maßlos, wohnte ich doch nur im dritten Stock, aber im Altbau. Hamburgs Altbauten zeichneten sich durch hohe Decken aus, was einen Rückschluss auf die Treppenhäuser zuließ. Trotzdem erschien mir Oles Reaktion unangemessen.

„He, Tiger, stell dich nicht so an“, sagte ich daher und nahm zwei Bier aus dem Kühlschrank.

Getreu der Devise Hägars, des Schrecklichen, trank ich nie, bevor die Sonne nicht den Rahmast unterschritten hatte. In Ermangelung desselben maß ich die Sonne an den Bäumen im Innenhof. Ein Blick aus dem Fenster verriet, dass ich noch drei Minuten warten musste.

„Gib her, Alter“, sagte Ole und griff nach einer Flasche.

Sollte ich erwähnen, dass Ole die Devise egal war? Mir jedenfalls nicht, und so stellte ich meine Flasche auf den Tisch und reichte meinem Kollegen einen Flaschenöffner, mit dem der sein Bier aufhebelte und einen tiefen Schluck nahm.

„Sag an, Michi, alles besorgt?“

Ich nickte und sah erneut aus dem Fenster. Die Sonne stand immer noch nicht richtig, aber ich griff jetzt nach meinem Bier und öffnete es. Das kühle Nass rann erfrischend durch meine Kehle und ich fühlte mich endlich nach Wochenende. Nicht, dass es gestern nicht auch so gewesen wäre, aber jetzt, in Oles Gesellschaft, fühlte ich mich besser. Es hatte Zeiten gegeben, in denen dieses Gefühl schon freitags eingesetzt hatte. Aber das lag lange zurück, ungefähr – äh, vier Jahre, drei Monate und sechs Tage. Die Stunden hatte ich nicht gezählt, was ungewöhnlich für mich war. Jedenfalls war es irre lange her, dass ich am Freitag ein anständiges Wochenendegefühl empfunden hatte. Das lag daran, dass seit vier Jahren und – na ja – Anja weg war. Anja? Zur Erklärung: Anja war meine große Liebe gewesen. Wir hatten uns in der Schule kennen gelernt, verliebt und sind gleich danach zusammengezogen. Zehn Jahre hatte ich mit ihr gewohnt, gestritten und geliebt, bis sie mich von heute auf morgen rausgeschmissen hatte. Und warum? Weil sie es nicht länger ertragen konnte, dass ich die Joghurts im Kühlschrank nach Verfallsdatum sortierte. Als wenn das ein Grund wäre. Schließlich sortierte die Schlampe ja ihre Schlüpfer auch nach Farbe, jedenfalls...

„Erde an Michi: Waldmeisterbowle.“

Oles Stimme riss mich aus meinen Gedanken, ich blinzelte und sah aus dem Fenster. Aha. Die Sonne war fast hinter den Bäumen verschwunden. Zeit für einen neuen Schluck aus der Flasche.

„Sag mal“, Ole runzelte seine Stirn, „gibt es irgendwas, was du nicht nach irgendeinem beknackten Motto tust?“

„Ja, mich von dir zu beknackten Sachen überreden lassen.“

„Dann sei froh, dass es mich gibt“, Ole trank sein Bier aus und knallte die Flasche auf den Tisch.

Gerade noch konnte ich mich zurückhalten, bevor ich vorgestürzt wäre, um nach dem Wischlappen zu greifen. Die Flasche würde einen Rand auf dem Tisch hinterlassen. Aber Oles provozierendes Grinsen hielt mich davon ab, und ich zuckte lässig mit meinen Schultern.

„Bin ich doch, glaub mir.“

Ole lächelte. Wenn mein Kollege sein Gesicht zu diesem ganz speziellen Lächeln verzog, ging die Sonne auf. Im übertragenen Sinne natürlich. Aber der Raum wurde heller, und ich fühlte mich gleich besser. Als wäre alles leichter, einfacher.

„Also, wo sind hier die Messer?“ Voller Tatendrang stand Ole auf und öffnete die Schubladen meiner Küchenzeile.

Dabei stand ich ihm im Weg, also schob er mich beiseite. Wir waren schon oft zusammen unterwegs gewesen, hatten gezeltet, die besagte Wildwassertour gemacht und uns immer wieder berührt. Aber es war immer klar platonisch gewesen, nie ein Anzeichen von etwas anderem. Jetzt umfasste er meinen Oberarm, sein Daumen streichelte mich sanft, dann schob er mich beiseite.

Irritiert sah ich aus dem Fenster. Aha. Die Sonne war untergegangen. Ich trank mein Bier aus. Ole hatte inzwischen die Schublade mit den Messern gefunden und hielt ein großes Exemplar hoch.

„Geil, das ist wie in Halloween. Wenn ich jetzt Michael Myers wäre, ich würde dich abstechen.“

Spielerisch fuchtelte er mit dem Messer herum, versetzte mich in Angst und Schrecken. Auch der Ausdruck seiner Augen war merkwürdig. Irgendwie – sahen sie dunkler aus als sonst. Ich schluckte.

„Ole, lass das.“

„Entschuldige, meine spielerische Natur“, Ole grinste und griff nach einem Brett, das er auf den Küchentisch legte.

Ich rettete die Bierflasche und brachte sie in den Flur, wo die passende Kiste stand. Das Versenken der Flasche in die richtige Öffnung empfand ich als tief befriedigend, wie ein Kind, das einen Bauklotz in eine passende Lücke schob. Zurück in der Küche empfing mich der Duft von Waldmeister.

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