Logo weiterlesen.de
Gayle Feste

Sissi Kaipurgay

Gayle Feste

1. Biikebrennen 2. Valentinstag 3. Pfingsten





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Biikebrennen


Schon lange bin ich in Jens verliebt. Der attraktive Kerl will mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Als er mich dann einlädt, zum Biikebrennen mit nach Amrum zu kommen, schlage ich zu. Das Bett ist klein, das Zimmer auch. Das Feuer brennt - in mir und vor dem Feuerwehrhaus. Aber als ich denke, alles ist gut - passiert es und ich muss mich selbst neu ordnen...



***

Luigi



Wieso hatte ich mich bloß von Jens überreden lassen, mit ihm nach Amrum zu fahren? Es war arschkalt auf der Fähre, so dass wir uns gezwungen sahen tote Tante zu trinken, bis uns wärmer wurde. Der heiße Kakao mit dem Rum tat schnell seine Wirkung, mir wurde mehr als warm.
Das war nicht gut. Ohnehin spürte ich bei dem Anblick meines Gegenübers immer dieses verheerende Ziehen im Bauch. Jens war genau mein Typ, kleiner als ich, blond und schmal. Wir arbeiteten jetzt seit drei Monaten in der gleichen Firma, und ich hatte mich schon am ersten Tag in ihn verliebt. Leider hatte ich keine Ahnung, ob er so wie ich auf Männer stand. Sein Verhalten war merkwürdig reserviert, deshalb war ich auch überaus erstaunt gewesen, als er mich zu diesem Wochenendtrip eingeladen hatte.
„Weißt du eigentlich, was es mit dem Biikebrennen auf sich hat?“
Jens Stimme holte mich in die Gegenwart zurück. Ich schüttelte den Kopf.
„Früher war das die Verabschiedung für die Walfänger und – so wird sich erzählt – gleichzeitig das Zeichen für die dänischen Männer am Festland, dass die Frauen jetzt wieder allein waren, und Hilfe auf dem Hof und bei ‚anderen Dingen‘ benötigten“, Jens kicherte.
„Aha“, sagte ich geistreich, war ich doch immer noch mit der Frage nach seiner sexuellen Ausrichtung beschäftigt.
„Der einundzwanzigste Februar ist der Tag, an dem der Winter verabschiedet wurde“, fuhr Jens fort, „die Saat wurde geschützt, weil man mit dem Feuer die bösen Geister vertrieb.“
„Ob man mit Feuer auch noch andere Sachen vertreiben kann?“, sinnierte ich.
„Was denn zum Beispiel?“
Jens schlürfte von seiner toten Tante und sah mich über den Becherrand neugierig an.
„Hab jetzt nicht an etwas Bestimmtes gedacht“, log ich, wobei ich an meine Verliebtheit dachte.
„Aha“, murmelte Jens und senkte die Wimpern.
Sein Gesicht war fein gezeichnet, seine Wimpern sündhaft lang. Am liebsten hätte ich hineingebissen. Jens hatte blaue Augen und trug seine blonden Locken etwas zu lang, mir gefiel es aber. Alles gefiel mir an dem Kerl, auch sein geiler Knackarsch und vor allem seine schlanken Finger. Wie es wohl aussehen würde, wenn er sie um meinen Schwanz schloss?
„Wir sind gleich da“, er winkte dem Kellner, der dienstbeflissen herangeeilt kam.
Jens lud mich ein und ich wehrte mich nicht lange. Wir verdienten beide gut, er konnte es sich leisten. Langsam folgte ich ihm runter zum Gepäckraum, schulterte dort meine Tasche und sah neugierig aus dem Fenster. Es dämmerte bereits, nur die Lichter der Straßenlaternen und des Fahrkartenhäuschens waren zu erkennen. Die Fähre wendete jetzt, ihr Bug näherte sich dem Anleger in Zeitlupe, dann rummste es und ich musste mich an Jens festhalten, um nicht zu Boden geschleudert zu werden.
„Ob der Kapitän auch betrunken ist?“
Ich grinste Jens an und ließ den Ärmel seiner Jacke los.
„Och, ich hab‘s schon schlimmer erlebt“, er grinste zurück, stieß die Tür zum Autodeck auf und trat hinaus.
Eine eisige Windbö trieb mir Tränen in die Augen. Ich zog die Kapuze meiner Jacke hoch und folgte Jens, der zielstrebig über die Brücke lief. Eine rundliche, kleine Dame kam ihm lachend entgegen und schloss ihn in ihre Arme. Das musste Tante Elvira sein, dachte ich, dann wurde auch ich an ihren Busen gedrückt.
„Das ist Luigi“, stellte mich Jens vor, „und das ist Elvira, meine Ersatzmutter.“
„Wohl eher Ersatzoma“, lachte Elvira und kniff ihm in die Wange.
Jens verzog das Gesicht und warf mir einen verlegenen Blick zu, bevor er mit Elvira ein Fahrzeug ansteuerte, hinter dessen Lenkrad ein mürrischer Kerl mit Pfeife im Mundwinkel hockte. Beim Klabautermann, das musste ein waschechter Seebär sein. Jedenfalls sah er mit seiner wettergegerbten Haut und dem Kinnbart genau so aus, wie ich mir solchen Kerl vorstellte.
„Hallo“, sagte ich, als ich auf den Rücksitz kletterte.
Der Pfeifenraucher brummte irgendwas und startete den Motor. Ich schaute aus dem Seitenfenster, betrachtete die Häuser, an denen wir vorbeifuhren. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass wir uns auf einer Insel befanden, hätten wir in jedem beliebigen Dorf sein können. Die Häuser waren größtenteils schmucklose Neubauten, bis auf wenige gut erhaltene Gebäude, die Fachwerk oder Stuck aufwiesen.
„Wittdün ist nicht besonders schön, aber du solltest mal Nebel sehen“, raunte mir Jens ins Ohr.
Mir stellten sich die Nackenhaare auf, sein Atem blies über meine Haut und ich konnte seinen Duft riechen. Zitrone, Erde und Leder, eine irritierende Mischung.
„Wo ist denn dieses Feuer?“
Meine Stimme verriet zum Glück nichts von dem Aufruhr, der in mir stattfand.
„Hinter der Stadt auf der großen Wiese vor dem Feuerwehrhaus“, kam es von Elvira, die vorn neben dem Seebären saß
„Hoffentlich spielt nicht wieder das Jugendblasorchester“, murmelte Jens.
Wir waren inzwischen an einem großen Haus angekommen, vor dem drei schwarze Vans parkten. Der Seebär lenkte in eine Auffahrt und stellte den Wagen direkt neben dem Haus ab. Hier wurde der Wind von dichten Tannen abgemildert. Ich stieg aus und umrundete das Auto, wobei mir Jens meine Tasche in die Hand drückte, die er aus dem Kofferraum genommen hatte.

Im Flur hörte ich lautes Stimmengewirr aus einem Raum dringen, während uns Elvira bis zu einer Treppe geleitete und Jens einen Schlüssel in die Hand drückte.
„Hier, mein Junge, ich hoffe es stört euch nicht, ein Zimmer zu teilen.“
„Für mich ist das okay“, sagte Jens und warf mir einen fragenden Blick zu, „was sagst du?“
„Kein Problem“, log ich.
Jens rannte bereits die Stufen hoch, ich folgte und warf in dem Raum, den wir uns teilen würden, meine Tasche auf den Boden. Das Bett war nur einen Meter vierzig breit. Ich schluckte. Es würde eine harte Nacht werden.
„Ich denke, wir sollten bald losgehen“, Jens wühlte in seinen Sachen und beförderte eine Pudelmütze ans Tageslicht, deren Farbe mich erschauern ließ. Signalgrün, oder war es Neongrün?
„Meine älteste Mütze“, er stülpte sie grinsend über und zog eine Grimasse, die mich zum Lachen brachte. „Zieh nichts an, dass du hinterher noch benutzen willst. Es wird – schmutzig.“
„Schmutzig?“
Konnte Jens Gedanken lesen? Meine waren sehr dreckig, trotz der Mütze. Er könnte sie aufbehalten, wenn ich mir sein Beine über die Schultern legte, und…
„Ja, wir werden wohl Ruß ins Gesicht geschmiert bekommen“, Jens griff nach seiner Jacke und ging zur Tür, „kommst du?“
Was für ein merkwürdiger Brauch. Ich nahm meine dicke Winterjacke, schlang einen Schal um den Hals und trabte hinter ihm her die Treppe runter. Das Stimmgewirr wurde immer lauter, eine Tür ging auf und ich wurde fast erschlagen von dem Lärm, den die sechs anderen Gäste verursachten.
„Weißt du noch, Theo? Die Verwechslung? Echt, was haben wir gelacht“, sagte eine tiefe Stimme.
Ich bog um die Ecke und blieb blinzelnd im Türrahmen stehen. Jens hatte sich schon ins Getümmel gestürzt, wurde geherzt und umarmt. Was war das denn? Zwei Kerle, die sich wie ein Ei dem anderen glichen, zum Glück aber verschiedene Klamotten trugen. Ein kleiner Typ mit verwuscheltem, braunem Haar und ein anderer mit blonden Locken, dazwischen eine schmale Frau und ein weiterer Hüne mit blondem Haar. Testosteronhausen auf Amrum, war ich ihm Kino?
„Das ist Luigi“, Jens war fertig mit der Begrüßung und winkte mich heran.
Unsicher betrat ich den Raum, schüttelte eine Hand nach der anderen. Die Namen schwirrten in meinem Kopf. Theo, Samuel, Sebastian, Nick, Alexandra und Oliver. Das würde ich mir nie merken können.
„Schön dich kennen zu lernen, Luigi“, die Frau – okay, es war Alexandra, das war wenigstens sicher – lächelte mich an.
„Ja, ich freu mich auch“, sagte ich lahm.
„Hinsetzen, Kinder“, Elvira kam hereingeflogen, ihre Kittelschürze mit Rosendruck wehte im Fahrtwind. „Es gibt Essen.“
Sie stellte eine riesige Terrine auf dem Tisch ab und warf Theo einen scharfen Blick zu, der sofort parierte und ihr in die Küche folgte. Wahnsinn. Elvira hatte diese Hengste voll im Griff. Staunend beobachtete ich, wie die Männer den Tisch deckten und der kleinen Frau zur Hand gingen. Im Nu war alles vorbereitet, gesittet nahmen die wilden Kerle Platz.
„Beeindruckend, nicht wahr?“
Jens setzte sich neben mich und grinste, er trug noch immer diese fürchterliche Pudelmütze.
„Sehr“, ich packte den Pompon und zog ihm das Ungetüm vom Kopf.
„He, ich hatte gerade so schön warme Gedanken“, Jens griff nach dem Ding und stülpte es wieder über.
Konnte es sein, dass er mit mir flirtete? Unmöglich. Ich konzentrierte mich auf die dicke Bohnensuppe, die Elvira vorzüglich hinbekommen hatte. Sie schmeckte ein wenig süßsauer, einfach ein Gedicht. Es herrschte eine wohltuende Stille während der Mahlzeit, nur unterbrochen von gelegentlichen Stoßseufzern. Nacheinander warfen wir das Handtuch, lehnten uns zurück und ließen das Essen sacken.
„Nun, Kinder, seid ihr satt?“
Der Wirbelwind kam in die gute Stube, sah sich um und stemmte die Hände in die Hüften. Elviras Blick war gütig, verweilte auf jedem der Gäste und schließlich auf mir, mit einem wissenden Lächeln. Sie sah Jens an und ihre Augen verrieten, wie sehr sie ihn liebte.
„Gut, keine Antwort ist auch eine Antwort“, sie klatschte in die Hände, drei Männer sprangen auf.

„Sag mal, Elvira, hat die irgendwas ins Essen gemischt, dass die Kerle so auf sie reagieren?“
Ich hatte Jens leise ins Ohr geflüstert, während wir zitternd den kurzen Weg zum Biikefeuer zurücklegten. Hinter und vor uns liefen die anderen, alle dick eingepackt. Ich war der einzige ohne Mütze und fror erbärmlich.
„Keine Ahnung. Sie hat eben die nötige Autorität, die wir Männer so dringend brauchen“, Jens grinste mich kurz an, seinem Mund entwich eine weiße Wolke.
„Brauchen wir die?“
Ich hätte so gern seine Hand gehalten, allerdings waren meine tief in meinen Jackentaschen vergraben. Keine Handschuhe. Vor und hinter uns herrschte Händchenhalten, der Anblick weckte schon wieder tiefe Sehnsucht in mir.
„Klar“, Jens lachte laut auf, „wir wissen doch sonst nicht, was zu tun ist.“
„Ach so“, murmelte ich ohne zu verstehen, was er meinte.
Endlich hatten wir das Feuer erreicht. Kinder liefen umher, es war ja auch gerade erst sieben Uhr, trotzdem schon finstere Nacht. Eines der Bälger tauchte unvermittelt vor mir auf und winkte mit dem Zeigefinger. Ein süßes, blondes Mädchen. Ich beugte mich lächelnd runter und – patsch – hatte ich ihre Hände im Gesicht. Verdutzt kam ich hoch, das Miststück rannte kreischend weg.

Would you like to know how the story ends?

Buy "Gayle Feste" in your preferred e-book store and continue reading:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Enjoy your reading!



Kaufen






Teilen