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Global Dawn 2

Vorwort

Lieber Leser,

vielen Dank, dass Sie sich für dieses Buch entschieden haben. Wie Sie dem Titel entnehmen können, handelt es sich dabei um die Fortsetzung meines ersten Romans Global Dawn Die Abtrünnigen. Beide Romane haben einen choralen Charakter. Das bedeutet, dass es zwar Spitzenfiguren gibt, doch keinen Protagonisten als einsamen Wolf gegen den Rest der Welt oder so ähnlich. Hinzu kommt, dass die Verflechtungen von Zeit, Ort und Handlung unmittelbar an diejenigen von Band 1 anknüpfen. Empfehlenswert wäre deshalb, erstmal Global Dawn Die Abtrünnigen zu lesen.

Es ist nicht meine Absicht, Sie zu etwas zu zwingen oder unlautere Verkaufstricks einzusetzen. Ich bin sicher, Sie machen keinem Autor eines Zweiteilers oder einer Trilogie diesen Vorwurf.

An dieser Stelle sei gesagt, dass meine Helden sogenannte normale Leute wie Sie und ich sind, die bereits im ersten Roman mit Ereignissen konfrontiert worden waren, die über ihre Köpfe hinweg zu wachsen schienen. Trotzdem oder vielleicht deshalb mussten sie handeln. Wenn Sie hier Helden mit Namen wie John, Jack, James etc. suchen, dann werden sie möglicherweise enttäuscht sein. Nur einer trägt einen solchen Namen. Die Hauptfiguren stammen alle aus mitteleuropäischen Ländern und das macht sie noch authentischer, zum Greifen nah.

Zug der Entscheidung

Die Zugfahrt schien unendlich zu sein. Wenn man auf eine wichtige Rückmeldung wartet, kann einem selbst die Fahrt von der bayerischen Landeshauptstadt in die Provinz wie eine halbe Ewigkeit vorkommen. Christine versuchte, ihrer Anspannung durch konstantes, rhythmisches Fingertrommeln auf das Holzbrett entgegenzuwirken. Vergeblich. Freunde, Verwandte und ehemalige Kollegen, mit denen sie trotz der Ferne regelmäßig Kontakt pflegte, hatten ihr geraten, ihre Erwartungshaltung nach unten zu schrauben. Sie wollte nicht auf sie hören. Voller Optimismus hatte sie sich um die Stelle beworben, die ihr ganzes Leben verändern würde. Alle hatten schon die Miene verzogen, als sie Jahre zuvor angekündigt hatte, mit ihrem Mann nach Niederbayern ziehen zu wollen. »Den Sprung ins Neuland, zu den Hinterwäldlern, verkraftest Du nie!«, hatte sie sich beinahe täglich anhören dürfen. Recht hatten sie alle! murmelte sie nun auf dem Weg nach Hause.

Christine stammte aus einer aufgeklärten und toleranten Familie aus Norddeutschland. Wie es der Zufall wollte, war sie einem Chemiker begegnet, der sich mitten auf der Karriereleiter bei einem der weltweit bedeutendsten Konzerne befand. Zumindest sie nannte ihn Chemiker. So unmöglich es zu sein schien, hatte sie sich in diesen Mann mit kurzer, prägnanter Ausdrucksweise aus dem Süden der Republik verliebt. Dazu kam die Annehmlichkeit, dass Franz Xaver aus einer vermögenden Familie stammte, deren Eigentum allerdings nah am Bayerischen Wald lag. »Wir werden neu anfangen, zusammen.«, hatte er ihr versprochen. Er hatte versucht, ihr die Skepsis vor einem Leben weg von der Großstadt zu nehmen. Aus einem für sie nicht nachvollziehbaren Grund hatte Franz Xaver seine Stelle plötzlich aufgegeben und eine neue bei einem kleinen Labor in der Nähe seiner Heimat bekommen. Christine hielt dies für eine dumme Entscheidung, doch sie gab ihrem Mann aus Liebe einen Vertrauensvorschuss, der nun dahinschwand, zusammen mit der Liebe.

Es vergingen Stunden der Monotonie in dem Regionalzug. Endlich klingelte das Mobiltelefon. Christine hatte sehnsüchtig auf das Erscheinen dieser Nummer auf dem kleinen Display gewartet. Für einen Bruchteil von Sekunden strömten tausende Gedanken durch ihren Kopf. Dann nahm sie den Anruf entgegen: sie hatte den Job ihres Lebens zugesichert bekommen. Die Personalleiterin am anderen Ende der Leitung versicherte ihr die Zusendung des Arbeitsvertrages binnen wenigen Tagen. Christine konnte ihr Glück kaum fassen, wollte schreien, unterdrückte aber ihre Freude, um nicht aufzufallen. Dem anfänglichen Enthusiasmus folgte nun Unsicherheit. Christine sank ihre Augen und begann, ihren Bauch zu streicheln. Es gibt keinen Ausweg: entweder mein Leben oder dieses Kind! dachte sie. Sie schaute sich um. Ihre Gedanken kamen ihr so laut vor, dass sie befürchtete, andere Fahrgäste würden ihr Gemüt und ihre Lage intuitiv begreifen. Die Aussicht auf den Job hatte für sie einen Befreiungscharakter: endlich weg von Wald und Wiese und auch von einem sturen Mann, der den Weg in die Karrierelosigkeit freiwillig gewählt hatte.

Was tun aber mit dem Kind? Der Firma war ihre Schwangerschaft bekannt, doch sie hatte überraschenderweise keine Probleme damit. Im Gegenteil: ihre künftige Vorgesetzte, die Französin Chenille, hatte beim Vorstellungsgespräch den Eindruck vermittelt, Christine unbedingt im Team dabei haben zu wollen, und ihr alternative Lösungen für ihr ungeborenes Kind angeboten. Die Frau mit markanter Stimme strahlte Vertrauen aus, zumindest für Christine, weit mehr als ihr eigener Mann.

Ein Ruck und ein lautes Quietschen der Zugbremsen rissen Christine aus ihren Gedanken. Die Zugfahrt war zu Ende. Mit ihrem schweren Koffer und der Last unter ihrem Herzen zwängte sie sich durch den engen Korridor, verließ den Zug und machte sich auf zum Parkhaus, wo ihre Limousine stand. Jetzt nur noch die halbe Ewigkeit bis zum Bauernhof, dachte sie und stieg in den Wagen.

Endlich war sie zu Hause angekommen.

Sie steckte den Schlüssel in das Schloss der großen Eichentür und betrat die Schwelle.

»Hat es sich gelohnt, diese kleine Weltreise auf sich zu nehmen? Und das auf Risiko unseres Kindes?«

»Meines Kindes, bitteschön! Und ja, ich habe die Stelle, den Job meines Lebens! Ein Verzicht kommt für mich nicht in Frage, egal was Du sagst.«, konterte Christine ihrem Mann ins Gesicht.

Franz Xaver war fassungslos und dachte sofort an eine Abtreibung. Sie unterbrach ihn nach der ersten Silbe: »Keine Sorge! Madame Chenille hat sehr wohl einen Ausweg für mich und für den Kleinen parat und ich habe zugesagt. Mein künftiger Arbeitgeber ist ein fortschrittlicher Betrieb und unterhält Einrichtungen für Kinder. Mein Toni wird sich dort wohl fühlen und vor allem eine moderne Erziehung genießen, zukunftsorientiert.«.

»Was heißt modern und zukunftsorientiert? Hier ist er dahoam! Ich bin mit dieser ganzen Geschichte gar ned einverstanden! Und wie vertrauenswürdig ist denn diese Chenille?«, brüllte er ihr entgegen.

Christine wurde zornig, mehr als in den mittlerweile üblich gewordenen Streitgesprächen: »Dahoam sagst Du! Hier ist gar nichts für ihn und auch für mich, bis auf einen rückwärtsgewandten Mann, der seine Karriere über Bord geworfen hat und nun in einem unbekannten, namenlosen Labor arbeitet! Ja, bis in die Puppen! Reden wir noch gar nicht von Deiner Hilfsbereitschaft als Möchtegern Tierarzt. Und falls Du es vergessen hast, bin ICH die Mutter! Ich treffe Entscheidungen für mein Kind, alleine. Zum Glück ist das Recht auf meiner Seite.«.

Franz Xaver spürte, dass dies der letzte Streit mit seiner Frau sein würde. Sie war dabei, alles, was er für sie und für ihren gemeinsamen Sohn aufgebaut hatte, wegzuwerfen, als ob es Dreck wäre. Doch er wollte versuchen, zumindest seinem Sohn zu liebe, sie zu überzeugen, ihn da zu lassen, bei seinem Vater.

»Damit er mit Kühen spricht und zum Hinterwäldler heranwächst? Damit er wie Du eine Chance nach der anderen verpasst, lieber Pionier der Chemie? Niemals! So dumm wie sein Vater, ja wie Du, wird mein Toni nicht werden.«

»Genetiker bin ich, Christine. Ich bin Genetiker und Biochemiker. Aber Du hast es nie kapiert, wolltest nie kapieren. Du sprichst von Karriere? Nach einigen Jahren in dem so tollen Konzern war alles, woran ich gearbeitet hatte, blockiert worden, dann vom Gesetzgeber verboten. Was hätte ich Deiner Meinung nach tun sollen? Weiterarbeiten, als ob nichts gewesen wäre? Ist das die versäumte Karrierechance, von der Du ständig sprichst, seit wir hier sind?«.

Christine dachte in erster Linie an den Gehaltszettel, der bei ihrem Mann zur Zeit seiner Karriere einige angenehm zu betrachtende Nuller aufwies. Der Rest interessierte sie nicht. Jetzt hatte sie die Chance, ihren als Last empfundenen Mann zu übertreffen und ihn letztendlich loszuwerden. Endlich bald wieder in der Zivilisation! beteuerte sie sich selbst in ihren Gedanken. Doch Franz Xavers Beschluss war richtig. Wenige Monate nach seinem Ausstieg aus dem Konzern, war dieser von der mächtigen Vaxxi AG übernommen worden. Die neue Muttergesellschaft hatte unmittelbar nach der Übernahme einen neuen Kurs eingeschlagen, nach Plan.

Und schon vier Wochen später war es soweit. Leb wohl, mein lieber Toni! Für Dich kann ich nichts mehr tun. Meine einzige Hoffnung ist, dass Du glücklich aufwächst, auch ohne Vater. Wir werden uns nie im Leben begegnen. Franz Xaver weinte, als er diese letzten Worte aussprach. Christine war es egal. Sie stieg in die Limousine. Ohne sich noch einmal umzusehen, verließ sie Mann und Haus.

Der Blick in die Zukunft

Ist das die Gesellschaft der Zukunft? Ich kann kaum glauben, dass sich dieser Plan ausgerechnet hier in Europa, in Deutschland realisieren lässt. Die vier Monate nach Antritt der Stelle bei Madame Chenille hatten Christines Leben und ihre Einstellung dazu maßgeblich verändert. Seit ihrer Jungend war Christine schon immer als Aktivistin unterwegs gewesen, allerdings amateurmäßig in ihrer Freizeit, zusammen mit dem einen oder anderen linksgerichteten Kreis. In der Zeit als Volontärin und dann als Journalistin in einer Regionalzeitung hatte sie gelernt, dieses Medium als Vehikel zur Verbreitung fortschrittlicher Ideen einzusetzen. Denn es ging ausschließlich um Verbreitung übernommener Meldungen aus Nachrichtenagenturen, mit einer gewissen Brise Farbe (aus der Bandbreite der Rottöne), die unterschwellig den Leser zu beeinflussen vermochte. Doch hier, in diesem Unternehmen, das keines war, lernte sie gerade die Kunst des professionellen Meinungsmachers, des Influencer ante litteram. Einerseits freute sie sich, von Gleichgesinnten umgehend zu sein. Andererseits waren ihr diese weit voraus: sie kam sich konservativ vor, nahezu spießig. Zum ersten Mal in ihrem Leben, zu Beginn des angebrochenen neuen Jahrtausends, prägten Begriffe wie Gender und die Theorie der 14 Geschlechter ihren Alltag. Ihre Kolleginnen und Madame Chenille wussten, Christines Talent und Mühe zu schätzen, bemitleideten sie aber bei jedem Blick auf ihren Bauch.

»Bald ist es soweit. Oder täusche ich mich, meine liebe Christine?«. Sie hob den Kopf und starrte mit offenem Mund auf eine posierende Chenille. »Ich weiß, dass Sie sich Sorgen machen. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben, vor den Schmerzen, meine ich.«, beteuerte Chenille. Ihr Blick auf Christines Bauch wurde gierig. »Unsere Ärztinnen setzen ein bewährtes Mittel ein, das der gebärenden Frau alle Unannehmlichkeiten der Entbindung erspart. Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter! Finden Sie nicht?«. Christine profitierte von Chenilles Atempause: »Mir geht es nicht nur um die Schmerzen, Madame. Ich hatte meinen Sohn aus dem Bauernmilieu mitgenommen, weil er ein besseres, modernes und fortschrittliches Leben verdient. Zusammen mit mir.«.

»Das wird er haben, Christine, aber nicht zusammen mit Ihnen. Haben Sie die Klausel 23 gelesen? Hoffentlich wenden Sie sich jetzt nicht der Rückständigkeit zu und glauben, irgendeine Selbstverwirklichung als Mutter zu erreichen? Hier wird Geschichte geschrieben und erlebt: die Geschichte der toleranten, offenen Gesellschaft von morgen. Unsere Wohltätigkeitseinrichtung genießt das Privileg, von mächtigen Sponsoren unterstützt zu werden, muss aber liefern. Wir können nicht modernes Leben predigen und dann eine ewiggestrige Idee wie die Mutterschaft unterstützen! Für ihren Sohn habe ich bereits vorgesorgt. Er wird bei unserer Schwesterorganisation Kinder der Zukunft aufwachsen und unsere bunten Ideen selbst verkörpern und weitergeben. Oder vielleicht adoptiert ihn eine tolerante Familie, deren Kern zumindest eine Mischehe ist.«.

Erst jetzt realisierte Christine, was es bedeutete, sich von ihrem eigenen Kind zu verabschieden. Doch sie vertraute der Frau, die ihr die größte Chance ihres Lebens gewährt hatte.

Lieber Franz Xaver, es tut mir wirklich leid, Dir mitteilen zu müssen, dass unser Projekt keine Zukunft hat. Ende des folgenden Monats verlasse ich das Labor undfange im Ausland neu an. Ich bedauere, Dir keine bessere Nachricht geben zu können, aber so ist halt das Leben. Rise to the occasion! Leb wohl. Dein Kumpel Friedrich. Die E-Mail war für Franz Xaver ein Schlag in die Magengrube. Nach dem Abschied seines letzten mitarbeitenden Wissenschaftlers stand er vor den Scherben seines Projekts. Er fühlte sich ausgehöhlt, die Worte seiner ex Frau hallten in seinem Kopf wie ein Lied mit dem Refrain Ich hatte recht! Er stand nun da, ohne Frau, ohne Kind und ohne berufliche Zukunft als eigenständiger Forscher. Wer stellt so einen Versager wie mich ein? murmelte er vor sich hin.

Nach wochenlanger fruchtloser Suche sprang ihm eine unkonventionell gestaltete Stellenanzeige ins Auge: die Armee brauchte dringend Biochemiker. Franz Xaver ahnte, dass es sich nicht um seine große Ambition handelte, die er innerlich schon aufgegeben hatte. Vermutlich geht es hier um Biowaffen oder um deren Abwehr, überlegte er, aber was soll’s! Nach so vielen Versäumnissen in meinem Leben habe ich vielleicht nur noch als Wissenschaftler in Uniform eine Chance.

Er zögerte ein paar Sekunden lang. Die Mail mit dem Betreff »Bewerbung« war noch als Entwurf gekennzeichnet. Dann tätigte er den Senden-Button.

Erfüllter Wunsch

Max kam gerade von der Arbeit nach Hause. Er hörte das Wasser fließen. Seine Frau stand unter der Dusche. Er schaute auf den Umschlag, den er frisch aus dem Briefkasten gezogen hatte. Der Absender - das Sozialisierungsamt - verriet ihm den Inhalt: den ersehnten Bescheid… oder doch eine Ablehnung? Abweisungen und Ablehnungen waren für ihn und für Tanja nichts Neues, doch es ging hier um einen Wunsch, für den sie beide ihr soziales Leben im Netz nahezu vollständig aufgegeben hatten. Er holte ein Messer und öffnete den Umschlag, hielt kurz inne und begann zu lesen. Tanja kam gerade aus der Dusche. Sie hatte ihn nicht hereinkommen gehört. Nun stand sie vor seinem fassungslos glücklichen Gesicht. »Wir werden Eltern, meine Liebe! Diese komische Behörde hat uns für die Adoption als geeignet eingestuft und uns einen Termin gegeben.«

Tanja brauchte ein paar Sekunden, um diese unwirkliche Situation zu verdauen. »Werden wir einen Sohn oder eine Tochter haben, Maxl?«

»Einen Sohn. Wir müssen aber vorher zum ersten Vermittlungsgespräch, zur Nebenstelle des Sozialisierungsamtes, nach Regensburg. Dort werden wir auch zum ersten Mal unseren Sohn sehen dürfen.«.

Sie beide wussten, was das bedeuten würde: in erster Linie um einen Urlaubstag bitten und betteln zu müssen. Aber das ersehnte Glück überstrahlte alle bürokratischen Anstrengungen.

»So, ich darf Sie herzlich in unserer Einrichtung willkommen heißen. Sie sind hier wegen der Adoption. Bevor wir das Gespräch beginnen, bitte ich Sie, Ihre persönlichen Daten noch einmal in das grüne Formular einzutragen. Nur eine Formalie.«. Die Geschäftsbereichsleiterin des Regensburger Sozialisierungsamts musterte die Beiden, während sie mit den schriftlichen Formalitäten beschäftigt waren. Tanjas Formular legte sie in das Ablagefach, ohne es zu lesen. Dann lockerte sie den weißen Kragen, fasste sich in ihr speckiges Haar und wandtes sich Max zu: »Sie heißen also Massimiliano. Schön! Wir wollen für die Kinder der Zukunft eine offene und tolerante Erziehung. Deswegen haben Mischehen oder Regenbogenehen Vorrang beim Auswahlverfahren. Bei Ihnen hatten wir eine Reserve, weil wir fürchteten, Sie wären reaktionär, also katholisch. Mit Erleichterung stellten wir fest, dass Sie als konfessionslos gemeldet sind.«.

Max hatte es schwer, sich zu beherrschen, erwiderte aber lakonisch: »Ich bin Atheist.«.

»Oh wie schön! Atheist wie alle unseren Philanthropen. Eine bessere Wahl hätten wir nicht treffen können!«

»Können wir den Jungen sehen, bitte? Wie heißt er denn?«, fragte Tanja ungeduldig.

»Nicht so voreilig, meine Dame! Erst dürfen Sie einen Blick in die Akte werfen.« Sie musterte Tanja abwertend und überreichte ihr eine Mappe. Max fiel der Code auf dem Umschlag auf: J03RG. »Das ist der wissenschaftliche Name des Jungen«, betonte die Beamtin, »Er ist der dritte Junge dieses Projekts. Und er ist RG, regulär, also unhomosexuell

Während die Geschäftsbereichsleiterin ihrer Logorrhö freien Lauf ließ, hatte es Max schwer zu kaschieren, dass ihm bald der Kragen platzte. Die verbalen Sticheleien gegen seine Frau wurden zunehmend unerträglicher. Doch er musste den ruhigen Part spielen, um das Adoptionsverfahren nicht zu gefährden. Er bediente sich des Klischees des ungeduldigen, temperamentvollen Italieners als Ausrede, um seine Gesichtsentgleisungen zu rechtfertigen. Die Beamtin kaufte es ihm ab. Nach zwanzig langen Minuten war es soweit: die Geschäftsbereichsleiterin ließ den Jungen holen.

Schüchtern stand er in der Türschwelle zum Gesprächszimmer. Der Junge mit einem Code als Namen hatte bisher nur namenlose Pflegerinnen gekannt, die mit ihm nur entsprechend den Vorschriften und den Notwendigkeiten wenige Wort gewechselt hatten. Vom Unterricht abgesehen, hatte er keine zwischenmenschlichen Interaktionsmöglichkeiten, die man nach altmodischer Auffassung als normal bezeichnete. Tanja war entzückt und erschreckt zugleich. Wie kann man mit einem Menschen so umgehen? Mit einem Kind? Wie kann ein Kind ohne Liebe aufwachsen? dachte sie. Max spürte, dass der Junge intuitiv wusste, was ihm fehlte: Liebe und Geborgenheit. Sein Blick verriet, dass er sich danach sehnte. »Komm hierher, mein Sohn!«, polterte Max urplötzlich und brachte seine Frau und die verdutzte Beamtin aus dem Konzept. Noch verstörender empfand sie die Reaktion des Jungen, der mit einem Lächeln voller Zuneigung sofort auf Max zuging, als ob er sein leiblicher Vater wäre. Letztendlich sah die Geschäftsbereichsleiterin darüber hinweg und zog die letzten Papiere aus der Schublade, unterschriftsreif. Was sie gerade beobachtet hatte, lief konträr zu ihrer modernen und toleranten Gesinnung, aber sie war froh, diesen schwer vermittelbaren Jungen loszuwerden.

»Ihren Wunschnamen für diese Kreatur brauche ich bitte!«, forderte sie trocken. Tanja fiel nichts ein.

»Jörg«, bestimmte Max spontan.

»Wie kommen Sie auf so einen germanischen Namen, Massimiliano? Haben Sie nichts Besseres für diese Kreatur?«

»Das haben Sie oder Ihre Kolleginnen in der Akte geschrieben: J03RG, also Jörg. Ich habe lediglich aus 03 ein O mit Umlaut gemacht.«

»Trotzdem! Ist der Name nicht zu sehr deutsch? Mit Umlaut usw., meine ich.«, entgegnete die Beamtin zornig.

»Ach, wenn Sie nach dem gehen, dann haben insbesondere finno-ugrische und altaische Sprachen wie Ungarisch oder Türkisch Umlaute, mehr als germanische Sprachen wie Deutsch oder Schwedisch.«

Max spürte intuitiv, dass die Geschäftsbereichsleiterin keine Ahnung hatte und sich deswegen nicht traute, ihm in einer für sie unübersichtlichen Sachlage zu widersprechen. Letztendlich verlangte sie nur noch die letzten Unterschriften von Tanja und Max. Dann verabschiedete sie das Paar und den Jungen. Alle drei stiegen hastig in Max' alten Geländewagen: sie wollten weg, nach Hause. Jörg hatte es sich vorne auf dem Beifahrersitz bequem gemacht. Er wollte die weite Welt da draußen sehen, starrte auf die Tiere, die sich auf den Feldern am Rande der Landstraße tummelten und wiederholte leise deren Namen. Nach kurzer Zeit traute sich Jörg endlich, Tanja und Max Mama und Papa zu nennen und ihnen Fragen zu stellen: die Fragen, die ein normaler, wissensbegieriger Junge üblicherweise so stellt. Das Eis war nun endgültig gebrochen. Geborgenheit und Liebe fühlt man. Lernen kann man sie nicht.

Mitten auf der Strecke nach Drachselsried schlief Jörg ein. Tanja war tief in ihren Gedanken versunken. Jetzt hatte sie ein Kind, aber was jetzt? Schule? Zukunft? Jede Mutter hat solche Sorgen, doch die Gesamtsituation war nicht mehr normal. Allein die Haltung und die Fragen des Sozialisierungsamtes ihr gegenüber ließen sie eine gefährliche Entwicklung spüren. Es war nicht das, was man von den damaligen alternativen Medien hörte. Diese verbreiteten zwar gute Nachrichten und Analysen der bereits eingetretenen und sich anbahnenden Fehlentwicklungen in Deutschland und in Europa, aber es war immer einfach das Gesagte, das manchmal in einem Meer voller Diskussionen um den heißen Brei unterging. Hier ging es um das Gespürte. Max warf einen Blick in den Rückspiegel und konnte Tanjas grübelnden Gesichtsausdruck nicht übersehen. »Mach Dir keine Gedanken wegen der Schule, mein Schatz! Nicht alle Bildungseinrichtungen sind verseucht und ich habe nicht den Eindruck, dass sich unser Jörg manipulieren lässt.«.

»Woran machst Du das fest?«

»An der Tatsache, dass er die ganze Zeit in dieser furchtbar sterilen und unmenschlichen Umgebung aufgewachsen ist und sich trotzdem normal mit uns unterhält. Ich bin zwar kein Pädagoge, aber das ist echt auffällig… positiv auffällig, meine ich.«

»Meinst Du, er lebt in zwei Welten, zwei Persönlichkeiten?«

»Nein«, erwiderte er schmunzelnd, »Wenn überhaupt, dann hat er den Pflegerinnen der Einrichtung den Psycho, das angepasste Kind vorgespielt. Mit Erfolg, stelle ich fest. Unser Jörg ist schlauer, als sich auf den ersten Blick vermuten lässt.«

Tanja war perplex: »Was gibt Dir die Sicherheit, dass er uns nichts vortäuscht?«

»Seine Augen.«

Tanja beugte sich nach vorne, um ihrem Mann klar und deutlich ins Ohr zu sprechen: »Normalerweise verlässt Du Dich nie auf Dein Bauchgefühl. Was macht Dich diesmal so sicher? Bitte verstehe mich nicht falsch! Ich habe mich sofort in dieses Kind verliebt, aber wenn die Mitarbeiterinnen der Behörde mit ihm so wie mit mir während der Anhörung umgegangen sind, dann… «

»Dann hat er diese grausame Zeit erhobenen Hauptes überstanden und, obwohl er noch ein Kind ist, ist er innerlich reifer als Gleichaltrige, die das Privileg einer Kindheit auf dem Ponyhof haben. Du fragst mich, warum ich mich auf mein Bauchgefühl verlasse? Das tue ich gar nicht. Wenn ich auf diesen Jungen blicke, dann ist es, als ob ich in einen Spiegel sehen würde, den Spiegel meiner Vergangenheit.«

Ich fühle dasselbe, murmelte sie leise, mit verlegenem Blick in die Ferne. Dabei strich sie sanft durch Jörgs Haar. Die Ausfahrt war bereits in Sichtweite.

Die Marschrichtung

»Herr Leutnant, wir warten auf Ihren wissenschaftlichen Bericht. Sie wissen, dass das Ministerium verschärft auf unsere Ergebnisse schaut, neulich nicht nur auf die rein militärischen Ergebnisse. Wir müssen endlich liefern!«.

Seiner Qualifikationen wegen hatte Franz Xaver nach einer kurzen, dennoch intensiven Ausbildungszeit bei der Militärschule den Rang eines Leutnants erhalten. Nur dank seiner körperlichen Verfassung hatte er Drill und Training überstanden. Führungserfahrung hatte er nicht, denn seine Aufgabe war rein wissenschaftlicher Natur. Er salutierte nach Vorschrift, koppelte seinen Laptop an den Beamer und begann mit der Präsentation. Zeit und Möglichkeit für lange Vorträge hatte er nicht. Die Führungsriege seiner Einheit saß geordnet im Saal und forderte eine fundierte, dennoch kurze und verständliche Abhandlung, auch deshalb, weil es um die Genehmigung von Budgets ging und die Entscheider keine wissenschaftliche Sprache verstanden.

»Die Herausforderung auf den Schlachtfeldern der Zukunft ist eine unzutreffende Formulierung. Hier geht es um die Belastbarkeit und die Verwundbarkeit des Menschen in Uniform bereits in der Gegenwart. Der Trend zum Krieg der Materialien, der mit dem Ersten Weltkrieg begann, setzt sich bis heute fort. Drohnen verdrängen den Menschen aus den Operationsgebieten, können diesen aber am Boden nicht ersetzen. Umgekehrt sind Bodentruppen durch ihre körperliche Schwäche und Verwundbarkeit daran gehindert, Schritt mit den Maschinen zu halten. Allein das Gewicht der Ausrüstung nähert sich dem menschlich vertretbaren Limit. Mehr geht nicht!«. Er knallte den zuschauenden Oberoffizieren Folie für Folie die Realität ins Gesicht. Sein Publikum wurde zunehmend ungeduldig: alle hatten die Lage begriffen oder mit Magenkrämpfen schwer verdaut. Nun forderten sie Lösungen.

Endlich kam die erste ersehnte Folie des Lösungsvorschlags zum Vorschein. Doch sie sorgte für Verblüffung und Enttäuschung. »Gehört die Zukunft den Kampftauchern? Oder einfachen Fischern?«, brabbelte das eine oder andere uniformierte hohe Tier. Franz Xaver ließ sich nicht demotivieren: »Schöne Taucherwelt, nicht wahr?«, verkündete er zynisch. »Denken Sie bitte nicht an den nächsten Urlaub am Meer. Für ein bayerisches Urgestein wie mich gleicht so etwas nahezu einem Alptraum. Doch diese kleinen Meeresbewohner liefern uns die Lösung. Platyhelminthes oder einfach Planarien heißen sie.«

»Wollen Sie unsere Soldaten zu wirbellosen, rückgratlosen Tieren machen, Herr Leutnant? Sie haben ab jetzt drei Minuten, um die Kurve zu kratzen. Ansonsten ist Ihre bequeme Karriere als wissenschaftlicher Offizier im Labor mit sofortiger Wirkung beendet. Sie müssen sich dann als echter Soldat behaupten.«, polterte der aufgebrachte Brigadegeneral Wengerl unter den spöttischen Lachkrämpfen der anwesenden hohen Stabsoffiziere.

Franz Xaver begriff den Ernst seiner Lage, übersprang die nächsten fünf Folien und startete das Kurzvideo aus seinem Labor: »Schauen Sie sich mal DAS an, Herr General!«. Er hielt von nun an seinen Feind im Visier. »Die Stärke dieser Tiere ist nicht das Knochenkonstrukt. Wie Sie sehen, wurden zwei Versuchstiere in der Mitte entzweit. Nun schauen Sie sich an, was innerhalb kurzer Zeit passiert ist. Das ist übrigens keine Wiedergabe mit zigfacher Filmgeschwindigkeit, sondern in Echtzeit.«.

Wengerl und die anwesenden Stabsoffiziere verloren ihren Sarkasmus und starrten auf das Geschehen auf der Leinwand, konnten aber den praktischen-militärischen Nutzen des Experimentes nicht ausmachen. Franz Xaver nutzte den Augenblick und setzte fort: »Sie werden sich sicherlich fragen, was uns diese Entdeckung militärisch bringen kann. Lassen Sie mich aber kurz die Grundlage erklären. Es geht hier nicht um die berühmte Echse, der ein neuer Schwanz ohne Knochen nachwächst. Planarien können jedwedes Gewebe nachwachsen lassen und, im Gegensatz zu Tumorzellen, das Wachstum stoppen, sobald dieses nicht mehr notwendig ist. Das ist das Wunder des Proteins namens Notum. Den bisherigen Studien zufolge konnten wir herausfinden, dass auch Neuroblasten – also die Vorläuferzellen der Neuronen – pluripotent sind…«

»Pluriwas, bitteschön Herr Leutnant?!« Wengerl wurde ungeduldig und erinnerte Franz Xaver daran, dass er das gesetzte Zeitlimit überschritten hatte. Wengerl lockerte den Kragen seines Hemdes und setzte sich wieder auf den kleinen, unbequemen Stuhl in der ersten Reihe.

»Pluripotent bedeutet, Herr General, dass einem Soldaten ein amputiertes Bein problemlos nachwächst. Diese Versuchstiere haben aber die nächste Stufe erreicht: die Hyperpotenz. Einem Soldaten, dessen Zellen diese Eigenschaften aufweisen, wächst das Bein nicht binnen Tagen, Wochen oder Monaten nach, sondern innerhalb weniger Stunden.« Er machte eine kurze Pause, startete das nächste Video und fokussierte seinen Blick auf den General und die erste Reihe der zuschauenden Offiziere. »Wie Sie sehen können, habe ich das Experiment mit Mäusen, also mit Wirbeltieren wiederholt. Und schauen Sie sich bitte DAS an!«, dröhnte Franz Xaver selbstsicher. Das sonst obligatorische Zefix! hatte er sich dennoch verkniffen.

Der weißen Labormaus und der wilden Maus, waren nach zwölf bis sechszehn Minuten die abgetrennten Hinterbeine nachgewachsen. Zwei Minuten später konnten die Tiere wieder laufen, als ob nichts gewesen wäre. Knochen, Muskel, Haut, Bindegewebe und Nervengeflecht: es war alles wieder vorhanden. Langsam dämmerte es den Kriegsfachleuten, worauf der Relator hinauswollte. Aus Spott und Ungeduld wurde Interesse, dann verhaltene Begeisterung. Sie betrachteten ihre eigenen Gliedmaßen und ihre Gedanken schweiften ab, auf Bilder von Militärkrankenhäusern der Neuzeit sowie aus Geschichtsbüchern.

»Was ist aber mit den inneren Organen? Funktioniert es auch bei einem Schuss ins Herz? Und in den Kopf?«, warf Oberst Burgenhayn ein. Mit diesen Fragen hatte er de facto das Kommando über alle Offiziere gewonnen, die der Infoveranstaltung beiwohnten.

»Hyperpotenz ist nur der Anfang. Ich habe das Notum so weiterentwickelt, dass es auch auf die mit den Planarien nicht verwandten Lebewesen wirkt. Zwei Dinge sind noch offen, aber es ist keine Frage von können, sondern von dürfen.«, antwortete Franz Xaver, wohl wissend, dass er den fragenden Offizier auf seine Seite gezogen hatte.

»Schießen Sie endlich los! Auf einen derartigen Durchbruch haben wir lange gewartet.«

»Verehrte Kollegen, mit dem nötigen Kleingeld und mit entsprechenden Befugnissen können wir die Regenerationszeit nach schweren Verletzungen auf wenige Minuten verkürzen. Das betrifft auch die Heilung nach biochemischen Angriffen. Damit nicht genug: nicht nur die peripheren Neuronen der Gliedmaßen würden das Gelernte speichern und während der Regeneration an die nachwachsenden Zellen weitergeben. Auch Gehirnzellen könnten es tun.«. Franz Xaver spürte den wachsenden Druck seines Umfelds. Als ob er Gedanken lesen könnte, ahnte er die nächste Frage seines fordernden Publikums.

»Haben wir denn nicht auch mit ethischen Problemen zu kämpfen, Herr Leutnant?«, fragte General Wengerl rhetorisch, als ob er die Antwort bereits kennen würde.

»Ja, haben wir, Herr General. Wir haben seit Jahren erhebliche ethische, doch eigentlich eher politische und wirtschaftliche Probleme auf diesem Gebiet, das ich als Minenfeld bezeichne. Sie wissen offenbar, dass ich in meinem Leben nie etwas mit dem Militär zu tun hatte. Mein ehemaliger Arbeitgeber sollte Ihnen aus meinem Lebenslauf bekannt sein. Nachdem das Budget für meine Forschungen ersatzlos gestrichen worden war, erlosch das Programm selbst. Seit der Übernahme durch die Vaxxi AG liegt der Schwerpunkt auf Impfungen, die ich – mit Verlaub – bestenfalls für Aderlass halte, als Scharlatanerie ansehe.«

Niemand wagte es, sich dazu zu äußern. Franz Xaver sprach weiter: »Unter dem Vorwand der Ethik, also der Ablehnung gegenüber fälschlicherweise definierten Übermenschen mit historischem, negativem Beigeschmack, verbirgt sich das Dilemma für die klassische Pharmaindustrie. Denn die Entwicklung dieser Studie würde einige medikamentöse Behandlungen überflüssig machen, einschließlich Impfungen.«

»Aber die aufs Minimum reduzierte Mortalität würde die schon ohnehin angespannte demografische Situation erheblich verschärfen. Es leben heute schon 7,6 Milliarden Menschen auf dem Globus.«, wandte Burgenhayn vehement ein. Daran hatten die Anwesenden nicht gedacht. Sie fragten sich nun, warum dieser Wissenschaftler so einen einfachen nachvollziehbaren Grund seitens seines ehemaligen Arbeitgebers nicht begreifen konnte oder wollte.

»Haben Sie nie von r-Strategie oder k-Strategie gehört, Herr Oberst? Nicht umsonst hatten ich und mein Team mit sehr vermehrungsfreudigen Tieren experimentiert, und zwar nicht nur mit zwei, drei Exemplaren. Sogar bei Mäusen oder Ratten sank die Geburtenrate. Dennoch stieg die Lebenserwartung sprunghaft. Hinzu kommt eine andere Nebenwirkung: um diese Regenerationsgeschwindigkeit zu erreichen und aufrecht zu erhalten, benötigen die Zellen einen wesentlich stärkeren Energieträger, als das herkömmliche ATP und in der Folge mehr Nährstoffe. Das Problem der Nahrungsknappheit könnte sich verschärfen, nicht das der Überbevölkerung.«

Ohne Mampf kein Kampf, dachte Burgenhayn und wandte sich dem General zu, dessen Gesichtsausdruck verriet, dass er sehr wenig vom bisher Diskutierten verstanden hatte. Doch General Wengerl war der Entscheidungsträger und der Referent gegenüber der Politik. Es galt nun, ihn zu überzeugen. Die Raucherpause war überfällig, da die Köpfe der Anwesenden aufgrund des unbekannten Stoffes qualmten. Burgenhayn reichte Wengerl eine Zigarette und unternahm einen ersten Überzeugungsversuch. Der General folgte ihm aufmerksam, nicht nur deshalb, weil er Burgenhayn für einen echten Soldaten hielt. Doch er konnte seine eigenen Zweifel nicht verbergen, auch die Zweifel an der eigenen Überzeugungskraft gegenüber den politischen Entscheidungsträgern.

»Mal im Ernst, Herr Oberst, wie soll ich unseren zuständigen, inkompetenten Politikern diesen Captain Germany verkaufen? Und was würden unsere Verbündeten sagen? Sie wissen, dass die NATO zur reinen Makulatur wird.«

Nach einem kurzen Schmunzeln über die abgedroschene Namensgebung realisierte Burgenhayn, dass die ganze Sache eine Nummer zu groß für seine Einheit war, in beiden Richtungen: Offenlegung gegenüber der Politik oder Stillschweigen bzw. Geheimhaltung bargen die gleichen Risiken. Zudem war das Problem des Einsatzes in einem atomar verseuchten Gebiet nicht geklärt. Aus diesem Grund rief General Wengerl Franz Xaver aus dem Saal und forderte eine knappe Antwort.

»Zur Überwindung dieser Hürde habe ich an einem einzigen Versuchstier experimentiert.«, gab Franz Xaver zu, während er sein Smartphone aus der seitlichen Hosentasche beförderte und das entsprechende Video abspielte. »Sehen Sie diese Ratte? Vor der genetischen Modifikation war sie eine kleine Maus. Danach wuchs sie zu dieser Größe und wies die gleiche, schnelle Selbstheilungskraft auf, wie die anderen Mäuse in Normalgröße. Es handelt sich dabei nicht um die sogenannte Schwarzenegger-Maus oder Mighty-Mouse, bei der das Myostatin unterdrückt und vielleicht auch das Follistatin gesteigert wurde. Knochen, Haut, Bindegewebe, Muskel und Nerven nahmen proportional an Größe zu.«

»Wie haben Sie das geschafft?«, fragte General Wengerl, der nun seine Namensgebung Captain Germany durch die Schwarzenegger-Maus übertroffen sah. Franz Xaver, der sich der Unwissenheit und der Ungeduld des Generals bewusst war, entschied sich für eine prägnante Kurzfassung: »Es liegt am Bindemittel der DNA-Moleküle, welches bei dieser Maus nicht Wasser ist, sondern Fett. Das bewirkt einerseits eine Vergrößerung aller Zellen und andererseits eine gesteigerte Widerstandsfähigkeit gegenüber atomarer Strahlung. Einfach gesagt: diese Maus könnte sich unproblematisch in Prypjat oder in Fukushima herumtreiben.«

Die Zweifel am Nutzen dieser Errungenschaft wurden mit einem Schlag weggefegt. Sowohl Burgenhayn als auch Wengerl waren überzeugt und entschlossen, die Zustimmung der politischen Führung zu erkämpfen. Damit hatte Franz Xaver nicht gerechnet. Doch er hatte plötzlich Zweifel an sich selbst, insbesondere was den noch offenen Teil seiner Forschungsarbeit betraf. Er wusste, dass sich der Stoffwechsel, das Verbrennen von Nährstoffen bei einem solchen Organismus an der Schwelle zwischen Gärung und Kombustion befand. Das Überschreiten der Schwelle würde das Sterben des Organismus durch Selbstzündung eines inneren Feuers verursachen. Bei einem Stoffwechsel stabil knapp unterhalb der Schwelle würde atomare Strahlung für das Tier sogar besser sein, als normale Nahrung. Das Ergebnis war aber offen. Dazu noch: sämtliche Versuche an menschlichen Stammzellen waren seit geraumer Zeit von der Politik unisono untersagt worden.

Der Vortrag war zu Ende. Alle verließen den Saal mit einem schwankenden Gefühl: Begeisterung und Furcht.

* * *

»Heilen ist schlechtfürs Geschäft«. Das sagen diese Parasiten ganz offen!«, brüllte Max. Tanja erschrak und forderte eine Erklärung. Sie wusste, dass seine Wutausbrüche nicht ihr galten, machte sie aber Sorgen um sein Herz, obwohl er nicht vorbelastet war.

»Was hast Du schon wieder entdeckt?«

»Ach Schatz! Du schimpfst ständig gegen Ärzte und die Pharmalobby. Lies mal hier, wer tatsächlich die Fäden zieht! Nichts Geringeres als die berüchtigte Bank Golden Stone. Die Herrschaften sagen es jetzt offiziell: Business mit Krankheiten first! Und alles, was zu einer echten Genesung beitragen könnte, scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. Gleichzeitig verkaufen sie uns vermeintliche Lösungen wie Massenimpfungen, bei denen ich gar nicht weiß, was tatsächlich drin ist.«

»So viel Ehrlichkeit hatte ich nicht erwartet. Dennoch, mein Lieber, hatten wir uns nicht entschieden, für die Adoption unser interaktives Leben im Netz endgültig aufzugeben? Glaubst Du, dass die Behörden uns nicht im Auge behalten? Ich weiß, Du kochst vor Wut. Aber das ist schlecht für Dein Gemüt, für Deine Gesundheit und für unsere Sicherheit«.

Max sprang aus seinem Sessel: »Sicherheit? Sag mal, glaubst Du wirklich, durch Ducken Dich mit den Herrschaften gutstellen zu können? Hast Du nicht gehört, was unser Sohn in der Schule lernt? Zum Glück lässt er sich nicht beeinflussen, aber irgendwann wird aus Indoktrinierung knallharte Koerzition, und zwar für uns alle!«

»Was willst Du dagegen tun? Wieder bei den Jungs von Kulturradio anrufen und versuchen, motzende, nörgelnde Zuhörer zu überzeugen? Ich dachte, wir hätten das schon ausdiskutiert.«

Max schüttelte den Kopf. Tanja wollte gerade noch nachsetzen, doch Max ließ sich nicht beirren: »Auch die Diskussion über praktikable Lösungen hatten wir schon geführt, dachte ich. Einfach Sprache lernen, dann Bauernhaus kaufen und schließlich weg! Jörg lernt auch mit. Hier in Deutschland wird die Schlinge immer enger gezogen.«

»Du und Deine Vysočina wieder! Was mache ich dort? Wovon leben wir dann?«

»Was tun wir hier, wenn unsere tolle Obrigkeit auf unsere körperliche Unversehrtheit abzielt? Hauen wir drei einfach ab, zu Fuß und nur mit einem Rucksack auf den Schultern? Die Lösung ist nicht einfach, gewiss nicht schmerzfrei, aber ich habe alles schon geplant und die Risiken abgewogen. Alles andere ist eine romantische Vorstellung. Seit 2015 hat sich in diesem Land etwas gewaltig verändert und nicht zum Positiven. Findest Du nicht? Damit meine ich nicht die sogenannten neuen menschlichen Ressourcen, sondern die dystopischen Gesetze und die Menschen in unserem unmittelbaren Umfeld, die nicht reagieren und so tun, als ob nichts wäre.«

Tanja eilte in die Küche. Sie war verzweifelt. Sie wollte keine weiteren Argumente mehr hören. Sämtliche Beschneidungen bürgerlicher Freiheiten hatte sie wahrgenommen, die fehlende Reaktion der breiten Mehrheit auch. Doch der Gedanke, in die Fremde zu ziehen und gleichzeitig die innere Gewissheit, dass sich im eigenen Land wegen des breiten Desinteresse nichts ändern würde, ließen ihr keine Ruhe. Jedes Mal, dass Max über den Willen zum Widerstand in den abtrünnigen Ländern sprach, überfielen sie düstere Gedanken über heftige Kämpfe. Sie hatte furchtbare Angst, ihren Mann und ihren Sohn zu verlieren. Aber auch die Liebe zur Heimat ließen sie zweifeln: Einfach abhauen? Ist das die Lösung? Aber was ist die Alternative? Krieg hier im Lande, ohne sich vorbereiten und verteidigen zu können? Letztendlich musste sie sich eingestehen: ihr Mann hatte recht.

Max widmete sich stattdessen weiter dem Artikel: auf Druck von Golden Stone hatten alle multinationalen Pharmakonzerne und sämtliche Politiker Westeuropas von Gentherapien in jedwedem Sinn Abstand genommen: Budgets wurden über Nacht gestrichen, Verbote kraft Gesetzes erlassen. Die Vaxxi AG hatte von der Politik einstimmig einen Blankoscheck für die Übernahme aller Unternehmen der Branche in Deutschland und Frankreich anstandslos erhalten, um deren Forschungen zum Erliegen zu bringen und die Ergebnisse zu beschlagnahmen. Aus einem Kartell war ein Trust geworden.

Der tiefe Fall

Nova Scotia, Kanada, 2028

Chenilles Flugzeug landete planmäßig in Halifax. Noch konnte sie ihren Zorn und die Schmach des verlorenen Krieges nicht bändigen. Sie hatte nicht nur einen Krieg verloren, sondern alles, was sie und die westeuropäischen Globalisten im jeweils eigenen Interesse aufgebaut hatten. Große Landstriche befanden sich unter russischer Besatzung, die futuristischen und hochtechnologischen Städte waren zerstört, gekapert oder einfach isoliert worden. Autark waren sie nicht, sodass die Einwohner ohne notwendiges Knowhow und ohne einfach zu bedienende Werkzeuge der Verwahrlosung und dem Tod ausgesetzt waren. Menschenleben war bedeutungslos für Chenille, ihr Reich und die Macht einer Gebieterin bedeuteten ihr alles. Nun stand sie da, fast alleine, abgesehen von den wenigen auserwählten Gefolgsleuten. Sie ließ die Tür öffnen und überschritt die Schwelle des Flugzeugs. Halifax war nicht wirklich der ideale Lebensort für sie, aber der kanadische Regierungschef, der die gleiche Ideologie der (nun gefallenen) USoE teilte, hatte ihr Schutz zugesichert. Exakt dreiundzwanzig Minuten nach der Landung konnte Chenille die ersten unverkennbaren, sich nähernden Regierungsfahrzeuge erkennen. Nun überwog das Gefühl der Sicherheit gen den Verdruss, bei ihr und ihrer Gefolgschaft.

»Bonjour Madame Chenille«, begrüßte sie ein schlaksiger, schwarz bekleideter Mann mit hagerem Pokerface. Seine Mimik war das Sinnbild von Ausdruckslosigkeit und Kühle. Selbst auf eine eiskalte, skrupellose Aufsteigerin wie Chenille wirkte er unheimlich.

»Ich habe die Anweisung, Sie zum Treff mit unserem politischen Oberhaupt zu eskortieren. Nehmen Sie nur das Notwendige mit. Für alles andere sorgen wir.«. Mit das Notwendige meinte der Mann tatsächlich nur einen Koffer und eine Tasche als Handgepäck und nicht das, was Chenilles Maßstäben von Notwendigkeit entsprach. Doch den Luxus, wählerisch zu sein, hatte sie nicht mehr und sie war sich dessen bewusst.

»Was ist mit meinen mitarbeitenden Personen?«

Der Mann zeigte auf zwei schwarze Busse in Übergröße mit getönten Scheiben, die neben einem gepanzerten Sattelauflieger standen: »Ihre Gefolgschaft soll sich zu den Bussen aufmachen, aber zuerst die Ausrüstung, die sie mitgebracht hat, in den Lkw verladen. Ihre mitarbeitenden Personen haben vierzig Minuten dafür.«

»Was tue ich inzwischen?«, wandte Chenille ungeduldig ein. Warten war nicht ihr Stil.

»Sie fahren unverzüglich mit uns. Bitte folgen Sie mir!«. Er nahm ihr den Koffer ab und begab sich auf den Weg zum mattschwarzen Fahrzeug, das einer bulligen Limousine mit der Bodenfreiheit eines SUV glich. Kaum eingestiegen, beobachtete sie ihre Leute beim Verladen. Es war kein mitfühlender Blick. Sie war neugierig und beängstigt zugleich. So eine Prozedur hatte sie nie im Leben mitmachen oder beobachten müssen. Selbst in den Anfangszeiten ihrer Karriere hatte sie Menschen manipulieren können und ausgenutzt, ihr die schwere Arbeit und die Verantwortung für Fehlschläge abzunehmen, mehr noch deren Verdienste und Erfolge ihr selbst zuzuschreiben. Sie richtete ihren Blick in Fahrtrichtung. Chenille kannte die Gegend nicht, war aber spitzsinnig genug, um intuitiv festzustellen, dass das Fahrzeug nicht auf das Wohngebiet von Halifax steuerte, sondern ins Leere. Sie bekam Angst, fing an, hektisch nach links und rechts zu sehen, als ob sie nach etwas Bekanntem in der Landschaft suchen würde. Dann schlug sie gegen die Glasscheibe, die sie von den vordersten Sitzen trennte, als sie plötzlich einen Stich im Nacken spürte. Der Schlaksige hatte bis zu dieser Eskalation alles regungslos beobachtet, dann plötzlich eine elektrische Spritze aus seinem Sakko befördert und Chenille damit blitzschnell gestochen. Sie fiel innerhalb von Sekunden in Ohnmacht. Er hingegen nahm seinen Platz wieder auf dem Sitz ein, in einer Bewegungsabfolge nahezu auf den Millimeter präzise, als ob er alle Bewegungen wie in der Rückspule ausgeführt hätte.

Die Geräusche mechanischer Elemente, die auf Schienen glitten, waren das erste, was Chenille wahrnahm. Sie war noch nicht vollständig zu sich gekommen und versuchte, mit der Hand ihr Gesicht berühren, konnte aber nicht. Mit Entsetzen und Furcht stellte sie fest, an ihren Arm- und Fußgelenken gefesselt und angeseilt zu sein. Sie schwebte, senkrecht eingespannt in einem leeren weißen Raum, dessen Fliesenwände das grelle Licht reflektierten. Sie stand unter Schock und der kalte Schweiß lief ihr über Wangen und Nacken. Sie wollte schreien, doch die Panik blockierte ihre Stimme. Jemand, den sie nicht sehen konnte, packte sie am Hinterkopf, bedeckte ihre Augen und steckte ihr einen Schlauch in den Mund. Dann hörte sie wieder das mechanische Geräusch: ein Rahmen mit Düsen wie von einer Waschanlage aus den 2010er Jahren rückte in ihre Richtung. Aus dem Boden stiegen zwei weitere Schläuche auf, die sie nicht sehen konnte. Splitternackt, eingespannt und reaktionsunfähig malte sie sich im Kopf die schlimmsten Szenarien aus. Ist das meine Nemesis?

Eine schwere Tür öffnete sich und das dumpfe Geräusch regelmäßiger Schritte wurde immer lauter, verstummte aber abrupt. Nur das Quietschen eines ABC-Schutzanzuges war zu vernehmen. »Kein Grund zur Aufregung, Madame! Kein Mensch will sich sexuell an Ihnen vergehen. Wir machen Sie nur clean und präparieren Sie für die wichtigste Begegnung Ihres Lebens.«

Chenille erkannte schlagartig die unmenschliche Stimme des Mannes, der sie abgeholt und narkotisiert hatte.

»Bitte entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit. Ich hatte mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Mike Konrad Uhland. Mein Auftraggeber lässt ausrichten, dass eine grundlegende Lebensänderung und eine neue Aufgabe auf Sie warten. Leisten Sie bitte keinen Widerstand, in Ihrem eigenen Interesse, versteht sich!«.

Beim Wort Auftraggeber schoss Chenille der Name Rákosi in den Sinn. Er hat gewonnen! Er hat mich! Dann startete Uhland die Prozedur und verließ den Raum.

Die Schutzzone

Im Jahr 2029, fast 10 Monate nach Ende des größten und schnellsten Weltkrieges aller Zeiten, hatte sich Europas Bild auf erschreckende Weise verändert. Von der Oder-Neiße-Linie bis zur Bretagne versuchten Russen, in den noch intakten, besetzten Städten der gefallenen Vereinigten Staaten von Europa (USoE) oder in den verwilderten Naturräumen zu überleben. Geordnet und auf Befehl handelten sie seit dem chemischen Angriff auf ihre Versorgungslinie durch die Drohnen der Ölmonarchie nicht mehr. Manche bildeten Gruppen und herrschten als kleine Kriegsherren über wenige Überlebende. Dort, wo keine Russen waren, hatten die ehemaligen bürgenden Personen der USoE innerlich mit ihrer Existenz abgeschlossen und bereiteten sich auf den Tod vor. Die meisten waren unfähig, ohne funktionierende Technik eigenständig etwas auf die Beine zu stellen, um ihr eigenes Fortbestehen zu sichern, oder zumindest zu verlängern. Nah der alten Demarkationslinie zu den Abtrünnigen wagten es einige dennoch, von den technologischen Ruinen aus nach Osten aufzubrechen. Sie begegneten Menschen, die in ihren Augen wie wilde Freischärler aussahen. Rund um die Stadt, die sich Görlitz nannte, und weiter südlich zwischen Donau und Inn entlang des Bayerischen Waldes bildeten sich die ersten Siedlungen der Rückkehrer. Ihr Ziel: ähnlich wie die überlebenden Österreicher zumindest einen Teil ihrer alten Heimat neu zu besiedeln und eine Schutzzone gegen mögliche Gefahren aus dem Westen einzurichten. Das neue Deutschland hatte keine staatlichen Institutionen, sondern nur ein Territorium, das insgesamt etwas kleiner als die Schweiz war, direkt vom Volk der Rückkehrer in einfacher, aber voller Selbstbestimmung verwaltet. Soweit die Umstände es zuließen, leisteten die Einwohner der angeschlagenen abtrünnigen Länder Hilfe, doch sie selbst hatten es schwer, sich über den Zustand der Subsistenzwirtschaft hinaus zu bewegen. Begegnungen zwischen den Rückkehrern und den verwahrlosten, in weiß gekleideten Aufbrechern aus dem Westen verliefen nicht immer friedlich und freundlich. Die Rückkehrer kannten sie, wenn auch nicht namentlich und persönlich: es waren diejenigen, die sich schon vor der Gründung der USoE für die Bequemlichkeit und eine vermeintliche Sicherheit entschieden hatten und sogar Andersdenkende gemeldet hatten, um somit Karrierepunkte zu sammeln. Doch Zeit und Energie für Rachefeldzüge hatten die Rückkehrer nicht. Der Wiederaufbau und die Errichtung der Schutzzone hatten die höchste Priorität.

Christine gehörte zu den Überlebenden der USoE. Seit ihrer Entscheidung, Toni dem Sozialisierungsamt zu überlassen, hatte sie eine steile Karriere gemacht, wenn auch nicht bis ganz oben. Sie kam sich nun unmenschlich vor, nach allem, was geschehen war, hatte aber bereits während ihrer Karrierelaufbahn festgestellt, dass die geforderte Skrupellosigkeit für höhere Etagen weit über ihren Maßstab hinausging. Aus diesem Grund hatte Chenille sie nicht nach Paris mitgenommen: damals eine Niederlage für Christine, danach ein Segen. Christine begleitete einen alten, verwirrten Mann, der schlecht gehen konnte und hinkte. Er konnte kaum einen vollständigen Satz formulieren und nur sein Körpergewicht verriet, dass er möglicherweise einen hohen Status genossen hatte. Er konnte aber nicht mal seinen Namen aussprechen und war auf Christines Hilfe angewiesen. Die erste Begegnung mit einer Rückkehrerfamilie prägte Christines Sinn für Realität maßgeblich: von Freundlichkeit keine Spur, nur ein wenig Hilfsbereitschaft, um den Tod durch Verdursten abzuwenden. Christine und der alte Mann setzten am Tag darauf ihren Marsch fort. Spätestens jetzt wusste sie, dass sie wortwörtlich am Betteln war. Mit dem Vorwand, ihren Vater in Sicherheit bringen zu wollen, fand sie mehr Glück bei weiteren Rückkehrern. Fast zehn Jahre lang verbrachte sie in einer neuerrichteten Siedlung in dem Ort, der vor der Renaturierung durch die USoE den Namen Bayerisch Eisenstein trug. Christines Ziel jedoch war seit ihrem Aufbruch, ihren Sohn zu finden. Sie wusste von der neu eingerichteten Stelle des Sozialisierungsamtes in Niederbayern und auch später von der Renaturierung des Gebietes durch die Pflichtspezialisten. Eine konkrete Auskunft über die Vermittlung ihres Sohnes hatte das Sozialisierungsamt auf ihre Anfrage hin nicht geben dürfen. Die einzige Angabe lautete vermittelt an ethnoheterogenes Paar. Ein Recht auf Auskunft hatte Christine aufgrund der Klausel 23 nicht. Ohne eine detaillierte Vorstellung des Geschehens zu haben, war sie in ihrem Herzen sicher, dass ihr Sohn irgendwo bei den Abtrünnigen Schutz gefunden hätte. Oder war das vielleicht nur ihre Hoffnung?

»Wollen Sie wirklich über die Demarkationslinie?«, fragte die Gastgeberin. »Die Menschen dort, die Ihr Regime Abtrünnige nannte, sind freundlich und hilfsbereit zu uns, aber zu einer ehemaligen Bürgerin der USoE wie Ihnen? An Ihrer Stelle würde ich mich nicht darauf verlassen und – offen gestanden – verstehe ich diese Leute.«

Christine senkte den Kopf. Dann richtete sie ihren fragenden Blick an die Gastgeberin, Mutter von drei Kindern, die des Alters wegen ihre Kollegin oder Freundin hätte sein können: »Sieht man es mir noch an, obwohl ich die alten weißen Klamotten nicht mehr trage?«

»Optisch vielleicht nicht, aber wenn Sie etwas sagen, dann merkt man, dass sie den Krieg von der anderen Seite erlebt haben. Ich würde Ihnen nicht empfehlen, weiterzuziehen, zumal auch Ihr Vater darunter leiden würde. Er hat sich zwar erholt, aber sein Alter macht sich bemerkbar. Finden Sie nicht?«

Beim Wort Vater senkte Christine abermals den Blick. Er war nur ihr Vorwand gewesen, um nicht ohne jegliche Hilfe zu verrecken. Nun wollte sie ihn hierlassen. Sie hatte begriffen, dass der Alte nun endgültig zu einer Last geworden war, die ihrem Plan gefährden würde. Doch bei aller Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wollte die Gastfamilie sich nicht um den Alten kümmern. »Das nennt man eben Familie, liebe Christine. Ich weiß, dass Sie Ihren Sohn suchen, aber Sie können uns Ihren Vater nicht einfach so überlassen.«

»Was schlagen Sie vor?«, fragte Christine.

»Wir bringen Sie und Ihren Vater bis zur Demarkationslinie. Dann reden wir mit den Menschen dort und legen ein gutes Wort für Sie ein. Sie werden bestimmt Unterstützung bekommen. Mehr können wir aber nicht tun. Wie Sie sehen, haben sich die Verhältnisse Jahr für Jahr verbessert, aber wir leben immer noch wie in längst vergangenen Zeiten und können uns den Luxus einer Reise nicht leisten, die uns selbst letztendlich nichts bringt.«

Ein Moment der Depression überfiel Christine. Sie hatte vor Ausbruch des Krieges aus den Medien erfahren, dass eine Gruppe von Militärs und Wissenschaftlern aufgrund einer politischen Entscheidung nach Nordafrika versetzt worden war. Auf dem Hologramm hatte sie Franz Xaver erkannt. Sie hielt ihn für endgültig verloren oder tot. Ihren Sohn hatte sie der Karriere wegen abgegeben und hoffte nun, ihn als erwachsenen jungen Mann in den abtrünnigen Gebieten zu finden, doch ohne rational begründete Sicherheit.

Bei Tagesanbruch verabschiedeten sich Christine und der Alte von der Rückkehrerfamilie und machten sich auf den Weg zur Grenze. Nur der älteste Sohn der Gastgeberin begleitete die Beiden, widerwillig. Er kannte als Kind die Welt vor dem Krieg und war mit seiner Familie in die abtrünnigen Gebiete geflüchtet, wie viele andere auch mit der ersten Auswanderungswelle infolge der verkündeten Impfpflicht. Fern von Bequemlichkeiten und Sorglosigkeit war er aufgewachsen, hatte Bekanntschaften und Freundschaften mit anderen Auswanderern und mit den Einheimischen gemacht, und einige davon beim Ansturm der Pflichtspezialisten verloren. Die Abtrünnigen hatten zwar der Errichtung der Schutzzone zugestimmt und Aufbauhilfe im Rahmen ihrer Möglichkeiten geleistet. Auf den Zaun als passive Schutzmaßnahme hatten sie jedoch nicht verzichtet. Die Rückkehrer, die sich noch an die Wucht des Angriffs erinnerten, hatten Verständnis dafür und bauten selbst ihre Schutzmaßnahmen in Richtung Westen aus.

An der Demarkationslinie angekommen, sprach der Bursche gleich den ersten Grenzposten an: einen um die fünfzig Jahre alten Jäger, den man eher als einen Melder bezeichnen konnte, als einen Grenzschützer. »Wenn Sie Ihren Toni unter den Rückkehrern nicht gefunden haben, dann, glaube ich, müssen Sie weiterziehen.«, erklärte ihr der Jäger in gebrochenem Deutsch. Viele Deutsche, insbesondere aus Bayern, haben in den Jahren nach Kriegsende diese Gegend und Südböhmen verlassen. Nur wenige sind hiergeblieben. Anders sieht es aber in den angrenzenden und weiteren Regionen nach Osten aus. Die Vysočina – also, das Hochland – ist das Paradebeispiel dafür.«.

»Wie Sie sehen, können mein Vater und ich keine so lange Strecke zu Fuß zurücklegen. Seinetwegen konnte ich die USoE nicht verlassen. Mein Kind musste ich an das Sozialisierungsamt abgeben. Außerdem, wie können Sie so sicher sein, dass mein Sohn nicht hier ist?«, entgegnete Christine.

Der Jäger wechselte ein paar Worte mit dem Burschen, der ihm versicherte, dass von dieser Frau und deren Vater keine Gefahr ausgehe. Dann öffnete er das Gittertor und forderte sie auf, in den abgeschlossenen Bereich seines Trucks einzusteigen. »Hier in Železná Ruda ist ihr Sohn gewiss nicht. Ich kenne so gut wie jeden hier. In Klatovy können Sie anfragen. Dort führen wir mittlerweile wieder Buch, was die Bevölkerung anbelangt, im ganzen Kraj, oder zumindest in dem, was davon übriggeblieben ist.«

Christine richtete ihren Blick ins Leere. Sie ahnte, welche schmerzhaften Erinnerungen diesen Mann plagten.

»Schon gut, junge Dame! Aber sie müssen ein paar Stunden hier warten, bis mich der nächste Wächter ablöst. Dann fahren wir zusammen nach Klatovy. Ich komme aus der Gegend.«

C

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