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GELEBTES LEBEN und 30 Jahre trocken

Claus Wolfgang Hemmann

GELEBTES LEBEN und 30 Jahre trocken

...ein Alkoholiker erzählt seine Geschichte


NICHT DIE GLÜCKLICHEN SIND DANKBAR. ES SIND DIE DANKBAREN, DIE GLÜCKLICH SIND Theodor Fontane für Christine, Petra und Karin


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

NIE WIEDER ALKOHOL trinken müssen

...und warum das damals vor 40 Jahren für mich ein Riesenproblem war....

Ja ja, ich höre sie schon wieder, die immer gleichen Moralapostel und ewigen Besserwisser. „Saufe halt nicht so viel und trinke weniger.“ Wenn dich aber die Sucht in ihren grausamen Krallen festhält, dann helfen solche dummen Allerweltssprüche nicht mehr. Dann bist du nur noch ein erbarmungsloses Stück Elend auf dieser Welt. Dann bist du nur noch Einer, den kein Mensch versteht und dem niemand zuhört. „Mach es halt so wie die Anderen, mal am Abend zum Fernsehen ein oder zwei Bierchen, dass schadet keinem.“ Ha ha ha, ihr Schlauberger und Spaßmacher, genau so lieben es die Verzweifelten und die an der Flasche-Hängenden. Ihr seit immer noch die Möchtegern-Helfer, die ja alles so perfekt genau wissen und die immer nur helfen wollen. Nichts gegen gutgemeinte Ratschläge, aber einen Süchtigen Ratschläge zu erteilen, ist so sinnlos, wie für den Todkranken seine eigene Lebensversicherung.

„Du bist doch selber Schuld an deinem Dilemma.“ „Hättest du doch auf mich gehört und auf das, was der Doktor gesagt hat.“ „Warum denn jetzt schon wieder am frühen Morgen Bier trinken.“ Wie ich doch diese ewigen Vorwürfe immer wieder schlucken musste ohne je ein Gegenargument zu haben. Nicht nur die geliebte Frau oder die Mutter, die Verwandtschaft, auch die Freunde und die Arbeitskollegen wussten es alle besser. Ich bin der Versager, der seinen Job verloren hat, der Gewissenlose, der im Vollrausch Auto fährt und der Feigling, für den man stets Lügen muss. Ich bin der willensschwache Trinker und „Niemand sollte sich wundern, wenn ich durch meine Sauferei einmal vor die Hunde gehe.“

Kein normaler Mensch, zumindest keiner der noch bei Verstand ist, kann es begreifen und noch viel weniger verstehen, dass ich nach einer feuchtfröhlichen Nacht, am nächsten Morgen schweißgebadet aufstehe und statt zu duschen, mir eine Flasche Bier hole und diese mit Ekel in mich hinein schütte. Aber das allerschlimmste dabei ist mein eigener Gedankengang. Ich selbst bin ja nicht verblödet oder gar unfähig mein Tun nicht zu begreifen, aber ich allein weiß in dieser Situation, dass der erste Schluck Alkohol mir hilft, auf die Beine zu kommen. Und umso stärker das Gesöff ist, um so schneller bin ich wieder voll einsatzfähig. Ein fataler Schluss, aber genau an dieser Stelle meiner Gedanken ist die Sucht greifbar und der Absturz in die Alkoholkrankheit nicht mehr zu verhindern. Nur, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, und überhaupt das es dieses Wort gibt, wurde mir erst dann gesagt, als es für mich zu spät war. Es war viel zu spät, aber ich bekam noch eine Chance.

Und dabei hat doch mein Leben so hoffnungsvoll und so voller Zuversicht begonnen. Ich habe den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit zusammen mit meiner Mutter und der Oma überstanden. Ich habe die Amerikaner einmarschieren sehen, die ersten schwarzen Soldaten bewundert und etwas später, voller Furcht, die Russen erwartet. Ich habe die acht Klassen Volksschule mit keinem schlechten Zeugnis beendet und ich habe in der neuen DDR die Lehre als Schrift-und Plakatmaler mit Auszeichnung abgeschlossen. Ich habe Anerkennung, Belobigungen und Urkunden gesammelt wie heute ein Sportler Medaillen und Pokale und war zwei Jahre später, mit 20 Jahren bereits, Erster Schaufensterdekorateur in einem großen HO- Kaufhaus.

Ich verliebte mich in ein wundervolles, blonde Mädchen und war ein glücklicher junge Mann, den sich jede Mutter als Schwiegersohn gewünscht hätte. Mit den politischen Wirren der damaligen Zeit hatte ich sehr wenig am Hut, auch wenn ich in meinem Beruf viele DDR-Parolen und große Bilder der DDR- Politprominenz malen musste. Und es blieb nicht aus, dass man hinter vorgehaltener Hand von der einen oder anderen „Flucht in den Westen“ hörte. Als dann ein sehr guter Freund und etwas später auch meine geliebte Blondine über Westberlin abgehauen waren, trieb auch mich die Verlockung und die Abenteuerlust dazu, diese DDR-Flucht zu riskieren. Gemeinsam mit einem Freund war ich nach aufregenden Wochen voller Angst, in letzter Minute noch erwischt zu werden, in einer bitterkalten Nacht im Februar 1957 zum Bahnhof unterwegs. Zehn Stunden später, nach unsäglicher Angst vor den DDR- Grenzsoldaten, standen wir beide in Westdeutschland, auf dem Hauptbahnhof in Stuttgart.

Endlich in der Freiheit? Nein wirklich nicht, davon waren wir weit entfernt. Diese Freiheit hatte damals nicht den Sinn, den sie heute, im 21. Jahrhundert, für die Menschen in der ehemaligen DDR bedeutet. Westdeutschland war in den Endfünfziger Jahren der Begriff für volle Schaufenster, für Bananen, Orangen und ein Großes Schnitzel, für moderne Klamotten und tolle Musik. Westdeutschland, das war Elvis Presley, der Bigband-Sound von Glenn Miller, die Filme „Vom Winde verweht“ mit Clark Gable, „Die Halbstarken“ mit Horst Buchholz, „Liebe, Tanz und 1000 Schlager“ mit Caterina Valente und Peter Alexander. Westdeutschland war der Mercedes-Stern, der Ford Taunus oder der Opel-Kapitän. Auch wenn dabei manche Träume waren, zumindest standen sie aber im Schaufenster eines Autohauses.

Obwohl ich in der DDR noch meinen Führerschein gemacht hatte und ich ausgezeichnete Zeugnisse und den Gesellenbrief vorweisen konnte, die Brutalität des Kapitalismus traf mich und meinen Freund in Stuttgart mit voller Wucht. Von wegen Arbeit im Kaufhof oder bei Neckermann. „Aus der DDR, nein Danke, unsere jungen Leute hier im Westen beherrschen alles bestens.“ Und das im Mantel eingenähte Ostgeld, umgetauscht gegen 150,-DM West, reichte zwar für den Anfang, aber es kam die Zeit und wir liefen in der Nacht an Lokalen mit fröhlichen Menschen vorbei und mussten uns an der Zimmerwirtin vorbei schleichen, weil wir die Miete noch schuldig waren. Ein Bettelbrief an meine Tante in Coburg geschrieben, beantwortete sie mit einem Hundertmarkschein im Kuvert und der Mitteilung, sie, der Onkel und die Tante, könnten mich in ihrem Gardinengeschäft gebrauchen und damit wäre mir doch bestimmt erst einmal geholfen. Allein und ziemlich deprimiert fuhr ich ein paar Tage später mit dem Schnellzug nach Coburg.

Ein Jahr später war auch diese, na sagen wir es einmal recht flapsig, Episode meines Westdeutschland-Abenteuer, für mich Geschichte. Es passierte nichts Aufregendes in diesem einen Jahr. Ich hatte eine schöne Zeit mit neuen Freunden, trug moderne Kleidung und hatte auch ein wenig Geld in der Tasche. Onkel und Tantchen war ich dankbar, aber in meinem Leben haben sie keine Rolle mehr gespielt. Dafür war ein Kellner in einem kleinen Lokal in der Bahnhofstraße, schräg gegenüber vom Gardinengeschäft, für mein ganzes, späteres Leben um so wichtiger. War er es doch, der eines Tages mich fragte, ob ich mit nach München kommen will. In München zu sein, war in meiner Gedankenwelt immer ein Wunschziel gewesen. Entstanden während einem Kriegsurlaub 1944 mit meiner Mutter in Bayern. Damals sah ich zum ersten Mal in meinen Leben die hohen Berge, die dunklen Seen und bewunderte die lustigen Bayern in ihren schönen Trachten. Und nun fragte mich einer, der mir das Bier brachte, ob ich mitkommen will, mitkommen nach München. Ja antwortete ich damals im kleinen Gartenlokal in Coburg, ich komme mit.

Die Bedeutung dieses Satzes ist mir erst viele Jahre danach ins Bewusstsein gedrungen, als ich die Liebe zu dieser Stadt und zu ihren Menschen erfahren habe. Einer Stadt, die so traumhaft schön und romantisch ist, in deren Straßen sich das Leben so unbeschwert und voller Charme bewegte. Genau dort wollte ich für immer sein, für immer leben. Das aber gerade diese Stadt, dieses München, auch mein Schicksal werden sollte, konnte ich nicht wissen, nicht einmal erahnen. Nun, ich will meine Lebensgeschichte nicht unnötig mit Spannung anheizen, aber damit diese Geschichte mein Leben verständlich macht, muss ich früh anfangen mit erzählen. Und es gibt keinen besseren Zeitpunkt, als mit meiner DDR-Flucht zu beginnen. Und diese beginnt in einer kühlen Nacht am 27. Februar 1957...

Die Flucht aus der DDR

Es war kühl in jener Februarnacht in Rudolstadt, als ich sehr einsam die Straße hinab lief. Ich hatte irgendwie Angst und doch freute ich mich auf alles was ich vorhatte. Noch aber war die Angst stärker. Deshalb konnte ich auch nicht klar denken. Es war alles ganz anders als an allen Tagen davor. Diese letzten Tage waren so durcheinander wie niemals zuvor in meinem Leben. Gestern gegen Abend hatte ich mich von meinen Freunden und Kollegen im Kaufhaus verabschiedet, wie an jedem anderen Tag auch. Nur ich allein wusste, dass ich sie so schnell nicht wiedersehen würde. Bei diesem Gedanken zitterte ich innerlich, aber nicht aus Angst, nein, die Vorstellung war so unwirklich, so grausam unwirklich.

Das Schaufenster mit Kurzwaren zu dekorieren war keine einfache Aufgabe, aber ich wusste, ich bin gut in meinem Beruf als Plakatmaler und Schaufensterdekorateur. Und somit waren die kleinen Päckchen mit Nadeln, Faden, Gummi und Knöpfen, mit Wolle und anderen Krimskrams in einem großen Schaufenster, in dem ich sonst Schaufensterpuppen anzog oder Elektrogeräte, Staubsauger, Radios, Plattenspieler, Lederwaren oder Stoffe, Möbel oder Schuhe, Haushaltsgeräte oder Spielwaren dekorierte, für mich auch keine allzu große Herausforderung. Unser Betriebsschreiner hatte mir nach einer Skizze einen überdimensionalen Nähkasten zurecht gebaut; so einen, wie ich ihn schon aus Kindertagen von meiner Mutter kannte, ich hatte den Kasten weiß gestrichen und morgen hätte ich dann die kleinen Päckchen mit den ganzen Kleinkram in den riesigen Fächern unterbringen wollen.

Ja, eigentlich morgen, aber allein ich wusste, dass dieses Schaufenster von mir nie fertig dekoriert würde. Übrigens, meine Mutter war die einzige Vertraute in diesen Tagen und von ihr waren auch die Tausend Mark im Futter des Mantels eingenäht, den ich an hatte als ich in die Richtung zur Brücke über die Saale ging. Bis zum Bahnhof war es nicht mehr weit und trotzdem, der Koffer war ganz schön schwer und dann musste ich auch noch über die Brücke gehen und es war alles ganz schön durcheinander was mir auf diesem Weg so alles durch den Kopf ging? Keinen Menschen bin ich begegnet, vor allem keinen den ich vielleicht gekannt hätte, oder er gar mich. Alles hätte noch schief gehen können. Alle meine Gedanken, alle Bedenken, alle Geheimnistuerei, alles sich nur nicht zuletzt noch Verraten, alles wäre umsonst gewesen. Ja, ich hatte Angst: Die beiden Schlüssel am Schlüsselring hatte ich in der Manteltasche mit den Fingern der linken Hand fest umklammert. Sie waren genau so kühl wie die Nacht. Die Schlüssel gehörten zu der Haustüre und meinem möblierten Zimmer oben in der Dürer-Straße am Berghang. Meine Zimmerwirtin schlief bestimmt sehr fest als ich mich aus dem Haus geschlichen habe. Wie wenn ich was verbrochen hätte, oder etwas gestohlen oder eben sonst irgendetwas Schlimmes in dieser Zeit.

Dabei war es eine wunderschöne Zeit, ich war 22 Jahre alt, sah gut aus und war verliebt in Traudl. Sie war schön, groß und schlank, blondes, leicht gewelltes Haar umrahmte ihr hübsches Gesicht mit den tiefblauen Augen. Sie war eine moderne, junge Frau und ich war ungemein stolz auf sie wenn wir gemeinsam am Samstagabend beim Tanzen waren. Traudl im weißen Kleid mit den vielen Petticoats darunter. Ich, einsachzig groß und schlank, dunkle, leicht zerzauste, mit etwas Pomade gezähmte Haare, leicht gebräunte Haut, noch vom vergangenen Sommer, im hellgrauen Anzug, weißes, gestreiftes Hemd mit Kentkragen, dazu die passende, schmale Krawatte mit modernen Windsor-Knoten gebunden.

Ja, wir waren ein schönes Paar, wir hatten viele Freunde, beide Erfolg im Beruf und wir lebten sorgenfrei an jedem Tag den wir hatten, bis auf einen bestimmten Tag vor ein paar Wochen als Traudl ....nein, sie verließ mich nicht, sie ist nur gegangen und es war auch in der Nacht und es war bestimmt auch kalt und die Richtung in der sie ging war auch der Bahnhof. Ein Lebenszeichen habe ich von ihr noch nicht erhalten aber wir hatten ja über alles gesprochen und irgendwie wollten wir uns auch bald wiedersehen. Ich war auf der Brücke und die beiden Schlüssel in der Manteltasche waren plötzlich schwer wie Blei und ganz ohne zu zögern holte ich sie aus der Tasche und ließ sie über das Brückengeländer in den leise dahin fließenden Fluss fallen. Mit einem kurzen, dumpfen Klatschen wurden sie vom dunklen Wasser aufgefangen. Ich hatte mich verabschiedet und auf dieser Brücke - welche Ironie des Schicksals wenn es so was doch gibt - auf dieser Brücke habe ich alle Brücken hinter mir abgerissen, abgebrochen, verlassen eine Stadt, ein Land, die Heimat, die Geborgenheit, das Glücklichsein, die Freunde, meine Arbeit, die Mutter und die Oma. Nur in meinem Bewusstsein war davon noch lange nichts angekommen. Ich hatte doch so viele Träume, verlockende Träume. Sonst hätte ich doch nicht in dieser kühlen Nacht, sehr einsam über diese Brücke gehen müssen.

Der Bahnhof war nahe und immer noch war ich fast allein in dieser Nacht. Wo blieb denn Dieter bloß? Dieter war ein Arbeitskollege aus dem HO- Kaufhaus. Wir wollten doch zu zweit zu einer Tante in Stuttgart fahren. Auf der Polizei hatte jeder einen provisorischen Pass für die nächsten zwei Wochen in Westdeutschland in der Tasche. Ja, Westdeutschland war unser Ziel. Die Tante gab es überhaupt nicht und zurück kommen wollten wir auch nicht mehr. Westdeutschland war der Traum, die Freude neben der Angst und Westdeutschland bedeutete natürlich auch die Flucht aus der DDR. Wir wollten fliehen, ich wollte fliehen, fliehen aus der Geborgenheit, fliehen ins Ungewisse und das eigentlich ohne jeglichen Grund. Ich musste doch nicht fort, hatte nichts verbrochen und war noch nie mit der Politik in Konflikt geraten. Na ja, die Volksarmee war noch freiwillig, aber da mitzumachen hatte ich keine Lust, auch wenn der Kaderleiter im Kaufhaus mich bereits dreimal überzeugen wollte. Aber da gab es doch keinen Konflikt, er, der Leiter vom Personalbüro hatte mir noch vorgestern ein sehr gutes Zwischenzeugnis ausgestellt. Ohne Fragen, ohne Ahnung. Schönere Schaufenster wollten Dieter und ich dekorieren. Wir hatten Bilder in Zeitschriften über Schaufenstergestaltung aus Westberlin gesehen und genauso wollten auch wir Schaufenster dekorieren, natürlich auch was erleben. Vielleicht auch mal einen tollen Film sehen mit Peter Kraus und Conny oder Caterina Valente und Peter Alexander. Oder vielleicht sogar „Vom Winde verweht“. Und danach in einer Milchbar sitzen und tolle Klamotten anhaben, Kordsakko, enge Röhrenhosen und Schuhe mit Kreppsohlen. Mehr war da nicht, ein einfacher Traum und keine Flucht. Irgendwann werden wir ja auch wieder einmal in unsere Heimat fahren können, oder wird das unmöglich sein?

„Mensch Wolfgang, da bist du ja“ Dieter kam auf mich zu und auch er sah nicht besonders gut aus in dieser Nacht. „Hast du auch dein Glas nicht vergessen?“ Dieter fragte mich das wirklich. Wir hatten jeder im HO- Fachgeschäft ein Fernglas gekauft, „Nur so zum schauen“, hatte ich noch im Geschäft recht albern zu erklären versucht, obwohl mich keiner danach gefragt hatte. Was eigentlich hätte man mit einem Fernglas noch machen können? Wir beide hatten in Erfahrung gebracht, dass man im Westen dafür gute Westmark bekommen würde. Es war ein qualitativ sehr hochwertiges Fernglas, 8x30 von Zeiss-Jena. Für die eingenähten Tausend Mark im Mantel gab es bestimmt nicht viel Geld beim Umtauschen. Die Angst war wieder da, aber zum Nachdenken war keine Zeit mehr, der Zug Richtung Saalfeld fuhr schnaubend und dampfend am Bahnsteig ein. Das Geräusch an den Gleisen passte nun überhaupt nicht mehr in diese bislang so einsame Nacht. Wir hatten uns einen Platz auf einer Bank in der Ecke im Abteil ausgesucht, es waren kaum noch andere Reisende zugestiegen und das Abteil war fast leer. Auf einer Bank weiter vorn saß noch ein einzelner Mann, bestimmt schon Mitte Dreißig. Er beachtete uns nicht aber das war auch gleichgültig denn wir saßen still und unauffällig in der Ecke und starrten vor uns hin. Die Angst kroch immer pulsierender in uns beiden hoch. Drei Stationen waren es nur bis zum Umsteigen in Saalfeld und die Armbanduhr zeigte mir kurz vor Mitternacht an. Es war keine Zugfahrt wie ich sie ansonsten allgemein gewohnt war, diese Fahrt war schon jetzt mehr als nur beängstigend. Alles war anders. Aber was war schon normal in dieser Nacht. Quietschend kam der Zug zum stehen: „Saalfeld, Endstadion, alles aussteigen, der Zug endet hier“ rief der Zugbegleiter vom Bahnsteig durch die Nacht. Wir mussten auf einen anderen Bahnsteig.

Hier stand der Interzonenzug. Dieses unangenehme Gefühl der Angst war schier unerträglich und trotzdem haben wir beide vollkommen ruhig gehandelt, warum, ich weiß es nicht, es war eben so. Wir haben es uns gleich wieder in einer Ecke des Schnellzugabteils bequem gemacht. Den Mantel habe ich ausgezogen und an einen Haken hinter mir gehängt, der eine Fensterplatz hier im Abteil war besetzt. Ich saß am Mittelgang an der Wand mit dem Gesicht Richtung Waggon, Dieter saß mir schräg gegenüber am Fenster. Und es gab eine Gelegenheit beide Ferngläser samt Kunstledertaschen hinter der Wand an der ich mir meinen Platz gesucht habe, zu verstecken. War es ein Risiko... doch wenn erst mal die ganzen Kontrollen auf uns zu kamen, wäre alles zu spät gewesen. Und wahrscheinlich waren all die anderen Reisenden auch mit sich selber so beschäftigt und völlig uninteressiert was den Nachbarn im Zug anging. Ob sie alle im Westen bleiben wollten? Eine verrückte Frage aber ich habe sie nie zu Ende gedacht.

Der Schnellzug hatte schon seit geraumer Zeit richtig Fahrt aufgenommen... wenn doch die Innerdeutsche Grenze - ein furchtbares Wort, aber damals die einfache Erklärung für den Grenzverlauf zwischen Ost und West - schon hinter uns liegen würde, wenn es doch draußen schon hell wäre, wenn wir doch schon im Westen wären. Nur darum kreisten meine Gedanken und wenn ich Dieter ansah, er konnte nicht anders denken. „Die Fahrkarten bitte“ irgendwie musste ich kurz eingenickt sein. Es war nur der Schaffner welcher die Fahrscheine kontrollierte, noch keine Grenzkontrolle. Im Lautsprecher des Zuges gab es des Öfteren eine Durchsage, das jeder im Zug nur fünfzig Mark mit über die Grenze nehmen dürfte, fünfzig Mark Ostgeld, ich hatte aber über hundert Mark in meiner Geldbörse. Das hatte mir keiner gesagt, mein ganzes, kleines Vermögen war also in meinem Portemonnaie - und eingenäht - im Mantel. Doch es blieb keine Zeit, lange darüber nachzudenken; die ersten uniformierten Kontrollpersonen kamen in den Waggon. Jetzt hörte ich mein Herz dumpf und schnell im Hals schlagen. Was für ein fürchterlicher Zustand war das. „Ihre Ausweise bitte“ vernahm ich die Stimme neben mir. Unsere ausgestellten, provisorischen Ausweise waren in Ordnung. Geschafft, aber die Zeit war kurz, die nächste Stimme, eine Frau in Uniform fragte im Gang: „und wie viel Geld haben sie dabei?“ ich hörte mich selber antworten: „So etwa Hundert Mark, ...glaube ich?“…und ich hatte meine Geldbörse in der Hand - Stille, unerträglich - „Nun da müssen sie aber alles über fünfzig Mark bei mir lassen, bei der Wiedereinreise in die Deutsche Demokratische Republik bekommen sie ihr Geld wieder zurück, sie bekommen eine Quittung darüber“ - war das alles - Gott sei Dank, wie ist denn das so schnell gegangen. Mit meiner wahrscheinlich überzeugenden Ehrlichkeit habe ich die Kontrolle überstanden oder die Frau Soldatin war einfach nur freundlich zu mir, oder noch eine Variante, sie war total überrascht über so viel Naivität, alles egal, es war vorbei. Die Fragen von den Gepäckkontrolleuren habe ich mehr im Unterbewusstsein beantwortet und an der Grenze, als der Zug hielt, stiegen sämtliche Uniformierten aus dem Zug. War der Spuk wirklich vorbei, waren die Kontrollen so human oder war ich nur im Voraus zu aufgeregt gewesen. Human... der Mann im Abteil neben mir, vierzig oder fünfundvierzig Jahre alt, musste mit zwei Koffern aussteigen und wurde bis auf die nackte Haut in einer Bahnhofsbaracke durchsucht; er hatte die Frage, ob er Wertsachen dabei habe, sehr dämlich beantwortet, „Ja, den Ehering hier an meiner Hand!“ - trotzdem human... die Frage bleibt für immer offen.

Na ja, ich auf jeden Fall hatte wohl Glück gehabt. Dieter auch, denn als der Schnellzug nach einigen Stunden endlich diese Grenzstation in Richtung Westdeutschland verlassen hat, lagen alle ausgestandenen Ängste hinter uns. Freuen konnten wir uns noch nicht. Denn nun erlebten wir das, wovor Dieter und ich und bestimmt auch alle anderen Reisenden im Zug, bis zu diesem Zeitpunkt, nicht die geringste Ahnung und auch keine Vorstellung haben konnten. Aus dem Fenster des sehr langsam fahrenden Zuges, sahen wir hinaus auf die hellerleuchteten Grenzanlagen. Von unzähligen Lichtmasten, grell angestrahlt, erkannten wir die Wachtürme, die langen Reihen der Betonmauern, Panzersperren, Stacheldrahtverhau. Den breiten Todesstreifen und überall dunkle Soldaten mit ihren Maschinengewehren. Große Scheinwerfer, schwenkten ihre Lichtkegel gespenstig über diese Szenerie. Wäre es im Abteil hell gewesen, jeder hätte die weißen Gesichter des Anderen gesehen und keiner brachte auch nur ein Wort über die Lippen. Schockiert von dem was wir sahen, wussten wir alle, was wir eben hinter uns gelassen haben. Draußen war wieder Nacht und das war gut so, ...für uns alle im Zug!

In einem kleineren Bahnhof kam der Zug wieder zum stehen und bayerische Grenzsoldaten stiegen ein. In ihren grünen, einfachen Uniformen waren diese “bayerischen Grenzer“ die reinste Befreiung. Als sie im Waggon flüchtig die Ausweise sehen wollten bemerkte einer von ihnen: „Herzlich willkommen in der Freiheit, zurück wollt ihr doch bestimmt nicht mehr!“ und er lachte uns dabei an, ich glaube er hat in unseren Augen etwas gesehen, wovon wir selbst noch keine Ahnung haben konnten. Bis der Zug am frühen Morgen in Stuttgart ankommen würde blieben noch ein paar Stunden. Etwas Essen und Trinken, in der Ecke einfach den Gedanken nachhängen, was wird uns nun erwarten? An Schlaf war aber in dieser Situation kaum zu denken.

Die Stuttgarter Enttäuschung

„Stuttgart Hauptbahnhof, alles aussteigen, der Zug endet hier“, auf jedem Bahnhof schien der Text der Ansagen der gleiche zu sein, aber der Klang des Lautsprechers draußen am Bahnsteig war irgendwie neu und anders. Wir waren in Stuttgart und wir folgten der Lautsprecherstimme gehorsam und stiegen aus. Es war noch früh am Morgen. Am Bahnsteig wurden wir vom Durcheinander eines Bahnhofs aufgesogen und die Masse der aussteigenden Reisenden ließ uns ziemlich einsam aussehen.

Stuttgarts Bahnhof ist ein Kopfbahnhof und somit gingen wir alle in eine Richtung um zur riesigen Bahnhofshalle am vorderen Ende der Bahnsteige zu gelangen. Flackernden Leuchtreklamen, die Werbeschilder von Coca Cola, Mercedes Benz und Kaugummi, riesige Leuchtreklamen von Versandhäusern, Kioske, voll gestopft mit Schokolade, Süßigkeiten, Keksen, verlockenden Getränkeflaschen, massenweise Zeitungen aus aller Welt mit riesigen Schlagzeilen und bunte Zeitschriften mit tollen Frauen auf den Titelseiten. Alles Eindrücke die wir so in der Wirklichkeit nicht kannten, irgendwie mal bei uns zu Haus auf dem Schwarzweiß-Fernseher gesehen, möglich, aber die standen ja meistens auch nur im Schaufenster eines HO- Geschäftes. Es hat mich alles fast erschlagen. Das war der Westen, das war Westdeutschland... hier wollten wir dazugehören, arbeiten, wohnen, leben, unmöglich diese Vorstellung. „Mensch Dieter, was haben wir uns dabei nur gedacht?“ ich fragte nur so um meine Unsicherheit nicht zu zeigen. Dieter gab keine Antwort, er hatte mit sich selbst genug zu tun. Außerdem, solche Art von Gesprächen, über Dinge von denen wir überhaupt keine Ahnung hatten, waren wir ja auch nicht gewöhnt. Jeder konnte nur immer wieder den Anderen auf etwas aufmerksam machen, was er gerade entdeckt hatte. Wir waren ja bestimmt nicht dumm oder gerade eben auf die Welt gekommen. Dieter und ich waren erwachsene Menschen die doch immerhin schon einiges gesehen und erlebt hatten, die im Beruf viel Können bewiesen haben und sich in der verlassenen Heimat - in der anderen Hälfte Deutschlands - sehr gut zurecht gefunden haben. Aber hier auf diesem Stuttgarter Hauptbahnhof stellte ich ganz nüchtern fest, hier war ich in einer anderen, in einer neuen Welt angekommen, hier musste ich erst mal zur Ruhe kommen um mich dann nach und nach zurechtzufinden.

Natürlich war uns Stuttgart nicht nur eben mal so, als Ziel für unseren, na ja sagen wir mal, abenteuerlichen Neuanfang, eingefallen. Ein Freund den wir kannten hatte vor ein paar Monaten - genau wie Traudl auch - die gleiche Entscheidung getroffen und die DDR mit Ziel Westen verlassen, und würde uns für den Anfang bestimmt eine große Hilfe sein. So naiv waren wir nun doch nicht, um solch ein Abenteuer ins Blaue hinein zu beginnen. Horst müsste uns draußen vor dem Hauptbahnhof erwarten. Und das tat er auch. Die Begrüßung war herzlich, wir kannten uns zu gut um uns jetzt mit unnötigen Fragen aufzuhalten. Logisch, das er uns fragte, hat alles geklappt... wie war es an der Grenze... ging alles glatt... wie war die Fahrt? ...und ich freue mich, das ihr endlich da seit „So, na also dann, zuerst bringe ich euch in einer kleinen Pension im Süden von Stuttgart unter, ein paar Tage bis ihr später was zum Wohnen gefunden habt. Ich habe dort schon vorbestellt und ihr habt erst mal eine Bleibe für den Anfang. Alles andere werden wir in Ruhe besprechen.“ „Ich habe mir heute frei genommen.“ sagte Horst noch am Schluss. Damit wollte er sicher andeuten, dass er für den heutigen Tag uns voll zur Seite stehen wolle.

Und das war auch schon seinen nächsten Worten zu entnehmen als er uns ganz gelassen und ruhig erklärte: „Macht euch vor allem keine Sorgen, wie alles weitergeht; einige Überraschungen habe ich mir schon noch aufgehoben, aber ihr sollt ja nicht gleich jetzt am frühen Vormittag, nach der langen Fahrt und den Erlebnissen der Nacht, mit allzu viel kleinen Nebensächlichkeiten überhäuft werden.“ „Zuerst fahren wir jetzt zur Pension, dann könnt ihr euch etwas ausruhen, mit allem erst einmal fertig werden, esst eine Kleinigkeit und nach dem Mittagessen - ich habe noch einiges zu erledigen - treffen wir uns wieder, sagen wir zwei Uhr.“ Uns war bei dem Gedanken ans Ausruhen erst mal alles recht, außerdem, allein wären wir wohl kaum zu recht gekommen „Ist in Ordnung Horst und erst mal vielen Dank für alles.“ sagte ich und war froh dass erst einmal alles ein wenig zur Ruhe kam. Natürlich hatte er mich mit seinen letzten Worten schon wieder neugierig werden lassen. Wir waren voller neuer Eindrücke, voller Aufregung und kamen dabei aus dem Staunen nicht heraus und Horst sprach von Nebensächlichkeiten. Aber auch ich war feinfühlig genug um nicht gar zu viele Fragen zu stellen. Horst fuhr uns mit seinem Wagen zu der Pension, er verabschiedete sich: „Also, bis später dann, macht es gut“ und weg war er. Wir füllten unsere Meldezettel aus und da es eine kleine, preiswerte Pension war, zeigte uns die Wirtin selbst unsere Zimmer, sauber und gemütlich aber für den Moment war das egal. Wir haben beide drei Stunden sehr fest geschlafen.

Zwei Uhr, Horst war pünktlich und wir frisch und munter und gestärkt vom Mittagessen. Wir setzten uns zu dritt an einen kleinen Ecktisch im Frühstücksraum der Pension und holten uns an der Rezeption für jeden eine Flasche Bier. „Na Prost dann, auf eure nächsten Tage “, sagte Horst und wir nickten „Prost Horst!“ zurück. „Wir müssen ganz einfach schauen was die Zukunft für uns bereit hält“ meinte Dieter. Und dann platzte Horst heraus: „Überraschung, ich habe für euch zwei, eben ein Doppelzimmer in der Dornhaldenstraße, ganz in der Nähe, angeschaut. Ihr könntet es ab dem 1.März für vierzig Mark mieten - vorausgesetzt ihr sagt der Wirtin zu,“ lachte er uns an und sah amüsiert in unsere total verblüfften Gesichter. Wir bekamen das Zimmer bei einer sehr netten Frau, welche auch über unsere Situation Bescheid wusste und sie wünschte uns für unser Hauptvorhaben – Arbeit zu bekommen - viel Glück und Erfolg. Und was auch noch toll war, heute war Donnerstag der 28.Februar und somit konnten wir bereits morgen einziehen. An einem Freitag - wenn wir abergläubisch wären – könnte der Tag uns allgemein Glück bringen. Wir schliefen also noch eine Nacht in der Pension, packten unsere Koffer, bezahlten das Zimmer für zwei Nächte und in der Mittagspause fuhr uns Horst in unser neues zu Hause. Die erste Nacht schliefen wir wie die Murmeltiere und gleich am nächsten Vormittag fuhren Dieter und ich mit der Straßenbahn in die Stuttgarter Innenstadt.

Wir kamen natürlich bei unserem ersten Spaziergang in einer westdeutschen Großstadt aus dem Staunen nicht heraus. Alles, aber auch alles war so unsagbar anders und neu. Einzeln etwas aufzuzählen ist unmöglich. Wenn ich aber nur an den letzten Tag zu Hause denke, dann ist schon allein der Unterschied von der Kleinstadt zur Großstadt wie der Unterschied von Tag und Nacht. Der Verkehr, die Autos, Ampeln und Straßenbahn, riesige Gebäude und Kaufhäuser, volle Schaufenster mit Dingen von denen wir in der DDR nur träumen konnten. Die vielen Menschen auf den Straßen, taten ihr übriges um mich immer wieder staunen zu lassen. Das alles war für mich wie eine andere Welt. Wir waren bis zum Hauptbahnhof gefahren und standen nun wie verloren in der großen Bahnhofshalle. War es erst vorgestern, als wir hier angekommen sind? Wir fragten uns bis zu einer Wechselstube durch. Die Menschen die wir ansprachen waren freundlich und gaben uns bereitwillig Auskunft.

Das Ostgeld hatte ich heute Morgen vorsichtig aus meinem Mantelfutter herausgeschnitten. Ich bekam dafür ca. 150.- DM Westgeld für meine 1000.- Ostmark. Ich habe nicht darüber nachgedacht ob das viel oder zu wenig war. Für mich waren die 150.- DM ein kleiner Schatz und ich wollte sehr sparsam damit umgehen. Wir liefen die Königstrasse hoch und in einer kleinen Nebenstraße fanden wir ein Optiker-Geschäft. Den Inhaber schilderten wir kurz unsere Situation und zeigten ihm die beiden Ferngläser. Für ihn war das wahrscheinlich ein ganz normaler Vorgang, ein Geschäft halt und er bot uns je 300.- DM West an. Wir kannten das Handeln nicht und sagten, dass wir damit zufrieden wären. Draußen wieder auf der Straße sagte ich zu Dieter. „Mensch Junge, sind wir jetzt reich, was machen wir jetzt?“ Gleich um die Ecke auf der Königstraße war eine kleine Milchbar, in der Mitte mit einer großen nierenförmigen Theke, hohen, verchromten Hockern mit rotem Kunststoffbezug. An den Wänden sowie an der riesigen Fensterfront, ganz aus Glas und die Scheiben reichten bis auf den Boden, standen lauter bunte Tische und auch in rot bezogene Stühle. Hinter der Theke hübsche, junge Mädels in einheitlicher Kleidung, Auf der Theke und auch auf den Tischen standen silberglänzende Ständer mit eingesteckten Karten für Getränke und Eisspezialitäten. Die Wand war mit einer grell bunten Tapete beklebt und mit großformatigen Filmplakaten dekoriert. Manchen Film kannten wir vom hören sagen. Wir bestellten uns jeder einen Erdbeer-Milchshake und betrachteten die jungen Leute, welche jetzt in der Mittagszeit, Pause hatten oder mit der Schule fertig waren. Ob man uns ansah dass wir aus dem Osten waren? Egal, für uns war es der erste richtige Tag im Westen und das allein zählte für den Augenblick.

Doch ich nehme es vorweg, Stuttgart wurde für uns beide ein einziger Reinfall. Wir waren aufgebrochen etwas Neues zu beginnen und mussten erleben dass wir ganz schnell auf den Boden der Tatsachen geholt wurden. Hier wurden wir nicht gebraucht und wir bekamen das auch sehr schnell zu spüren. In den Kaufhäusern in denen wir nach Arbeit als Schaufensterdekorateur oder ich als Plakatmaler nachfragten bekamen wir nur ein müdes Kopfschütteln „aus der DDR, nein wir sind gut besetzt. Unsere jungen Leute können alles was wir brauchen und sie wissen immer sofort was von ihnen verlangt wird." Diese Antworten waren jedes Mal wie eine schallende Ohrfeige. Was hatte ich mir eigentlich eingebildet. Dass man nur auf mich gewartet hat, auf mich, Wolfgang Innau, dem in der Heimat alle begeistert seine Fähigkeiten bestätigt hatten. Mein Zwischenzeugnis aus dem HO- Kaufhaus und der Gesellenbrief waren hier nicht das Papier wert auf dem sie geschrieben waren.

Mit jedem Tag wurde unser Geld weniger, den Leberkäse mit Kartoffelsalat in der obersten Etage im Restaurant vom Kaufhof, konnte ich kaum noch sehen und die Zeit verging immer langsamer und die Langeweile machte sich breit. Was halfen da noch tolle Filme die wir uns ansahen, kleine, nette Bekanntschaften welche wir gemacht hatten? Es war plötzlich nicht mehr der „Goldene Westen“ von dem ich geträumt hatte, nein, die blanke Realität hatte mich überrumpelt und eingeholt. Dieter hatte auf eine Zeitungsannonce geschrieben und in Aalen, ca.100 km östlich von Stuttgart, Arbeit gefunden. Er hat mich von heute auf morgen in Stuttgart allein gelassen. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Nach Hause an meine Mutter schrieb ich immer wieder Ansichtskarten von Stuttgart, vom Fernsehturm, vom Tierpark Wilhelma in Bad Cannstatt.... und das ganze Geschriebene war nur noch allein ein Verniedlichen, Verschönern und oft genug ganz einfach nur noch gelogen. Der Gedanke ans Aufgeben schlich sich in den Nächten in meine Träume, viele Tränen habe ich in dieser Zeit vergossen. Ja, ich hatte oft nasse Augen an einsamen Abenden, wenn ich ohne viel Geld in der Tasche an den Gaststätten mit lachenden Menschen vorüber gehen musste, wenn ich durch die hell erleuchteten, nächtlichen Straßen ging, ohne Ziel und ohne zu wissen was morgen sein wird. Wenn ich mich in mein Zimmer geschlichen habe, um meiner immer noch netten Wirtin, nicht zu begegnen, weil die Miete vom neuen Monat noch nicht bezahlt war.

Mein ganzes Geld war aufgebraucht, aufgebraucht für vergangene Tage voller Glücklichsein und Freude am Leben, aufgebraucht für manche Dinge die ich gekauft habe weil es sie im Osten nicht gab, aufgebraucht weil ich bisher ungerecht Versäumtes nachholen wollte - aufgebraucht für das Leben im Westen. War das alles vielleicht zu viel verlangt vom Leben?... Möglich? Nun aber war es eine traurige, eine schreckliche Zeit und nichts war mir mehr geblieben als der Gedanke, dass sich doch alles zum Guten wenden werde, nur einen neuen Anfang fand ich in diesen Tagen nicht. Zuviel war in mir kaputt gegangen und ich war so unsagbar einsam und allein. Knapp fünf Wochen waren erst vergangen und doch fünf lange Wochen voller auf und ab meiner Gedanken, mal für Augenblicke himmelhochjauchzend, voller Hoffen, um danach wieder zu Tode betrübt zu sein. Von meiner reichen Tante in Coburg hatte ich auf einen Bettelbrief hin, Geld geschickt bekommen und sie schrieb mir in einen Brief, dass es doch am besten wäre, ich käme zu ihnen. Wir könnten über alles reden und sie würden mich in ihrem Gardinengeschäft sicher brauchen können - ein Lichtstrahl am Horizont - oder war es für mich doch eine Niederlage? Ich ein Versager? Lauter dumme Fragen auf eine Situation die ich allein nicht mehr richten konnte. Bestimmt war die Zeit, die Umstände und die Verkennung der Realität Mitschuld an meinem Versagen. Es war aber an der Zeit nicht nur trostlos zu warten, sondern nach vorn zu schauen und etwas zu tun. Und ich bin wieder in einen Zug gestiegen, diesmal Richtung Coburg.

Coburg und eine schönere Zeit

 

Meine Tante hatte ich seit Kriegsende im Mai 1945, als wir damals auf verschlungenen Waldwegen „schwarz über die grüne Grenze“, zu den Bauern nach Westdeutschland kamen, um Essbares zu erhalten, ein paar Apfelsinen oder Bananen für umgetauschtes Westgeld zu kaufen und um eben in der Nähe wohnende Verwandte zu besuchen, nicht mehr gesehen. Die Wiedersehensfreude hielt sich aber in Grenzen, Tante Martel war freundlich und das war schon sehr viel. Anders habe ich sie auch nicht erwartet, ich glaube sie mochte niemand. Ich bekam ein kleines, eigenes Zimmer nach hinten zum Hof und konnte für den Anfang immerhin erst einmal recht zufrieden sein. Nach einem Gespräch mit Tante und Onkel wurde ich Mitarbeiter im Gardinengeschäft, was soviel bedeutete, dass ich freies Schlafen und freies Essen erhielt und 150,- Westmark im Monat bar auf die Hand. Meine Arbeit sollte darin bestehen, in der Gegend mit einem Wagen umher zu fahren und überall wo neu gebaut wurde, nachzufragen ob wir, also das Gardinengeschäft, die Ausstattung mit Gardinen und Vorhängen übernehmen könnten. Ein silberfarbener „Ford 12M“ wurde extra dafür gekauft und damit ging ich auf Tour.

 

An dieser Stelle muss ich gedanklich ein paar Monate zurück blättern. Den Führerschein hatte ich wohl überlegt vor der geplanten DDR-Flucht, noch in der Osthälfte Deutschlands gemacht. Lustig und es fällt mir eben so ein, bei der Fahrprüfung gab es nur eine einzige Möglichkeit um zu stolpern - ein Stoppschild, die dreieckigen Vorfahrtsschilder schon, aber ein rotes Stoppschild ? Dafür mussten wir aber noch lernen wie die Bremsleitung entlüftet wird und einige anderen möglichen Motorpannen und wie man sich weiter helfen kann. Nun, so können sich die Zeiten ändern. Aber zurück zum Ford 12M, ich fuhr täglich in der Gegend herum und ich probierte auch bei einigen Leuten, welche neu gebaut haben, ein Geschäft zu machen - leider ohne Erfolg. Ich konnte gut malen, konnte mit Farbe und Pinsel umgehen und schöne Schaufenster dekorieren, zumindest besser als das der alte Herr Onkel Otto tat, nur, ein Reisevertreter war ich nun wirklich nicht, und auch mit den Verkaufsstrategien hier im Westen war ich restlos überfordert. Und Schaufenster beim Onkel zu dekorieren war auch nicht möglich. Er hatte im Geschäft in der belebten Bahnhofstrasse zwar vier riesige Schaufenster, aber die sollten so dekoriert werden wie man es anno 1920 gemacht hatte. Ihm war auch eine bessere Gestaltung vollkommen egal. Seine verkalkte Devise war starrsinnig und dumm, „Die Leute haben vor zwanzig Jahren ihre Gardinen bei uns gekauft und sie werden das auch in der Zukunft tun“. Und das am Abend die Kasse leer blieb war ihm auch egal, Geld hatte er mehr als genug.

 

Nebenan war ein kleineres Bekleidungsgeschäft, auch mit einigen Schaufenstern. Eines Tages fragte ich den Inhaber ob er nicht ab und zu einen Dekorateur brauche und ab diesen Tag war ich bei Herrn Schmidt fest angestellt. War ich mit den Fenstern nicht beschäftigt, half ich mit im Verkauf. Ich lernte schnell. Meine Schaufensterdekorationen gefielen allgemein und im Verkauf, in der Herrenkonfektions-Abteilung, hatte ich auch schnell begriffen um was es ging. Die Kollegen und die Familie Schmidt waren mit mir rundum zufrieden und mir selbst gefielen die neuen Aufgaben auch. Außerdem konnte ich mir immer die neuesten Klamotten leisten. Bald war ich ein modern gekleideter junger Mann den wieder einmal die Mädels nach schauten, wenn ich lässig, mit der Zigarette in der Hand, die Milchbar betrat und mich am Tisch angeregt mit meinen neuen Freunden unterhielt. Bekanntschaften blieben nicht aus und das weibliche Geschlecht sagte nur allzu gern ja, wenn ich sie nach einem Tanzabend nach Hause begleiten wollte. Da meine Nächte dadurch etwas länger wurden und mein nach Hause kommen, sich auch mal bis nach Mitternacht hinzog, bekam ich Ärger mit Tantchen: „Wenn du schon bei uns wohnen kannst dann sei bitte spätestens bis um zehn Uhr abends daheim“ donnerte sie los. Damit hatte sie alles gesagt. Ich aber konnte auch anders, immerhin war ich seit Januar Zweiundzwanzig.

 

Ein schönes Zimmer zu finden war kein schwieriges Unter-nehmen und um alles zu verschönern bekam ich sogar die Gardinen und Vorhänge nach meinem Geschmack von Tante Martel geschenkt. Ich ahnte auch, warum das Kriegsbeil nicht vollkommen begraben werden sollte. Durch das neue Auto hatte es sich ergeben, dass ich Onkel und Tante an vielen Wochenenden und bei schönem Wetter zum Kaffeetrinken durch die nähere und weitere Umgebung spazieren fahren durfte. Und das sollte sich natürlich nicht ändern, denn das Auto stand ansonsten nur in einer angemieteten Garage herum. Allerdings, nach jedem Nachmittag an dem wir unterwegs waren, musste ich brav die Autoschlüssel abgeben. Na ja, daran sollte es nicht scheitern. Ich wollte mich auch nicht vollkommen mit der Tante überwerfen, man weiß ja nie? Es wurde ein wunderschöner Sommer. Mein Zimmer am Kanonenweg hatte eine beneidenswerte Aussicht über die Stadt Coburg. Auf halber Höhe, an der Straße welche zur Veste Coburg hinauf führte, stand dieses Jugendstilhaus. Mit Türmchen und Erkern, einem knallroten Ziegeldach und einem bunt bewachsenen Steingarten, welcher sich sehr harmonisch an den Berghang schmiegte, war dieses Haus ein echtes Juwel zwischen ebenbürtigen Nachbarhäusern. Zwei älteren Schwestern gehörte dieses Haus und ich kam mit den beiden Frauen recht gut aus. Sie fragten auch nicht, wann ich am Abend nach Hause kam, „sturmfreie Bude“, nannte man es damals und das wird sich auch in den Jahren kaum geändert haben.

 

An irgend einem Tag hatte ich einen Freund aus der Heimat getroffen. Wir kannten uns vom Stadttheater meiner Heimatstadt und alte Erinnerungen überfielen mich. Damals hatte ich in der Tanzstunde eine bildhübsche, schwarze Schönheit kennen gelernt. Gerti war einfach bezaubernd als ich sie zum ersten Mal sah. Mit einer roten Blume im dunklen Haar saß sie in der Reihe der Mädchen mir schräg gegenüber. Ich hatte sie nie zuvor in unserer Stadt gesehen. Der Tanzlehrer, Herr Fähnrich, hatte seinen Satz, jetzt eine Partnerin zu wählen, noch nicht ganz ausgesprochen, da war ich schon unterwegs und ich sehe noch heute ihr Erröten und ihr bezauberndes Lächeln als ich meinen Diener machte. Wir waren beide Siebzehn. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zu gemacht, ich war ja so verliebt. Wir sahen uns ab diesem Tag sehr oft und die ganze Tanzstundenzeit waren wir unzertrennlich. Und wie es damals die Anstandsregeln vom berühmten Herrn Knigge vorgaben, stellte Gerti mich an einem Sonntagnachmittag ihren Eltern vor. Nach der nächsten Tanzstunde durfte ich sie bis zum schmiedeeisernen Gartentor bringen und es war der Abend als wir beide uns den ersten zärtlichen Kuss gaben. Es ist schon eigenartig, dass es bestimmte Momente im Leben gibt, von denen man glaubt, dass es erst Gestern war. So geht es mir mit Gerti. Es waren nur ein paar Wochen Tanzstundenzeit, aber es waren ganz einfach wundervolle, für uns beide, ganz bezaubernde Wochen. Und wir waren ja noch so unschuldig mit unseren siebzehn Jahren, keine Ahnung von miteinander Schlafen, keine Ahnung von Sex und körperlicher Liebe, unvorstellbar rein und sauber waren unsere Küsse. Herrgott, war diese Zeit schön.

 

Am 28. Dezember 1952 war unser Abschlussball und wir beide, Gerti und ich, haben den ersten Platz ertanzt. Danach haben wir uns kaum noch gesehen. Gerti war in einer anderen Welt zu Hause. Ihre Mutter war eine bekannte Opernsängerin am Greizer Landestheater und der Vater ein sehr bekannter Bühnenbildner. Damals habe ich auch die Liebe zum Theater entdeckt, die mich noch lange Jahre begleiten wird. Hätte ich den Rat von Gertis Vater befolgt, Bühnenbildner zu werden, wäre mein Lebensweg wahrscheinlich anders verlaufen, aber eine Schneiderlehre und diverse Schulen hätte ich absolvieren müssen um dieses Ziel zu erreichen und das wollte ich nicht. Und meine Entscheidung war gut so. Ein Zeitungsbild von Gerti aus der Dresdner Staatsoper, viele Jahre später entstanden, erinnert mich noch heute an eine wunderbare, unbeschwerte Jugendzeit. Und damals lernte ich am Theater auch Hans Schonstedt kennen.

 

„He Wolfgang, du träumst wohl?“ Hans stellte fest, dass ich ganz woanders gewesen sein musste und er hatte ja so recht damit. „Entschuldige Hans, aber ich war wirklich für einen kleinen Moment abwesend.“ er sollte nicht wissen, dass ich an Gerti gedacht hatte. Hier und jetzt war fünf Jahre später und mit Träumen konnte ich im Moment auch nicht viel anfangen. „Aber du wolltest mir doch eben erzählen was dich nach Coburg verschlagen hat?“ fragte ich Hans, nachdem ich ihm kurz meine Geschichte bis hierher berichtet hatte. Und das verblüffende in diesem Augenblick war... mein gedanklicher Rückblick in die Vergangenheit stimmte mit dem, was Hans nun sagte überein: „na du kannst dir doch vorstellen, dass mich das Theater nicht losgelassen hat, ich bin genau wie damals in der Heimat, hier am Landestheater engagiert und singe im Chor.“ und er fügte noch an: „wir können uns, wie in alten Zeiten, wieder treffen, hol' mich doch heute Abend nach der Vorstellung ab. Warte beim Pförtner auf mich und wir trinken noch ein Glas auf das Wiedersehen. Ich bringe auch noch ein paar Leutchen vom Theater mit und wir quatschen von früher.“ er lachte noch und stürmisch, als könne er den Abend nicht erwarten, verabschiedete er sich, „bis heute Abend, halb elf ist die Vorstellung zu Ende, wir sehen uns!“ Nichts hatte sich für einen kurzen Augenblick verändert. Jetzt glaubte ich doch zu träumen. Und es wurde ein ungewöhnlich schöner Abend und er war schön bis in die Nacht hinein. Ab jetzt trafen wir uns regelmäßig. Am Tag hatte ich meine Arbeit und am Abend wartete ich oft beim Pförtner und stets wurden es außergewöhnliche Abende. Wir konnten in einem kleinen Raum stundenlang bei Kerzenlicht Musik hören. Es waren wunderschöne Stunden. Sonntags Vormittag trafen wir uns in der Burgschänke, unterhielten uns über alles Mögliche und Langeweile kannten wir nie, wenn wir zusammen waren. So vergingen die Tage in Coburg und ich war mehr als nur zufrieden mit diesem Leben.

 

Und noch etwas geschah in diesem Sommer. Ich habe Traudl wieder gesehen. Traudl, das tolle Mädchen aus Rudolstadt lebte in Heringen an der Werra und ich fuhr zu ihr. Tantchen hat mir dafür den Ford überlassen. Die Wiedersehensfreude war riesig und es schien als wäre die Zeit nie vergangen. Eine große Liebe kann auch durch eine längere Trennung nicht zerbrechen – so liest man es oft in großen Roman und in billigen Groschenheften – aber es stimmt nicht. Wir mochten uns noch immer, aber Liebe war es nicht mehr. Wir waren beide im Westen angekommen aber gemeinsam glücklich würden wir nie wieder sein. Das spürten wir ohne ein Wort darüber zu sprechen. Wir hatten drei traumhafte Tage miteinander aber danach war es ein sehr trauriger Abschied für uns beide. Wir haben nie wieder etwas von einander gehört aber beide werden wir noch oft an jene wunderschöne, gemeinsame Zeit in Rudolstadt gedacht haben und an unsere junge Liebe. Es war am Abend des 24.Juni als ich wieder zurück nach Coburg fuhr.

 

Gegenüber vom Konfektionsgeschäft Schmidt in der Bahnhofstraße war ein kleines Lokal, nach hinten hinaus mit einem schönen Biergarten und großen Kastanienbäumen in deren Schatten das Bier besonders gut schmeckte. Und hier gab es auch die bekannten Coburger Rostbratwürste vom Holzofengrill. Besser waren sie nur noch am Marktplatz und an einem Stand am unteren Ende der Mohren Straße. Hier im Lokal gab es natürlich einen Wirt, es gab eine Wirtin und es gab einen Mann der kellnerte. Vielleicht acht oder zehn Jahre älter als ich, nicht besonders groß und mit beginnender Glatze. Wolfgang, ja er hieß Wolfgang genau wie ich, war sehr freundlich und außergewöhnlich gesprächig. Wir verstanden uns recht gut und wenn es mal etwas zum „Anschreiben“ gab weil das Geld auf Ultimo zu, etwas knapp war, half die Wirtin oder eben Wolfgang immer aus. Warum aber Wolfgang bei allen Gesprächen mit der Zeit für mich so wichtig war und warum ich Wolfgang überhaupt erwähne; er hatte eine Freundin in München und schon deshalb sprach er auch sehr oft von München und der Schönheit dieser Stadt. Damit war diese Bekanntschaft für mich so wertvoll und von Bedeutung.

 

Deshalb muss ich wieder einmal ein paar Jahre zurückblättern auf meinen Lebensseiten. Es war im letzten Kriegssommer 1944, ich war neun Jahre alt und mit meiner Mutter und deren Freundin mit Sohn in Kochel am See im Urlaub. Auf der langen Zugreise dorthin, mit Aufenthalten in den verschiedensten Städten, besuchten wir auch München. In meiner Erinnerung ist die Frauenkirche und die Feldherrnhalle besonders hängen geblieben. Mit vielen Ausflügen rund um den Kochelsee, kamen wir auch an einen Tag nach Garmisch-Partenkirchen. Es war genau der 12. Juli 1944, es war der Tag an dem einer der schwersten Luftangriffe auf München erfolgte. 1124 Bomber zerstörten das, was von München noch ganz geblieben war. Wir alle saßen in dieser Zeit über sechs Stunden in einem Luftschutzbunker in Garmisch. Dieses Erlebnis und den Urlaub in den herrlichen Bergen und dem kleinen Bauernhof in einem Dorf, wo wir gewohnt haben, hatten sich fest in mein Gedächtnis eingegraben. Und daran musste ich auch denken wenn Wolfgang von der Schönheit Münchens sprach.

 

In Coburg blieben die Uhren nicht stehen, der Sommer ging langsam zu Ende. Die Kastanien im Biergarten waren schon längst von den Bäumen gefallen und die Blätter wurden bunter und mit den letzten, noch wärmenden Sonnenstrahlen wurden die Bäume kahl. Der Winter hielt, mit ersten Raureif an allen Ästen und Zweigen, Einzug in die oberfränkische Landschaft. Und das Weihnachtsfest nahte unbarmherzig, das erste Weihnachtsfest ganz allein und durch die Zonengrenze sehr weit weg von zu Hause. Meine seelische Verfassung vor den Festtagen war alles andere als stabil zu nennen. Auch wenn ich Freunde gefunden habe, und auch wenn Hans hier war, ich war doch allein. Hans musste das geahnt haben und ich verbrachte den Heiligen Abend mit unseren Freunden vom Theater gemeinsam. Auch andere waren allein. Silvester ging vorüber und ein neues Jahr fing an. 1958 sollte zumindest kein schlechtes Jahr werden. Meine Arbeit bei Herrn Schmidt gefiel mir immer besser und er schien auch mit mir sehr zufrieden zu sein. Mit seinem Mercedes war ich oft in Oberfranken unterwegs, ja ich kam sogar bis runter nach Nürnberg, um Ware für das Geschäft abzuholen.

 

An Pfingsten hatte ich im Lokal gegenüber Marion kennen gelernt. Marion war ein netter Kerl. Mit ihrem rotblonden Kurzhaarschnitt und dem spitzbübischen Lachen im Gesicht, wirkte sie eher burschikos. Trotzdem, wie erwähnt, sie war ein netter Kerl und war mit einer Verkaufsgruppe für Mode unterwegs gewesen. Sie ließ einfach die Gruppe nach ein paar Tagen allein Weiterziehen und blieb einige Zeit in Coburg. Ob sie in mich verliebt war, ich weiß es nicht. Wir verlebten eine kurze, schöne Zeit miteinander. In unserer Clique fühlte sie sich sichtlich wohl und alle mochten sie. Doch von einem Tag zum Anderen war sie wieder weg, einfach verschwunden. Schade, ich habe nie mehr etwas von ihr gehört. Onkel Ottos Gesundheit war nicht mehr die beste und er starb im Sommer. Ein somit trauriger Anlass brachte einen Teil meiner Verwandtschaft für ein oder zwei Tage zusammen. Nur meine Mutter durfte die DDR, als Strafe wegen meiner Republikflucht, nicht verlassen. Mein Vater lebte in der Nähe von Frankfurt und kam auch nach Coburg. Viel miteinander zu erzählen gab es nicht. In den Kriegsjahren hatte er mir gefehlt und als er endlich aus der Gefangenschaft wieder nach Hause zu seiner Familie kam, ging er seine eigenen Wege. Die traurigen Tage vergingen, die Verwandten fuhren zurück und mich hatte der Alltag wieder. Die Kastanien waren wieder einmal von den Bäumen gefallen und alles war so wie es auch im letzten Jahr gewesen ist.

 

Dann kam der Tag Ende September und es kam wieder einmal alles ganz anders und es war Wolfgang der mein Leben änderte ohne das er es wissen konnte.

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