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GAARSON-GATE: Die 2. Kompilation

Wilfried A. Hary (Hrsg.)

GAARSON-GATE: Die 2. Kompilation

„Die Bände 11 bis 20 der Serie hier in einem Buch zusammengefasst!“





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

GAARSON-GATE:

Die 2. Kompilation

 

GAARSON-GATE ist die Schwesterserie von STAR GATE – das Original!

 

Die Bände 11 bis 20 der Serie hier in einem Buch zusammengefasst!“

 

21. März 2453 = Durch einen Terroranschlag verschwinden 7 Menschen mittels eines GG (= Gaarson-Gate = eine besondere Art von Materietransmitter) - und geraten in ein fremdes GG-Netz, das schon lange existiert (Bände 7 und 8).

22. März 2453 = Den Verschollenen gelingt es, kurzzeitig PSI-Kontakt mit Clarks-Planet aufzunehmen und mitzuteilen, dass sie sich möglicherweise Tausende von Lichtjahre vom irdischen Machtbereich entfernt aufhalten, auf einer Dschungelwelt namens Vetusta (Band 9). Die Verbindung reißt jedoch ab, denn sie werden überwältigt und gefangen genommen vom Stationscomputer auf Vetusta. Dieser schickt 3 von ihnen (Band 10) in das GG-Netz des so genannten Prupper-Imperiums, um herauszufinden, was in den letzten Jahrhunderten seit einem interstellaren Krieg geschah. Denn er wurde in jenem Krieg stark beschädigt, verlor dabei den größten Teil seiner Erinnerungsspeicher und hat keinerlei Kontakt mehr mit dem Imperium. Die drei Verbannten sind: John Millory, Petro Galinksi und Cora Stajnfeld!

Und sie landen auf einer Welt, auf der eine neue Eiszeit begonnen hat - mit schlimmen Folgen. Dabei kommen sie in Kontakt mit Wesen, die haargenau aussehen wie Menschen - und sich auch wie solche benehmen.

Nur ihre Sprache ist anders, aber die haben die drei durch den Stationscomputer auf Vetusta gelernt...

Die Autoren dieser 2. Kompilation in der Reihenfolge ihrer Verwendung:

Alfred Wallon

W. A. Travers

Wilfried A. Hary

 

Immer Ihr Wilfried A. Hary (Hrsg.)

 

1

 

Die Ärztin, in deren Wohneinheit sie sich befanden, schaltete einen wandgroßen Bildschirm ein. Nachrichten wurden gerade übertragen.

»Chaos beherrscht die Erde«, berichtete ein Sprecher mit dramatischer Stimme. Um dies zu untermauern, wurden Bilder der Zerstörung gezeigt.

»Die Achse der Erde hat sich plötzlich um einen halben Grad geneigt. Das ist vergleichsweise wenig, aber die Wirkung ist katastrophal!« Eine Cora ziemlich futuristisch anmutende Stadt wurde gezeigt. »Vor allem die Reste der Altstadt sind sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden.«

Einige Wohntürme, die sich pilzförmig über die Stadt erhoben, waren umgestürzt. Der Verlust an Menschen war ungeheuer groß.

»Praktisch aus dem Nichts entstanden durch die plötzliche Neigung Schlechtwetterfronten von unglaublicher Wirkung. Stürme suchten viele Städte der Welt heim.«

Das Bild wechselte, zeigte jetzt einen Mann, lässig gekleidet.

Aufgeregt sagte er: »Wie wir soeben hörten, sind trotz des Verbotes noch einige Schiffe auf den Weltmeeren unterwegs. Es handelt sich um Schiffe, die es in der kurzen Zeit nicht schafften, den nächsten Hafen anzulaufen. Sie kennen die Nostalgiewelle der letzten Jahre. Luxusdampfer wurden gebaut, die fast so arbeiten wie vor Tausenden von Jahren. Der Dampf wird mittels Atomreaktoren erzeugt.«

Abermals wechselte das Bild und zeigte einen der Luxusdampfer.

›QUEEN!‹ stand sinngemäß auf der Seite zu lesen. Ein Archivbild. Der Sprecher wies darauf hin. Er tauchte wieder auf.

»Eben klappte die Verbindung mit dem Schiff. Vorhin empfingen wir einen deutlichen Notruf. Jetzt, nachdem wir uns zunächst vergeblich um eine erneute Verbindung bemüht haben, kommen die ersten Bilder herein.«

Cora und die Ärztin wurden Zeugen davon.

Cora lehnte sich unwillkürlich nach vorn. Auch die Ärztin vergaß einen Moment, in welche Situation sie sich durch ihren selbstlosen Einsatz begeben hatte.

Die Aufnahmekamera schwankte hin und her, wobei das Bild erheblich verwackelte.

Es wurde ruhiger und da wurde ersichtlich, dass es nicht die Kamera war, die sich wild bewegte, sondern die Elemente, die das Schiff trugen.

Haushohe Wellen. »Ein anderes Schiff wäre längst schon untergegangen«, verkündete der Sprecher. »Aber Sie wissen, dass man beim Bau der Schiffe neue Wege ging. Nur äußerlich gleichen sie jenen, die einst die Weltmeere bereisten und wichtige Verkehrsverbindungen herstellten. Den Wellen vermag die QUEEN noch standzuhalten, aber sehen Sie die gigantischen Eisberge!«

Ja, jetzt kamen auch sie ins Bild.

Eisberge, die so groß waren wie richtige Inseln. Die wilden Wasser spielten damit.

So etwas hatte Cora noch nie zuvor gesehen und sie konnte mit Recht behaupten, dass sie manches schon erlebt hatte.

Die Eisberge besaßen eine beängstigende Geschwindigkeit.

Zwei drifteten auf das Schiff zu. Sie würden den Dampfer in die Zange nehmen und zerreiben.

Genau das kündigte auch der Sprecher an.

Er wurde unterbrochen von einer schwachen Stimme, die offenbar vom Schiff selbst stammte: »Hilfe! So helft uns doch! Wir müssen alle sterben.«

Mit zittriger Stimme kommentierte der Sprecher: »Sie hören es selber. Durch einen Zufall nehmen wir Anteil an einem furchtbaren Schicksal. Einer unserer besten Korrespondenten befindet sich auf dem Schiff. Ihm verdanken wir diese Bilder. Er beweist auch noch im letzten Augenblick Nerven und wird uns versorgen, bis das Ende auch für ihn gekommen ist.«

Kurz wurde das Bild des Korrespondenten eingeblendet - ein älterer Mann mit einem offenen Lächeln.

Cora spürte eine Gänsehaut. Am liebsten hätte sie den Wandschirm abgeschaltet, aber das Geschehen fesselte sie zu sehr.

Das ist auch der Sinn der Aktion, dachte sie im stillen. Reine Effekthascherei. Die Medien erleben in dieser schlimmen Zeit große Tage. Auf meiner Erde wäre es keinen Deut besser. Außerdem hat das Ganze auch etwas Gutes. Die Zuschauer werden dadurch nicht mehr so sehr gewahr, wie dicht ihnen der Tod schon selber im Nacken sitzt!

Die QUEEN schaukelte noch einmal heftig.

Einer der Eisberge war heran.

Ein wahnsinniges Knirschen drang aus den Lautsprechern.

Dann Schreie aus vielen Menschenkehlen.

Die ersten Menschen gerieten ins Bild. Sie rannten über ein Deck.

Die Kamera bekam einen Stoß. Das unterbrach die Verbindung für einen Augenblick.

Schon wollten die Fernsehleute ausblenden und brachten wieder ihren Kommentator auf den Schirm. Aber dann klappte der Kontakt wieder.

Die Kamera zeigte eine Frau, die in ihrer Panik in die eiskalten Fluten sprang.

Aber auch für die anderen gab es keine Rettung mehr.

Der Kommentator erklärte es: »Sie hätten nur mit Fluggleitern oder Raketenflugzeugen gerettet werden können. Aber selbst denen wäre es unmöglich gewesen, bei den herrschenden Windverhältnissen in der Luft zu bleiben.«

Der Eisberg bohrte sich seitwärts in den Schiffsrumpf. Teile der Reling splitterten ab, wurden empor geschleudert.

Die aus Kunststoff bestehenden Decksplanken platzten auseinander. Immer tiefer schob sich die scharfe Kante des Eisbergs in das Schiff - tiefer und unaufhaltsam.

Wasserfontänen spritzten hoch über das Schiff hinweg.

Der zweite Eisberg kam von der anderen Seite.

Das Schiff wurde hecklastig und hob sich vorn hoch wie von einer Titanenfaust gedrückt.

Der Träger der Kamera verlor den Halt. Nur noch verwaschene Konturen und huschende Striche waren erkennbar.

Das Bild beruhigte sich wieder.

Der Träger der Kamera schien auf dem Rücken zu liegen, denn das Bild war auf dem Kopf.

Es drehte sich ruckartig. Ein lautes Stöhnen, kaum übertönt vom Tosen der Naturgewalten. Der Mann, der das Stöhnen ausstieß, hatte seinen Mund offenbar nahe dem Mikrophon.

War es der Korrespondent?

Das Schiff wurde regelrecht zersägt.

Dann löste sich vom zweiten Eisberg die Spitze. Sie krachte auf das Deck des Schiffes und zertrümmerte es.

Noch immer bestand die Verbindung. Cora fragte sich, wie die Fernsehleute das Kunststück fertig brachten.

Die Kamera richtete sich auf das Innere des aufgeplatzten Schiffsrumpfes.

Da fiel der Ton aus. Als letztes war ein Donner wie von tausend Gewittern zu hören.

Ein weiterer Eisbrocken landete auf dem Rest des Schiffes. Diesmal lautlos.

Der Boden, auf dem der Träger der Kamera lag, neigte sich. Der Korrespondent kam ins Rutschen.

Immer schneller wurde die Höllenfahrt.

Schäumende Gischt, die heranhuschte.

Dann war nichts mehr zu sehen. Die Fernsehleute schalteten um ins Studio und zeigten ihren Sprecher.

Der Mann war blass und nervös.

Die Regungen, die er zeigte, waren echt.

Ächzend lehnte sich Cora zurück. In diesen Augenblicken zweifelte sie wirklich nicht daran, dass diese ›Erde‹ ihrem Untergang entgegensteuerte - und sie mit...

 

*

 

Mehrere seltsam geformte Gleiter kamen ihnen entgegen. Petro und John beugten sich unwillkürlich vor.

»Aufräumroboter«, erklärte der Pilot ihres Fahrzeuges. Er hatte sich mit einem Namen vorgestellt, der die beiden etwa an ›Ted Hardy‹ erinnerte. Es war ihnen klar, wie solche Assoziationen in ihren Köpfen zustande kamen: Sie hatten diese Sprache im Tiefschlaf gelernt, also nicht auf natürlichem Wege. Also mussten sie automatisch alles aus dieser ihnen im Grunde genommen fremd gebliebenen Sprache mit vertrauten Begriffen assoziieren. Dabei benutzten sie allerdings keine Begriffe aus der irdischen Allgemeinsprache Esperanto, die auch auf den Kolonialwelten gesprochen wurde, sondern bevorzugt regional gültige Begriffe. Eben aus Regionalsprachen, die ihnen zwangsläufig nicht so sehr gebräuchlich waren - und eigentlich ähnlich fremdartig vorkamen wie die Sprache hier...

Die Roboter bewegten sich ebenfalls auf einem Prallfeld vorwärts, wie der Gleiter, an Bord dessen sie sich befanden.

Greifarme, Baggerschaufeln und andere Einrichtungen gaben ihnen eine unförmige Gestalt. Trotzdem waren sie relativ klein und wendig.

Sie huschten an ihnen vorbei.

Ted Hardy vermutete: »Die sollen wohl die Straße vorn freimachen und notwendige Reparaturen durchführen.«

Petro und John hätten die Roboter gern bei der Arbeit gesehen, aber sie dachten an die Uniformierten, die nach ihnen suchten. In der Stadt würden sie besser aufgehoben sein.

Und dann sahen sie wieder die ferne Kulisse der gigantischen Stadt. Teilweise kroch sie steile Berghänge empor. Zweckmäßige Architektur beherrschte das Bild. Aus dieser Entfernung war wenig von der Zerstörung zu sehen, die der Sturm angerichtet hatte.

Ted Hardy nickte. »Hier haben die Aufräumroboter schon gewirkt. Alles ist wieder frei.« Er wandte den Kopf. »Als ich die Stadt verließ, sah die Straße anders aus. Zum Glück haben wir die Roboter. Sie arbeiten schnell und präzise, obwohl sie viel Energie verbrauchen.«

Energie? John überlegte. Was war denn hier wirklich los?

Und dann kam er zu einem ähnlichen Schluss wie Cora: Eine Katastrophe am Ende des Gaarson-Effektes?

Und dann: Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass die Versuchsanlage, in der sie materialisiert waren, damit etwas zu tun haben könnte!

In rasender Fahrt näherten sie sich der Stadt. Das Leitsystem funktionierte nicht. Ted Hardy steuerte seinen Gleiter manuell.

Noch ein paar mal trafen sie auf Fahrzeuge des Robotaufräumdienstes.

Dann sahen sie das erste beschädigte Riesengebäude. Es stand am Eingang der Stadt.

Freies Gelände wurde plötzlich abgelöst von hochragenden Wohntürmen. Dazwischen befand sich weites Parkgelände, das allerdings dem Sturm anheim gefallen war.

Das Gebäude ähnelte einem überdimensionalen Kreisel mit stumpfer Spitze, auf dem es gestanden hatte. Titanenkräfte hatten den Kreisel umstürzen lassen.

Tausende von Menschen hatten in dem Turm gewohnt. Petro und John weigerten sich, sich das ganze Ausmaß der Zerstörung auszumalen. Eiskalte Schauer rieselten ihnen über den Rücken.

Große Teile des auseinander geplatzten Gebäudes waren auf die Straße gefallen. Die Roboter arbeiteten immer noch in der Manier fleißiger Ameisen. Jeder konnte das Mehrfache seines Gewichtes bewegen. Sie brauchten gar nicht größer zu sein. Im Gegenteil: Ihre gedrungene Gestalt hatte große Vorteile. Sie drangen bis in den letzten Winkel vor.

Sie passierten den umgestürzten Wohnturm. Überall waren Parkbäume entwurzelt. Der Sturm hatte furchtbare Spuren hinterlassen und die Stadt schrecklich zernarbt.

Ein Robotkommando transportierte Verletzte ab. Hier gab es auch Menschen, die mit anpackten. Sie waren allerdings in der Minderzahl, halfen wahrscheinlich nur, um überhaupt irgend etwas zu tun, was das Chaos minderte.

John sah zum Himmel. Das Schneegestöber war zurückgegangen. In der Stadt war kaum Schnee liegen geblieben.

Kleinere Wohntürme waren ebenfalls ein Opfer des Sturms geworden.

Als sie in dichter besiedelte Gebiete kamen, wurde es ein wenig besser. Die Häuser am Eingang der Stadt hatten dem Sturm anscheinend einen Teil seiner ungeheuren Wucht genommen.

Ted Hardy nickte anerkennend. »Vor einer Stunde hat es hier noch anders ausgesehen. Die Roboter sind fleißig. Wäre es so gewesen wie jetzt, hätte ich die Stadt wahrscheinlich gar nicht verlassen. War sowieso eine Kurzschlusshandlung, wie mir scheint.«

»Sie haben doch von Plünderern und dergleichen erzählt«, erinnerte John Millory.

Er zuckte die Achseln.

»Das Problem ist anscheinend inzwischen auch gelöst.«

Ohne die beiden zu fragen, brachte er sie kurzerhand in das Viertel, in dem er selbst wohnte.

Der Gleiter schwebte auf eine Art Parkplatz. In der Mitte des Platzes befand sich eine große Öffnung. Wahrscheinlich der Eingang zu einer Art Tiefgaragen.

Der Parkplatz war leer. Ted Hardy stellte seinen Gleiter ab. Die Tür schwang auf.

Eisige Kälte drang ein und raubte ihnen fast den Atem. Die Temperatur fiel rapide. Die Männer froren trotz ihrer schützenden Kleider.

Abermals warf John einen Blick zum Himmel. Die Wolken hatten sich verzogen. Das Firmament war azurblau. Aber irgendwie wirkte diese Farbe unnatürlich.

Ein schlechtes Zeichen?

Sie setzten ihren Fuß auf die Betonplastfläche.

Als wäre dies der Auslöser gewesen, erschütterte ein gewaltiger Erdstoß den Boden.

Die umliegenden Wohntürme sahen angeschlagen aus und jetzt wackelten sie bedenklich, wie Petro meinte.

Unwillkürlich blieben sie stehen und wagten sich nicht zu rühren. Der Erdstoß wiederholte sich nicht.

Ted Hardy erbleichte. Mit einer fahrigen Bewegung fuhr er sich durch die Haare.

»Haben Sie eigentlich ein bestimmtes Ziel hier in der Stadt?«

»Im Prinzip schon«, antwortete Petro Galinksi ausweichend. »Aber wir haben noch Zeit - falls Sie das meinen.«

Ted Hardy nickte.

»Dann darf ich Sie vielleicht zu mir einladen? Ich wohne allein.«

Petro und John zögerten. Dann dachten sie, dass es vielleicht nichts schaden könnte.

John hegte nur Bedenken, falls es zu einem erneuten Erdstoß kommen würde. Die Gebäude waren alle angeknackst.

Zu dritt gingen sie zunächst auf die Bodenöffnung zu.

Steil führte eine Piste abwärts. Daneben befand sich der Eingang zu einem Fahrstuhl. Ja, tatsächlich: Nicht etwa ein Antigravlift, sondern ein Lift mit richtiger Kabine. In vielen Dingen war diese Welt hier rückständig - im Vergleich zur Erde. Obwohl dies eine Kultur war, die um Jahrtausende älter war als die menschliche Kultur? Mehr als seltsam. Ob das mit den Energieproblemen zusammenhing? Und wie lange bestanden diese bereits?

John konnte es sich einfach nicht vorstellen, dass der Gaarson-Effekt eines Tages tatsächlich nicht mehr wunschgemäß funktionieren könnte und dadurch die Kultur um Jahrtausende zurückgeworfen wurde. Ja, er hatte seine Schwierigkeiten damit, obwohl er es mit eigenen Augen sehen konnte...

Ted Hardy betätigte einen Kontakt. Die Tür teilte sich lautlos und ließ sie in eine geräumige Kabine treten. Hier hätten bequem zwanzig Leute Platz gehabt.

Abermals drückte Ted Hardy einen Knopf. Eine Lichterreihe flammte auf. Eines der Lichter blinkte. Es war mit Hieroglyphen versehen, die vergleichbar der Nummer 234 entsprachen.

Petro und John mussten die Feststellung machen, dass die Kabine mehr als nur ein Fahrstuhl war. Sie befanden sich in einer Art Transportröhre. Das Prinzip, nach dem diese funktionierte, wurde ihnen nicht klar. Mit sanftem Ruck setzte sich die Kabine in Bewegung. Die Lichter in der langen Reihe flackerten nacheinander kurz. Bis die Kabine stoppte. 234 erlosch.

»Willkommen zu Hause!«, sagte Ted Hardy theatralisch. »Ich wohne in einer Geschäftsetage. Der Wohnturm ist autark. Bei uns gibt es keine Geschäfte außerhalb. - Sagt mal«, wechselte er plötzlich das Thema, »woher stammt ihr eigentlich?«

»Nicht von hier.«

Ted Hardy schürzte die Lippen.

»Aha?«

Petro Galinksi lächelte unverbindlich.

»Sie haben es erfasst.«

Die Tür teilte sich und ließ die drei hinaus. Ted Hardy winkte sie mit sich.

John betrachtete den Mann von der Seite. Irgendwie kam ihm Ted Hardy nicht ganz geheuer vor. Ted Hardy machte einen sportlich gestählten Eindruck und bewegte sich elastisch. Unwillkürlich musste John an die Waffe denken, die der Mann mit sich führte.

Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, sich Hardy so blind anzuvertrauen?

John tauschte einen schnellen Blick mit Petro Galinksi.

 

 

2

 

Petro schaute sich in der Etage um. Ein breiter Gang tat sich vor ihnen auf. Er war mindestens sechs Meter hoch und zehn Meter breit und ähnelte mehr einer Straße. Verschiedene Laufbänder erleichterten den Menschen, die hier wohnten, die Fortbewegung. Es herrschte im Moment kaum Betrieb. Nur die Hälfte der Laufbänder bewegte sich.

Sie stellten sich auf das äußere, langsamste und zogen an ein paar Schaufenstern vorbei. Der Gang vollführte eine sanfte Biegung.

Mitten in dieser Biegung geschah es. Plötzlich riss Ted Hardy seine Waffe hervor. John Millory stand ihm zunächst. Er erschrak und erwartete, dass sich der Lauf der Waffe auf ihn richten würde.

Dem war nicht so. Ted Hardy hatte eine Gefahr entdeckt, die aus anderer Richtung kam.

Im nächsten Augenblick feuerte er.

Ein Blitz löste sich lautlos aus der Waffe und raste lichtschnell über den Gang. Gleichzeitig warf sich Ted Hardy auf das Band und brüllte etwas.

Petro Galinksi und John Millory benötigten keine Extraeinladung.

Sie folgten dem Beispiel von Hardy und zogen ihre Paralyser, obwohl sie noch gar kein Ziel für ihre Waffen entdeckt hatten.

Dann sahen sie die zerbrochene Schaufensterscheibe. Sie bestand aus ultrahartem künstlichen Glas. Mit Gewalt musste sie aufgebrochen worden sein.

Ein Blitz zuckte über sie hinweg.

Petro spürte ein Brennen im Nacken. Nur knapp hatte man ihn verfehlt.

Langsam zog sie das Laufband an den Auslagen vorbei. Im Eingang lag eine regungslose Gestalt in seltsam verkrümmter Haltung. Ein Toter?

Petro dachte an den Schuss von Ted Hardy.

Die regungslose Gestalt war ebenfalls bewaffnet.

Vielleicht wären sie beide ohne Hardy nicht mehr am Leben!

Offenbar waren die Plünderer mitten in der Arbeit gewesen. Sie brauchten keine Zeugen und ein Menschenleben bedeutete ihnen offenbar nichts.

Petro sah einen bewaffneten Arm, der blitzschnell vorschnellte. Bevor sich ein Schuss lösen konnte, betätigte er seinen Paralyser. Der Arm wurde zurückgezogen. Die Waffe fiel aus der schlaff gewordenen Hand.

Dann hatten sie die Szene hinter sich.

Ted Hardy wartete noch einen Augenblick. Er erhob sich.

»Offenbar ist das Problem der Plünderei doch noch nicht gelöst!«, konstatierte er bitter. »Nur gut, dass ich meine Waffe mitgenommen habe.«

Ehe er seine neugierigen Blicke auf die Paralyser richten konnte, ließen John und Petro sie verschwinden. Ted Hardy ging nicht darauf ein.

Endlich erreichten sie seine Wohnung.

Im Wohnviertel wurde der Gang in zwei Ebenen unterteilt. In halber Höhe zog sich eine Galerie entlang. Mittels einer Art Paternoster gelangte man hinauf.

Ted Hardy wohnte oben.

Vom Paternoster aus waren es nur wenige Schritte.

Johns Haltung versteifte sich. Er ahnte etwas. Sein Instinkt meldete sich.

Ein Seitenblick überzeugte ihn davon, dass es Petro Galinksi ebenso erging.

Ted Hardy gab sich einer Türautomatik zu erkennen. Selbständig öffnete sich der Eingang. Sie traten ein.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, als Ted Hardy herumwirbelte.

Die Waffe befand sich in seiner erhobenen Rechten.

Auch Petro Galinksi reagierte. Er riss den Paralyser hoch.

Bevor er ihn jedoch einsetzen konnte, traf die Fußspitze von Ted Hardy sein Handgelenk und lähmte es.

John Millory machte erst gar keinen Versuch, sich zur Wehr zu setzen. Langsam hob er die Hände über Schulterhöhe.

Hardys Waffe deutete auf Petro Galinksi. Sein Zeigefinger krümmte sich deutlich um den Auslöser. Johns Augen weiteten sich. Würde Ted Hardy wirklich schießen? Was war das eigentlich für ein Mann?

 

*

 

»Ich kann unmöglich hier bleiben«, sagte Cora Stajnfeld zu der Ärztin. Inzwischen wusste sie, dass sie Guerrien hieß. So ähnlich jedenfalls hatte der Name geklungen. Und es gab eine Art Vornamen, der Cora an ›Lorenza‹ erinnerte.

Lorenza nickte. Sie blickte Cora forschend an. Diese erkannte etwas in diesem Blick, das ihr nicht gefallen wollte. Sah so nicht eine Frau einen an, wenn sie sich verliebt hatte? Ihr wurde mulmig. Verlegen kratzte sie sich an der Wange. - »Äh, gibt es noch eine Möglichkeit für mich, unterzutauchen?«

Lorenza blinzelte, als erwachte sie aus einem kurzen Traum.

Erst jetzt schaute Cora sie genauer an.

Lorenza Guerrien mochte - nach irdischen Maßstäben gesehen - Mitte Dreißig sein. Sie war zwar keine verwirrende Schönheit, aber von durchaus ansprechendem Äußeren - und offensichtlich lesbisch, was Cora von sich selber nicht behaupten konnte.

Die brünetten Haare trug sie glatt zurückgekämmt und hinter dem Kopf zu einem fantasievollen Gebilde geknüpft. Das entsprach wohl der momentanen Haarmode. Das Gesicht war fein geschnitten, wenngleich etwas bleich, als hätte Lorenza lange keine Sonne gesehen.

Kein Wunder, wenn sie sich immer in diesem Bunker aufhält, konstatierte Cora.

Die ausdrucksstarken Augen ruhten auf ihr und machten sie sehr nervös.

Ihr Blick senkte sich, glitt über die schlanke Gestalt der Ärztin. Viel hatte sie nicht an und das wenige enthüllte Formen, die man als durchaus passabel bezeichnen konnte.

Cora blickte schnell weg.

Hatte sich Lorenza wirklich in sie verliebt?

Es wäre eine Erklärung für ihren selbstlosen Einsatz.

Endlich beantwortete sie Coras letzte Frage: »Sie haben recht. Wenn man Sie erst einmal vermisst, wird man auch hier suchen. Aber meine Wohnung grenzt an den medizinischen Bereich. Vielleicht gibt es dort eine Gelegenheit? Die Frage ist nur - was kommt danach? Ewig kann das Versteckspielen schließlich nicht dauern.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Cora erschrocken. Wollte sie sie los werden? Bereute sie, was sie für Cora getan hatte?

Lorenza winkte mit beiden Händen ab.

»Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es muss eine Möglichkeit geben, Sie ganz nach draußen zu schmuggeln, verstehen Sie? Hier können Sie auf keinen Fall bleiben.« Sie erhob sich. »Aber machen wir uns darüber zu einem späteren Zeitpunkt Gedanken. Zunächst ist es einmal wichtig, dass wir Sie gut unterbringen.«

Damit war Cora einverstanden. Obwohl ihr bei der ganzen Sache nicht ganz einerlei war. Wenn Lorenza wirklich einmal echte Annäherungsversuche machte und Cora sich dagegen zur Wehr setzte... Was war dann? Nun, zur Zeit sah es nicht danach aus. Lorenza schien zu begreifen, dass Cora ihre Gefühle nicht erwiderte - und dies zu respektieren.

Sie ging zur Tür, öffnete sie und sicherte nach allen Seiten.

Gemeinsam traten sie hinaus, als die Luft rein war.

Cora ging hinter ihr her. Lorenza hatte einen atemberaubenden Gang.

Es fiel ihr zum ersten Mal auf. Wohl, weil sie normalerweise auf so etwas überhaupt nicht achtete. Wozu auch?

Feine Schweißperlen traten auf ihre Stirn. Sie wischte sie rasch weg.

Nur nichts anmerken lassen!, redete sie sich ein. Und: Einfach neutral bleiben! Das hilft bestimmt...

 

*

 

»Wo ist Ihre Kennmarke?«, schnappte Ted Hardy.

Johns Herz schlug bis zum Hals.

Petro Galinksi war zu wütend auf sich selbst, weil sie auf Hardy hereingefallen waren und vor allem, weil er sie trotz ihres letztendlich doch noch entstandenen Misstrauens so leicht hatte überwältigen können, als dass er zu einer Antwort fähig gewesen wäre.

John sagte: »Wir haben Sie verloren. Das wissen Sie doch bereits. Was soll das?«

Ted Hardy stieß ein humorloses Lachen aus. »Da fragen Sie noch?«

Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß. Dann nickte er langsam und schürzte dabei die Lippen.

»Die Beschreibung stimmt.«

»Welche Beschreibung?« John ahnte längst schon etwas.

Ihre Blicke kreuzten sich.

»Können Sie sich das nicht denken?«

»Also gut, machen wir Schluss mit dem Versteckspielen!«, bellte Petro. »Was haben Sie mit den Leuten vom Geheimprojekt zu tun? Sind Sie ein Spitzel?«

Ted Hardy wiegte bedächtig mit dem Kopf.

»Spitzel? Ein hässliches Wort. Aber gut, wie Sie wollen, ich stehe im Dienst der Regierung. Meine Fahrt, die mich nach außerhalb führte, galt Ihnen.«

»Sie haben uns in eine Falle gelockt!« Petro Galinksi knirschte mit den Zähnen. Er machte Anstalten, sich auf Ted Hardy zu werfen, hielt sich aber rechtzeitig zurück. Es hätte seinen Tod bedeuten können.

»Ja, das habe ich«, bestätigte Ted Hardy.

»Und was haben Sie jetzt vor? Uns umbringen? Übergabe an Ihre Helfershelfer?«

»Ich beginne zu begreifen«, murmelte John Millory. »Das hätten Sie doch viel leichter haben können. Sie sahen die Flugmaschinen, als wir wegfuhren, wussten vielleicht sogar, dass sie unsertwegen unterwegs waren. Trotzdem zogen Sie mit uns ab. Nur, um uns in Sicherheit zu wiegen? Nein, das kann ich nicht glauben. Warum haben Sie nicht gleich Ihre Waffe eingesetzt, als Sie uns sahen?«

»Vielleicht wollte ich kein Aufsehen erregen?«

Petro Galinksi wurde hellhörig. Seine Wut verrauchte schlagartig und machte kühler Überlegung Platz. Ihm ging ein Licht auf.

Trotzdem ließ er John die Führung des Gesprächs.

»Das können Sie uns nicht erzählen. Sie hätten den Leuten nur zu sagen brauchen, wir seien zwei gesuchte Verbrecher.«

Ted Hardy grinste schief.

»Gut bemerkt. Aber erklären Sie mir doch, warum ich so handelte und nicht anders?«

»Wahrscheinlich aus persönlichen Gründen. Sie wollten über uns mehr erfahren. Die Erde steuert dem Untergang entgegen. Wer weiß schon, wodurch das eingeleitet wurde? Auf jeden Fall erscheint das Ende unaufhaltsam. Sie überlegen, ob es in dieser Zeit noch sinnvoll ist, Ihrem Auftraggeber absolute Loyalität entgegenzubringen. Möglicherweise sind wir recht interessant für Sie?«

Ted Hardys Gesicht wurde ernst. »Wie haben Sie es geschafft, ungesehen in das Sperrgebiet zu kommen? Man sagte mir, Sie seien mitten in der Versuchsanordnung aufgetaucht.«

»Welchem Zweck dient die Anlage überhaupt?«, lenkte John Millory ab.

Ted Hardy zögerte.

»Also gut, es ist nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Sie sind sich doch darüber im klaren, dass dieses Interview tödlich für Sie endet, wenn es nicht zu meiner Zufriedenheit verläuft? Ich bin schon zu weit gegangen, als dass ich Sie am Leben lassen könnte. Und machen Sie sich keine Sorgen, was meine Vorgesetzten betrifft. Bei dem kurzen Zwischenspiel mit den Plünderern habe ich hinlänglich bewiesen, dass ich zu handeln weiß. Kommen wir auf das Projekt zu sprechen. Viel weiß ich nicht, es geht aber um eine neue Methode zur Energieerzeugung. Umwandler sind im Einsatz. Sie setzen einfach vorhandene Kräfte in brauchbare Energien um. Eine Abwandlung des Gaarson-Effektes.«

Abwandlung des Gaarson-Effektes? Das war das Stichwort für John. Er dachte: Die haben schon länger diese Probleme: Zunehmende Unwirksamkeit des Gaarson-Effektes, was irgendwann nach der ersten Katastrophe und dem damit verbundenen Einläuten des Gaarson-Gate-Zeitalters auftrat.

Von allein?

Nein!, entschied er im stillen - und spürte dabei, dass er der Lösung des Problems schon sozusagen hautnah war: Die vorangegangenen Kriege hatten dies verursacht!

Wer wusste denn, welche Art von Waffen da zum Teil eingesetzt worden waren? Vielleicht welche, die auf dem Gaarson-Effekt beruhten und dadurch erst die neuerliche Veränderung der Raum-Zeit-Struktur verursachten?

Das leuchtete John zwingend ein.

Die daraus resultierende Energieverknappung hatte zu einer völligen Umstrukturierung der Wirtschaft, Gesellschaft und der Kultur geführt. Und jetzt war man bemüht, doch noch einen Weg aus dem Dilemma zu finden? Durch neuerliche Veränderung der Raum-Zeit-Struktur?

John erinnerte sich an die Effekte, deren Zeugen sie anfangs geworden waren. Und dann hörte er weiter zu: »Eines Tages wird dieses Prinzip vielleicht ausgereift sein. Dann wird es nie mehr Probleme geben. Längst schon sind die Fachleute so weit, dass sie mehr Energie erzeugen können, als der Vorgang selbst dabei beansprucht.«

Petro Galinksi runzelte die Stirn. Ihm kam ein Gedanke: »Soll das heißen, dass man dabei überhaupt nicht mehr auf Rohstoffe angewiesen ist? Man kann somit auch Blitze, kinetische Kräfte und dergleichen umwandeln - anders als beim Gaarson-Effekt?«

»In Grenzen natürlich. Das Prinzip lässt sich überall anwenden, wo es natürliche Energie in beliebiger Form gibt.«

»Auch Wärme?«, warf John ein. »Soll das heißen, dass man auch Wärme in brauchbare Energie umwandeln kann?«

Ted Hardy nickte nur.

Petro und John tauschten einen betroffenen Blick.

»Dann wurde die Eiszeit von dem Geheimprojekt dort draußen erzeugt!«, behauptete Petro Galinksi.

Hardys Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

»Sehen Sie, ich hege einen ähnlichen Verdacht. Sie müssen wissen, dass es mehrere dieser Anlagen gibt. Insgesamt fünf, verteilt über die Erde. Zum letzten großen Experiment wurden sie zusammengeschaltet. Sie arbeiten absolut synchron und vollautomatisch. Sie haben die Kuppel gesehen. Die Wissenschaftler, die mit der Sache betraut sind, sitzen darin. Selbst die Wachmannschaften wissen kaum, was sie da überhaupt bewachen. Deshalb gibt es keinen Kontakt zwischen ihnen und den Wissenschaftlern.«

John erschrak. »Aber dann ist es doch möglich, dass man über das Ziel hinausgeschossen ist! Vielleicht hat es einen Unfall gegeben, vielleicht hat sich die Anlage selbständig gemacht? Die Wissenschaftler sind machtlos, ja, vielleicht tot.« Tot? Er dachte an das Gate, mit dem sie gekommen waren: Eine Möglichkeit, die hier kein Mensch in Betracht zu ziehen schien. Also war das Gate heimlich initiiert worden, auch verheimlicht vor den Wachmannschaften. Und wieso?

Die Wissenschaftler sind damit längst geflohen! Also gibt es mit dieser Gate-Norm noch eine andere Verbindung, zu einem anderen Planeten als Vetusta! Und es ist vielleicht das einzige Gate auf diesem ganzen Eisplaneten, das überhaupt initiiert wurde.

Aber existiert es denn überhaupt noch? Sie hatten doch gesehen, dass es...

Er verdrängte diesen pessimistischen Gedanken und fuhr laut fort: »Energie wird erzeugt, der Atmosphäre dadurch Wärme entzogen, immer mehr. Aber wo bleiben die Energien? Sie werden nicht verbraucht, speichern sich, bis die Speicher-Kapazitäten nicht mehr ausreichen. Eine Katastrophe, zu der die Eiszeit nur die Einleitung ist!«

Petro Galinksi begehrte auf. »Aber warum haben die Wissenschaftler das nicht vorausgesehen? Sie konnten sich doch denken, dass sie eine neue Eiszeit heraufbeschworen!«

Ted Hardy hatte eine Antwort darauf: »Vielleicht wollte man die Einleitung einer Eiszeit! Ich weiß es nicht sicher, aber vor einiger Zeit war im Gespräch, die Polkappen zu vergrößern. Wegen der Trinkwasserversorgung.

Rein theoretische Erwägungen, die damals jeglicher Grundlage entbehrten - so schien es jedenfalls. Aber dann hat man diese neue Art der Energieerzeugung entdeckt und trieb das Projekt mit Hochdruck voran. Kein Wunder, dass man auf größte Geheimhaltung Wert legen musste. Das Volk wäre auf die Barrikaden gegangen. Die Wissenschaftler indessen schlugen gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe. Aber jetzt ist die Katastrophe kaum noch aufzuhalten. Man ist nicht mehr fähig, die Geister zu bändigen, die man gerufen hat.«

John ballte die Hände zu Fäusten.

»Erkennt man das an verantwortlicher Stelle nicht?«

Ted Hardy schüttelte den Kopf.

»Sie verkennen immer noch die allgemeine Situation. Nur wenige Spitzenpolitiker in der Regierung sind eingeweiht. Sie haben selber gesehen, wie stark die Anlagen bewacht werden. Um wirklich nachdrücklich einzugreifen, müssen diese Politiker die Maske fallenlassen und an die Öffentlichkeit treten. Glauben Sie wirklich, die wagen das? Es würde sie Kopf und Kragen kosten.«

»Lieber lassen sie die Welt untergehen!«, rief Petro Galinksi erbittert.

 

*

 

»Kommen wir auf Sie beide zurück. Wie haben Sie es geschafft, unbemerkt einzudringen?«

»Ich verstehe jetzt, warum Sie diese Information brauchen. Sie wollen nicht mehr länger abwarten und die Sache selber in die Hand nehmen, was? Demnach stehen Sie nicht allein?«

»Sie sehen das richtig!« Ted Hardy lächelte entwaffnend. »Nun, wie sieht es aus?«

Auch John lächelte jetzt. Er schüttelte den Kopf.

»Noch nicht, Ted Hardy. Wir sind so lange für Sie von Wichtigkeit, wie Sie auf eine Antwort warten!«

Wütend stieß Ted Hardy den Arm mit der Waffe vor. Es hatte den Anschein, als wollte er John erschießen.

Im Augenblick achtete er nicht auf Petro Galinksi.

Das war sein Fehler. Einen Mann wie Petro Galinksi durfte man nicht unterschätzen.

Blitzschnell packte Petro zu. Er erwischte das Handgelenk Hardys. Sein Griff war so fest, dass das Handgelenk knackte. Im Moment konnte Hardy seine Hand nicht mehr gebrauchen. Die Waffe wechselte ihren Besitzer.

Petro stieß Hardy die Hand vor die Brust. Der Agent taumelte rückwärts gegen die Wand. Aber er erholte sich überraschend schnell. Während er noch sein schmerzendes Handgelenk massierte, maß er Petro Galinksi mit wütenden Blicken.

»Drehen wir den Spieß um, mein Freund«, sagte Petro bedächtig. »Ich habe es nicht gern, wenn man mit einem solchen Ding vor meinem Bauch herumfuchtelt. Lieber stehe ich dahinter als davor!«

»Hoffentlich wissen Sie auch damit umzugehen«, entgegnete Hardy zynisch.

»Da würde ich mir an Ihrer Stelle keine Sorgen machen. Ich habe da so meine Begabung, was technische Dinge betrifft.«

»Was wollen Sie tun? Mich erschießen?«

»Unser Gespräch hat mich sehr neugierig gemacht. Ich würde gern mehr über Ihre Verbündeten wissen.«

»Wozu eigentlich?«

»Vielleicht haben wir ebenfalls ein Interesse daran, das drohende Unheil von der Erde abzuwenden?«

Im Gesicht Hardys zuckte es.

»Wann endlich wollen Sie mir sagen, wer Sie überhaupt sind?«

John bemühte sich um eine Antwort.

»Sehen Sie uns einfach als Fremde an, denen die Belange der Menschheit am Herzen liegen.«

»Damit soll ich mich begnügen?«

»Tut mir leid, aber mehr ist nicht vorgesehen!«

»Es genügt auch!«, sagte eine Stimme von der Zwischentür her.

Petro und John fuhren herum. Ein Mann tauchte in der sich öffnenden Tür auf. Hinter ihm drängten sich mehrere Personen. Alle waren bewaffnet und trugen entschlossene Mienen zur Schau.

»Sie wollten seine Verbündeten sprechen - hier sind sie!« Der Mann deutete auf sich und die anderen. Petro und John wichen mit dem Rücken zur Wand zurück. Noch immer hatte Petro die Waffe in der Hand.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Geben Sie sich keine Mühe. Der Strahler ist längst unbrauchbar. Ted Hardy ist kein Stümper. Er hat sie Ihnen absichtlich überlassen, um auf diese Weise mehr zu erfahren. Sie sind in unserer Hand. Finden Sie sich damit ab.«

Petro Galinksi starrte auf die Waffe. Er versuchte, einen Warnschuss gegen die Decke abzugeben.

Es gelang ihm nicht! Und mit den Paralysern konnten sie gegen diese Übermacht auch nichts ausrichten. Vor allem war es zu spät, sie zu ziehen. Es hätte früher geschehen müssen.

Petro Galinksi ließ die Waffenhand sinken. Sie ergaben sich. Dabei fühlten sie sich alles andere als wohl. Was erwartete sie?

Die anderen hatten sich ein sehr schwer erreichbares Ziel gesteckt und niemand wusste besser als Petro Galinksi und John Millory, dass sie eigentlich gar keine Hilfe waren, wenn es darum ging, die Versuchsanlage zu erobern und die ungesteuerte Energieproduktion zu stoppen.

Sobald das den Männern klar wurde, war ihr Leben nichts mehr wert.

 

*

 

Sie waren plötzlich da, wie aus dem Boden gewachsen.

Cora und Lorenza erschraken, doch es gab keinen Ausweg.

Die Uniformierten versperrten ihnen den Weg.

Sie waren zu fünft, bis an die Zähne bewaffnet. Auch wenn Cora eine Waffe besessen hätte, wäre sie ihr nicht von Nutzen gewesen.

Aus!, dachte sie resignierend. Aus und vorbei!

Aber es war noch nicht vorbei! Lorenza nämlich bewies Geistesgegenwart. Sie stieß den angehaltenen Atem aus.

»Himmel, haben Sie mich erschreckt, Francesco!«

»Schlechtes Gewissen, meine Liebe?«, grinste der Uniformierte. Er schien die Gruppe anzuführen.

»Natürlich - wenn ich Sie sehe, immer. Sie sollten mich nicht ärgern, Francesco. Vielleicht ergibt sich einmal die Gelegenheit und Sie sind dann mir ausgeliefert. Sie kennen ja die Möglichkeiten eines Arztes.«

Er schüttelte sich.

»Soll ich mich jetzt fürchten, Lorenza? Sollte sich hinter der Maske der holden Weiblichkeit der Satan verbergen?«

Sie lachten beide. Die vier Begleiter Francescos hüteten sich, in das Lachen ihres Vorgesetzten einzufallen. Offenbar achtete man hier streng auf Disziplin. Gemäß dem Motto, dass ein Soldat nur zu lachen hat, wenn es ihm befohlen wird.

Auch Cora blieb ernst. Sie war gerade dabei, die Entstehung eines Magengeschwürs zu verhindern, indem sie sich einredete, dass alles in Ordnung war und keine Gefahr drohte - wenigstens nicht direkter Art.

Doch das Unheil nahm unaufhaltsam seinen Lauf.

»Wer ist das eigentlich?«, fragte Francesco und deutete auf Cora.

Cora vermeinte so etwas wie Misstrauen in seinen Augen aufleuchten zu sehen.

Lorenza wurde nervös. Sie beherrschte sich jedoch eisern.

»Eine neue Assistentin. Sehr fähig. Sie wissen ja, dass hier nur die besten der Besten eingesetzt werden. Ich schlage vor, Sie halten sich gut mit ihr. Man kann nie wissen...«

Francesco winkte ab.

»Werde es mir merken. Wie heißt sie denn? Scheint stumm zu sein, hm?«

»Cora Stajnfeld«, sagte die Gate-Springerin und lächelte unverbindlich.

»Sieht ziemlich fähig aus. Dann wird es wohl umgekehrt sein: Sie sind ihr Assistent, Lorenza!«

»Gewonnen, Francesco. Sehen Sie, deshalb wette ich nie mit Ihnen. Im Moment allerdings bin ich der Boss. Einer muss sie schließlich einführen und mit allem vertraut machen, oder?«

»Nur seltsam, dass ich nichts davon weiß«, murmelte Francesco nachdenklich.

»Dann wird es aber wirklich Zeit.«

Francesco hob die Rechte.

»Reichen wir uns die Patschhändchen, Cora. Will hoffen, dass Sie nicht so knochentrocken sind, wie Sie aussehen.«

»Besser trocken aussehen, als noch nass hinter den Ohren sein!«, konterte Cora und ergriff die angebotene Rechte.

Der Mann lachte herzlich.

»Sie sind schon richtig. Lorenzas Freunde sind auch meine Freunde. Aber lassen Sie die Finger von ihr. Wenn sie endlich bereit ist, das Eis schmelzen zu lassen, habe ich die älteren Rechte.«

»Keine Sorge«, versicherte Cora reinen Gewissens, »ich habe wirklich nichts mit ihr im Sinn.«

»Das will ich hoffen.«

Cora hatte plötzlich das Gefühl, ihre Hand wäre in einen Schraubstock geraten. Endlich wurde sie wieder losgelassen.

Die Uniformierten gingen weiter, nachdem sich der Anführer verabschiedet hatte.

Endlich ist der Kelch vorüber, dachte Cora aufatmend.

Sehr vorschnell von ihr!

Als sie sich in Bewegung setzten, holte sie Francescos Stimme ein: »Moment noch!«, rief er durch den Gang, »da wäre doch noch etwas!«

Cora blieb stehen. Sie wagte es gar nicht, sich umzudrehen.

Hatte sie der Mann jetzt doch noch erkannt?

 

 

3

 

»Es ist das Gebot der Stunde, dass wir Gemeinsamkeit üben«, sagte der Fremde.

»Ich schlage vor, Sie fangen damit an!«, konterte Petro Galinksi und deutete auf die drohend erhobenen Waffen.

Der Mann nickte und gab seinen Begleitern einen Wink. Sie steckten die Strahler weg.

»Einverstanden, wenn Sie mit meinem Vorschlag ebenfalls konform gehen!«

John und Petro ließen ihre erhobenen Arme sinken.

»Sie wollen in die Anlage hinein und sehen in uns eine wertvolle Hilfe«, stellte John fest.

»Ja und ich möchte Sie in diesem Zusammenhang bitten, mit offenen Karten zu spielen. Es interessiert uns wenig, wer hinter Ihnen steht - wenn überhaupt jemand. Nur Fakten sind für uns von Belang - Fakten, die zum Erfolg führen.«

»Lassen Sie uns Zeit!«

Der Mann schüttelte den Kopf. Er ging zur Videoanlage und schaltete sie ein.

»Ich will Ihnen demonstrieren, warum das nicht geht. Jede Minute ist kostbar, denn in jeder Minute vergrößert sich das Chaos.«

Auf dem fast wandgroßen Schirm tauchte ein Bild auf - plastisch und dreidimensional.

Im Vordergrund stand eine Stadt von futuristischem Aussehen. Gewaltige Wohntürme waren geborsten. Die Stadt war bereits zur Hälfte von einem mächtigen Eisgebirge bedeckt, das aus dem Hintergrund heranwuchs. Deutlich bewegte es sich.

Auch Ton wurde übertragen. Es knirschte und knackte bedenklich.

Drei, vier Gebäude wankten. Sie wurden langsam von den Massen zerquetscht. Gewaltige Risse öffneten sich in den himmelhohen Fassaden.

Die berstenden Häuser standen etwas rechts. Links im Vordergrund bewegte sich ein Mann im gelben Schutzanzug und mit rotem Helm. Er trug ein Messgerät und zerrte zwei heraushängende Kabel hinter sich her.

Ein Bild wie von einem anderen Planeten, der fern seiner Sonne sein Dasein fristete und von ewigem Eis bedeckt war.

Der Schutzanzug sollte die Kälte abhalten. Der Mann hatte den Helm geschlossen.

Ein zweiter Mann saß in einem atemberaubenden Raupenfahrzeug. Von einer hochgewölbten Kuppel aus steuerte er die Maschine. Sie besaß vorn eine gewaltige Bohrachse. Der Mann in der Kuppel trieb das Bohrteil in das Eisgebirge hinein.

Wie eine Maschine auf einem atmosphärelosen Planeten mutete dieses Gerät an. Es war etwa fünf Meter lang. An der Spitze drehte sich surrend die scharf gezähnte Bohrfräse. Eispulver wirbelte hoch.

Ein Kommentar wurde gesprochen.

»Eigentlich die gemäßigte Klimazone. Die Eismassen aus dem hohen Norden nähern sich mit konstanter Geschwindigkeit. Die am schlimmsten betroffenen Gebiete wurden in aller Eile evakuiert. Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass sich noch immer Menschen in den Städten befinden - Unentwegte, die noch immer hoffen, dass sich das Eis bekämpfen lässt. Hier sehen wir die verzweifelten Bemühungen, Herr über ein Eisgebirge zu werden. Sprengtunnel werden ins Eis gebohrt. Aber es ist letzten Endes doch nur ein Versuch.«

Knirschend gab dicht bei der Eisfräse eine Kunststoffstraße nach. Wie ein gefräßiges Untier schob sich die Eismasse über die Straßenreste, drückte Gebäudetrümmer vollends um und begrub sie unter sich.

Ein Anblick, der die Zuschauer schaudern ließ.

»Wollen Sie noch mehr sehen? Verstehen Sie jetzt, warum wir keine Zeit verlieren dürfen?«

Ted Hardy mischte sich ein.

»Wenn wir den furchtbaren Vorgang unterbrechen, wird alles wieder gut. Die Natur repariert sich selber. Das Wetter normalisiert sich innerhalb von Monaten oder wenigen Jahren.«

Petro Galinksi ballte die Fäuste.

»Es ist sinnlos. Wir haben es einmal geschafft, in die Versuchsanlage einzudringen. Ein zweites Mal ist das unmöglich. Begreifen Sie doch! Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sitzen die Wissenschaftler in diesem Betonei. Wir wissen überhaupt nicht, was dort geschehen ist. Möglicherweise leben sie nicht mehr. Aber vielleicht irren wir uns alle? Es kann sein, dass sie sich verzweifelt bemühen, dem Eisschub Einhalt zu gebieten, es aber nicht schaffen. Wenn wir mit Gewalt eindringen, ist wenig gewonnen.«

Ted Hardys Verbündeter trat vor und packte Petro Galinksi am Rockaufschlag. Petro las Verzweiflung in seinem Blick.

»Es ist uns egal, hören Sie? Wir dürfen nicht untätig herumsitzen, sondern müssen endlich handeln! Auch wenn sich das Ganze als Windei erweist, so haben wir doch unser möglichstes versucht.«

Petro Galinksi streifte den harten Griff ab.

Er tauschte mit John einen Blick aus. Sie befanden sich in einer fatalen Situation.

»Sagen Sie uns, wo sich die anderen Anlagen befinden! Wir wenden uns einer zweiten zu. Hier sind wir fehl am Platz. Die sind gewarnt.«

Ted Hardy nickte.

»Das klingt einleuchtend. Am besten wir gehen dorthin, wo das Chaos am größten ist. Das bessert unsere Chancen.«

Sein Verbündeter wandte sich kopfschüttelnd ab.

»Hoffentlich haben wir uns mit den beiden keine Laus in den Pelz gesetzt«, sagte er düster.

 

*

 

»Ich habe etwas vergessen!« Francesco, der Offizier der Wacheinheit kam allein zurück. Seine Männer gingen langsam weiter.

Lorenza wandte sich ihm zu.

»So?«, machte sie gedehnt.

Seine Stimme wurde vertraulich. Er warf einen misstrauischen Blick auf Cora.

»Kann ich offen reden?«

Lorenza nickte nur.

»Hör tu, wir machen uns Sorgen um die Wissenschaftler drüben in der Anlage. Die müssen doch bemerken, was mittlerweile vor sich geht. Die Verbindung ist unterbrochen, der Befehl nach wie vor gültig, die Männer und Frauen nicht bei ihrer Arbeit zu stören. Aber es besteht die Möglichkeit, dass medizinische Hilfe vonnöten ist.«

Lorenzas Augenbrauen rutschten hoch.

»Und da wendest du dich ausgerechnet an mich?«

Cora trat vor.

»Er hat recht. Spielen wir nicht länger Katz und Maus«, sagte sie ernst. »In einer solchen Lage sollten wir gegenseitiges Vertrauen üben.«

Lorenza blickte sie an und verstand kein Wort.

Francesco lächelte zufrieden.

»Es freut mich, in Ihnen eine vernünftige Frau gefunden zu haben, Cora.«

Cora winkte ab. »Hören Sie auf, mir was ums Kinn zu streichen! Es geht mir in erster Linie darum, keine Gerüchte aufkommen zu lassen. Um es deutlich zu sagen: Sie haben es richtig erkannt. Ich bin nicht ohne Grund hier anwesend. Auch wir haben uns Sorgen gemacht. Das Experiment drüben läuft. Es darf in der Tat keine Störungen geben.«

Der Offizier warf sich in die Brust.

»Man kann sich auf uns verlassen. Ah, ich habe das vorhin selbstverständlich nur gesagt, um Sie - äh um Sie gewissermaßen aus der Reserve zu locken.«

»Was Ihnen vortrefflich gelungen ist! Ich weiß sehr wohl, dass eine Störung unmöglich ist. Ihre Leute sind ausgesucht. Sie werden es zu verhindern wissen. Trotzdem wäre es mir lieb, wenn wir in Zukunft ein wenig in Verbindung bleiben würden. Damit ändere ich meine ursprüngliche Absicht. Nehmen Sie als Grund dafür die extreme Situation an, in der wir uns zur Zeit befinden. Ausgerechnet jetzt diese Eiszeit. Sie verstehen?«

Der Offizier nickte heftig.

»Und ob, Cora. Sie sind also für die medizinische Seite verantwortlich?«

»Ja, ich habe große Vollmachten. Sollte wider Erwarten eine Störung durch die chaotischen Naturgewalten eintreten, sind Sie und Ihre Leute für die Sicherheit verantwortlich - und ich für die Gesundheit der Wissenschaftler. Es freut mich, in Ihnen einen Verbündeten zu haben. Das wird unsere Bemühungen effektiver machen.«

»Die Freude ist meinerseits, Cora. Ich bin mir der Verantwortung durchaus bewusst. Eine Störung des Experiments kann katastrophale Folgen haben. Hier wird mit Energien gespielt, die die Welt aus den Angeln heben.«

Ein Handschlag. Cora zwinkerte dem Offizier freundschaftlich zu.

»Hu!«, machte Lorenza Guerrien, als der Offizier endgültig gegangen war. »Ich habe mich selten so unbehaglich gefühlt.«

Sie wandte sich an Cora. Diese sah gar nicht gut aus im Moment. »Sagen Sie, was war das eben? Wovon haben Sie eigentlich gesprochen?«

»Meine Liebe, falls Sie es nicht bemerkt haben - ich starb tausend Tode!«

»Dann gratuliere ich herzlich zur gelungenen Wiedergeburt. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die so großartig zu bluffen versteht wie Sie!«

»Behalten Sie es bloß für sich!«

Ihre Blicke sprachen von Bewunderung. Gern sah das Cora nicht.

Ein Teufelskreis, dachte sie. Und ich stecke mittendrin. Wie soll ich da wieder herausfinden?

 

*

 

Mit zwei Gleitern fuhren sie zum Flughafen der Groß-Stadt. Der Anblick war ein Erlebnis für Petro Galinksi und John Millory.

Schlanke Raketenprojektile ragten in den Himmel. Dazwischen lagen, wie von einem Riesenkind als Spielzeug hingestreut, dickbauchige Großraumflugzeuge, die ebenfalls auf Raketenbasis funktionierten.

Die Männer in der Begleitung der beiden Gate-Reisenden besaßen umfassende Befugnisse. Ohne Schwierigkeiten passierten sie den Sicherheitsring.

Die beiden Gleiter schwebten über die weite Fläche. Spiegelglatt war sie. Das Material schien Kunststoff zu sein, doch war dieser härter als Beton und leistungsfähiger als Metall.

Petro und John fragten sich, wie sich die Flugzeuge fortbewegten. Sie waren kaum mit Flügeln ausgestattet - ein Zeichen dafür, dass sie hohe Geschwindigkeiten entwickelten.

Je größer die Tragfläche, desto geringer die notwendige Fluggeschwindigkeit. Ein Handikap, wenn es darum ging, in großer Höhe die Entfernung in möglichst kurzer Zeit zurückzulegen, denn große Tragflächen besitzen dann eine nicht zu unterschätzende Bremswirkung.

Auf eine der schlanken Raketen steuerten sie zu. Das Gebilde hätte gut in einen frühen Science-Fiction-Film hineingepasst, obwohl es gewiss nicht aus Effekthascherei so gebaut war, sondern durchaus einer erforderlichen Zweckmäßigkeit diente.

Petro und John waren sehr erstaunt, als sich herausstellte, dass die Gruppe um Ted Hardy über das Luftfahrzeug frei verfügen konnte. Also bedeutete es keine Schwierigkeit, die nächste Versuchsanlage zu erreichen; obwohl sie nicht wussten, wo sich diese befand. Sie waren darauf angewiesen, sich überraschen zu lassen.

Die beiden Gleiter blieben auf der freien Kunststofffläche stehen, als sie ausstiegen.

Eine Luke in der Rakete öffnete sich.

Ohne Aufenthalt gingen die Männer an Bord.

Eine Überraschung erwartete sie dort. Der Pilot entpuppte sich als attraktive Frau. Sie war so blond, dass Petro Galinksis Herz höher schlug. Mit Wohlgefallen glitten seine Blicke über vollendete Rundungen.

Die Blondine hatte nicht nur ein schönes Gesicht, sie wusste auch mit Männern umzugehen.

»Beeilung!«, drängte sie.

Ungeduldig harrte sie aus, bis alle an Bord waren. Dann schloss sie die Luke.

Petro erhaschte einen Blick nach draußen.

Die Bodengleiter, mit denen sie gekommen waren, setzten sich selbsttätig in Bewegung. Eine Automatik veranlasste sie, zum Flughafengebäude zurückzukehren, das in einem Abstand von vielleicht zweihundert Metern als architektonischer Schandfleck aus der Landschaft ragte.

Auch hier reine Zweckmäßigkeit. Zwar exotisch in der futuristischen Erscheinung, aber letztlich fantasielos und eine Beleidigung für das Auge, das vergeblich nach Schönheit suchte.

Rasch wurde der Start vorbereitet.

Die Pilotin befand sich in einer gläsernen Kuppel, abgetrennt von der Passagierkabine, in der gut zwanzig Personen Platz gefunden hätten. Von innen wirkte die Rakete wesentlich geräumiger, als es von außen zu vermuten war.

Petro und John beobachteten fasziniert jede Bewegung der Blondine.

Sie arbeitete routiniert. Kein Laut drang zu ihnen herein. Die Kuppel aus Kunstglas absorbierte jeglichen Schall und bildete eine Insel der Ruhe um den Piloten, der durch nichts mehr in seiner Tätigkeit gestört wurde.

Die Stimme der Blondine drang über Lautsprecher zu ihnen herein.

»Bitte anschnallen! Wir haben Startfreigabe. Take-off in zwanzig Sekunden.«

Endlos langsam tropften die Sekunden dahin. Petro Galinksi hätte es nie zugegeben, aber er war nervös.

Sein Blick ging zur Seite, zu einem der ovalen Fenster. Von hier oben hatte er einen guten Ausblick über den Flughafen. Mindestens hundert Luftfahrzeuge. Es herrschte reges Kommen und Gehen.

Hier wurde man noch Herr über Schnee und Eis.

Eben war eines gelandet - senkrecht. Eine Start- und Landebahn war nicht mehr erforderlich.

Die Fahrgastkabinen waren wahrscheinlich frei aufgehängt, so dass sie sich jeder Lage des Flugzeuges automatisch anpassten.

Fernes Donnergrollen drang an ihre Ohren. Gleichzeitig ging durch ihre Rakete ein scharfer Ruck. Für Sekunden wurden sie in die Polster gedrückt. Es blieb erträglich.

Rasch gewann die Rakete an Höhe. Die weite Fläche des Großflughafens blieb zurück.

Mit der Nase stieß das Raketenflugzeug in den bedeckten Himmel. Es hatte die ganze Zeit nicht mehr geschneit, die Kälte war jedoch erheblich gestiegen. Bleigraue Wolken befanden sich am Firmament, dazwischen vereinzelt Lücken, hinter denen es stahlblau glänzte.

Der Himmel war nicht ruhig. Winde in den obersten Schichten der Atmosphäre hielten die Wolkenformationen ständig in Bewegung.

Petro und John hatten das Gefühl, in einem schlecht gefederten Bus zu sitzen, der über Kopfsteinpflaster fuhr.

Trotz der gewiss perfekten Stabilisierungstechnik kamen die Kräfte durch, die hier oben wüteten.

»Es ist, als würde die ganze Region von einer Schutzglocke umspannt, außerhalb der die Hölle los ist«, sagte John Millory leise.

Petro Galinksi nickte.

»Das weltweite Wetter erlebt einen Kollaps. Wir werden mit den unmöglichsten Phänomenen konfrontiert. Nein, da möchte ich absolut kein Meteorologe sein.«

John schüttelte den Kopf und schaute hinaus.

Sie hatten die unglaublich dicke und dichte Wolkendecke durchbrochen. Wie gegossenes Blei in einer endlosen Fläche breitete sie sich unter ihnen aus.

Die Rakete verließ die unteren Schichten der Atmosphäre und stieg bis auf über dreißig Kilometer, beschrieb dabei einen konzentrischen Bogen, um anschließend wieder zur Erde zurückzukehren.

Das Ganze nahm nicht einmal eine halbe Stunde in Anspruch. In dieser Zeit überquerten sie einen ganzen Kontinent, groß wie Europa.

 

*

 

Cora bekam von Lorenza ein Krankenzimmer zugewiesen, das zur Zeit leer stand.

Sie setzten sich nieder und beratschlagten.

»Ein Wunder, dass Francesco auf den Bluff hereinfiel«, bemerkte Cora. »Wie groß ist eigentlich sein Einfluss?«

»Die Wachmannschaft ist in vier Schichten unterteilt. Alles Leute, die sich freiwillig für mehrere Jahre verpflichteten - über einen Zeitraum, der den Verantwortlichen als ausreichend erschien, die Experimente erfolgreich abzuschließen. Während dieser Zeit darf niemand nach draußen. Wir bekamen alle unsere Kennmarken abgenommen. Sie fallen hier also gar nicht auf, wenn Sie keine besitzen. Auch die schwarze Uniform dient im Grunde nur dazu, dass keiner ausreißt. Aber das tut ohnedies niemand, denn jedem winkt zum Ende der Verpflichtungszeit eine enorme Prämie. Major Francesco Tadeo ist der Führer einer Schicht. Dass er Sie nicht erkannte, mag in erster Linie daran liegen, dass es inzwischen eine Wachablösung gegeben hat. Bilder machte man von Ihnen nicht. Die Suche nach Ihnen geht weiter, aber nicht so, wie es eigentlich sein sollte, denn die neue Eiszeit bringt andere Probleme, die vordergründig sind. Erdstöße könnten die experimentellen Abläufe drüben empfindlich stören. Außerdem vertraut mir Tadeo hundertprozentig. Seit wir zusammen hier sind, balzt er um mich. Er hat zwar keine Chance, gibt es aber nicht auf. Wenigstens sind wir dabei gute Freunde geworden. Trotzdem unterschätzen Sie ihn nicht! Er ist nicht umsonst in dieser Position. Ein Mann, der sehr gefährlich werden kann.«

»Warum haben Sie sich eigentlich verpflichtet?«, fragte Cora Stajnfeld.

Sie wich ihrem Blick aus.

»Ich möchte nicht darüber sprechen. Manch einer wird vom Leben und von den Menschen enttäuscht, die ihm sehr nahe stehen.«

Cora fühlte sich unbehaglich. Sie räusperte sich.

»Was werden wir nun tun? Ich kann mir vorstellen, dass sich die Situation für mich minütlich ändern kann. Sobald Tadeo Zeit zum Nachdenken bekommt, gibt es Verdachtsmomente.«

Lorenza winkte ab.

»Das mag sein. Aber wenn er einen Verdacht hat, dann wird sich dieser in erster Linie auf unser Verhältnis zueinander beziehen, nicht auf Ihre Herkunft.«

Sie erhob sich.

»Ich lasse Sie jetzt allein. Falls Ihnen die Zeit zu lange wird, bedienen Sie sich ruhig der Videoanlage. Die neuesten Nachrichten werden Sie interessieren. Das gesamte Programm wurde umgeworfen. Informationen sind an die Stelle von Unterhaltung getreten. Was draußen geschieht, geht jeden Menschen an.«

»Wo gehen Sie hin?«

»Ich bin nicht hier auf Urlaub«, belehrte Lorenza sie sanft. »Ab und zu muss ich mich blicken lassen, ehe man eine Vermisstenanzeige aufgibt.«

Sie lächelte und nickte ihr aufmunternd zu.

»Ihnen würde ich allerdings raten, sich nicht von der Stelle zu rühren. Man braucht Sie nicht unbedingt zu sehen. Das schraubt den Zufall Ihrer Entdeckung herunter.«

Sie ging.

Cora blieb sehr nachdenklich zurück. Ihr gefiel das Ganze immer weniger. Sie war vollkommen auf Lorenza angewiesen und sie hatte sich so weit in die Sache hineinbegeben, dass es für sie keinen Ausweg mehr gab. Wenn es ihren Kopf kostete, war auch sie verloren. Hoffentlich führte dieser Umstand nicht dazu, dass sie Unüberlegtes tat...

Aber ihre Hände waren gebunden. Sie saß hier und war dazu verurteilt, auszuharren.

»Wie Schlachtvieh, das auf seine Stunde wartet«, murmelte sie bitter vor sich hin.

Und sie dachte an Petro Galinksi und John Millory, die sie nicht mehr über Sprechfunk rufen konnte. Zum Teufel, das Gerät musste her! Ohne Radartimer war sie noch hilfloser.

 

 

4

 

Als ihr die Zeit zu lange wurde, schaltete sie die Videoanlage ein.

Pausenlos wurden Nachrichten gesendet.

Diesmal betrafen sie in erster Linie den regionalen Bereich.

Eine Luftaufnahme.

Nur kahle Berge, deren Gipfel sich mit einer Eiskappe umgeben hatten. Das Eis wuchs.

Das Bild wackelte etwas. Der Träger der Kamera bewegte sich weiter nördlich, in Richtung Meer.

Und dann sah man es.

Das Meer gefror! Eismassen hatten sich gebildet, gewaltige Platten, übersät mit Rissen.

Der Himmel war zum größten Teil bedeckt, riss aber stellenweise auf und ließ den Blick nach unten frei.

Der Träger der Kamera, wahrscheinlich ein Fluggleiter, der alle Mühe hatte, gegen die Turbulenzen in dieser Höhe zu kämpfen, ging noch näher.

Die ganze Küste war vereist - wie sonst nur in Polgegenden.

Die Katastrophe konnte nicht mehr aufgehalten werden. Die Landmassen wurden von dem kalten Tod in die Zange genommen.

Ununterbrochen gab ein unsichtbarer Sprecher Kommentare ab.

Der Gleiter sank tiefer, konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt an der Küste.

Aus der Nähe betrachtet sah es verheerend aus. Die Eismassen schoben sich über die Ufer hinaus, bewegten sich auf die Berge zu.

Cora konzentrierte sich auf das, was der Sprecher zu berichten hatte.

»Jenseits von Groß-Stadt gibt es die uralte Kulisse eines ehemaligen Fischerdorfes. Früher pilgerten die Menschen hin, um sich in einem Anflug von Nostalgie in die Lebensweise der Menschen vor Jahrtausenden zu versetzen. Inzwischen gibt es nur noch fragmentarische Überreste. - Wir bewegen uns nun an der Küste entlang und gewähren Ihnen einen Einblick.«

Die Kamera wanderte weiter. Das Bild veränderte sich.

An manchen Stellen hatte das Eis eine Höhe von fünf Metern erreicht. Cora erinnerte sich der physikalischen Tatsache, dass Eis mehr Platz beansprucht als Wasser. Das Meer platzte somit aus allen Nähten.

Und die Temperaturen sanken weiter rapide.

Das Eis bekam immer mehr Nachschub.

Unwillkürlich fragte sich Cora, wie es weiter nördlich aussah, wenn die Auswirkungen hier schon so verheerend waren.

Die Pole mussten total zugewachsen sein, das Eis breitete sich aus.

Die gezeigten Eismassen rissen stellenweise auf. Schaumig spritzte das Wasser aus den breit klaffenden Bruchstellen. Die Eisplatten rieben sich aneinander wie Giganten.

Das Dorf kam in Sicht - oder das, was davon übrig geblieben war.

Das Eis hatte die uralten Häuser, die man mit viel Mühe der Nachwelt erhalten hatte, vor sich her geschoben und teilweise unter sich begraben. Ein furchtbarer Anblick. Würden so bald die Städte der Welt aussehen?

Das waren genau die Worte, die der Kommentator von sich gab.

Damit mehrte er die Panik unter den Menschen.

Das Bild wechselte, zeigte einen Ausschnitt von Groß-Stadt. Erdstöße hatten einen Wohnturm umstürzen lassen, nachdem der mächtige Sturm an den Grundfesten gerüttelt hatte. Roboter befanden sich beim Aufräumen.

Eine riesige Menschenmenge bildete sich. Sie hatte nichts, gegen das sie ihre Aggressionen richten konnten - Aggressionen, geboren aus der Angst.

Viele Menschen nahmen Steine auf und gingen gegen die Roboter vor.

Erst reagierte der zentrale Steuerungscomputer nicht darauf. Die Maschinen arbeiteten mit der Emsigkeit fleißiger Ameisen.

Der erste Steinhagel ging auf die Roboter nieder. Die Maschinen waren nicht so empfindlich. Die Steine richteten keinen Schaden an.

Doch es blieb nicht dabei.

Der Mob rückte wütend nach. Einige erkletterten einen Roboter, suchten verletzbare Stellen.

Die ersten Fehlfunktionen. Der Roboter drehte sich wie rasend um sich selbst und erschlug Menschen mit seinen ausgefahrenen Greifern.

Der Computer reagierte.

Sirenengeheul entstand, ging über die Menschenmenge hinweg, stachelte sie nur noch an.

In geschlossener Front rückten die Leute vor.

Aus dem Hintergrund tauchten Fluggleiter auf, zum größten Teil vollautomatisch, andere mit Polizisten besetzt.

Betäubungswaffen wurden eingesetzt. Sie vergrößerten das Chaos nur noch. Erst nachdem die Polizei chemische Mittel benutzte, die die aufgewühlten Gemüter beruhigten, stellte sich eine Besserung ein.

Die Menge teilte sich, von Lautsprecherstimmen geleitet. Apathisch wirkten jetzt die Menschen.

»Ein kleiner Anfang«, murmelte Cora. »Es wird noch schlimmer werden, wenn erst einmal klar wird, dass sich das Unheil nicht mehr aufhalten lässt.«

Aber ließ es sich wirklich nicht aufhalten?

Cora schaltete die Anlage aus. Sie dachte an das Versuchsprojekt drüben.

Schon einmal war in ihr der Verdacht erwacht, dass die Versuchsanlage mit der neuen Eiszeit in Zusammenhang stand. Plötzlich zweifelte sie nicht mehr daran.

Doch was konnte sie tun, das drohende Unheil abzuwenden? Sie war hier nicht mehr als eine Gefangene. Und sie musste froh sein, dass man sie nicht aufgespürt hatte.

 

*

 

Die dichte Wolkendecke über der Festlandplatte riss plötzlich ab.

Wilde Turbulenzen herrschten an der Kante.

Das Meer war so zerwühlt, dass hier das Eis noch nicht vordringen konnte.

Graue Dunstfetzen zogen wild bewegt über Inseln.

Die See war angefüllt mit riesigen Eisbergen. Immer wieder gefroren sie zusammen, rissen auseinander, bildeten gewaltige Plattformen.

Einige davon wuchteten gegen die Festlandmassen, zerrieben die Steilküste.

Die Rakete senkte sich dem Flughafen entgegen. Voll gespannter Erwartung blickten Petro Galinksi und sein Gefährte John Millory aus dem Fenster.

Ständig kamen gewaltige Erschütterungen durch. Die Stabilisatoren hatten alle Mühe, das Flugobjekt auf Kurs zu halten. Ohne die vorhandene Supertechnik wären sie längst schon abgestürzt.

Die Höhe betrug etwa zehntausend Fuß.

Die Pilotin befand sich im regen Funksprechverkehr mit dem Flughafentower. Landefreigabe war bereits erteilt, da jeder Flug zwischen Startpunkt und Landeziel im Vorhinein koordiniert werden musste. Die kurze Flugzeit bedingte das.

Höhe neuntausend Fuß.

Die Sinkgeschwindigkeit reduzierte sich.

»Schaurig schön«, sagte Petro Galinksi und deutete nach draußen.

John Millory nickte und konnte nicht den Blick von dem lösen, was sich seinen Augen darbot.

Höhe siebentausend Fuß.

Etwas erregte Johns Aufmerksamkeit.

Deutlich sahen sie die Berge, ein weißer, verwaschener Fleck, der sich von allem anderen abhob.

Das Land war von Schnee- und Eismassen bedeckt!

Der verwaschene Fleck nahm auf einmal Konturen an, als würden sich die Eisgiganten anschicken, die Berge zu verlassen.

Auch Petro Galinksi sah es jetzt.

Ein Schrei! Er drang aus dem Lautsprecher zu ihnen herein.

Die Pilotin gestikulierte. Endlich war sie fähig, etwas zu sagen.

»Eben empfing ich einen Ruf auf der Geheimwelle!«, schrie sie außer sich.

Die anderen horchten erschrocken auf.

Petro und John wussten nichts von einer Geheimwelle. Sie lauschten gebannt.

Was war passiert?

Die Pilotin beantwortete die stumme Frage.

»Das Geheimprojekt in den Bergen, Äquivalent zu der anderen Anlage. Da stimmt etwas nicht. Es war ein Notruf! Mit viel Mühe haben sie die Anlage eisfrei erhalten. Plötzliche Hitzeausbrüche. Die erzeugten Energien beginnen, sich selbständig zu machen.«

»Nein!«, rief in diesem Augenblick einer der Agenten. Er wies mit dem ausgestreckten Arm zum Fenster. »Da ist noch etwas anderes im Gange. Die Anlage ist selbst ein Opfer der Gewalten.«

Er hatte recht. Alle sahen es jetzt.

Quer durch das Festland verlief plötzlich ein Riss. Am heftigsten betroffen waren die Berge.

Nur Zufall?

Aber in den Bergen lag laut Aussage der Blondine das Projekt, zu dem sie letztlich wollten.

Die Landmassen schienen auseinander zu brechen.

Gleichzeitig rasten von Norden her kommend unglaubliche Wolkenmassen heran. Die Geschwindigkeit war unbeschreiblich. Fast ein meteorologisches Wunder.

Die gesamte Atmosphäre erlitt einen Kollaps, wie es ihn noch nie zuvor gab.

»Diese Erde spielt verrückt!«, stöhnte Petro Galinksi entsetzt.

Ein anderer sprach es deutlicher aus: »Die Erde pendelt im Neigungswinkel. Die Polkappen sind zu schwer geworden. Irgendwie wurden die Erdumdrehungen unwuchtig. Jetzt taumelt die Erde auf ihrer Bahn durch das All.«

Sie wurden durch die Reihe kreidebleich.

»Der Begriff Taumelbewegung ist zwar übertrieben«, sagte John, »aber er kommt der Wahrheit ziemlich nahe. In Wirklichkeit sind die Abweichungen nur minimal, aber ihre Auswirkungen sind gigantisch und weltweit. Eine Frage der Zeit, bis die dünne Erdrinde diese ungeheuren Belastungen nicht mehr aushält und auseinanderplatzt, um alles zu verschlingen, was sich auf ihrer Oberfläche befindet.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als der Riss quer durch England breiter klaffte.

Das bedeutete das Ende des Geheimprojektes der europäischen Regierung.

Die für viele Eventualitäten konzipierte Anlage vermochte es nicht, die gewaltigen Kräfte zu kompensieren, die auf sie einwirkten.

Jetzt wurden die erzeugten Energien tatsächlich frei.

Zu einem Zeitpunkt, an dem die Blondine immer noch vergeblich versuchte, auf Geheimwelle Verbindung aufzunehmen. Außer dem verstümmelten Notruf hatte sie nichts hereinbekommen. Es blieb auch dabei.

Für immer!

In den Bergen erschien ein Glutfleck, der sich rasch ausbreitete.

Die Energien wandten sich nach oben, strömten himmelwärts, kegelförmig.

Der Rand des Kegels raste auf die Rakete zu.

»Weg hier!«, brüllte jemand mit überschnappender Stimme.

Die Sprechverbindung zwischen Pilotenkanzel und Passagierkabine stand noch.

»Das geht nicht!«, gab die Blondine zurück. Es klang keine Spur hysterisch, aber etwas zu schrill. »Die Turbulenzen machen mir zu schaffen. Sie drücken uns nieder.«

Man sah deutlich, dass sie alles tat, was in ihrer Macht stand.

Höhe viertausend Fuß.

Dreitausend Fuß.

Zweitausend.

Die vergewaltigten Luftmassen, vom Energiekegel getrieben, prallten heran.

Jetzt nutzte auch die moderne Supertechnik nichts mehr. Die Natur erwies sich als stärker.

Das Raketenflugzeug wurde zum Spielball, überschlug sich, fegte davon, erreichte den Kontinent.

Mehrmals sah es so aus, als würde die Rakete ungespitzt in den Boden rasen. Im letzten Moment verhinderten das gegenteilige Kräfte.

Und dann kam der Sog.

Dort unten blieb kein Stein auf dem anderen. Das Geschehen zerstörte das, was die Eismassen noch übrig gelassen hatten und es gab nichts, was der Mensch dem hätte entgegensetzen können.

Gleich einem Vulkan ergoss sich das Chaos in die Atmosphäre, verließ sie, zerstrahlte in den unendlichen Weltraum.

Irgendwie musste die Katastrophe die Taumelbewegung des Planeten kompensiert haben. Ein Unding zwar, aber die Pendelbewegung ebbte ab. Die Frequenz wäre immer länger geworden, bis diese Erde hier nur noch ein unkontrolliert wirbelnder Eis- und dann Feuerball gewesen wäre.

Das größte und letzte Inferno in der Geschichte dieser Welt, auf der die Menschen mit Dingen spielten, denen sie nicht gewachsen waren.

Ein Zufall hatte das Schlimmste verhindert.

Aber damit war noch keine Rettung gegeben. Das Unheil blieb und würde wieder übermächtig werden. Alles würde von vorne beginnen, diesmal unaufhaltsam.

Es waren die letzten Gedanken von John Millory, ehe er das Bewusstsein verlor. Alles drehte sich um ihn und warf seinen Verstand in einen schwarzen Abgrund.

 

*

 

Die Tür flog auf. Lorenza stürmte herein. Ihr Gesicht war unnatürlich bleich.

Cora sprang auf.

»Was ist los?«

»Eben ging eine der anderen Versuchsanlagen hoch!«

»Wie bitte?«

»Es - es gibt mehrere Projekte wie dieses hier. Ich erfuhr es von Tadeo. Eine furchtbare Katastrophe! Haben Sie denn die Erdstöße nicht bemerkt?«

Cora nickte.

»Natürlich, habe ich!«

»Tadeo will mit Ihnen sprechen. Er ist in der Zentrale, kann im Moment nicht weg. Kommandos befinden sich draußen, um das Eis fernzuhalten. Er muss alles koordinieren. Ein großer Teil der Mannschaften wurde aus der Freizeit geholt.«

Cora erschrak.

»Und wenn mich jemand erkennt?«

Lorenza schaute sie groß an.

»Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich bin zu Tadeo gegangen, nachdem ich mich freimachen konnte. Ich wollte mit ihm reden, um zu sehen, ob er tatsächlich ohne Verdacht ist, was Ihre Person betrifft.«

»Jemand muss hinüber zu den Wissenschaftlern!«

»Es geht nicht! Während eines Experiments sind die Forscher hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Das geschah aus Sicherheitsgründen. Es gibt sogar einen Schutzschirm - undurchdringbar für uns. Nur von innen kann er aufgelöst werden.«

»Das ist neu für mich.«

»Weiß ich auch von Tadeo. Er nimmt kein Blatt mehr vor den Mund. Offenbar meint er, das sei das Gebot der Stunde. Möglich, dass er tatsächlich Verdacht geschöpft hat, was Sie betrifft, aber aus ungewissen Gründen behält er das für sich und macht das Spiel mit.«

»Ihr Wort in das Ohr der Götter, meine Liebe! Dann macht er sich auch Hoffnungen, dass ich ihm helfen kann. Anscheinend hat er einen ähnlichen Gedanken wie ich.«

»Was für einen Gedanken?«

»Ich bin der Überzeugung, dass die verdammten Versuchsanlagen an der Eiszeit schuld haben!«

Lorenza blickte entgeistert drein.

»Man hat vor einiger Zeit davon gesprochen, die Polkappen zu vergrößern. Ich glaube, wegen der Trinkwasserversorgung war das. Es stieß natürlich auf technische Probleme. Glauben Sie, man hat diese jetzt gelöst und startete das Experiment unter diesen Vorzeichen?«

»Ja, man wandelte einfach vorhandene Energien wie Wärme und dergleichen um. In erster Linie wahrscheinlich Wärme. Das beschwor die neue Eiszeit herauf. Und jetzt hat man die Sache aus dem Griff verloren. Ich frage mich auch, warum sich die Wissenschaftler nicht melden.«

»Wenn sie noch leben, dann hat das bestimmt seine Gründe darin, dass sie sich verzweifelt bemühen, das Unglück aufzuhalten. Dabei brauchen sie keine Störung. Es wäre für sie nicht von praktischem Nutzen, einen Ruf nach draußen zu richten. Falls sie nicht schon längst mit dem Gate...?«

»Sie sprachen vorhin von einem Schutzschirm. Wieso fehlte er, als wir auftauchten?«

»Sie lösten den Alarm aus! Der Schirm kann wie gesagt von innen abgeschaltet werden.«

»Das wollte ich wissen. Kommen Sie, Lorenza! Es ist mir egal, ob man mich erkennt. Ich muss zu diesem Tadeo. Der ist jetzt der richtige Mann.«

Lorenza verstand kein Wort. Aber sie folgte Cora.

 

*

 

Der Sog riss das Raketenflugzeug zurück.

Der Spezialsessel, in dem die Blondine saß, verhinderte, dass auch sie das Bewusstsein verlor.

Petro Galinksi erwachte. Er schickte einen Blick hinüber. Die Beleuchtung flackerte. Draußen wirbelte eine bizarre Eislandschaft vorbei. Eigenartigerweise befand sie sich seitlich der Rakete.

Die Blondine bewies, dass sie nicht nur attraktiv aussah, sondern dass man sie mit Recht in den Pilotensessel gesetzt hatte. Ihre feingliedrigen Finger tanzten über die Kontrollschalter wie selbständige Wesen.

Petro Galinksi begann, diese Frau zu bewundern. Er hatte noch nie einen geschickteren Piloten gesehen. Die Geschicklichkeit verhinderte, dass die unvermeidliche Bruchlandung für die Insassen tödlich endete. Die Rakete schlug auf das Eis auf und ratschte krachend über die rissige Oberfläche. Das Unterste drehte sich zuoberst.

Endlich kam sie zur Ruhe - nachdem sie eine kilometerlange Spur hinterlassen hatte.

Die Energieversorgung versagte vollends. Das Licht erlosch.

Diffuser Schein drang von draußen herein. War es noch Tag oder schon Nacht?

Petro schaute auf seinen Radartimer und befragte ihn. Demnach durfte die Nacht noch nicht hereingebrochen sein.

Wenige Stunden befanden sie sich erst auf diesem Planeten. Ungeheuer viel war seitdem passiert.

»Landung in der Nähe der hiesigen Hauptstadt!«, gab die Blondine durch.

Die Männer bewegten sich stöhnend in ihren Sitzen.

Petro Galinksi ließ das Schloss des Anschnallgurtes aufspringen. Er kümmerte sich um John, der eben erwachte.

»Wie sieht es aus?«, fragte der benommen.

Petro Galinksi deutete nach draußen.

»Das Wichtigste hast du versäumt«, brummte er. »Wie üblich.«

»Kann ja nicht jeder die Nase immer vorn haben, nicht wahr?«, konterte John. »Ich mische erst wieder mit, wenn es sich lohnt.«

»Faule Ausrede!«

Die Stimme der Blondine unterbrach sie. »Raus hier! Ich garantiere nicht dafür, dass die Rakete hält!«

Die beiden liefen zum Ausgang. Die Pilotin hantierte noch an den Kontrollen herum. Dann öffnete sie die Kanzel und schloss sich den Männern an.

Die Luke ließ Eiseskälte herein.

»Das nächste Mal ziehe ich mich wärmer an!«, versprach Petro.

Einer der Agenten riss einen Wandschrank auf. Monturen und Helme kamen zum Vorschein, die Ähnlichkeit mit Raumanzügen hatten.

»Hier, ohne die geht es jetzt nicht mehr!«

Dankbar nahmen sie die Monturen entgegen und streiften sie sich über.

Die Helmklappen schlossen hermetisch. Auch die Pilotin nahm eine. Soviel Zeit mussten sie sich nehmen. Sonst wären sie draußen umgekommen.

Es war, als würden sie schon wieder einen fremden Planeten betreten. Ein Schauer von Eiskristallen ging auf sie nieder.

»Jenseits der hiesigen Hauptstadt, eh?«, machte Petro Galinksi.

Die Pilotin präzisierte: »Wir befinden uns mitten auf dem Meer. Bis zum Festland werden es ein paar Kilometer sein.«

»Haben Sie vielleicht zufällig einen Kompass dabei?«

»Nein, aber ein Taschentuch - falls Sie sich die Nase schnäuzen wollen.«

»Ich habe schon bessere Witze gehört!«, behauptete Petro Galinksi. Erfreut stellte er fest, dass die Blondine nicht nur überaus geschickt als Pilot war, sondern auch noch schlagfertige Antworten parat hatte.

Sie entfernten sich rasch von der Rakete. Es tat sich jedoch nichts. Das Schlimmste trat nicht ein.

»Wie sollen wir denn die richtige Richtung herausfinden?«, fragte jetzt einer der Agenten.

Sie verständigten sich alle über Helmsprechfunk. Das funktionierte so perfekt, dass die Stimmen überhaupt nicht verzerrt klangen.

Eine Sturmbö ging über sie hinweg und warf sie fast um.

»Ich wollte gerade vorschlagen, uns nach der Spur zu richten, die unsere Rakete hinterlassen hat. Aber die ist jetzt durch den Wind verweht«, sagte die Pilotin. »Ich bin nicht einmal dazu gekommen, einen Notruf abzuschicken. Ich hatte alle Hände voll zu tun. Aber es gibt die Hoffnung, dass wir vom Raumflughafen aus geortet wurden. Wenn ja, wird man sich vielleicht unserer annehmen.«

»Und wenn nicht?«

»Machen wir uns auf einen kalten Winter gefasst!«, sagte die Frau kaltschnäuzig.

Petro Galinksi bedankte sich für diese nette Umschreibung eines klaren Todesurteils.

 

 

5

 

In der Zentrale der Wacheinheit herrschten chaotische Zustände. Aber der Schein trog. Jeder der Anwesenden wusste, was zu tun war. Hier waren Spezialisten am Werk.

Die herannahenden Eismassen wurden angebohrt und gesprengt. Mit Hitzestrahlern wurden die weiten Kunststoffflächen gesäubert.

Besonders präparierte Gleiter nahmen größere Eisbrocken auf und transportierten sie weg. So blieb die Anlage verschont.

Ein wilder Kampf gegen die Natur, der bis jetzt noch erfolgreich verlief. Doch die Männer hatten alle Hände voll zu tun.

Cora ahnte, dass es in den riesigen Städten der Welt ähnlich aussah. Ein Großteil war bereits ein Opfer des Eises geworden, in den anderen lief der Kampf auf vollen Touren.

Damit waren die Menschen beschäftigt. Sie ertrugen die Gefahren besser, wurden sich derer erst gar nicht so bewusst.

Bis auch die letzten Mittel versagen würden.

Cora ahnte, dass dieser Zeitpunkt bald erreicht war.

Zuerst achtete niemand auf sie und die Ärztin Lorenza. Aber Tadeo hatte sie bereits entdeckt. Er eilte herüber.

Cora ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.

»Die Lage war noch nie so ernst«, sagte sie treffend. »Was haben Sie unternommen, um mit den Wissenschaftlern Verbindung aufzunehmen?«

Der Major schaute betreten drein.

»Überhaupt nichts, um ehrlich zu sein! Es ist einfach nicht vorgesehen.«

»Hören Sie zu, wir befinden uns in einer Art Ausnahmezustand! Vergessen Sie Ihre diesbezüglichen Vorschriften! Wir müssen handeln, ehe es endgültig zu spät ist.«

»Was meinen Sie damit?«

Cora winkte Tadeo näher heran. »Sie wissen, um was es bei dem Projekt geht. Es ist außer Kontrolle geraten. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich nicht als Mediziner hier bin. Es muss eine Möglichkeit für mich geben, hinüber zu gelangen. Vielleicht kann ich etwas tun!«

»Sie?«, machte Tadeo gedehnt.

Sein Blick war unergründlich. Cora fragte sich zum wiederholten Mal, wie viel der Major wusste. Wirkte der Bluff immer noch, oder verstellte sich der Offizier?

»Ja, ich! Meine Befugnisse reichen aus. Mann, es ist das Gebot der Stunde, dass wir eingreifen! Die Welt steuert ihrem Untergang entgegen. Es liegt jetzt an uns. Wollen Sie noch immer zögern?«

Tadeo schüttelte den Kopf.

»Nein, das will ich natürlich nicht. Aber wir können nur in die Versuchsanordnung, wenn die dort beschäftigten Wissenschaftler nichts dagegen haben. Oder wollen Sie Gewalt anwenden? Das könnte das ganze Projekt gefährden!«

»Versuchen wir es wenigstens. Na los, stellen Sie die Verbindung her!«

Francesco Tadeo wandte sich ab. Jetzt zauderte er nicht mehr.

Er ging zum Kontrollpult und nahm eine Reihe von Schaltungen vor.

Ein kleiner Bildschirm erhellte sich. Er zeigte ein bestimmtes Zeichen, mit dem Cora nichts anzufangen wusste.

Das Zeichen verschwand und machte einer Szene Platz: Ein weitläufiger Kontrollraum, angefüllt mit einer verwirrenden Vielfalt technischer Einrichtungen.

»Eine Aufzeichnung«, erläuterte Tadeo. »Es ist der Beweis, dass unser Ruf empfangen wird. Es liegt jetzt an den Wissenschaftlern, darauf zu reagieren. Auch sie haben ihre Vorschriften. Das Experiment ist noch nicht abgeschlossen.«

»Herrgott, das ist doch nicht die Möglichkeit!«, schimpfte Cora. »Sind die denn alle wahnsinnig geworden? Merken die denn nicht, was um sie herum passiert?«

»Oh doch, sie merken es mit Sicherheit! Und ich bin auch überzeugt davon, dass sie ihr mögliches versuchen. Der Erfolg bleibt leider aus.«

»Geben Sie mir das Mikrophon! Ich hoffe, die können meine Stimme aufnehmen!«

Tadeo gehorchte schweigend. Er beobachtete Cora von der Seite.

Cora betätigte die Sprechtaste.

»Hier spricht Cora Stajnfeld, wissenschaftliche Sonderbeauftragte«, behauptete sie. »Ich bin sozusagen nur Gast hier, deshalb wird Ihnen mein Name nichts sagen! Ich kam mit dem...« Ein kurzer Seitenblick auf den Offizier. Sie musste es wagen. Es galt: »Ich kam mit dem Gate, das Sie initiiert haben und ich glaube, eine Lösung Ihres Problems gefunden zu haben. Vertrauen Sie mir bitte! Noch einmal: Ich bin diejenige, die vor einigen Stunden mitten in Ihrer Versuchsanlage im Gate materialisierte. Ich weiß nicht, wie viel Sie davon mitbekommen haben, aber vielleicht genügt es Ihnen, um Sie zu überzeugen, dass ich gewisse Kenntnisse haben könnte, die Ihnen nützlich sein könnten.«

Gebannt starrte sie auf den Bildschirm. Tadeo an ihrer Seite rührte sich nicht. Weil er schockiert war? Es musste ihm doch jetzt sonnenklar sein, wer Cora in Wahrheit war...

Eine Hand legte sich schwer auf Coras Schulter. Es war die Hand von Lorenza.

Sie bangte und glaubte, Cora wäre mit ihrer Offenheit viel zu weit gegangen. Zu recht?

 

*

 

Der Sicherheitsabstand zur Rakete war so groß, daß sie diese kaum noch erkennen konnten. Wenn sie wirklich explodierte, waren sie nicht mehr so gefährdet.

Auf der anderen Seite mußten sie in der Nähe bleiben, denn wenn die Annahme der Blondine wirklich stimmte und sie vom Raumhafen aus geortet wurden, dann blieb die Masse des Raketenflugzeugs ein wichtiger Anhaltspunkt für den Suchtrupp.

Sie hofften nur, daß dieser nicht Besseres zu tun hatte, als sich ausgerechnet um sie zu sorgen.

Die Anzüge funktionierten einwandfrei. Sie produzierten pausenlos Wärme.

Petro Galinksi und John Millory blickten auf die Temperaturanzeige. Zur Zeit hatten sie schon eine Außentemperatur von dreißig Grad minus.

Aber als sie wenige Minuten später noch einmal darauf blickten, stellten sie fest, daß die Temperatur inzwischen wieder stieg!

John machte die anderen darauf aufmerksam.

»Das ist doch nicht möglich!« entfuhr es Ted Hardy. Aber er machte gleich darauf die gleiche Feststellung.

»Worauf ist das zurückzuführen?«

»Die hochgegangene Versuchsanlage!« vermutete Petro Galinksi. »Wir sind davon ausgegangen, daß das Geheimprojekt der Regierung für die gegenwärtigen Zustände verantwortlich zeichnet. Ein Teil der umgewandelten Energie ist wieder frei geworden. Es blieb zwar nur wenig in der Atmosphäre der Erde, aber es zeigt seine Wirkung, wie wir sehen. Außerdem führt der Ausfall der einen Einheit zu einem Abfall des Negativprozesses.&

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