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Fußball! Vorfälle von 1996 bis 2007

Jürgen Roth

Fußball!

Vorfälle von 1996 bis 2007

Mit einem Grußwort von Günther Koch und dem Hörspiel

Das langsame Erschlaffen der Kräfte von Ror Wolf und Jürgen Roth

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Jürgen Roth, geboren 1968, lebt als Schriftsteller in Frankfurt/Main und widmet sich unverdrossen dem Thema Fußball – mit Büchern, in Zeitungen, Zeitschriften und im Hörfunk, zeitweilig sogar im Fernsehen, als Tresenschwätzer in Rudi Brückners Talkshow Dropkick 06 auf Eurosport.

Im Vorfeld und während der WM 2006 hat er die Veranstaltungsreihe »Fußball-Bar« im schauspielfrankfurt kuratiert und teilweise moderiert. Ferner hat er die vier CDs umfassende Edition Ror Wolf – Gesammelte Fußballhörspiele (intermedium records/Strunz!/BR/SWR/hr2/WDR 2006) herausgegeben. Sie wurde mit dem »Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2006« sowie als »Hörbuch des Jahres 2006« ausgezeichnet.

Das gemeinsam mit Ror Wolf geschriebene Hörspiel Das langsame Erschlaffen der Kräfte (BR 2006) erscheint in diesem Buch erstmals gedruckt.

Von Jürgen Roth sind im Oktober Verlag des weiteren folgende Titel lieferbar: Die Tränen der Trainer – Wichtige Fußballbegebenheiten (2001), Die Poesie des Biers (2003) und Anschwellendes Geschwätz – Kleine Chronik des kommunikativen Krawalls (2005).

Inhalt

Grußwort – Von Günther Koch

Wie geht Doppelpaß?

Hinaufsteigen und Fallen oder: Fußball als Wirklichkeitskunst

Zwischen Hansch und Potofski

Erschlagen in Eschwege

Wontorra I

Roberts Rhönradreportagen

Mit Hammer und Stöckchen

Die drei Fragezeichen

Der Langpaß-Odysseus

Wontorra II

Und das Dorf klagte einmal mehr

Bilderkrampf

Otto, der Filmriß

Attacke auf Geistesmensch

Moral, Moneten, Menschen und Millionen

Voll in den Völler

Ballaballabierbilanz

Rückblicke auf große Radiotage

Erdrückende Kompetenzübermacht

O du, Türkei

Die Schönheit der Eigentlichkeit

In Schlagzeilengewittern

Fernsehradio

Sieben Schwedenspielgeschichten

So eigentlich nicht, Türkei!

Absolut, ja

Schweds End

Na ja, Türkei

Gegen Goethe

Freitag

Valentinwahnsinn

Verlängerungen

Nun mal gut, Türkei (Appendix)

Chapeau und not Chapeau, Türkei! (Appendix 2)

Weltschuldfrage geklärt

Effe, antreten!

Ach, der Zeiten einst gedenkend

Zigaretten, Frikadellen, Bott

Lebensabschnittsphrasen

11 Flaschen

Es ist des Leidens nun genug

Ganz große Schweine (und Säcke)

Akte Lettland

Der Taktvolle

Schlatophisch

Napoleon hielt nicht Händchen

Die Verweigerung des Taschentuches

Vorschlag

Der Rummenigge-Brunnen

Die Autonomie des Balls

Ein Sportrück- und -ausblick betr. 2005/06

Zum Lobe des Deutschen Fußball-Bundes

Einer geht noch (1) – Staatsaffäre Klinsmann

Fußball und Philosophie

Einer geht noch (2) – Ballacks Buch

Der unvollendete Haken

Einer geht noch (3) – Olli allein zu Haus’

Erledigt

Erfreut

Der fliegende Zahnarzt

Aufgeblasene Luft

Einer geht noch (4) – Weltmeister gestern und morgen

Die versteckte Zigarre

Einer geht noch (5) – WM-Nominierung

Einer geht noch (6) – VIP-WM

Vom Fettsack und der dicken Kuh

Geballter Blödsinn

Hoher Hirneinsatz bei atemberaubender Ahnungsabwesenheit

Messe der Masse

Geld schaufeln

»Ein großer Scheißhaufen«

Vorbereitung

Der Kerner der Woche (1) – Ein Bus wird kommen

»Keinerlei Tiefenerkenntnis für den Zuschauer«

Dementi

Totaltotale

Phänomen

Abendland

Besoffen

Postkarten

Hirnwechsel

Reporter

Der Kerner der Woche (2) – Auswurf im Ohr

Kopffüllung

Die Welt

Abbitte, bitte

Real egal

Dialektik

Der Kerner der Woche (3) – Worte fassen

Tränen

Könige

Erschöpft

Sehr gern

Spiritus sanctus

Alles falsch

Partybremse

Der Kerner der Woche (4) – Wurst und Membran

Acker

Großartig

Wahrheit

Michel, Koch, Kahn

Hehre Menschenhaufen

Reden

Gesten – warum und wozu?

Labilität

Trainer goes Soziologie

Doll, Daum und die Dummheit

Der Wirklichkeitsmensch und Spieler

Nicht ohne, nicht mit

Kuddelmuddel und Kokolores

Die Frankfurter Mauer

Königsblaue Jahrhunderttrottel

Bruchstücke eines Vorgangs

Das langsame Erschlaffen der Kräfte – Ein Fußball-Hörstück in 6 Kapiteln – Von Ror Wolf und Jürgen Roth

Nachweise

Grußwort

Geben wir es ruhig zu: Er macht uns alle so verrückt und gierig, daß selbst Gebildete und Fundamentalisten, die sich bereits mehrfach und oft genug von ihm abgewandt haben oder sich von ihm haben lossagen wollen, immer wieder und wohl auch zerknirscht und reumütig zugeben müssen, einfach nicht mehr von ihm loszukommen.

Von wem die Rede ist?

Na klar – von ihm:

dem

FUSSBALL!

Günther Koch

Nürnberg, den 25. Dezember 2006

Wie geht Doppelpaß?

Nachdem man die Systemtheorie erfunden hatte und die flott aufs Rad gesprungenen Adepten des durch seine in den frühen siebziger Jahren mit Prof. Habermas ausgefochtenen Duelle weit über die Grenzen Westfalens hinaus bekanntgewordenen Niklas Luhmann aber schon bald auch nichts mehr zu tun hatten, weil von der »Liebe« (Luhmann) bis zur »Aufklärung« (Luhmann) alles abgehandelt und somit guter Rat teuer war in einer der führenden Sparten der deutschen Soziologie, packte erst zögernd, im Laufe der Zeit aber immer nachdrücklicher zunächst der Spiritus rector selbst die Klärung der Frage an, wie es eigentlich um das Verhältnis von Soziologie und Fußball bestellt, genauer: wie denn nun im Grunde genommen der Fußballsport als System einzustufen sei. Luhmanns vorläufige Antwort während der WM 1990 in der FAZ: »Sein System hat keinen Zweck, aber es ist bistabil, man kann gewinnen und verlieren.«

Als der Titel schließlich eingefahren worden war, nutzte Professor Hartmut Esser (Universität Mannheim) die landesweit gelöste und dem Fußballexpertenwesen deshalb gewogene Stimmung, um sich noch einmal einläßlicher und wie ausgelassen zu fragen, was den Doppelpaß »als soziales System« auszeichne und wie er infolgedessen funktioniere.

Schon kurz darauf geschah es dann, daß sich der Professor Esser über einen im Auftrag der Zeitschrift für Soziologie (April 1991) verfaßten Aufsatz sehr nachhaltig für den »Doppelpaß als soziales System« verwendete, mit der präzisen Prämisse, daß »Doppelpässe weder sinnlos sein können, noch daß ihr Mißlingen möglich wäre«.

Voilà. Scharf auf klare und distinkte Gedanken ist zumal der gebildete Fußballfan angesichts der unvermindert »neuen Unübersichtlichkeit« (Habermas), die allenthalben den Verstand bedrückt; nach schlagenden Evidenzen verlangen desgleichen die am kaum bis zum erlösenden Ende durchdachten Dekonstruktivismus oder Neo- resp. Poststrukturalismus wie belämmert herumlaborierenden akademischen Nachwuchskräfte, und es ist leicht einzusehen: »Doppelpässe sind […] auf sich selbst bezogene und sich selbst tragende Konstruktionen.«

Was heißt das aber jetzt im näheren? Vorderhand: Kantische bzw. kantianische Erkenntnistheorie ist obsolet. Warum? Leider hilft sie »als begriffliche Anstrengung, als selbstreferentielle und selbsttragende Architektonik von Leitdifferenzen und Vergleichsmöglichkeiten« den Fußball und seinen prozessualen Kernbereich, den Doppelpaß, nicht zu durchschauen. Wer einen solchen Befund akzeptiert, findet sein Glück in der widerspruchsfreien Schönheit eines Doppelpasses. Er ist, was nie mißlingen kann. Er »ist ein Prozeß, der – über alle kooperativen und antagonistischen Episoden hinweg – eben solange prozessiert, wie er prozessiert, dieses dann aber auch tatsächlich tut«.

Gewiß, es mag ein Wagnis sein, den Doppelpaß als autopoetisches Ganzes in den Griff bekommen zu wollen. Essers »Überlegungen gehen [jedoch] davon aus, daß es Doppelpässe gibt«. Und es gibt sie wirklich. Wer wollte es bezweifeln. Esser nicht. »Damit ein Doppelpaß existieren kann, muß es ihn erst einmal geben«, und »erst ein Doppelpaß ist – ganz radikal systemtheoretisch gedacht – ein Doppelpaß«.

Mögliche Einwände dahingehend, ob Essers Ausführungen zum Doppelpaß denn in die komplette Systemtotalität des Fußballs vorstießen, wären ohne jeden Zweifel im großen und ganzen haltlos. Bombensichere Erkenntnis gewinnt, wer Ganzes und Teil in ihrer reziprok-innigen Gemeinschaftlichkeit in den Blick nimmt und dann »als prozessuale Oberfläche jener integrationistisch-holistischen Version eines Gesamt« versteht, dessen Sinn sich in der ganzheitlichen Betrachtung aller potentiellen doppelpaßspezifischen Aktionen erschließt. »Das Weltganze bzw. das Ganze der Menschheit (und im speziellen Fall: […] das eingeübte Idealbild eines überaus gelungenen Doppelpasses)« hat selbstverständlich »als Ganzes (im Akteur auf dem Rasen) noch im verunglücktesten Ansatz präsent zu sein«.

Der Doppelpaß geht nie und nimmer in die Binsen. »Sinn hat Sinn, und Doppelpaß ist Doppelpaß. Das bleibt.« Am Paradigmenwechsel vom Fußballmarxismus der siebziger Jahre zur systemtheoretischen Doppelpaßtheorie wird somit die Engstirnigkeit jeder »humanistischen Engführung des Sinnbegriffes« deutlich. Unvermeidlich mündet das »Theorem der Autokatalyse von Ordnung durch doppelte Kontingenz« im Zuge »quadrierter Kontingenz« zwischen »dem sozialen System Doppelpaß einerseits und den psychischen Systemen Burgsmüller und Bratseth […] andererseits« in das entschiedenste und abschließend »deutlich verschärfte Unmöglichkeitstheorem«, was besagt: »Doppelpässe können weder sinnlos sein, noch können sie mißlingen.«

Das nehmen wir erleichtert hin, genauso wie die Tatsache, daß »ebensowenig wie Doppelpässe […] auch systemtheoretische Analysen nicht mißlingen«, die des Professors Esser schon mal dreimal nicht.

Hinaufsteigen und Fallen oder: Fußball als Wirklichkeitskunst

Allem Anschein nach ist kein künstlerisches Genre weniger wohlgelitten als der Fußballfilm, zumindest unter seinen ersten Adressaten, den Anhängern des Spiels. »Das Verhältnis von Fußball und Film ist reichlich verkorkst«, heißt es stellvertretend in einem Beitrag der Deutschen Welle vom 17. August 2003, und der Filmhistoriker Ulrich von Berg zieht angesichts der kaum zu überschauenden Zahl von Versuchen, sich des bedeutendsten aller Sportspiele cineastisch anzunehmen, »eine imposante Schreckensbilanz«.

In Anbetracht solcher Manifestationen des Elends wie Der Theodor im Fußballtor (E. W. Emo, 1950), Libero mit Franz Beckenbauer (Wigbert Wickert, 1973), John Hustons Flucht oder Sieg aus dem Jahr 1981, einer Offenbarung der Haltlosigkeit, in der Pelé in einem Team mit Torwartmime Sylvester Stallone herumrennt, oder Wim Wenders’ – gleich der Vorlage – notorisch falsch ins Fußballfach einsortierter Handke-Verfilmung Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1971/72) sowie des soapigen Schmarrens Fußball ist unser Leben (Tomy Wigand, 1999, mit, selbstredend, Uwe Ochsenknecht) hegen auch die im engeren Sinn der Seite des Sports zugewandten Experten der Zeitschrift 11 Freunde in der Titelgeschichte der Ausgabe 8/2001 den Eindruck, »als hielten sich Fußball und Film bereits seit Jahrzehnten mit einem hundslangweiligen Catenaccio in Schach«, und gelangen zu dem Schluß, daß der Fußball – mit einigen Ausnahmen aus dem angelsächsischen Raum, wo, von The Firm und When Saturday Comes bis zu Fever Pitch oder Mike Bassett – England Manager, Fußball als Metapher des Lebens verstanden wird – mit dem Film nichts am Hut habe. Bzw. umgekehrt.

Woran mag das liegen? Wim Wenders selbst hat die prekäre Diskrepanz zwischen Fußball und Film zur Sprache gebracht. »Gegen die Dramaturgie eines Fußballspiels kann man mit den Mitteln des Films nur verlieren«, gestand er und deutete die strukturelle Inkohärenz zwischen ästhetischen Verfahren und einem sportlichen Geschehen an, dem man regelmäßig genuine ästhetische Qualitäten attestiert, ohne sie, außer in Analogie zur Sphäre der Kunstproduktion und -rezeption, schlüssig beschreiben zu können. Fußball kann »Kunst« sein, ohne daß das Spiel jemals ein – geschlossenes – Kunstwerk wäre, das etwas außerhalb seiner selbst repräsentieren würde. »Kein Drama der Welt kann so übersichtlich sein wie ein Fußballspiel«, zog Marcel Reich-Ranikki nolens volens irgendwie den richtigen Schluß aus diesem Dilemma, und der meist emsig herumanalogisierende Fußballpublizist Helmut Böttiger fragte zu Recht: »Was besagt ein Shakespearescher Theatertod gegen das entscheidende Kopfballtor in der 92. Minute?«

Filmproduktionen, die sich auf die wie immer gestalterisch prononcierte Reproduktion einer speziellen Partie oder des Fußballspiels an und für sich verlegen, scheitern zuverlässig daran, daß das Spiel beeindruckender, fesselnder, größer als das Kunstwerk ist. Der Fußball, so schlicht und durchschaubar er dünkt, entzieht sich in all seinen Dimensionen – der Strategie, der Dramaturgie, der Unwägbarkeit – der Durchdringung oder Abbildung vermöge artistischer Mittel. Weil das Spiel so einfach und zugleich inkalkulabel ist, sind die aufwendigsten filmischen Gebilde, die die Illusion der realistischen Schilderung nähren, zum Mißlingen verurteilt, selbst wenn Sönke Wortmann im späten Gefolge von Robert A. Stemmles Das große Spiel (1942, Drehbuch: Stemmle und Richard Kirn), an dessen Entstehung Sepp Herberger und Fritz Walter als Berater beteiligt waren, Spielszenen mit großem Aufwand choreographiert und nachstellt. Denn die Simplizität des Geschehens auf dem Platz koaliert stets mit einer nicht zu bändigenden Komplexität, deren erschütternde Trivialität in der Herbergerschen Weisheit ihren Ausdruck gefunden hat, die Leute gingen zum Fußball, weil sie nicht wüßten, wie es ausginge. Dieses Moment von Suspense vermag kein Kunstwerk, kein Film zu erzeugen. »Der Fußballplatz, und das Sportstadium überhaupt, stellt einen der letzten Orte dar, an dem unwiederholbare Auseinandersetzungen stattfinden«, merkte der Soziologe Gerd Hortleder vor über dreißig Jahren an, und Herbert Heinzelmann hat jüngst festgehalten: »Ein Fußballspiel dauert durchschnittlich neunzig Minuten, genau wie ein Spielfilm. Ein Fußballspiel ist allerdings in dem Moment, da es angepfiffen wird, ergebnisoffen. Der Film dagegen folgt in seiner Handlung einer abgeschlossenen Dramaturgie. Deshalb ist ein Fußballspiel einem Film selbst dann noch ›überlegen‹, wenn es langweilig ist.«

Und deshalb sind sie grosso modo, ungeachtet z. T. höchst heterogener Perspektiven auf die Sache, allesamt durch Inadäquatheit dazu verdammt zu langweilen, die filmischen Erzählungen über soziale Eigentümlichkeiten von Fangruppen (Ricky Tognazzi: Ultrà, 1990; Adolf Winkelmann: Nordkurve, 1992), die sinnfindungsprallen Kinderfilme, die Spielfilme, die an Hand des Fußballs sozio- und ethnokulturelle Themen und Probleme wälzen – wie Spiel der Götter (Khyentse Norbu, 1999) oder Kick It Like Beckham (Gurinder Chadha, 2002) oder eben, mit oberligareifen Darstellern und einer Stadionkulisse aus dem Computer, Wortmanns mythologisierend-nationalhistorischer Schmachtfetzen Das Wunder von Bern.

Dokumentarische Werke wiederum, ob aus Schweden (The Way Back – True Blue 2, Fredrik Gertten, 2002), aus Spanien (Johan Cruyff – En un momento dado, Ramón Gieling, 2004) oder aus Deutschland (Irgendwo da unten, Dirk Laabs/Julia Möhn, 2002), ziehen, gemessen an der Publikumsgunst, gegenüber den Movies noch entschiedener den kürzeren. Fußball im Film, diese Verbindung scheint somit seit 1911, als der erste Streifen seiner Art über die Leinwände flackerte, der Neunminüter Harry The Footballer (Lewin Fitzhamon), wenigstens partiell nur unter der Voraussetzung zu funktionieren, daß das eine Popphänomen auf das andere reagiert, ungeachtet der ästhetischen Einschätzung der Resultate.

In jenem Sinne antwortete Sönke Wortmann schon 1996 auf die Frage, was Fußball und Film miteinander zu tun hätten: »Ein Film sind schnelle neunzig Minuten. Das hat einmal der Hollywood-Produzent Jack Warner postuliert. Ein Fußballspiel dauert genauso lange, und irgendwie haben sich diese anderthalb Stunden für Akteure wie Publikum als die passende Länge herausgestellt.« – »Fußball ist genau wie ein Film ein Tummelplatz für Haifische«, fuhr er fort und ergänzte: »Man hat es nicht nur mit Abgezocktheiten und Egomanien zu tun, sondern auch mit Team-Spirit, Vision, Kreativität und Enthusiasmus. Beide sind Unterhaltungsmedien und Mannschaftssport.« Heißt das dann, daß, die Parallelen zwischen zwei neunzigminütigen Aufführungen ernst nehmend, Erzählzeit und erzählte Zeit, mithin die Echtzeit der neunzig Minuten eines Fußballspiels, im Film doch zur Dekkung gelangen können? Oder anders, nämlich abermals mit Sönke Wortmann gefragt: »Warum gibt es keinen vernünftigen Film über Fußball, wenn schon beide Phänomene diese Parallelen aufweisen?« Nur weil »die Schauspieler nicht gut genug Fußballspielen können oder umgekehrt«?

»Wie unüberwindbar die dichte Mauer zwischen Fußball und Kino in Deutschland ist«, urteilte 11 Freunde apodiktisch, »zeigte sich dann besonders drastisch in den siebziger Jahren. Beide erlebten damals ihre kreativste und erfolgreichste Zeit. Natürlich getrennt voneinander.« Was natürlich Unfug ist. Denn just in den Siebzigern entstehen in Deutschland Fußballfilme, die den Gefahren des Mißratens, d. h. den Fährnissen des Abbildungsrealismus und der Überfrachtung des Spiels mit Botschaften sportfremder Art, dadurch begegnen, daß sie sich radikal beschränken und nach Wegen suchen, in der verfremdenden Perspektive und in der zeitlichen Raffung Formen der Wahrnehmung oder, pathetisch formuliert, der Erkenntnis zu gewinnen, die am Spiel und seinen Protagonisten orientiert sind.

Dem Tagesspiegel gilt Hellmuth Costards Fußball wie noch nie (1970/71) als »ultimativer Fußballfilm«. Costard hatte am 12. September 1970 mit sechs Kameraleuten (die Angaben schwanken allerdings zwischen fünf und acht 16-mm-Farbfilmkameras) die Partie Manchester United gegen Coventry City begleitet und dabei den Blick ausschließlich auf George Best und dessen Bewegungsabläufe gerichtet. Gerade durch die Ausblendung all dessen, was ein Fußballmatch als Kollektivereignis auszeichnet (Zuschauerreaktionen, mannschaftliche Kooperation usf.), rückt die Anlage des Spiels gewissermaßen wissenschaftlich, analytisch in den Fokus. »Was auf den ersten Blick wie ein exzentrisches Experiment aussieht, erscheint im Verlauf des Films immer sinnvoller und plausibler«, beschreibt die Website des Goethe-Instituts die eigentümliche Leistung von Costards Zugang. »Nie sonst bekam ein Zuschauer klarer die Laufwege eines Spielers und dessen Versuche zu sehen, die Entwicklung eines Fußballspiels zu ›lesen‹. Oder zu beobachten, wie bewußt George Best seine Kräfte einteilt. Vor allem in der ersten Halbzeit wartet er mehr auf Ballkontakte, als daß er sie wirklich hätte. […] Der Fußballsport ist seither ungleich athletischer und schneller geworden; jeder Erstliga-Trainer würde heute einen Spieler mit dem Laufpensum von George Best in der Halbzeitpause auswechseln. Der Druck des unbedingten Professionalismus muß damals weniger gnadenlos gewesen sein. Also sieht man hier kaum ein wirklich bösartiges Foul, keinen Spieler, der sich theatralisch am Boden wälzen würde, um die gelbe Karte für einen Rivalen zu provozieren – und erst recht keinen Disput mit dem Schiedsrichter.« Daß die Entdramatisierung allerdings gerade bei jenen, die durch Fußball wie noch nie hätten inflammiert sein müssen, auf wenig Gegenliebe stieß, hat die Zeitschrift RUND (4/2006) durch eine schöne Anekdote illustriert: »Als die Spieler des 1. FC Köln 1971 den Film zum erstenmal sahen, verließen sie vorzeitig die Vorstellung. ›Geht das immer so weiter?‹ lautete nach der Erinnerung des Produzenten Werner Grassmann die am häufigsten gestellte Frage des Abends. ›Da half es nichts, daß feinere Getränke als Bier gereicht wurden.‹«

Ein ähnlich avanciertes, allerdings ungleich variantenreicheres Verfahren wählte Joachim Kreck, als er 1973 mit No 1, seinem Regiedebüt, eine schließlich fünf Filme umfassende, vielfach prämierte Reihe von (Kurz-)Filmen über Fußball eröffnete, die 1990 mit Der Mann an der Seitenlinie, dem »weltweit einzigen Fußballdokumentarfilm über einen Linienrichter« (Jan Tilman Schwab: Fußball im Film – Lexikon des Fußballfilms, München 2006), ihren Abschluß fand.

Ausgenommen die in Schottland unter Aspekten der Außendarstellung des Fußballs kontrovers diskutierte 47minütige Dokumentation The Big Clubs, die die religiös fundierte Rivalität zwischen Celtic Glasgow und Glasgow Rangers und den sich daraus speisenden Identifikationszwang samt Hooliganismus zum Gegenstand hat, verzichtet Kreck wie Costard auf jeden Interview-O-Ton und jeden Kommentar. Seine Montagen setzen durchweg eine Vielzahl von Close-Ups, die Schrittfolgen oder bestimmte Gesten in physischer Eindringlichkeit hervorheben, und teilweise extreme Zeitlupen ein. Die Engführung der Bildfolge und ihres Tempos mit der meist von Volker Kriegel beigesteuerten Musik generiert zudem groteske oder komische Effekte, die Kritiker wiederholt an streng stilisierte, ballettartige Abläufe erinnerten.

Krecks Beiträge zum Fußball zeugen »gleichermaßen von großem Fußballwissen und von filmtechnischem Können« (Münchner Filmmuseum). Schon No 1, am 26. Oktober 1973 auf den Sportfilmtagen in Oberhausen uraufgeführt, wurde vom Britischen Filminstitut als »einer der herausragenden Kurzfilme des Jahres« ausgezeichnet. Das rasante neuneinhalbminütige Stück (Kamera: Edward McConnell) widmet sich dem Torwart schlechthin, der Position des letzten Mannes, obschon es gleichermaßen als Hommage an Dr. Peter Kunter, den langjährigen Keeper von Eintracht Frankfurt, zu verstehen wäre.

Allein, es ist Kreck weder um die Rekonstruktion eines exemplarischen Spiels aus der Perspektive des Torwarts noch um die im Genre Fußballfilm fest beheimatete Inthronisation einer Legende zu tun. Kreck zerlegt die gegen Ende immer dynamischer komponierte, durch Volker Kriegels perkussiv akzentuierte Jazzrockarrangements (»Zoom« vom Album Spectrum) untermalte und pointierte Studie in Sequenzen, die prototypische Situationen des Berufsalltags illustrieren oder, besser, sezieren. Gleichwohl unterläßt es Kreck nicht, einen motivischen Rahmen aufzuspannen. Während Kunter zu Beginn einen unhaltbaren Treffer hinnehmen muß, endet No 1 mit einem Freeze, das den Protagonisten aus der Hintertorperspektive bei einer unerhörten Streckparade zeigt, ohne daß das Bild zu erkennen gäbe, ob sie von Erfolg gekrönt war.

Kein Bestreben nach Mythisierung, keine Gesten der Theatralität. Spektakulär sind allein die Flugeinlagen, die Zusammenstöße, die Abwehraktionen – das Hochsteigen und Zugreifen, das Fallen und Abrollen –, die in einer Art Galerie von Schnappschüssen bereits am Anfang signalisieren, daß es hier nicht um eine Narration, einen kondensierten Bildungsroman geht, sondern um eine weitenteils aus Tages- und Flutlichtspielausschnitten montierte Anordnung von körperlichen Abläufen, die sich selbst deuten. Kunter hechtet beim Training in die Weitsprunggrube, und schlägt er mal, jenseits des eigenen Übungspensums, eine Flanke, stürzt er unbeholfen. Doch als jener Figur, die auf dem Platz nicht gestaltet, aber waghalsig das Schlimmste, Gegentreffer nämlich, verhindert, wächst ihm, dem Vereinzelten, der sogar in der Kabine von den Mitspielern getrennt zu sein scheint, jene Verantwortung zu, die im heutigen Diskurs über den Stellenwert des Torwarts allgegenwärtig ist.

Der Verzicht auf einen gesprochenen Kommentar läßt die herauspräparierten Spielszenen zuweilen wie unter Glas erstarren. »Die methodische Raffung und Ballung von Aktionen, der konsequente Verzicht auf Kommentar, das alles überzeugt mich«, lobte Ror Wolf No 1, Joachim Krecks Pioniertat, die bis heute nur Insidern ein Begriff ist. Die Dialektik von Untätigkeit und Eingreifen, von angespanntem Warten und plötzlich geforderter, nicht selten gefährlicher Präsenz wurde hier erstmals adäquat filmisch konturiert, indem der Fußballsport bewußt reduktionistisch und gerade deshalb erkenntnisfördernd gänzlich auf die Rolle des letzten Mannes zugeschnitten blieb.

Selbst wenn Kunter am Spieltag auf den Rasen des Waldstadions trabt, wirkt er, in die Totale gerückt, einen kurzen Augenblick isoliert. Das Motiv der Einsamkeit, durchgeführt im Wechselspiel von Nähe und Distanz, von Close-Up und Totale, dementiert die gängigen Vorstellungen von der Notwendigkeit der harmonischen Mannschaftsfügung, von der sozialintegrativen Modellhaftigkeit des Fußballs.

»Das Individuum überschreitet sein gemeinsames Sein, um es zu verwirklichen; man ist nicht Tormann oder Läufer, wie man Lohnarbeiter ist. Die Funktion als gemeinsames Sein ist unbestimmte Bestimmung«, heißt es in einer unter sog. Fußballintellektuellen nicht ungern zitierten Passage aus Jean-Paul Sartres Kritik der dialektischen Vernunft (dt. Reinbek 1967). Und im weiteren sieht sich die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem, von Zwang und Freiheit im Konzept der geglückten Vergesellschaftung (auf dem Platz) aufgehoben: »Wenn sich die praktische Spannung lokkert, ohne daß sich die Gruppe deshalb auflöst, so begreift das gemeinsame Individuum in der organisierten Gruppe seine Funktion als seine gemeinsame Besonderheit.«

Wo Joachim Kreck ebendieses Moment der dem Fußball idealiter immanenten Vermittlung von Individuum und Sozietät wenn nicht unterläuft, so doch bezweifelt, hebt Ror Wolfs zwei Jahre später, am 6. November 1975 im ZDF urgesendeter und 54 Minuten langer Kamerafilm Keep Out die unauflösliche Devianz des einzelnen hervor, indem er über einen Ausschnitt aus der Karriere des linken Außenstürmers Thomas Rohrbach berichtet, der von 1970 bis 1975 bei Eintracht Frankfurt angestellt war.

Spielerporträt, Psychogramm, Dokumentation – das alles mag Wolfs experimentelle Exkursion ins oder durchs Leben dieses Außenseiters sein. Sie ist darüber hinaus der Versuch, mit Worten und bewegten Bildern in das Seelenleben des Fußballs einzudringen – oder die Grenzen zu erkunden, an denen ein formiertes, eingesperrtes, indes nicht gänzlich vom Betrieb unterworfenes Individuum schließlich zu zerschellen droht.

Rohrbach agiert in Keep Out auch als Schauspieler und als authentischer Erzähler in eigener Sache. »Bring mich doch endlich hier weg«, hört man den begnadeten, in seiner letzten Saison am Riederwald weitgehend zum Bankdrükker degradierten Dribbler gegen Ende resigniert aus dem Off sagen. »Es gibt nur eine Möglichkeit – verkaufen. Ich werd’ nicht mehr benötigt.« Das ist die Quintessenz eines Berufslebens. Trainer Dietrich Weise gibt »diesen Typen« – »Leuten, die aus der Eigenart nicht herauskönnen« – »kaum noch Chancen, im Leistungsfußball eine Rolle zu spielen«. Der »Anforderung von der Öffentlichkeit«, wie es einer der von Ror Wolf auch in seinen Fußballhörspielen verewigten Kiebitze ausdrückt, der Doktrin, sich innerhalb der »Mannschaft als geschlossener Einheit« zu assimilieren, hat der Pastorensohn aus Bad Hersfeld nicht Genüge geleistet.

Und trotzdem: Rohrbach beharrt noch angesichts seiner Zurückstufung darauf, »in den Kreis der gutbezahlten Spieler« aufgenommen zu werden. Wolf gesellt dieses Statement, die Linearität filmischer Erzählungen suspendierend, im Finale seines Abgesangs auf einen im Konkurrenzkampf Unterlegenen zu surreal anmutenden Bildern eines alptraumartigen Panoptikums aus Tierpräparaten. Die Ereignisse rund um Ball und Mensch kulminieren in der Erstarrung, der Ausweglosigkeit. »Ich hab’ mich draußen gefühlt.«

In selten offener Weise hat sich Ror Wolf zu den Intentionen geäußert, die er mit Keep Out zu verfolgen gedachte. »Daß der Fußball gegenwärtig einer der wichtigsten Bereiche der Unterhaltungsindustrie ist, muß kaum mehr diskutiert werden«, merkte er an. »Ein paar Funktionäre, die in ihren Festreden diese Monumentalshow noch immer in die Weihezone eines keuschen Idealismus hineinreden wollen, stören da nicht. Auch sie wissen, was gespielt wird. Der Interessenzuwachs aus Gruppen, die vorher im weitesten Sinn sportuninteressiert waren, ist unverkennbar. Er hat sich vor allem durchs Fernsehen ergeben. Die Ballstars sind erst Stars geworden durch das Fernsehen, durch ihre genormten Auftritte, durch die gebügelten Worte […]. Der Film beginnt dort, wo die unter Zeitdruck entstandenen Spielberichte aufhören […]. Das zentrale Thema des Films ist nicht etwa der Alltag eines Fußballspielers, sondern die gesellschaftlich-soziologische Situation eines Außenseiters. Es geht darum, das Verhältnis eines Menschen zu einer Gruppe zu analysieren, von der er in jeder Beziehung abhängig ist, doch deren Gesetzen und Regeln er sich nicht anpassen will.«

Für sein zweites Fußballbuch, Die heiße Luft der Spiele (Frankfurt/Main 1980), hat der Mehrfachverwerter Wolf aus den mit der Nr. 11 geführten Interviews den Prosatext »Rohrbachs Geschichte« destilliert, ja einen monologischen Block gefertigt, der gegenüber der filmischen Montage der Brechung durch andere Stimmen und damit der kaleidoskopartigen Auffächerung entbehrt. In Keep Out werden die Konflikte zwischen Spieler, Mannschaft, Trainer und Publikum deutlicher betont. Zwar gilt Rohrbachs repetitiver Klagerede – »Also, ich fühl’ mich beschissen und allein«, »Ich leide unter dem Druck«, »Es gibt Samstage, da kotzt es mich total an«, »Das ist ein sehr harter Kampf, da ist man einsam«, »Diese Gemeinschaftsfahrten waren schlimm« – Wolfs ungeteilte Sympathie, und bisweilen wirkt Rohrbach, »satt vom Rollenspiel«, in seiner tiefen Kümmernis wie ein Bruder des von Wolf verehrten legendären Kornettisten Bix Beiderbecke; doch die Konfrontation von Subjektivität oder Innenwelt und Außenwelt oder Fremdwahrnehmung nimmt breiteren Raum ein. Der Rentner Heinz, dem man etwa in den Hörspielen Heinz, wie ist deine Ansicht? und Expertengespräche wiederbegegnen wird, bringt diesen Zustand der perspektivisch zersplitterten, kakophonischen Wahrheitsartikulationen aus dem Off unwillentlich prägnant zum Ausdruck: »Ich steh’ uff dem Standpunkt, er is’, wollemal sagn, man meint grad, er wär’ wetterbedingt.«

Rebell und Reservist – die Collage Keep Out wird dem Wetterwendigen, Windigen ihres Objekts auch formal gerecht, indem Wolf Bild- und Tonspur asynchron anlegt. »So jagen sich pausenlos Jump-Cuts auf Bild- und Tonspur«, erläutert Jan Tilman Schwab, »fragmentarisierte Ausschnitte aus Fußballspielen und Trainingseinheiten wechseln mit sich überschlagenden Wort- oder Satzfetzen aus Interviews und Radioübertragungen, die mitunter auch stehendes Bild und Zeitlupenaufnahmen begleiten.« Allerdings werden die assoziativ oszillierenden Bild-Ton-Kompositionen durch diverse (Spiel-)Szenen kommentiert, die allzu plakativ sinnbildlich und symbolisch aufgeladen Interpretationen präjudizieren – etwa wenn Rohrbach im Paternoster abwärts und sein Nachfolger aufwärts fährt oder eine zum Abbruch freigegebene Villa unter dumpfen Schlägen zu zerfallen beginnt. Die einen gemahnte das an Buñuel, andere, wie beispielsweise der ZEIT-Kritiker Momos (i. e. Walter Jens), bemängelten die »Happening-Beliebigkeit« derartiger manieristischer »Mätzchen« aus einer »Kitsch- und Traum- und Fluchtwelt«.

Vollends überzeugend bleibt dessenungeachtet die Exposition von Keep Out. Die Kamera linst von schräg unten durch ein marodes Glasdach, das sich in den Himmel schiebt. Dazu rezitiert eine Off-Stimme »Hinaufsteigen« aus Punkt ist Punkt – Fußball-Spiele (Frankfurt/Main 1971), eine schwingend lakonische gleichwie euphorische Meditation – »plötzlich über der Erde flach traumhaft fliegen, der Wind ist verstummt, plötzlich das Blei aus den Beinen schütteln und prachtvoll über den Flügel kommen, dem Schatten entwischen, unheimlich schnell heranbrausen […], ganz allein eine Zeit in der Luft liegen, eiskalt ohne Sorgen hinaufsteigen« –, an die sich, nachdem ein herunterfallender Ball das Glas durchschlagen hat, langsame Close-Up-Schwenks über leere, bemooste Tribünen anschließen. Nun, im Sog der Erdenschwere, ist der Fußball nur mehr Zeichen von Morbidität und Verlassenheit, eiskalt, mit Sorgen, Inbegriff zerstäubter und verschütteter Träume.

In Rohrbachs Geschichte wird gesoffen, da wird um Verträge gefeilscht, da wird ausgeteilt und eingesteckt, da herrscht der Schrecken der Tristesse, der Demütigung und der Ignoranz. In Joachim Krecks No 1 gleicht Rohrbachs Mannschaftskamerad Kunter trotz der durch Abgeschiedenheit geprägten Stimmung dagegen eher jenem souveränen »Dr. Kunter, de[m] Herr[n] der Lage«, den Ror Wolf in seiner Prosacollage »Alles auf einen Blick« (und in etlichen seiner Hörspiele) auftreten läßt. Beide Figuren indes verbindet – Kunter als den scheinbar Unangefochtenen, Rohrbach als den schicksalhaft in die Verhältnisse Verstrickten – in der filmischen Inszenierung die Entfernung vom Sartreschen Ideal des nicht-entfremdeten Gruppenhandelns. »Was ist denn eigentlich mit der Mannschaft los?« fragt Rohrbach. »Wenn eben plötzlich die Gruppe einen nicht will, der gut spielt? Und weil einer hintenrum andauernd arbeitet. – Sie kriegen den Platz am Fenster, und einer kriegt ihn nicht.«

In »Rohrbachs Geschichte«, der Prosafassung, bekundet Thomas Rohrbach seinen Respekt vor Helmut Rahn: »Er war der erste, der aus dem Rahmen brach. Er machte Geschichten. Er fuhr besoffen Auto, er hatte ’ne Schlägerei, er saß mal im Knast; das war’n alles Sachen, die mir gefielen. […] Die andern war’n alle irgendwie niedergemacht.« In Keep Out wird die verzweifelte Anstrengung ausgeleuchtet, Herr seiner selbst und zugleich Teil eines Teams zu sein. Deshalb korrespondiert mit der Ehrbezeugung vor dem autonomen, unerschütterbar eigensinnigen »Boß« schließlich ein zentraler Satz: »Ich kann die ganzen Gesichter oft nicht mehr seh’n.«

Joachim Kreck und Ror Wolf haben im toten Winkel der Filmindustrie mit filmischen Mitteln auf das geblickt, was der tägliche Fußballfilm verdeckt oder absichtsvoll zum Verschwinden bringt – das, was den Fußball ausmacht, in seiner Schönheit wie in seiner Schäbigkeit. Sie haben der Illusion mißtraut, das »Total-Theater Fußball« (Wolf) in seiner vorgetäuschten organischen Gesamtheit abbilden oder darstellen zu können.

Nur in der Collage, in der Dekonstruktion und partiellen Rekonstruktion, nur im montierten Fußballfilmbild erhält sich eine Ahnung davon, welchen Sitz der Fußball als Kunst, zumeist jedoch als Kampf und Krampf in der Wirklichkeit hat. Kaum anzunehmen obendrein, daß in einer zeitgenössischen Kinoproduktion ein Satz wie jener von Thomas Rohrbach fiele: »Dieser Scheißberuf. Guck dir die Idioten an.«

Zwischen Hansch und Potofski

Man schreibt ein Buch. Man schreibt es nicht mal. Man gibt’s heraus. Man ist in der Talkshow. Und dann in noch einer.

Der Fußballmedialbagage und ihren Darbietungen widmeten sich zwei Titel, für die ich als Co-Herausgeber bzw. Co-Autor geradestand und -stehe, Wieder keine Anspielstation und So werde ich Heribert Faßbender, und sofern die Hauptvertreter des Fernsehunheils verstanden, daß die Autoren für Besinnung und Zurückhaltung plädiert hatten, machten sie freilich weiter, als sei nichts gewesen.

Genaugenommen war ja auch nichts gewesen, denn die an Wahn grenzende Annahme, es ließe sich irgend Einfluß nehmen aufs laufende Geschäft, gereicht der Polemik selten zum Vorteil. Irgendwann kommt dessenungeachtet jedoch die Zeit, da man endlich dabeisein darf. Sie bietet unsereinem eine Chance, wie sie das Leben selten bereithält: Buch hochstemmen, Buchtitel ausplaudern, den Spottpreis nennen und mit Verkaufszahlen prahlen.

Im März 1996 ruft das DSF zum sonntäglichen Journalistenfrühschoppen, zu Doppelpaß, dem Warsteiner-Fußballstammtisch. Ehre und Ruhm vor Augen, fliege ich hin und treffe auf einen attackierlustigen, schelmischen Werner Hansch, der mich u. a. des Jungzynikertums bezichtigt und behauptet, ich sei ein »Lümmel«. Was man sich nicht alles sagen lassen muß! Doch der Mann hat recht und soll von Kollege Holzschuh (kicker-Chefredaktion) nochmals recht bekommen und Flankenschutz erhalten.

Doppelpaß reicht bisweilen ans Parodistische heran, liegt seltsam quer zur allgemeinen aufgescheuchten Talkperformance und bietet wenig Raum für bedingungsloses Krakeelen und Greinen. Moderator Rudolph Brückner verhält sich freundlich, nimmt insonderheit die Fraktion der Großsprecher zuweilen nicht allzu ernst, gaukelt weder Einfühlungsvermögen noch gieriges Interesse vor und gibt zu erkennen, daß Fußball wohl schwerlich zu den fünf beachtlichsten Weltgeschehnissen zählt. Werner Hansch, durch ran als Vielschwatz zu zweifelhaftem Ansehen gelangt, tritt nach der Show respektvoll und liebenswürdig in Erscheinung und stellt unter Beweis, daß zuhören kann, wer auf einen Artgenossen trifft. Ähnliches gilt für Jörg Dahlmann.

Warum man allerdings just auf der Talkshowtribüne die journalistische Verwertung des Fußballs meint verhandeln zu müssen, bleibt rätselhaft. Möglicherweise sind Spartenkanäle, denen die Segnungen der Erstrechte verwehrt bleiben, gezwungen, sich als Medien zu präsentieren, die die Reflexion dulden oder – kultivieren. Gegen ein solches Kalkül aber spricht die Hegemonie der symbolischen Vermittlungen, die unter dem Begriff »Diskussionskultur« zusammengefaßt sind. Während ran keine Skrupel vor dem hemmungslosen Starsystem mehr kennt und die eigenen Moderatoren unablässig ins Rampenlicht rückt, dominieren auch andernorts Gekäse und Gekrähe, zumal in Häusern des Springer-Kirch-Agglomerats, etwa im DSF.

*

Ulrich Meyer von Sat.1 hat die Hinterlist und die Raunzsucht im deutschen Fernsehen salonfähig gemacht. Wie er bereits hinreichend eingeschüchterten oder hinlänglich aufgepeitschten Gästen zusetzte, als gelte es, die Abschaffung standrechtlicher Erschießungen medial zu kompensieren, bleibt bis heute unübertroffen. Der Heiße Stuhl, wahrscheinlich lediglich vorläufiger Höhepunkt des dauerhaft zu etablierenden Formats der combat talk show, mußte scheitern, um aufzuerstehen – dort, wo die Schlafmützigkeit augenscheinlich ihren angestammten Ort hat, im DSF, bei Offensiv! Streit live.

Kein Fernsehkritiker dürfe seine Gegner jemals kennenlernen, befiehlt ein ungeschriebenes Gesetz. Trotzdem ging ich auch da hin. Mitnichten würden jedoch einige zentrale Thesen aus Wieder keine Anspielstation diskutiert, hieß es während einer offenbar unentbehrlichen strategischen Vorbesprechung, hier solle, au contraire, dazwischengefunkt und möglichst spektakulär der Widerpart in die Zange genommen und sowieso Stammtischniveau erreicht werden, denn das Motto der Sendung vom 21. Mai 1996 lautete ja zweifelsfrei: »Stoppt die Schönfärberei!«, eine These, der ich zustimmte und die ich zu vertreten gedachte. War ich eigentlich noch zu retten?

Daß in Offensiv! Streit live ein Wort das nächste gibt, hätte ich dann schließlich genauso wissen können. Einer tritt, siehe Der Heiße Stuhl, gegen viere an, einer war ich. Der ehemalige Wrestling-Hallenshouter Oliver Dütschke briefte mich vor dem Startschuß, als gehe es um Leben und Tod, der Rest spielte sich ab, wie es die Gepflogenheiten des rasanten Talks verlangen. Einen Dummkopf rufe man den, der hinterher Klage führt.

Wenigstens opponierten mir zwei Fernsehprofis, die nicht die verlogensten sind: neuerlich Jörg Dahlmann und Ulli Potofski. Sie gaben weder die »Anwälte des Zuschauers«, noch fuhren sie mir, dem die Rolle des einsamen Krakeelers und Arschgesichts zukam, übertrieben forsch an den Karren. Ich teilte freilich ganz gut aus. Allerdings reichen immer zwei, um einem das Leben in der Talkshow zu versauen. Läßt man sich von Jörg Dahlmann die eigenen Redebeiträge durchaus als »hochgradigen Schwachsinn« einstufen und Ulli Potofskis Plädoyers für einen »menschlichen Umgang« mit Beckmann und Wontorra friedfertig passieren, so kläfften DSF-Programmdirektor Kai Blasberg und die kokette Elisabeth Volkmann, bis Verzweiflung zu obsiegen schien. »Sie haben noch nichts Substantielles gesagt«, urteilte Herr Blasberg nach acht Minuten, Frau Volkmann ergänzte: »Konstruktive Kritik bitte, Herr Roth! Das ist ja wie bei der SPD, die kritisiert auch immer, hat aber keine Alternativvorschläge.« Denn höre, Herr Blasberg wußte dito dies: »Das ist ja in der deutschen Linken wohl gang und gäbe – immer alles miesmachen wollen!« Da waren sie eins, da waren sie Bruder und Schwester.

Wie bei der SPD fühlte ich mich mittlerweile tatsächlich, nur: Was hatte ich eigentlich gesagt? Daß Fußball im ran-Format nicht mehr genießbar, daß die Kommentatorenkunst auf den Hund … – »Der Professor Adorno in Frankfurt«, fiel mir ein, »hat immer …«, doch Blasberg war erneut schneller und hielt einem, den er, verstünde es sein taubes Publikumsvolk, am liebsten Wiesengrund rufen würde, posthum zugute: »Ja, ja, der mußte kommen, der mußte kommen.«

Irgendwann blökte ich, schändlich der Stallorder gehorchend, identisch retour, bloß der unerwartet fair und mit Fingerspitzengefühl für heikle Gesprächsmomente agierende Moderator Kai Stecker konnte mich vor rabiat unbedachten Äußerungen bewahren. Schließlich sprang mir der TED bei, weshalb, das weiß der Kuckuck. Mit glatter Zweidrittelmehrheit siegte ich bundesweit und bis nach Österreich hinein. »Der Fußball leidet unter der Show«, und ich belobigte mich insgeheim, den Höllenkreis, der Talkshow heißt, glimpflich durchschritten zu haben.

Gelegenheit fand ich, während die Diskursschlacht tobte, immerhin, darüber zu sinnieren, wieso meine Kontrahenten an pfeilförmigen Tischen aufgereiht worden waren, ich aber hinter einem runden Pult stand.

Man fragt sich so was. Und übrigens: Das Catering ist nicht übel.

Erschlagen in Eschwege

Wenn ich mich nicht täusche, sind dieser Tage auf bundesdeutschen Straßen mehr Engländer denn je unterwegs. Sie begegnen mir dutzend-, beinahe hundertfach, ob in Krefeld oder in Frankfurt am Main. Nur in Eschwege nicht, wohin es die Herren Gsella, Schiffner, Sonneborn und mich verschlug, um während des Open-Flair-Festivals die EM-Begegnung Rußland – Deutschland vor einem erlesenen, satiregeschulten Publikum live zu kommentieren und simultan zu deuten.

Wir hatten uns durch nächtelanges Studium einschlägiger Gazetten die erforderlichen Hintergrundinformationen (Sexaffären, Harnsäurewerte) beschafft, eine feine Dialogregie entworfen und gewagte Witzstafetten geprobt. Z. B. wollten wir die russischen Spieler mit Namen wie Oblomow, Gontscharow, Majakowski und Müller belegen, und vor dem Spiel fiel mir noch ein, daß der Ball durch den berühmten russischen Kreisel »wie am Kanonenschnürchen« rolle, während Herr Sonneborn die schlechte deutsche Bilanz gegen Rußland dahingehend zu erklären gedachte, daß Stalingrad doppelt gezählt werde.

Alles schien sehr schön ausgedacht, die Crew schien bester Laune zu sein. Teilweise magenverstimmt (Gsella, ich) enterten wir um fünf vor vier die Bühne des mit dreihundert Mann vollbesetzten Bierzeltes, manch ein versonnen schmunzelnder Hippie und friedvolle Menschen ließen die Innentemperatur auf 53 Grad Celsius ansteigen. Jubel brach aus, als Schiffner zum ersten-, zum zweitenmal den linken Läufer Ziege »Pickel-Ziege« nannte. Und als Herr Gsella über Pickel-Zieges platzende Ekzeme zu dozieren begann, erklangen starke Gunstbezeugungen: »Werdet ihr dafür bezahlt?« – »Wir wollen Rubenbauer!«

Es waren keine Engländer und keine Russen, diese Menschen, die da saßen und Fußball sehen wollten, ab Minute fünfzehn aber nicht mehr uns. Nach einer halben Stunde bemängelte man, daß Gsella und ich während der lang und länger werdenden Sprechpausen rauchten, ich vernahm sogar einen Ausdruck (»Arschlöcher«), obschon wir konsequent die Russen lobten (»Trotzki, Stalin, prima gemacht!«) und das deutsche Team in schärfster Satirikermanier miesmachten (»Pickel-Ziege verzogen«).

Ob wir zur zweiten Halbzeit überhaupt wieder raus sollten, fragten wir uns im Backstagebereich, Gsella aber stapfte tapfer voran und brillierte mit liebevollen Scherzen über nicht vorgesehene Igel auf dem Spielfeld, die in Arztkoffern verstaut würden. Das gutgelaunte Publikum jaulte und sang: »Maul halten!« Zehn Minuten vor Schluß sagten wir: »Wir halten jetzt mal das Maul.« Beifallssturm.

Nach dem Abpfiff analysierten wir unsere rasante Performance bei Bier und Schnittchen, da stürmte der besoffene Quetschgitarrist einer Eschweger Provinzkapelle (Die Beds oder Die Bads) die Backstagezone, griff in eine auf dem Tisch stehende Obstschale und bewarf uns mit frischen Früchten. Seine Bierflasche sollte Sonneborn erschießen, wurde von ihm jedoch mit dem linken Hoden pariert. Schiffner erlitt mehrere Kiwitreffer, voll ins hämisch grinsende Satirikergesicht, und unter schmählichen Reden zog der schweinisch schnaubende Dorfgitarrero Gsella und mir Bananen über den Scheitel, sprang schließlich Sonneborn an und würgte ihn. Gott sei Dank hatte wenigstens Klinsmann zweimal getroffen, so war der Mensch allein.

Der Himmel schickte einen Securityschrank. Er packte den Stier am Strunznacken und warf ihn hochkant vors Zelt. Wenige Augenblicke später, die »Szene« beruhigte sich leicht, merkte ich gerade noch rechtzeitig, wie ein Dolch häßlich ratschend durch die ledrige Plane stieß und schon an meinem Rücken spitzelte.

Bevor wir alle hinterrücks niedergestreckt werden sollten, eskortierte uns die Wachmannschaft zum Pkw. Mit qualmenden Reifen fegten wir über das steinige Festivalgelände und entkamen in die Innenstadt.

Beim Milchkaffee schüttelten wir uns den Schmutz, den Haß und das Gespött aus den lädierten Knochen. Gsellas Resümee: »Ich war selbst überrascht über meine gute Leistung.«

Sicher, wir hatten eine Menge »Staub« aufgewirbelt. Trotzdem frage ich Sie: Hat das noch was mit Sport zu tun?

Wontorra I

»Deutsche«, zitierte die BamS vom 25. Juli 1997 Jörg »Wonti« Wontorra, »Deutsche« seien – trotz neunationaler Spaß- und Comedy-Culture – »viel zu ernst«. Und, ergänzte der ran-Kamerad auf den Gesellschaftsseiten, die einen Simulationsjournalisten frühester Stunde beim Biß in Evas Paradiesapfel zeigten, den ihm seine Gattin Ariane zwischen die Hauer geklemmt hatte: Man »trifft immer häufiger auf Leute, die gestreßt sind und alles viel zu ernst nehmen«.

Fürwahr: Weil die Vielzuvielen viel zu scharf auf zahllose hochdotierte Jobs sind, macht sich blanker Neid breit, wohin man tritt, und »alles wird« dann obendrein »durch Regeln festgelegt«. 1999, so der BamS-Aufmacher, werde deshalb nach Th. Gottschalk und B. Becker mit Wontorra »wieder ein Prominenter Deutschland den Rücken« kehren, ein Aderlaß ohnegleichen bahne sich an, ein rasender Exodus der besten Köpfe des Landes.

Wontorras Entschluß sitzt fest im Sattel. So möge ihm die Villa »Casa Mucki« zu jenem »Paradies« werden, das schon heute mit »Hanglage«, »Pool« und »eigenem Tennisplatz«, dem »sonnigen Süden«, einem Sack voll »Palmen« und der »deutschen Schule in Marbella« aufwartet. Schließlich inkorporiert der im Wonti-Diminutiv bestens getroffene »clevere Wontorra« (»spekuliert auch an der Börse«) jenen Kretinismus aufs prägnanteste, der »im Alter« die Form der Landsitzweisheit annimmt.

Mutmaßlich dieser mittlerweile grenzenlosen Unzurechnungsfähigkeit wegen mußte Wontorra, über den Umweg ARD/Radio Bremen/Schwimmreportagen (»Flieg, Albatros, flieg!«) zum Oberschwallkopf der Sportkommentatorenzunft gereift, am 28. Juni 1997, als der Bundesligafußball seinen turnusmäßigen Sommerschlaf hielt, auch noch durch die landeskundliche Quiz- und Quasselshow Sommer, Sonne, Sat.1 führen und die nicht minder unangebrachte Schlagerschabracke Vicky Leandros vor südländisch stimmungsvoller Hafenkulisse zu ihren »Lieblingsplätzen auf Kreta« befragen. Denn wenn zwei grienende Showgrößen aus der vierten Reihe jemals füreinander bestimmt waren, dann waren sie’s hier, wo jeder Sinn längst das Weite gesucht hatte.

Was man dem urdeutschen, ernsten Sinn wirklich hoch anrechnete.

Roberts Rhönradreportagen

Wir wollen nicht angeben – aber die im März 1997 erschienene CD Wir rufen Günther Koch! – Ausgewählte Radioreportagen wurde top besprochen und stark gelobt; da ließen sich weder Print- noch sonstige Medien lumpen. Zwar hatte schon am 20. Januar 1994 die Nürnberger Abendzeitung Günther Koch einen »Star-Reporter« genannt und spätestens heuer festgelegt, »der inzwischen zur Kultfigur aufgestiegene Nürnberger Rundfunkreporter« (13. Februar 1998) sei eine Instanz; doch das Feiern kannte ohnehin keine Grenzen. Auf Zeitungsdienste verzichten wir diesmal. SDR 1 (Wir über uns, 13. April 1997) goutierte »erlebte Sprachspiele« und »Sportgeschichte auf CD«, Stuttgarts Privatradios urteilten: »Dann wird eben aus der Bogenkopflampe ein Klassiker – unvergeßlich!« 3sat (Kulturzeit, 4. August 1997) genoß »Formulierungen wie Markenzeichen«, B 2 (Kultur aktuell, 5. Mai 1997) entschied: »Günther Koch läßt keinen Fußballfan kalt.« Dieter Eckstein (B 1, 15. März 1997) bestätigte: »Es gibt so viele schlechte Reporter. Und ein guter dagegen – das ist halt zu wenig.« Wenn schließlich Friedrich Küppersbusch auf dem Beichtstuhl in Willemsens Woche im Brunzton der Überzeugung zum besten gibt, dem »Robert Koch vom BR« reiche sowieso niemand das Wasser, dann kann das nur stimmen; dann darf item Reini Beckmann via seine unverändert gelungene Spitzenshow ran kundtun, Ewald Lienens live dargebotene Kommentarübung sei »ja allerbeste Hörfunkreportage, fast wie seinerzeit aus dem Frankenstadion der Robert Koch«.

Warum aber, Ruhm hin oder her, gleich noch eine ganze Platte mit nix als Robert Koch und Robert-Koch-Reportagen? Na, warum denn nicht; a) bin ich als Herausgeber der ganzen Angelegenheit durchaus geldgierig, ja spitz auf weitere Tantiemen in schwindelerregender Höhe, b) kann ein bißchen Zusatzkohle nie schaden, und c) muß halt sein, was sein muß; d) des Schotters und e) folgender »inhaltlicher Gründe« (O. Tolmein) wg.:

Das schnellste Tor der Bundesligageschichte will festgehalten, neuere Club-Höhepunkte, vornehmlich der Franken Abschied aus dem Regionalligasumpf, müssen für die Ewigkeit konserviert werden, die Bayern-Fans mögen sich an der vierzehnten Deutschen Meisterschaft erfreuen, unzählige geratene und schöne, komische und kriminell spannende Koch-Beiträge harrten ihrer Zugänglichkeit über die Tagesaktualität hinaus. Der brave MSV Duisburg soll eine gewichtige Rolle spielen und Effenbergs Tor, das Koch ankündigte, woraufhin der famose Hessische Rundfunk, mein Sender vor Ort, kurzerhand die bestellte Einblendung verließ. Und als 52,7 Prozent der Hörer von Kochs Hausprogramm, dem B-1-Format Heute im Stadion, Roberts Schilderung des Klinsmann-Anschlußtreffers gegen die Sechziger zum »Radiotor des Jahres 1997« wählten, war die Sache klar.

Außerdem, und da rundet und krümmt sich nun das Projekt Wir hören Günther Koch! gleichsam relativitätstheoretisch wie -praktisch in sich selbst zurück, ruft Wir hören Günther Koch! keinesfalls ausschließlich den Reporter und neuerdings Popstar Robert Koch, sondern wartet zudem, quasi i. S. der Idee des »Bonus-Tracks« (K. Walter), mit gewissermaßen unterhaltungsindustriellen Neuerungen auf, insofern wir uns entschlossen, auch dem Nachwuchs der Gesellschaft was Tanzbares anzubieten, sprich Musik zu integrieren. Und brandneue, ja verteufelt frische, speziell für diesen Tonträger rasch zusammengedengelte zumal.

»Ein Mann, ein Schuß, ein Tor – Der inoffizielle Song zur Fußball-WM ’98« ist unter keinen Umständen lediglich der inoffizielle Song zur Fußball-WM 1998, sondern wahrscheinlich ein geheimtipmäßiger Chartbreaker der dröhnendsten Sorte. Um ihn, den Smash-Hit, nicht allein in der Gegend herumstehen zu lassen und die kompositorische, die stilistische Balance zu wahren, findet sich mit dem Ska-Evergreen »G. Koch« von den Hinks ein zweites Stück ein. Gerne wiederveröffentlicht hätten wir weitere Paradebeispiele aus dem Genre des Fußballiedgutes avec Robert Koch, berückend fatale Moments musicaux wie Peter Fabian und die Treuen: »Wir fahren zum Club« (Musik: Dill/Tillis, dt. Text: Fabian; Arena Sound 1987), die nie auf Platte gebannte, Harold Faltermeyers »Axel F.« nachstellende Sampling-Rap-Dance-Produktion »Papa Tooor!« (Berlin 1988) oder den Frankengassenhauer »Nürnberg grüßt Europa« der Conny Wagner Show Band (MAXX Tonträger; enthält den schon sehr ausdauernden »Long version disco mix«), eine rare Weise, die die Weather Girls und die Schwedencombo Europe ingeniös miteinander vermalmt und den Hauch des Zeppelinfeldes atmet. Allein, der Platz reichte erneut nicht. Die Wissenschaft wird später nachsetzen, Klaus Walter verborgene Hipness und andere Trashkomponenten explorieren müssen.

Am dollsten aber rockt eh Robert Koch pur. Auf vielfachen Wunsch haben wir keine Mühe gescheut, sogar das Nicht-Fußballerische breit zu berücksichtigen; also einerseits die technische Seite jeder Fußballradioreportage zu dokumentieren und Exempel für Schneidekommandos und Atmosphärisches einzustreuen (am 21. Februar 1998, kurz nach Redaktionsschluß, verstarb 75jährig Fritz Hausmann, der Gründer und langjährige Leiter von Heute im Stadion, seine Moderationen erinnern an bessere Zeiten); andererseits hören wir hier erstmals auch den Rhönradreporter Robert Koch, den Kanukommentator und den Schachschlawiner, der keine Konfrontation scheuen muß mit Samuel Becketts als herausragende Leistung des Sprachschaffens sanktionierter Schachreportage: »Bald verging eine ganze Pause, ohne daß irgendein Positionswechsel eintrat, bald war das ganze Brett in Aufruhr und glich einem Gewoge von Zügen.« (Murphy, Reinbek 1987) Vergleichen Sie nur selbst!

Kaum zu ignorieren wäre und ist Robert Kochs Dernydiskurs. Größeren Raum nimmt, vom Dernysport abgesehen, der Derbygedanke ein. Nicht bloß das traditionelle Münchner Kräftemessen wird sorgfältig aufgearbeitet, überdies das wohl noch brisantere Nürnberg-Fürther Nachbarschaftsduell sieht sich gewürdigt. Im übrigen schafft Bayerns unvergessene Pokalschlappe gegen Vestenbergsgreuth zwischen München und Mittelfranken stringente Querverbindungen; so daß, den Interdependenzansatz zuspitzend, zuletzt die exquisiten, oft meisterschaftsentscheidenden Maispiele der Bayern (gegen Sechzig und den VfB) die Brücken schlagen zu Wir rufen Günther Koch!, wie es eleganter nicht ginge. Wobei wir, um den Braten vollends abzuschmecken, obendrein die spektakuläre Klinsmann-Getränkedose angesprochen hören.

Allerdings fehlen abermals gewichtige Ereignisse und Reportagen, die es beinahe auf Wir hören Günther Koch! geschafft hatten und aus Platzgründen im allerletzten Moment abschmierten: Handballeuropapokalendspiele z. B., die Deutschen Schülermeisterschaften im Feldfaustball (SV Hof 1911 – TuS Rot-Weiß Koblenz), ein Livebericht vom Torwarttraining der Club-Amateure (vom 6. August 1980), Ringen selbstredend, Rallyesport, Eisschnellauf, Fechten, Biathlon und die eigentlich unverzichtbare Auseinandersetzung zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem FSV Frankfurt.

Wer weiß, wer weiß, was fürderhin uns und Ihnen, geneigte Hörer, noch blüht. »Prellball?« fragte SDR 3 (Leute, 24. April 1997). »Schwierig«, so Robert »Günther« Koch.

Mit Hammer und Stöckchen

Madrid, Stadion Bernabéu, 1. April 1998, ein Tor bricht zusammen.

90.000 Zuschauer warten gespannt auf den Anpfiff des Champions-League-Halbfinalhinspiels zwischen Real und Borussia Dortmund. Doch das Tor wackelt, sinkt, stürzt.

4 blaugewandete, 3 graubraune Herren eilen herzu und ein metallicblauer Herr. Reporter Reif redet. Schon steht es wieder, indes auf wacklig’ Beinen nur.

Ein Schwenk, ein Rund. Unerhörte Stille, 21 Uhr, eine Viertelstunde nach vorgesehenem Spielbeginn. Im kurzen, satten Grase liegt er majestätisch unbeeindruckt, der Hammer, der helfende, »du Instrument / des Aufbaus / und des Abbaus« (F. W. Bernstein), der Hammer, du häßlich’ und auch hoffnungsspendend stählern’ Ding, du rabiater und ruhender Knecht der Verantwortlichennatur.

Schlaff und stumm hängt das Netz, Kanthölzer versprechen Rettung als an Bruchstellen eingeführte Notstandbeine, matt das Netz gesunken zu etwas abendfeuchtem Boden, reifbestreutem Rasen hinab.

»Jetzt das Ganze noch ins Lot gebracht!« frohlockt M. Reif, nein, das sieht man, das geht ja nicht! Abbruch droht wie weiland (3. April 1971) nach Herbert Laumens Borussentorbeschädigung gegen die Werderaner, nein, der Anpfiff schon dräut vereitelt zu werden durch den Fall des Tores.

»Das sah wie eine relativ saubere Schnittstelle aus. Könnte es theoretisch auch Sabotage gewesen sein?«

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