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Für jeden ein Stück Blei (Die großen Western von Heinz Squarra, #16)

Für jeden ein Stück Blei

Die großen Western von Heinz Squarra, Volume 16

Heinz Squarra

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Für jeden ein Stück Blei | von Heinz Squarra | Western

Klappentext:

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Klappentext:

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Clint Heath ist Kutscher bei der Wells Fargo. Diesmal scheint sein Auftrag recht leicht zu sein. Doch dieser Schein trügt, denn in Lead bekommt er eine Fracht, die es in sich hat, und sein Leben sowie das einiger anderer Leute von Grund auf ändern wird. Hier fängt sein Job an, richtig gefährlich zu werden – lebensgefährlich, denn eine Bande von Dieben und Verbrechern, denen man nachsagt, dass sie keine Gnade kennen und alles niederschießen, was ihnen in die Quere kommt, treibt in der Gegend ihr Unwesen und hat es auf seine Fracht abgesehen, doch sie sind nicht die Einzigen, von denen Gefahr ausgeht.

Und somit beginnt in Lead sein Weg durch die Hölle, an deren Ende der sichere Tod – vielleicht aber auch der Hauch eine Chance auf Leben steht, fragt sich nur für wen ...

***

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SOUTH DAKOTA 1877.

Die Postkutsche kommt auf der Höhe des Hügels zum Stehen. Clint Heath stellt den Fuß auf den langen Holzhebel der Bremse und die angespannte Haltung der Pferde an der Deichsel lockert sich.

Gunman Randy Power klemmt seine Winchester zwischen die Beine. Er faltet die Hände über den Lauf und legt das Kinn darauf.

Fast am Ende der langen Talsenke können sie die Stadt sehen. Dahinter hört das Büffelgras auf. Steil, grau und unnahbar steigen die Berge dort in die Höhe. Es sieht fast so aus, als sei Lead an die Black Hills angelehnt worden. „Ein selten schönes Land“, sagte der Gunman versonnen, ohne den Fahrer anzusehen.

„Ich glaube, die Sioux wussten gar nicht, wie schön es in ihrer letzten freien Heimat ist. Nun gehört uns das Land, Clint.“ Er dreht den Kopf zur Seite und lächelt den großen, drahtigen Mann an.

„Schön und gefährlich“, sagt Clint gedehnt. „Mein Vorgänger auf dieser Linie starb in den Stiefeln.“ Er schnalzt mit der Zunge und nimmt den Fuß vom Bremshebel.

„Was heißt gefährlich“, brummt er. „Westlich des Mississippi ist es überall gefährlich. Aber wir haben keine Werte an Bord. Uns wird nichts geschehen. – Ich frage mich, ob sich die Fahrt wegen der zwei Säcke Briefe überhaupt lohnt.“

„Wir wissen noch nicht, was es in Lead gibt“, erwidert Clint. „Ich hörte von Deadwood, dass hier auch nach Gold gegraben wird.“

„Es ist kaum der Rede wert. Ein Geldmann aus dem Osten hat eine Minengesellschaft gegründet. Er hat alles in seiner Hand; den Creek, der aus den Bergen kommt und alles rundum. Nur dort kann Gold sein, denn alles, was man hier findet, wurde im Laufe der Jahrtausende aus den Bergen heruntergespült.“

Der Gunman spuckt nachdrücklich zur Seite und blickt dann wieder auf die Stadt, die langsam näher kommt.

*

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RUS HALE IST EIN GROßER, kraftvoller Bursche mit einem breiten, satten Gesicht. Er hat kalte, stechende Augen und buschige Brauen, die über der Nasenwurzel zusammengewachsen sind.

Rus Hale nimmt das Teleskopfernrohr vom Auge und schiebt es mit einer knappen Bewegung zusammen. Er reicht es über die Schulter, Tom Fuller nimmt es ihm ab und schiebt es in die Satteltasche.

„Und?“, fragte er.

„Es stimmt“, murrte er. „Der Kutscher ist ein neuer Mann. Er mag ungefähr dreißig Jahre alt sein. An ihm ist nichts Außergewöhnliches. Die Information war gut. Ich schätze, wir haben mit ihm keine Schwierigkeiten.“

„Und sonst?“, forscht Fuller.

„Was sonst? – Der Gunman ist uns bekannt. Einmal hatte er Glück. Diesmal wird er Pech haben, hoffe ich. Reisende sind nicht in der Kutsche.“

„In Lead könnten welche dazukommen“, gibt Fuller zu bedenken.

„Yeah, könnten, Tom. – Hoffentlich solche, die ein paar Bucks mitbringen. – Du reitest jetzt nach Lead und lässt dir die Anzahlung geben. Sage ihm, dass er nicht den Versuch unternehmen soll, uns zu prellen. Wir würden ihn überall finden.“

„All right“, sagt Fuller und grinst in den Augenwinkeln. „Ich denke aber, er wird das wissen.“ Fuller steigt in den Sattel. Die Zügel des zweiten Pferdes lässt er zur Erde gleiten. Er schnalzt mit der Zunge und reitet davon.

Rus Hale greift nach den Zügeln seines Pintos. Er blickt dem Reiter nach, bis der im Büffelgras verschwindet. Da steigt er selbst auf und reitet nach Westen, den Bergen entgegen.

*

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DIE KUTSCHE KOMMT VOR der Poststation inmitten einer Staubwolke zum Stehen.

Clint Heath schlingt die Zügel um den Peitschenhalter und klettert vom Bock. Er sieht einen mittelgroßen, grauhaarigen Mann, der aus dem Postoffice kommt. Der Mann mag etwa fünfzig Jahre alt sein. Er zeigt ein mürrisches Gesicht und der hängende Schnauzbart scheint seine schlechte Laune unterstreichen zu wollen.

„Das ist James Zattig“, sagt der Gunman zu Clint. „Der Posthalter dieser Stadt. Für ihn ist die Entlassungsbescheinigung, die dir der Boss in Fort Sully gab.“

Clint nickt und geht auf den Mann zu, der langsam und steif die Stufen vom Stepwalk herunterkommt.

„Sie sind ein Neuer“, knurrt Zattig. Er gibt Clint seine schmale Hand und zieht sie schnell zurück. „Haben Sie meinen Entlassungsschein bei sich?“ Der Blick des Mannes gleitet von Clint ab und irrt durch die Türfenster in die Kutsche hinein.

„Ich habe ihn mit“, sagt Clint und bringt das Papier aus der Tasche.

Zattig hat die Brauen gehoben.

„Wirklich? – Ich kann meinen Nachfolger nicht sehen.“

„Er kommt in zwei Tagen. Er war mit seinen Vorbereitungen nicht fertiggeworden.“

„Aha.“ Zattigs Gesicht scheint sich etwas aufzuhellen, nimmt aber nach wenigen Sekunden wieder den mürrischen Ausdruck an.

„Kommen Sie mit herein“, brummt er. „Ich will Ihnen zeigen, was Sie morgen mitzunehmen haben. Sie müssen im Morgengrauen weiter, um die nächste Station bei Tageslicht zu erreichen. Ich will Ihnen das nicht alles in der Nacht vordemonstrieren.“ Er wendet sich ab und steigt die Stufen zum Stepwalk wieder hinauf.

In der Station ist es angenehm kühl. Es ist ein langer, niedriger Raum. Fast in der Mitte steht eine lange Theke, die den Raum in zwei Teile zerschneidet. Ganz hinten in der Ecke kann Clint einen Tresor sehen.

Zattig geht um die Theke herum. Auf der anderen Seite bleibt er stehen und räuspert sich. Seine Miene nimmt einen streng dienstlichen Ausdruck an. Er zeigt auf einen Sack, der prall gefüllt ist.

„Briefe für Fort Robinson“, sagt er. Er dreht sich um und zeigt auf den Tresor. „Geld für Cheyenne. Vierzigtausend Dollar.“

Clint fühlt, wie etwas seinen Rücken hinunterrinnt. Er weiß, dass erst in diesem Moment sein Job beginnt gefährlich zu werden.

„Das Geld gehört der Minengesellschaft“, redet der Posthalter weiter. „Es lag hier in der Stadt in der Bank. Überschüsse und umgetauschtes Gold. Es soll zur Verwaltung der Mine nach Omaha. In Cheyenne nimmt Ihnen die Union Pazifik die Verantwortung ab. Bis dahin müssen Sie die Ohren steifhalten, junger Freund.“ Der Posthalter grinst plötzlich ein wenig. „Sie wissen sicher, wo Ihr Vorgänger geblieben ist, wie?“

„Man sagte mir, in den Black Hills“, erwidert Clint belegt.

„Ganz richtig“, nickt Zattig. „Er hat dort ein einsames Grab. Die Black Hills sind ein Gebiet, in dem sich kein Mensch auskennt, obwohl wir gewissermaßen die ersten Berge vor der Haustür haben. Ich will Ihnen keine Angst machen. Aber Sie sollten vorsichtig sein. Wenn Sie ohne das Geld aus den Bergen kommen, wissen Sie sicher, was man Ihnen sagen wird. Man wird Sie für unfähig erklären. So muss das wohl auch sein.“

„Ich weiß. Was geht sonst noch mit?“

„Nur ein Passagier. Miss Stella Lou. Auch für sie sind Sie verantwortlich. – Wollen Sie das Geld zählen?“

Clint nickt.

„Ich will“, sagt er.

Der Posthalter wendet sich um und geht steifbeinig auf den Tresor zu. Er bringt einen Schlüssel aus der Tasche und schiebt ihn ins Schloss. Knirschend dreht er sich. Der Posthaller bewegt das Handrad. Die Tür schwingt auf.

Zattig schleppt eine Kiste zur Theke und stellt sie darauf. Mit einem zweiten Schlüssel öffnet er das mächtige Vorhängeschloss und klappt den Deckel auf. In dem Stahlblechkasten sieht Clint Heath die Scheine liegen. Sie liegen in sauberen Bündeln.

Zattig leckt seine Finger mit der Zunge an und greift in den Kasten.

*

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SIE HABEN DAS GELD gezählt. Clint stellt fest, dass es auf den Dollar stimmt. Er geht nun um die Theke herum und hilft dem Posthalter, den Kasten im Tresor zu verstauen.

Zattig legt auch den Schlüssel für das Vorhängeschloss mit in den Panzerschrank. Er schließt ab und geht zurück.

Clint folgt ihm.

„Eine Bande hat sich einen besonders gefürchteten Namen gemacht“, sagt der Posthalter. „Ein gewisser Rus Hale soll sie anführen. Aber es ist anzunehmen, dass der Bursche von dem Geld nichts weiß. Vielleicht sind Sie gut beraten, wenn Sie die Ladung etwas tarnen. Die Banditen halten Postkutschen auch auf Verdacht an. – Und noch etwas, schießen Sie nicht gleich, wenn Sie irgendwo einen Hut auftauchen sehen. Meistens ist es so, dass einige der Banditen gut versteckt liegen und jede Minute schießen können – ins Leben! Das wäre dann alles.“

Clint setzt seinen Namen unter die Quittung. Er wendet sich ab, als die Tür aufgeht.

Herein kommt ein schlankes Mädchen mit grünlichen Augen, einem schmalen Gesicht und rötlichen Haaren. Sie trägt ein einfaches Kattunkleid und Clint findet, dass es ihr sehr gut steht.

„Hey“, sagt das Mädchen und lächelt Clint zu. „Wie ich sehe, sind Sie der neue Fahrer, Mister ...“

„Clint Heath“, sagt er etwas unsicher. „Gut, Mister Heath. Ich bin Stella Lou. Ich will morgen mit Ihnen nach Süden fahren.“

Clint nickte. Er fragt sich, ob ihm dieser Fahrgast angenehm sein würde.

„Es sind auch vierzigtausend Dollar dabei“, meint er. „Vielleicht sollten Sie auf die nächste Kutsche warten.“ „Warum?“

„Weil viel Geld immer ein gefährlicher Reisebegleiter ist. Sie wollen doch heil in Cheyenne ankommen?“

„Natürlich. Aber ich habe auch fünftausend Dollar bei mir.“ Sie dreht sich Zattig zu. „Ich will sie als Transportgut aufgeben.“

„Sie sind verrückt, Stella“, knurrte er. „Die Wells Fargo ist ein Transportunternehmen, aber kein Risikoabnehmer. Ich habe keine Befugnisse, die Haftung für Ihr Geld zu übernehmen. Sie hätten nicht so viel Reklame machen sollen, als Sie den Store verkauften.“

„Es ging nicht anders. Ich brauchte einen Käufer. Schön, ich bringe mein Geld sicherlich auch selbst durch.“

Sie wendet sich wieder an Clint und lächelt ihm zu. „Sie helfen mir doch dabei?“

„Ich werde es jedenfalls versuchen“, gibt er zurück.

„Das ist schon etwas“, meint sie und geht hinaus.

Clint nickt und steigt die Stufen hinunter. Er wendet sich dem Saloon schräg gegenüber zu.

Er will gerade die Stufen hinauf, als ein Mann rückwärts durch die Schwingtür kommt, die Stufen verpasst und gegen seine Brust schwebt.

„Ich würde mich entschuldigen, Strenger“, sagt Clint leise.

Der Mann, offenbar ein Cowboy, zieht die Mundwinkel nach unten.

„Entschuldigen?“, schnappt er. „Warum? Ich wurde durch die Tür gestoßen.“ „Trotzdem. Hier oben soll es Männer geben, die bei solchen Gelegenheiten zum Colt greifen.“

„Greif zum Colt“, zischt der Mann und grinst von einem Ohr bis zum anderen. Er duckt sich wie ein Tiger vor dem Sprung zusammen. „Na los, Junge, dann greif zum Colt!“

Ein paar Männer sind stehen geblieben. Sie wenden sich der Fahrbahn zu, schieben die Hände in die Taschen oder verschränken sie vor der Brust. Sie scheinen jetzt auf ein Schauspiel zu warten.

„Na, was ist nun?“, schnappt der Mann auf der Fahrbahn. „Eben sprachst du noch wie ein Mann!“ Er duckt sich noch mehr zusammen. „Zieh!“, schreit er. „He, Leute, dieser Bursche hat mich beleidigt! Und jetzt ist er zu feige, nach seinem Eisen zu greifen. Ho, er scheint es nur zur Zierde mit sich zu schleppen.“ Clint bemerkt plötzlich, dass der Mann stocknüchtern ist. Es ist ihm, als schlage in seinem Kopf eine Alarmglocke an. Warum benahm sich der Mann wie ein Betrunkener?

Was soll das alles? Welches Spiel will man hier mit ihm treiben – hier, wo er niemals im Leben gewesen ist?

Der Cowboy zeigt nun seine Zähne und macht einen Schritt vorwärts.

„Zieh, du Halunke!“, keift er. „Los! Ein Mann hier oben greift nicht nur zum Colt. No, er lässt sich aber auch nicht beleidigen. Hast du Angst?“

Clint sagt immer noch nichts. Er fragt sich, wie er sich aus dieser Affäre ziehen kann, die ihm wie ein abgekartetes Spiel vorkommt. Und er fragt sich weiter, wo der Marshal dieser Stadt sein mag, der den Streit schlichten könnte.

„Ich zähle bis drei“, sagte er. „Dann geht es los. Das ist deine letzte Chance.“ Clint sieht die kalte Entschlossenheit des Mannes. Plötzlich weiß er, dass er es nicht mit einem Cowboy zu tun hat. Er ist einer, der für viel Geld seinen Colt vermietet. Überall auf seinen rauen Wegen lernte er solche Männer kennen. Und mancher kam nicht mehr dazu, enttäuscht oder ernüchtert zu sein.

„Eins“, zählt Bender salbungsvoll. Er grinst nun wieder und nimmt den Kopf gerade nach oben und reckt ihn dann vor wie ein zustoßender Geier seinen Schnabel.

„Zwei!“

Ein paar Männer an den Straßenrändern murren.

„Hör auf mit dem Quatsch!“, ruft Clint laut.

„Drei!“ schnappt Bender. Seine Hand springt auf den Kolben, und aus seinen Augen schießt ein heller Blitz.

Er sieht, wie der Colt aus dem Holster Benders fährt. Er spürt selbst den kalten Griff seines 45ers zwischen den Fingern. Er schwingt ihn hoch, ohne es eigentlich zu wollen oder zu merken. Und auch seine Linke geht wie von selbst los und wischt über den Hammer.

Grollend rollt das Echo des Schusses durch die Stadt. Clint sieht die erstaunten Augen Benders, der wie von einer Riesenfaust zurückgestoßen wird. Er tritt in eine Fahrrinne und schlägt um. Clint weiß, dass er nicht wieder aufstehen wird.

„Alle Teufel“, sagt Zattig neben Clint und reibt über seinen Schnauzbart. „Weißt du, dass Bender ein gefürchteter Coltmann ist?“

„War“, verbesserte Clint. „Er ist schon tot.“ Er blickt zu den Männern, die wie erstarrt unter den weit vordringenden Dächern stehen und plötzlich alle auf einmal losrennen und einen dichten Ring um den Mann am Boden bilden.

„Er erschoss jeden“, sagt Zattig, „wenn es nur ordentlich bezahlt wurde. Du musst hier Feinde haben, Heath.“

Clint bemerkt gar nicht, wie sich die Anrede des Posthalters gewandelt hat. Er blickt ihn an und nickt.

„Es scheint so“, gibt er zu. „Und doch war ich nie in dieser Stadt. Vielleicht wurde ich mit einem anderen verwechselt.“

Zattig grinst geringschätzig.

„So etwas gibt es nicht“, sagt er gedehnt. „Er hatte es auf dich abgesehen. Du musst hier einen Feind haben. Er hat Bender bezahlt.“

Clint sieht den Marshal plötzlich auftauchen. Es ist ein großer, schmaler Mann, der mindestens fünfundfünfzig Jahre alt sein muss.

„Das ist Milton Bissell“, sagt der Posthalter. „Er wird dir keine Schwierigkeiten machen. Schließlich sah jeder hier, dass du dich nur verteidigt hast. Verdammt, ich habe jetzt auch einen Whisky nötig. Wollen wir reingehen?“ Clint nickt. Er fühlt die knochige Hand des Posthalters an seinem Unterarm, die ihn nach links zieht. Er steigt wie im Unterbewusstsein die Stufen zum Stepwalk hinauf und spürt den Geruch von Essen, Rauch, Schnaps und Schweiß in der Nase. Um ihn ist das Stimmengemurmel erregter Männer. Er fühlt sich an die Theke geschleppt und spürt das dickwandige Glas in den Fingern.

„Cheerio“, sagt Zattig neben ihm. Sein Gesicht scheint zu verschwimmen. „Du hast verdammtes Glück gehabt, Boy! – Ho, und wie schnell du bist. Cheerio!“ Clint nickt und trinkt. Er schmeckt den scharfen Schnaps auf der Zunge, der wie zögernd und widerstrebend durch die Kehle rinnt.

„Noch zwei Whisky!“, hört er Zattig rufen.

Irgendwer nimmt das Glas aus seiner Hand und gibt ihm ein volles.

„Ich will Soda“, sagt er.

Wasser schießt in sein Glas. Er trinkt. Plötzlich steht Marshal Milton Bissell neben ihm.

„Er hatte einhundert Dollar in der Tasche“, sagt der Mann mit dem Stern auf der Brust. „Ich weiß, dass er gestern keinen Cent mehr besaß. Hören Sie, Fahrer, wer könnte so scharf auf Sie sein?“ „Ich weiß nicht“, dehnt Clint. „Ich habe, keine Feinde. Vielleicht will jemand das Geld haben, das morgen nach Süden geht. Und vielleicht wollte dieser Jemand, schon jetzt die Zahl der Bewacher reduzieren. Oder gibt es in Lead einen Mann, der die Postkutsche fahren würde?“

Der Marshal und der Posthalter wechseln einen Blick. Zattig zuckt die Schultern.

„Kaum“, wirft er hin. „Vermutlich müsste der Gunman allein fahren. In seinem Vertrag steht, dass er notfalls dazu verpflichtet ist.“

„Ich wüsste in Lead auch niemanden, der es wagt, mit vierzigtausend Bucks durch die Black Hills und die Bad Lands zu fahren. Im Übrigen ist es Wahnsinn. Auch die Wells Fargo ist wahnsinnig!“

„Die Wells Fargo ist ein Transportunternehmen“, grollt der Posthalter. „Sie ist verpflichtet, ihre Kutschen zu bestimmten Zeiten auf bestimmten Strecken fahren zu lassen. Geschieht das nicht mehr, ist die Existenz der Gesellschaft infrage gestellt.“

Zattig schiebt sich an dem Marshal vorbei und verlässt den Saloon.

„Sie wissen, dass er nach Deadwood will, um Gold zu graben?“, wendet sich Clint an den Marshal.

Milton Bissell nickt.

„Er will es schon lange“, meint er. „Ich sagte ihm schon, dass er ein Narr sei. Es ist wohl jedes Mannes eigene Sache, was er mit seiner Zeit und seinem Leben anfängt.“

Milton Bissell schiebt sich durch die Menge zur Tür. Sein Hut verschwindet.

Clint wendet sich um und trinkt noch einen Whisky. Dann geht er ebenfalls.

Gunman Randy Power steht im Hof der Poststation, als Clint Heath das Anwesen betritt. Sie gehen zusammen zum Brunnen und setzen sich auf den gemauerten Rand. Power gähnt. Er wurde aus dem Schlaf gerissen.

„Die Banditen in den Bergen wissen, um was es geht“, sagt Randy überzeugt. „Ich habe ein Gefühl dafür. – Oder kann es sein, dass ein wütender Mann deinen Spuren folgte?“

Clint rollte sich eine Zigarette und hält Randy den Beutel hin.

„Es ist unmöglich“, sagt er rau. „Wieso?“

„Ich bin weit geritten, Randy. Ich war zwei Monate fast Tag für Tag im Sattel, dann kam ich nach Deadwood. Von dort aus ritt ich ohne Verzögerung nach Fort Sully weiter. Einen Tag später saß ich schon neben dir auf dem Bock.“

„Du meinst, weil du weit und schnell geritten bist“, gibt Randy Power zurück. „Aber wenn man einen schlimmen Feind hat, so kann auch dieser schnell und lange reiten.“

„Kann sein. Aber ich hatte keine Feinde – keine lebenden.“

„Was hast du eigentlich gemacht? Und wo kommst du her, Partner?“

„Es ist unwichtig“, wirft er hin. „Ich hatte keine Feinde.“

„Man sagte mir vorhin, in Lead wäre niemals ein Mann gewesen, der sein Eisen schneller als Bender zog“, redet der Gunman weiter. „Du weißt, was das bedeutet?“

„Ich tat es nur, weil er mich dazu zwang. Es war Notwehr.“

In diesem Moment kommt der Posthalter aus dem hinteren Eingang der Station.

„Ein Mann aus der Stadt will gesehen haben, dass Bender von einem kleinen drahtigen Kerl Geld bekam“, meint er. „Kennst du einen kleinen, drahtigen Mann, der ein schmales, verschlagenes Gesicht haben soll, Heath?“

„Nein. Vielleicht gibt es in den Black Hills einen solchen Mann, und vielleicht lernen wir ihn noch kennen.“ Clint steht auf und gähnt. „Ich gehe schlafen, Gents.“

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ZATTIG STELLT DEN KASTEN auf die Theke, reibt sich über die Augen und über den Schnauzbart und blickt Clint an.

„Hier ist der Schlüssel“, murrt er und hält Heath die offene Hand hin. „Sie müssen sich jetzt beeilen. Und Sie müssen den ganzen Tag stramm fahren.“

Clint wirft einen Blick über die Schulter. Er sieht durch das Fenster Stella Lou, die eben in die Kutsche klettert. Dann erblickt er den Gunman, der seine Winchester nachsieht und schließlich auf den Bock steigt.

„Na los“, knurrt der Posthalter.

Clint nimmt den Kasten unter den Arm und geht hinaus. Er schüttelt über Zattig den Kopf, der du und Sie scheinbar nicht auseinanderhalten kann.

Randy beugt sich vom Bock herunter und nimmt den Kasten entgegen.

„Vielleicht sollten wir ihn verstecken“, meint Clint.

„Wenn du wirklich keinen Feind hast, der auf deiner Spur ritt, wird es unnötig sein. Es war dann ein Bandit, der wollte, dass nur ich in die Berge komme. Er wird wissen, warum er das wollte. Deshalb können wir uns die Mühe sparen.“

Clint nickt. Er ist selbst dieser Meinung, denn er ist von dem, was er gestern sagte, überzeugt. Er tritt an den Schlag der Kutsche und blickt das Mädchen an. Es sitzt auf der hinteren Bank. Sie sieht frisch und ausgeschlafen aus, „Morning, Madam“, sagt er und lächelt flüchtig.

„Morgen, Mr. Heath.“ Ihr Gesicht scheint nicht zu wissen, ob es ernst sein soll oder lächeln. „Man sagte mir, Sie seien sehr flink mit dem Colt.“

Er nickt.

„Yeah, ich hörte es.“

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